Eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Frage

Wie schreibt man korrekt: „nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör“ oder „nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

beides ist möglich. Es handelt sich hier um eine Maß- oder Mengenangabe im weiteren Sinne. Wenn das Gemessene wie hier ein Singular ist, steht es im heutigen Deutschen in der Regel im gleichen Fall wie die Maß- oder Mengenangabe. Das ist hier der von nach geforderte Dativ:

eine Stunde hochnotpeinliches Verhör
nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör

Es ist ebenfalls möglich, den sogenannten partitiven Genitiv zu verwenden:

eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs
nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Der Genitiv gilt hier allerdings als veraltet. In diesem Fall passt er stilistisch aber recht gut zum ebenfalls altertümlich anmutenden Wort hochnotpeinlich. Siehe auch die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mir stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Woher kommt hochnotpeinlich? Bei der heutigen, in der Regel scherzhaft gemeinten Verwendung bedeutet es so viel wie sehr streng. Ein hochnotpeinliches Verhör ist ein sehr strenges Verhör, hochnotpeinliche Fragen sind sehr strenge Fragen.

Historisch gesehen war  hochnotpeinlich aber noch viel strenger als das, was wir heute unter sehr streng verstehen: Ein hochnotpeinliches Gericht war ein Gericht, das über schwere Verbrechen urteilte und die Todesstrafe verhängen konnte.

Wie kam das Gericht zu dieser Beifügung? Das Adjektiv peinlich gehört zu Pein (Strafe, Qual, Schmerz). Etwas Peinliches hatte mit Strafe und Schmerz zu tun. Das Adjektiv kam insbesondere in der Rechtssprache vor, wo es die Bedeutung mit Folterschmerzen verbunden hatte. Peinliche Fragen sind auch heutzutage unangenehm, aber im 16. Jahrhundert waren sie zweifellos noch viel unangenehmer: Peinliche Fragen waren nämlich Fragen, die unter Androhung oder Anwendung der Folter gestellt wurden.

Peinlich war also mit Folter verbunden. Die Verstärkung hochpeinlich oder notpeinlich bezog sich auf verschärfte Folter und eine Steigerungsstufe weiter sind wir bei hochnotpeinlich angelangt. Es war also eindeutig vorzuziehen, nicht vor einem hochnotpeinlichen Gerichte erscheinen zu müssen! Deshalb schrieb Gottfried August Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Ballade „Der Kaiser und der Abt“, wenn auch bereits eher scherzhaft  (von ihm stammt auch eine der bekanntesten Fassungen der „Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“):

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität [Beklemmung],
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Ein hochnotpeinliches Verhör im 16. Jahrhundert war also um einiges schmerzhafter als das, was man heute scherzhaft als ein hochnotpeinliches Verhör bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Über das Weglassen gemeinsamer Adjektive

Heute geht es um eine Frage, der viele beim Verfassen von Reklametexten, Produktbeschreibungen und Ähnlichem begegnen – und die auch das geschlechtergerechte Formulieren im Deutschen ziemlich umständlich machen kann.

Frage

Ich wollte wissen, wie man ein Adjektiv handhabt, das sich auf zwei Substantive mit verschiedenem Genus bezieht. Soll das Adjektiv dann im Plural oder Singular stehen. Das Beispiel ist: „mit Stoff oder Leder bezogene/r Sitz und Rückenlehne“.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es ist nicht möglich, in dieser Weise zu formulieren. Wenn zwei Substantive nicht in Genus (Geschlecht) und Numerus (Zahl) übereinstimmen, kann ein gemeinsames Attribut oder ein gemeinsamer Begleiter nicht weggelassen werden. Das bedeutet, dass ein vorangestelltes Adjektiv sich nur dann auf zwei Substantive beziehen kann, wenn diese das gleiche Genus und den gleichen Numerus haben. Mehr dazu finden Sie hier.

Diese Bedingung ist in Ihrem Beispiel nicht erfüllt: Sitz ist männlich und Rückenlehne ist weiblich. Das adjektivische Partizip bezogen… kann sich also nicht auf beide Substantive beziehen.

nicht: mit Stoff oder Leder bezogener Sitz und Rückenlehne
nicht: mit Stoff oder Leder bezogene Sitz und Rückenlehne

nicht: graues Armaturenbrett und Türverkleidungen
nicht: graue Türverkleidungen und Armaturenbrett

Sie müssen deshalb umformulieren. Zum Beispiel:

mit Stoff oder Leder bezogener Sitz und mit Stoff oder Leder bezogene Rückenlehne
Sitz und Rückenlehne sind mit Stoff oder Leder bezogen
Sitz und Rückenlehne mit Stoff oder Leder bezogen

graues Armaturenbrett und graue Türverkleidungen
Armaturenbrett und Türverkleidungen grau

Wenn das nicht möglich ist, können Sie eventuell mit Schrägstrichen, Klammern o. Ä. arbeiten (wovon ich aber abraten würde):

Mit Stoff oder Leder bezogene(r) Sitz und Rückenlehne

Die Einschränkung, dass ein vorangestelltes Adjektiv oder Artikelwort sich nicht auf zwei Substantive mit unterschiedlichem Genus beziehen kann, macht es oft so schwierig, eine elegant kurze Formulierung zu finden, wenn es um Frauen und Männer geht.

Sehr geehrte Frau Müller und sehr geehrter Herr Müller
nicht: sehr geehrte Frau Müller und Herr Müller
nicht: sehr geehrte Herr und Frau Müller

Liebe Anna, lieber Tom
Nicht: Liebe Anna und Tom

Letzteres wäre nicht so nett für Tom, denn auf ihn kann das Adjektiv liebe sich eigentlich nicht beziehen.

jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer
nicht: jede Teilnehmerin und Teilnehmer

Suche einen jungen Mitarbeiter oder eine junge Mitarbeiterin
nicht: Suche einen jungen Mitarbeiter oder Mitarbeiterin

Hier kann es häufig hilfreich sein, dass die oben genannte „Übereinstimmungsregel“ nicht ganz vollständig formuliert ist. Das gemeinsame Attribut kann nämlich dann trotzdem weggelassen werden, wenn es vor beiden Substantiven dieselbe Form hat.** Das ist insbesondere im Plural der Fall, wo Adjektive in allen drei Genera gleich dekliniert werden. Deshalb wird oft auf den Plural ausgewichen, wenn einfacher formuliert werden soll:

alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer
alle Teilnehmenden

Mit freundlichen Grüßen (auch an die geschätzten Leserinnen und Leser dieses Blogs)

Dr. Bopp

** Man kann diese Einschränkung also vereinfachen, indem man rein formal formuliert: Gemeinsame Attribute und Begleiter können nicht weggelassen werden, wenn sie nicht vor beiden Substantiven die gleiche Form haben.

Der Fall in »der Meinung sein«

Heute schon wieder der Fall eines ungewöhnlichen Falles:

Frage

Dürfte ich eine Frage stellen:

Ich bin der Meinung, dass …

In welchem Fall steht „der Meinung“? Genitiv oder Dativ? Ich bin mir nämlich nicht sicher, welcher der beiden folgenden Sätze richtig ist:

Diese Meinung, deren ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Gen.)
Diese Meinung, der ich nicht bin, wird häufig vertreten. (Dat.)

Der zweite klingt besser, aber auch irgendwie nicht ganz richtig. Oder ist keine dieser Formulierungen korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

keine der beiden Formulierungen klingt wirklich richtig, weil keine von ihnen wirklich richtig ist. In der Wendung der Meinung sein steht Meinung im Genitiv. Es handelt sich um einen prädikativen Genitiv, d.h. um einen Genitiv, der über das Verb sein mit dem Subjekt verbunden ist. Solche Genitive kommen nur noch bei bestimmten Substantiven in relativ festen Wendungen vor. Zum Beispiel:

der/gleicher/anderer Ansicht sein
der/gleicher/anderer Meinung sein
guten Mutes, guter Laune, guter Dinge sein
gleichen Alters sein
guter Hoffnung sein
voller Erwartung, voller Hoffnung, voller Spannung sein
des Glaubens sein
reinen Herzens sein
bäuerlicher Herkunft sein
natürlichen Ursprungs sein

Es müsste also theoretisch heißen:

*Diese Meinung, deren (o. derer) ich nicht bin, wird häufig vertreten.

Warum theoretisch und warum das Sternchen vor dem Beispielsatz? Bei festen Wendungen ist es oft so, dass syntaktisch nicht alles möglich ist, was bei „normalen“ Wendungen vorkommt. So ist es bei diesen Wendungen z. B. nicht möglich (oder sehr ungebräuchlich), einen Relativsatz zu bilden:

nicht: *die (üble) Laune, deren wir sind
nicht: *das Alter, dessen sie sind
nicht: *das reine Herz, dessen ihr seid
nicht: *die Meinung, deren ich nicht bin

Sie können hier deshalb besser auf eine andere Formulierung ausweichen. Zum Beispiel:

Diese Meinung, die ich nicht teile, wird häufig vertreten.

Ich hoffe, dass Sie hier mit mir einer Meinung sein werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Worte sind genug gewechselt – Lasst mich das Subjekt sehn!

Frage

„Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn!“ (Goethe)

Ich brauche Ihre Hilfe: „der Worte“? Was ist das Subjekt? Ich verstehe also die Grammatik dieses Satzes nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Goethes Dichtersprache hält sich nicht immer an die aktuellen Regeln der deutschen Grammatik! Vieles im folgenden Erklärungsversuch entspricht also nicht dem, was im heutigen Standarddeutschen möglich oder üblich ist.

Der erste Schritt zur Lösung Ihres Problems liegt beim Wort genug. Es wird in diesem Goethezitat als unbestimmtes Pronomen verwendet. Als solches kann es zu einer Pronomengruppe erweitert werden. Hier hat es ein Gentivattribut bei sich: der Worte.

genug der Worte

Dies ist bei genug heute noch in gehobenem oder (absichtlich) veraltendem Sprachgebrauch üblich: genug des Guten/des Guten genug, genug der leeren Worte, genug des Lamentierens.

Um es nun gleich zu „verraten“: Die Rolle des Subjekts wird hier durch die Pronomengruppe genug der Worte erfüllt. Das ist aber nicht ganz unproblematisch, denn das Pronomen genug ist im Prinzip ein Singular und die Verbform sind ist ein Plural. Da genug der Worte bedeutungsmäßig eine Mehrzahl ist, steht das Verb nach der Bedeutung im Plural:

Es sind genug der Wort gewechselt (worden) …
Genug der Worte sind gewechselt (worden) …

Schließlich wird – entgegen der sonst geltenden Regel – das Genitivattribut vom Wortgruppenkern genug getrennt und allein ins Vorfeld, das heißt vor das konjugierte Verb gestellt:

Der Worte sind genug gewechselt …

Und damit ist der Aufbau von Goethes Satz analysiert. Niemand spricht oder schreibt allerdings heute so, außer vielleicht wenn absichtlich alte Dichtersprache imitiert wird. Ein nicht allzu gelungenes Beispiel zum Schluss: Der Antwort soll dies das Ende sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Morphen in und zu

Frage

Ich würde gerne „morphen“ im ungefähren Sinne von „verwandeln/umformen“ verwenden. Nun stellt sich mir die Frage, wäre „etwas zu etwas anderem morphen“ oder „etwas in etwas anderes morphen“ korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

im engeren Sinne bedeutet morphen: durch computergestütztes Verfahren die Abbildung von etwas in eine andere wechseln lassen. Sie möchten es offenbar in einem weiteren Sinne verwenden. Am besten machen Sie es einfach so, wie bei der ungefähren deutschen Entsprechung:

Der Regen verwandelte den Bach in einen reißenden Strom.
Der Regen verwandelte den Bach zu einem reißenden Strom.

Die Freiheitsstrafe wurde in eine Geldstrafe umgewandelt.
Die Freiheitsstrafe wurde zu einer Geldstrafe umgewandelt.

Gleichstrom in Wechselstrom umwandeln
Gleichstrom zu Wechselstrom umwandeln

Verwandlung und Umformung geschehen im Deutschen also sowohl von etwas in etwas als auch von etwas zu etwas. Wenn bei verwandeln, umwandeln und umformen beide Formulierungen möglich sind, sehe ich keinen Grund, weshalb dies bei morphen mit ähnlicher Bedeutung nicht ebenfalls so sein sollte:

etwas in etwas morphen
etwas zu etwas morphen

Beide Formulierungen sind also möglich. Die Wahl liegt ganz bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was, wenn der Indikativ steht oder der Konjunktiv stünde?

Frage

Bei einem „Was wäre, wenn“-Satz ist klar, dass man den Konjunktiv weiter verwenden muss. Aber wie verhält es sich beim „Was, wenn“-Satz?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

ein Satz, der mit „Was, wenn“ anfängt, ist ein verkürzter Satz. Der mit was eingeleitete Hauptsatz ist nicht vollständig. Ob man im mit wenn eingeleiteten Nebensatz den Konjunktiv oder den Indikativ verwendet, hängt davon ab, wie der übergeordnete Satz ergänzt wird. Und nun ist es höchste Zeit für ein konkretes Beispiel:

Wenn der zu ergänzende Hauptsatz im Konjunktiv steht, ist der wenn-Satz ein irrealer Bedingungssatz:

Was wäre, wenn sie doch recht hätte?
⇒ Was, wenn sie doch recht hätte?

Was wäre geschehen, wenn du die Anwort nicht gewusst hättest?
⇒ Was, wenn du die Anwort nicht gewusst hättest?

Wenn der übergeordnete Satz im Indikativ steht, ist der wenn-Satz ist ein „normaler“ Bedingungssatz:

Was ist, wenn sie doch recht hat?
⇒ Was, wenn sie doch recht hat?

Was geschieht, wenn du die Antwort nicht weißt?
⇒ Was, wenn du die Antwort nicht weißt?

Es lässt sich also keine allgemeine Regel aufstellen, ob in einem „Was, wenn“-Satz der Konjunktiv oder der Indikativ stehen muss. Der Kontext bestimmt, ob es ich um einen normalen Bedingungssatz im Indikativ oder um einen irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Fall der als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe

Die als-Gruppen haben es Ihnen in angetan. In letzter Zeit jedenfalls haben viele Ihrer Fragen mit diesem Thema zu tun. Es ist auch ein Gebiet der deutschen Grammatik, in der es viele Formulierungsmöglichkeiten und Unsicherheiten gibt. Mit der Grundregel „Die als-Gruppe steht im gleichen Fall, wie das Wort, auf das sie sich bezieht” kommt man nämlich sehr oft nicht sehr weit. Auch bei der heutigen Frage ist dies so:

Frage

Heißt es „dem als Held verehrten Mann“ oder „dem als Helden verehrten Mann, „den als Wissenschaftler arbeitenden Männern“ oder „den als Wissenschaftlern arbeitenden Männern“? Ich bin der Meinung, dass jeweils die erste Version richtig ist, aber seit mir widersprochen wurde, bin ich nicht mehr ganz sicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in beiden Fällen ist Ihre Formulierung korrekt. Die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Substantiv, auf das sie sich bezieht. In diesen Beispielen kommt aber hinzu, dass die als-Gruppe von einem Partizip abhängig ist. Dann hat die als-Gruppe den gleichen Kasus wie im entsprechenden Satz:

Der Mann wird [von vielen] als Held verehrt.

der [von vielen] als Held verehrte Mann
den [von vielen] als Held verehrten Mann
dem [von vielen] als Held verehrten Mann
des [von vielen] als Held verehrten Mannes

Die Männer arbeiten als Wissenschaftler.

die als Wissenschaftler arbeitenden Männer
den als Wissenschaftler arbeitenden Männern
der als Wissenschaftler arbeitenden Männer

Die von einem Partizip abhängigen als-Gruppen als Held und als Wissenschaftler stehen also immer im Nominativ. Sie beziehen sich sozusagen auf das Subjekt der Verbhandlung, die vom Partizip ausgedrückt wird.

Hier noch ein Beispiel mit einem Adjektiv:

Der Mann arbeitet als freier Künstler.

der als freier Künstler arbeitende Mann
den als freier Künstler arbeitenden (nicht: als freien Künstler arbeitenden)
dem als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freiem Künstler arbeitenden)
des als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freien Künstlers arbeitenden)

Und mit wie funktioniert es übrigens genau gleich:

Der Filmregisseur arbeitet wie ein Besessener.

dem wie ein Besessener arbeitenden Filmregisseur

Das Tier sieht wie ein Mammut aus.

eines wie ein Mammut aussehenden Tieres

Wenn wir als Muttersprachige nicht in Regeln denken, geht es hier zum Glück meistens automatisch gut. Falls Sie aber wegen dieser als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe wieder einmal unsicher werden, können Sie auch hier nachschauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf wen bin ich eifersüchtig?

Es würde zu weit führen, wenn ich behauptete, dass ich zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen gegen Eifersucht gefeit bin, doch zurzeit bin ich mir keinerlei eifersüchtiger Gefühle bewusst. Es geht hier nicht um persönliche Bekenntnisse eines eifersüchtigen Linguisten und auch nicht um eine genaue Definition des Begriffs Eifersucht. Es geht um J.s Frage, auf die ich zu meinem Erstaunen keine klare und eindeutige Antwort finden konnte: Wenn man Gefühle der Eifersucht hegt, auf wen ist man dann eifersüchtig?

Frage

Ich würde gern wissen, wie man „eifersüchtig auf jemanden“ korrekt benutzt und ob das in anderen Sprachen (z. B. im Italienischen) ebenso verwendet wird. Ein Beispiel: Ich (als Mann) habe eine Freundin und merke, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten. Bin ich dann eifersüchtig auf meine Freundin oder auf meinen Bruder? […]

Antwort

Guten Tag J.,

das Adjektiv eifersüchtig wird vor allem im Sinne von neidisch mit auf verwendet. Wenn es hingegen um die Furcht geht, jemandes Liebe mit einer anderen Person teilen zu müssen, kommt auf nicht häufig vor. Wenn ich sehe, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten, werde ich eifersüchtig, reagiere ich eifersüchtig, bin ich eifersüchtig. Wenn hier überhaupt eine Person mit auf angeführt wird, ist das Deutsche sehr inkonsequent: Ich bin eifersüchtig auf meine Freundin oder ich bin eifersüchtig auf meinen Bruder. Beides kommt vor. Ich finde auch keine Definition, die eine der beiden Varianten ausschließen würde.

Auch beim mit neidisch verwandten eifersüchtig gibt es mehr als eine Gebrauchsvariante. Der große Bruder kann eifersüchtig auf die kleine Schwester sein, weil sie viel Aufmerksamkeit von der Mutter erhält. Man kann aber auch sagen, dass er eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit ist, die die kleine Schwester von der Mutter erhält. Noch ein Beispiel der syntaktischen Vielseitigkeit von eifersüchtig:

  • eifersüchtig sein, weil andere Leute Erfolg haben
  • eifersüchtig auf andere Leute sein, weil sie Erfolg haben
  • eifersüchtig auf den Erfolg anderer Leute sein

Wenn eifersüchtig mit auf steht, können in Liebes- und anderen Dingen nur Wortbedeutung und Kontext klären, was genau gemeint ist. (Erstaunlicherweise scheint dies meistens gut zu funktionieren, denn sonst hätte sich hier wohl eine klarere Regel ergeben.) Ich kann auf meinen Bruder eifersüchtig sein, weil er mit meiner Freundin flirtet. Ich kann auf meine Freundin eifersüchtig sein, weil ich nicht will, dass jemand anders mit ihr flirtet. Ich kann daneben auch noch eifersüchtig auf meinen Bruder sein, weil er eine tolle Freundin hat und ich keine. Ich bin dann auf seine Freundin eifersüchtig …

Ich wage es nicht anzugeben, wie dieses Adjektiv in anderen Sprachen verwendet wird. Wenn die Situation auch nur annähernd so komplex ist wie im Deutschen, ist muttersprachige Expertise gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel zu tun und viel zu erzählen haben

Frage

Der Satz „Ich habe etwas zu erledigen“ bedeutet, dass ich etwas erledigen muss. Der Satz „Ich habe etwas zu erzählen“ bedeutet, dass ich etwas erzählen kann. […] Die Satzkonstruktion ist gleich, aber der Sinn verschieden. Wieso ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Wendung zu+Infintiv+haben hat oft die Funktion eines Modalverbs. Mit welchem Modalverb sie ausgedrückt werden kann, ist tatsächlich nicht so klar. Sie kann eine Notwendigkeit ausdrücken:

Ich habe noch viel zu tun = Ich muss noch viel tun.

Sie kann aber auch eine Möglichkeit ausdrücken:

Wer viel reist, hat viel zu erzählen = Wer viel reist, kann viel erzählen.

Mit etwas zu _en haben wird also gesagt: etwas _en müssen oder etwas _en können. Eine weitere Bedeutung hat die Wendung, wenn sie verneint ist:

Sie haben nicht viel zu tun = Sie müssen nicht viel tun.
Sie haben nichts zu erzählen = Sie können nichts erzählen.
Sie haben sich hier nicht zu äußern = Sie dürfen sich hier nicht äußern.

Siehe auch hier.

Ob mit der Formulierung Notwendigkeit oder Möglichkeit ausgedrückt wird, ergibt sich erst aus dem Kontext. Es ist ihr nicht von vornherein eine genaue Bedeutung zuzuordnen. Damit ist diese Formulierung tatsächlich nicht so einfach für Deutschlernende. Ähnliches gibt es aber nicht nur im Deutschen. Zum Beispiel:

de: Ich habe viel zu tun.
nl: Ik heb veel te doen.
en: I have a lot do to.
fr: J’ai beaucoup à faire
it: Ho molto da fare.

de: Ich habe viel zu erzählen.
nl: Ik heb veel te vertellen.
en: I have a lot to tell.
fr: J’ai beaucoup à raconter.
it: Ho molto da raccontare.

Nicht allen Deutschlernenden dürfte diese Konstruktion also gleich viele Schwierigkeiten bereiten.

Die Antwort auf die Frage, wie genau wir es schaffen, jeweils problemlos den richtigen modalen Aspekt einer so formulierten Äußerung zu erkennen, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Manchmal frage ich mich einfach, wie wir es bei so viel Mehrdeutigkeit überhaupt schaffen, einander auch nur annähernd zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unser beider Frauen und unsere beiden Frauen

Frage

Sind die folgenden beiden Sätze richtig und gleichbedeutend?

Wir kommen mit unser beider Frauen.
Wir kommen mit unseren beiden Frauen.

Antwort

Guten Tag H.,

beide Sätze sind (grammatisch) richtig, auch wenn der erste eher etwas gehoben/antiquiert wirkt. Die Bedeutung der beiden Äußerungen ist nicht ganz dieselbe. Unser kulturelle Kontext macht es aber relativ schwierig, den Unterschied klar aufzuzeigen. Wenn Frau und Mann mit meine, dein oder unsere stehen, ist in unserem Kulturkreis meistens von Paaren die Rede. Deshalb werden viele den beiden oben stehenden Sätzen die gleiche Bedeutung zuordnen: Wir kommen beide mit Partnerin.

Mit Hilfe eines anderen Beispiels lässt sich besser aufzeigen, worin die beiden Formulierungen sich unterscheiden. Bei Hunden und Herrchen oder Frauchen liegt das zahlenmäßige Verhältnis viel weniger stark bei eins zu eins. (NB: Auch die Art des mit unser ausgedrückten Verhältnisses ist anders!)

a) unser beider Hunde = die Hunde, die uns beiden gehören

In Satz a) bezieht sich beider auf unser. Es geht also um zwei „Besitzende“ und um mehrere Hunde. Über die Zahl der Hunde wird nichts gesagt. Die beiden Hundebesitzenden können zwei, drei oder mehr Hunde haben.

b) unsere beiden Hunde = die beiden Hunde, die uns gehören

In Satz b) bezieht beiden sich auf Hunde. Es geht also um zwei Hunde. Darüber, wie viele wir sind, wird nichts gesagt. Die Hundebesitzenden können auch mehr als zwei Personen sein, zum Beispiel eine mehrköpfige Familie.

Nur wenn es um zwei Hunde und um zwei Besitzende geht, sind sowohl a) als auch b) mögliche Formulierungen.

Keine der beiden Formulierungen klärt übrigens die Besitzverhältnisse eindeutig: Es ist nicht klar, ob die Hunde gemeinsam den gleichen Personen gehören oder ob jeder Hund ein eigenes Herrchen oder Frauchen hat.

Kommen wir nun wieder auf die Formulierungen in Ihrer Frage zurück:

c) unser beider Frauen = die Frauen, zu denen wir beide gehören

In Satz c) sind Frauen gemeint, zu denen wir beide gehören. Wir sind zu zweit. Die Anzahl der Frauen ist nicht bestimmt. Wir könnten zum Beispiel zwei Personen und die Frauen deren (erwachsene) Töchter sein.

d) unsere beiden Frauen = die beiden Frauen, zu denen wir gehören

In Satz d) hingegen geht es um zwei Frauen. Wie viele Personen wir sind, ist nicht näher bestimmt. Wenn wir im klassischen Kontext bleiben, könnten wir zum Beispiel ein Vater mit seinen Söhnen und die Frauen die Frau/Mutter und die Tochter/Schwester sein.

Nur wenn von zwei Personen in Verbindung mit  zwei (anderen) Frauen die Rede ist, sind sowohl c) als auch d) mögliche Formulierungen. Das klingt nun alles sehr uneindeutig, und das ist es ohne Kontext auch. Normalerweise erschließt sich aber aus dem weiteren Zusammenhang mehr oder weniger eindeutig, um wie viele Personen in Begleitung wie vieler (anderer) Frauen es geht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp