Heute stellte ein englischsprachiger CanooNet-Nutzer die Frage, warum das Verb laden zweimal aufgeführt sei, obwohl doch beide Verben die genau gleichen Wortformen haben. Ich wollte dem Herrn flugs antworten, dass die beiden Verben nicht nur eine unterschiedliche Bedeutung haben (einfüllen, beladen – zum Kommen auffordern), sondern auch einen anderen Ursprung. Letzteres musste ich dann aber doch noch überprüfen, denn ganz sicher war ich mir dessen nicht. Ich hatte „natürlich“ recht (denn sonst würde ich diesen Beitrag ja nicht schreiben):
Das erste laden mit der Bedeutung einfüllen, beladen usw. lautete im Mittelhochdeutschen laden und im Althochdeutschen [h]ladan und hatte ursprünglich die Bedeutung hinbreiten, aufschichten.
Das zweite laden mit der Bedeutung zum Kommen auffordern war ursprünglich ein schwaches, das heißt regelmäßig gebeugtes Verb (ahd. ladon). Als die Grundformen der beiden Verben lautlich zusammenfielen, übernahm dieses schwache Verb langsam alle Formen seines starken „Konkurrenten“, so dass heute beide Verben genau gleich konjugiert werden:
laden; lädst, lädt; lud; geladen
Über den genauen Ursprung des zweiten Verbs ist man sich in der Gelehrtenwelt wieder einmal nicht ganz einig. Wahrscheinlich geht es auf einen alten Stamm zurück, dessen Bedeutung etwas mit gern, bitte, flehen zu tun hat.
Eine andere, wahrscheinlich weniger realistische Erklärung (sie ist nämlich fast zu schön, um wahr sein zu können) lautet, dass eine Einladung früher durch ein mit Zeichen versehenen Brett übermittelt wurde: das Einladungsbrett als Vorläufer der Einladungskarte. Eine andere Bezeichnung für Brett war das Wort laden, das wir noch recht deutlich in Fensterladen als solches erkennen können. Auch das Wort Laden im Sinne von Geschäft geht auf die Bedeutung Brett zurück: Es bezeichnete ursprünglich den Bretterstand oder die Bretterbude als Verkaufsort und das Brett, auf dem die Ware feilgeboten wurde.
Nicht nur die Wörter haben sich weiterentwickelt, auch dasjenige, was sie bezeichnen: So muss man sich heute meistens nicht mehr vor Holzsplittern im Finger, Laufmaschen im Strumpf und Triangeln im Hosenbein in Acht nehmen, wenn man zur Eröffnung eines Ladens geladen wird. Das Einladungsbrett (falls es so etwas je gegeben hat) hat schon lange der Karte und neuerdings auch der E-Mail Platz gemacht, und wenn es im Laden überhaupt ein Brett gibt, dann ist es bestimmt gehobelt und gelackt.