Am Berg dem Himmel näher kommen oder näherkommen?

Frage

Heißt es „Am Berg dem Himmel näherkommen“ oder „Am Berg dem Himmel näher kommen“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

man schreibt Verbindungen von näher und einem Verb getrennt, wenn mit näher eine geringere örtliche oder zeitliche Distanz ausgedrückt wird:

Du kannst ruhig näher treten.
Sie kamen dem Abgrund immer näher.
Wir sind dem Ziel unserer Reise schon näher gekommen.
Als der Termin näher rückte, wurden sie nervös.

Zusammengeschrieben wird dann, wenn näher und das Verb zusammen in einem übertragenen Sinne verwendet werden, der sich nicht direkt aus den Bedeutungen der einzelnen Teile ergibt:

Die beiden sind sich wieder nähergekommen.
(näherkommen = vertrauter werden)
Ich habe ihm früher nähergestanden.
(näherstehen = in engerer Beziehung stehen)
Sie wollte den Schülern das Theater näherbringen.
(näherbringen = vertraut machen)
Bevor ich Ihrem Anliegen nähertrete, möchte ich …
(nähertreten = seine Aufmerksamkeit einer Sache zuwenden)
Ich glaube, dass es näherliegt, es selbst zu tun, als jemanden zu beauftragen.
(näherliegen = sich eher anbieten)

Sie haben hier also die Wahl, je nachdem, ob man am Berg dem Himmel näher kommt, weil man sich auf größerer Höhe befindet, oder ob man am Berg dem Himmel näherkommt, weil man durch diese Erfahrung mit dem Himmlischen oder etwas Himmlischem vertrauter wird. Beides ist möglich.

Wie geschrieben wird, hängt hier also von der Bedeutung ab. Rein rechtschreiblich wird es dann schwierig oder eigentlich unlösbar, wenn als Wortspiel beides gemeint ist. Da die Feinheiten der Schreibung von Verbindungen wie näher+Verb nicht allen gleich gut bekannt sind, sollte es sich ohnehin unabhängig von Getrennt- oder Zusammenschreibung aus dem weiteren Zusammenhang ergeben, was genau gemeint ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kakophonie – Pubertäres Grinsen liegt doch nicht ganz daneben

Heute bin ich wieder einmal dem Wort Kakophonie (o. Kakofonie) begegnet. Das schöne bildungssprachliche Wort, das Kindern bis hin zu Spätpubertierenden jeden Alters ein Lachen bzw. Grinsen entlockt, bedeutet Missklang, hässlicher Klang, Dissonanz. Es kommt von griechisch kakos (schlecht, schlimm, böse) und ebenfalls griechisch phon (Ton, Klang). Es gibt eigentlich nichts, worüber man lächeln, lachen oder grinsen könnte, denn mit dem gleich klingenden derben deutschen Wort hat es nichts zu tun. Wirklich?

Der erste Teil kak(o)- kommt auch in anderen schönen Fachwörtern wie Kakogeusie (alle Geschmacksreize als unangenehm empfinden), Kakosmie (Gerüche fälschlich als unangenehm empfinden) und Kakostomie (übler Mundgeruch) vor. Es geht, wie bereits gesagt, auf das griechische Adjektiv kakos (κακός = schlecht, übel, böse) zurück. Die Wortherkunft dieses Adjektivs ist ungeklärt, aber es wird allgemein davon ausgegangen, dass es auf einen Wortstamm kak(k)a mit der Bedeutung den Darm entleeren zurückgeht.

Das kako- in Kakophonie hat also indirekt doch etwas mit Kacke (ich muss das Wort hier doch einmal erwähnen) zu tun. Die Wörter sind „weit hinten“ miteinander verwandt. Die beiden Verwandten gehören aber unterschiedlichen Sprachebenen an. Während im Griechischen κακός zum normalen Sprachgebrauch gehört und man ungeniert von zum Beispiel einer κακή ιδέα (kaki idea) reden kann, ist Kackidee im Deutschen ein derbes Wort, bei dem man sich zweimal überlegen sollte, ob man es wirklich verwenden möchte. Das eingangs erwähnte (spät)pubertäre Grinsen beim Wort Kakophonie ist aber nicht nur klanglich, sondern auch wortgeschichtlich nicht ganz unbegründet.

Das Komma, wenn der Nebensatz Subjekt ist

Eigentlich ist das Komma bei Nebensätzen ganz einfach. Dennoch kommen in bestimmten Fällen manche ins Zweifeln:

Frage

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie wieder einmal einen Knoten lösen könnten: Ist hier ein Komma nach „produzieren“ zwingend erforderlich?

Wie wir produzieren(,) ist vor allem auch eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Antwort

Guten Tag Herr V.,

das Komma nach produzieren muss stehen. Es trennt den mit wie eingeleiteten Nebensatz ab. Nebensätze werden auch dann durch ein Komma abgetrennt, wenn sie wie hier im übergeordneten Satz die Rolle des Subjekt haben (Wer oder was ist eine Frage der unternehmerischen Haltung?):

Wie wir produzieren, ist vor allem auch eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Hier weitere Beispiele von Satzgefügen mit einem Subjektnebesatz:

Dass er gekommen ist, erstaunt uns.
Ob er die Wahrheit sagt, wird bezweifelt.
Wann sie aus den Ferien zurückkommen, ist unbekannt.
Wer nicht mitkommt, verpasst viel.

Vor allem wenn Subjektnebensätze wie hier an erster Stelle stehen, zweifeln manche, ob ein Komma stehen muss. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der verbleibende Satz aussieht, als würde ihm etwas fehlen, nämlich das Subjekt. Hier kommt aber eine Kommaregel zur Anwendung, die eigentlich ganz einfach und sehr stark ist: Nebensätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt unabhängig davon, welche Rolle der Nebensatz im Gesamtsatz hat – und Nebensätze können viele verschiedene Funktionen haben:

Akkusativobjekt: Sie lernen, wie sie ein Dokument sichern müssen.
Dativobjekt: Ich verrate das Geheimnis nur, wem ich wirklich vertraue. (selten)
Genitivobjekt: Sind Sie sich (dessen) bewusst, dass Rauchen schädlich ist?
Präpositionalobjekt: Wir zweifeln (daran), ob dies die richtige Lösung ist.
Adverbialbestimmung: Wenn es regnet, spielen die Kinder spielen im Haus.
Attribut: Hunde, die bellen, beißen nicht.
Prädikativ: Alles bleibt, wie es ist.
Subjekt: Wie wir produzieren, ist eine Frage der unternehmerischen Haltung.

Dass der Nebensatz Subjekt ist, befreit uns nicht von der Kommapflicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komma vor „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“?

Frage

Eine Kommafrage zu:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Muss das Komma vor „und“ stehen oder ist es freigestellt? Welcher Paragraph der amtlichen Regelung entscheidet, was hier gilt?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es ist zu empfehlen, hier vor und ein verdeutlichendes Komma zu verwenden. Die Kommas in Ihrem Satz sind also richtig gesetzt:

Ich gehe heute schwimmen, und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Dieses Komma ist aber nicht obligatorisch, das heißt, es kann auch weggelassen werden:

Ich gehe heute schwimmen und wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino.

Mit und werden hier zwei selbstständige Sätze verbunden, von denen der zweite mit einem Nebensatz beginnt:

  • Ich gehe heute schwimmen
  • und
  • Wenn ich Lust habe, gehe ich später noch ins Kino

Dann greift § 73 der amtlichen Rechtschreibregelung, der sagt:

Bei der Reihung von selbständigen Sätzen, die durch und […] verbunden sind, kann man ein Komma setzen, um die Gliederung des Ganzsatzes deutlich zu machen.

Genau das tut das Komma vor und in Ihrem Satz wie auch in den folgenden Beispielen. Es verdeutlicht die Struktur des relativ komplexen Satzes:

Ich bin spät nach Hause gekommen, und weil ich Hunger hatte, habe ich mir noch ein Spiegelei gebacken.
Wenn du recht hast, ist es gut, und wenn ich recht habe, ist es auch gut.
Da waren die Kinder herzlich froh und gingen zusammen nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Wie bereits gesagt, gilt allerdings das Folgende: In diesen Fällen ist das Komma vor und nicht obligatorisch, und wenn Sie es lieber weglassen, verstoßen Sie gegen keine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Würde der Patient operiert oder würde der Patient operiert werden? – Konjunktiv II im Passiv

Frage

Wir lernen zurzeit den Konjunktiv II – kein einfaches Thema. Jetzt sind wir sogar beim Konjunktiv II im Passiv angekommen und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass im Internet verschiedene Varianten des Konjunktivs II Passiv Präsens angegeben werden. So sieht man „Das Tor würde nun geschlossen werden“, aber auch „Der Mann würde vom Arzt operiert“. Gehört das „werden“ nicht als Zeichen der Passivform unbedingt dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die schnelle Antwort lautet: Beides kommt vor, aber einfaches würde ist besser. Für eine genauere Antwort muss ich etwas weiter ausholen.

Im Konjunktiv II verwendet man standardsprachlich vor allem dann die würde-Formen, wenn die eigentlichen Formen des Konjunktivs II sich nicht von den Formen des Indikativs unterscheiden:

Ich hätte Zeit (nicht: Ich würde Zeit haben)
Ich wäre bereit (nicht: Ich würde bereit sein)
Ich sähe noch andere Möglichkeiten (besser nicht: Ich würde noch andere Möglichkeiten sehen)
Ich ginge lieber etwas früher (besser nicht: Ich würde lieber etwas früher gehen)

Wenn aber die Formen des Konjunktivs II und des Indikativs Präteritum identisch sind, werden auch in der Standardsprache die würde-Formen verwendet (vgl. hier):

Der Arzt würde ihn operieren (statt: Der Arzt operierte ihn)
Ich würde gerne deine Meinung hören (statt: Ich hörte gerne deine Meinung)
Ich würde noch nicht heizen (statt: Ich heizte noch nicht)
Die Lehrerin würde den Text korrigieren (statt: Die Lehrerin korrigierte den Text)

Der Konjunktiv II von werden ist würde. Diese Form unterscheidet sich vom Indikativ Präteritum wurde. Deshalb ist es eigentlich besser, nicht die würde-Form würde werden zu verwenden:

Indikativ: Der Mann wird vom Arzt operiert
Konjunktiv II: Der Mann würde vom Arzt operiert

Indikativ: Das Tor wird jetzt geschlossen
Konjunktiv II: Das Tor würde jetzt geschlossen

Diese Regeln werden allerdings nicht immer so streng beachtet, das heißt, auch würde werden kommt häufig vor, offensichtlich sogar in Grammatiktabellen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Konjunktiv II von werden mit dem Hilfsverb für die Ersatzform des Konjunktivs II identisch ist: würde. Es ist deshalb schwierig, „alles auseinanderzuhalten“.

Zusammenfassend: Beide Formen kommen vor, und dies in der Regel ohne Bedeutungsunterschied:

Der Patient würde vom Arzt operiert, wenn er Dienst hätte
Der Patient würde vom Arzt operiert werden**, wenn er Dienst hätte

Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen
Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen werden

Die zweite Form ist nicht falsch, ich halte aber die erste für stilistisch besser (nur schon weil sie einfacher ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Rein Formal ist die Form würde operiert werden eigentlich ein Futur:

Indikativ: Der Patient wird vom Arzt operiert werden
Konjunktiv II: Der Patient würde vom Arzt operiert werden

Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind die Wochentage Eigennamen?

Frage

Sind Wochentage nicht auch Eigennamen? Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, weshalb werden sie auf dieser Seite nicht erwähnt und weshalb heißt es dann nicht „An Sonntag gehen wir in die Berge“, sondern „Am Sonntag gehen wir in die Berge“? Vor Eigennamen wird doch kein Artikel benötigt.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

die Bezeichnungen für die Wochentage sind keine eigentlichen Eigennamen, sondern Zeitbegriffe. Deshalb werden sie nicht auf der Seite, die Sie erwähnen, aufgeführt. Mit Sonntag wird nicht ausschließlich ein einzelner, einmalig vorkommender Tag bezeichnet. Jede Woche hat einen Sonntag.

Die Bezeichnungen für die Wochentage sind den Eigennamen aber sehr ähnlich. So kann man sie ohne Artikel und ohne Präposition verwenden, wenn ein ganz bestimmter Tag wie zum Beispiel der soeben vergangene oder der erstfolgende so bezeichnete Tag gemeint ist:

Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin Montag angekommen
Ihr habt bis Mittwoch Zeit
in der Nacht von Montag auf Dienstag

Ebenfalls ohne Artikel z. B.:

Heute ist Dienstag

Sonst werden sie in der Regel mit Artikel verwendet, meist auch dann, wenn der soeben vergangene oder der erstfolgende so genannte Tag gemeint ist:

Am Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin am Montag angekommen
Ihr habt bis zum Mittwoch Zeit
in der Nacht vom Montag auf den Dienstag

Dass Ihr Zweifel sehr berechtigt ist, zeigt sich auch darin, wie die Wochentage in anderen Sprachen behandelt werden: Im Englischen werden sie wie Eigennamen großgeschrieben (Today is Tuesday), im Französischen aber wie „gewöhnliche“ Substantive klein (Aujourd’hui, c’est mardi).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp