Ein Apostroph am Satzanfang; wie geht’s weiter?

Am Satzfang schreibt man groß. Das ist eine  Rechtschreibregel, die recht einfach zu handhaben ist. Aber selbst diese Regel hat so ihre kleinen Tücken:

Frage

Wie verfahre ich hinsichtlich der Groß- oder Kleinschreibung, wenn ich einen Satz mit einem Zitat mit verkürztem Wort beginne? Zum Beispiel:

„’ne üble Sache ist das.“ oder
„’Ne üble Sache ist das.“

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Antwort ist ganz einfach (auch wenn ich  zugeben muss, dass ich nachsehen musste, um sicher zu sein): Nach einem Apostroph am Satzanfang wird kleingeschrieben. Schöne Beispiele sind Anfänge von Volksliedern und Gedichten:

’s ist alles dunkel, ’s ist alles trübe,
Ja weil mein Schatz ein’n anderen liebet.
[Volkslied]

’s gibt eine Sage, dass wenn plötzlich matt
Unheimlich Schaudern einen übergleite,
Dass dann ob seiner künft’gen Grabesstatt
Der Todesengel schreite.
[Annette von Droste-Hülshoff]

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
[Nikolaus Lenau]

Und was für hehres Dichtgut gilt, gilt auch für die Wiedergabe von umgangssprachlicher Rede:

„’ne üble Sache ist das“, seufzte er.
’s ist jammerschade um ihn. ’s Herz bricht mir fast.

Siehe Paragraph 54.6 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort steht weiter, dass auch die Auslassungspunkte und Zahlen als Satzanfang gelten:

 … denn sie wissen nicht, was sie tun [Filmtitel]
36 lange Stunden mussten sie auf den nächsten Flug warten.

Nicht jeder Satz beginnt also mit einem Großbuchstaben. Nicht einmal so viel Gewissheit gibt es!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Den Umgang mit Marken- und Produktnamen mit kleinem Anfangsbuchstaben behandelt dieser Blogeintrag.

 

Makrogesteuert, kundenorientiert, sauerstoffarm

Frage

Meine Suche nach der korrekten Rechtschreibung für „makrogesteuert“ ergab keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Ich habe die oben stehende Schreibweise als die richtige angenommen, analog zu zum Beispiel „computerbasiert“. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

das Wort makrogesteuert gehört zu einer Gruppe von Wörtern, die man sehr häufig falsch geschrieben antrifft: Verbindungen von einem Nomen und einem Adjektiv oder adjektivischen Partizip. Sie werden nämlich zusammengeschrieben, wenn das erste Element für einen Wortgruppe steht (Regel).

Ihre Annahme ist also richtig. Mit makrogesteuert ist gemeint durch Makros/ein Makro gesteuert. Hier steht makro-  somit nicht nur für sich allein, sondern für durch Makros oder durch ein Makro. Entsprechend wird zusammengeschrieben:

eine makrogesteuerte Anwendung
Die Datenausgabe ist makrogesteuert.

Nicht richtig also die relativ häufig anzutreffende Getrenntschreibung:

*eine Makro gesteuerte Anwendung
*Die Datenausgabe ist Makro gesteuert.

Weitere Beispiele:

ein abbruchreifes Haus (reif für den Abbruch)
die amerikafreundliche Politik (Amerika freundlich gesinnt)
die comuptergesteuerte Anlage (durch [einen] Computer gesteuert)
die kundenorientierte Beratung (an den Kunden orientiert)
eine sauerstoffarme Umgebung (arm an Sauerstoff)
systembedingte Schwierigkeiten (durch das System bedingt)

All diese Begriffe trifft man häufig in der getrennt geschriebenen Form an, die nach den Rechtschreibregeln nicht korrekt ist.

Dann noch ein Zusatz für den Fall, dass Sie den „verdeutlichenden“ Bindestrich mögen: Er ist hier meiner Meinung nach zwar meistens nicht notwendig, aber man kann ihn benutzen. Achten Sie dann aber darauf, dass ein Substantiv in einer Verbindung mit Bindestrich großgeschrieben werden sollte (Regel). Also zum Beispiel:

eine Makro-gesteuerte Anwendung (nicht: *eine makro-gesteuerte A.)
die Kunden-orientierte Beratung (nicht: *die kunden-orientierte B.)
eine Sauerstoff-arme Umgebung (nicht: *eine sauerstoff-arme U.)

Mir gefallen allerdings die zusammengeschriebenen Formen einfach besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Ergänzungsstrich am Wortanfang

Vielschreibern und -schreiberinnen ist er vertraut, doch andere kann er unter anderem „dank“ der Korrekturprogramme manchmal verunsichern: der Ergänzungsstrich am Wortanfang.

Frage

Prozessentwicklung und -optimierung oder
Prozessentwicklung und Optimierung

Welches ist bei solch einer Wortkopplung die richtige Schreibweise? Wenn ich alles richtig verstanden habe, ist die zweite Schreibweise korrekt. Bin mir aber unsicher

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

wenn Sie die Wortgruppe

Prozessentwicklung und Prozessoptimierung

in verkürzter Form aufschreiben wollen, ist die erste Variante korrekt:

Prozessentwicklung und -optimierung

Der wegfallende Wortteil wird durch einen Ergänzungsstrich ersetzt. Der verbleibende Wortteil wird gleich wie im unverkürzten Wort geschrieben:

[Prozess]optimierung → -optimierung

Ebenso zum Beispiel:

Autoverkauf und -vermietung
Programmentwicklung und -wartung
auf der Wiese herumrennen und -hüpfen
bergauf und -ab

und sogar:

Warenein- und -ausgang

Weitere Beispiele finden Sie hier.

Es ist also keine höhere Wissenschaft. Verwirrend kann hier allerdings sein, dass viele Korrekturprogramme insbesondere Substantive mit Ergänzungsstrich am Wortanfang nicht als richtig erkennen. Sie unterstreichen sie zu Unrecht als falsch und geben die Schreibung ohne Ergänzungsstrich als Verbesserungsvorschlag an: Prozessentwicklung und Optimierung. Diese Schreibung ist zwar auch richtig, sie bedeutet aber nicht dasselbe. Hier werden die Prozessentwicklung und allgemein die Optimierung aufgezählt, also nicht die Prozessentwicklung und die Prozessoptimierung. Wieder einmal zeigt sich, dass man sich nicht vollständig auf Korrekturprogramme verlassen darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In kariert, in Kariert oder einach kariert

Wieder einmal eine ganz einfache Frage zur Rechtschreibung, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt:

Frage

Werden folgende Farbbezeichnungen groß- oder kleingeschrieben?

– Die Sofadecke gibt es in Kariert, in Gestreift und in Gemustert.
– Die Sofadecke gibt es in kariert, in gestreift und in gemustert.

kariert gestreift gemustert

Antwort

Guten Tag H.,

auf die Gefahr hin, kleinkariert zu wirken [Verzeihung, ich konnte es einfach nicht lassen], zuerst diese Bemerkung: Das in sollten Sie weglassen:

Die Sofadecke gibt es kariert, gestreift und gemustert.

Das in wird üblicherweise bei Farbbezeichnungen verwendet. Die Adjektive (oder adjektivisch verwendeten Partizipien) kariert, gestreift und gemustert sind keine Farbbezeichnungen. Endungslose Farbadjektive werden häufiger als Substantive verwendet:

ein schönes Blau
dieses Gelb
in einem knalligen Rot
in Grün

Das gilt nicht für die folgenden Adjektive. Es heißt normalerweise nicht:

*ein schönes Kariert
*dieses Gestreift
*in einem bunten Gemustert

(Ich weiß nicht, ob solche Wendungen in der Mode- und Designerbranche vorkommen – diese Bemerkung zeigt, dass ich es mir vorstellen könnte –, aber sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch.)

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Sie korrekt in gemustert oder in Gemustert schreiben müssen, weil die Formulierung meiner Meinung nach eigentlich nicht richtig ist. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind und Sie trotzdem in verwenden wollen oder müssen, würde ich für die Kleinschreibung in kariert, in gestreift, in gemustert plädieren. Die Begründung für die Großschreibung von zum Beispiel in Rot und auf Deutsch ist die amtlichen Regelung § 58 E2:

»Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, werden nach § 57(1) auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden«

Wie oben gesagt, ist es nicht gebräuchlich, die Adjektive kariert, gestreift und gemustert als Substantivierungen zu verwenden. Sie fallen also nicht unter diese Regel und werden nicht großgeschrieben. Sie sind eher Verbindungen wie gegen bar, von fern oder von privat, die gemäß § 58.3.1 kleingeschrieben werden (vgl. hier). 

Man kann allerdings auch argumentieren, dass die Adjektive in Ihrem Beispiel (ausnahmsweise) wie Farbbezeichnungen verwendet werden und deshalb analog großgeschrieben werden sollten. Auch wenn ich die Kleinschreibung aus den genannten Gründen vorziehe, halte ich diese Argumentation nicht für grundsätzlich falsch.

Eine eindeutige Antwort – außer dass Sie hier in besser weglassen – kann ich Ihnen also nicht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dunkle Materie und Dunkelmaterie

Frage

In Physikerkreisen gibt es die Auffassung, es sei besser von „Dunkelmaterie“ zu reden als von „Dunkler Materie“. „Dunkle Materie“ sei im Grunde eine Art ungeschickte Übersetzung von englisch „dark matter“, auf Deutsch müsse nämlich in solchen festen Konstruktionen das Adjektiv mit dem Bezugswort kombiniert werden, siehe „Dunkelwolke“ oder „Dunkelkammer“. Nun heißt es aber auch „Weißer Zwerg“, „Roter Riese“ und „helle Sauce“. Gibt es einen Bedeutungsunterschied zwischen beiden Formen, der erklären würde, wann die Regel (so sie denn existiert) zur Anwendung kommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es gibt keine Regel, nach der entschieden werden kann, ob es dunkle Materie oder Dunkelmaterie heißen muss. Das Einzige, was mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass es sich bei Zusammensetzungen von einem Adjektiv und einem Nomen meist um einen festen Begriff handelt. Ein paar Beispiele:

Altbundeskanzler
Dunkelkammer
Fertigprodukt
Gebrauchtwagen
Hochbahn
Normalbenzin

Das Umgekehrte gilt aber nicht: Aus einem Adjektiv und einem Nomen bestehende feste Begriffe müssen nicht als Komposita zusammengeschrieben werden. Einige Beispiele haben Sie selbst schon aufgezählt, andere sind:

der graue Star
das schwarze Schaf,
der goldene Schnitt
Rote Beete
die schwache Deklination
die doppelte Buchführung
die eustachische Röhre
das sekundäre Bewusstsein
das schwarze Loch

Manchmal sind ohne wesentliche Bedeutungsunterschiede beide Formulierungen üblich:

ein direkter Flug –  ein Direktflug
feste Kosten  – Festkosten
der hohe Adel – der Hochadel
die Kommunalwahlen – die kommunalen Wahlen

Der  Ausdruck dunkle Materie ist auch keine grundsätzlich falsche oder „ungeschickte“ Übersetzung aus dem Englischen. Englische Adjektiv-Nomen-Verbindungen können im Prinzip immer auf zwei Arten ins Deutsche übertragen werden. Im Englischen werden Wortgruppen und Komposita, die sich aus einem Adjektiv und einem Nomen zusammensetzen, in der Regel gleich geschrieben: Man schreibt getrennt und das Adjektiv ist zwangsläufig ungebeugt:

Wortgruppe: direkter Flug = direct flight
Kompositum: Direktflug = direct flight

Anhand der Form der englischen Bezeichnung lässt sich also nicht entscheiden, ob im Deutschen eine Wortgruppe oder ein Kompositum vorliegt.

Entscheidend ist also keine grammatische oder orthografische Regel, sondern der Gebrauch. Das englische dark matter wird im Deutschen allgemein als dunkle Materie bezeichnet (fachsprachlich oft auch Dunkle Materie geschrieben, siehe hier). Da dies, wie gesagt, gegen keine Regel verstößt, gibt es keinen zwingenden Grund, dunkle Materie durch das Kompositum Dunkelmaterie zu ersetzen.

Das Wort Dunkelmaterie ist übrigens auch nicht falsch, es ist nur weniger üblich und wird deshalb vielleicht nicht immer auf Anhieb verstanden. Ich persönlich würde deshalb den gebräuchlicheren Begriff dunkle Materie (oder evtl. Dunkle Materie) verwenden. Wenn die Physik aber lieber Dunkelmaterie zum offiziellen Fachwort kürt, ist das natürlich genauso angebracht. Jedes Fach bestimmt seine Terminologie selbst. „Relaxte“ Physikerinnen und Physiker lassen beide Ausdrücke nebeneinander bestehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fährst du als nächstes oder als Nächstes dieses Auto?

Des Öfteren bestimmt der weitere Satzzusammenhang oder das, was genau ausgesagt werden soll, ob groß- oder kleingeschrieben werden muss. Das kann dann geschehen, wenn eine Wortkombination unterschiedliche Deutungen zulässt. Dabei kann man schon einmal recht unsicher werden. Oft hilft dann der Ersatz durch ein anderes Wort. So auch bei dieser an und für sich gar nicht so komplizierten „Angelegenheit“:

Frage

Ich habe eine Frage zu Groß- und Kleinschreibung: „Das ist das Auto, das du als nächstes fahren wirst.“ Ist die Kleinschreibung von „nächstes“ hier korrekt, weil im Sinne von „als nächstes Auto“?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

in diesem Fall ist, je nachdem was im konkreten Satzzusammenhang genau gemeint ist, sowohl die Kleinschreibung als auch die Großschreibung möglich.

Das ist das Auto, das du als nächstes fahren wirst.
Als nächstes wirst du dieses Auto fahren.

Hier ist mit als nächstes gemeint: als nächstes Auto. Deshalb wird nächstes kleingeschrieben – wie immer wenn ein Adjektiv zwar allein steht, sich aber auf ein vorhergehendes oder nachfolgendes Substantiv bezieht (Regel).

Das ist das Auto, das du als Nächstes fahren wirst.
Als Nächstes wirst du dieses Auto fahren.

Hier ist mit als Nächstes gemeint: im Folgenden, als nächste Handlung. Hier wird Nächstes allein stehend wie ein Substantiv verwendet und entsprechend großgeschrieben ­– ebenso wie zum Beispiel als Erstes, als Letztes (vgl. hier).

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man das sächliche Wort Auto durch das männliche Substantiv Wagen ersetzt:

Das ist der Wagen, den du als nächsten fahren wirst.
Als nächsten wirst du diesen Wagen fahren.

Das ist der Wagen, den du als Nächstes fahren wirst.
Als Nächstes wirst du diesen Wagen fahren.

Die Zweideutigkeit von als nächstes/Nächstes bedingt also, das dass man für die Entscheidung zwischen Groß- und Kleinschreibung darüber nachdenken muss, was genau ausgesagt werden soll. Und nachdenken müssen wir tatsächlich selbst, denn hier scheitern selbst die besten Korrekturprogramme insoweit, als sie uns diese Entscheidung nicht abnehmen können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein anderes Mal und ein andermal

In letzter Zeit liegen Ihnen die Rechtschreibfragen am Herzen – oder auf dem Magen. 

Frage

Es gibt einige Web-Sites die eine Prüfung von Groß- und Kleinschreibung anbieten. Auf allen, die ich befragt habe, kam für beide Versionen immer die Antwort „ohne Fehler“.

Vielleicht klappt es ein anderes mal.
Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Können Sie mich aufklären, welche Version die Richtige ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

richtig ist hier die Großschreibung:

Vielleicht klappt es ein anderes Mal.

Man schreibt getrennt und groß, wenn vor Mal ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv steht. Zum Beispiel:

dieses Mal
jedes Mal
ein/kein einziges Mal
beim nächsten Mal
das beste Mal
ein für alle Mal(e) (aber: allemal = ugs. für in jedem Fall)
beide Mal(e)

und eben:

ein anderes Mal

Man schreibt zusammen und klein, wenn eine Grundzahl oder eine ungebeugte Form mit mal kombiniert wird. Zum Beispiel:

diesmal
einmal, zweimal, …
keinmal

und

ein andermal

Noch ein paar Beispiele:

manches Mal – manchmal
viele Mal(e) – vielmal
wie viele Mal(e) – wievielmal
so viele Mal(e) – sovielmal
unendliche Mal(e) – unendlichmal

Natürlich gibt es noch ein paar andere Fälle und Varianten wie zum Beispiel wirklich nur ein Mal, dutzendmal – ein Dutzend mal,  zwei mal vier (mehr dazu hier). In dieser Weise sind aber die meisten Fälle abgedeckt.

Dass einige Programme ein anderes mal als richtig geschrieben durchgehen lassen, erstaunt nicht allzu sehr. Diese Programme berücksichtigen sehr wahrscheinlich nicht den ganzen Satz, sondern höchstens gewisse Wortgruppen oder sogar nur einzelne Wörter. Am Ende eines Satzes kann diese Wortgruppe nur so geschrieben werden: ein anderes Mal. Für sich allein kann mal aber die (umgangssprachliche) Verkürzung von einmal sein, die kleingeschrieben wird (Ich nehme mal ein anderes Beispiel). Für die Entscheidung, ob die Groß- oder die Kleinschreibung korrekt ist, reicht es also nicht, die Wörter einzeln zu prüfen. Die Prüfer, die Sie benutzt haben, tun aber offenbar nicht viel mehr als das.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwierigkeiten beim Infinitivgruppenschreiben und beim Infinitivgruppen-richtig-Schreiben

Da es für komplexere Fragen viel zu warm ist (endlich!), gibt es heute wieder einmal ein einfacheres, aber bei vielen häufig eine gewisse Schreibunsicherheit verursachendes Thema: die substantivierte Infinitivgruppe.

Frage

Meine Frage betrifft die Schreibweise von als Substantiv verwendeten Wortgruppen. Wenn sich jemand zum Beispiel ansehen lässt, und man diese Eigenschaft im Satz mit einem vorangestelltem Artikel verwendet, heißt es dann „das Sich-ansehen-Lassen“ oder „das Sich-Ansehen-Lassen“? Das erste Wort dürfte aufgrund der substantivischen Verwendung großgeschrieben werden. Das letzte Wort vermutlich auch. Wie sieht es mit dem Wort in der Mitte aus?

Antwort

Sehrt geehrter Herr S.,

bei substantivierten Infinitivgruppen gilt diese Faustregel: Besteht sie aus nur zwei Teilen, schreibt man zusammen:

das Teetrinken
gemütliches Spaghettiessen
zum Schwimmengehen
beim Schnellfahren
des Sichanpassens

Besteht die substantivierte Infinitivgruppe aus mehr als zwei Teilen, verwendet man Bindestriche*:

das Miteinander-Tee-Trinken
das Nicht-mehr-Weiterwissen
zum Aus-der-Haut-Fahren
des Sich-zu-sehr-anpassen-Wollens

Dabei gilt für die Groß- und Kleinschreibung – und damit sind wir endlich bei Ihrer eigentlichen Frage –, dass die folgenden Teile der Verbindung großgeschrieben werden:

  • das erste Wort der Gruppe
  • der (letzte) Infinitiv
  • ggf. Wörter, die auch sonst großgeschrieben werden (z.B. Substantive)

Bei Ihrem Beispiel ist somit der erste Vorschlag, den Sie machen, korrekt:

das Sich-ansehen-Lassen

So einfach ist es im Prinzip. Die Regeln finden Sie hier und hier. Eine älterer Blogbeitrag zum Thema der substantivierten Infinitivgruppen steht hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Natürlich geht es nicht ohne Ausnahmen. Es hat der Rechtschreibkommission nämlich (unter Zwang?) „behagt“, diese wunderbar einfache Grundregel etwas schwammiger zu formulieren (§ 43 E): „Dies [die Schreibung mit Bindestrich] gilt nicht für übersichtliche Zusammensetzungen mit Infinitiv“. Als dreiteiliges Beispiel wird dort das Inkrafttreten angeführt. Laut Duden ist auch das Zuspätkommen eine solche zusammenzuschreibende Ausnahme.

Wie schreibst du denn, man/Mann!

Frage

Dass z. B. „Was redest du, Mann?“, „Was redet ihr, Mann?“ die richtige Schreibweise ist, ist ja bewiesen. Wie erklären Sie sich jedoch das Phänomen, dass es im alltäglichen Gebrauch (SMS/Chat/Internet-Foren) ausschließlich nur mit einem „n“ geschrieben wird ? Als Neologismus in dem Sinne kann man dies ja nicht bezeichnen,  da „man“ als Pronomen schon existiert. Aber wie kommt es, dass es eben v. a. unter Jugendlichen bei einem „n“ bleibt, auch wenn sich die meisten bewusst sind, dass „der Mann“ so geschrieben wird? […] Kann man also „man“ […] als schlichtweg komplett falsch bezeichnen, auch wenn es im Gebrauch deutlich überwiegt ?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Schreibung man statt Mann für die Interjektion ist tatsächlich kein Neologismus, sondern eher ein „Neographismus“ (eine Neuschreibung). Warum so viele im Internet diese Schreibung wählen, kann ich natürlich ohne genauere Untersuchungen nicht mit Sicherheit sagen. Es mag daran liegen, dass das Nomen Mann im Prinzip eine männliche Person in der Einzahl bezeichnet, während die Interjektion Mann auch an eine weibliche Person oder an mehrere Personen gerichtet sein kann. Das „klemmt“ irgendwie und deshalb wird auf die Schreibung man ausgewichen. Dies Schreibung man „klemmt“ allerdings auch, denn die Interjektion hat ja auch nicht die gleiche Funktion und Bedeutung wie das unbestimmte Personalpronomen man.

In der Umgangssprache im Internet werden nicht alle grammatischen und orthografischen Regeln eingehalten, die für die „normale“ schriftliche Standardsprache gelten. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Der Ausruf Mann wird ohnehin höchst selten in einem Kontext verwendet, in dem eine regelkonforme Rechtschreibung wirklich wichtig wäre. Im informellen Internetgebrauch scheint die Schreibung man üblich zu sein, auch wenn nach der amtlichen Rechtschreibregelung Mann geschrieben werden sollte. In informellen Mails, Chats, SMS usw. gibt es gegen diese Form man nicht viel einzuwenden. Die Schreibung Mann! würde dort wahrscheinlich oft sogar als ziemlich antiquiert und unpassend empfunden werden. Im formelleren schriftlichen Verkehr gilt diese Schreibung aber (noch?) als falsch (sofern die Interjektion Mann dort überhaupt vorkommt). Wie man redet und schreibt, hängt in starkem Maße auch vom Kontext, der Umgebung und dem Medium ab. Es gelten nicht immer und überall die gleichen Standards.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Top Drei, Top drei, top drei oder Topdrei?

Frage

Wie schreibt man „top drei“?  Zum Beispiel: „Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die eindeutige Antwort muss ich Ihnen auch hier wieder einmal schuldig bleiben. Keine „offizielle“ Stelle macht Angaben hierzu. Aus den geltenden Regeln würde ich die folgende Schreibweise ableiten:

Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.

Ich sehe hier top als unveränderliches Adjektiv, das es auch in Top Ten sein muss. Die Wörterliste der amtlichen Rechtschreibregelung verweist nämlich beim Eintrag Top Ten auf § 37 E4, wo „aus dem Englischen stammende Bildungen aus Adjektiv + Substantiv“ behandelt werden. Dass es ein solches Adjektiv zumindest umgangssprachlich gibt, zeigen Äußerungen wie „Das ist top!“, „Das hast du top gemacht!“.

Ich schreibe deshalb top klein. Die Zahl drei wird ebenfalls kleingeschrieben:

zählt zu den top drei im Bereich X

genau so wie:

zählt zu den besten/bekanntesten/obersten drei im Bereich X

Es gibt allerdings ein kleines Problem: Beinahe niemand schreibt top drei so.

Eine weitere Variante ist:

zählt zu den Topdrei im Bereich X

Da im Ausdruck Top Ten die Kardinalzahl Ten orthografisch als Substantiv behandelt und großgeschrieben wird, können wir dies ausnahmsweise auch mit der deutschen Zahl tun. Verbindungen von Top- und einem deutschen Substantiv werden aber anders als bei Verbindungen aus dem Englischen zusammengeschrieben:

Topdrei  (wie z. B . Topform, Topmodell)

Neben einem kleineren Problem bei der Wortbetonung bleibt das Hauptproblem dasselbe wie oben: Fast niemand schreibt es so.

Am häufigsten kommen Top Drei und Top drei vor. Für keine der beiden Schreibungen kann ich eine regelkonforme Erklärung finden. Das Wort Top steht im Singular, der Artikel aber im Plural. Nicht Top, sondern drei muss also der Kern der Wortgruppe sein. Das macht es schwierig die Großschreibung Top in Kombination mit der Getrenntschreibung zu rechtfertigen. Diese Schreibvarianten orientieren sich mehr oder weniger direkt an der Schreibung des englischen Ausdrucks Top Ten. Das ist sonst nicht üblich. Vielleicht etabliert sich hier ja eine neue Ausnahme.

Schreiben Sie so, wie Sie es für richtig halten – nach der Schreibweise in Ihrer Frage zu Urteilen ist dies top drei – und rechnen Sie mit Kommentaren. Wenn Sie kommentarlos „davonkommen“ wollen oder müssen, ist Top Drei zu erwägen. Es stimmt zwar (vorläufig?) nicht ganz, aber fast niemand merkt’s. Und die besten drei geht natürlich auch immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp