Welches oder welchen Landes?

Frage

Was ist richtig: „Der Präsident welches Landes ist …“ oder „Der Präsident welchen Landes ist …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

beide Formen sind hier richtig:

Der Präsident welchen Landes ist …
Der Präsident welches Landes ist …

Woher kommt diese „Willkür“? Wirklich rundum schließend erklären kann ich es auch nicht, aber es hat mit einem Unterschied bei der Beugung von Artikelwörtern, Pronomen und Adjektiven zu tun, wenn sie vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv stehen.

Artikel sowie viele als Artikelwörter verwendete Pronomen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung es:

des/eines//dieses/jenes/meines/keines Kindes

Adjektive hingegen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung en:

des kleinen/frechen/wohlerzogenen/beispielhaften Kindes

Manche Artikelwörter haben nun die Neigung, sich vor einem Substantiv wie ein Adjektiv zu verhalten und die Endung en anzunehmen. Einige tun dies immer:

 die Verursacher einigen/etlichen Ärgers

Bei anderen schwankt der Gebrauch (und jetzt wird’s kompliziert): Sie haben die Endung en, aber nur dann, wenn das Substantiv den Genitiv mit es oder s bildet:

die Bekämpfung allen Übels
im Leben manchen Kindes
aber:
der Anfang alles Schönen
im Leben manches Menschen

Es reicht offenbar, den Genitiv nur einmal mit der typischen Genitivendung (e)s zu markieren (allen Übels). Umgekehrt muss der Genitiv aber einmal mit dieser Endung vertreten sein (jedes Menschen; vgl. auch den letzten Blogeintrag).

So weit, so gut, aber das war noch nicht alles. Neben den Artikelwörtern, die ganz der adjektivischen Beugung folgen (einige, etliche), und den „halbangepassten“ (alle, manche) gibt es noch die Gruppe der „unentschlossenen“. Bei ihnen kann die Genitivendung (e)s immer stehen, sie werden aber auch mit en verwendet:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
der Präsident welches/welchen Landes
aber nur:
im Leben jedes Menschen
die Abenteuer welches Helden

Es gibt also im männlichen und sächlichen Genitiv einen Übergang von der Artikelendung es zur Adjektivendung en, den verschiedene Wörter in unterschiedlichem Maße vollzogen haben.

Das alles liest sich sehr kompliziert und das ist es auch. Kein Wunder also, dass Deutschlernende hier häufig verzweifeln oder resignieren und dass die Muttersprachigen sehr schnell ins Schleudern geraten, wenn sie anfangen, über diese Fälle nachzudenken, oder gar erklären sollten, war richtig ist. Dieser Übergang von es zu en ist die Ursache manchen Zweifels manches Deutsch sprechenden Menschen.

Eine Aufstellung der Artikelwörter, um die es hier geht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Dieses Phänomen spielt auch bei einem berühmten Fehler eine Rolle, der eigentlich schon fast kein Fehler mehr ist: Statt standardsprachlich (noch?) vorzuziehend Ende dieses Jahres hört und liest man häufig Ende diesen Jahres.

Als solchen, als solchem, als eines solchen

Frage

In einer deutschen Übersetzung stieß ich auf eine Formulierung, die mich stocken ließ:

Vielmehr geht es um die Parodie des Begriffs als solchem.

Zum Straucheln brachte mich nun der Dativ im Attribut nach „als“ gleich in doppelter Hinsicht. Zunächst musste ich genau deshalb kurz innehalten, zugleich aber scheint er bei mehrfacher Wiederholung eigentümlicherweise auch nicht gänzlich fehlgeleitet. Wie schätzten Sie diese Verwendung hier ein?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

standardsprachlich gilt der Dativ als solchem hier nicht als korrekt. Ganz „fehlgeleitet“ ist er aber nicht:

Im Prinzip steht die Wendung als solches im gleichen Kasus wie das Wort, auf das sie sich bezieht (und zwar als eigenständiges Neutrum oder mit dem gleichen Genus wie das Bezugswort):

der Begriff als solches/solcher
den Begriff als solches/solchen
dem Begriff als solchem/solchem

Was nun noch fehlt, ist der Genitiv. Der Genitiv wäre sächlich und männlich als solchen, aber er ist hier auch nicht die richtige Lösung.

Das Deutsche meidet nämlich Nomen- und Pronomengruppen im Genitiv, wenn sie

  • nicht mindestens ein konjugiertes Artikelwort oder Adjektiv enthalten und
  • nicht mindestens ein Element der Gruppe eine s- oder eine r-Endung hat.

Zum Beispiel:

nicht: der Konsum Alkohols
sondern: der Konsum von Alkohol
aber: der Konsum reinen Alkohols (vgl. hier)

nicht: wegen Regenfälle
sondern: wegen Regenfällen
aber: wegen heftiger Regenfälle (vgl. hier)

Die Dativform als solchem in der zitierten Textstelle ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wenn der Genitiv nicht passt, weichen wir gerne auf den Dativ aus. Wahrscheinlich deshalb klingt des Begriffs als solchem in Ihren Ohren gar nicht so falsch. Wie das Beispiel wegen Regenfällen oben zeigt, ist dieses Ausweichen auf den Dativ manchmal sogar standardsprachlich abgesegnet. In anderen Fällen, wie hier bei des Begriffs als solchem, gilt die Verwendung des Dativs aber standardsprachlich (noch?) nicht als korrekt.

Weil hier also nicht die Genitivform als solchen stehen kann, aber standardsprachlich auch nicht auf die Dativform als solchem ausgewichen werden darf, muss umformuliert werden. Am einfachsten geht dies so:

des Begriffs des Originals als eines solchen

Die als-Gruppe steht wie das Bezugswort im Genitiv und dank eines enthält die Genitivgruppe ein Artikelwort mit der Genitivendung es: Alles ist wieder in Ordnung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Flügge

Kleine Kinder werden groß. Heute Mittag standen wir am Flughafen, um Lisa zu verabschieden, eine achtzehnjährige junge Frau, die für drei Jahre Studium nach Neuseeland abgereist ist. Sprachlich war ich nicht zu viel mehr im Stande als zu ein paar ungeschickten Abschiedsworten für Lisa und einigen tröstend gemeinten Bemerkungen für die Eltern, denen Tränen über die Wangen rollten, und für den baumlangen Freund, dem es auch nicht gelang, die Augen trocken zu halten. Darüber werde ich also weiter nichts berichten.

Dann fiel mir auf dem Flughafen das Wort flügge ein. Die kleine Lisa, deren Eltern ich schon kannte, als sie noch nicht geboren war, ist flügge geworden. Sie verlässt das elterliche Nest und fliegt in die Welt hinaus. Auf dem Flughafen ist die Bildsprache schon fast wörtlich zu verstehen. Auf dem Weg nach Hause brach dann wieder der Sprachler in mir durch: „Ein seltsames Wort eigentlich, flügge mit zwei g.“ Das Adjektiv ist natürlich eng mit fliegen und dessen abgelautetem Stamm flug verwandt. Nach den Angaben der Wörterbücher erklärt sich die ungewöhnliche Form mit zwei g daraus, dass im 15. Jahrhundert mit vlügge ein niederdeutsches Wort ins Hochdeutsche übernommen wurde. Darüber, warum hier ein Wort aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche gelangt ist, sagen die Wörterbücher leider nichts. Flügge werden Vögel doch nicht nur im Norden, d.h. im niederdeutschen Sprachraum, sondern überall.

Flügge, die Wortgeschichte ist so nicht allzu interessant, aber an diesem etwas gefühlsbetonten Tag wollte ich dieses Wort trotzdem kurz erwähnen. Kleine Mädchen werden groß – und Linguisten auch nicht jünger.

Abergläubig und abergläubisch

Frage

Es gibt abergläubig und abergläubisch. Wieso gibt es beides und wo liegt die inhaltliche Differenz der beiden Schreibungen? Ich kannte bisher nur die Schreibung mit -ig. Seit wann gibt es -isch?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

es gibt keinen Bedeutungsunterschied zwischen abergläubig und abergläubisch. Die heute übliche Form ist abergläubisch. Viel seltener und nach den Angaben einiger Wörterbücher auch veraltet ist die Form abergläubig. Nach den Angaben des etymologischen Wörterbuches von Pfeifer (vgl. hier) gibt es abergläubisch seit Anfang des 16. Jahrhunderts und abergläubig seit Ende des 15. Jahrhunderts. Sehr weit liegt die Entstehung also nicht auseinander. Das Grundwort Aberglaube ist übrigens auch erst seit Ende des 15. Jahrhunderts geläufig.

Das Wort abergläubisch ist also keineswegs jüngsten Datums. So schrieb zum Beispiel Goethe 1809 im 2. Kapitel des Romans „Wahlverwandtschaften“:

Diejenigen, die auf Namenbedeutungen abergläubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genöthigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Weshalb es beide Formen gibt, kann ich höchstens vermuten. Im Prinzip kann man sowohl mit -isch als auch mit -ig Adjektive von Substantiven ableiten (mit -ig häufig = das Grundwort ist vorhanden; mit -isch bei Fremdwörtern, häufig mit Lebewesen und für Herkunftsbezeichnungen; es gibt allerdings viele Ausnahmen). Normalerweise kommt immer nur eine der beiden Ableitungen vor. Wenn beide Ableitungen gebräuchlich sind, besteht meistens ein Bedeutungsunterschied (z. B. erstklassig–klassisch, bergig–bergisch, affig–äffisch, rassig–rassisch, ständig–ständisch; Ausnahmen ohne Bedeutungsunterschied z. B. murrköpfig/murrköpfisch, rappelköpfig/rappelköpfisch). Auch im Fall, um den es hier geht, ist eine Form durch die andere so weit verdrängt worden, dass abergläubig in einigen Wörterbüchern gar nicht vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Shoppen, stöbern und schenken

Die Adventszeit steht schon wieder vor der Tür. Dazu passend heute eine Frage mit den Verben shoppen, stöbern und schenken.

Frage

Wie ist es richtig?

Shoppen, stöbern und schenken machen Spaß
oder:
Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Oder geht beides, je nachdem, ob man „Shoppen stöbern und schenken“ als singularisches oder mehrteiliges Subjekt auffasst?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es gibt hier mehr als eine mögliche Formulierung und Schreibweise. Die Infinitive können nämlich als Verbformen oder als Substantive interpretiert werden.

Im ersten Fall, das heißt wenn die Infinitive als Verbformen angesehen werden, schreibt man sie klein und das Verb steht im Singular

a) Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Am besten sieht man den verbalen Charakter vielleicht, wenn man mit diesen Sätzen vergleicht:

Zu shoppen, zu stöbern und zu schenken macht Spaß.
Lange shoppen, intensiv stöbern und liebevoll schenken macht Spaß.

Wenn man die Infinitive als substantiviert ansieht, schreibt man sie groß. Die drei substantivierten Infinitive bilden dann ein mehrteiliges Subjekt. Bei einem mehrteiligen Subjekt steht das Verb normalerweise im Plural:

b) Shoppen, Stöbern und Schenken machen Spaß.

Doch wie so oft gibt es Ausnahmen: Wenn die Teile eines mehrteiligen Subjekts Infinitive sind, wird häufig von der Grundregel abgewichen (wahrscheinlich weil substantivierte Infinitive eine starke verbale Prägung haben und sie Verbformen resp. Infinitivgruppen z. T. sehr ähnlich sind). Das Verb steht dann nämlich häufig im Singular (vgl. hier):

c) Shoppen, Stöbern und Schenken macht Spaß.

Auch hier folgen zwei andere Formulierungen, die den substantivischen Charakter besser erkennen lassen sollten:

Das Shoppen, das Stöbern und das Schenken macht/machen Spaß.
Langes Shoppen, fröhliches Stöbern und liebevolles Schenken macht/machen Spaß.

Stilistisch gesehen gefallen mir die Variante a) oder die Variante c) mit dem Singular macht Spaß besser als die Formulierung b) mit machen Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hände und Füße, beide oder beides?

Frage

Ist in folgendem Satz „wird beides“ oder „werden beide“ richtig?

Die Hände und die Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides / werden beide schnell wieder durchblutet und warm.

Antwort

Guten Tag H.,

ich halte hier nur wird beides für richtig (allerdings nicht für ein stilistisches Meisterwerk):

Hände und Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides schnell wieder durchblutet und warm.

Bei der Erklärung, warum, bin ich allerdings ein wenig ins Schwimmen gekommen. Hier trotzdem ein Versuch:

Die Pluralform beide bezieht sich auf zwei Lebewesen oder Dinge. Wenn sie alleine steht, verweist sie – etwas gar mathematisch ausgedrückt – auf zwei X oder auf ein X und ein Y. Beim Lesen der Mehrzahlform erwarte ich also einen Verweis auf zwei Einheiten. Da Einheiten im Singular zu stehen pflegen, erwarte ich somit einen Verweis auf ein Substantiv im Plural (2 X) oder auf zwei Substantive, die im Singular stehen (1 X und 1 Y).

Die Väter sind beide gekommen.
Wir haben nur zwei Stühle und beide sind kaputt.

Der Vater und die Mutter, sie sind beide gekommen.
Wir haben nur einen Tisch und einen Stuhl und beide sind kaputt.

Bei Hände und Füße haben wir es aber mit zwei im Plural stehenden Substantiven zu tun. Dadurch „klemmt“ der Bezug: Welche beiden sind gemeint: zwei Hände, zwei Füße oder etwa eine Hand und ein Fuß? Dieses beide kann sich nicht auf Hände und Füße beziehen. Nicht möglich sind also Verweise wie diese:

*Die Väter und die Mütter waren beide anwesend.
*Wir haben Tische und Stühle und beide sind kaputt.
Hände und Füße sind kalt. *Durch Reiben und Bewegung werden beide wieder warm.

Diese Einschränkung ist übrigens rein Formal. Die Bezugswörter X und Y müssen nicht unbedingt eine individuelle Einheit darstellen. Es können auch Wörter wie Gruppe, Reihe, Paar usw. sein, die mehrere einzelne Elemente umfassen. Wichtig ist nur, dass sie im Singular stehen:

Gruppe A und Gruppe B stellen sich beide auf der rechten Seite auf.
Ich sah nur ein Paar Hände und ein Paar Füße, komischerweise beide auf gleicher Höhe.

Kommen wir nun zur Singularform beides. Mit ihr kann man zwei Größen, Umstände oder Sachverhalte zu einer Einheit zusammenfassen. Als Einschränkung gilt, dass sich beides nicht auf Lebewesen beziehen kann. Dafür ist es sonst freier in der Anwendung: Man kann es auch für im Plural stehende Substantive verwenden:

Der Tisch und der Stuhl, beides ist kaputt (o. beide sind kaputt).
Der Tisch und die Stühle, beides ist kaputt.

Isst du beides, den Apfel und den Keks?
Isst du beides, die Äpfel und die Kekse?

Hände und Füße sind kalt. Durch Reiben und Bewegung wird beides wieder warm.

Beide und beides; Plural und Singular; Personen, Dinge, Größen und Sachverhalte – so kompliziert kann es sein. Auch wenn man fast beides, Hände und Füße, braucht, um die Unterschiede zu erklären, sind beide und beides beim spontanen Sprechen und Schreiben in der Regel kein Problem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragende Aufforderungen und vorwurfsvolle Fragen

Frage

Folgende Frage konnte ich mit meinem Lehrbuch nicht beantworten. Daher schreibe ich Ihnen. Wieso kann ein Fragesatz auch ein Vorwurf sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau Y.,

ich vermute, dass es bei Ihrer Frage darum geht, dass man einen Satz, der wie eine Frage formuliert ist, nicht als Frage meint. Das hat damit zu tun, dass die Form eines Satzes nicht immer mit mit der Absicht übereinstimmt, mit der er geäußert wird.

Es gibt im Deutschen u. a. Aussagesätze, Fragesätze und Aufforderungssätze. Wie ihr Name sagt, werden sie in der Regel für Aussagen, für Fragen beziehungsweise für Aufforderungen verwendet:

Du schreibst alles auf.
Schreibst du alles auf?
Schreib alles auf!

So weit ist alles recht einfach. Nun ist es aber so, dass wir uns nicht immer an dieses strikte Schema halten. Wir verwenden Aussagesätze und Fragesätze für Aufforderungen, Aussagesätze für Fragen und Fragesätze für Aussagen. Nur die Aufforderungssätze bleiben in der Regel ihrer eigentlichen Aufgabe treu. Ein paar Beispiele:

Aussagesatz:

Aussage: Du gehst weg.
Frage: Du gehst schon weg?
Aufforderung: Du gehst sofort weg!

Fragesatz:

Frage: Gehst du weg?
Aufforderung: Gehst du jetzt weg!
Aufforderung: Würden Sie bitte weggehen? (der Höflichkeit zuliebe sogar mit Fragezeichen!)
Aussage: Wer hört schon auf mich? (rhetorische Frage = Niemand hört auf mich)

Und damit wären wir beim Kern Ihrer Frage: Fragesätze können auch als vorwurfsvolle Aussagesätze gemeint sein. Häufig stehen sie dann im Konjunktiv, der Indikativ kommt aber auch vor:

Hättest du nicht besser aufpassen können!
= Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert.

Hätten Sie nicht früher kommen können!
= Sie hätten früher kommen müssen.

Bist du bescheuert!
= Du bist bescheuert!

Auch wenn diese Sätze die Form einer Frage haben, muss man sie als Vorwurf verstehen. In der Schrift kann man diese Bedeutung mit einem Ausrufezeichen verdeutlichen.

Das alles klingt recht kompliziert und nicht allzu deutlich – und manchmal ist es das auch. Im Prinzip geben der Kontext und die Betonung (resp. in der Schrift Punkt, Frage- und Ausrufezeichen) an, was gemeint ist. Aber manchmal ist doch nicht ganz klar, ob zum Beispiel eine Aussage als Frage oder eine Frage als Vorwurf gemeint ist. Diese Subtilitäten bei der Formulierung – so schön sie auch sein können – gehören zu den Tücken der zwischenmenschlichen Verständigung. Das hat schon manchen Ärger verursacht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verschlungene Sätze ohne Kommas

Frage

Können Sie mir erklären, warum im Satz

Der Fahrer hatte vergessen, die Ausweise mitzunehmen

ein Komma gesetzt wird, im Satz

Der Fahrer hatte die Ausweise mitzunehmen vergessen

jedoch keines?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

im ersten Satz kann ein Komma stehen. Man kann eine Infinitivgruppe durch Kommas abtrennen, um die Gliederung des Satzes zu verdeutlichen (siehe hier). Ihr Satz ist aber auch ohne Komma korrekt geschrieben:

Der Fahrer hatte vergessen, die Ausweise mitzunehmen.
Der Fahrer hatte vergessen die Ausweise mitzunehmen.

Eine Infinitivgruppe wird nicht durch Kommas abgetrennt, wenn sie eng in den übergeordneten Satz eingebettet ist. Das ist bei Ihrem zweiten Beispiel der Fall. Der übergeordnete Satz ist hier Der Fahrer hatte vergessen:

Der Fahrer hatte die Ausweise zu kontrollieren vergessen

Ebenso zum Beispiel:

Sie hatte versprochen(,) früher zu kommen.
Sie hatte früher zu kommen versprochen.

… weil er nicht immer vermag(,) alle zu überzeugen.
weil er nicht immer alle zu überzeugen vermag.

Auch dann, wenn die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz umschließt, werden keine Kommas gesetzt:

Wir verlangen(,) für unsere Arbeit angemessen bezahlt zu werden.
Für unsere Arbeit verlangen wir angemessen bezahlt zu werden.

Ich versuche(,) Ihre Kommafrage verständlich zu beantworten.
Ihre Kommafrage versuche ich verständlich zu beantworten.

Und mit einer noch engeren Verschlingung von Hauptsatz und Infinitivgruppe:

Ich habe versucht(,) Ihre Kommafrage zu beantworten.
Ihre Kommafrage habe ich zu beantworten versucht.

Ich hoffe, dass das auch einigermaßen gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Punkte, wo?

Ein grammatisch-stilistischer Dauerbrenner: der Relativanschluss wo.

Frage

Mich interessiert, in welchen Fällen ich einen Nebensatz mit „wo“ beginnen kann. Ist ausschließlich eine Ortsbezeichnung gemeint oder kann das „wo“ auch eine Sache näher bezeichnen? Mein Beispielsatz lautet:

… wollen wir Punkte beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Bin ich hier einem süddeutschen Fehlgebrauch aufgesessen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

manche meinen zwar, ein mit wo beginnender Relativsatz sei immer falsch, ganz recht haben sie damit aber nicht. Ein Relativsatz kann auch im Standarddeutschen mit wo eingeleitet werden, wenn das Bezugswort im übergeordneten Satz ein Nomen oder ein Adverb mit lokaler oder zeitlicher Bedeutung ist. Das Einleitewort wo muss sich also auf eine Orts- oder eine Zeitangabe beziehen. Siehe die letzten beiden Abschnitte auf dieser Seite.

Zeitlich zum Beispiel:

Jetzt, wo alle hier sind, können wir anfangen.

In Ihrem Satz geht es aber mehr um räumliches wo. Hier ein paar Beispiele:

Sie arbeitet in Hamburg, wo sie auch studiert hat, als Rechtsanwältin.
Er arbeitet immer noch in dem Laden, wo sie einander kennen gelernt haben.
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?*

In Ihrem Beispiel liegt die Schwierigkeit bei der Bestimmung, ob es sich im Hauptsatz um eine Ortsangabe (im übertragenen Sinne) handelt oder um ein „gewöhnliches“ Nomen. Dieser Übergang ist nämlich fließend. Problemlos sollte wo hier sein:

Das ist die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde.

Schon mehr Zweifel kommen hier auf:

Das ist die Stelle im Text, wo die Autorin den Leichenfund beschreibt.
… wollen wir die Stellen beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen können.

Auch in Ihrem Satz kann man mit etwas gutem Willen von einer räumlichen Verweisung im übertragenen Sinne sprechen:

Wo könnten wir uns Änderungen vorstellen? – Bei verschiedenen Punkten.
→ … wollen wir Punkte beleuchten, wo wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Wobei könnten wir uns Änderungen vorstellen? – Bei verschiedenen Punkten.
→ … wollen wir Punkte beleuchten, bei denen (o. wobei) wir uns Änderungen vorstellen könnten.

Ich halte das wo in Ihrem Beispielsatz für gut vertretbar (nicht nur im süddeutschen Sprachraum!). Es handelt sich aber um einen Grenzfall. Außerdem vermeiden, wie oben gesagt, manche wo immer in Relativsätzen, weil sie fälschlich oder der Einfachheit halber annehmen, wo sei dort immer „verboten“. Es ist deshalb vielleicht zu empfehlen, hier nicht wo, sondern bei denen (oder wobei) zu verwenden – oder gut gewappnet in einen eventuellen Rechtfertigungsstreit zu ziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Johann Wolfgang von Goethe: Willhelm Meisters Lehrjahre; 1795/96; 3. Buch, 1. Kapitel.

Versucht [Komma] durchzuhalten!

Frage

Ich streite mich gerade mit einer Freundin über ein Komma. Streitpunkt ist folgender Satz: „Versucht, durchzuhalten!“ Ich behaupte, das Komma gehört da nicht hin. Sie behauptet, das sei ein „Kann-Komma“.

Antwort

Guten Tag E.,

es handelt sich hier tatsächlich um ein „Kann-Komma“. Eine Infinitivgruppe kann in vielen Fällen durch ein Komma abgetrennt werden. Mit oder ohne Komma richtig ist zum Beispiel:

Versucht, den Kampf durchzuhalten!
Versucht den Kampf durchzuhalten!

Dies gilt auch dann, wenn der übergeordnete Satz nur aus einer einzigen Verbform besteht und der Infinitiv allein steht:

Versucht, zu gewinnen!
Versucht zu gewinnen!

Und damit sind wir bei Ihrem Fall, der übrigens viele verunsichert. Das Komma kann selbst dann stehen, wenn das zu im Verb integriert ist:

Versucht, durchzuhalten!
Versucht durchzuhalten!

Manchmal ist es sogar sehr zu empfehlen, ein Komma zu verwenden, dann nämlich, wenn es verdeutlichen kann, was genau gemeint ist.

Versucht, so lange wie möglich durchzuhalten.
Versucht so lange wie möglich, durchzuhalten.

Siehe auch hier. Und weil es so schön ist, gleich noch ein paar Beispiele:

Ich bin dafür[,] mitzumachen.
Hör auf[,] herumzurennen!
Es ist nicht immer einfach[,] aufzugeben.
Ihre Gegner fürchteten[,] zu verlieren.

Ihre Freundin hat also recht. Als schwacher „Trost“ kann höchstens dienen, dass ich persönlich in Ihrem Beispiel die Schreibung ohne Komma vorziehen würde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp