Freigebig und freigiebig

Frage

Im CanooNet-Wörterbuch erscheinen die Formen freigiebig und Freigiebigkeit ebenso wenig wie in meinem RS-Duden von 1986, im Warig DWb 1968 […] oder in verschiedenen PONS-Fremdsprach-Wörterbüchern. Andere Wörterbücher verweisen jedoch unter freigiebig, Freigiebigkeit auf freigebig, Freigebigkeit. Das Wort freigiebig taucht auch im gehobenen Sprachgebrauch Deutschlands bis zu Johannes Rau und dem Deutschen Kulturrat sehr häufig auf und ist auch in der NZZ zu finden […]. Gilt freigiebig mittlerweile also als hochsprachlich? Wie kam es überhaupt zur Differenzierung nachgiebig, ausgiebig vs. freigebig?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

vielen Dank für diese Frage! Sie zeigt nämlich, dass es an der Zeit ist, unser Wörterbuch um zwei Einträge zu erweitern.

Das Wort freigiebig und das von ihm abgeleitete Freigiebigkeit galten und gelten bei einigen immer noch als falsch, weil es ausschließlich freigebig heißen dürfe. Wie ist das Wort freigiebig entstanden? Es wurde in Analogie mit ausgiebig und ergiebig gebildet. Diese Wörter gehen aber auf die Verben ausgeben und ergeben zurück (über ausgibig resp. ergibig, dann auch mit ie). Ein Verb freigeben gibt es zwar (zum Beispiel jemandem freigeben, Informationen freigeben), aber bedeutungsmäßig kann freigiebig nicht davon abgeleitet sein. Es kommt nämlich von der Wortgruppe frei geben (ungehindert, gern geben). Da es zu geben kein Adjektiv giebig (mehr) gibt, sei also freigiebig eine falsche Wortbildung. Zumindest so wurde und wird auch heute noch manchmal argumentiert.

Inzwischen ist freigiebig aber – wie Sie selbst auch festgestellt haben – im deutschen Sprachraum so weit eingebürgert, dass man es wirklich nicht mehr als falsch bezeichnen kann. Wir werden deshalb bei der nächsten Datenaktualisierung freigiebig und Freigiebigkeit neben freigebig und Freigebigkeit in unser Wörterbuch aufnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das zähe Wörtchen Frühstück

Nachdem unsere neue Nachbarin gestern Abend beim Abendessen gezeigt hatte, dass sie sympathisch und dem Weine nicht ganz abgeneigt ist, hatte ich heute Morgen beim Frühstück einen etwas schwereren Kopf als sonst. Da es kein ausgewachsener, kampfeslustiger Kater war, trat er schon nach einer Tasse Kaffee den Rückzug an, sodass doch noch ein paar einigermaßen klare Gedanken aufkamen. Einer davon war: „Frühstück? Weshalb Frühstück? Früh kann ich noch erklären, aber Stück?“

Natürlich bin ich nach einer zweiten Tasse Kaffee dieser Frage für Sie und für mich nachgegangen. Dabei bin ich recht schnell auf eine wenig spektakuläre Antwort gestoßen: Das Wort Frühstück gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Wie das mittelhochdeutsche Morgenbrot bezeichnete es das erste in der Frühe gegessene Stück Brot.

Es ist ein recht robustes Wort. Es gelang ihm, Morgenbrot zu verdrängen und später aufkommende Konkurrenten wie Frühkost erfolgreich hinter sich zu lassen. Auch fremdsprachlichen Thronprätendenten bietet es erfolgreicher die Stirn als seine Vettern Mittagessen und Abendessen. In der Zeit, in der man in der besseren Gesellschaft beim Parlieren ein mit französischen Ausdrücken gespicktes Deutsch benutzte, kannte man zwar das Wort Dejeuner und benutzte es für Frühstück oder leichtes Mittagessen. Viel schwerer hatte es aber das Abendessen, das je nach Festlichkeitsgehalt Diner oder Souper genannt wurde. In der heutigen Hochzeit des Englischen hört man zwar öfter, dass Kollegen zum Lunch gehen, dass ein Dinner organisiert wird oder dass man sich am Sonntag zum Brunch trifft, aber von Breakfast redet im täglichen Sprachgebrauch eigentlich kaum jemand. Ein zähes Wörtchen, dieses Frühstück!

Natürlich geht es wieder einmal nicht ganz ohne regionale Unterschiede. Für die Schweizer war und ist Frühstück eine Art Fremdwort. In der Deutschschweiz nimmt man am Morgen das Morgenessen oder im Dialekt den Zmorge zu sich. Es wundert mich, dass ich keine anderen regionalen Varianten finden konnte, denn üblicherweise gibt es gerade bei solchen häuslichen Dingen oft mehr landschaftliche Varianten als sonst. Vielleicht kennen Sie ja noch andere gebräuchliche Ausdrücke. Und sonst gilt eben – wie bereits gesagt –: ein zähes und robustes Wörtchen, dieses Frühstück!

Ist umsonst auch vergebens?

Frage

Woher stammt  der Begriff umsonst? Was hat es mit Wortspielen auf sich, die sagen, dass umsonst nicht vergeblich sei? Zum Beispiel:

Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, da die Ausstellung schon geschlossen hatte.
Ich bin umsonst nach Berlin gefahren, weil ich eine kostenlose Mitfahrgelegenheit gefunden habe.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort umsonst hat drei Bedeutungen:

  1. kostenlos, ohne Gegenleistung: Ich habe es umsonst bekommen.
  2. vergebens, vergeblich: Ich habe umsonst auf ihn gewartet.
  3. (nur verneint) ohne Zweck, grundlos: Ich habe dich nicht umsonst davor gewarnt.

Nun gibt es Leute, die meinen, es sei nicht richtig, umsonst im Sinne von vergebens zu verwenden. Diese Verwendung von umsonst ist aber ebenso alt, wie sie üblich und eingebürgert ist. Solange man darauf achtet, missverständliche Formulierungen zu vermeiden, ist deshalb nichts dagegen einzuwenden. Meist gibt ja – wie in Ihren Beispielsätzen – der Satzzusammenhang an, was gemeint ist. Wenn Sie am Telefon hören: „Sie rufen umsonst an, der Kinderwagen ist schon weg“, ist ganz klar, dass Sie den Anruf vergebens und nicht kostenlos gemacht haben. Wenn man sagt: „Umsonst geht nur die Sonne auf“, ist damit nicht gemeint, dass die Sonne vergebens aufgeht, sondern dass es nun einmal nichts gratis gibt.

Das Wort geht auf mittelhochdeutsches umbe sus zurück, das eigentlich um dieses, um so bedeutete. Wenn man das Aussprechen von sus (dieses, so) mit einer wegwerfenden, herablassende Geste begleitete, bedeutete die Wendung also um nichts, für nichts (Quelle: Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“).

Wenn Sie nun hoffen, dass ich hier auf ein allzu naheliegendes Wortspiel verzichte, hoffen Sie umsonst. Ich kann es einfach nicht lassen:

Fragen Sie Dr. Bopp! Fragen stellen Sie immer umsonst, aber nie umsonst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kanzler, Kanzlei, abkanzeln

Aus einem in diesem Fall nicht gerade unerfindlichen Grund kam bei mir dieses Wochenende die Frage auf, woher denn das Wort Kanzler(in) stammen könnte. Damit meine ich nicht die geschichtlichen oder gar staatsrechtlichen Hintergründe, warum man in Deutschland einen Reichskanzler hatte und zurzeit gerade eine Bundeskanzlerin eine nicht ganz unwichtige Rolle im politischen Leben dieses Landes spielt. Ich meine nur ganz einfach das Wort.

Das Wort Kanzler geht auf das spätlateinischen Wort cancellarius zurück.  Ein cancellarius war im Mittelalter ein hoher Beamter, der für die Ausfertigung wichtiger Urkunden zuständig war. Wie  man ganz genau von dieser Bedeutung zur heute in Deutschland und übrigens auch in Österreich gebräuchlichen Bedeutung des Wortes Bundeskanzler(in) kam, weiß ich nicht so genau. Man kann sich diesen Bedeutungswandel aber leicht vorstellen.

Die cancellarii hatten ihren Namen der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tätigkeit in einem durch Schranken oder Gitter abgetrennten Raum ausübten: in der Kanzlei (von lateinisch cancelli = Gitter, Schranken). Auch die Kanzel, von der aus man manchmal abgekanzelt wurde und wird, hat den gleichen Ursprung. Wenn man ein, zwei Schritte weiter zurückgeht, trifft man sogar auf den Vorläufer des Wortes Kerker. Man sollte also froh sein, dass bei Wörtern, die historisch miteinander verwandt sind, in der gegenwärtigen Sprache oft nur noch sehr wenig von dieser Verwandtschaft übriggeblieben ist. Was immer man eventuell von Bundeskanzlern und -kanzlerinnen halten mag, als die Gemeinde abkanzelnde Kerkermeister(innen) kann man sie glücklicherweise nicht bezeichnen.

Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat?

Zurzeit befinden wir uns in einem saisonalen Niemandsland oder, besser gesagt, einem jahreszeitlich doppelt besetzten Zeitraum. Das klingt ungewöhnlich, fast schon ein bisschen beunruhigend. Keine Angst, es hat nichts mit Klimawandel oder ähnlich Besorgniserregendem zu tun! Solche Perioden kommen jedes Jahr viermal vor. Das liegt schlicht und einfach am Unterschied zwischen den meteorologischen Jahreszeiten und den astronomischen Jahreszeiten. Die meteorologischen Jahreszeiten beginnen immer am ersten des Monats. Das scheint unter anderem die statistische Rechnerei zu vereinfachen. Die astronomischen Jahreszeiten hingegen richten sich nach den Sonnenhöchst- und -tiefstständen. Meteorologisch gesehen befinden wir uns deshalb schon seit dem 1. September im Herbst, während astronomisch gesehen der Sommer erst am 23. September endet. Solche „Doppelbesetzungen“ gibt es auch zwischen dem 1. und dem 21. Dezember, dem 1. und dem 21. März sowie dem 1. und dem 21. Juni.

Dies zeigt wieder einmal, das selbst Begriffe, die eigentlich ganz eindeutig sind, doch nicht immer ganz so eindeutig definiert sind. Und trotzdem gibt es selten Verständigungsschwierigkeiten, wenn es um Frühling, Sommer, Herbst und Winter geht.

Das Wort Herbst geht weit zurück. Es hat über ein paar Ecken auch mit dem lateinischen Wort für pflücken carpere und mit griechischen Wort für Frucht κα?πος zu tun und bedeutete ursprünglich Zeit der Ernte. Diese Bedeutung findet sich noch im englischen Wort für Ernte: harvest. Sein „Gegenspieler“, Lenz, ist ein ebenso altes Wort. Es ist mit lang verwandt und bezeichnete ursprünglich so etwas wie das Längerwerden der Tage.

Wofür ich keine Erklärung finden konnte, ist Folgendes: Herbst gehört auch heute noch zum allgemeinen Wortschatz. Lenz hingegen erscheint nur noch in Ausdrücken wie „zwanzig Lenze zählen“ (zwanzig Jahre alt sein) und „sich einen faulen Lenz machen“ (sehr wenig arbeiten) oder in wahren Perlen von Schlagertexten wie  „Veronika, der Lenz ist da. Die Mädchen singen tralala …“ Weshalb sagen wir heute Frühling oder Frühjahr statt Lenz, aber nur selten Spätjahr und nie Spätling anstelle von Herbst? Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat? Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen und mir leider schuldig bleiben.

Das Holzbrett und die Einladung zur Ladeneröffnung

Heute stellte ein englischsprachiger CanooNet-Nutzer die Frage, warum das Verb laden zweimal aufgeführt sei, obwohl doch beide Verben die genau gleichen Wortformen haben. Ich wollte dem Herrn flugs antworten, dass die beiden Verben nicht nur eine unterschiedliche Bedeutung haben (einfüllen, beladenzum Kommen auffordern), sondern auch einen anderen Ursprung. Letzteres musste ich dann aber doch noch überprüfen, denn ganz sicher war ich mir dessen nicht. Ich hatte „natürlich“ recht (denn sonst würde ich diesen Beitrag ja nicht schreiben):

Das erste laden mit der Bedeutung einfüllen, beladen usw. lautete im Mittelhochdeutschen laden und im Althochdeutschen [h]ladan und hatte ursprünglich die Bedeutung hinbreiten, aufschichten.

Das zweite laden mit der Bedeutung zum Kommen auffordern war ursprünglich ein schwaches, das heißt regelmäßig gebeugtes Verb (ahd. ladon). Als die Grundformen der beiden Verben lautlich zusammenfielen, übernahm dieses schwache Verb langsam alle Formen seines starken „Konkurrenten“, so dass heute beide Verben genau gleich konjugiert werden:

laden; lädst, lädt; lud; geladen

Über den genauen Ursprung des zweiten Verbs ist man sich in der Gelehrtenwelt wieder einmal nicht ganz einig. Wahrscheinlich geht es auf einen alten Stamm zurück, dessen Bedeutung etwas mit gern, bitte, flehen zu tun hat.

Eine andere, wahrscheinlich weniger realistische Erklärung (sie ist nämlich fast zu schön, um wahr sein zu können) lautet, dass eine Einladung früher durch ein mit Zeichen versehenen Brett übermittelt wurde: das Einladungsbrett als Vorläufer der Einladungskarte. Eine andere Bezeichnung für Brett war das Wort laden, das wir noch recht deutlich in Fensterladen als solches erkennen können. Auch das Wort Laden im Sinne von Geschäft geht auf die Bedeutung Brett zurück: Es bezeichnete ursprünglich den Bretterstand oder die Bretterbude als Verkaufsort und das Brett, auf dem die Ware feilgeboten wurde.

Nicht nur die Wörter haben sich weiterentwickelt, auch dasjenige, was sie bezeichnen: So muss man sich heute meistens nicht mehr vor Holzsplittern im Finger, Laufmaschen im Strumpf und Triangeln im Hosenbein in Acht nehmen, wenn man zur Eröffnung eines Ladens geladen wird. Das Einladungsbrett (falls es so etwas je gegeben hat) hat schon lange der Karte und neuerdings auch der E-Mail Platz gemacht, und wenn es im Laden überhaupt ein Brett gibt, dann ist es bestimmt gehobelt und gelackt.

Tram, Tramway und Holzschienen

Weil es schon wieder regnet (oder immer noch?), komme ich nochmals auf die Straßenbahn oder eigentlich die/das Tram zurück. Da Sie selbstverständlich schon immer wissen wollten, wo das Wort herkommt, habe ich es für Sie nachgeschlagen. Tram geht auf das englische tramway zurück. Das Wort tram ist schottisch und nordenglisch, wo es im Minenbau sowohl für die Schienen als auch für die darauf rollenden Wagen verwendet wurde. Es kommt wahrscheinlich von einem germanischen Wort tram(e), das Balken, Querbalken bedeutete. Die ersten Schienen in den Minen waren nämlich aus Holz.

Und wenn wir schon bei Geschichtlichem sind, hier noch ein paar Informationen, denen ich auf der Suche begegnet bin: Die ersten offiziellen Pferdetramdienste nahmen 1832 in New York  und 1834 in New Orleans den Betrieb auf. (Den allerersten bezahlten Passagiersdienst auf Schienen gab es allerdings schon 1804 in Südwales, aber die Swansea and Mumbles Railway scheint aus terminologischen oder anderen Gründen nicht als Straßenbahn zu gelten.) In Europa wurden die ersten Pferdestraßenbahnen 1855 in Paris und 1861 in London eingeführt. Die erste Linie in der Schweiz und gleichzeitig die zweite auf dem europäischen Festland wurde 1862 in Genf eröffnet. In Deutschland und Österreich fuhren die ersten von Pferden gezogenen Straßenbahnen in Berlin und Wien, in beiden Städten im Jahre 1865.  Aber was das eigentlich noch mit Sprache zu tun haben soll, weiß ich auch nicht. Das kommt davon, wenn man an einem ziemlich verregneten Sonntagnachmittag zu tippen anfängt.

Was ich in der Bretagne über Großbritannien lernte

„Reisen bildet“, sagt man. So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass man in der Bretagne bestens Austern, Muscheln und andere Meeresbewohner essen kann, dass es dort guten Cidre (Apfelwein) zu trinken gibt und dass die Crêpes in der bretonischen Küche erfunden worden sind. Auch „richtige“ Kultur findet man en masse: von frühgeschichtlichen Megalithen über mittelalterliche Bauten bis hin zu moderner Kunst. Ich habe außerdem gelernt, wo das groß in Großbritannien herkommt.

Zur Zeit der alten Römer hieß der römisch besetzte Teil Großbritanniens Brit(t)annia. Die Bretagne wurde Aremorica genannt. Letzteres kommt aus dem Keltischen und soll Land am Meer bedeuten. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wanderten viele britannische Kelten von ihrer Insel nach Aremorica aus und verdrängten im Laufe der Zeit die dort herrschende, schon weitgehend romanisierte Kultur. So ersetzte auch der Name ihrer ursprünglichen Heimat den Namen Aremorica fast vollständig. Es gab also zwei Britannien: das ursprüngliche, große Britannien auf der Insel und das kleine Britannien auf dem Festland. Dies ist eine stark vereinfachte Darstellung der historischen Zusammenhänge, aber sie erklärt, wie Großbritannien zum Zusatz groß in seinem Namen kam. Viel besser sieht man diesen Zusammenhang im Französischen, wo man die Bretagne natürlich la Bretagne und Großbritannien la Grande-Bretagne nennt.

Interessant ist auch, dass die heutigen Bretonen zwar eine keltische Sprache sprechen, dass dies aber nicht die direkte Nachfolgerin der Sprache ist, in der sich Asterix, Obelix und andere Gallier unterhielten. Das gallische Keltisch war wahrscheinlich bereits ausgestorben, als die Keltisch sprechenden Britannier in die Bretagne einwanderten. Die heutigen Bretonen sind also zumindest kulturhistorisch gesehen keine Gallier, sondern vor langer Zeit eingewanderte Briten.

So viel über Kelten, Gallier, Britannier und Bretonen. Nach diesem urlaubsbedingten historischen Ausflug wende ich mich ab morgen wieder Fragen über die deutsche Sprache zu.

Das Nadelöhr

Gestern musste ich einen Hosenknopf annähen. Wissendes, verständnisvolles oder schadenfrohes Lächeln ist hier nicht angebracht: Er wurde nicht aufgrund wachsender Leibesfülle vom Hosenbund gesprengt. Es war so ein Knopf mit zu scharfen Knopflochrändchen, die den Faden langsam durchtrennen. Den Knopf (einen anderen natürlich) habe ich an der genau gleichen Stelle angenäht und die Hose passt noch immer. So!

Problematischer war das Nadelöhr. Das Einfädeln (was für eine schöne Wortbildung!) gelang mir erst, als ich mich zum Licht drehte und die Arme etwas streckte. Wie ich vernehmen musste, sind das untrüglichen Vorboten der Lesebrille. Das oben noch unpassende Lächeln sei hier zugestanden.

Dass das Verb einfädeln so schön ist, merkte ich erst, als ich es aufschrieb. Beim Hosenknopfannähen fiel mir etwas anderes auf: das Wort Öhr. Es hat so etwas eigentümlich Altertümliches. Meine Vermutung, dass es mit Ohr zu tun haben könnte, wurde nach kurzer Suche im Wörterbuch bestätigt. Es ist eine alte Ableitung von Ohr mit der ursprünglichen Bedeutung ohrartige Öffnung.

Das Bild des „Nadelohrs“ findet man zum Beispiel auch im polnischen ucho igielne und im tschechischen ucho jehly (in beiden Sprachen ucho = Ohr). Ebenfalls recht gebräuchlich ist das Bild des „Nadelauges“: englisch eye, spanisch ojo, schwedisch öga. Ganz sachlich sind wieder andere Sprachen wie zum Beispiel das Portugiesische und das Türkische: Sowohl buraco da agulha als iğne deliği bedeuten einfach Nadelloch.

Mit unserem Öhr sind wir übrigens nicht die einzigen, die ein eigenes Wort speziell für die Öffnung in der Nadel haben. Im Italienischen gibt es das Wort cruna, das – auch ein schönes Bild – wahrscheinlich auf corona = Krone zurückgeht. Beim französischen Wort le chas ist die Herkunft schlichtweg unbekannt.

So kann man über das kurze Wort für das kleine Loch in der Nadel einen ganzen Artikel schreiben, auch dann, wenn man die biblische Kamel-Nadelöhr-Metapher (fast) unerwähnt lässt.

Alles, was Sie schon immer über den Strauß wissen wollten

Der Titel verspricht in zweierlei Hinsicht zu viel: Erstens wollten die meisten von Ihnen nur sehr wenig bis gar nichts über das Wort Strauß wissen und zweitens geht es hier vor allem um den Blumenstrauß, ein bisschen um den Vogel Strauß, aber nicht zum Beispiel um bayerische Politiker und österreichische Komponisten dieses Namens. Ich komme nur darauf, weil am heutigen Tag, dem zweiten Sonntag im Mai, wohl überdurchschnittlich viele Blumensträuße verschenkt werden.

Das Wort Strauß mit der Bedeutung Blumenstrauß kommt von einem alten Wort, das wahrscheinlich mit strotzen verwandt ist. Es bezeichnete zuerst u.a. den Federschmuck balzender Vögel, dann aufstehende Helm- und Hutverzierungen und erhielt schließlich die Hauptbedeutung Blumenstrauß. Obwohl dieser Strauß also ursprünglich etwas mit Vogelfedern zu tun hatte, ist er nicht mit dem Vogel Strauß verwandt. Der Name des Vogels geht über das lateinische struthio auf das griechische stroútheios zurück. Dort hatte das Wort allerdings nur zusammen mit megalé (groß) die Bedeutung Strauß, denn struthio allein wurde vor allem für Spatz, Sperling verwendet. Wir haben also ausgerechnet bei diesem Riesenvogel vom großen Spatz der Griechen nur den Spatz übernommen!

Der Blumenstrauß und der Vogel Strauß sind unterschiedliche Wörter, die lautlich zusammengefallen sind. Das zeigt sich auch daran, dass man in der Mehrzahl bei den Blumen die Sträuße, aber bei den Vögeln die Strauße sagt.

Sollten Sie sich, was ich ernsthaft bezweifle, jemals gefragt haben, ob Sie nun einen Strauß gelbe Tulpen oder gelber Tulpen erhalten haben oder ob ein Strauß duftender Flieder oder duftenden Flieders Ihr Wohnzimmer ziert: Beides ist richtig.

ein Strauß gelbe Tulpen
ein Strauß gelber Tulpen

ein Strauß duftender Flieder
ein Strauß duftenden Flieders

Wenn die Blumen in der Mehrzal stehen, gibt es im Dativ sogar drei Varianten:

mit einem Strauß duftendem Flieder
mit einem Strauß duftenden Flieders

mit einem Strauß gelbe Tulpen
mit einem Strauß gelben Tulpen
mit einem Strauß gelber Tulpen

Wenn der Blumenname in der Einzahl und allein steht, kann er nicht im Genitiv stehen:

ein Strauß Flieder
mit einem Strauß Rittersporn
Nicht: *ein Strauß Flieders
Nicht: *mit einem Strauß Rittersporns

Obwohl das alles recht kompliziert aussieht, macht man es in der Regel ganz spontan richtig. Erst wenn man anfängt darüber nachzudenken, kann man so richtig schön ins Zweifeln kommen. Letzteres hat wenig Sinn, denn Blumensträuße sind dazu da, bewundert zu werden. Sie sollten nicht zu grammatischen Grübeleien Anlass geben – außer dann natürlich, wenn man als Dr. Bopp am Muttertag einen Blogeintrag schreibt …

Allen Müttern wünsch ich einen wunderschönen Tag!

Dr. Bopp