Zwei Wörter, aufgrund deren/derer manche ins Zweifeln geraten

Frage

Was ist korrekt?

Hier ist ein Bild unserer Schwester, deren wir heute gedenken
Hier ist ein Bild unserer Schwester, derer wir heute gedenken

Oder ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das weibliche Relativpronomen im Genitiv ist deren oder derer. Beide Formen gelten als korrekt. Richtig sind also beide Formulierungen:

unsere Schwester, deren wir heute gedenken
unsere Schwester, derer wir heute gedenken

Die Genitivformen deren und derer sind neben weiblich Singularformen auch Pluralformen. Nach den Grammatikern des 19. Jahrhunderts sollte man derer verwenden, wenn es ein vorausweisendes Demonstrativpronomen ist, sonst müsse deren stehen. Diese Regel hat sich aber, wie die Sprachpraxis zeigt, nie durchgesetzt. Ganz frei ist die Verwendung der beiden Formen allerdings nicht. Der Einfachheit halber werden hier das Demonstrativpronomen und das Relativpronomen zusammen behandelt.

a) Einem Substantiv vorangestellt kann nur deren stehen:

Wir denken an unsere Schwester, deren Todestag sich heute jährt
die Dame, deren rotes Cabrio vor dem Haus steht
eure Vorschläge, deren Durchführbarkeit noch geprüft werden muss
die Zeugen, aufgrund deren zweifelhafter Aussagen sie verurteilt wurde

Auch vor einem (unbestimmten) Zahlwort steht nur deren:

Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern deren viele
Das waren es nur noch deren zwei / deren nur noch zwei

b) Als vorausweisendes Wort wird nur derer verwendet:

Stellt eine Liste derer zusammen, die ihr gerne einladen würdet.
Erinnert euch derer, die nicht mehr unter uns sind.

Im Feminin Singular ist derer aber unüblich, da derer mit dieser Funktion im Allgemeinen als Pluralform verstanden wird. Man verwendet dann besser ein Substantiv mit Artikel:

Erinnert euch der Frau, die nicht mehr unter uns ist.

c) In allen anderen Fällen sind deren und derer üblich:

die Frau, deren/derer wir heute gedenken
die Toten, deren/derer wir heute gedenken
die Frist, innerhalb deren/derer Leistungen abgerechnet werden
Kriterien, anhand deren/derer entschieden wird

Sonderabfälle und wie man sich deren/derer entledigen kann

Und wer jetzt vor lauter deren und derer den Überblick verloren hat, möge Trost darin finden, dass es meistens gutgeht, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, und auch darin, dass sich dieses Problem zum Glück bei dessen nie stellt. Die folgende grobe Zusammenfassung kann hoffentlich dabei helfen, die Übersicht zurückzugewinnen:

  1. einem anderen Wort vorangestellt: deren
  2. auf ein nachfolgendes Wort verweisend: derer
  3. sonst: deren oder derer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Titel hätte mir wegen besser gefallen als das schwerfälligere aufgrund, doch anstelle von wegen deren oder wegen derer verwendet man üblicherweise derentwegen:

Zwei Formen, derentwegen manche ins Zweifeln geraten

Mehrteilige Subjekte und zusammengezogene Teilsätze

Frage

Ich bin mir nicht sicher, ob folgender Satz korrekt ist:

Innerhalb von sechs Monaten wurden ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Gemäß der Regel […] wird das Verb in den Plural gesetzt, wenn das Subjekt aus mehreren Teilen besteht, die mit „und“ verbunden sind. […] Ist dies hier die richtige Regel und der Satz oben also korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der Satz sollte nicht so formuliert werden. Richtig ist hier die Singularform wurde:

Innerhalb von sechs Monaten wurde ein neues Markenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

Es geht hier nicht wie in der Regel, die Sie erwähnen, um ein mehrteiligen Subjekt, sondern um die Zusammenziehung von Teilsätzen mit einer identischen Verbform, die in einem Teilsatz weggelassen wird.

a) Zusammenziehung von Teilsätzen (vgl. hier)

Von einer Zusammenziehung von Teilsätzen ist dann die Rede, wenn die ausformulierten Teilsätze sich mehr als nur beim Subjekt voneinander unterscheiden:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max eine Birne gegessen.
→ Gestern hat Lisa einen Apfel und Max eine Birne gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Der Preis ist gestiegen.
Das Angebot ist gesunken und der Preis gestiegen.

Hier wird im zweiten, verkürzten Teilsatz die identische Verbform hat resp. ist nicht wiederholt. Die beiden Subjekte sind in der Regel durch mehr als nur und voneinander getrennt.

b) Mehrteiliges Subjekt mit und (vgl. hier)

Bei einem mehrteiligen Subjekt unterscheiden sich nur die Subjektteile voneinander und der Rest des Satzes bleibt gleich, wenn man ihn „auseinandernimmt“. Dann gilt die Regel, auf die Sie verweisen, das heißt, das Verb steht im Plural:

Gestern hat Lisa einen Apfel gegessen.
Gestern hat Max einen Apfel gegessen.
→ Gestern haben Lisa und Max einen Apfel gegessen.

Das Angebot ist gesunken.
Die Nachfrage ist gesunken.
Das Angebot und die Nachfrage sind gesunken.

Auf Ihren Satz übertragen heißt dies:

a) Zusammenziehung von Teilsätzen

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt aufgesetzt.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen und ein neuer Webauftritt aufgesetzt.

So sollte Ihr Satz formuliert sein, weil die Teilsätze sich nicht nur beim Subjekt voneinander unterscheiden. Die identische Verbform wurde wird im zweiten Teilsatz weggelassen.

Der Vollständigkeit halber folgt noch ein Beispiel, das zeigt, wie eine ähnliche Formulierung mit einem mehrteiligen Subjekt aussieht:

b) Mehrteiliges Subjekt mit und

Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neues Warenzeichen entworfen.
Innerhalb eines halben Jahres wurde ein neuer Webauftritt entworfen.
→ Innerhalb eines halben Jahres wurden ein neues Warenzeichen und ein neuer Webauftritt entworfen.

Zur Zusammenziehung von Teilsätzen gäbe es noch viel mehr zu sagen, aber hier soll es nur um die Unterscheidung zu Sätzen mit einem mehrteiligen Subjekt gehen. Deshalb noch einmal kurz als Faustregel zusammengefasst:

– Wenn beim Ausformulieren neben den Subjekten auch noch andere Elemente der Teilsätze unterschiedlich sind, richtet sich das Verb nach dem Subjekt, das ihm am nächsten steht.

– Wenn beim Ausformulieren nur die Subjekte der Teilsätze unterschiedlich sind, haben wir es mit einem mehrteiligen Subjekt zu tun. Das Verb steht dann im Plural.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alle beliebtesten Marken?

Frage

Da Werbefachleute oftmals eine sehr eigene Art der deutschen Sprache pflegen, stoße ich immer wieder auf Formulierungen, bei denen ich mich fragen: „Darf man das? Ist das richtig?“

Aktuelles Beispiel: Kann man einen Superlativ in Verbindung mit dem Wort „alle“ setzen? In einem Werbespot heißt es derzeit: „Alle beliebtesten Marken“. Immer wenn ich diesen Satz höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Ist der Satz „alle beliebtesten Marken“ korrekt formuliert? Früher gab es mal „Deutschlands meiste Kreditkarte“ – das hat mich auch jedes Mal auf die Palme gejagt.

Antwort

Guten Tag Herr D.,

mit der Sprache zu spielen ist erlaubt. Wenn eine Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht, um einen bestimmten Effekt zu erreichen, ist sie dann ein Fehler?

Die Beurteilung von Werbeäußerungen, die Ungrammatisches enthalten, ist oft schwierig, weil nicht deutlich ist, ob die Abweichung von der Grammatik bewusst geschieht oder ob es einfach ein Fehler ist.

Beim Werbespruch „Deutschlands meiste Kreditkarte“ wurde bewusst mit einem Grammatikfehler gespielt. Dieses bewusste Wortspiel kann gefallen, es kann aber auch Missfallen auslösen – das gehört zu den Risiken des Fachs. Nun zu „alle beliebtesten Marken“:

Auch wenn es auf den ersten Blick immer nur ein Bestes, ein Größtes, ein Schönstes usw. gibt, ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, alle mit einem Superlativ zu verbinden. Wenn es um das jeweils Beste, Größte, Schönste usw. aus verschiedenen Klassen geht, kann man diese Verbindung verwenden (ob eine solche Formulierung immer ein stilistisches Meisterwerk ist, will ich dahingestellt sein lassen). Zum Beispiel:

alle schnellsten Läuferinnen ihrer Altersklasse
= die jeweils schnellste Läuferin aus allen Altersklassen

wenn alle höchsten Karten ausgespielt sind
= die jeweils höchste Karte aller Farben

alle beliebtesten Marken
= die jeweils beliebteste Marke aus allen Produktgruppen

Es könnt also sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ eine ganz spezifische Aussage gemacht wird. Es könnte auch sein, dass mit „alle beliebtesten Marken“ wie bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“ bewusst eine von der Norm abweichende Steigerungsart verwendet wird.

Ich vermute allerdings, dass zumindest in einem Teil der Fälle einfach „alle beliebten Marken“ gemeint ist. Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist dann eine unbewusste Abweichung von der Grammatik*, die sich wahrscheinlich darauf zurückführen lässt, dass „beliebtesten“ einfach nach mehr klingt als  „beliebten“ („Wir haben nicht die beliebten Marken, sondern die beliebtesten, und zwar alle!“).

Kurzum: Die Formulierung „alle beliebtesten Marken“ ist nur in ganz bestimmten Zusammenhängen richtig und sonst eigentlich ein kleiner Verstoß gegen die Grammatik. Dieser Verstoß kann eine bewusste Abweichung von der Norm sein, um einen bestimmten Werbeeffekt zu erzielen. Ob das auch immer der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* eine unbewusste Abweichung von der Grammatik = schön für: ein Fehler

Ein „nicht“, das nicht das Gegenteil ausdrückt: „bevor … nicht“

Frage

Mir sind heute der Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank voll ist“ und der bedeutungsgleiche Satz „Wir fahren nicht los, bevor der Tank nicht voll ist“ aufgefallen. Gibt es da etwas Interessantes zu sagen, dass die Bedeutung trotz Verneinung gleich bleibt?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

dieses nicht ist tatsächlich erstaunlich, denn üblicherweise drücken eine Aussage mit nicht und eine Aussage ohne nicht nicht dasselbe, sondern ziemlich genau das jeweilige Gegenteil aus. Dieses nicht ist auch nicht ganz unumstritten. Da seine Funktion nicht die Verneinung ist und man es auch weglassen kann, halten manche es für überflüssig oder sogar falsch. Doch eins nach dem anderen:

Verneinte Satzgefüge mit bevor und ehe haben oft die Bedeutung eines Bedingungssatzes. Der Nebensatz gibt eine Bedingung an, die erfüllt sein muss. Dabei muss der Hauptsatz verneint sein. Und nun kommt der interessanten Aspekt: Der Nebensatz kann ohne Bedeutungsunterschied mit oder ohne nicht stehen:

Ich bezahle nichts, bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte.
Bevor ich (nicht) eine detaillierte Abrechnung erhalte, bezahle ich nicht.
Ehe ich (nicht) mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, ehe der Tank (nicht) voll ist.

Die Verwendung dieses weglassbaren nicht im Nebensatz wird von einigen als umgangssprachlich oder falsch angesehen. Sie erklärt sich aus der speziellen konditionalen Bedeutung solange nicht, wenn nicht dieser temporalen (zeitlichen) Konjunktionen:

Solange ich nicht mit allen Parteien gesprochen habe, treffe ich keine Entscheidungen.
Wir fahren nicht los, solange der Tank nicht voll ist.

Man sollte diese spezielle Konstruktion wenigstens tolerieren, denn in einigen Fällen kann das nicht kaum weggelassen werden, ohne dass ein recht ungewöhnlich klingender Satz entsteht:

Du erhältst kein Geld, bevor du nicht sagst, was du damit machen willst.
Du erhältst kein Geld, bevor du sagst, was du damit machen willst. ??

Mir gefällt dieses weglassbare nicht sehr gut, weil es eine sprachliche Eigenartigkeit ist, die sich nicht auf Anhieb erklären lässt, wenig mit Logik zu tun hat, trotzdem gut verständlich ist und die Sprache ein bisschen abwechslungsreicher macht. Man sollte es nicht verurteilen, ehe man nicht auch diesen Aspekt berücksichtigt hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lasst uns uns(?) am Bahnhof treffen

Frage

„Lasst uns um 10 Uhr am Bahnhof treffen!“ Sätze dieser Art hört man sehr häufig, doch sie klingen für mich grammatisch falsch. Ich meine, der Satz braucht ein „uns“ […] nach „lasst“ (lasst uns) und außerdem ein „uns“ […] vor „treffen“ (uns treffen). Mit zwei „uns“ (lasst uns uns treffen) mag der Satz jetzt zwar grammatisch richtig sein, doch ich habe ihn noch von niemandem so gehört.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

der Satz „Lasst uns am Bahnhof treffen!“ ist unvollständig. Wie Sie richtig bemerken, muss sowohl das uns der Aufforderung „lasst uns!“ als auch das Reflexivpronomen uns von „uns treffen“ stehen. Grammatisch richtig wäre deshalb:

Lasst uns uns am Bahnhof treffen!

Da dieses doppelte uns immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt und der Satz durch die Wiederholung sowieso stilistisch eher unschön ist, kann man am besten umformulieren. Hier ist das nicht allzu schwierig, weil man uns einfach durch einander ersetzen kann:

Lasst uns einander am Bahnhof treffen!

In anderen Fällen ist es etwas schwieriger. Zum Beispiel:

Lasst uns uns nicht darüber ärgern!
besser z. B.: Ärgern wir uns nicht darüber!

Lasst uns uns freuen!
besser z. B.: Wir wollen und freuen! / Freuen wir uns!

Diese kleine Hürde wirft lassen übrigens nicht nur bei uns auf:

Lassen Sie mich mich vorstellen
besser z. B.: Gestatten Sie mir mich vorzustellen.

Wir lassen euch euch konzentrieren.
besser z. B.: Wir lassen euch Zeit, euch zu konzentrieren.

Lasst uns uns merken, dass wir besser „Merken wir uns, dass …“ sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am elendesten oder am elendsten?

Frage

Warum wird das Adjektiv elend im Superlativ am elendesten um ein e erweitert, wenn doch die Regel lautet: est steht bei ENDbetontem Stamm mit d.

Antwort

Guten Tag A.,

die Regel, die Sie zitieren und die in ähnlicher Form auch auf unseren Seiten steht, ist einfach, aber sie trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Die e-Erweiterung (est statt nur st) findet genau genommen nicht bei Adjektiven statt, die auf der letzten Silbe betont sind, sondern bei Adjektiven, die auf eine Silbe mit einem Vollvokal enden. So sind Adjektive auf haft und los zwar nicht endbetont, ihre Endsilbe hat aber einen Vollvokal (unbetontes a resp. unbetontes o). Sie bilden deshalb den Superlativ „trotzdem“ mit est:

boshafteste
zweckloseste

Adjektivisch verwendete Partizipien auf end haben keinen solchen Vollvokal, sondern ein Schwa (ə), das nicht betont werden kann und das in der gesprochenen Sprache sogar ganz wegfallen kann (hier als Apostroph dargestellt). Sie bilden den Superlativ entsprechend mit st:

aufregend (aufregənd/aufreg’nd)
aufregendste (aufregəndste/aufreg’ndste)
blühend (blühənd/blüh’nd)
blühendste (blühəndste/blüh’ndste)
dringend (dringənd/dring’nd)
dringendste (dringəndste/dring’ndste)

Nun zu elend: Dieses Adjektiv endet eigentlich auf einen Vollvokal, ein unbetontes offenes e (ɛ), und nicht wie zum Beispiel fehlend oder stehlend mit einem Schwa. So sind fehlend und elend keine richtigen Reimwörter:

fehlend (fehlənd/fehl’nd)
elend (elɛnd/aber nicht: el’nd)

Da elend anders als zum Beispiel fehlend oder dringend mit einem Vollvokal endet, halten wir in Canoonet die Superlativform elendeste für richtig

elend, elender, elendeste

Ganz ohne ein Aber geht es allerdings nicht. Die Superlativform elendste kommt ebenfalls häufig vor. Das kann verschiedene Gründe haben: Der Vokal der zweiten Silbe von elend ist viel weniger als unbetonter Vollvokal erkennbar als zum Beispiel das a in Oma oder zweifelhaft und das o in Auto oder herzlos. Die Form elend sieht aus wie die adjektivischen Präsenspartizipien, die den Superlativ ggf. ohne e bilden. Vielleicht hat sogar die eingangs erwähnte, nicht ganz zugtreffende Regel einen Einfluss darauf, dass hier häufig kein e eingeschoben wird. Wir werden also in Zukunft einmal dem Gebrauch folgen und auch die e-lose Form angeben:

elend, elender, elendeste/elendste

Sprachregeln sollten mehr beschreiben als vorschreiben – und ohne Ausnahmen und Grenzfälle geht es ja ohnehin nie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Grammatik oder Rechtschreibung

Die Unterscheidung zwischen Grammatik und Rechtschreibung ist für einige von Ihnen manchmal ein Problem. Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit dieser Frage. Sie finden hier aber keine wissenschaftlich fundierte, alles abdeckende Abhandlung. Es ist nur eine kurze und hoffentlich praktische Hilfestellung.

Frage

Bei meiner Korrekturarbeit soll ich nur Rechtschreib-, nicht aber Grammatikfehler verbessern. Nun stellt sich mir die Frage, wie ich Rechtschreib- von Grammatikfehlern abgrenzen soll. Meiner Meinung nach geht es bei der Grammatik um korrekte Deklination und Konjugation und die richtige Satzbildung oder, anders gesagt, um „hörbare“ Fehler. […]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

kurz und kräftig ausgedrückt:

Die Grammatik bestimmt, welche Wörter und Wortformen man in welcher Reihenfolge verwendet. Die Rechtschreibung bestimmt, wie man diese Wortformen schreibt.

Hier ein paar Beispiele, die den Unterschied aufzeigen sollen:

er habt statt er hat = Grammatik
er hatt statt er hat = Rechtschreibung

sie bittete statt sie bat = Grammatik
sie baht statt sie bat = Rechtschreibung

Sehe mich an! statt Sieh mich an! = Grammatik
Sie mich an! statt Sieh mich an! = Rechtschreibung

Hilf mich bitte! statt Hilf mir bitte! = Grammatik
Hilf mier bitte! statt Hilf mir bitte! = Rechtschreibung

weil sie ist krank statt weil sie krank ist = Grammatik
weill si kranck isst statt weil sie krank ist = Rechtschreibung

die Frage, dass statt die Frage, ob = Grammatik
die Tatsache, das statt die Tatsache, dass = Rechtschreibung

das Buch, was du liest statt das Buch, das du liest = Grammatik
das Buch, dass du liest statt das Buch, das du liest = Rechtschreibung

die großschreibung“ statt die Großschreibung = Rechtschreibung

Leistungs Ausweis statt Leistungsausweis = Rechtschreibung

Wenn Sie diese Beispiele laut vorlesen, sehen Sie, dass Ihre Faustregel zutrifft: Grammatikfehler hört man, Rechtschreibfehler nicht.

Grammatik und Rechtschreibung sind also zwei recht unterschiedliche Disziplinen. Die Rechtschreibung kommt aber nicht ohne die Grammatik aus: Bei der Rechtschreibung muss man die Grammatik kennen, wenn es zum Beispiel um die Groß- und Kleinschreibung geht oder wenn unterschiedliche Wortformen gleich klingen, aber unterschiedlich geschrieben werden. Zum Beispiel

Wir leben unser Leben.
Man ist, was man isst.
Ihr seid seit gestern hier.

Die Grammatik hingegen kommt ganz ohne die Rechtschreibung aus. Man kann grammatisch richtig formulieren, ohne sich um die Rechtschreibung kümmern zu müssen. Die Sätze Wir leben unser leben und Ihr seit seit gestern hier sind grammatisch korrekt, nur falsch geschrieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jeder im Genitiv

Eine Frage, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal auftaucht: allein stehendes jeder im Genitiv.

Frage

Folgendes ist ein klarer Genitivfall:

sich einer Sache bewusst sein
sich einzelner Schritte bewusst sein
sich seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Wie sieht es aber aus, wenn das Indefinitpronomen „jeder“ vorangeht?

sich jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein
sich jedes seiner einzelnen Schritte bewusst sein
oder
sich jedem seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Antwort

Guten Tag Frau H.,

keiner der beiden Vorschläge ist (zumindest standardsprachlich) korrekt. Das liegt daran, dass man die Genitivform jedes/jeden nur dann im Genitiv verwenden kann, wenn sie attributiv vor einem Nomen steht. Zum Beispiel:

im Leben jedes Menschen
am Ende jedes/jeden Tages (zu jedes/jeden siehe hier)
sich jedes einzelnen Schrittes bewusst sein

Wenn das Wort jeder nicht attributiv vor einem Nomen steht, kann es nicht im Genitiv verwendet werden. Für eine Erklärung, warum das genau so ist, müsste ich raten. Es geht ganz einfach nicht. Man muss dann auf eine andere Formulierung (z. B. ein jeder, alle, aber in diesem Fall nicht auf den Dativ) ausweichen:

im Leben eines jeden
im Interesse eines jeden / im Interesse aller

In Ihrem Satz wird jedes nicht attributiv verwendet, das heißt, es bestimmt nicht ein nachfolgendes Substantiv näher. Das Pronomen hat umgekehrt eine nähere Bestimmung bei sich, nämlich das Genitivattribut seiner einzelnen Schritte. Das sieht man gut, wenn man es durch die Fälle dekliniert:

Jeder seiner einzelnen Schritte ist gut vorbereitet.
Er hat jeden seiner einzelnen Schritte gut geplant.
Er hat bei jedem seiner einzelnen Schritten gut nachgedacht.

Und somit sind wir bei Ihrem Problem angelangt. Da die Genitivform jedes/jeden nur attributiv verwendet werden kann und hier keine attributive Verwendung vorliegt, muss auf eine andere Formulierung ausgewichen werden:

Man muss sich eines jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein.
Man muss sich all seiner einzelnen Schritte bewusst sein.

Siehe auch einen schon fast zehn Jahre alten Blogeintrag zu diesem Thema.

Das Gute an der komplizierten Sache ist, dass sich dieses Problem vor allem dann stellt, wenn man aus irgendeinem Grund ganz systematisch vorgehen will. Im normalen Sprachgebrauch vermeidet man solche Formen üblicherweise mehr oder weniger unbewusst, indem man eines der „Ausweichmanöver“ anwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommt/Kommen du und deine Schwester …?

Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie sich diese Frage wahrscheinlich noch nie gestellt. Für mich persönlich war sie jedenfalls nie ein Problem, bis sie mir im Rahmen dieser Rubrik zum ersten Mal begegnete und ich bei ihrer Beantwortung auf Anhieb unsicher wurde. Es ist eine Frage, die regelmäßig gestellt wird, in der Regel durch Deutsch Lernende oder Deutsch Unterrichtende (Deutsch als Fremdsprache). Wie wahrscheinlich viele von Ihnen umgehe ich das Problem häufig unbewusst, indem ich leicht anders formuliere.

Frage

Was ist korrekt?

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Du und deine Schwester kommen aus der Schweiz.

Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?
Kommen du und deine Schwester aus der Schweiz?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

wenn mit und verbundene Subjektteile nicht der gleichen grammatischen Person entsprechen, geht man am besten wie folgt vor (siehe hier)

1. und 2. Person = wir
1. und 3. Person = wir
2. und 3. Person = ihr

Zum Beispiel:

Du und ich müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich sind uns also einig.
Wir und ihr sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid du und dein Bruder einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern seid herzlich eingeladen.

Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?

Diese Hürde wird häufig mehr oder weniger unbewusst umgangen, indem das entsprechende Personalpronomen eingefügt wird.

Du und ich, wir müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich, wir sind uns also einig.
Wir und ihr, wir sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid ihr, du und dein Bruder, einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern, ihr seid herzlich eingeladen.

Du und deine Schwester, ihr kommt aus der Schweiz.
Kommt ihr, du und deine Schwester, aus der Schweiz?

Der Einschub des Personalpronomens ist natürlich nicht obligatorisch, aber er kann häufig helfen, den Satz weniger holprig oder weniger gekünstelt erscheinen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Während mehr als eines Jahres?

Frage

Ich kenne die Regel, dass „bis zu“ oder auch „mehr als“ als Gradpartikeln fungieren können und dann keinen Einfluss auf den Kasus der nachfolgenden Nominalgruppe haben. Aber: Klingen die Beispiele in der Betreffzeile auch in Ihren Ohren schief? Ich neige in beiden Fällen dazu, den Dativ zu setzen. Ist der Genitiv überhaupt korrekt?

Also: während mehr als einem Jahr / während bis zu einem Monat

Antwort

Guten Tag Herr F.,

nach der allgemeinen Regel müssten Sie wie folgt formulieren, denn während verlangt standardsprachlich den Genitiv:

während mehr als eines Jahres
während bis zu eines Monats

In der Schweiz ginge mit einiger Nachsicht evtl. auch der Dativ:

während mehr als einem Monat
während bis zu einem Monat

Das Ganze klingt auch in meinen Ohren sonderbar. Das liegt aber weder am Genitiv noch am Dativ, sondern daran, dass diese Formulierung nicht üblich ist.

Man verwendet zeitliches während bei der Angabe eines begrenzten Zeitabschnittes (wann?):

Es hat während der ganzen Ferien geregnet
während des Krieges
während der Nacht
während dieser beiden Monate

Für die Angabe einer reinen Zeitdauer (wie lange?) verwendet man besser eine Formulierung ohne während:

Es hat drei Tage [lang] geregnet
(besser als während dreier Tage)
Sie haben zehn Jahre [lang] nicht miteinander geredet
(besser als während zehn Jahren)

Die beste Formulierung wäre somit für Ihre Beispiele:

mehr als ein Jahr [lang]
bis zu einen Monat [lang]

Wie so oft sind die Übergänge allerdings auch hier fließend: Es ist nicht immer grundsätzlich falsch und auch keine stilistische Todsünde, während für die Angabe einer Zeitdauer zu verwenden. Wundern Sie sich also nicht über Wendungen wie während Monaten (statt besser monatelang) oder während fünf Stunden und zücken Sie auch nicht gleich den Rotstift.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp „Während mehr als eines Jahres?“ weiterlesen