Das unbeständige »entlang«

Falls Sie am heutigen 1. Mai frei haben und einen Spaziergang an Bach, Fluss oder See erwägen, spazieren sie dann das Ufer entlang, dem Ufer entlang, entlang dem Ufer oder entlang des Ufers? Oder gar am Ufer entlang? Heute geht es wieder um ein Wort, das sich nicht so leicht in ein grammatisches Korsett zwängen lässt.

Frage

Ich wende mich heute mit folgendem Problem an Sie:

spazieren … an den Ufern der Neiße entlang

Diese Formulierung verstehe ich grammatikalisch nicht so ganz. Die Präposition steht doch entweder mit Akkusativ, „die Straße entlang“, oder mit Dativ, „entlang der Straße“. Könnte man also den obigen Satz auch so formulieren:

entlang den Ufern der Neiße
die Ufer der Neiße entlang

So wäre es für mich verständlicher. Vielleicht handelt es sich in dem Buch um literarische Sprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das Wort entlang sieht harmlos aus, aber in grammatischer Hinsicht ist es ziemlich widerspenstig. Es weigert sich, einer einzigen Klasse zugeordnet zu werden.

Eine mögliche Verwendung ist die einer klassischen Präposition, das heißt, entlang steht vor dem Substantiv. Bei der Wahl des ihm folgenden Falles ist die Lage schon weniger eindeutig. Möglich sind sowohl der Genitiv als auch der Dativ:

Wir spazierten entlang der Ufer der Neiße.
Entlang des Wanderweges stehen Informationstafeln.

Wir spazierten entlang den Ufern der Neiße.
Entlang dem Wanderweg stehen Informationstafeln.

Häufig gefällt sich entlang aber als nachgestellte Präposition (Postposition). Dann ist der Akkusativ üblich:

Wir spazierten die Ufer der Neiße entlang.
Den Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Der Dativ kommt hier ebenfalls vor. Heutzutage verrät er aber meistens Sprecher und Sprecherinnen aus dem Süden, vor allem aus der Schweiz. Die folgenden Formulierungen genießen deshalb wohl kaum das Wohlwollen aller Hüter der deutschen Sprache:

Wir spazierten den Ufern der Neiße entlang.
Dem Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Im Beispielsatz, um den es Ihnen in Ihrer Frage geht, übernimmt entlang eine weitere Rolle: Es tritt nicht als Präposition, sondern adverbial auf. Es hat dann keinen Einfluss auf den Fall. Der Kasus wird durch die Präposition an bestimmt, die hier den Dativ fordert:

Wir spazierten an den Ufern der Neiße entlang.
Am Wanderweg entlang stehen Informationstafeln.

Diese Verwendung ist übrigens nicht literarisch. Sie ist allgemeinsprachlich und klingt in meinen Ohren manchmal sogar ein bisschen holprig.

Das Wort entlang kann also Adverb, Präposition oder Postposition sein und verschiedene Kasus bei sich haben. Wahrlich kein Beispiel grammatischer Unverrückbarkeit und unverbrüchlicher Kasustreue! Falls Sie deshalb wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier noch einmal nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn »hinzu kommen« korrekt getrennt geschrieben wird

Wenn ein trennbares Verb wie hinzukommen in einem Hauptsatz steht, wird der abtrennbare Teil hinter das Verb an den Schluss des Satzes gestellt. Sonst schreibt man zusammen. So weit die Grundregel. Wie Herrn L.s Frage zeigt, gibt es aber noch einen seltenen dritten Fall.

Frage

Muss „Hinzu komme“ in diesem Satz getrennt geschrieben werden? (Indirekte Rede: Präsens Konjunktiv)

Hinzukomme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

das Verb hinzukommen wird im Prinzip zusammengeschrieben. In Ihrem Satz schreibt man hinzu aber trotzdem vom Verb getrennt:

Hinzu komme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Das hat nichts damit zu tun, dass es sich um den Konjunktiv der indirekten Rede handelt. Die Getrenntschreibung gilt auch zum Beispiel in der Vergangangenheit und im Indikativ:

Hinzu kommt/kam/käme/, dass davon auch die Wirtschaft …

Die Getrenntschreibung hinzu komme hat vielmehr mit der etwas sonderbaren Satzstellung zu tun. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Wir haben es hier mit einem einleitenden Hauptsatz (Hinzu kommt) und einem dass-Satz zu tun. In einem deutschen Hauptsatz (Aussagesatz) steht die gebeugte Verbform immer an zweiter Stelle. Vor ihr, im sogenannten Vorfeld, steht nicht mehr und nicht weniger als ein Satzteil:

Peter kommt heute Abend nicht.
Kaum ein Mensch kommt noch zu uns.
Meinen Eltern kommt das gar nicht ungelegen.
Heute Abend kommt wahrscheinlich niemand mehr vorbei.
Wahrscheinlich kommt kein weiterer Gast hinzu.
Es kommt hinzu, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Wie man sieht, kann das Subjekt, ein Objekt oder eine Adverbialbestimmung an erster Stelle stehen. In seltenen Fällen kann auch der abtrennbare Teil eines trennbaren Verbs (der sonst am Schluss des Satzes steht) diese erste Stelle einnehmen:

Hinzu kommt, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Der abtrennbare Verbteil wird in solchen Fällen getrennt vom Basisverb geschrieben, obwohl er direkt vor diesem steht. Nur so kann die beinahe unantastbare Zweitstellung der gebeugten Verbform im deutschen Hauptsatz gewährleistet werden. Weitere Beispiele:

Fest steht die Tatsache, dass die gebeugte Verbform an zweiter Stelle steht.
Hinauf ging er über die Treppe, herunter kam er über den Balkon.
Zusammen kam dabei eine erfreulich hohe Summe.

Der letzte Satz zeigt, dass solche Formulierungen nicht immer stilistische Höhepunkte sind. Weiter gilt, dass sie fast nur bei trennbaren Verben möglich sind, deren abtrennbarer Teil und Basis noch eine recht große Eigenbedeutung haben. Nicht möglich sind zum Beispiel:

*Zu gab sie den Fehler nicht.
*An ist zu nehmen, dass alles stimmt.
*Ein lade ich nur, wen ich mag.

Siehe auch hier.

Diese Randerscheinung der deutschen Wortstellung (und Rechtschreibung) illustriert wieder einmal, weshalb man bei der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der deutschen Verben manchmal so unsicher werden kann. Es gibt keine exakte Trennlinie zwischen getrennt geschriebenen Verbgruppen und zusammengeschriebenen Verbzusammensetzungen. Obwohl feststehen, hinzukommen und hinaufgehen im Allgemeinen Verbzusammensetzungen sind, können sich fest, hinzu und hinauf manchmal wie selbstständige Adverbien benehmen. Fest steht nur, dass nicht alles immer eindeutig feststeht.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn »A und B ist« richtig ist

Die meisten von uns haben auf der Schule gelernt, dass bei einem zweiteiligen Subjekt, bei dem die Subjektteile mit und verbunden sind, das Verb im Plural stehen muss:

Die alte Dame und ihr Sohn gingen jeden Tag im Park spazieren.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.

So weit, so einfach. Es gibt aber Ausnahmen. Diese Ausnahmen gleiten meist unbemerkt an uns vorbei, doch Sie können verunsichern, wenn wir darüber nachdenken und uns daran erinnnern, was wir auf der Schule gelernt haben. Hier die Frage von Frau S.:

Frage

Es geht um die korrekte Formulierung des folgenden Satzes:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.
Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Selbst denke ich, dass die zweite Version korrekt ist. Mir fehlt jedoch die fachgerechte Begründung.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Sätze sind richtig formuliert.

Das Verb kann nach der allgemeinen Grundregel im Plural stehen, weil das Subjekt aus zwei mit und verbundenen Teilen besteht.

Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Das Verb kann aber auch im Singular stehen, weil die beiden Subjektteile eng miteinander verbunden sind und als eine Einheit aufgefasst werden. Das sieht man daran, dass sie eine gemeinsame Bestimmung haben: sehr viel bezieht sich sowohl auf Kleinarbeit als auch auf Konzentration:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Weitere Beispiele von Sätzen, in denen ein mehrteiliges Subjekt mit und eine gemeinsame Bestimmung hat und als eine Einheit aufgefasst werden kann:

Viel Glück und Sonnenschein soll dich begleiten.
Viel Glück und Sonnenschein sollen dich begleiten.

Münsters Grund und Boden ist zehn Milliarden Euro wert.
Münsters Grund und Boden sind zehn Milliarden Euro wert.

Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit war unerträglich.
Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit waren unerträglich.

Zum diesem Thema gäbe es noch viel mehr zu sagen. Die Grundregel sowie weitere Ausnahmen und Beispiele finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik. Wie so oft sind auch hier die Übergänge zwischen der Grundregel und den Ausnahmen fließend. Als kleiner Trost für nun ganz Verunsicherte kann gelten: Der Plural ist hier (fast) immer richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Meint er die Anschuldigung gegen sich oder gegen ihn?

Frage

Wie heißt es richtig?

– Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.
– Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die kurze Antwort lautet: Hier ist sowohl sich als auch ihn möglich. Im zweiten Fall ist der Satz eventuell nicht eindeutig, weil mit ihn auch eine andere Person gemeint sein könnte. Es ist allerdings meistens so, dass man aus dem weiteren Satzzusammenhang schließen kann, wer mit ihn gemeint ist.

Und hier die lange Antwort:  Das Reflexivpronomen sich wird dann anstelle des Personalpronomens ihn oder sie verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das allbekannte Standardbeispiel lautet:

Er wäscht ihn.
= ein andere Person, ein Tier oder eine Sache mit männlichem Genus

Er wäscht sich.
= sich selbst

So weit ist alles recht einfach. Die Unsicherheit entsteht nun, weil Ihr Satz eigentlich zwei Verben enthält, nämlich von sich weisen und anschuldigen. Das zweite Verb erscheint hier in der Form der Substantivierung Anschuldigung.

Das Subjekt des ganzen Satzes und der Angeschuldigte sind identisch, deshalb erwarten wir das Reflexivpronomen sich:

Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.

Das stimmt allerdings nicht ganz, denn das Pronomen sich ist eigentlich nicht von weisen abhängig, sondern von anschuldigen. Weiter gilt, dass das Subjekt, das man zu anschuldigen ergänzen muss, und der Angeschuldigte nicht identisch sind. Wir müssten also mit ihn auf den Angeschuldigten, das Objekt der Anschuldigung, verweisen:

Er weist von sich, dass man/jemand ihn anschuldigt.
Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

In solchen Fällen wird trotzdem sehr oft sich verwendet. Das Reflexivpronomen verdeutlich hier besser als ihn, wer genau gemeint ist, nämlich das Subjekt des Gesamtsatzes und nicht etwa eine andere Person.

Ganz ohne Kontext wird die Sache aber auch mit sich nicht immer wirklich eindeutig:

Sie konnte sein Gerede über sie nicht ertragen. (über sie oder über eine dritte Person?)
Sie konnte sein Gerede über sich nicht ertragen. (über ihn oder über sie?) 

Es steht Ihnen also frei, in Ihrem Satz ihn oder sich zu verwenden – und wenn man Ihnen vorwirft, Sie hätten einen Fehler gemacht, können Sie diese Anschuldigung gegen sich/Sie zu Recht von sich weisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Konjunktion »statt« statt der Präposition »statt«

Das Wörtchen statt sorgt oft für eine gewisse Unsicherheit. Es kann nämlich als Präposition, die den Genitiv fordert, aber auch als Konjunktion, die nicht fallbestimmend ist, verwendet werden (siehe hier). Wann statt in welcher Funktion auftreten kann oder muss, war (und ist) auch mir nicht immer klar. Es folgt ein Klärungsversuch anhand der Frage von H.:

Frage

a) Darf man in den folgenden beiden Sätzen den Dativ verwenden oder ist hier nur der Genitiv richtig?

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.

Sie kommt statt ihrem Bruder.
Sie kommt statt ihm.

b) Kann „statt“ im folgenden Satz sowohl Präposition als auch Konjunktion sein?

Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

Antwort

Guten Tag H.,

nach der Präposition statt kann standardsprachlich nicht der Dativ stehen (vgl. hier). Es heißt also nicht:

*Sie kommt statt ihrem Bruder.
*Sie kommt statt ihm.
*Sie macht eine Torte statt einem Kuchen.

Damit ist aber noch lange nicht alles gesagt. In Ihren Beispielen kann statt sowohl Präposition als auch Konjunktion sein. Welche Variante man hier wählt, ist eine stilistische Frage. Viele ziehen die Präposition mit Genitiv vor:

Sie kommt statt ihres Bruders.
Sie kommt statt seiner.
Sie macht eine Torte statt eines Kuchens.

Als Konjunktion ist statt hier im Prinzip auch korrekt. Dies wird aber nicht von allen als standardsprachlich gut akzeptiert:

Sie kommt statt ihr Bruder.
Sie kommt statt er.
Sie macht eine Torte statt einen Kuchen.

In Fällen wie diesen, das heißt in Verbindung mit einem Subjekt oder einem Akkusativobjekt, ist es deshalb zu empfehlen, die Präposition mit Genitiv zu verwenden (zu den üblichen Sonderfällen siehe hier).

In Verbindung mit einem Dativobjekt und in einer Präpositionalgruppe ist es umgekehrt zu empfehlen oder sogar obligatorisch, die Konjunktion statt zu verwenden:

Du solltest es lieber ihr statt ihm geben.

Hier steht ihm im Dativ, weil es wie ihr vom Verb geben abhängig ist, das den Dativ verlangt. Die Konjunktion statt hat keinen Einfluss auf den Fall des ihr nachfolgenden Wortes. Ebenso zum Beispiel:

Warum hilfst du ihnen statt deinen eigenen Kindern?
Sie hat es mir statt dir gesagt.

Auch bei Präpositionalgruppen scheint nur die Konjunktion statt üblich zu sein (meist mit Wiederholung der Präposition):

Ich gehe lieber mit dir statt [mit] meinem Bruder.
Warum bist du immer für ihn statt [für] mich?

Wenn hier die Präposition mit Genitiv verwendet wird, entstehen Sätze, bei denen die „Rollenverteilung“ unklar oder verwirrend ist:

*Du solltest es lieber ihr statt meiner geben.
*Warum hilfst du ihnen statt deiner eigenen Kinder?
*Sie hat es mir statt deiner gesagt.

*Ich gehe lieber mit dir statt meines Bruders.
*Warum bist du immer für ihn statt meiner?

Wenn statt in Verbindung mit einem Dativobjekt oder innerhalb einer Präpositionalgruppe steht, sollte man es deshalb als Konjunktion verwenden, die keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes hat.

Es ist nicht einfach, eine klare Trennlinie zwischen der Präposition statt und der Konjunktion statt zu ziehen. Aus dem oben Gesagten lässt sich aber eine Regel – die ich vorsichtshalber lieber eine Tendenz oder eine Faustregel nenne – ableiten:

  • In Verbindung mit einem Subjekt oder Akkusativobjekt: besser Präposition statt mit Genitiv
  • In Verbindung mit einem Dativobjekt oder in einer Präpositionalgruppe: Konjunktion statt 

Mit einem einfachen „Nach statt steht der Genitiv!“ ist es also nicht getan. Es gibt Fälle, in denen man die nicht fallbestimmende Konjunktion statt statt der den Genitiv fordernden Präposition statt verwenden muss. (Diesen letzten Satz habe ich so kompliziert formuliert, weil er dann so schön zur Komplexität des Themas passt.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ihr alle, die mir gratuliert hab… – wie geht’s weiter?

Frage

Deutsch ist meine Muttersprache, doch sicher gibt es dennoch immer mal etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt. So meinte letztens jemand, er müsste mich darauf aufmerksam machen,

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

sei falsch. Er teilte mir aber nicht mit, welche Korrektur ihm vorschwebte. […] Ganz ungebräuchlich, wenn auch richtig, klingt für mich:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Alles in allem: Ist das ursprünglich Geschriebene falsch? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in diesem Fall haben Sie die eher ungewöhnliche Formulierung gewählt. Wenn ein Relativpronomen das Subjekt des Relativsatzes ist und sich auf ein Pronomen der ersten oder zweiten Person bezieht, wird normalerweise hinter dem Relativpronomen der Nominativ des Personalpronomens eingefügt. Das Verb richtet sich dann nach diesem Personalpronomen. Das klingt kompliziert, es wird aber wie so oft mit Hilfe einiger konkreter Beispiele einfacher:

Ich, die ich immer mein Bestes getan habe
Wer will dir schon helfen, der du immer alles besser weißt.
Es ist für uns besonders schlimm, die wir uns so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihr den guten Mann schon lange gewarnt habt, macht er nun Vorwürfe.

Und entsprechend in Ihrem Beispielsatz:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Das Personalpronomen wird seltener auch wie in Ihrem ersten Satz weggelassen. Dann steht das Verb in der dritten Person (vgl. auch hier):

Ich, die immer allen zu helfen versucht
Wer will dir schon helfen, der immer alles besser weiß.
Es ist für uns besonders schlimm, die sich so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihn schon lange gewarnt haben, macht er nun Vorwürfe.

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

Diese Formulierungen gelten ebenfalls als richtig, sie sind aber eher unüblich. Sie lassen auch mich beim Lesen stutzen, weil es hier tatsächlich einen Konflikt gibt zwischen der ersten oder zweiten Person, auf die sich der Relativsatz bezieht, und der dritten Person, die das Relativpronomen normalerweise fordert. Diesen Konflikt überbrücken wir, die wir solche Unklarheiten nicht mögen, dann häufig, indem wir das entsprechende Personalpronomen in den Relativsatz „hineinschmuggeln“. Kurz: Ihre ursprüngliche Formulierung ist zwar richtig, aber weniger gebräuchlich als Ihr zweiter Vorschlag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann etwas als etwas qualifizieren?

Frage

Kann ich die folgenden Sätze so stehenlassen? Das Verb „qualifizieren“ kenne ich in dieser Bedeutung/Verwendung nicht.

Sie können auf einen Anhang verzichten, sofern sie nicht als große Unternehmen qualifizieren.
Das ist eine Beschränkung auf Unternehmen, die als Beteiligung qualifizieren.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

diese Verwendung von qualifizieren ist im Deutschen nicht üblich. Es ist vermutlich eine wörtliche Übersetzung des englischen to qualify as sth. mit der Bedeutung die Voraussetzungen für etwas erfüllen, als etwas bezeichnet werden können. Gemeint ist wohl so etwas wie:

… sofern sie keine großen Unternehmen sind.
… sofern sie nicht als große Unternehmen gelten.
… welche die Bedingungen/Voraussetzungen für eine Beteiligung erfüllen.

Bevor ich nun aber kategorisch erkläre, die zitierten Sätze seien schlichtweg falsch, möchte ich noch eine kleine Nuance anbringen: Es scheint im Jargon der Finanzwelt üblich zu sein, qualifizieren in dieser Weise zu verwenden. Man könnte in einem von Fachleuten für Fachleute geschriebenen Text vielleicht erwägen, stirnrunzelnd nur ein Fragezeichen dahinter zu setzen. Jede Fachsprache hat nun einmal ihre Eigenheiten. In allen anderen Textarten würde ich aber zum Rotstift greifen. Dort qualifiziert dieses qualifizieren als sozusagen als Fehler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man auf ein Ungeheuer verweist

 Frage

Wie Sie auf Ihrer Website erklären, kann man sich mit einem Pronominaladverb nicht auf Lebewesen beziehen. Auch ist es nicht üblich, das Fürwort „es“ in Verbindung mit einer Präposition zu benutzen. Das bringt mich aber ganz schön in die Bredouille, wenn ich diesen Satz übersetzen will:

„[…] said the monster would be returning tonight, which means we have to wait for it.

Schreibe ich nun …

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir darauf warten müssen.“

oder

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

es handelt sich tatsächlich um eine Art „Klemme“. Die Verwendung von darauf kommt eigentlich nicht in Frage (siehe hier unter „Gebrauch und Einschränkungen“). Sie könnten eventuell das ziemlich umgangssprachlich klingende auf es verwenden:

… was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.

Stilistisch besser wäre es aber, diese Konstruktion zu vermeiden, indem Sie den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf das Monster/die Seeschlange/den Drachen/das Gespenst (oder welche Form das Ungeheuer auch haben möge) warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht wiederkommen, was bedeutet, dass wir auf seine Rückkehr warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir es hier erwarten müssen.

Zwei weitere Beispiele, in denen man sich in der gleichen Zwickmühle befindet:

Sie führte das Pferd in den Stall und legte Futter für das Tier bereit. (statt: dafür/für es)
Er merkte, dass das Kind hinter ihm her lief, und wartete auf sie/ihn. (statt: darauf, auf es)

Es gibt hier also eine Lücke im Verweissystem des Deutschen, die man am besten mit einer (kleinen) Umformulierung umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

»Sowie« ist doch nicht ganz »und«

Die Konjunktion sowie wird in den Wörterbüchern u. a. mit und, und außerdem, und auch umschrieben. Sie dient dazu, die Glieder einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Dieses sowie ist vor allem dann praktisch, wenn eine Häufung von und vermieden werden soll: Hans und Erna sowie meine Eltern waren da. Bis jetzt ging ich immer davon aus, dass – abgesehen von stilistischen Kriterien –  sowie immer für und stehen kann. Nach Frau B.s Frage bin ich aber nicht mehr ganz dieser Meinung.

Frage

Heute bin ich über einen Satz gestolpert, in dem „sowie“ als Aufzählung in einer längeren Phrase verwendet wird. Meiner Meinung nach ist diese Verwendung nicht richtig. […] Hier der Satz:

Profitieren Sie vom Netzwerk der Jahresauftaktveranstaltung unserer Branche und knüpfen Sie neue sowie pflegen Sie bestehende Kontakte.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

auch ich bin der Meinung, dass hier nicht sowie verwendet werden sollte. Bei der Begründung, warum dies so ist, muss ich allerdings ein bisschen spekulieren.

Ich denke, dass sowie trotz der Zusammenschreibung im Satz noch ähnlich wie ergänzendes ebenso wie behandelt wird:

Hans und Erna und meine Eltern waren da.
Hans und Erna sowie meine Eltern waren da.
Hans und Erna, ebenso wie meine Eltern, waren da.

Die Abeilungsleiterin und ihr Stellvertreter waren abwesend.
Die Abeilungsleiterin sowie ihr Stellvertreter waren/war abwesend.
Die Abeilungsleiterein, ebenso wie ihr Stellvertreter, war abwesend.

Dass hier bei der Aufzählung mit sowie auch der Singular war stehen kann, zeigt schon, dass es einen gewissen Unterschied zwischen und und sowie gibt (mehr zur Verbform bei sowie hier).

Auch bei der Aufzählung von Infinitivsätzen und Nebensätzen ist der Ersatz von und durch sowie (resp. ebenso wie) einfach:

Ich vergaß die Fenster zu schließen und die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen sowie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen, ebenso wie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.

Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat und dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat sowie dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat, ebenso wie, dass ihr bald wiederkommt.

Wenn aber Hauptsätze miteinander verbunden werden sollen, „klemmt“ es. Die Wortstellung ist nämlich nach dem nebenordnenden und anders als nach unterordnendem ebenso wie:

Er hat sie eingeladen und sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, ebenso wie sie die Einladung angenommen haben.

Verhält sich sowie nun wie und oder wie ebenso wie? Wenn wir in den Beispielsätzen und resp. ebenso wie durch sowie ersetzen, erhalten wird Folgendes:

*Er hat sie eingeladen sowie sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, sowie sie die Einladung angenommen haben.

Der erste Satz ist m. E. schlichtweg falsch. Der Einfluss von ebenso wie ist wohl noch so stark, dass die Hauptsatzwortstellung nach sowie nicht möglich ist. Der zweite Satz ist nicht falsch, aber er wird anders verstanden: sowie bedeutet als Nebensatzeinleitung sobald.

Die Konjunktion sowie weigert sich sozusagen, Hauptsätze in einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Auch die folgenden Sätze sind demnach falsch formuliert:

*Er ist hellbraun und gräulich sowie er hat Schlappohren.
*Sie müssen die Ware nicht einpacken sowie Sie müssen nicht Schlange stehen.

Auch in Ihrem Satz kann und nicht durch sowie ersetzt werden, weil in ihm zwei Hauptsätze, in diesem Fall Befehlssätze, miteinander verbunden werden. Es ist deshalb besser, hier nicht sowie zu verwenden. Besser zum Beispiel:

Profitieren Sie vom Netzwerk der Jahresauftaktveranstaltung unserer Branche, knüpfen Sie neue und pflegen Sie bestehende Kontakte.

Man könnte also zusammenfassend sagen, dass aufzählendes sowie trotz der Bedeutung und auch immer noch eine unterordnende Konjunktion ist, der allerdings bei der Aufzählung von Sätzen die Bedeutung sowie = sobald im Wege steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eines der besten Schnitzel, das oder die …?

Frage

Ich habe eine grammatische Frage: Heißt es „Das ist eines der besten Schnitzel, das ich je gegessen habe“ oder „Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

Das ist das beste Schnitzel, das ich je gegessen habe.
Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe.

Ob man das Relativpronomen das oder die wählt, hängt davon ab, auf welches vorhergehende Wort sich das Pronomen bezieht.

Beim ersten Satz bezieht sich das Relativpronomen auf die Wortgruppe das beste Schnitzel, also auf ein sächliches Wort in der Einzahl. Man wählt deshalb das entsprechende sächliche Relativpronomen der Einzahl: das.

Bei Konstruktionen der Art eine/einer/eines der … bezieht sich das Relativpronomen in der Regel auf das vorhergehende Substantiv im Plural, nicht auf eines. Nicht das mit eines bezeichnete Beispiel, sondern die Gruppe, zu der es gehört (hier: der besten Schnitzel), wird näher bestimmt. Man wählt deshalb die Pluralform des Relativpronomens: die.

Weitere Beispiele:

einer der letzten Menschen, die noch hier wohnen
eine der berühmtesten Künstlerinnen, die hier aufgetreten sind
einer der schönsten Städtenamen, die ich kenne
eines der Museen, die ich in Berlin besuchen werde
Sie ist eine der wenigen, denen er noch vertraut.

Ich hoffe für Sie, dass das Beispiel in Ihrer Frage nicht nur ein erdachtes Beispiel war. Ein gutes Schnitzel ist nie zu verachten (außer wenn man Schnitzel nicht mag). Eines der besten Schnitzel, die man je gegessen hat, ist natürlich noch viel besser. Ich würde es auch genießen, wenn es mir mit dem Relativpronomen das statt die angeboten würde! Grammatik ist gut, Kulinarik ist besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp