Frage
Macht der folgende Satz Sinn?
Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder der Einbildung derselben.
Also:
Ich leide an einer Krankheit oder an der Einbildung einer Krankheit.
Zwar bin ich davon überzeugt, dass der Satz sinnvoll und korrekt ist, dennoch erscheint er mir irgendwie „sonderbar“. Was halten Sie davon?
Antwort
Sehr geehrter Herr B.,
auch mir kommt dieser Satz seltsam vor. Er ist nicht unbedingt falsch, aber ungewöhnlich formuliert. Was stört uns an dieser Formulierung? Ein Erklärungsversuch:
Wenn man leidet, weil man sich eine Krankheit einbildet, sagt man normalerweise nicht, dass man an der Einbildung leidet. Das Leiden wird ja subjektiv nicht durch die Einbildung, sondern durch die Symptome der vermeintlichen Krankheit verursacht. Üblichere Formulierungen sind deshalb wohl:
Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder ich bilde mir sie ein.
Ich leide an einer sonderbaren oder an einer eingebildeten Krankheit.
Ihr Beispiel (Ich leide an der Einbildung einer Krankheit) ist, wie gesagt, nicht grundsätzlich falsch. Man sagt aber eigentlich nicht, dass man an den Symptomen einer eingebildeten Krankheit leidet. Man betont eher, dass man am Bewusstsein leidet, sich eine Krankheit einzubilden.
Es gibt allerdings eine noch viel einfachere stilistische Erklärung, die ohne semantische Haarspalterei auskommt: Die Formulierung die Einbildung einer Krankheit ist umständlicher, unschöner Nominalstil*. Nur schon deshalb sagt man besser eine eingebildete Krankheit oder sich eine Krankheit einbilden.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp
* Nominalstil = Stil mit vielen Substantiven und entsprechend wenig Verben und Adjektiven. Die Substantive sind oft von Verben oder Adjektiven abgeleitet. Der Nominalstil wirkt oft schwerfällig, umständlich oder bürokratisch und sollte wenn möglich vermieden werden. Beispiele: das Nichterfüllen der Versicherungs- und Sicherstellungspflich, bei Nichterscheinen, Inanspruchnahme der Ausfuhrerstattung, die Höherstellung der Enthaltsamkeit, die Einbildung einer Krankheit.
