China, Peking und Beijing

Pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Spielen 2008 ein paar kleine sprachliche Hintergrundinformationen: Woher kommt der Name China und was hat es mit Peking und Beijing auf sich?

Wieso heißt China eigentlich China? Die Chinesen selber nennen ihr Land Zh?ngguó (auf Deutsch: Reich der Mitte). Von diesem Namen aus kommt man auch mit noch so viel Zungenfertigkeit – oder Mangel an Zungenfertigkeit – nicht auf China, ganz gleich ob man das Ch am am Anfang als ich-Laut oder als k ausspricht.

Der in den westlichen Sprachen übliche Name China geht auf nur einen Teil des heutigen Chinas zurück: Qin (ausgesprochen ungefähr tschin). Dieser Staat im Nordosten Chinas umfasste „nur“ etwa einen Viertel der heutigen Staatsfläche. Seine Geschichte ist eng mit derjenigen der Qin-Dynastie (221-206 v.Chr.) verknüpft. Sie wurde von einem gewissen Yíng Zhèng gegründet, der sich – dies sei nur nebenbei erwähnt – ganz unbescheiden Qin Shihuangdi nannte, was so viel wie erster erhabener Gottkaiser von Qin bedeutet. Der Name des Landes Qin gelangte im Laufe der Geschichte über Südostasien zu den europäischen Seefahrern, die ihn in die westliche Welt zurücknahmen.

Nun zur Hauptstadt: Je mehr die Olympischen Spiele 2008 in Blickfeld rücken, desto mehr erhält der Name Peking Konkurrenz von der Bezeichnung Beijing. Der chinesische Name Beijing bedeutet Nördliche Hauptstadt (bei = Norden, jing = Hauptstadt). Aber wenn die Chinesen Beijing sagen, wieso sagen wir dann Peking?

Der Name soll auf französische Missionare zurückgehen, die ihn im 17. Jahrhundert nach Europa gebracht haben sollen. Vielleicht waren es ja auch nicht französische Jesuiten, aber auf jeden Fall gelangte der Name zu uns, bevor ein bestimmter chinesischer Lautwandel stattfand. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) veränderte die Aussprache des k vor einem i in etwas Ähnliches wie ein dsch (geschrieben j). Dehalb heißt die Stadt im modernen Chinesisch Beijing.

Der im Deutschen nach wie vor üblichere Name ist Peking. So steht er zum Beispiel auch im Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland. Ob das wohl nach den Spielen immer noch so sein wird?

So eine frabannte Ähnlichkeit

Frage

Karl Valentin, ein Münchner Komiker der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, benutzte in einem seiner Dialoge das Wort frabannt im Satz „So eine frabannte Ähnlichkeit!“ Könnten Sie die Wortbedeutung erforschen?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

das Wort frabannt kenne ich nicht und ich kann es auch nirgendwo finden. Ich vermute allerdings stark, dass Karl Valentins Worte, wenn man sie ins Standarddeutsche „übersetzt“, die folgenden wären: „So eine frappante Ähnlichkeit!“

Das aus dem Französischen stammende Wort frappant bedeutet überraschend, verblüffend. Im Französischen bedeutet frapper eigentlich schlagen, treffen, aber man braucht nicht allzu viel Fantasie, um den Schritt zur übertragenen Bedeutung überraschen, verblüffen zu verstehen. Wenn man sich dabei noch den übersteigerten Gesichtsausdruck eines den Überraschten darstellenden Komikers oder Pantomimen vorstellt, ist es sogar ein sehr passendes und einleuchtendes Bild. Mit dieser Bedeutung gibt es das Verb auch im älteren, gehobenen Deutsch: frappieren.

Das Adjektiv frappant kommt übrigens nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig zusammen mit Ähnlichkeit vor:

So eine frappante Ähnlichkeit.
Die Ähnlichkeit war frappant.
Sie gleichen sich in frappanter Weise.

Sehen Sie auch frappant in Canoonet und DWDS.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Oranje, Oranien und Orange

Die folgende Tatsache ist in letzter Zeit wohl nicht nur den Einwohnern von Bern und Basel und nicht nur Fußballfans aufgefallen: Wenn die niederländische Nationalmannschaft spielt, erkennt man die entsprechenden Fans schnell und eindeutig an der Farbe Orange. Auch die Fußballelf tritt am liebsten von Shirt bis Socke in Orange gekleidet an. Bei der Farbe Blau muss man genauer hinschauen, ob es les bleus“ aus Frankreich oder gli azzurri“ aus Italien sind. Bei roten Trikots ist die Auswahl ganz besonders groß: Österreicher, Polen, Portugiesen, Schweizer, Spanier, Tschechen, Türken und vielleicht auch noch andere spielen, wenn es geht, in Rot. Bei orangefarbenen T-Shirts hingegen gibt es wie bei Wohnwagen mit gelben Nummernschildern nicht den geringsten Zweifel: Das sind Holländer.

Wieso orange? Das liegt am niederländischen Königshaus, dem Haus von Oranien-Nassau (nld. Oranje-Nassau). Der erste Teil, Oranien, bezieht sich auf die französische Stadt Orange und das erklärt die Vorliebe der Niederländer für die Farbe Orange (nld. oranje), wenn es um Königin und Vaterland geht.

Wie das geschichtlich genau zu erklären ist, passt nicht hierher. Schon eher die Frage, was die Farbe Orange mit der Stadt Orange zu tun hat. Die Antwort lautet: erstaunlich wenig. Der Name der Frucht Orange, von der die Farbbezeichnung stammt, kam unter Anlehnung an das frühere niederländische oranjeappel aus dem Französischen. Wie so oft, wenn es um Exotischeres geht, stammt der Name aus dem Arabischen: narang (dies wiederum aus dem Persischen). Das n fiel irgendwann einmal weg und für das o am Wortanfang gibt es verschiedene Erklärungen. Es soll von or (frz. für Gold) oder eben vom Namen der Stadt Orange beeinflusst sein. Die Stadt habe früher etwas mit dem Orangenhandel zu tun gehabt. Die Bezeichnung Apfelsine verdanken wir übrigens direkt den Niederländern: Dort hieß die Frucht früher appelsina, Apfel aus China, und sie wird auch heute noch nicht etwas oranje, sondern sinaasappel oder appelsien genannt.

Und wenn Sie wissen möchten, wann man Farbbezeichnungen klein- und wann großschreibt, hier eine kleine Liste:

das Trikot ist orange
die orange Farbe
die Farbe Orange
in Orange gekleidet

Dies und auch noch eine kurze Bemerkung dazu, ob man ein orange Trikot oder ein oranges Trikot sagt oder sagen sollte, finden Sie auf dieser Seite.

Selbst ein eingefleischter Fußballmuffel wie ich kann sich also nicht ganz dem EM-Rummel entziehen. Andere eingefleischte Fußballmuffel mögen mir diesen Moment der Schwäche verzeihen. Ganz so fußballlastig ist dieser Beitrag ja nun auch wieder nicht.

Schibboleth

Ein netter Kollege hat mich auf den Begriff Schibboleth hingewiesen, der recht exotisch aussieht und für ein interessantes Phänomen verwendet wird. Es handelt sich um eine Art Losungswort. Es geht aber nicht um Losungswörter, wie wir sie aus Abenteuer-, Kriegs- und Piratenfilmen kennen. Diese werden vorher abgesprochen und sollten danach nur Eingeweihten bekannt sein. Ein Schibboleth funktioniert auch anders als Passwort und PIN, die modernen Varianten des Losungswortes. Schibboleth kommt aus dem Hebräischen und bedeutet wörtlich Getreideähre. Die Bedeutung Losungswort stammt aus der Bibel:

(5) Gilead besetzte die nach Ephraim führenden Übergänge über den Jordan. Und wenn ephraimitische Flüchtlinge (kamen und) sagten: Ich möchte hinüber!, fragten ihn die Männer aus Gilead: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er Nein sagte, (6) forderten sie ihn auf: Sag doch einmal «Schibboleth». Sagte er dann «Sibboleth», weil er es nicht richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort an den Furten des Jordan nieder. So fielen damals zweiundvierzigtausend Mann aus Ephraim. (Richter 12, 5-6)

Ein Schibboleth ist also Wort, das Anderssprachige nicht korrekt aussprechen können. Es kann deshalb als Losungswort verwendet werden, mit Hilfe dessen man Fremde „entlarven“ kann. Das konnte manchmal für die so Ertappten wie für die Ephraimiter böse Folgen haben. Während der Sizilianischen Vesper 1282, einem Aufstand der Sizilianer gegen die Franzosen, erging es Leuten, die das sizilianische Wort ciciri nicht richtig aussprechen konnten, schlecht. Offenbar war das ein Wort, das der französischen Zunge gar nicht lag. Ein anderes Beispiel ist der Name der niederländischen Stadt Scheveningen. Während des Zweiten Weltkrieges sollen niederländische Widerstandskämpfer mit Hilfe dieses Wortes deutsche Infiltranten erkannt haben. Das s und das ch werden nämlich getrennt voneinander ausgesprochen (wobei das ch am besten richtig schön kratzend klingen sollte), was für Deutsche vor allem am Anfang eines Wortes sehr schwierig bis unmöglich ist.

Schibboleth wird auch in einem übertragenen Sinne verwendet. So versuchten amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der Kenntnisse des Baseballs echte Amerikaner von feindlichen Spionen und Infiltranten zu unterscheiden. Nicht die Aussprache, sondern kulturgebundene Kenntnisse dienten als Schibboleth.

Natürlich gibt es auch harmloserer Beispiele: Nur wenige Nichtdeutschsprachige könne das Wort Streichholzschächtelchen richtig aussprechen. All diese sch, ch und h in einem Wort sind für die meisten Fremdsprachigen eine zu große Herausforderung. Und auch innerhalb des deutschen Sprachraumes gibt es solche Erkennungswörter. So erkennt der Bayer am Oachkatzlschwoaf den „Preißn“, das heißt jeden Nicht-Bayern deutscher Zunge. Das Plattdeutsche revanchiert sich hierfür mit dem Eekkattensteert, das die gleiche Bedeutung hat wie Oachkatzlschwoaf, aber für die Bayern unaussprechlich sein soll. Das bekannteste Schweizer Beispiel hat nichts mit einem Eichhörnchenschwanz zu tun, sondern mit einem Küchenmöbel, dem Chuchichäschtli (Küchenkästchen). Da die Deutschschweizer das ch so richtig schön kratzen lassen, erkennt man mit Hilfe des Chuchichäschtli, ob jemand ein Uwe, ein Horst oder jemand aus dem großen Kanton ist. Für die nichtschweizerische Leserschaft: ein Uwe, ein Horst oder einer aus dem großen Kanton ist ein Deutscher. Diese beiden typisch deutschen Vornamen kommen bei Schweizern nicht vor. Sie sind deshalb in gewisser Weise Schibboleths. Die Bezeichnung „großer Kanton“ (auch „großer Nordkanton“ genannt) bedarf wohl keiner Erklärung.

Auch auf der sozialen Ebene gibt es Schibboleths: richtige Wortwahl und richtiger Akzent. So lernen wir im Musical „My Fair Lady“, dass nur wer „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn“ richtig sagen konnte, sich ein Mitglied der gehobeneren Gesellschaft nennen durfte. Ganz so streng ist das heutzutage nicht mehr, aber es gibt viele Bereiche, in denen Wörter und Ausdrucksweisen nicht nur der Kommunikation, sondern auch dazu dienen, die Dazugehörenden zu erkennen und die anderen auszugrenzen.

Wörth, Werth, Werd und Werder

Ein Kommentar mit nettem Gruß vom Wörther See hat mich an eine andere Frage erinnert:

Frage

Wovon ist eigentlich der Begriff Wörth abgeleitet? Oder was ist mit diesem Begriff eigentlich ursprünglich gemeint?

Ich habe heute im Buch „Istein und der Isteiner Klotz III“ diesen Begriff Wörth als Namensteil früherer Inseln im Alt-Rhein/Bereich Istein entdeckt. Hierzu vermute ich eine Parallele bei Nürtingen. In diesem Fall gibt es die Bezeichnung Stadion Wörth. Dieses Gelände liegt am Zusammenfluss von Neckar und Aich und könnte früher durchaus (auch) eine Insel gewesen sein.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

Sie vermuten richtig. Der Ortsname Wörth geht auf mittelhochdeutsch wert und althochdeutsch warid, werid zurück. Es bedeutete Insel, oder genauer gesagt gegen Wasser geschütztes o. schützendes Land. Im neueren Deutschen gibt es noch die auf das gleich Wort zurückgehende Nebenform Werder mit der Bedeutung Flussinsel, Niederung zwischen Flüssen und Seen. Sehen Sie hierzu den entsprechenden Eintrag „Werder“ im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm.

Ortschaften mit dem Namen Wörth liegen dann auch am Wasser. So gibt es zum Beispiel ein Wörth an der Donau, an der Isar, an der Lafnitz, am Main, an der Sauer, an der Sempt und auch am Rein. Inseln mit dem Namen Wörth gibt es unter anderem in der Donau, im Schliersee, im Staffelsee und im Wörthsee. Und auch der Wörther See (oder Wörthersee) in Kärnten verdankt seinen Namen den in ihm liegenden Inseln.

Eine Variante zu Wörth ist Werth. Diesen Ortsnamen gibt es unter anderem im Münsterland, an der Ruhr, in Stolberg, in Wuppertal und als Teilname in zum Beispiel Niederwerth (Rheininsel), Beeckerwerth und Werthacker in Duisburg, Kaiserswerth in Düsseldorf, Oberwerth in Koblenz, Rolandswerth und Nonnenwerth in Remagen.

Mit d statt th findet man zum Beispiel das Obere und das Untere Werd in Wien, die Insel Werd im Bodensee und die Werdinsel in Zürich, die also genau genommen Inselinsel heißt.

Und dann gibt es, wie bereits erwähnt, auch noch die Variante Werder:

Damerower Werder, Halbinsel im Kölpinsee
Großer Werder, Halbinsel östlich von Zingst in Vorpommern
Kleine Werder, Inselgruppe östlich von Zingst in Vorpommern
Großer Werder im Liepnitzsee in Brandenburg
Elbinsel Großer Werder in Magdeburg.
Stadtwerder in Bremen

Es gibt noch viele Ortschaften, Stadtteile, Inseln, Halbinseln usw. die den Namen Wörth, Werth, Werd oder Werder tragen. Ich kann sie hier nicht alle nennen und hoffe dann auch, dass niemand beleidigt ist, weil sein oder ihr Name hier nicht erwähnt wird.

Auf den zuletzt genannten Namen, Stadtwerder, geht übrigens den Name des Sportvereins Werder Bremen zurück. Nun wissen wir also, was der Fußballclub aus Bremen mit der Werdinsel in Zürich und dem Wörther See in Kärnten gemeinsam hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was haben Kohlmeisen mit Kohl zu tun?

Heute arbeite ich zu Hause. Ich habe Aussicht auf das Gärtchen, das von so bescheidener Größe ist, dass ich es manchmal gerne und maßlos übertreibend unsere Parkanlage“ nenne. An der Hauswand hängt ein Nistkasten, in dem sich dieses Jahr zum ersten Mal ein Kohlmeisenpärchen eingenistet hat. Die Jungen sind ausgeschlüpft und piepsen ununterbrochen, was die armen Eltern zu beinahe pausenloser Nahrungsanfuhr antreibt. In rasendem Tiefflug, der eigentlich manchen Jetpiloten vor Neid erblassen lassen müsste, fliegen sie hin und her. Ich wundere mich immer wieder, wie sie es schaffen, rechtzeitig zu bremsen, bevor sie in ihrem Vogelhäuschen verschwinden. Kurzum, ein schöner Anblick für den menschlichen Beobachter und ein fatales Ereignis für unzählige Räupchen und fliegende Insekten.

Was aber haben nun Kohlmeisen mit Kohl zu tun? Die Antwort lautet: gar nichts. Sie heißen wegen der schwarzen Farbe ihres Kopfes so. Ihr Name hat also etwas mit Kohle zu tun. Weshalb dachte ich dann aber doch erst an den Kohl statt an die Kohle?

Das hat damit zu tun, dass es nur ganz wenige Zusammensetzungen mit Kohle an erster Stelle gibt, die die Form Kohl- haben:

kohlschwarz, Kohlrabe, Kohlmeise

Alle anderen Zusammensetzungen haben die Form Kohle- oder Kohlen-. Zum Beispiel

Kohlebenzin, kohlehaltig, Kohle[n]hydrat, Kohle[n]industrie, Kohlenbergwerk, Kohlenheizung

Die meisten Zusammensetzungen mit Kohl- an erster Stelle haben etwas mit Kohl zu tun. Zum Beispiel:

Kohlgemüse, Kohlkopf, Kohlraupe, Kohlrübe, Kohlsuppe

Es gibt im Deutschen fast keine festen Regeln, wann bei der Wortzusammensetzung ein auslautendes e wegfällt und wann ein Fugenelement eingefügt wird. Es geschieht meistens in Übereinstimmung mit anderen Zusammensetzungen, die das gleiche Wort an erster Stelle haben. Das ist also der Grund, weshalb ich – und vielleicht auch Sie – bei der Kohlmeise zuerst ans Gemüse und dann erst an den Brennstoff dachte. So kann man also seinen Irrtum mit Hilfe der deutschen Wortbildungsprinzipien als zwar falsche, aber doch intelligente Folgerung tarnen. Man kann es wenigstens versuchen …

Der Monatsname April

Draußen sehe ich schönstes Frühlingswetter mit frühblühenden Bäumen im Sonnenschein, während meine Kollegen am anderen Ende des Landes Aussicht auf strömenden Regen haben; so richtig schön wie sich das für den April gehört. Und wie mir das öfter passiert, fragte ich mich plötzlich, wo denn der Monatsname herkommt. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiß es immer noch nicht genau.

Die deutschen, kaum oder nicht mehr verwendeten Namen wie zum Beipiel Ostermond oder Launing erklären sich fast von selbst: Ostern fällt anders als in diesem Jahr oft in den April und den launischen Charakter des Aprilwetters habe ich ja schon angetönt. Aber woher kommt der Name April?

Alle Quellen sind sich einig, dass April vom lateinischen Namen für diesen Monat, nämlich aprilis stammt. Dann aber wird es undeutlich. Der Fremdwörterduden meint dazu einfach „weitere Herkunft unbekannt“. Wikipedia weiß da schon mehr zu berichten: „Wird abgeleitet von lat. aperire „öffnen“, der Monat der Öffnung bzw. des Aufblühens.“

Damit sind aber nicht alle Quellen einverstanden. Eigentlich gar keine. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man die zu Recht vielgepriesene Wikipedia immer mit Vorsicht genießen sollte und dass man, wenn es wirklich wichtig ist, auch noch andere Quellen hinzuziehen sollte. So nennt ein französisches Wörterbuch die Erklärung, aprilis komme von aperire, „reine Phantasie“. Es gibt aber leider wie die meisten Wörterbücher keine weiteren Angaben zur Herkunft des Namens.

Ein italienisches Wörterbuch führt uns auf eine andere Spur: eine etruskische Gottheit. Jacob Grimm verweist in seiner Geschichte der deutschen Sprache, Kapitel „Monate“, auf einen hypothetischen etruskischen Gott Aper oder Aprus. Andere Forscher meinen – und jetzt wird es etwas komplizierter –, dass der Name April auf die etruskische Göttin Apru zurückzuführen sei. Diese wiederum verdanke ihren Namen der griechischen Göttin Aphrodite. Und Aphrodite entspricht der römischen Göttin Venus, der Göttin also, der der Monat April geweiht war. Der Kreis ist geschlossen! Aber ob es auch wirklich stimmt?

Ganz gleich ob der Monat seinen Namen nun einem hypothetischen etruskischen Gott, auf Umwegen oder direkt der Aphrodite oder vielleicht doch dem Verb aperire (öffnen) zu verdanken hat, er ist schon bald wieder vorbei. Möge er Ihnen noch ein paar schöne Sonnenstunden bringen!

Schaltjahr und Schalttag

Zum heutigen 29. Februar (endlich kann unser Nachbarsjunge wieder einmal seinen „echten“ Geburtstag feiern – ich grautliere!) erlaube ich mir einen kleinen mehrsprachigen Exkurs, denn die deutschen Wörter Schaltjahr und Schalttag geben nicht viel Interessantes her. Es geht schließlich einfach um einen speziellen Tag, der in speziellen Jahren eingeschaltet wird.

Wenn wir sprachfamiliär in der Nähe bleiben, dann haben wir zum Beispiel im Niederländischen den schrikkeldag und das schrikkeljaar und im Schwedischen den skottdagen und das skottår. Während die niederländische Variante noch wenig spektakulär ist (Mittelniederländisch schrikken = springen), wird es beim Schwedischen und den anderen skandinavischen Sprache schon etwas poetischer: Wenn man wörtlich übersetzt, kommt man nämlich auf Schusstag und Schussjahr (oder Sprosstag und Sprossjahr? – mein Skandinavisch lässt leider viel zu wünschen übrig).

Wie die Niederländer und die Flamen springen auch die Englischprachigen: leap day und leap year (leap = springen, Sprung). Aber wie so oft kann sich der englische Wortschatz natürlich nicht einfach auf einen Ausdruck beschränken. Weitere Wörter sind: intercalary day und intercalary year oder bissextile day und bissextile (year). Sie bilden die Brücke zu den romanischen Sprachen, die fast alle fast die gleichen Bezeichnungen verwenden

Französich:
jour bissextil – anée bissextile
jour intercalaire – année intercalaire

Italienisch
giorno intercalare – anno bisestile

Spanisch
día del año bisiesto, día intercalar – año bisiesto,

Das Adjektiv intercalaire, intercalar(e) geht auf das lateinische intercalaris oder intercalarius zurück, das eingeschaltet, eingeschoben bedeutet und auch damals offenbar viel im Zusammenhang mit im Kalender eingeschalteten Tagen und Monaten verwendet wurde.

Das andere Wort ist interessanter. Es hat nicht mit sexus (Geschlecht), sondern mit bis (zweimal, doppelt) und sextus (sechste) zu tun. Das Wort bissextilis könnte man frei mit doppelsechste übersetzen. Es geht auf den römischen Kalender zurück, in dem auch schon geschoben werden musste, um ihn wieder parallel zum Sonnenjahr verlaufen zu lassen. Was hat nun der 29. Februar mit einem Doppelsechsten zu tun? Eigentlich nichts. Die Römer zählten nämlich rückwärts. So hieß unser 24. Februar der sechste Tag vor Anfang März. In einem Schaltjahr wurde nun vor diesen sechsten Tag vor Anfang März noch ein sechster Tag vor Anfang März eingeschoben, so dass es zweimal hintereinander einen sechsten Tag vor Anfang März gab. Der eigentliche Schalttag war also nicht der 29., sondern der 24. Februar.

So interessant das auch sein mag, wenn dieses Jahr kein Schaltjahr wäre, wäre es heute schon Samstag und brauchte ich nicht zu arbeiten.

Bopp

Heute geht es um eine eher persönliche Frage, die nicht unmittelbar etwas mit Sprache zu tun hat. Doch am Wochenende gesteht meine Brötchengeberin Canoo ihrem Hauslinguisten wohl eine solche Abschweifung zu. Und auch wenn es persönlich ist, so gebe ich zumindest ein paar Hinweise, wo auch Sie auf eine eigene kleine Entdeckungsreise gehen können.

Vor einiger Zeit fragte Herr Bopp (es ist hier ausnahmsweise wenig sinnvoll, den Fragesteller zu Herr B. zu „anonymisieren“), ob ich wisse, wo unser Familienname herkomme. Er hatte gelesen, dass der Name Bopp aus dem Französischen kommen könnte. Es folgt die Antwort an meinem Namensvetter:

———-

Sehr geehrter Herr Bopp,

als Träger des gleichen Familiennamens müsste ich lügen, wenn ich sagen wollte, dass mir Ihre Frage nicht ganz besonders interessant erscheint. Hier dann also, was ich zu diesem Thema finden konnte:

Bopp: aus dem alten Lallnamen Boppo entstandener Familienname.
(Duden – Familiennamen – Herkunft und Bedeutung. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Dudenverlag 2006).

Bopp: Poppo, vielleicht Kurzform zu Bodobert oder Lallwort zu „buobe“ ‚Knabe‘.
(nach einem durch die Zürcher Kantonalbank 1994 herausgegebenen Büchlein über Zürcher Familiennamen)

Der Name ist also nicht französischen, sondern germanischen Ursprungs.

Hat der Name etwas mit Boppard zu tun? Wikipedia und andere Quellen sagen das Folgende über die Entstehung von Boppard:

Von den Römern als Festung gegründet. In Anlehnung an das in der Nähe liegende keltische Dorf nannten die Römer dieses Kastell Vicus Baudobriga (Bodobriga, Bontobrica).

Der Name Boppard geht also nicht – wie Sie gelesen haben – auf das französiche beau port oder bon port (schöner resp. guter Hafen) zurück. Und wenn wir diese Angaben mit dem oben Gesagten vergleichen, ist ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Namen der Stadt und unserem Namen höchst unwahrscheinlich.

Ein anderer interessanter Ortsname ist Boppelsen im Schweizer Kanton Zürich, wo mein „Ast“ der Bopps herkommt. Der Name kommt von Boppinsolo (bei den Sumpflachen des Boppo). Er hat also insofern mit unserem Familiennamen zu tun, als er vom gleichen Namen, das heißt von Boppo abgeleitet wurde.

Zur Verbreitung des Namens:

Gemäß einer Webseite, die die Verbreitung von Familiennamen aufgrund von Telefonanschlüssen anzeigt, wohnen in Deutschland zurzeit die meisten Bopps in Baden-Würtemberg und Hessen. Diese Daten sind aus namenshistorischer Sicht natürlich unzuverlässig, aber ein Blick auf diese Seite lohnt sich allemal (einfach Bopp eingeben und auf Kartieren klicken). Gemäß der gleichen Webseite kommt der Name Bopp in Österreich nur sehr selten vor. Eine andere Seite mit ähnlichen Karten ist diese.

In der Schweiz soll unser Name auffällig häufig in der Nähe von Boppelsen im Kanton Zürich vorgekommen sein, er ist aber heute auch an vielen anderen Orten zu finden. Sehen Sie hier eine Karte, die ebenfalls auf Telefonanschlüssen basiert.

In Frankreich kommen die Bopps gemäß dieser Karte, die aufgrund der Geburtenregister erstellt wird, vor allem im Elsass vor. Das widerspricht also dem germanischen Ursprung des Namens nicht.

Der Familienname Bopp kommt somit im südwestlichen deutschen Sprachraum am häufigsten vor und findet dort wohl auch als Ableitung des verkürzten Vornamens oder Lallwortes Boppo seinen Ursprung. Mir hätte es auch besser gefallen, wenn unser Name nicht auf ein Lallwort, sondern auf Beauport zurückzuführen wäre (am liebsten noch mit einem adligen de davor), aber dem ist nun einmal nicht so. Wir werden damit leben müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Pauschale, pauschalieren und pauschalisieren

Frage

Gibt es einen Unterschied zwischen pauschalieren (meiner Meinung nach: zusammenfassen) und pauschalisieren (meiner Meinung nach: verallgemeinern)? Ich finde diesen – falls es ihn gibt – leider nirgends belegt.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Bedeutungen von pauschalieren und pauschalisieren unterscheiden sich voneinander, und zwar genau so, wie Sie es beschreiben. Auch gemäß Wörterbüchern wie Duden und Wahrig haben die beiden Verben die folgenden Bedeutungen:

pauschalieren: zu einer Pauschale zusammenfassen
pauschalisieren: stark verallgemeinern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag zum Ursprung von Pauschale
Die beiden Verben sind von Pauschale abgeleitet. Das ist wieder einmal so ein Wort, das meine Neugierde kitzelt. Es hat auf den ersten Blick mit keinem anderen Wort zu tun. So etwas bringt mich immer wieder auf die Idee, ein Wort komme von weit her. Es tönt irgendwie russisch oder vielleicht auch ungarisch: Gulasch hat ja auch ein sch und die entfernt ähnlich klingende Puszta ist in ihrer Größe zwar nicht alles, aber immerhin viel umfassend. (Die Kenner des Ungarischen mögen mir diese allzu freien Assoziationen verzeihen.) Wie bei der Dusche, von der ich dachte, dass sie aus exotischen Gefilden komme, täusche ich mich aber sehr. Während die Dusche wenigstens noch aus dem Italienischen stammt, ist die Pauschale fast gänzlich deutschen Ursprungs.

Pauschale ist eine latinisierende Bildung zu Pauschsumme (Gesamtsumme). Latinisiert, das heißt auf Lateinisch getrimmt wurde früher des Öfteren. Das klang gewichtiger. Es ist wohl ein bisschen damit zu vergleichen, wie man heute vieles anglisiert, um up to date zu erscheinen. Das Substantiv Pauschale entstand in der österreichischen Amtssprache und wird seit dem 19. Jahrhundert im kaufmännischem Bereich verwendet.

Pausch ist eine Nebenform von Bausch, das wir heute zum Beispiel in aufbauschen und Wattebausch verwenden. Das Wort gab es schon im Mittelhochdeutschen, wo es Wulst, Bausch bedeutete, aber zu meinem Erstaunen anscheinend auch Schlag mit einer Keule. Gemäß Duden soll es über das Althochdeutsche sogar mit Beule verwandt sein. Und hier trifft sich die sehr alte mögliche Bedeutung mit einer viel neueren: Wenn man pauschalisiert, geht man ja irgendwie mit der Finesse eines Keulenschlags vor. Doch diese letzte Interpretation – so schön abrundend sie auch klingen mag – hat leider nur wenig mit seriöser Wortforschung zu tun.