Irgendwie klingt irgend seltsam und urtümlich, wenn man es als isoliertes Wort betrachtet: irgend. Es ähnelt keinem anderen Wort außer nirgend(s) und sieht wie ein ganz altes Wort aus, das die Germanen schon benutzten, bevor die Römer ihnen sprachlich und vor allem auch sonst in die Quere kamen. Als mir das letzthin auffiel (das nennt man Berufsdeformation), konnte ich jedenfalls beim besten Willen nicht auf den leisesten Ansatz eines Erklärungsversuches kommen. Haben Sie eine Ahnung, woher irgend kommen könnte?
Der Ursprung ist im Althochdeutschen zu finden, wo sich io (immer) mit wār (wo) und einer Indefinitpartikel –gin zu io wergin, iergen verband. Im 13. Jahrhundert trat in der Aussprache noch ein t dazu: irgent. Die Bedeutung war bis ins 17. Jahrhundert örtlich: irgent = irgendwo. Das ist interessant oder ärgerlich für Leute, die keine „unnötigen“ Verdoppelungen mögen. Wortgeschichtlich gesehen könnte man nämlich sagen, dass unser irgendwo ein wo zu viel hat.
Die Form irgendwo ist natürlich nicht wirklich „doppelt gemoppelt“. Wörter entwickeln sich im Laufe der Zeit und können dabei andere Bedeutungen und Funktionen erhalten. Nach dem 17. Jahrhundert bekam irgend die allgemeinere Bedeutung der Unbestimmtheit, die es auch heute noch hat. Es hat seine eigenständige Bedeutung sogar so sehr verloren, dass man es nach der aktuellen Rechtschreibregelung fast immer mit einem ihm folgenden Adverb oder Pronomen zusammenschreibt: irgendein, irgendjemand, irgendetwas, irgendwie, irgendwann, irgendwo … Nur in Sätzen wie wenn irgend möglich steht es gelegentlich noch allein.
Und doch hat sich indirekt noch ein Rest der ursprünglich örtlichen Bedeutung von irgend erhalten. Die verneinte Form nirgend(s) ist auch heute noch ausschließlich örtlich gemeint: an keinem Ort. Konsequent ist das nicht, aber dafür – oder gerade deshalb – eine dieser kleinen Wortgeschichten, die mir immer gut gefallen.
Auch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

