Was für ein Konjunktiv in „Wer hätte denn ahnen können“?

Frage

Ich hätte eine Frage zu folgendem Satz, genauer zum Tempus/Modus. Ist beides korrekt? Um was für eine Art Satz handelt es sich denn hier?

Wer hätte den ahnen können, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Wesentliche geht?

oder

Wer hätte den ahnen können, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde?

Ich bin unsicher, da der Hauptsatz im Konjunktiv II steht.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

beides ist korrekt, aber es gibt einen kleinen Unterschied. Welche Formulierung Sie wählen, hängt davon ab, ob es:

a) zum Sprechzeitpunkt noch ums Wesentliche gehen wird (Zukunft: Futur/Präsens) :

Wer hätte denn ahnen können, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Grundsätzliche geht?

b) zum Sprechzeitpunkt bereits ums Wesentliche gegangen ist (Zukunft in der Vergangenheit: würde-Form):

Wer hätte denn ahnen können, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde?

Der ganze Satz ist kein Konditionalgefüge o. Ä. Ob in den Nebensätzen der Indikativ oder die würde-Formen stehen, hat nichts mit dem Konjunktiv II im Hauptsatz zu tun. Vgl. eine ähnliche Konstruktion, in der der Hauptsatz im Indikativ steht:

Er hat gesagt, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Wesentliche geht (Zukunft)

Er sagte, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde (Zukunft in der Vergangenheit)

Warum steht dann der Hauptsatz im Konjunktiv II? Man kann ihn am besten als irreale Modalverbkonstruktion interpretieren:

Wer hätte das denn ahnen können = ahnen müssen/sollen
Wer hätte denn ahnen können, dass …

Es ist also ein Satz, der mit Sätzen wie diesen vergleichbar ist:

Das hättest du nicht tun sollen
Hättet ihr nicht besser aufpassen können?
Das hätte nicht geschehen dürfen

So weit der Versuch einer Erklärung. Und nun folgt noch das große Aber: Wie meistens, wenn es im Deutschen um den Konjunktiv geht, wird nicht immer so und nicht immer mit genau dieser Bedeutungsdifferenzierung formuliert. Unverrückbare allgemeingültige Regeln zur Verwendung des Konjunktivs und der würde-Formen gibt es – je nachdem wie streng man sein will – nicht oder kaum.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

15 ml Wasser in 15-ml-Becher – Bindestriche oder nicht?

Frage

Leider ist mir das Setzen von Bindestrichen zwischen Zahlen, Maßangaben und einem Substantiv immer noch nicht ganz klar. Zum Beispiel: „für 15 ml Becher“ oder „für 15-ml-Becher“? Man schreibt ja auch z. B. „für eine 12-V-Batterie“? Woher weiß ich, wann der Bindestrich als Verbindung gesetzt werden muss oder eben nicht? […] Leider habe ich oft den Eindruck, dass er in diesem Zusammenhang recht willkürlich verwendet oder weggelassen wird, gerade bei Werbetexten und Produktbeschreibungen.

Antwort

Guten Tag Frau K.,

es ist eigentlich recht einfach. Ich musste aber bald feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine gute Erklärung zu finden.

Bei Maß- und Mengenangaben stehen zwischen Zahl, Maßeinheit und dem Gemessenen keine Bindestriche:

15 ml Wasser
12 Volt Spannung
7 Meter Stoff
10 Stück Würfelzucker
10 Euro Eintrittskosten

Man verwendet dann Bindestriche, wenn die Zahl und Maßeinheit nicht vor dem eigentlichen Gemessenen, sondern vor einem Substantiv stehen, das eine bestimmte Eigenschaft hat, die gemessen werden kann [Diese Erklärung ist ziemlich vage, aber ich finde leider keine bessere, die nicht viel, viel länger ist – Hilfreicher ist vielleicht die weiter unten stehende Hilfsfrage]:

ein 15-ml-Becher = ein Becher mit 15 ml Inhalt
eine 12-V-Batterie = eine Batterie mit 12 V Spannung
ein 100-m-Lauf = ein Lauf mit 100 m Länge
eine 10-Stück-Packung* = eine Packung mit einem Inhalt von 10 Stück
ein 50-Euro-Schein = ein Schein mit einem Wert von 50 Euro
* üblicher: eine Zehnerpackung

Wenn Sie einmal zweifeln, hilft vielleicht diese Hilfsregel: Wenn man mit wie viel fragen kann, schreibt man keine Bindestriche:

15 ml Wasser – wie viel Wasser?
12 Volt Spannung – wie viel Spannung?
7 Meter Stoff – wie viel Stoff?
10 Stück Würfelzucker – wie viel Würfelzucker?

Aber mit Bindestrichen:

ein 15-ml-Becher – nicht wie viel Becher?
eine 12-V-Batterie – nicht wie viel Batterie?
ein 100-m-Lauf – nicht wie viel Lauf?
eine 10-Stück-Packung – nicht wie viel Packung?

Eine gute Frage, aber leider nicht gerade eine 125.000-Euro-Antwort. Ich hoffe dennoch, dass die Hilfsfrage wie viel? hier in vielen Zweifelsfällen weiterhelfen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Wenn alles in Worten geschrieben wird, ist statt der Schreibung mit Bindestrichen häufig auch die Zusammenschreibung möglich:

12-V-Batterie / 12-Volt-Batterie / Zwölfvoltbatterie
100-m-Lauf / 100-Meter-Lauf / Hundertmeterlauf
50-€-Schein / 50-Euro-Schein / Fünfzigeuroschein

Was „nicht nur – sondern auch“ alles verbinden kann

Frage

Welche Sätze sind richtig? Alle? Und warum? Die Satzstruktur von zweiteiligen Konnektoren wird nirgends mit trennbaren Verben erklärt.

  1. Stress hängt nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Faktoren ab.
  2. Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren) ab.
  3. Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren).

Alle Varianten tönen korrekt, aber wie erklärt man das jemandem richtig? Welche Regel liegt zugrunde? […]

Antwort

Guten Tag Frau L.,

mit der mehrteiligen Konjunktion nicht nur – sondern auch können nicht nur Sätze, sondern auch Wortgruppen und Wörter miteinander verbunden werden. Das lässt sich anhand Ihrer Beispielsätze gut zeigen:

Im ersten Satz werden von äußeren und von inneren miteinander verbunden:

nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren
Stress hängt nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Faktoren ab.

Vgl. die gleiche Formulierung mit der einfachen Konjunktion und:

von äußeren und von inneren
Stress hängt von äußeren und von inneren Faktoren ab.

Im zweiten Satz werden von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) miteinander verbunden:

nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren)
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren) ab.

Vgl. die gleiche Formulierung mit der einfachen Konjunktion und:

von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren)
Stress hängt von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) ab.

Im dritten Satz werden zwei Sätze miteinander verbunden, von denen der zweite nur unvollständig realisiert wird, das heißt, identische Teile des Satzes werden nicht wiederholt:

Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern [Stress hängt] auch von inneren (Faktoren) [ab]
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren).

Beim dritten Satz ist aber auch eine anderer Analyse möglich:

Im dritten Satz werden wie im zweiten Satz von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) miteinander verbunden. Dabei wird das zweite Element der Aufzählung aber ins sogenannte Nachfeld ausgelagert, das heißt, es wird hinter ab gestellt:

nicht von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren)
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren)

Alle Formulierungen sind korrekt. Sie unterscheiden sich dadurch, dass nicht nur – sondern auch unterschiedliche Satzelemente miteinander verbindet. Der Vollständigkeiten halber noch ein Beispiel, in dem es zwei einzelne Wörter verbindet:

Mit nicht nur freundlichen, sondern auch sonnigen Grüßen

Dr. Bopp

Von Hannoveranern, Frankfurtern, Persern und Weimar(an)ern

Frage

[…] Ich möchte meine Frage an Sie auf die von Ortsbezeichnungen abgeleiteten Namen der Bewohner zuspitzen. Oft genügt das Suffix „er“ zur Ableitung des Einwohnernamens. Es gibt aber auch Namensbildungen, bei denen die Ableitung mit „er“ zungenbrecherisch wirkt und keine geschmeidige Aussprache zulässt. Der Münsterer, der Jeverer, der Hanoverer, der Kasseler und auch der Weimarer – und selbstverständlich auch die Weimarerin – klingen nun wirklich nicht besonders gut. So hat man schon in alten Zeiten Münsteraner, Jeveraner, Kasselaner und selbstverständlich auch Weimaraner als Bezeichnung für die Einwohner verwendet.

Dass „Hannoveraner“ auch eine Pferderasse ist, stört offenbar niemanden; aber in Weimar will man seit geraumer Zeit den traditionellen Einwohnernamen Weimaraner nicht mehr gelten lassen, weil hier Ende des 19. Jahrhunderts eine Hunderasse – ein Vorstehhund – gezüchtet worden ist, der man den Namen „Weimaraner“ gegeben hat. Deswegen verkünden seit einiger Zeit übereifrige „Sprachhüter“ die Auffassung, man müsse Weimarer sagen, um nicht mit dem Hund verwechselt zu werden. In der Presse findet man lediglich noch die Schreibweise Weimarer für die Einwohner von Weimar. Und die Stadtführer getrauen es sich auch nicht mehr, Weimaraner zu sagen, weil sie angeblich von den Touristen nicht verstanden werden. Was sagt der Linguist zu dieser […] Meinung? […]

Antwort

Guten Tag Herr W.,

es gibt bei der Bildung von Einwohnernamen keine festen Regeln. Deshalb gilt: Richtig ist, was üblich ist.

Üblich scheint heutzutage vor allem (oder fast nur noch?) Weimarer zu sein. Da ich aus einer ganz anderen Gegend komme und leider noch nie auch nur in der Nähe von Weimar gewesen bin, kenne ich das Wort vor allem als Adjektiv in Weimarer Republik. Das heißt aber nicht, dass Weimaraner falsch ist. Es ist nur nicht mehr so gebräuchlich.

Das Argument, Weimaraner sei falsch, weil dieses Wort eine Hunderasse bezeichne und deshalb nicht auch Einwohnername sein könne, ist nicht sehr schlagkräftig. Schließlich sind nicht alle Rottweiler Hunde, nicht alle Hannoveraner Pferde, nicht alle Berliner Pfannkuchen, nicht alle Frankfurter Würstchen und nicht alle Perser Teppiche. Dass eine Einwohnerbezeichnung auch für etwas anderes verwendet wird, schließt also keineswegs aus, dass sie weiterhin auch als Einwohnerbezeichnung dienen kann.

Das gilt auch dann, wenn es für einen Ort mehr als nur eine Einwohnerbezeichnung gibt. So gibt es den Steinhäger, einen Wachholderschnaps, der aus Steinhagen kommt, einem Ort, in dem Steinhagener und Steinhagenerinnen oder eben Steinhäger und Steinhägerinnen wohnen.

Kurzum, in Weimar wohnen Weimaraner und Weimaranerinnen, die heutzutage allerdings meistens Weimarer und Weimarerinnen genannt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komma nach eigenem Gutdünken, zum Beispiel(,) wenn es um „zum Beispiel“ geht

Frage

Braucht es ein Komma nach „zum Beispiel“, wenn anschließend ein Nebensatz folgt, oder darf es weggelassen werden? Beispiele:

Du wirst noch viel mehr lernen (zum Beispiel wie man schriftliche Arbeiten am Computer verfasst).
Würdige auch „kleine Erfolge“, z. B. dass sich eine Note verbessert hat.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die Antwort kann hier ganz kurz ausfallen: Wenn zum Beispiel, z. B. oder beispielsweise einen Nebensatz anschließen, kann nach ihnen ein Komma stehen, es wird aber häufig nicht gesetzt. Beides ist korrekt:

Ohne Komma:

Du wirst noch viel mehr lernen (zum Beispiel wie man schriftliche Arbeiten am Computer verfasst).
Würdige auch „kleine Erfolge“, z. B. dass sich eine Note verbessert hat.
Das kann zu Problemen führen, beispielsweise wenn mehrere Personen gleichzeitig an einem Dokument arbeiten.

Mit Komma:

Du wirst noch viel mehr lernen (zum Beispiel, wie man schriftliche Arbeiten am Computer verfasst).
Würdige auch „kleine Erfolge“, z. B., dass sich eine Note verbessert hat.
Das kann zu Problemen führen, beispielsweise, wenn mehrere Personen gleichzeitig an einem Dokument arbeiten.

Vgl. die Angaben zur Rechtschreibung von Beispiel und beispielsweise in Canoonet.

Auch bei der Kommasetzung hat man also manchmal eine Wahl, zum Beispiel(,) wenn es um zum Beispiel geht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Namen des Besitzers und des Hotels

Wer hat wie viele Namen?

Frage

Ich weiß nicht, ob der Satz „Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch“ so ganz korrekt ist. Problematisch ist vor allem der Plural des Subjekts. Muss es „der Name“ heißen, weil es jeweils um nur einen Namen geht? Oder heißt es „Der Name des Besitzers und der des Hotels waren falsch“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

mit festen Regeln kann ich hier nicht aufwarten, nur mit einer Empfehlung.

Ich gehe davon aus, dass Folgendes ausgesagt werden soll:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch

Es ist hier nicht möglich, einfach den wiederholten Wortgruppenkern der Name wegzulassen:

nicht: *Der Name des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das Verb in die Einzahl zu setzen, hilft auch nicht viel:

Der Name des Besitzers und des Hotels war falsch

Der Satz ist so nicht ungrammatisch, aber damit wird eindeutig gesagt, dass sich der Besitzer und das Hotel einen Namen teilen. Vgl.:

Das Auto meiner Schwester und meiner Mutter steht vor dem Haus.
= Schwester und Mutter haben ein gemeinsames Auto

Es ist möglich, das Wort „Namen“ wie in Ihrer Frage in den Plural zu setzen. Das führt aber zu einer Formulierung, die nicht gerade von Deutlichkeit strotzt:

Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das kann bedeuten:

= Der Besitzer und das Hotel haben je mehrere Namen
= Der Besitzer und das Hotel haben mehrere gemeinsame Namen

Fraglich finde ich, ob man darunter auch verstehen kann:

= Der Besitzer und das Hotel haben je einen Namen [?]

Die letzte Interpretation ist nicht unbedingt ausgeschlossen, aber m. M. n. bestimmt nicht die, auf die man zuerst kommt.

Das gilt auch hier:

die Autos meiner Schwester und meiner Mutter
= Schwester und Mutter haben je mehrere Autos
= Schwester und Mutter haben mehrere gemeinsame Autos
= Schwester und Mutter haben je ein Auto [?]

Wenn Ihnen an Deutlichkeit gelegen ist, wiederholen Sie deshalb am besten den Wortgruppenkern ganz oder als Pronomen:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch.
Der Name des Besitzers und der[jenige] des Hotels waren falsch.

Wiederholung ist lange nicht immer schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie so schön für Klarheit sorgen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man nostalgieren?

Frage

Einmal war ich in nostalgischer Laune und schrieb meiner Briefpartnerin aus Spaß : „Ich sitze vor meinem PC und ,nostalgiere‘“. Im Wörterbuch habe ich kein Verb gefunden, das allein zum Ausdruck bringt, dass man nostalgische Gedanken hat. Mich interessiert, ob meine Idee wirklich blöd ist oder ob es möglich wäre, aus dem Hauptwort „Nostalgie“ ein Verb „nostalgieren“ zu bilden.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es ist problemlos möglich, das Wort nostalgieren zu bilden. Im Kontext ist auch verständlich, was damit gemeint ist. Es ist aber kein übliches, gebräuchliches Wort und könnte deshalb zu Stirnrunzeln führen. Ich bin diesem Verb zum ersten Mal in Ihrer Frage begegnet. Üblich ist in solchen Fällen zum Beispiel:

… und hänge nostalgischen Gedanken nach
… und gebe mich nostalgischen Gefühlen hin
… und überlasse mich nostalgischen Gedanken/Gefühlen
… und schwelge in Nostalgie

Es steht Ihnen trotzdem frei, Ihre Wortschöpfung nostalgieren zu verwenden, denn sie ist korrekt gebildet und in diesem Zusammenhang relativ gut verständlich.

Wir haben alle die Möglichkeit und das „Recht“, spontan und kreativ neue Wörter zu bilden, und wir tun dies auch häufig. Man sollte dabei nur aufpassen, dass es einigermaßen verständlich bleibt. Dass man manchmal aufpassen muss, liegt unter anderem daran, dass die Bedeutungsverhältnisse zwischen Basiswörtern und ihren Ableitungen sehr, sehr unterschiedlich sein können.

Nehmen wir einmal die Worbildungspaare Gras – grasen, Heu – heuen und Blatt – blättern, die einander rein formal sehr ähnlich sind: Wenn Kühe grasen, fressen sie Gras. Wenn sie Heu fressen, könnte man entsprechend sagen, dass sie heuen. Das geht aber nicht, weil heuen bereits ein landschaftliches Wort für Heu ernten ist. Wenn Tiere Blätter fressen, blättern sie nicht, denn dieses Wort ist schon durch eine ganz andere Bedeutung besetzt. (Und Rasen fressen wird man aus anderen Gründen nicht rasen oder rasieren nennen.)

Auch bei Ihrer Neubildung nostalgieren liegt das Problem des Nicht- oder Missverstehens auf der Lauer. Welche Bedeutungsbeziehung besteht zwischen dem dem Substantiv Nostalgie und dem abgeleiteten Verb? Man könnte nämlich beim Lesen Ihres Satze denken, dass Sie mit nostalgieren nicht nostalgischen Gedanken nachgehen, sondern nostalgische Geschichten aufschreiben meinen. Für sehr groß halte ich dieses Risiko aber nicht, so dass Sie – zumindest was die Wortschöpfung betrifft – problemlos am PC nostalgieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Überall und überall gleichzeitig – Komma?

Frage

Oft stolpere ich über Kommas vor „und“, die wohl als Pausenzeichen (wie vor einem Nachtrag) gedacht sind. Ich würde jeweils einen Gedankenstrich setzen, frage mich aber, ob das Komma ebenfalls zulässig ist. Leider konnte ich keine Regel dazu finden. Zum Beispiel:

Der Klimawandel findet nicht hier oder dort statt, sondern überall(,) und überall gleichzeitig.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

Ihr Zweifel ist verständlich, denn das Komma drängt sich hier richtig als „Pausenzeichen“ auf. Darf man es auch setzen?

Es gibt tatsächlich keine spezielle Regel für Fälle wie diesen. Er gehört nicht zu den Ausnahmefällen, in denen ein Komma vor und gesetzt werden muss resp. kann (vgl. hier). Daraus ergibt sich, dass hier „ganz normal“ kein Komma vor und gesetzt werden sollte:

Der Klimawandel findet nicht hier oder dort statt, sondern überall und überall gleichzeitig.

Das gilt auch für Formulierungen wie den folgenden, in denen man ebenfalls häufiger ein nach den Regeln der Schreibkunst nicht korrektes Komma vor und antrifft:

Meditieren kann jeder und jeder auf seine Art.
Das gibt es nur hier und nirgendwo anders.
„Nockerln“ schmecken köstlich und nirgendwo besser als in Salzburg.
Das darfst nur du und sonst niemand.
Mein Liebesleben und was sonst noch schiefging

Wenn wirklich eine Pause angegeben werden soll, dann ist Ihre Lösung mit Gedankenstrich die einfachste:

Der Klimawandel findet nicht hier oder dort statt, sondern überall – und überall gleichzeitig.
Meditieren kann jeder – und jeder auf seine Art.
Das gibt es nur hier – und nirgendwo anders.
„Nockerln“ schmecken köstlich – und nirgendwo besser als in Salzburg.
Das darfst nur du – und sonst niemand.
Mein Liebesleben – und was sonst noch schiefging

Manchmal kann auch mit und das/dies oder und zwar formuliert werden:

Der Klimawandel findet nicht hier oder dort statt, sondern überall, und das überall gleichzeitig.
Meditieren kann jeder, und zwar jeder auf seine Art.

Das Komma ist also kein allgemein verwendbares „Pausenzeichen“. Als solches taugt es dann und nur dann, wenn es in der Rechtschreibregelung dafür vorgesehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zehntelmillimeter dick oder zehntelmillimeterdick?

Frage

Schreibt man hier getrennt oder zusammen?

… aus zehntelmillimeterdickem Stoff
… aus Zehntelmillimeter dickem Stoff

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

richtig ist in diesem Fall die Zusammenschreibung:

aus zehntelmillimeterdickem Stoff

Es geht hier um einen Zusammensetzung von einem Substantiv und einem Adjektiv, bei der das Substantiv nicht nur für sich allein, sondern für eine Wortgruppe steht:

ein fingerbreiter Riss (breit wie ein Finger)
ein armdicker Ast (dick wie ein Arm)
ein knielanges Kleid (lang bis an die Knie)
hüfthohes Wasser (hoch bis zur Hüfte)
millimetergenaue Messungen (auf den Millimeter genau)

Das gilt auch für Zusammensetzungen mit Maßeinheiten, wenn sie für eine ungenaue Angabe stehen (einige/mehrere/wenige X). Auch dann wird die Verbindung zusammengeschrieben:

minutenlanger Applaus (mehrere Minuten lang)
eine tonnenschwere Maschine (einige Tonnen schwer)
metertiefe Löcher (mehrere Meter tiefe Löcher)
ein zentimeterbreiter Riss (einige Zentimeter breit)
millimeterkurzes Haar (einige Millimeter kurz)
zehntelmillimeterdicker Stoff (wenige Zehntelmillimeter dick)

Steht das Substantiv aber für sich allein, dann schreibt man getrennt:

fünf Minuten langer Applaus
eine einige Tonnen schwere Maschine
einen Meter tiefe Löcher
ein mehrere Zentimeter breiter Riss
zwei Millimeter kurzes Haar
nur wenige Zehntelmillimeter dicker Stoff

Wenn man diese Regel kennt, kommt man meist ohne minutenlanges Nachdenken auf die richtige Schreibweise.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn es um „es“ geht, wird es manchmal kompliziert

Warnhinweis: Es folgt eine etwas haarspalterische Betrachtung zum Thema es, die vor allem Fans von grammatisch Kniffligerem interessieren könnte.

Frage

Ich habe eine Frage zur Funktion von „es“ als Korrelat. Zum Beispiel:

Er bereut es, sie besucht zu haben

Hier ist „es“ Korrelat zum Objektsatz. Dieses „es“ kann aber nicht im Vorfeld [an erster Stelle vor dem konjugierten Verb] auftreten, also nicht:

*Es bereut er, sie besucht zu haben

Ein anderes Beispiel:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen

Mit es im Vorfeld:

Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen

Wenn „es“ als Korrelat zum Objektsatz nicht vorfeldfähig ist, warum hört sich der zweite Satz doch richtig an? Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

wenn es um es geht, kann es im Deutschen ziemlich kompliziert werden. Es geht hier nämlich um zwei verschiedene es:

1) es als Korrelat zum Objektsatz (siehe hier)
Dieses es vertritt sozusagen den Nebensatz im übergeordneten Satz. Manchmal kann es weggelassen werden (erster Beispielsatz), manchmal aber eher nicht (zweiter Beispielsatz):

Er bereut [es], sie besucht zu haben.
Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Dieses es kann im Satz nicht an erster Stelle stehen:

nicht: *Es bereut er, sie besucht zu haben.
nicht: *Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

2) Platzhalter-es im Vorfeld (siehe hier):
Das Pronomen es kann an erster Stelle im Satz stehen, wenn kein anderes Satzglied diese Stellung im Vorfeld einnimmt:

Jemand wartet auf dich.
Es wartet jemand auf dich.

Ein Schrank steht im Gang.
Es steht ein Schrank im Gang.

Dieses Platzhalter-es kann im Prinzip immer stehen, es ist nur je nach Verb unterschiedlich üblich. In Ihrem zweiten Satz ist es relativ gut möglich:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.
Es finden es viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Beim Ihrem ersten Satz muss man sich etwas Mühe geben, um einen Kontext zu konstruieren, in dem ein Platzhalter-es vertretbar ist. Und auch dann klingt die Formulierung sehr gestelzt und ist wirklich kein stilistisches Meisterwerk:

Er kommt unverrichteter Dinge zurück.
Er bereut nun, sie besucht zu haben.

Es kommt er unverrichteter Dinge zurück.
Es bereut er nun, sie besucht zu haben.

Der Satz, der oben unter 1) als nicht möglich bezeichnet wird, ist also zumindest theoretisch doch möglich. Das es ist dann aber kein Korrelat zum Objektsatz, sondern ein Platzhalter-es:

Er bereut es, sie besucht zu haben.
Es bereut er es, sie besucht zu haben.

Er bereut, sie besucht zu haben.
Es bereut er, sie besucht zu haben.

Wie wir bereits gesehen haben, ist auch Ihr zweiter Beispielsatz möglich, aber meiner Meinung nach besser mit zwei es:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.
Es finden es viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Viele finden gut, den Smalltalk witzig zu beginnen [?]
Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen [?]

Das Pronomen es kann so viele verschiedene Funktionen haben, dass wir ihm in unserer Grammatik eine eigene Seite gewidmet haben. Wie eingangs schon gesagt; Wenn es um es geht, kann es im Deutschen ziemlich kompliziert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp