Muntfrei

Frage

Hans Küng verwendet in seinem Werk „Christentum“ das Wort muntfrei, das mir unbekannt ist. Aus dem Text könnte ich in etwa abgabenfrei ableiten. Trifft das zu?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das Wort Munt in muntfrei ist ein Begriff aus dem germanischen Personenrecht. Es wird auch Mund geschrieben und kommt in der heutigen Sprache noch in Wörtern wie Vormund, Mündel und mündig vor.

Die Munt ist die Vormundschaft, die der Hausherr über die ihm unterstellten und von ihm zu schützenden Personen (Familie, Gesinde) hatte. Wenn jemand muntfrei war, war er also nicht jemandes Vormundschaft unterstellt. Ein freier Mann wurde bei Erreichen des einundzwanzigsten Lebensjahres selbstmündig (heute verkürzt zu mündig).

Das Adjektiv muntfrei erscheint oft in Zusammenhang mit Ehe. Es ist aber nicht etwas so, dass eine Frau in einer muntfreien Ehe keinen Vormund gehabt hätte. Bei einer muntfreien Ehe ging die Vormundschaft über die Frau anders als bei andern Eheformen nicht auf den Ehemann über, sondern blieb bei ihrem Vater oder ggf. bei einem anderen männlichen Verwandten. Frauen, die nicht direkt jemandes Munt unterstellt waren, gab es also kaum. Eine Ausnahme waren Witwen. Wenn der Ehemann starb und dessen Vormundschaft somit erlosch, fiel die Vormundschaft über sie nicht zurück an ihre Familie. Sie wurde dann zu einem Muntling des Königs, konnte zum Beispiel als Handwerkerswitwe oft selbstständig das Geschäft des Mannes weiterführen und durfte vielfach „sogar“ selbst bestimmen, wer bei einer neuen Verheiratung der Ehemann werden sollte …

Der Begriff hat wahrscheinlich je nach Zeit und Region abweichende Definitionen. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sprachliche „Ismen“

Frage

Gibt es für die französische Sprache einen Begriff ähnlich dem Anglizismus? Frankozismus?

Antwort

Guten Tag M.,

von Anglizismen ist ja seit einer geraumen Weile an vielen Orten die Rede. Manch einer und manch eine verdammen sie als Wegbereiter oder gar Ursache des Untergangs der deutschen Sprache. Viele andere sehen das glücklicherweise etwas nuancierter. Dieser Streit gegen die „Überflutung“ der deutschen Sprache durch Fremdwörter ist, wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen, nicht der erste, der geführt wird. In früheren Jahrhunderten ging es aber nicht um Anglizismen, sondern vor allem um Wörter und Wendungen aus dem Französischen. Während es heute in ist, englische Ausdrücke zum Besten zu geben, war es früher en vogue, sich mit aus dem Französischen Entlehntem zu schmücken. Solche Lehnwörter werden Gallizismen genannt (obwohl sie im Grunde genommen recht wenig mit den früheren Einwohnern Frankreichs, den Galliern, zu tun haben).

Ich möchte hier auf keinen Fall die Frage diskutieren, wie „verurteilenswert“ oder gar „schädlich“ der Einfluss von (zu) vielen fremden „Ismen“ ist. Diese Diskussion wurde und wird an anderer Stelle schon zur Genüge geführt. Es geht mir hier nur um Fachwörter wie Anglizismus und Gallizismus. (Ich kann es in diesem Zusammenhang aber doch nicht lassen, wieder einmal leicht hämisch darauf hinzuweisen, dass sich selten jemand über die vielen Latinismen und Gräzismen, eine Art Lehnwörter aus den „Bildungssprachen“ Lateinisch und Griechisch, aufregt …).

Welche sprachlichen „Ismen“ gibt es also? Die Anglizismen und Gallizismen wurden bereits erwähnt. Zu den in unseren Breiten wichtigen alten Sprachen wurden auch schon der Latinismus und der Gräzismus genannt. Rund um den deutschen Sprachraum herum gibt es noch eine ganze Reihe von Fremdsprachen, die einen mehr oder weniger großen Einfluss gehabt haben:

Italianismen
Rätoromanismen
Slowenismen
Ungarismen (o. Hungarismen o. Magyarismen)
Slowakismen
Bohemismen (o. Tschechismen)
Sorbismen
Polonismen
Danizismen
Friesismen
Batavismen (o. Niederlandismen)
Belgizismen (eigentl. nur im Niederländischen u. Französischen)

Nicht von direkten Nachbarn, aber von anderen wichtigeren Fremdwortlieferanten stammen zum Beispiel:

Arabismen
Hispanismen (aus dem Spanischen)
Russizismen
Amerikanismen (aus dem amerikanischen Englischen)

Mit dem letzten Wort sind wir bei einer anderen Art von „Sprach-Ismen“ angelangt: Wörter und Ausdrücke aus einer Variante einer Sprache. Wenn es aus dem Deutschen kommt, ist es ein Germanismus. Davon gibt es aber noch geografische, dialektale oder landestypische Varianten:

Austriazismen (aus Österreich)
Helvetismen (aus der Schweiz, gibt es also auch auf Französisch und Italienisch!)
Bavarismen (aus dem Bayerischen)
Schwabismen (aus dem Schwäbischen)
Palatinismen (aus dem Pfälzischen)
usw.

Zum Schluss noch ein heiteres Worteraten: Wissen Sie zu welchen Sprachen die folgenden Ausdrücke gehören?

Fennizismen
Sinismen
Turzismen

und als Bonusfrage:

Lusitanismen

Vor allem den letzten Ausdruck muss man kennen, sonst errrät man ihn wohl kaum.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Antworten: Finnisch, Chinesisch, Türkisch, Portugiesisch (die römische Provinz, die einen großen Teil des heutigen Portugals umfasste, hieß Lusitania).

Tulpen, Türkisch und Turbane

Tulpen werden zwar wie Erdbeeren fast das ganze Jahr über irgendwo zum Verkauf angeboten, aber die richtige Tulpenzeit ist doch der Frühling. Sie blühen nun auch vielerorts in Parks und Gärten. Tulpen, das weiß jeder, kommen aus Holland. Doch woher kommt ihr Name?

Das Wort Tulpe ist nicht niederländischen Ursprungs. Es scheint dort zwar eine Art Bierglas zu geben, das tulp heißt und eine tulpenähnliche Form hat, aber das Glas verdankt seinen Namen der Blume, nicht umgekehrt. Das Wort Tulpe ist wie die Blume aus der Türkei zu den Holländern und zu uns gekommen: tülbent. Früher hieß die Blume im Deutschen Tulipan(e) (vgl. italienisch tulipano). Mit der Zeit wurde der Namen zu Tulpe verkürzt.

Gegen Ende des 16. Jahrunderts wurde Holland ein Zentrum der Tulpenzucht. Tulpenzwiebeln waren zuerst ein Hobby und dann ein Spekulationsobjekt für reiche Handelsunternehmer. Das führte zu einer richtigen Tulpenmanie, bei der jeder noch größere Profite erzielen wollte. Diese Rage endete – wen wundert das zurzeit? – in einem heftigen Vorläufer der heutigen Bankenkrise. Erst viel später begann in den Niederlanden dank guter klimatischer und Bodenverhältnisse die „Massenproduktion“ der Tulpe, die sie zusammen mit Holzschuhen und Windmühlen zu einem unentbehrlichen Teil des holländischen Klischeebildes werden ließ. Doch ich schweife wieder einmal ab.

Das Wort Tulpe hatte nämlich noch eine kleine Überraschung für mich bereit. Es ist mit Turban verwandt. Das türkische Wort tülbent bedeutete eigentlich Turbantuch, Turban. Es stammte aus dem Persischen und wurde auch für die Tulpe verwendet, weil man ihre Form offenbar mit einem Turban verglich. Mit etwas Phantasie ist das sogar nachvollziehbar. Der Wechsel von lb (Tulban[d]) zu rb (Turban) fand zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert statt. (Er hat übrigens nichts mit einem umgekehrten Kalauer über die chinesische Aussprache des r zu tun.) Tulpe und Turban: Ist es nicht erstaunlich, wie ein Wort sich über eine Bedeutungsunterscheidung zu zwei so unterschiedlichen Formen entwickeln konnte?

Kamuff(el)

Frage

Woher stammt das alte berndeutsche Wort Kamuff und was bedeutedet es?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort Kamuff im Sinne von Dummkopf kommt nicht nur im Berndeutschen, sondern auch in anderen Dialekten vor. Eine Variante, Kamuffel, hat es sogar in deutsche Wörterbücher geschafft (zum Beispiel Duden, Wahrig und Canoonet). Bei der Herkunft des Wortes scheiden sich allerdings die Geister:

Eine Herkunftserklärung sagt, dass Kamuff früher Halunke, Schuft bedeutete und auf das ältere italienische Wort camuffo (Betrüger, Halunke) zurückgehe. Eine andere Erklärung sagt, Kamuff sei eine verhüllende Form von Kamel. Es ist gut möglich, dass beide Erklärungen etwas Wahres an sich haben. Das Wort könnte aus dem Italienischen stammen und durch seine Ähnlichkeit mit Kamel die heutige Bedeutung und die recht weite Verbreitung erhalten haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Steuern – zahlen, lenken, unterstützen

Gestern saß ich ein paar Stunden lang auf der Autobahn am Steuer. Heute habe ich damit angefangen, das zu durchwühlen, was man mit einem großen Wort meine „finanzielle Administration“ nennen könnte. Eine mir zurzeit noch völlig unverständliche Steuerrechnung harrt nämlich seit einiger Zeit der Bezahlung. Ich bin zwar kein leidenschaftlicher Autofahrer, aber ich drehe doch lieber am Lenkrad, als dass ich mich um Steuerangelegenheiten kümmere. Bei Letzterem will bei mir einfach keine richtige Freude und Begeisterung aufkommen. Deshalb werde ich jetzt zuerst einmal typisches Flucht- und Verdrängungsverhalten zeigen, indem ich mich statt um die Steuern um die folgende, mich plötzlich brennend interessierende Frage kümmere: Was haben die Steuer und das Steuer miteinander zu tun?

Der genaue Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern scheint nicht vollständig geklärt zu sein. Beide sollen etwas mit Stütze, Stützpfahl, Unterstützung zu tun haben. Im Fall von das Steuer könnte das die Stange gewesen sein, mit der Boote in untiefem Wasser vorwärtsgestoßen und gelenkt wurden. Bei die Steuer ging es um eine – offenbar unterstützende – Geldabgabe, die im Mittelhochdeutschen auch die heutige Bedeutung erhielt. Man findet ältere Bedeutungen noch in die Aussteuer (Heiratsgut) und etwas beisteuern (einen Beitrag leisten). Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass sich zwei Wörter von einem gemeinsamen Ursprung zu Bezeichnungen für so unterschiedliche Begriffe wie Steuerrad und Abgabe an den Staat entwickeln können.

Ich hatte ganz am Anfang gehofft, auf einen direkteren Zusammenhang zu stoßen, nämlich dass man mit den Steuern, die man zahlt, das Staatsschiff steuert. Aber vielleicht ist es ja ganz gut, dass dem nicht so ist. Frei nach dem Motto „Wer zahlt, befiehlt“ hätte das dann ja bedeutet, dass man sich (noch mehr als jetzt) den Einfluss auf die Gemeinschaft erkauft. Geben wir uns also damit zufrieden, dass wir unsere Länder mit den Steuern zwar nicht steuern, dafür aber unterstützen!

Heißer Durst

Der Frühling lässt immer noch auf sich warten. Das mag zwar Hamburger auf Skiern freuen (in HH haben nämlich gerade die Ferien angefangen), aber mich und vielleicht auch einige von Ihnen reißt die Hartnäckigkeit dieses Winters nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hin. Darum geht es heute um eine Frage, die zumindest indirekt etwas mit Wärme zu tun hat.

Frage

Heute sagte ein Freund: „Nach dem Schwimmen habe ich mir eine Flasche Ananassaft gekauft und direkt leer getrunken. So einen Heißdurst hatte ich.“ Ich stutzte. Heißhunger, ja, das kannte ich. Aber wo kommt der Begriff her? Und gibt es einen äquivalenten Begriff für einen ähnlichen Durst?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nach den Angaben im historischen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (Eingabe „heisz“) zu schließen kommt das Heiß- in Heißhunger ganz einfach vom Adjektiv heiß. Von der wörtlichen Hitze über die innerliche Hitze (vgl. zum Beispiel heißes Blut, heißes Verlangen, etwas heiß ersehnen) wurde heiß ein verstärkendes Element bei Hunger UND Durst. Früher sprach man von heißem Hunger und von heißem Durst. Im heutigen Deutschen sind nur noch Heißhunger und heißhungrig gebräuchlich. Wenn man großen Durst hat, sind andere Ausdrücke üblich. Neben dem wenig spektakulären Riesendurst sind dies zum Beispiel Höllendurst und Mordsdurst. Es würde mich auch gar nicht erstaunen, wenn im deutschen Sprachraum noch eine ganze Palette anderer Wörter für dieses Phänomen zu finden wäre.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Woher kommt der Adamsapfel?

Frage

Wer führte Adamsapfel ins Deutsche ein?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

beim Adamsapfel handelt es sich um „den hervorspringenden und tastbaren Abschnitt des Schildknorpels (Cartilago thyroidea) des Kehlkopfs“. Wie die meisten Wörter, wurde auch das Wort Adamsapfel nicht durch eine Person ins Deutsche eingeführt. Es geht auf Volkslegenden zurück, nach denen Adam ein Stück der verbotenen Frucht im Hals stecken geblieben sein soll. Als Erinnerung an die Erbsünde sei dies bei Männern in der Form des Adamsapfels noch zu sehen.

Das Wort gibt es nicht nur im Deutschen:

lateinisch: pomum Adami
englisch: Adam’s apple
schwedisch: adamsäpple
französisch: pomme d’Adam
italienisch: pomo d’Adamo

Auch auf z. B. Polnisch, Russisch und Griechisch nennt man ihn so. Es ist also ein seit langem im gesamten europäischen Raum verbreitetes Wort. Wie und wo genau dieses Wort und seine Deutung entstanden sind, ist ungewiss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Branntwein, Weinbrand und Quittenwasser

Frage

Gemeinsam mit Freunden habe ich einen Schnaps aus Quitten hergestellt. Bei der Gestaltung des notwendigen Etikettes kam die Frage auf, ob es sich um Quittenbrand oder um Quittenbrannt handelt. Ich kenne zwar Branntwein aber keinen Weinbrannt.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

auf dem Etikett sollte stehen:

Quittenbrand

Branntwein ist ein altes Wort, das irgendwann in früher Zeit aus einer Zusammenziehung der mittelhochdeutschen Wörter [ge]brannt[er] und wîn (= Wein) entstanden ist. Das Wort wurde früher übrigens auch im Wortinnern gebeugt. So ruft zum Beispiel bei Schiller der Räuber Roller, übrigens aus auch heute noch gut verständlichen Gründen, nämlich nach seiner Rettung vom Galgen: „Gebt mir ein Glas Branntenwein!“ (Schiller, Die Räuber, 2. Akt, 3. Szene).

Mit Branntwein bezeichnet man heute ganz allgemein eine durch Brennen (Destillation) hergestellte alkoholhaltige Flüssigkeit. Ursprünglich war es aber ein Brand (ein Destillat) aus Wein. Ein solches Destillat aus Wein nennt und schreibt man entsprechend Weinbrand. Ebenso: Aprikosenbrand, Heidelbeerbrand, Kirschbrand, Pflaumenbrand, Zwetschgenbrand usw.

Für die Obstbrände gibt es übrigens auch einen Namen auf -wasser, der mir in seiner verhüllenden Art auch ganz gut gefällt: Aprikosenwasser, Heidelbeerwasser, Zwetschgenwasser oder eben:

Quittenwasser

Mit freundlichen Grüßen und – wenn dann die Zeit des Kostens gekommen sein wird – zum Wohl!

Dr. Bopp

Frühjahrsputz im Februar?

Zum Ersten des Monats ein paar Worte zum Namen des Monats: Wie alle Monatsnamen haben wir auch diesen den alten Römern zu verdanken. Der Monat februarius mensis war der Monat der Reinigung. So gab es auch das Adjektiv februarius = zur Reinigung gehörig.

Wieso war der Februar der Monat der Reinigung? Ist es nicht etwas früh im Jahr für den Hausputz? Doch wenn man bedenkt, dass die klimatischen Verhältnisse in mediterranen Gefilden etwas milder sind als nördlich der Alpen, könnte es gut sein, dass die alten Römerinnen damals den Frühjahrsputz schon im Februar veranstalteten. Außerdem war der März der erste Monat im neuen Jahr. Ich kann mir also gut vorstellen, dass man den Dreck des alten Jahres hinter sich lassen und das neue Jahr in einem sauber geputzen Haus anfangen wollte.

Ganz so banal ist es dann natürlich in Wirklichkeit nicht. Wie so oft bei den alten Römern muss man „mythologisieren“: Die Reinigung hatte nicht nur konkret mit Lappen und Besen, sondern vor allem mit Göttern und Opfern zu tun. Der Monatsname ist mit dem Sühnefest der Februalia verbunden, die am Ende des Jahres, also in diesem Monat, dem Gott der Unterwelt, des Todes und der Läuterung gewidmet waren. Bei den Etruskern hieß dieser Gott Februus:

Februus: Etruscischer Gott der Unterwelt, mit Pluto identificirt; nach ihm ist der Monat Februar benannt, der ihm geweiht war, und in dessen zweiter Hälfte man alle freudigen Handlungen unterliess, keine Hochzeiten, feierte, und nichts that, was man gern mit glücklichen Vorbedeutungen anfing, sondern durch allerlei Beschwörungsmittel die Larven austrieb, die Häuser, die Begräbnissplätze und die Stadt selbst von neuem weihete, sich mit den Göttern versöhnte, und dasselbe für den Staat vornahm. F. war es, der zu dieser Zeit die Macht hatte, die Gespenster und Plagegeister in ihre unterirdischen Höhlen einzuschliessen. [Quelle]

Der Februar war also der Reinigungsmonat, aber es ging nicht um fröhliches Schrubben und Putzen, sondern um Reinigung im Sinne der Läuterung und Sühne. Nicht (nur) das konkrete Wohnhaus, sondern das individuelle und das kollektive geistig-moralische Haus wurden im Monat Februar einem „Jahresendputz“ unterworfen.

 

Von der Grippe ergriffen

So, jetzt gehts wieder. Ich bin wieder voll einsatzfähig. Eigentlich müsste ich sagen „fast voll einsatzfähig“, aber das Husten hören Sie ja nicht. Auch meine noch weniger als sonst glockenhell tönende Stimme stört Sie wohl kaum beim Lesen. Diese „Gebrechen“ mussten unbedingt noch erwähnt werden, denn Männer sind nun einmal wehleidig und Dr. Bopp ist eben auch nur ein Mann. Das muss jetzt voll ausgekostet werden.

Genau das werde ich jetzt auch tun. Da dieses Jahr für mich einen mäßigen Anfang genommen hat, verdiene ich es, mit einem meiner Lieblingsthemen anzufangen zu dürfen: Wortgeschichte. Welches Wort liegt da näher als das Wort Grippe?

Auch die Grippe (das Wort, nicht etwa die Krankheit) haben wir vom früheren Hauptlieferanten für Fremdwörter, dem Französischen, übernommen. Es wurde dort offenbar zum ersten Mal für die Grippeepidemie von 1743 verwendet. Das französische Wort grippe bedeutete unter anderem Laune, Grille. Es geht auf gripper zurück, das die Bedeutung packen, ergreifen hat. Von hier an weichen die verschiedenen Erklärungen leicht voneinander ab: Die Grippe wurde so genannt, weil sie wie ein launenhaftes Etwas unerwartet zuschlägt (von grippe) oder weil sie große Gruppen von Menschen hart anpackt (von gripper). Vielleicht war es ja auch einfach eine Kombination dieser beiden Bedeutungen. Das Wort wurde dann Ende des achtzehnten Jahrhunderts ins Deutsche übernommen.

Ich habe bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie man die Grippe vor der Ankunft des Wortes Grippe im Deutschen nannte. Vielleicht war man einfach krank. Influenza, das andere, inzwischen veraltete Wort für Grippe, kam nämlich auch erst im achtzehnten Jahrhundert auf. Es stammt aus dem Italienischen, wo es anfänglich nur Einfluss bedeutete. Später bezeichnete influenza auch Ansteckung, Epidemie, weil diese damals unerklärlichen Phänomene dem Einfluss der Sterne zugeschrieben wurden. Noch später wurde das Wort speziell für die Grippe verwendet. Mit dieser Bedeutung ist es dann ins Deutsche und zum Beispiel auch ins Englische (influenza, flu) übernommen worden.

Ob es nun eine launenhafte Grille ist, die einen ergreift, oder der unerklärliche Einfluss der Sterne, so schön, wie die wortgeschichtlichen Erklärungen klingen, ist die Krankheit leider nicht.  Allen Grippebefallenen wünsche ich gute Besserung.