Calvados: kahle Rücken oder Armadaschiff

Im Urlaub schauen viele gerne einmal über die Grenze. So sind auch wir für ein paar Tage über Landes- und Sprachgrenze nach Frankreich gezogen. Dort stand ich vorgestern noch auf dem (oder der) Pont de Normandie, einer eleganten Brücke, die die Mündung der Seine zwischen Le Havre und Honfleur überspannt. Auf einem knapp zwei Meter breiten Trottoir, nur durch einen wenige Zentimeter hohen Betonrand vom mit 90 km/h vorbeirasenden Verkehr getrennt, kann man diese Brücke begehen. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wenn man irgendwo hinaufsteigen und hinunterschauen kann, ganz egal ob Kirchturm, Leuchtturm, Aussichtsturm, Wolkenkratzer oder eben in diesem Fall eine Brücke, dann muss ich hinauf. Dort stand ich also mehr als fünfzig Meter über der Seine, hielt meine Mütze fest (merke: auf einer hohen Brücke an der Küste ist es nicht windstill!), schaute um und unter mich und dachte: „Mann, ist das hoch!“ Wenn Sie einmal in der Gegend sind und keine Höhenangst haben: Der Pont de Normandie ist das Begehen wert.

In der Mitte der Brücke zeigten Tafeln an, dass wir auf der Grenze zwischen den Departements Calvados und Seine-Maritime standen. Und plötzlich schlug wieder einmal die Berufsdeformation zu: Woher kommt der Name Calvados? Er sieht ja eher spanisch als französisch aus.

Calvados-Schild
Foto Wikipedia . Foto P.v.B.

Der Name Calvados, den Liebhaber und Liebhaberinnen destillierter Wässer ja auch als Bezeichnung für den berühmten Apfelbranntwein aus dieser Region kennen, ist nicht typisch für die Normandie. Der Name Normandie geht auf das altfränkische nortman oder das altnordische nordmaðr zurück, die beide Nordmann bedeuten. Es kam im mittelalterlichen Latein ab dem 9. Jahrhundert vor und bezeichnete also das Gebiet der Nordmänner. Die Normandie war von einem Mischvolk besiedelt, das aus vom Norden eingedrungenen Skandinaviern und den ansässigen Franken entstanden war. Natürlich ist wie immer alles viel komplizierter, aber der Name Calvados kam bestimmt nicht mit den Wikingern in diese Region.

Es gibt zwei Erklärungen für den Ursprung des Namens: eine eher realistische und eine eher romantische. Nach der realistischeren, allgemein als wahrscheinlich anerkannten Erklärung stammt der Name von alten Seekarten. Mit dem lateinischen calva dorsa (kahle Rücken) sollen sie von See aus sichtbare kahle, also baumlose Hügel der Gegend angegeben haben. Die romantischere Erklärung sagt, dass der Name von Salvador komme. Salvador war der Name eines Schiffes, das zur „Unbesiegbaren Armada“ gehörte, der Kriegsflotte, die 1588 auf Befehl des spanischen Königs Philipp II. ausfuhr, um England zu erobern. England wurde nicht erobert und die Salvador strandete auf einem Felsen vor der Küste des heutigen Calvados. Über ein paar abenteuerliche Lautverschiebungen soll das Schiff dann Namensgeberin der Gegend geworden sein.

Vom Pont de Normandie aus habe ich beides gesehen: mehr oder weniger baumlose Hügel und einige Schiffe. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könnten also beide Erklärungen zutreffen, aber auch mir scheint die erste Erklärung (calva dorsa) die wahrscheinlichere zu sein.

Pont de Normandie

So weit der Blick über die Grenze. Die nächsten Beiträge werden sich dann wieder mit „deutscheren“ Themen befassen.

 

Die Gurgelbacher gegen die Mönche

Das Einzige, was ich als Sportmuffel erster Klasse zum morgigen Duell in London beitragen kann, ist ein wenig Namenkunde:

Bayern

Wo die Bayern herkommen ist ungeklärt. Lange Zeit wurde angenommen, dass sie im 5. Jahrhundert aus Böhmen eingewandert waren und sich mit ein paar Germanen und der verbleibenden römisch-keltischen Bevölkerung vermischt hatten. Der Name Bayern wäre demnach über Bajuwaren aus einem alten Wort mit der ungefähren Bedeutung Männer aus Böhmen entstanden. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dies nicht so sein kann, werfen damit aber mehr Fragen auf, als sie beantworten.* Sicher und recht bekannt ist, dass die heutige Schreibung mit y auf einen Beschluss König Ludwigs I. im Jahre 1825 zurückgeht. Bevor der große Verehrer der antiken Griechen das griechische Ypsilon einführte, war die Schreibung Baiern üblich.

*Die Anfänge Bayerns, Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria, hrsg. von Hubert Fehr und Irmtraut Heitmeier, EOS Verlag, 2012

Borussia

Mit einer klassischen Sprache hat auch dieser Name zu tun. Borussia ist die neulateinische Bezeichnung für Preußen. In der Zeit, als man wichtige Texte noch in lateinischer Sprache abfasste, wurden auch die Ortsbezeichnungen latinisiert. So wurde zum Beispiel Hessen in lateinischen Texten zu Hassia, Leipzig zu Lipsia, Bayern zu Bavaria und Preußen zu Borussia. Der Fußballclub wurde aber – so will es zumindest die Legende – nicht direkt nach Preußen, sondern nach einer Brauerei mit dem Namen Borussia benannt.

Dortmund

Dieser Name ist wahrscheinlich germanischen Ursprungs. Die älteste Nennung von Dortmund stammt aus dem Jahr 889: Throtmanni. Darüber, wo dieser Name herkommt, herrscht – wie könnte es anders sein – Uneinigkeit. Der erste Teil des Namens könnte auf das altgermanische Wort throt (Kehle, Gurgel, Schlund, Hals) zurückgehen, das heute noch im englischen throat fortlebt. Der zweite Teil könnte vom altsächsischen Wort manni (Gewässer) oder einer altgermanischen Form *munt (Berg, Hügel, Anhöhe) kommen. Dortmund bedeutete dann also Gurgelbach oder Berg mit einem Einschnitt o. Ä. Problematisch ist allerdings, dass nicht nachgewiesen werden kann, dass es dort einen Gurgelbach oder einen Hügel mit Einschnitt gegeben hat. Eine weitere Theorie meint dann auch, dass Dortmund ursprünglich einem Mann namens Throtmann gehört haben könnte. Der neulateinische Name ist übrigens Tremonia, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

München

Der Name München wird üblicherweise aus bei den Mönchen hergeleitet. Im Jahr ihrer Gründung, 1158, wurde die Stadt in einem Dokument apud Munichen genannt (apud = lateinisch bei, munich = althochdeutsch Mönch). Auf dem dortigen Petersbergl gab es schon seit dem 8. Jahrhundert eine Siedlung von Mönchen. Der Mönch im Stadtwappen sowie der neulateinische Name Monacum o. Monachum (lat. monachus = Mönch) gehen auf diese Erklärung zurück.

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Den eingefleischten Fans mag dies alles ganz egal sein, Hauptsache, ihre Mannschaft gewinnt. Ich meine dazu ganz diplomatisch: Ob es nun die Gurgelbacher oder die Mönche sind, möge die bessere Mannschaft gewinnen!

Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Beredte Beamte

Frage

Gibt es eine Erklärung dafür, warum bei „beredt“ im Gegensatz zu „bedienstet“ oder „behemdet“ trotz d im Stammauslaut kein e eingeschoben wird? Gibt es noch andere solcher Beispiele?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in beredt ist das unbetonte e der Endung weggefallen. Die volle Form wäre ja beredet wie zum Beispiel geredet, befreundet, vergoldet usw. Die Tilgung von unbetonten Vokalen zwischen zwei Konsonanten, auch Synkope genannt, kommt relativ häufig vor. Manchmal ist sie obligatorisch:

regnen (Regen), atmen (Atem), zeichnen (Zeichen)
edle (edel), noble (nobel), integre (integer)

Manchmal ist sie fakultativ:

goldne (goldene), silbrig (silberig), andre (andere), Münchner (Münchener)

Das unbetonte e kann aber nicht überall wegfallen. Es geschieht vor allem bei Wortstämmen, die auf unbetontes el, en und er enden (vgl. Beispiele oben). Früher konnte das e auch bei Partizipien und ähnlichen Wörtern der Form …det und …tet getilgt werden. Ein paar Beispiele aus der Dichtersprache, in der die Synkope zur Wahrung des Versmaßes häufig verwendet wurde und wird:

Ein Weib das mit dem Manne scherzet / Wie ein gebildter Marmorstein  / Das ohne Glut und Reiz ihn herzet / Das kann kein gutes sein.
[G.E. Lessing, Die schlimmste Frau]

Niemand mehr, der ihn gekannt / Der befreundt ihm war / Dem er Bruder war genannt / Oder Liebster gar?
[F. Rückert, Die goldne Hochzeit]

Über die vergoldten Zinnen / Trat der Monden eben vor / »Holla ho! ist niemand drinnen?« / Fest verriegelt ist das Tor.
[J. von Eichendorff, Heimkehr]

Diese Art der Synkope ist heute nicht mehr üblich. Wir verwenden nur noch die Formen mit e: gebildeter, befreundet, vergoldeten. Bis in unsere Zeit gelangt sind nur beredt und – ein viel häufiger vorkommendes Wort – der Beamte (statt der Beamtete).

Die Wörter beredt und Beamter sind also Überbleibsel aus älteren Zeiten, die wir heute noch verwenden. Wären diese Formen nicht in der verkürzten Form erhalten geblieben, benötigten beredte Beamte zwei Silben mehr, um sich selbst zu charakterisieren. Gerade das würde allerdings beredeten Beamteten nicht allzu viel Mühe bereiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!

Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt […] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Kaiserliche am Sherry

Beim Wort Sherry denke ich unwillkürlich an das Klischeebild gelangweilter Damen, die sich dem spätnachmittäglichen Alkoholgenuss hingeben, und natürlich an Miss Sophie, die in „Dinner for One“ Sherry zur Suppe servieren lässt. Ich bin kein großer Sherryliebhaber. Mir schmeckt vor allem die Fino genannte Variante, und das eigentlich nur auf einer andalusischen Terrasse zu den Tapas. Leider bin ich nicht allzu oft in Andalusien, bis jetzt genau ein Mal vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin also alles andere als ein Sherrykenner, und wenn Sie önologische oder feinschmeckerische Betrachtungen zum Thema Sherry erwarten, muss ich Sie enttäuschen.

Wenn es nicht um den Geschmack geht, was ist dann kaiserlich am Sherry? Auf einem Kalenderblatt habe ich gelesen, wo die Bezeichnung Sherry herkommt. Der Wein verdankt seinen Namen der spanischen Stadt Jerez, die früher Xeres geschrieben wurde. Als die Engländer den Wein und den Namen im 16. Jahrhundert aus Andalusien auf ihre Insel mitnahmen, wurde das X noch als sch-Laut ausgesprochen. Der Name Xeres wiederum geht auf den arabischen Namen Sherish zurück. Andalusien stand ja jahrhundertelang unter maurischer Herrschaft. Die Weinproduktion lag übrigens auch in dieser Zeit nicht still. Die muslimischen Herrscher durften zwar keinen Alkohol trinken, aber wirtschaftlich war der Weinanbau dennoch interessant. Beim Geldverdienen wurde und wird zu allen Zeiten ein Auge zugedrückt.

Und nun kommen wir dann endlich zum Kaiserlichen: Gemäß dem Kalenderblatt und einigen etymologischen Wörterbüchern geht Sherish auf den lateinischen Namen (urb) Caesaris, Stadt des Cäsars, zurück. Wie Sie vielleicht wissen, kommt auch unser Wort Kaiser vom lateinischen Caesar. Und schon sieht man, dass der Sherry wortgeschichtlich gesehen ein wahrlich kaiserliches Getränk ist.

(Andere Quellen sagen allerdings, dass Sherish auf einen alten, evtl. phönizischen Namen Xera zurückgeht, den die Region schon in der Zeit vor den Römern trug.)

Interessant ist vielleicht noch, wo der Konsonant am Ende des Wortes geblieben ist. Die Engländer nannten den Wein aus Xeres anfänglich Sherris. Da dieses Wort als Mehrzahl angesehen wurde, verschwand das s am Wortende allmählich. Wir haben hier also wieder einmal einen kleinen Beweis dafür, dass der heutige Standard auf die Fehler unserer Vorfahren zurückgeht. Diese Erkenntnis verdiente es, mit einem Gläschen Sherry begossen zu werden, aber dafür ist es vor dem Mittagessen für mich noch etwas zu früh.

Von X-mas zu Chi-Rho

In Sachen englische Lehnwörter bin ich ziemlich mild. Wer zu viele davon braucht, macht sich lächerlich oder unbeliebt und ist entsprechend selbst schuld. Was genau „zu viel“ ist, kann ich nicht entscheiden. Das ist von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden. Die deutsche Sprache wird die „Anglizismenflut“ schon überleben. Darüber mache ich mir nicht viel mehr Sorgen als um den Weltuntergang (heute ist der 21.12.2012!). Um das Für und Wider englischer Wörter soll es hier dann auch nicht gehen.

Na ja, es soll fast nicht darum gehen. Ein englisches Wort stört mich nämlich alljährlich wieder ein bisschen: X-mas, auch Xmas geschrieben. Weshalb es genau dieses Wort ist, weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich nicht einmal weiß, wie ich es gemäß den deutschsprachigen Schreiberlingen aussprechen soll. Soll ich nun iksmes, eksmeskristmes oder krismes sagen? Oder doch einfach Weihnachten? Auf jeden Fall treffe ich auch dieses Jahr wieder auf X-mas Specials, X-mas-Geschenke oder X-mas Gifts, und TV Spielfilm sowie ELLE stellen die Frage: „Welcher X-mas-Typ sind Sie?“

Es soll hier aber nicht um meine persönlichen Abneigung gegen dieses Wort gehen. Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie wissen, woher das X in X-mas eigentlich kommt. Richtig: Es ist der Griechische Buchstabe Chi, der wie unser ch ausgesprochen wird. Das X in X-mas steht für die Silbe Christ in Christmas (Weihnachten), dies in Anlehnung an das griechische Wort Χριστός (in Großbuchstaben: ΧΡΙΣΤΟΣ).

Dieses Chi findet man auch oft in Kirchen, Kapellen usw. Zusammen mit dem griechischen Buchstaben Rho, der wie unser P aussieht, bildet es das Christusmonogramm XP (Chi-Rho).

Chi-Rho

Als Symbol für Christus und das Christentum soll dieses Zeichen sogar älter sein als das Kreuz. Das Chi-Rho ist nichts anderes als eine Kombination der ersten beiden Buchstaben des griechischen ΧΡΙΣΤΟΣ. Wegen der Ähnlichkeit mit den lateinischen Buchstaben P und X wurde und wird es aber häufig auch als Verkürzung des lateinischen Wortes pax (Frieden) interpretiert. Diese Interpretation entspricht zwar nicht dem Ursprung des Symbols, sie passt aber gut zum bevorstehenden Weihnachtsfest.

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Weihnachtszeit!

Dr. Bopp

Veilchen, Bratschen und Violen

Nachdem sich der Herbst in den letzten Tagen definitiv nicht nur als Tagedieb, sondern auch als Regenwetterlieferant eingenistet hat, habe ich dieses Wochenende die Balkonbegrünung der Jahreszeit angepasst: Blauweiße Stiefmütterchen zieren die Blumentöpfe.

Nach den Angaben des Gartencenters handelt es sich bei diesen Blumen um Vertreterinnen der Familie Viola cornuta. Sie gehören also zur Gattung Viola, das heißt zu den Veilchen. Immer wenn mir der wissenschaftlichen Name der Veilchen begegnet, wundere ich mich, was diese Pflanzen mit Saiteninstrumenten wie der Geige (Violine) und der Bratsche* (Viola) zu tun haben.

Für mich war der Zusammenhang bis jetzt relativ klar: die Form. Schließlich haben die Blumen und die Musikinstrumente, mit etwas Phantasie betrachtet, eine ähnliche Form:

Bevor ich diese äußerst interessante Erkenntnis mit Ihnen teilen konnte, wollte ich nur kurz prüfen, ob sie auch wirklich zutrifft. Ich musste feststellen, dass ich mir hier meine eigene „volksetymologische“ Erklärung zusammengebastelt hatte. Die blumigen Violen haben nämlich nichts mit den musikalischen Violen zu tun.

Der Blumenname Viola kommt direkt aus dem Lateinischen, wo er für Blumen verschiedener Art verwendet wurde. Die Gelehrten nehmen an, dass er aus einer alten, unbekannten Mittelmeersprache stammt. Auch das Wort Veilchen geht auf dieses Viola zurück. Über Formen wie fiol, viol(e) und viel(e) kam es zu veil und veile. Seit dem 17. Jahrhundert wird praktisch nur noch die Verkleinerungsform Veilchen verwendet (vgl. hier).

Das Wort Viola für das Musikinstrument kommt aus dem Italienischen. Das Italienische hat es wahrscheinlich aus dem Altprovenzalischen übernommen. Die Liebeslyrik der provenzalischen Minnesänger soll zur Verbreitung dieses Namens in den romanischen Sprachen gesorgt haben. Danach – oder besser davor – ist die Geschichte unklar. Es gibt unterschiedliche nicht bestätigte Theorien (vgl. z. B. hier). Es könnte sogar sein, dass Viola über ein paar Ecken mit Fiedel verwandt ist.

Außer der klanglichen Übereinstimmung ihres fremdwörtlichen Namens und einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit haben die Veilchen und die Bratschen, anders als ich meinte, nichts miteinander zu tun. Es lohnt sich also immer, in etymologischen Wörterbüchern nachzuschlagen, bevor man seine selbstgestrickten wortgeschichtlichen Befindungen publik macht. Auch ein Linguist ist nicht gegen Trugschlüsse dieser Art gefeit.

*Bratsche kommt vom italienischen viola da braccio = Armgeige (braccio = Arm).

Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp