Was Begehrlichkeiten mit begehren zu tun haben

Frage

In letzter Zeit hört man in den Medien häufig Formulierungen wie diese: „Der Wirtschaftsboom weckt Begehrlichkeiten bei der FDP.“ Wird in diesem Fall das Wort „Begehrlichkeit“ tatsächlich richtig verwendet oder hat es durch den häufigen Gebrauch gar eine Bedeutungsverschiebung erfahren? Ich habe das Wort immer im Sinn von „Eigenschaft, begehrt zu sein“ verstanden. Das ist in meinem Beispiel ja offensichtlich nicht der Fall. Hier ist ja eher „Verlangen“ gemeint. Woher kommt diese unterschiedliche Verwendung?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

das Wort Begehrlichkeiten wird in diesem Zitat aus den Medien richtig verwendet. Ich vermute, dass Sie das Wort begehrlich anders verwenden, als dies im Allgemeinen üblich ist. Es bedeutet nämlich in der Regel nicht begehrt/begehrbar, sondern begehrend. Die Ableitung Begehrlichkeit bedeutet hier entsprechend nicht das Begehrtsein, sondern das Begehrendsein. Daraus leitet sich die Bedeutung Verlangen, Wunsch ab, die im Medienzitat gemeint ist.

Es ist nicht ganz unbegreiflich, dass es hier manchmal zu Missverständnissen kommt. Bei Adjektiven, die mit –lich von Verben abgeleitet sind, ist das Bedeutungsverhältnis zwischen Basisverb und Ableitung nicht immer gleich:

a) Das Adjektiv auf -lich bezeichnet eine Eigenschaft des Objekts der Verbhandlung.

xx-lich ist, wer oder was ge-xx-t wird (werden kann/muss).

begreiflich – was begriffen werden kann
beachtlich – wer/was beachtet werden muss
käuflich – wer/was gekauft werden kann

b) Das Adjektiv auf -lich bezeichnet eine Eigenschaft des Subjekts der Verbhandlung.

xx-lich ist, wer oder was xx-t.

bedrohlich – wer/was bedroht
erfreulich – was erfreut
vergesslich – wer vergisst

Das Adjektiv begehrlich gehört in der Standarsprache zur Gruppe b); entsprechend auch das Substantiv Begehrlichkeit.

Das ist aber noch nicht alles. Bei einigen Verben, die reflexiv und nichtreflexiv verwendet werden, ist die Situation noch komplizierter:

Sowohl das Veränderbare als das sich Verändernde sind veränderlich.
Sowohl das Ärgernde als auch der Geärgerte sind ärgerlich.

Das kann man mit den unterschiedlichen grammatischen Strukturen der nichtreflexiven (ärgern, verändern) und der reflexiven (sich ärgern, sich verändern) Verbkonstruktionen erklären, aber kompliziert bleibt es trotzdem.

In Fällen wie diesem frage ich mich immer wieder, wie es möglich ist, dass zwei Menschen einander überhaupt je mit Hilfe der Sprache verstehen. Zum Glück müssen wir nicht dauernd – wie hier – über solche komplizierten Strukturen nachdenken, wenn wir uns miteinander unterhalten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unverwandt, verwandt und unabgewandt

Frage

Ich hätte eine Frage zu folgender Redewendung: „Jemanden unverwandt anschauen“. Ich rätsle zusammen mit meinem Freund, was der Wortursprung  von „unverwandt“ sein könnte, das heißt, wie man von „unabgewandt“ zu „unverwandt“ kommt.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

wenn man jemanden oder etwas unverwandt anschaut, dann schaut man längere Zeit, ohne den Blick abzuwenden. Ihre Frage ist also berechtigt: Wieso heißt es unverwandt und nicht unabgewandt? – Das hat mit dem Verb verwenden, von dem unverwandt ja herkommt, und seinen früheren Bedeutungen zu tun.

Das Verb verwenden hatte früher unter anderem die Bedeutung abwenden, umwenden. Die Bedeutung unverwandt = ohne die Augen abzuwenden kommt von dieser Bedeutung des Verbs. Während sich die Bedeutung von verwenden auf benutzen, gebrauchen spezialisiert hat, ist bei unverwandt die Bedeutung unabgewandt erhalten geblieben. Man sagte also ursprünglich einfach buchstäblich, dass man jemanden anschaute, ohne sich (oder die Augen) abzuwenden.

Das ist aber wieder einmal nicht ganz alles. Ihre Frage hat nämlich bei mir die Frage aufgerufen, wie sich denn dieses unverwandt zu seinem scheinbaren Gegenteil verwandt verhält.

Das Wort verwandt hat die Bedeutung zur gleichen Familie gehörend. Das ist, wenn man es genauer betrachtet, nicht das Gegenteil von unabgewandt, sondern das Gegenteil von abgewandt: Wenn man miteinander verwandt ist, ist man im übertragenen Sinne einander vielmehr zugewandt als abgewandt. Die Wörter unverwandt und verwandt drücken also beide in gewissem Sinne das Gleiche aus: nicht abgewandt.

Auch das liegt am Verb verwenden und seiner früheren Bedeutung. Seine Grundbedeutung war nämlich, grob gesagt, bewegen, in eine Richtung wenden. Deshalb konnte man mit ihm nicht nur abwenden, sonder auch hinwenden, zuwenden ausdrücken. Das Adjektiv verwandt bedeutete also ursprünglich zugewandt, zugehörig. Es löste sich dann im Laufe der Zeit vom Verb und hat heute „nur“ noch die Bedeutung zur gleichen Familie gehörend.

Wieder einmal zeigt sich, dass man Sprachregeln nicht allzu stark verallgemeinern darf. Die Vorsilbe un- verneint in der Regel die Bedeutung des Adjektivs, vor dem sie steht: unabgewandt = nicht abgewandt, uninteressant = nicht interessant, unbeliebt = nicht beliebt. Das ist aber nicht immer der Fall: Bei zum Beispiel verwandt – unverwandt macht die Wortgeschichte den Liebhabern absoluter Regeln einen Strich durch die Rechnung. Echte Regelkenner und -kennerinnen tröstet sich dann aber mit der alten Weisheit, die besagt, dass die Ausnahme die Regel bestätigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen: u. a. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (Einträge unverwandt, verwandt, verwenden)

Zum 1. Oktober

Wahrscheinlich wussten Sie schon, dass der Oktober seinen Namen der Tatsache verdankt, dass er nach dem altrömischen Kalender der achte Monat im Jahr war: mensis october, octo = acht. Es ist gut möglich, dass Sie auch die folgenden alten deutschen Namen schon kannten: Weinmonat oder Weinmond (wegen der Weinlese), Gilbhard (weil die Blätter gelb werden, d. h. vergilben) und Dachsmond (nach dem Höhepunkt der Dachsjagd). Was Ihnen aber wie mir ganz neu sein könnte, ist Folgendes:

Nachdem es Julius Cäsar und Augustus ganz „bescheiden“ gelungen war, einen Monat nach sich benennen zu lassen, gestand der römische Senat auch Kaiser Domitian zu, seinen Geburtsmonat, den Oktober, Domitianus zu nennen. Im Gegensatz zu Juli und August hat sich der Name Domitian aber nicht durchgesetzt. Dieses Los teilt er mit anderen Namen wie zum Beispiel Neroneus (April), Claudius (Mai) und Germanicus (je nach gerade herrschendem Kaiser Juni oder September).

Auch die genannten alten deutschen Namen haben sich nicht wirklich durchgesetzt. Deshalb steht oben in und unter dem Titel 1. Oktober und nicht 1. Domitian, 1. Gilbhard, 1. Dachsmond oder – was mir eigentlich auch ganz gut gefiele –  1. Weinmond.

Schläger, Schlägel und Schlegel

Frage

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Schlegel und Schläger? Sagt man Trommelschlegel oder Trommelschläger oder …?

Antwort

Guten Tag E.,

man schreibt diese Wörter heute mit ä, weil sie von schlagen abgeleitet sind. Danach hilft einem aber die Logik nicht mehr viel weiter.

Ein Schläger ist:

  • ein Sportgerät, mit dem man einen Ball, Puck o. Ä. schlägt (Tennisschläger, Golfschläger, Hockeyschläger, Baseballschläger usw.)
  • ein unangenehmer Mensch, der oft Streit hat und seinen Standpunkt dann prügelnderweise deutlich zu machen versucht

Ein Schlägel ist:

  • ein schwerer Bergmannshammer
  • ein Art schwerer Holzhammer
  • ein Holzstab bei Schlaginstrumenten (Trommelschlägel u. a.)

Vor allem im südlichen deutschen Sprachraum gibt es daneben noch das Wort Schlegel.

Ein Schlegel ist:

  • eine Tierkeule, die man brät und als Nichtvegetarier auch aufisst (Hühnerschlegel, Lammschlegel, Rehschlegel usw.)

Warum dieser Schlegel mit e geschrieben wird, ist mir nur teilweise klar. Das Wort kommt ursprünglich nämlich auch von schlagen (nach der Form der Keule). Das ist aber offenbar schon so lange her, dass dieser Zusammenhang nicht mehr (genügend) ersichtlich ist, sodass man Schlegel wie ein nicht abgeleitetes Wort behandelt und entsprechend mit e schreibt.

Kurz zusammengefasst: Beim Sport schlägt man den Ball oder den Puck mit einem Schläger, auf ein Musikinstrument haut man mit einem Schlägel und bei Obelix macht man sich mit einem Schlegel (am besten vom Wildschwein) besonders beliebt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Woher kommt eigentlich das e in Spontaneität?

Frage

Wo kommt eigentlich das e in Spontaneität her?

Antwort

Guten Tag D.,

das e in Spontaneität kommt über das Französische aus dem Spätlateinischen. Das französische Wort spontanéité ist vom Adjektiv spontané abgeleitet, das wiederum auf lateinisch spontaneus zurückgeht. Auch in anderen Sprachen gibt es dieses e. Zum Beispiel:

italienisch: spontaneo – spontaneità
englisch: spontaneous – spontaneity

Man kann die Frage also auch umgekehrt stellen: Wo ist eigentlich das e bei spontan geblieben?

Neben der üblicheren Form Spontaneität gibt es auch die seltener verwendete Form Spontanität. Sie ist nicht „importiert“, sondern direkt mit ität von spontan abgeleitet worden. Spontaneität ist übrigens nicht das einzige Wort mit einem solchen e. So gibt zum Beispiel auch noch das ebenso schön gebildet klingende Substantiv Simultaneität.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nach mir die Sintflut

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen war und ist, aber bei mir hier sieht es in den letzten Tagen öfter aus, als würde es nie mehr aufhören zu regnen. Manchmal drängt sich sogar der Ausdruck „sintflutartige Regenfälle“ auf. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, denn wir kommen noch problemlos ohne Sandsäcke und Wasserpumpen aus, und wenn man an die Flutkatastrophe in Pakistan denkt, haben wir hier erst recht nichts zu klagen. Ich befürchte dann auch nicht, die Sintflut habe wirklich schon angefangen. Verdient hätten wir sie ja vielleicht schon, wenn man bedenkt, dass die Menschheit nicht allzu viel tut, um den drohenden Klimawandel abzuschwächen. In dieser Hinsicht könnte man bei sehr vielen von uns von einer „Nach-mir-die-Sintflut-Haltung“ sprechen.

Mit der Redewendung „Nach mir die Sintflut“ benennt man die egoistische Haltung, bei der jemand nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und den Nachfolgenden völlig gleichgültig gegenübersteht. Wenn Leute Picknickplätze völlig verdreckt hinterlassen, wenn Banker ausschließlich auf ihre Boni aus sind, wenn die Menschheit die Erde zum eigenen Profit ausbeutet, dann kann man von „Nach mir die Sintflut“ sprechen. Im letzen Fall ist der Ausdruck in vielen Landstrichen der Erde vielleicht sogar wörtlicher zu nehmen, als es den dort Wohnenden lieb sein wird.

Die Redewendung ist eine Übersetzung aus dem Französischen. „Après nous le déluge“, soll der Überlieferung nach Madame de Pompadour, die Mätresse Ludwigs XV., nach der verlorenen Schlacht bei Roßbach (1757) gesagt haben, als sie trotz der Niederlage ihre politischen Pläne nicht aufgeben und weiter Krieg führen wollte. Deshalb machte man sie auch noch nach ihrem Tod für alle französischen Fehlschläge des Siebenjährigen Krieges verantwortlich. Doch das ist ihr eingedenk des ihr zugeschriebenen Mottos wahrscheinlich ziemlich egal.

Das Wort Sintflut hat noch etwas Interessantes: Es ist ein häufig erwähntes Beispiel für die sogenannte Volksetymologie. Es kommt nicht, wie immer wieder angenommen wurde, von Sündflut. Die alt- und mittelhochdeutsche Vorsilbe sin hatte die Bedeutung andauernd, umfassend. Als man diese Vorsilbe nicht mehr verstand, wurde sie durch das „Volk“ zu Sünde umgedeutet. Diese Erklärung drängt sich ganz natürlich auf, wenn man bedenkt,  dass der alttestamentarische rächende Gott die Menschheit mit der Sintflut bestrafte. Bestraft wird man ja im biblischen Kontext für seine Sünden.

Inzwischen meldet der Wetterbericht, dass es in den nächsten Tagen doch wieder Aussicht auf Sonnenschein gibt. So viel zum weltweit meistbesprochenen Thema, dem Wetter.

Das weibliche Menschenkind und die kleine Insektenlarve

Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Variante von „Rotkäppchen und der böse Wolf“ für Entomologen (Insektenforscher), sondern um das Wort Mädchen:

Frage

Gibt es einen Grund dafür, dass die Verniedlichungsform von „Made“ und „Frauen im Kindesalter“ sich das gleiche Wort teilen müssen?!?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

es gibt keinen wirklichen Grund dafür, dass das Wort Mädchen sowohl ein weibliches Kind als auch eine kleine Made bezeichnen kann. Der einzige Grund, den man dafür anführen kann, ist, dass es manchmal vorkommt, dass verschiedene Wörter in ihrer gesprochenen und/oder geschriebenen Form zusammenfallen. Das weibliche Kind war früher ein Mägdchen, d.h. eine kleine Magd. Damals war eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge Frau und Jungfrau. Mit der Zeit ist das g weggefallen, so dass das Mägdchen zu Mädchen wurde. In dieser Form fällt das Wort dann mit der Verkleinerungsform von Made zusammen.

Dass Formen aus den verschiedensten Gründen in Klang und/oder Schrift zusammenfallen können, ohne dass es sonst irgendeinen Zusammenhang zwischen ihnen gäbe, zeigen auch die folgenden Beispiele:

Strauß (Blumengebinde und Vogel)
Ruhr (Fluss und Krankheit)
Ball (kugelförmiges Spielgerät und Tanzfest)
Wachstube (Tube Wachs und Stube der Wache)

Und weil es in der Frage um Wörter mit -chen geht, hier noch ein paar weitere Beispiele:

Kieferchen (kleine Kiefer und kleiner Kiefer)
Wägelchen (kleiner Wagen und kleine Waage)
Hörnchen (kleines Horn und kleines Nagetier)
Küchelchen (mit kurzem ü: kleine Küche; mit langem ü: kleiner Kuchen)

Solche „Doppelformen“ werden fachsprachlich Homonyme genannt. Sie führen übrigens nur sehr selten zu Verständigungsschwierigkeiten. So muss man sich z. B. ziemlich viel Mühe geben, um einen Satzzusammenhang zu finden, in dem man das Wort Mädchen überhaupt im Sinne von kleine Made verwendet und in dem man dann das Insektenlärvchen auch noch mit einem kleinen weiblichen Kind verwechseln könnte. Unmöglich ist es nicht, aber nicht sehr wahrscheinlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Name der Vampire

Frage

Hat der Name Krolock (Graf Krolock aus »Tanz der Vampire«) eine Bedeutung?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

die Onomastik oder Namenkunde gehört zu den Teildisziplinen der Sprachwissenschaft, die wir auf CanooNet meist gröblich vernachlässigen. Für diesen Namen mache ich aber gern einmal eine Ausnahme, denn er ist noch relativ jung und nicht wie ein gewöhnlicher Name entstanden.

Der Name Graf von Krolock, den Sie vielleicht vom Musical »Tanz der Vampire« kennen, stammt aus Roman Polanskis gleichnamigem und übrigens sehr amüsantem Film aus dem Jahr 1967, der dem Musical als Vorlage diente. Es ist wahrscheinlich, dass der Name dieses Vampirfürsten lautlich vom Namen Graf Orlok abgeleitet ist (Orlok > Krolock). Graf Orlok ist die Vampirfigur im Film »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens«, der 1921 von Friedrich Willhelm Murnau gedreht wurde. Inspirationsquelle für diesen Gruselfilm war die Urmutter aller bekannten Vampirerzählungen: der Roman »Dracula« von Bram Stoker. Da die Rechte des Buches nicht erworben werden konnten, durfte der Name Graf Dracula in Murnaus Film nicht verwendet werden. Der blutdurstige Graf musste also einen anderen Namen erhalten. Der Name Orlok ist möglicherweise eine lautliche Zusammenziehung zweier Wörter, die im ersten Kapitel des Romans vorkommen. Dort werden einige nicht gerade vertrauenerweckende Wörter zitiert, die der Ich-Erzähler in Transsylvanien von der örtlichen Bevölkerung vernommen hatte. Darunter sind Orodog = Teufel und vrolok = Werwolf, Vampir.

I must say they were not cheering to me, for amongst them were „Ordog“–Satan, „Pokol“–hell, „stregoica“–witch, „vrolok“ and „vlkoslak“–both mean the same thing, one being Slovak and the other Servian for something that is either werewolf or vampire.
Bram Stoker, Dracula, Chapter 1

Es ist also möglich – aber leider keineswegs hundertprozentig sicher – dass Graf von Krolock in »Tanz der Vampire« seinen Namen dem Grafen Orlok aus »Nosferatu« verdankt und dass dieser wiederum durch eine lautlichen Zusammenziehung unheilsschwangerer Wörter aus dem Roman »Dracula« entstanden ist. Wichtig ist vor allem, dass der Graf uns je nach Art der Geschichte, in der er auftritt, zum Gruseln oder zum Lachen bringt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Passagieren, Fahrgästen und Fluggästen

Frage

Mich interessieren die Begriffe »Fluggast« und »Fahrgast«, die zum Beispiel von der Lufthansa oder der Deutschen Bahn gebraucht werden. Wann sind diese (für mich unschönen) Begriffe entstanden? Und warum? Kann man nicht das aus dem Französischen entlehnte Wort »Passagier« benutzen?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen kam das Wort Fahrgast schon im 19. Jahrhundert auf. Dass es keine Neuerfindung moderner Werbe- und Marketingstrategen ist, zeigt zum Beispiel auch der Titel von Franz Kafkas 1908 erstmals erschienen Erzählung »Der Fahrgast«. Die Entstehung dieses Wortes war wahrscheinlich mit dem rasanten Aufschwung des Eisenbahnverkehrs verbunden. Es ist die deutsche Entsprechung des Fremdwortes Passagier, das übrigens ursprünglich italienisch war, im 16. Jh. von dort ins Deutsche übernommen und später an die ebenfalls aus dem Italienischen stammende französische Form passager angepasst wurde.

Zur Geschichte des Wortes Fluggast konnte ich keine Angaben finden. Ich nehme aber an, dass es mit dem Aufkommen der Passagierluftfahrt in Analogie zu Fahrgast entstanden ist.

Man kann anstelle von Fahrgast und Fluggast ohne weiteres auch Passagier benutzen. Das ist auch üblich. Die Zusammensetzungen mit Gast haben aber zwei kleine Vorteile: Sie ermöglichen – falls das einmal nötig sein sollte – eine genauere Unterscheidung der Passagiere nach Transportart (Schiffspassagiere, Fahrgäste, Fluggäste). Sie erlauben auch eine freundlicher oder höflicher klingende Anrede der Kunden. Ein Passagier ist jemand, den man transportiert. Ein Gast ist jemand, den man willkommen heißt und gern transportiert. Und hier kommen dann doch noch die Werbeleute ins Spiel. Dieses »Freundlichkeitspotential« ist auch ihnen aufgefallen, wodurch sich die Verwendungshäufigkeit der Wörter Fahrgast und Fluggast in Informationstexten und Durchsagen des öffentlichen Straßen-, Schienen- und Luftverkehrs bestimmt um einiges erhöht hat.

Trotz dieses »Freundlichkeitspotentials« der Zusammensetzungen mit Gast werde ich nicht so weit gehen, Sie von nun an als Lesegast oder Bloggast anzureden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kunde wird dem Kunden kundgetan

Frage

Wie ist das denn jetzt mit der Schreibweise von Kund tun / kundtun / kund tun? Nach meinem Sprach- und Schreibempfinden würde ich erstere Variante wählen, weil es von Kunde im Sinne von Nachricht kommt – aber das muss ja nichts heißen!

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

dies meint CanooNet:

kundtun

Man schreibt also:

kundtun
kundzutun
hat kundgetan
ich tue kund

Das Gleiche gilt für die Verben kundgeben, kundmachen und kundwerden. Da kund in Verbindung mit Verben nicht (mehr) dem Nomen Kunde zugeordnet werden kann und es das ursprüngliche Adjektiv kund nicht mehr gibt, schreibt man nach den Rechtschreibregeln kund mit dem Verb zusammen (Regel).

Das frühere Adjektiv kund ist eine sehr alte Partizipialbildung zu können (und kennen).  Es bedeutete ursprünglich: kennen gelernt, bekannt geworden. Eine alte Ableitung davon ist das Wort der Kunde, das einmal die Bedeutung der Bekannte hatte. Das Wort die Kunde (Nachricht) hat eine zum Teil andere, ziemlich komplizierte Geschichte, die ich Ihnen – und mir – hier ersparen möchte.**

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Wenn Sie an der Herkunft von die Kunde interessiert sind, können Sie sie im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nachschlagen.