Twenty-one, vingt-et-un, zwanzigundeins …

Frage

Eine Frage liegt mir schon eine Weile am Herzen: die Zahlenaussprache in der deutschen Sprache.

Englisch Deutsch Russisch
eleven elf [adínatzat‘]
twelve zwölf [dwinátzat‘]
thirteen dreizehn [trinátzat]
fourteen vierzehn [tschityrnatzat‘]
fifteen fünfzehn [pitnátzat‘]
sixteen sechzehn [schyßnátzat‘]
seventeen siebzehn [ßimnátzat‘]
eighteen achtzehn [waßimnátzat‘]
nineteen neunzehn [diwitnátzat‘]
twenty zwanzig [dwátzat‘]
twenty-one einundzwanzig [dwátzat‘ adín]

Warum wird im Deutschen und im Englischen eine eigenständige 11 und 12 gesprochen und nicht z.B. ein-zehn, zwei-zehn wie im Russischen (1-[natzat], 2-[natzat]). Ab 13 haben alle drei Sprachen wieder die Zusammensetzung Einerzahl+zehn.

Und dann noch folgender Unterschied: Während im Englischen und Russischen ab zwanzig zuerst die Zehnerzahl und dann die Einerzahl genannt wird (twenty-one, [dwátzat‘ adín]), ist es im Deutschen umgekehrt (einundzwanzig).

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die einfachste Antwort auf Ihre Frage könnte lauten: Weil es so ist. Diese Antwort wäre aber wenig befriedigend. Ich meine damit, dass verschiedene Sprachen verschiedene Methoden entwickelt haben, um dasselbe auszudrücken.

Dass einige Sprachen wie das Deutsche und Englische ein einfaches Wort für elf und zwölf haben, liegt wohl daran, dass man früher nicht nur das Dezimalsystem verwendetet. Häufig rechnete man zum Beispiel mit Dutzend (12), halbem Dutzend (6) und Gros (= 12 Dutzend = 144). So werden zum Beispiel Eier auch heute noch häufig in Verpackungen zu 6 oder 12 Eiern verkauft. Man ging in diesem System bei den Zahlwörtern erst nach 12 auf das Dezimalsystem und die entsprechenden zusammengesetzten Bezeichnungen über*. Das ist bis heute so erhalten geblieben.

Eine Art Zwanzigersystem gab es im französischen Sprachraum: Man zählt in Frankreich auch heute noch zwischen 60 (= 3 x 20) und 80 (= 4 x 20) durch, das heißt es gibt kein Wort für siebzig:

soixante-neuf, soixante-dix, soixante-et-onze, soixante-douze
= sechzig-neun, sechzig-zehn, sechzig-und-elf, sechzig-zwölf

Zwischen 80 und 99 wird es noch komplizierter:

80 = quatre-vingt = vier [mal] zwanzig
81 = quatre-vingt-un = vier zwanzig eins
89 = quatre-vingt-neuf = vier zwanzig neun
90 = quatre-vingt-dix = vier zwanzig zehn
91 = quatre-vingt-onze = vier zwanzig elf
99 = quatre-ving-dix-neuf = vier zwanzig zehn neun

In verschiedenen Sprachen haben sich also verschiedene Zählsysteme entwickelt, die in unterschiedlicher Weise bis heute erhalten geblieben sind. So kompliziert wie bei quatre-vingt-dix-neuf wird es aber selten.

Ähnliches kann über die Reihenfolge der Elemente in zusammengesetzten Zahlen gesagt werden. Einige germanische Sprachen wie Deutsch, Niederländisch, Friesisch und altes o. gehobenes Englisch nennen zuerst die Einerzahl, dann die Zehnerzahl:

dt. dreizehn, neunzehn, einundzwanzig
nl. dertien, negentien, eenentwentig eenentwintig
en. thirteen, nineteen, one and twenty

Das moderne Englisch wechselt wie das Russische ab zwanzig von der Einer-Zehner-Folge auf die Zehner-Einer-Folge

eightnineteen, nineteen || twenty-one, twenty-two

Im Englischen ist diese Reihenfolge aber nicht ursprünglich, sondern (gem. Wörterbuch Merriam-Webster) aus dem Französischen übernommen worden. Das alte, aus dem Angelsächsischen stammende one and twenty ist fast gänzlich durch das heute übliche twenty-one ersetzt worden. Das moderne Englisch verwendet also germanische Zahlwörter in romanischer Reihenfolge.

Zur Bevorzugung der einen oder der anderen Variante kann man ganz grob Folgendes sagen: In germanischen Zusammensetzungen wird der Kern einer Zusammensetzung zuletzt genannt, während er in romanischen Sprachen zuerst genannt wird. Das könnte bei der Bildung von Zusammensetzungen für Zahlen einen Einfluss gehabt haben:

Fußballmannschaft – équipe de football
Zahlensysten – système de numération
marineblau – bleu marine
einundzwanzig – vingt-et-un

Diese Darstellung beschränkt sich auf einige wenige Sprachen und ist auch sonst alles andere als vollständig. Sie soll nur zeigen, dass verschiedene Sprachen und Sprachgruppen bei der Bennenung der Zahlen ganz unterschiedliche Strategien verwendet haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die Zahlwörter elf und zwölf beziehen sich allerdings indirekt auch auf zehn. Ihre ursprüngliche Bedeutung war ungefähr eins übrig und zwei übrig, d. h., was übrig bleibt, wenn man schon zehn gezählt hat.

Vermischtes über Vögel

Zu Hause brüten die Kohlmeisen. Das habe ich Ihnen schon erzählt. Hier im Ferienhäuschen gab mir ein anderer Vogel zu denken. An das Hausamselpärchen, das um das Haus herum Regenwürmer sammelt, hatte ich mich schon gewöhnt (und sie sich an mich). Letzthin sah ich aber einen anderen, etwas kleineren, braunen Vogel mit hellem Bauch und Tupfen und Streifen, der ebenfalls im Garten Würmer und anderes, was solche Vögel mögen, aufpickte. Das gefiel den Amseln nicht besonders gut, aber ihre Vertreibungsversuche waren wohl nicht allzu erfolgreich. Ich sehe den Vogel seither regelmäßig im Garten herumtrippeln. Da meine ornithologischen Kenntnisse nicht viel weiter reichen als bis zum Erkennen von Kohlmeisen, Amseln, Stadttauben, Spatzen und Flamingos, wusste ich nicht, um was für einen Vogel es sich handelt. Der Nachbar brachte Klarheit: „Das ist eine Lerche.“

Von Lerchen wusste ich bis anhin wenig, außer dass eine Vertreterin dieser Vogelart Romeo und Julia den Tag ankündigte und dass man sie im Gegensatz zum Lärche genannten Baum mit e schreiben muss. Den Unterschied Lerche = Vogel und Lärche = Baum musste ich auswendig lernen. Welche Eselsbrücke ich auch ausprobierte, es gab immer auch einen Baum mit e oder einen Vogel mit a oder ä, der mir das neu erdachte Brücklein gleich wieder einstürzen ließ. Geblieben ist nur das wenig überzeugende „Lerche wie Vogel und Lärche wie Baum.“

Nachdem ich nun zum ersten Mal bewusst eine Lerche gesehen hatte, nahm mich wunder, ob vielleicht die Wortherkunft als Stütze dienen kann. Der Name des Vogels ist ein altes germanisches Wort, dessen althochdeutsche Form lerahha sich zum heutigen Lerche entwickelt hat. Der Name des Baumes (das klingt fast wie ein Roman eines Eco-Nachahmers) geht auf die lateinische Bezeichnung larix zurück, die über die Formen larche und lerche zur heutigen Lärche wurde. Wenn man nicht des Althochdeutschen mächtig ist und einem die lateinischen Bezeichnungen von Bäumen auch nicht allzu geläufig sind, hilft einem die Wortherkunft also nicht viel weiter. Das ist aber nicht sehr tragisch. Es gibt Schwierigeres in der Rechtschreibung und Wichtigeres im Leben als den Unterschied zwischen Lerche und Lärche. Und in „Notfällen“ hilft Canoonet weiter.

Während des Schreibens höre ich, wie die Amselmännchen in der Umgebung sich sehr melodiös fast die Lungen aus dem Leibe singen. Dabei stellt sich mir plötzlich eine ganz andere Frage: Warum treten in Literatur und Dichtung eigentlich immer die Nachtigallen und Lerchen auf, wenn in der Vogelwelt schön gesungen wird? Die Amseln haben doch auch ein großes Repertoire, das sie in sehr verdienstvoller Weise zu Gehör bringen!

Wer und wo, who and where – ein Missverständnis?

Frage

Ich bin ein „Hobbyetymologe“, den schon seit geraumer Zeit die folgende Frage beschäftigt: Bei den Fragepronomen wer (engl. who) und wo (engl. where) muss doch eine der beiden Sprachgruppen – die deutsche oder die englische – die andere Sprachgruppe missverstanden haben. Wer hat hier wen missverstanden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

wenn man nur nach Äußerlichkeiten urteilen würde, müssten tatsächlich wer und where resp. wo und who miteinander verwandt sein. Die Bedeutung dieser Fragewörter lässt aber zu Recht ein anderes Verwandtschaftsverhältnis vermuten:

Das deutsche Fragewort wo geht über mittelhochdeutsches wa auf das althochdeutsche (h)war zurück. Es bedeutete eigentlich an was (für einem Ort). Das entsprechende englische Fragewort where geht auf altenglisches hwær zurück, das – Sie erraten es vielleicht schon – mit dem althochdeutschen (h)war verwandt ist. Die Fragewörter wo und where haben also grob gesagt den gleichen Ursprung. Sie haben aber nicht den gleichen Lautwandel durchlaufen.

Ebenfalls mit wo und where sind zum Beispiel verwandt: niederländisch waar, friesisch wêr, schwedisch var und dänisch hvor.

Das deutsche Fragewort wer geht auf das althochdeutsche (h)wer zurück. Seine englische Entsprechung who ist über altenglisches hwa ebenfalls mit dem althochdeutschen (h)wer verwandt. Auch hier gilt: gleicher Ursprung, aber andere Lautentwicklung.

Vergleichen Sie auch zum Beispiel friesisch wa, schwedisch vem, dänisch hvem und niederländisch wie (sic!).

Die Englischsprachigen und die Deutschsprachigen haben einander also (in diesem Fall) nicht missverstanden. Die verwirrenden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen wer und who und wo und where sind vor allem dadurch entstanden, dass die beiden Sprachgruppen im Laufe der Jahrhunderte ihre Fragewörter nicht in gleicher Weise „schlampig“ ausgesprochen haben. So sieht man wieder einmal: Gäbe es keine Sprachentwicklung, müsste man auch keine Fremdsprachen lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Neues mit klassischer Endung: Nova, Novä, Novum, Nova

Frage

Die Anwendungen und Aussprachen der Mehrzahl in der deutschen Sprache haben sich ja oft verändert. So heißt die Mehrzahl von Atlas eigentlich Atlanten, aber ich glaube, es ist auch erlaubt, Atlasse zu sagen. Nun aber die für mich nicht nachzuvollziehende Mehrzahl von Supernova: Ich habe gerade wieder einen Bericht gesehen und immer wieder spricht man hier in der Mehrzahl von Supernovae. Ist das richtig und in irgendeiner Art und Weise nachzuvollziehen?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

man darf zum Entsetzen einiger Traditionsbewusster heute tatsächlich nicht nur Atlanten, sondern auch Atlasse sagen und schreiben. Bei Supernova hingegen ist die Welt auch für Liebhaber klassisch beeinflusster Wortformen noch in Ordnung: Der Plural lautet Supernovae oder Supernovä. Woher kommt diese im Deutschen ungewöhnliche Endung?

Nova bezeichnete ursprünglich einen Himmelskörper, der vorher nicht sichtbar gewesen war. (Heute ist die Definition etwas komplizierter.) Eine Supernova ist eine besonders starke Nova. Das Wort Nova kommt aus dem Lateinischen: stella nova = neuer Stern. Die Form stella nova ist weiblich und steht im Singular. Die entsprechende Form ist im Nominativ Plural stellae novae. Deshalb lautet der Plural auch im Deutschen Novae oder Novä und Supernovae oder Supernovä.

Vom gleichen lateinischen Adjektiv novus (neu) kommt auch das Wort das Novum = die Neuheit, die neue Tatsache. Hier verwenden wir die sächliche Form novum. Der dazugehörende Nominativ Plural ist nova. Entsprechend lautet der selten vorkommende Plural von das Novum auch im Deutschen die Nova.

Die Nova trägt ihren Namen, weil sie gewissermaßen ein Novum ist. Mehrere Novä sind also Nova. Die Nova in der Einzahl und die Nova in der Mehrzahl könnten einem so glatt durcheinandergeraten. Glücklicherweise gibt der Kontext in der Regel an, ob von einem astronomischen Phänomen oder von Neuheiten die Rede ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das zweite l des Kellners

Bei einem Cafébesuch heute Nachmittag waren die Kellner und Kellnerinnen so schlecht organisiert (alle kümmerten sich um alles und deshalb niemand wirklich um etwas), dass man immer ziemlich lange warten musste, obwohl ihre Gesamtzahl kaum geringer war als die Zahl der Gäste. Auch das Kellnern will gelernt sein. Mir kommt dabei die folgende Frage von Frau S. in den Sinn:

Frage

Laut der Rechtschreibregelung wird ein Konsonant nach einem kurzen Vokal nur dann verdoppelt, wenn er allein steht. Wie verhält es sich nun mit dem Wort „Kellner“? Das e wird kurz gesprochen, darauf folgen l und n. Also dürfte das l nicht verdoppelt werden. Wo liegt also der Ursprung des Wortes, durch den man das Doppel-l erklären könnte? Kommt es von „Keller“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort Kellner (lat. cellenarius) ist tatsächlich mit Keller (lat. cellarium) verwandt. Der Kellner war ursprünglich der Kellermeister, der Vorsteher des Wein- und Vorratskellers. Die heutige Bedeutung (Bedienung in Gasthäusern) hat das Wort seit dem 18. Jahrhundert.

Ein Ober ist übrigens nichts anderes als ein verkürzter Oberkellner. Der Oberkellner ist eigentlich der Kellner, der für die Abrechung mit den Gästen verantwortlich ist. Die Kurzversion Ober wird aber in der Regel als Anrede für alle bedienenden Herren verwendet. Wenn man die Aufmerksamkeit einer Kellnerin erheischen will, muss man sich meist mit einem Entschuldigen Sie bitte behelfen. Die Anredeform Oberin hat sich nicht durchgesetzt. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Oberin bereits die Bezeichnung für eine Oberschwester oder die Leiterin eines Nonnenklosters ist. Auch bei Kellnern ziehe ich heutzutage übrigens das Entschuldigen Sie bitte! dem Ober! vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS:

Dieses Entschuldigen Sie bitte! war heute leider etwas häufiger nötig, als mir eigentlich lieb ist. Dafür war das Wetter vorfrühlingshaft schön! Dann wird man auch weniger professionellem Kellnerhandwerk gegenüber vergebungsgesinnt.

Neuseeland, das neue Land in der See, oder etwa doch nicht?

Unser niederländischer Freund Hans reist zurzeit durch Neuseeland und schickt uns mit Hilfe des Internets in regelmäßigen Abständen seine Reiseberichte und Fotos. Da die meisten von Ihnen zwar mindestens einen Hans kennen, aber nicht diesen Hans, handelt der heutige Bericht nicht von ihm und seiner Reise, sondern von Neuseeland. Es geht um den Namen des Landes.

Ohne viel zu überlegen ging ich immer davon aus, dass Neuseeland seinen Namen der Tatsache verdankt, dass es bei der Landung der ersten Europäer für diese neues Land mitten in der See war. Der Name Neuseeland lag also nahe. Heute fragte ich mich plötzlich, warum Neuseeland in der Landessprache Englisch mit Z geschrieben wird: New Zealand. Woher kommt das Z? Die englische Entsprechung für die See schreibt man doch auch im Englischen mit s: the sea. Man findet das Z auch in anderen Sprachen: Nouvelle-Zélande (frz.), Nueva Zeland[i]a (span.), Nuova Zelanda (ital.), Nowa Zelandia (poln.), Nya Zeeland (schwed.), Nieuw-Zeeland (nld.) u. a. m.

Woher kommt also dieses Z? Soweit ich es anhand der online verfügbaren Quellen beurteilen kann, schrieb man das englische Wort sea immer mit dem Anfangsbuchstaben s. Der rein sprachgeschichtliche Weg zurück hilft uns hier also nicht viel weiter. Geschichte ist natürlich trotzdem das Schlüsselwort: Der erste Europäer, der Neuseeland erblickt haben soll, war im 17. Jahrhundert der holländische Endeckungsreisende Abel Tasman. Er nannte die Insel zuerst Stateneiland (= Insel der Staten-Generaal, d.h des niederländischen Parlaments; vgl. die Insel Staten Island bei New York, die heute noch so heißt). Herr Tasman entdeckte auch die südlich vor Australien liegende Insel Tasmanien, deren Name hiermit auch gleich erklärt ist. Nebenbei sei noch erwähnt, dass Australien lange Zeit Neu-Holland genannt wurde, bevor es den heutigen Namen erhielt. Die Niederländer, die großen Entdeckungsreisenden des 17. Jahrhunderts, haben auch Neuseeland seinen Namen gegeben: Niederländische Kartographen, die wichtigsten der damaligen Zeit, tauften Tasmans Stateneiland nach der im Südwesten der heutigen Niederlande liegenden Provinz Zeeland auf Nieuw-Zeeland um (dt. Seeland und Neu-Seeland). Das Z, das man in vielen Sprachen im Namen Neuseelands antrifft, ist also niederländischen Ursprungs. Neuseeland ist nicht, wie ich meinte, das neue Land in der See, sondern das neue Seeland.

Unser moderner Entdeckungsreisender Hans bereist somit Inseln, die ihren Namen seinen niederländischen Vorvätern zu verdanken haben. Die Nachfahren der wirklichen Entdecker Neuseelands, die Maori, nennen ihr Land in ihrer Sprache heute meist Aotearoa. Die Bedeutung dieses Namens soll Land der langen weißen Wolke sein. Das ist noch viel poetischer, als Neues Land in der See es gewesen wäre!

Der unpassende Name der Schmetterlinge

Im Zusammenhang mit  Schmant und Schmand fand ich nebenbei zufällig die Antwort auf eine Frage, die ich mir schon öfter gestellt hatte: Warum haben Schmetterlinge einen so schlecht passenden Namen? Wenn einmal das Wort gekürt würde, dessen Klang am wenigsten mit seiner Bedeutung übereinstimmt, wäre mein Vorschlag Schmetterling.

Wie kann man ein buntes, luftiges, geräuschlos von Blume zu Blume flatterndes, sich zwischendurch auf einem leicht im Winde wiegenden Blatt ausruhendes Wesen Schmetterling nennen?! Der Klang von schmetter passt zu Vasen, die während Wutanfällen an Wänden zerbrechen; zu Türen, die bei effektvollen Abgängen ins Schloss knallen; zu Tennisbällen, die Roger Federer kraftvoll über das Netz schlägt; von mir aus auch zum Trompetengeschall, das erklingt, wenn Kleopatra in einem pompösen Kostümfilm in Rom einzieht – zu einem kleinen, feinen Insekt wie dem Schmetterling passen die beiden Silben schmetter eindeutig nicht. Da rettet auch die Endung –ling nichts mehr. Der vor allem in Schweizer Mundarten übliche Name Sommervogel trifft es doch besser. Er stimmt zoologisch gesehen zwar nicht ganz, aber er hat wenigstens etwas Poetisches.

Wie kommen also die Schmetterlinge zu ihrer auf den ersten Blick so unpassenden Bezeichnung. Wie immer sind sich die Gelehrten nicht ganz einig. Einige assoziieren den Namen wegen des Flügelschlags der Falter einfach mit dem Verb schmettern. Weiter verbreitet und auch schöner ist die Erklärung, dass Schmetterling mit dem Wort Schmetten verwandt ist. Schmetten ist ein im Ostmitteldeutschen verwendetes Wort für Sahne, das vom tschechischen Wort smetana herkommt (wie gemäß einer Erklärung Schmant/Schmand). Aus einer ebendieser ostmitteldeutschen Mundarten, dem Sächsischen, stammt ursprünglich auch das Wort Schmetterling. Weitere Indizien sind alte oder regionale Namen für Schmetterling: Neben zum Beispiel Sommervogel, Meienvogel, Tagvogel, Müllermaler und Raupenscheißer heißen oder hießen die Schmetterlinge auch Buttervogel, Butterfliege (vgl. englisch butterfly), Schmantlecker oder Molkendieb.

Den Zusammenhang zwischen den Schmetterlingen und den Milchprodukten erklärt das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Es handelt sich hierbei um dieselben Gebrüder Grimm, die man von den Märchen kennt. In Sachen Volksglauben dürften es sich also um Experten handeln:

eine alte vorstellung des volksglaubens liegt hier zu grunde, dasz hexen die gestalt von schmetterlingen annehmen und in dieser verhüllung einem ihrer hauptgeschäfte, dem verderben der milch- und buttervorräte nachgehen.
(DWB Grimm: Schmetterling)

Nachdem ich dies nun weiß, missfällt mir die Bezeichnung Schmetterling schon viel weniger. Sie hat ja doch etwas Poetisches! Wenn ich in der wärmeren Jahreszeit wieder einmal einen Schmetterling unschuldig durch die Lüfte gaukeln sehe, werde ich daran denken, dass diese Unschuld nur vorgegaukelt ist – und sofort mein Milch- und Buttervorräte in Sicherheit bringen.

Heide in Heidenangst

Frage

Kommt Heidenangst von Heide? Wo liegt da der inhaltliche Zusammenhang? Ebenso: Heidenspaß, Heidenlärm.

Antwort

Guten Tag M.,

die Verstärkung Heiden- kommt tatsächlich von Heide, allerdings nicht vom weiblichen Substantiv die Heide. Die Heide könnte man zwar nachts als beängstigend erfahren, aber wirklich gruselig sind oder waren landschaftlich gesehen doch eher dunkle Wälder, abgrundtiefe Schluchten, faulig riechende Sümpfe und von Nebelschwaden durchzogene Moore.

Es gab auch keine Frau namens Heide (kurz für Adelheid = von edlem Wesen), die so furchterregend gewesen wäre oder sich einmal so fürchterlich gefürchtet hätte, dass man ihren Namen allgemein benutzte, um eine besonders große Angst zu benennen.

Heiden- ist also auf das männliche Wort der Heide (der Ungläubige) zurückzuführen. Man empfand die Heiden früher als angsteinflößend, grauenvoll, maßlos, ausschweifend und was es sonst noch alles an negativen Qualifikationen dieser Art gibt. Die Angst vor den Heiden war groß. Diese wörtliche Heidenangst hat sich heute wohl gelegt (und vielfach anderen Ängsten Platz gemacht), aber man sagt immer noch Heidenangst, Heidenarbeit, Heidengeld, Heidenlärm, heidenmäßig, Heidenrespekt, Heidenspaß usw. In dieser Weise ist Heiden- ähnlich wie Riesen- zu einem verstärkenden Wortbildungselement geworden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Sockenpuppen Trolle füttern

Ihre Fragen zu Sprache und Rechtschreibung beantworte ich über das Internet und ich schreibe an dieser Stelle regelmäßig Blogberichte. Ich bin also kein absoluter digitaler Analphabet. Dass ich aber nicht gerade an der vordersten Front der digitalen Avantgarde mitmarschiere, zeigt sich wieder einmal daran, dass ich in der vergangenen Woche freudig etwas Neues entdeckt habe, was anderen schon seit langem bekannt ist. Ich kann es deshalb nicht als sprachliche Neuentdeckung, sondern nur als Beispiel für die Entstehung neuer Wortbedeutungen präsentieren.

Im Zusammenhang mit unflätigen und aggressiven Beiträgen eines wenig diskussionsbereiten Teilnehmers in einem Internetforum, in das ich hin und wieder hineinsehe, stieß ich auf den Vorwurf, der genannte Störenfried sei ein Troll. Ich habe ziemlich gut verstanden, was damit gemeint ist, auch wenn ich Trolle bis dahin nur als bösartige, gewalttätige und Schaden verursachende Wesen aus der nordischen Mythologie und aus Tolkiens Ring-Trilogie gekannt hatte. Entscheidend für die Übertragung von der Mythologie (oder Tolkien) auf die Kommunikation im Internet sind natürlich die Eigenschaften bösartig und schädigend. Ein Troll ist – wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen – jemand der in Diskussionen oder Foren mit seinen Beiträgen provoziert und stört, und zwar um des Provozierens und Störens willen.

Das Wort Troll ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Sprache Bezeichnungen für neue Erscheinungen entstehen können. Es werden fast nie völlig neue Wörter erfunden. In diesem Fall verwendet man ein bestehendes Wort in bildlichem, übertragenem Sinne. Verbindendes Element sind typische Eigenschaften, die der ursprüngliche Begriff und der mit dem gleichen Wort neu benannte Begriff gemeinsam haben. Hier sind das, wie gesagt, u. a. die Eigenschaften bösartig und Schaden verursachend. Eine solche übertragene Verwendung eines Wortes kann einmalig sein, sie kann aber auch in den festen Wortschatz einer Sprache übergehen (vgl. zum Beispiel die Schlange vor der Kasse, die Maus am Computer oder die Schwalbe in Akrobatik und Fußball).

Ich habe weiter erfahren, dass man Trolle nicht füttern soll. Man soll also keine Antworten oder Reaktionen auf ihre Beiträge schreiben, die ihnen die Möglichkeit bieten, weiter störend aufzutreten. Auch das Wort füttern wird hier metaphorisch, das heißt in übertragenem Sinne verwendet.

Und nun zu meiner Lieblingsmetapher in diesem Bereich: Wenn ein Troll bemerkt, dass er nicht mehr gefüttert wird, aber trotzdem weiter sein Unwesen treiben möchte, kann er einen einfachen Trick anwenden: Er greift zur Sockenpuppe. Man erstellt ein neues Benutzerprofil unter einem anderen Namen. Mit Hilfe eines solchen Zweit- oder Drittprofils kann man sich dann als Troll selbst füttern, das heißt, man schreibt die Antworten, auf die man danach wieder trollenderweise reagieren kann, einfach selbst. Das Bild, das dahintersteckt, ist der Bauchredner, der sich mit seiner aus einer Socke angefertigten Handpuppe „unterhält“.

Ein Troll, der sich mit Hilfe einer Sockenpuppe selbst füttert, ist in der digitalen Kommunikation äußerst unangenehm, sprachlich aber zeigt sich dabei sehr schön, wie alte Wörter neue Bedeutungen erhalten und wie neue Begriffe zu ihrem Namen kommen können. Mögen Ihnen in Ihrer digitalen Kommunikationswelt Trolle und Sockenpuppen erspart bleiben! Ihre Bezeichnungen klingen amüsant, sie selbst sind aber nur ärgerlich.

Mandarin und Mandarine

Welche Frucht gehört zum Nikolaustag? Bei mir ist es eindeutig die Mandarine – so sehr sogar, dass ich eigentlich finde, dass die Mandarinensaison erst am 6. Dezember beginnen dürfte. Das Wort „eigentlich“ zeigt allerdings, dass ich mich nicht an diese selbsterfundene „Tradition“ halte. Auch dieses Jahr habe ich die erste Mandarine der Saison nicht erst heute gegessen.

Die Frage, die ich mir heute stellte, war, inwieweit eine Mandarine etwas mit einem Mandarin genannten hohen chinesischen Beamten zu tun hat. Ein solcher Zusammenhang drängt sich ja bei Worten, die einander so ähnlich sind wie die Mandarine und der Mandarin, unweigerlich auf. Ich habe deshalb ein paar Quellen „angebohrt“ und dabei wieder einmal viel mehr gefunden, als ich erwartet hätte. Hier ein kleiner Auszug, der in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Es beginnt damit, dass das Wort Mandarin, mit dem ein früherer hoher chinesischer Beamter bezeichnet wird, nicht chinesisch ist. Es müsste dann ja Mandalin heißen. (Man verzeihe mir bitte diesen für mich unwiderstehlichen Kalauer.) Das Wort Mandarin ist im 17. Jahrhundert aus dem Portugiesischen zu uns gekommen. Dort war wahrscheinlich aus dem portugiesischen Verb mandar (befehlen) und dem malaiischen Wort mantari (Ratgeber des Fürsten, Minister) das Wort mandarin entstanden. Das Wort wurde dann nach China übertragen und für dortige hohe Beamte verwendet. Auf Chinesisch heißt ein solcher Beamter übrigens guan.

Da China groß ist und es dort sehr viele verschiedene Dialekte gibt, benötigten die Mandarine eine Beamtensprache, mit der sie sich im ganzen Reich verständigen konnten. Diese Sprache, die eine ähnliche Funktion hatte wie Latein in Europa, wurde von den Europäern Mandarin genannt. Das Mandarin basiert auf dem in Peking gesprochenen Dialekt und ist heute die Standardsprache Chinas.

So viel zu der Mandarin und das Mandarin. Wie steht es nun mit der Frucht Mandarine? Hier ist vieles unklar. Je nach Quelle heißt es, die ursprüngliche Variante sei französisch (orange mandarine), spanisch (naranja mandarina) oder dank der Reisebeschreibungen eines schwedischen Schiffskaplans auch schwedisch (mandarin-apelsin). Auf jeden Fall ist im Laufe der Zeit Orange oder Apfelsine weggefallen und nur Mandarine übriggeblieben. Noch unklarer und entsprechen phantasievoller sind die möglichen Erklärungen, weshalb man zu diesem Namen kam. Hier ein paar Beispiele:

  • Die Frucht wurde nach der Farbe, die in der Kleidung der Mandarine vorkam, benannt.
  • Die Früchte waren teuer und köstlich, also eines Mandarins würdig.
  • Mandarinen sollen ein traditionelles Geschenk für Mandarine gewesen sein.
  • Der Name ist vom Namen der Insel Mandara, dem heutigen Mauritius, abgeleitet.

Nicht gerade die wahrscheinlichste, aber die vielleicht schönste Erklärung ist diese:

  • Die Frucht mit Stil Stiel und einem Blatt soll eine gewisse Änlichkeit mit dem Sommerhut eines Mandarins haben, den je nach Rang seines Trägers ein Stöckchen und eine Feder zierte.

Sie können also selber wählen, welcher Erklärung Sie Glauben schenken wollen. Im Prinzip macht es ja nicht viel aus. Hauptsache ist, dass der Nikolaus Mandarinen bringt und dass sie schön süß und saftig sind.