Die zweite Fremdsprache, das ist/sind(?) Latein, Englisch oder Französisch

Frage

Es geht um folgende Passage aus unserer Schulbroschüre:

Die zweite Fremdsprache startet in der 6. Klasse. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.

Da das Subjekt des zweiten Satzes („das“) sich auf „Fremdsprache“ im ersten Satz bezieht und damit im Singular steht, müsste doch das Prädikat des zweiten Satzes auch im Singular stehen. Meiner Meinung nach müsste es also „ist“ statt „sind“ heißen. […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieser Fall ist relativ komplex, jedenfalls wenn es ums Erklären geht. Der Zweifel bei der Verbform des zweiten Satzes entsteht durch die Aufzählung mit oder. Üblich ist diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch ist die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnet das Zeugnis.

Seltener, aber möglich ist auch diese Formulierung:

Latein, Englisch oder Französisch sind die zweite Fremdsprache.
Die Lehrerin oder der Lehrer unterzeichnen das Zeugnis.

Das Verb kann hier in der Einzahl oder seltener in der Mehrzahl stehen**. Die Wortgruppe Latein, Englisch oder Französisch kann somit als Singulargruppe oder als Pluralgruppe verstanden werden. Versteht man sie als Singulargruppe, heißt es:

Das ist an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das ist an unserer Schule Französisch.

Versteht man die Wortgruppe als Pluralgruppe, muss das Verb im Plural stehen. Wenn nämlich in einem Gleichsetzungssatz Subjekt und Prädikativ nicht beide im Singular stehen, wird das Verb im Plural verwendet (siehe hier):

Diese Bücher sind mein größter Besitz.
Das sind meine Eltern.

Für Ihren Satz bedeutet dies dann:

Das sind an unserer Schule Latein, Englisch oder Französisch.
vgl. Das sind an unserer Schule Latein, Englisch und Französisch.

In der Schulbroschüre kann also mit das ist, aber auch mit das sind (wie es zzt. dort steht) formuliert werden. Die von Ihnen bevorzugte Variante mit dem Singular ist wahrscheinlich die häufiger vorkommende Variante (vgl. hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Einige Grammatiken unterscheiden hier zwischen ausschließendem/exklusivem Oder (Verb im Singular) und einschließendem/inklusivem Oder (Verb im Plural). Diese Unterscheidung ist in der Logik zweifellos angebracht, in der natürlichen Sprache halte ich sie häufig für weniger sinnvoll, da die Sprache und unsere Art, uns auszudrücken, sich selten an die strengen Regeln der Logik halten. Zum Beispiel:

Der Vater oder die Mutter kann/können die Entschuldigung unterschreiben.

Unterschreiben wird wahrscheinlich nur eine Person (exklusiv), aber können tun’s beide (inklusiv). Ist dieses oder also exklusiv oder inklusiv oder – was strikt logisch nicht möglich ist – einfach beides?

Die Missachtung von Grammatik und guten Stils? – Attribut mit von und Genitivattribut

Hier wieder einmal ein Beispiel dafür, dass der Genitiv, so schön man ihn auch finden mag, nicht immer angemessen ist.

Frage

Klingen für Sie die folgenden Sätze korrekt?

Durch die Behandlung von Schmerzen und anderer körperlicher und seelischer Probleme soll den Patienten Erleichterung verschafft werden.
Dies Therapie unterstützt die Linderung von Juckreiz und anderer belastender Symptome.

Ist es auf Deutsch grammatikalisch zulässig, von einem von-Attribut zu einem reinen Genitivattribut überzugehen, oder wäre es korrekter/üblicher mit dem Dativ weiterzufahren?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in einer Aufzählung sollte man es vermeiden, ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgen zu lassen. Man formuliert dann besser parallel. Es folgen ein paar (hoffentlich) erläuternde Beispiele:

Attribut mit von + Attribut mit von = i. O.
Wenn in einer Aufzählung das erste Attribut mit von eingeleitet wird, können Sie am besten mit dem Dativ weitermachen, den von verlangt. Das von wird dabei sehr häufig nicht wiederholt:

eine Einladung von Petra und [von] ihren Eltern
die Filterung von Wasser und anderen Flüssigkeiten
die Behandlung von Schmerzen und anderen körperlichen und seelischen Problemen
die Linderung von Juckreiz und anderen belastenden Symptomen

Genitivattribut + Genitivattribut = i. O.
Auch die Aufzählung zweier Genitivattribute ist kein Problem, wo dies möglich ist:

eine Einladung Petras und ihrer Eltern
die Filterung verschmutzten Wassers und anderer Flüssigkeiten
die Behandlung chronischer Schmerzen und anderer belastender Symptome
die Linderung heftigen Juckreizes und anderer körperlicher und seelischer Probleme

Dies ist aber nur dann möglich, wenn beide Attribute im Genitiv stehen können (vgl. hier). Die folgende Formulierung ist nicht möglich, weil Wassers allein nicht Genitivattribut sein kann:

nicht: *Die Filterung öliger Flüssigkeiten und Wassers

Attribut mit von + Genitivattribut = besser nicht
Vermieden werden sollte, wie eingangs gesagt, dass in einer Aufzählung ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgt:

eine Einladung von Petra und ihrer Eltern
die Filterung von Wasser und anderer Flüssigkeiten
die Behandlung von Schmerzen und anderer körperlicher und seelischer Probleme
die Linderung von Juckreiz und anderer belastender Symptome

Genitivattribut + Attribut mit von = i. O.

Umgekehrt gilt die genannte Einschränkung nicht: Nach einem Genitivattribut kann gut ein Attribut mit von stehen:

eine Einladung meiner Eltern und von Hans
die Filterung öliger Flüssigkeiten und von Wasser
die Behandlung körperlicher und seelischer Probleme und von Schmerzen
die Linderung schmerzlicher Symptome und von Juckreiz

 

Das klingt vielleicht komplizierter, als es ist. Und falls Sie doch einmal ein Genitivattribut auf ein Attribut mit von folgen lassen, bedeute dies nicht gleich die totale Missachtung von Grammatik und guten Stils – oder doch besser: nicht die totale Missachtung von Grammatik und gutem Stil.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der umgangssprachliche Indikativ: Sie sagt, sie ist glücklich

Frage

Ich hätte eine Frage bezüglich des Konjunktivs I und des Indikativs. Ich weiß in etwa, wann man den Konjunktiv I verwenden soll, doch ist mir aufgefallen, dass man ihn im Alltag und im Fernsehen (außer in den Nachrichten) kaum hört. Außerdem fällt mir auf, dass er in der Umgangssprache häufig durch den Indikativ ersetzt wird. Zum Beispiel:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Ich weiß, dass der Konjunktiv in Sätzen mit dass weggelassen werden kann, aber häufig wird auch das dass weggelassen. Kann der Konjunktiv I der indirekten Rede in der Umgangssprache durch den Indikativ ersetzt werden?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Umgangssprache ist, grob gesagt, eine Variante der Sprache, die im informellen täglichen Umgang mit anderen verwendet wird und sich weniger an die Regeln der Standardsprache hält. So gesehen beantworten Sie Ihre Frage eigentlich schon selbst: In der Umgangssprache wird häufig auch in der indirekten Rede ohne dass der Indikativ verwendet. Man kann also in der informellen Umgangssprache den Indikativ anstelle des Konjunktivs verwenden, denn es wird dort ja getan. Standardsprachlich gilt die Verwendung des Indikativs hier aber als nicht korrekt.

Standardsprachlich:

Sie sagt, dass sie glücklich sei.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht habe.

Sie sagt, dass sie glücklich ist.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht hat.

Sie sagt, sie sei glücklich.
Er denkt, er habe alles falsch gemacht.

Nur umgangssprachlich auch:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Sich brav an die standardsprachliche Regel haltend schreibt Dr. Bopp, es sei nun Zeit fürs Wochenende, und verabschiedet sich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Linguist Bopp oder vom Linguisten Bopp

Frage

Laut grünem Duden ist es erlaubt, ein Substantiv im Dativ ohne Flexionsendung zu schreiben, wenn kein Artikel vor einem Titel oder einer Berufsbezeichnung steht […]:

(Es wurde) die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier gefordert

Was aber, wenn Herr Gerstenmaier ein Soziologe ist und man sich auch nicht mit dem Genitiv behelfen kann?

Das Buch wird von Soziologe Peter Gerstenmaier präsentiert

klingt nach meinem Sprachgefühl falsch. Noch falscher wäre es zum Beispiel bei einem Wirtschaftsweisen:

Das Buch wird von Wirtschaftsweise Wilhelm Muster präsentiert

Aber warum? Wo ist der entscheidende Unterschied zum Satz:

Das Buch wird von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt präsentiert

der sich in Ordnung anhört?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

lassen Sie mich zuerst einmal etwas ausholen: Wenn Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. ohne Artikel vor einem Namen stehen, sind sie vorangestellte Appositionen (nähere Bestimmungen) zum Namen, vor dem sie stehen. In solchen Fällen wird der Name und nicht die Apposition gebeugt. Am besten sieht man das im Genitiv (kursiv der gebeugte Teil der Personenbezeichnung):

König Arthurs Tafelrunde
Malermeisterin Eva Hubers Geschäft
Bundestagspräsident Gerstenmaiers Büro
Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Präsentation des Buches
Soziologe Peter Gerstenmaiers Präsentation des Buches
Pädagoge Dr. Rob Kindles neue Theorie

Das gilt auch im Dativ. Auch dort bleiben Titel u. Ä. als Apposition ungebeugt und wird der Name in den Dativ gesetzt (was man allerdings nicht sieht, weil Eigennamen im Dativ endungslos sind):

von König Arthur
mit Malermeisterin Eva Huber
mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt

Auch ein schwach gebeugter Titel u. Ä.  bleibt im Dativ ungebeugt, weil nicht er, sondern der Eigenname im Dativ steht:

die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier
die Präsentation von Soziologe Peter Gerstenmaiers
bei Pädagoge Dr. Rob Kindle

Sie sagen, dass die Formulierungen mit Soziologe ungewöhnlich klingt und die Formulierung mit Wirtschaftsweise sogar falsch. Sie haben damit insofern recht, als diese Wörter in der Regel nicht als artikellose Titel verwendet werden bzw. verwendet werden können. Man verwendet sie normalerweise nur mit Artikel. Dann sind sie keine Appositionen mehr, sondern Wortgruppenkerne, die gebeugt werden (und der Name bleibt ungebeugt):

die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft der Malermeisterin Eva Huber
die Präsentation des Bild-Chefredakteurs Julian Reichert

die Präsentation des Soziologen Peter Gerstenmeier
die Präsentation des Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster

Ebenso im Dativ

Das Buch wird vom Soziologen Peter Gerstenmeier präsentiert
Das Buch wird vom Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster präsentiert

So viel von Linguist Dr. Bopp oder vom Linguisten Dr. Bopp zu diesem Thema. Siehe auch hier und hier für die Beugung solcher Wortgruppen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Blog wie meiner / der meine / der meinige

Frage

Ich bin immer wieder unsicher mit dem Vergleich „wie“ + Pronomen, also zum Beispiel:

Hinweise wie Ihren / den Ihrigen / den Ihren schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihrige / das Ihre
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihrige / die von Ihnen

Für mich klingt jeweils die mittlere Version am ehesten korrekt.
 Wie schreibt man das genau, was ist korrekt […] und an welche Regel kann ich mich halten?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

an dieser Stelle lässt das Deutsche, auch die Standardsprache, so viele Möglichkeiten zu, dass man tatsächlich manchmal unsicher werden kann. Eine Regel, an die Sie sich halten müssen oder sollten, gibt es nicht. Richtig ist hier nämlich:

Possessiv ohne Artikel
Possessiv mit bestimmtem Artikel
Possessiv auf -ig mit bestimmtem Artikel

Nur die Formulierung mit von (die von Ihnen) halte ich für standardsprachlich nicht empfehlenswert. Sie haben somit drei verschiedene Möglichkeiten, die alle akzeptiert sind und als korrekt gelten:

Hinweise wie Ihren / den Ihren / den Ihrigen schätzen wir sehr.
Über ein Lob wie Ihres / das Ihre / das Ihrige freuen wir uns.
Eine Rückmeldung wie Ihre / die Ihre / die Ihrige nehmen wir ernst.

Bei den Formen mein/dein/sein gibt es im sächlichen Nominativ und Akkusativ Einzahl sogar noch eine vierte Variante:

Über ein Lob wie deines / deins / das deine / das deinige freuen wir uns.

Dies alles gilt übrigens nicht nur nach wie, sondern in den meisten Fällen, wenn das Possessiv allein steht (vgl. hier):

Nehmen wir deinen Wagen oder meinen / den meinen / den meinigen.
Meines ist besser als deines / Meins ist besser als deins / Das meine ist besser als das deine / Das meinige ist besser als das deinige.
Wenn ihr keine Handtücher habt, leihen wir euch unsere / die unseren / die unsrigen.

Bei so viel freier Wahl kann man, wie gesagt, schon ein bisschen unsicher werden. Sie können aber einfach die Variante wählen, die Ihnen am besten gefällt. Ich persönlich halte die Formulierungen mit ig für schwerfällig, aber sie kommen so häufig vor, dass ganz offensichtlich nicht alle dieser Meinung sind. Ihre Wahl muss sich nicht nach meiner, der meinen oder eben der meinigen richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nahe von London, nahe Londons oder nahe London?

Frage

Die Grammatik sagt: „nahe“ mit Dativ

Doppelzimmer in ruhiger Lage nahe dem Zentrum
Das Ferienhaus liegt nahe dem Waldrand

Aber wie ist das mit einem Substantiv ohne Artikel, wie etwa „Wien“ oder „London“? Muss dann „von“ eingefügt werden? „Nahe Londons“ klingt für mich nicht übel, „nahe von London“ etwas behäbig. Der Satz lautet: „Windsor liegt nahe von London / nahe Londons.“

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Präposition „nahe“ verlangt tatsächlich den Dativ:

Wir wohnen nahe dem Bahnhof
Der Zoo liegt nahe der Innenstadt / dem Zentrum

Wenn Sie nahe mit einem artikellosen Ortsnamen verwenden wollen, steht er auch im Dativ. Das ist allerdings an der Form nicht zu sehen, denn der Dativ ist bei solchen Namen endungslos:

beliebte Ausflugsziele nahe Wien
die Gemeinde Moritzburg nahe Dresden

Entsprechend lautet Ihr Beispielsatz:

Windsor liegt nahe London

Bei nahe geht es also nicht anders zu und her als bei anderen Präpositionen, die den Dativ verlangen:

beliebte Ausflugsziele bei Wien
die Reise nach Klagenfurt
Abflug ab London

Es ist übrigens nicht allzu erstaunlich, dass Sie auf eine Formulierung mit von oder dem Genitiv gekommen sind. Das kann einerseits mit der Nähe von nahe zu in der Nähe zu tun haben (vgl. in der Nähe von London, in der Nähe Londons), andererseits kann auch die Tendenz eine Rolle spielen, gehobenere Präpositionen „vorsichtshalber“ mit dem Genitiv zu verbinden, obwohl Sie standardsprachlich korrekt mit dem Dativ stehen sollten (zum Beispiel unrichtig: *laut eines Polizeisprechers, *gemäß dieses Urteils, *gegenüber des Restaurants, *nahe des Zentrums statt korrekt laut einem Polizeisprecher, gemäß diesem Urteil, gegenüber dem Restaurant, nahe dem Zentrum; vgl. hier).

Die Präposition nahe gehört eher dem gehobeneren Sprachgebrauch an. Wenn Ihnen nahe London etwas zu gesucht vorkommt oder seltsam in den Ohren klingt, können Sie auch auf das üblichere in der Nähe von London oder in der Umgebung von London ausweichen. Und wenn es kurz sein soll, geht auch bei London. Das ist nicht weiter entfernt von Buckingham Palace, Harrods und Big Ben als nahe London.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zwei Wörter, aufgrund deren/derer manche ins Zweifeln geraten

Frage

Was ist korrekt?

Hier ist ein Bild unserer Schwester, deren wir heute gedenken
Hier ist ein Bild unserer Schwester, derer wir heute gedenken

Oder ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das weibliche Relativpronomen im Genitiv ist deren oder derer. Beide Formen gelten als korrekt. Richtig sind also beide Formulierungen:

unsere Schwester, deren wir heute gedenken
unsere Schwester, derer wir heute gedenken

Die Genitivformen deren und derer sind neben weiblich Singularformen auch Pluralformen. Nach den Grammatikern des 19. Jahrhunderts sollte man derer verwenden, wenn es ein vorausweisendes Demonstrativpronomen ist, sonst müsse deren stehen. Diese Regel hat sich aber, wie die Sprachpraxis zeigt, nie durchgesetzt. Ganz frei ist die Verwendung der beiden Formen allerdings nicht. Der Einfachheit halber werden hier das Demonstrativpronomen und das Relativpronomen zusammen behandelt.

a) Einem Substantiv vorangestellt kann nur deren stehen:

Wir denken an unsere Schwester, deren Todestag sich heute jährt
die Dame, deren rotes Cabrio vor dem Haus steht
eure Vorschläge, deren Durchführbarkeit noch geprüft werden muss
die Zeugen, aufgrund deren zweifelhafter Aussagen sie verurteilt wurde

Auch vor einem (unbestimmten) Zahlwort steht nur deren:

Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern deren viele
Das waren es nur noch deren zwei / deren nur noch zwei

b) Als vorausweisendes Wort wird nur derer verwendet:

Stellt eine Liste derer zusammen, die ihr gerne einladen würdet.
Erinnert euch derer, die nicht mehr unter uns sind.

Im Feminin Singular ist derer aber unüblich, da derer mit dieser Funktion im Allgemeinen als Pluralform verstanden wird. Man verwendet dann besser ein Substantiv mit Artikel:

Erinnert euch der Frau, die nicht mehr unter uns ist.

c) In allen anderen Fällen sind deren und derer üblich:

die Frau, deren/derer wir heute gedenken
die Toten, deren/derer wir heute gedenken
die Frist, innerhalb deren/derer Leistungen abgerechnet werden
Kriterien, anhand deren/derer entschieden wird

Sonderabfälle und wie man sich deren/derer entledigen kann

Und wer jetzt vor lauter deren und derer den Überblick verloren hat, möge Trost darin finden, dass es meistens gutgeht, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, und auch darin, dass sich dieses Problem zum Glück bei dessen nie stellt. Die folgende grobe Zusammenfassung kann hoffentlich dabei helfen, die Übersicht zurückzugewinnen:

  1. einem anderen Wort vorangestellt: deren
  2. auf ein nachfolgendes Wort verweisend: derer
  3. sonst: deren oder derer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Titel hätte mir wegen besser gefallen als das schwerfälligere aufgrund, doch anstelle von wegen deren oder wegen derer verwendet man üblicherweise derentwegen:

Zwei Formen, derentwegen manche ins Zweifeln geraten

Mehrteilige Subjekte und zusammengezogene Teilsätze

Frage

Ich bin mir nicht sicher, ob folgender Satz korrekt ist:

Innerhalb von sechs Monaten wurden ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Gemäß der Regel […] wird das Verb in den Plural gesetzt, wenn das Subjekt aus mehreren Teilen besteht, die mit „und“ verbunden sind. […] Ist dies hier die richtige Regel und der Satz oben also korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Satz sollte nicht so formuliert werden. Richtig ist hier die Singularform wurde:

Innerhalb von sechs Monaten wurde ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Es geht hier nicht wie in der Regel, die Sie erwähnen, um ein mehrteiligen Subjekt, sondern um die Zusammenziehung von Teilsätzen mit einer identischen Verbform, die in einem Teilsatz weggelassen wird.

a) Zusammenziehung von Teilsätzen (vgl. hier)

Von einer Zusammenziehung von Teilsätzen ist dann die Rede, wenn die ausformulierten Teilsätze sich mehr als nur beim Subjekt voneinander unterscheiden:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max eine Birne gegessen.
→ Gestern hat Lisa einen Apfel und Max eine Birne gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Der Preis ist gestiegen.
Das Angebot ist gesunken und der Preis gestiegen.

Hier wird im zweiten, verkürzten Teilsatz die identische Verbform hat resp. ist nicht wiederholt. Die beiden Subjekte sind in der Regel durch mehr als nur und voneinander getrennt.

b) Mehrteiliges Subjekt mit und (vgl. hier)

Bei einem mehrteiligen Subjekt unterscheiden sich nur die Subjektteile voneinander und der Rest des Satzes bleibt gleich, wenn man ihn „auseinandernimmt“. Dann gilt die Regel, auf die Sie verweisen, das heißt, das Verb steht im Plural:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max einen Apfel gegessen.
→ Gestern haben Lisa und Max einen Apfel gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Die Nachfrage ist gesunken.
Das Angebot und die Nachfrage sind gesunken.

Auf Ihren Satz übertragen heißt dies:

a) Zusammenziehung von Teilsätzen

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt aufgesetzt.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

So sollte Ihr Satz formuliert sein, weil die Teilsätze sich nicht nur beim Subjekt voneinander unterscheiden. Die identische Verbform wurde wird im zweiten Teilsatz weggelassen.

Der Vollständigkeit halber folgt noch ein Beispiel, das zeigt, wie eine ähnliche Formulierung mit einem mehrteiligen Subjekt aussieht:

b) Mehrteiliges Subjekt mit und

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt entworfen.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurden ein neues Warenzeichen und ein neuer Webauftritt entworfen.

Zur Zusammenziehung von Teilsätzen gäbe es noch viel mehr zu sagen, aber hier soll es nur um die Unterscheidung zu Sätzen mit einem mehrteiligen Subjekt gehen. Deshalb noch einmal kurz als Faustregel zusammengefasst:

– Wenn beim Ausformulieren neben den Subjekten auch noch andere Elemente der Teilsätze unterschiedlich sind, richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

– Wenn beim Ausformulieren nur die Subjekte der Teilsätze unterschiedlich sind, haben wir es mit einem mehrteiligen Subjekt zu tun. Das Verb steht dann im Plural.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alle beliebtesten Marken?

Frage

Da Werbefachleute oftmals eine sehr eigene Art der deutschen Sprache pflegen, stoße ich immer wieder auf Formulierungen, bei denen ich mich fragen: „Darf man das? Ist das richtig?“

Aktuelles Beispiel: Kann man einen Superlativ in Verbindung mit dem Wort „alle“ setzen? In einem Werbespot heißt es derzeit: „Alle beliebtesten Marken“. Immer wenn ich diesen Satz höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ist der Satz „alle beliebtesten Marken“ korrekt formuliert? Früher gab es mal „Deutschlands meiste Kreditkarte“ – das hat mich auch jedes Mal auf die Palme gejagt.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

mit der Sprache zu spielen ist erlaubt. Wenn eine Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht, um einen bestimmten Effekt zu erreichen, ist sie dann ein Fehler?

Die Beurteilung von Werbeäußerungen, die Ungrammatisches enthalten, ist oft schwierig, weil nicht deutlich ist, ob die Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht oder ob es einfach ein Fehler ist.

Beim Werbespruch „Deutschlands meiste Kreditkarte“ wurde bewusst mit einem Grammatikfehler gespielt. Dieses bewusste Wortspiel kann gefallen, es kann aber auch Missfallen auslösen – das gehört zu den Risiken des Fachs. Nun zu „alle beliebtesten Marken“:

Auch wenn es auf den ersten Blick immer nur ein Bestes, ein Größtes, ein Schönstes usw. gibt, ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, alle mit einem Superlativ zu verbinden. Wenn es um das jeweils Beste, Größte, Schönste usw. aus verschiedenen Klassen geht, kann man diese Verbindung verwenden (ob eine solche Formulierung immer ein stilistisches Meisterwerk ist, will ich dahingestellt sein lassen). Zum Beispiel:

alle schnellsten Läuferinnen ihrer Altersklasse
= die jeweils schnellste Läuferin aus allen Altersklassen

wenn alle höchsten Karten ausgespielt sind
= die jeweils höchste Karte aller Farben

alle beliebtesten Marken
= die jeweils beliebteste Marke aus allen Produktgruppen

Es könnt also sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ eine ganz spezifische Aussage gemacht wird. Es könnte auch sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ wie bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“ bewusst eine von der Norm abweichende Steigerungsart verwendet wird.

Ich vermute allerdings, dass zumindest in einem Teil der Fälle einfach „alle beliebten Marken“ gemeint ist. Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist dann eine unbewusste Abweichung von der Grammatik*, die sich wahrscheinlich darauf zurückführen lässt, dass „beliebtesten“ einfach nach mehr klingt als  „beliebten“ („Wir haben nicht die beliebten Marken, sondern die beliebtesten, und zwar alle!“).

Kurzum: Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist nur in ganz bestimmten Zusammenhängen richtig und sonst eigentlich ein kleiner Verstoß gegen die Grammatik. Dieser Verstoß kann eine bewusste Abweichung von der Norm sein, um einen bestimmten Werbeeffekt zu erzielen. Ob das auch immer der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* eine unbewusste Abweichung von der Grammatik = schön für: ein Fehler

Ein „nicht“, das nicht das Gegenteil ausdrückt: „bevor … nicht“

Frage

Mir sind heute der Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank voll ist“ und der bedeutungsgleiche Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank nicht voll ist“ aufgefallen. Gibt es da etwas Interessantes zu sagen, dass die Bedeutung trotz Verneinung gleich bleibt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieses nicht ist tatsächlich erstaunlich, denn üblicherweise drücken eine Aussage mit nicht und eine Aussage ohne nicht nicht dasselbe, sondern ziemlich genau das jeweilige Gegenteil aus. Dieses nicht ist auch nicht ganz unumstritten. Da seine Funktion nicht die Verneinung ist und man es auch weglassen kann, halten manche es für überflüssig oder sogar falsch. Doch eins nach dem anderen:

Verneinte Satzgefüge mit bevor und ehe haben oft die Bedeutung eines Bedingungssatzes. Der Nebensatz gibt eine Bedingung an, die erfüllt sein muss. Dabei muss der Hauptsatz verneint sein. Und nun kommt der interessanten Aspekt: Der Nebensatz kann ohne Bedeutungsunterschied mit oder ohne nicht stehen:

Ich bezahle nichts, bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte.
Bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte, bezahle ich nicht.
Ehe ich (nicht) mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, ehe der Tank (nicht) voll ist.

Die Verwendung dieses weglassbaren nicht im Nebensatz wird von einigen als umgangssprachlich oder falsch angesehen. Sie erklärt sich aus der speziellen konditionalen Bedeutung solange nicht, wenn nicht dieser temporalen (zeitlichen) Konjunktionen:

Solange ich nicht mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, solange der Tank nicht voll ist.

Man sollte diese spezielle Konstruktion wenigstens tolerieren, denn in einigen Fällen kann das nicht kaum weggelassen werden, ohne dass ein recht ungewöhnlich klingender Satz entsteht:

Du erhältst kein Geld, bevor du nicht sagst, was du damit machen willst.
Du erhältst kein Geld, bevor du sagst, was du damit machen willst. ??

Mir gefällt dieses weglassbare nicht sehr gut, weil es eine sprachliche Eigenartigkeit ist, die sich nicht auf Anhieb erklären lässt, wenig mit Logik zu tun hat, trotzdem gut verständlich ist und die Sprache ein bisschen abwechslungsreicher macht. Man sollte es nicht verurteilen, ehe man nicht auch diesen Aspekt berücksichtigt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp