Gebeugte Werktitel: die Hauptrolle in Shaws „Die Heilige Johanna“ / in Shaws „Heiliger Johanna“

Frage

Ich habe mal wieder eine Frage, und zwar betrifft es die Deklination von Film- oder auch Buchtiteln. Hier ein Beispiel: Welche Formulierung ist richtig?

Ich spielte die Hauptrolle in Shaws „Die Heilige Johanna“
Ich spielte die Hauptrolle in Shaws „Heiliger Johanna“

Antwort

Guten Tag Frau R.,

wieder einmal gibt es mehr als nur eine Möglichkeit. Beides ist nämlich möglich und richtig.

Im Prinzip werden mehrteilige Werktitel im Text gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Wortgruppen. Man kann und darf Titel verändern, indem man sie beugt (soweit es möglich ist*). Es heißt demnach:

Für „Die heilige Johanna“ erhielt Shaw 1925 den Nobelpreis
Ich spiele die Hauptrolle in Shaws „Heiliger Johanna“.
Bernhard Shaw hat dies im Vorwort seiner “Heiligen Johanna” sehr gut beschrieben.

Welcher klassische Komponist hat „Eine kleine Nachtmusik“ geschrieben?
Das Konzert startet mit Mozarts „Kleiner Nachtmusik“.
eine Neuaufnahme der „Kleinen Nachtmusik“

Bis heute hat „Der dritte Mann“ nichts von seiner Faszination verloren.
Das Burg-Kino zeigt den „Dritten Mann“ jeden Dienstag.
die schillernde Entstehungsgeschichte des „Dritten Mannes“

Wie oft wurde „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner verfilmt?
das im Jahr 1933 erschienene „Fliegende Klassenzimmer“
ein Zitat aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“

Es ist heute aber immer üblicher, den Werktitel als Ganzes ungebeugt zu lassen. Einige der oben stehenden Formulierungen klingen auch ein bisschen seltsam (vor allem ohne weiteren Kontext). Für alle Beispiele mit gebeugtem Titel gibt es auch eine Variante mit unverändertem Titel:

Ich spiele die Hauptrolle in Shaws „Die heilige Johanna“.
Bernard Shaw hat dies im Vorwort zu „Die heilige Johanna“ sehr gut beschrieben.

Das Konzert startet mit Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“.
eine Neuaufnahme von „Eine kleine Nachtmusik“

Das Burg-Kino zeigt „Der dritte Mann“ jeden Dienstag.
die schillernde Entstehungsgeschichte von „Der dritte Mann“

das im Jahr 1933 erschienene „Das fliegende Klassenzimmer“
ein Zitat aus „Das fliegenden Klassenzimmer“

Dies wiederum klingt in einigen Fällen ziemlich holprig. Es ist deshalb stilistisch oft besser, dem unveränderten Titel ein beschreibendes Substantiv vorangehen zu lassen. Zum Beispiel:

Bernard Shaw hat dies im Vorwort zu seinem Stück „Die heilige Johanna“ sehr gut beschrieben.

eine Neuaufnahme der Serenade „Eine kleine Nachtmusik“

die schillernde Entstehungsgeschichte des Filmklassikers „Der dritte Mann“

ein Zitat aus dem Roman „Das fliegenden Klassenzimmer“

Mit etwas Flexibilität und Stilgefühl findet man also immer eine oder zwei passende Formulierungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Dies alles gilt nur für Titel, die Substantivgruppen sind, die sich grammatisch in einen laufenden Text integrieren lassen. Nicht gebeugt werden können also Titel wie zum Beispiel „Vom Winde verweht“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Der Junge muss an die frische Luft“ oder „Zur See“.

Wenn der Genitiv nicht passt: „mittels welches“

Frage

Ich hätte eine Frage zum Kasus bei Verwendung der Präposition „mittels“ und zur Deklination des Pronomens „welcher“. Der fragliche Satz lautet in etwa:

a) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welches der Sitz verstellt werden kann.
b) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welchen der Sitz verstellt werden kann.
c) Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels welchem der Sitz verstellt werden kann.

Die Präposition „mittels“ wird normalerweise mit dem Genitiv verwendet. Das wäre dann also „mittels welches“ oder „mittels welchen“ […] Zudem gibt es noch die Regel, dass der Dativ verwendet wird, wenn der Genitiv nicht erkennbar ist. Welche Formulierung ist nach Ihrer Ansicht richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Relativpronomen welcher/welche/welches wird je nach der Form nur selten oder gar nicht im Genitiv verwendet. Selten ist die Verwendung der Genitivform welcher (Singular weiblich und Plural):

die Frau, welcher wir gedenken
(üblicher: deren/derer wird gedenken)
die Vorrichtungen, mittels welcher …
(üblicher: mittels deren/derer …)

Nicht gebraucht wird die Genitivform welches (Singular männlich und sächlich). Das gilt auch für die Genitivform welchen. Man weicht dann auf die Genitivform dessen von der/die/das aus:

der Mann, dessen wir gedenken
(nicht: welches o. welchen wir gedenken)
das Instrument, mittels dessen …
(nicht: mittels welches o. welchen …)

Es hier ist standarsprachlich nicht üblich, auf den Dativ auszuweichen (mittels welchem), da es die Möglichkeit gibt, dessen zu verwenden.

Für Ihren Satz bedeutet dies, dass Sie zum Beispiel wie folgt formulieren können:

Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mittels dessen der Sitz verstellt werden kann.
Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mit dem der Sitz verstellt werden kann.
Die Vorrichtung weist einen Hebel auf, mit welchem der Sitz verstellt werden kann

Dasselbe oder Ähnliches gilt auch für andere allein stehende Pronomen wie zum Beispiel dieser, keiner, jeder, alles.

nicht: Ich bediene mich dieses statt jenes.
sondern: Ich bediene mich dieser statt jener Sache.

nicht: Das kommt im Leben jedes vor.
sondern: Das kommt im Leben eines jeden / jedes Menschen vor.

nicht: das Beste alles
sondern: das Beste von allem

Das ist bei weitem nicht alles, was es zu diesem Thema zu sagen gäbe. Eine Schlussfolgerung dieses könnte sein – nein – eine Schlussfolgerung hieraus könnte sein: Wen wundert es, dass der Genitiv es manchmal schwer hat, wenn er sich so „zickig“ verhält!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Konjunktiv oder Indikativ: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge/untergeht …

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des Konjunktivgebrauchs in folgendem Satz (angeblich ein Zitat Luthers):

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterGINGE, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Das kam mir sprachlich nicht richtig vor. Ich hätte hier eher den Indikativ „untergeht“ im Nebensatz benutzt. Also begann ich im Netz zu recherchieren, wo man aber leider nur ein großes Durcheinander vorfindet, auch auf Seiten, die sich mit Sprache befassen. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie finden keine eindeutige Erklärung, weil es im Deutschen beim Konjunktivgebrauch fast keine festen Regeln gibt. Vieles ist möglich und wenig ist wirklich falsch.

In diesem konkreten Beispiel würde auch ich spontan den Indikativ wählen:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Es geht um einen sogenannten irrealen Bedingungssatz. In einer solchen Konstruktion steht normalerweise in Haupt- und Nebensatz der Konjunktiv II:

Wenn ich das wüsste, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Die Frage ist nun, ob der von wüsste abhängige Nebensatz auch im Konjunktiv II stehen muss. Das ist nicht der Fall. Häufig steht „einfach“ der Modus, der auch bei einem realen Satz steht:

Wenn ich wüsste, was du willst, könnte ich dir helfen.
vgl. Wenn ich weiß, was du willst, kann ich dir helfen.

Wenn ich sicher wäre, dass er recht hat, ginge ich …
vgl. Wenn ich sicher bin, dass er recht hat, gehe ich …

Wenn ich wüsste, dass es nicht regnen wird, wäre ich beruhigter.
vgl. Wenn ich weiß, dass es nicht regnen wird, bin ich beruhigter.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich … pflanzen
vgl. Wenn ich weiß, dass morgen die Welt untergeht, pflanze ich …

Der Indikativ ist auch im letzten Satz in Ordnung, obwohl ich nicht wissen kann, ob die Welt morgen untergeht, und obwohl ich wahrscheinlich davon ausgehe, dass sie nicht untergehen wird. In diesem Fall kann formal nicht zwischen Realität und Irrealität im Nebensatz unterschieden werden (Irrealität wird im Deutschen bei Weitem nicht immer mit dem Konjunktiv II ausgedrückt). Dass auch der dass-Satz irreal zu verstehen ist, ergibt sich aus dem Kontext und/oder dem Gesamtsinn.

Manchen genügt das offenbar aber nicht immer. Sie drücken die Irrealität auch im Nebensatz durch den Konjunktiv II aus:

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich …
Vgl. Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich …

Der Konjunktiv II unterginge ist hier nicht notwendig, aber verständlich und kommt zum Beispiel bei diesem Zitat sehr häufig vor – von wem immer es auch stammen mag. Ich würde ihn nicht wählen, da es aber in diesem Bereich keine festen Regeln gibt, ist richtig, was üblich ist. Und üblich ist beides, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Dies würde zum selben Ergebnis […] führen, wenn man davon ausginge, dass für die Berichtigung der Umsatzsteuer und der Vorsteuer die gleichen Grundsätze gelten.

Wenn Sie wüssten, dass diese Schachtel den kostbarsten Diamanten der Welt enthält, wäre es plötzlich eine ganz besondere Schachtel.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, dass Sie nur mehr ein Jahr zu leben hätten?

Wenn wir davon ausgingen, dass es wirklich nur einen einzigen Soulmate gäbe, stünden die Chancen, diese Person zu finden, in der Tat ziemlich schlecht.

Diese Sätze wären auch mit dem Konjunktiv bzw. dem Indikativ richtig:

Dies würde zum selben Ergebnis […] führen, wenn man davon ausginge, dass für die Berichtigung der Umsatzsteuer und der Vorsteuer die gleichen Grundsätze gelten würden.

Wenn Sie wüssten, dass diese Schachtel den kostbarsten Diamanten der Welt enthielte, wäre es plötzlich eine ganz besondere Schachtel.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüßten, dass Sie nur mehr ein Jahr zu leben haben?

Wenn wir davon ausgingen, dass es wirklich nur einen einzigen Soulmate gibt, stünden die Chancen, diese Person zu finden, in der Tat ziemlich schlecht.

Wenn ich davon ausgehen könnte, dass es im Deutschen eindeutige Regeln für den Konjunktivgebrauch gibt/gäbe, hätte ich beim Beantworten solcher Fragen weniger zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Teilweise trennbare Verben: ich inlineskate, habe inlinegeskatet

Frage

Könnten Sie mir bitte kurz Ihre Meinung zu folgenden Verbformen mitteilen:

ich skate inline
ich habe inlinegeskatet

Bei Duden steht für die 3.Person komischerweise nur die Form:

er/sie/es inlineskatet

Antwort

Guten Tag Frau K.,

das Verb inlineskaten gehört zu einer speziellen Gruppe von Verben, die auch in Hauptsatzstellung untrennbar sind, obwohl die Hauptbetonung nicht auf dem Verb liegt.

Normalerweise sind präfigierte und zusammengesetzte Verben trennbar, wenn sie auf dem ersten Teil betont sind. Sie sind untrennbar, wenn das Verb die Hauptbetonung trägt. Ein bekanntes Beispiel ist umfahren:

úmfahren (fahrend umwerfen): ich fahre um, habe umgefahren
umfáhren (darum herumfahren): ich umfahre, habe umfahren

Wenn man Beulen vermeiden will, ist es also meist besser, ein Hindernis zu umfahren, als es umzufahren.

Ebenso zum Beispiel:

wégfahren, ich fahre weg, bin weggefahren
befáhren, ich befahre, habe befahren

téílnehmen, ich nehme teil, habe teilgenommen
entnéhmen, ich entnehme, habe entnommen

Einige wenige Verben entziehen sich diesem Schema. Sie sind untrennbar, obwohl sie auf dem ersten Teil betont sind. Zum Beispiel:

doppelklicken, ich doppelklicke
missverstehen, ich missverstehe
notlanden, ich notlande
inlineskaten, ich inlineskate

Eine weitere Besonderheit ist, dass diese Verben häufig (aber nicht immer) beim Partizip Perfekt und beim mit zu erweiterten Infinitiv eine Art trennbare Form haben:

doppelgeklickt, doppelzuklicken
(missverstanden), misszuverstehen
notgelandet, notzulanden
inlinegeskatet, inlinezuskaten (auch: zu inlineskaten)

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik auf dieser Seite unter Untrennbare Verben mit „getrennten“ Formen.

Außer missverstehen kommen die Verben dieser Art eher selten und vor allem im Infinitiv vor. Es führt deshalb schnell zu Unsicherheit, wenn sie einmal anders als im Infinitiv verwendet werden sollen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Blumen sind verblüht – Perfekt oder Präsens?

Frage

Ich hätte eine Frage zu folgendem Satz: „Dann war er plötzlich verschwunden und sie wunderte sich, was mit ihm passiert war.“ Hier ist „war verschwunden“ ein Plusquamperfekt. Das Wort „verschwunden“ kann aber auch einfach als Adjektiv verwendet werden. Wie kann ich erkennen, ob „verschwunden“ als Partizip II oder als Adjektiv genutzt wird? Zum Beispiel im folgenden Satz: „Der Kugelschreiber war verschwunden“? […]

Antwort

Guten Tag Herr L.,

bei gewissen intransitiven Verben sieht das Perfekt oder Plusquamperfekt, das mit sein gebildet wird, und das adjektivisch verwendete Partizip mit sein genau gleich aus:

Die Blumen sind verblüht = Perfekt von verblühen
Die Blumen sind verblüht = Präsens von verblüht sein

Das Wasser war gefroren = Plusquamperfekt von gefrieren
Das Wasser war gefroren = Präteritum von gefroren sein

Der Kugelschreiber war verschwunden = Plusquamperfekt von verschwinden
Der Kugelschreiber war verschwunden = Präteritum von verschwunden sein

Ohne Kontext lässt sich nicht entscheiden, ob ein Vorgang im Perfekt bzw. Plusquamperfekt oder ein Zustand im Präsens bzw. Präteritum gemeint ist. Häufig ergibt sich aus dem Zusammenhang, welche Zeitform gemeint ist:

Die Blumen sind vor einiger Zeit verblüht (Vorgang → Perfekt)
Die Blumen sind seit einiger Zeit verblüht (Zustand → Präsens)

Der Teich ist über Nacht gefroren (Vorgang → Perfekt)
Der Teich ist drei Monate lang gefroren (Zustand →Präsens)

Der Kugelschreiben war plötzlich verschwunden (Vorgang → Plusquamperfekt)
Der Kugelschreiber war immer noch verschwunden (Zustand → Präteritum)

Aber auch mit Kontext ist es oft nicht möglich, eine genaue Unterscheidung zu machen:

Es sieht traurig aus, weil alle Blumen verblüht sind.
Es war sehr kalt. Das Wasser war gefroren.

Das ist aber kein großes Problem, denn es ist in solchen Fällen häufig gar nicht wichtig, ob der Vorgang oder dessen Resultat bezeichnet wird. Ob der Kugelschreiber plötzlich verschwunden ist oder schon seit Längerem verschwunden ist, schreiben kann man damit nicht. Und der Zustand verblühter Blumen (sind verblüht) ergibt sich aus dem Vorgang des Verblühens (sind verblüht). Für einen Blumenstrauß taugen sie sowieso nicht mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht immer ist „(sich) erhellen“ sehr erhellend

Frage

Ich verwende in einer Publikation die beiden Sätze:

Dieser Zusammenhang erhellt [sich] auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt [sich] bereits daraus, dass …

Ich hatte hier ursprünglich die reflexive Form verwendet, die Herausgeber haben nun allerdings vorgeschlagen, das „sich“ jeweils wegzulassen.

Eine Internet-Recherche führt zu keinem völlig eindeutigen Befund. Allgemein scheint eher das Weglassen als korrekt erachtet zu werden. […] Ist nur eine Variante richtig oder ggf. beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

das „Problem“ mit erhellen ist, dass das Verb zwei verschiedene Verwendungsarten mit zwei verschiedenen Konstruktionen hat:

a) deutlich, verständlich werden; sich [als Folgerung] ergeben (intransitiv)
b) deutlich machen, erklären (transitiv)

Es sieht so aus, als ob Sie in den beiden Sätzen das Verb erhellen mit der ersten Bedeutung verwenden. Mit dieser Bedeutung steht erhellen ohne sich:

Dieser Zusammenhang erhellt auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt bereits daraus, dass …

Diese Verwendung von erhellen ist eher gehoben und formal.

Man kann aber auch sagen, dass Sie erhellen mit der zweiten Bedeutung, deutlich machen, erklären, verwenden. Dann muss es in den beiden Sätzen reflexiv sein (sich erhellen = sich erklären, sich verdeutlichen):

Dieser Zusammenhang erhellt sich auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, erhellt sich bereits daraus, dass …

Es gibt also zwei Verbvarianten. Welche der beiden Sie verwenden (sollten), ist unklar. In einem gehobeneren oder formaleren Kontext würde man intransitives erhellen (deutlich werden; sich ergeben) ohne sich erwarten, insbesondere in Verbindung mit (dar)aus. Man kann aber auch das andere erhellen (deutlich machen; erklären) mit sich verwenden. Beides ist vertretbar.

Um der möglichen Verwirrung vorzubeugen, würde ich entweder – entgegen Ihrer Sprachintuition –  erhellen ohne sich verwenden oder auf eine andere Konstruktion ausweichen. Zum Beispiel:

Dieser Zusammenhang ergibt sich auch aus dem im ersten Kapitel Gesagten.
Dass weitere Interpretationen möglich sind, verdeutlicht/erklärt sich bereits daraus, dass …

Aus dem hier Gesagten erhellt, dass dass Verb erhellen mit seinen Varianten nicht immer so deutlich erhellend ist. Und es erhellt, warum das so ist. Wer das noch versteht, muss sprachlich hell sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann steht was: für etwas schwärmen und von etwas schwärmen?

Frage

Können Sie mir mir erklären, was der Unterschied zwischen „schwärmen für“ und „schwärmen von“ ist? In einem Übungsbuch steht, dass im Satz „Viele junge Mädchen schwärmen für Pferde und Reiten“ nur die Präposition „für“ korrekt ist und nicht „von“. Warum ist das so?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

es gibt einen Unterschied zwischen für jemanden/etwas schwärmen  und von jemandem/etwas schwärmen:

Wenn man für jemanden/etwas schwärmt, mag man jemanden/etwas sehr gern; man verehrt jemanden/etwas schwärmerisch:

für Taylor Swift schwärmen = großer Fan der Sängerin sein

für Pferde und Reiten schwärmen = Pferde und Reiten sehr mögen

Wenn man von jemandem/etwas schwärmt, äußert man sich in schwärmerischen Worten über diese Person/darüber:

von Taylor Swift schwärmen =  sich schwärmerisch über die Sängerin äußern, sehr positiv über sie reden

von Pferden und Reiten schwärmen = sich schwärmerisch über Pferde und Reiten äußern, sehr positiv darüber reden

Die Unterscheidung ist aber nicht immer so streng. Mit für jemanden/etwas schwärmen kann manchmal auch gemeint sein, dass man schwärmerisch über jemanden/etwas redet.

Dann noch zum Satz im Übungsbuch: Ohne weiteren Zusammenhang ist es wahrscheinlicher, dass gemeint ist, dass viele junge Mädchen für Pferde und Reiten schwärmen, also Pferde und Reiten sehr mögen. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass auch gemeint sein könnte, dass sie von Pferden und Reiten schwärmen, also sehr positiv über Pferde und Reiten reden. In dem Lückentext passt aber rein grammatisch nur für Pferde, nicht von Pferde, weil es ja von Pferden heißen müsste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Vorteil, seinem Herzen zu folgen?

Frage

Ist die Kommasetzung bei diesem Infinitivsatz korrekt: „Ein großer Vorteil, seinem Herzen zu folgen, ist die Leidenschaft im Beruf.“ Müssen die Beistriche hier so gesetzt werden?

Antwort

Wenn man den Satz so formuliert, müssen die Kommas vor und nach der Infinitivgruppe gesetzt werden. Es handelt sich um einen Infinitivsatz, der vor einem Substantiv abhängig ist und der als solcher durch Kommas abgetrennt werden muss:

Ein großer Vorteil, seinem Herzen zu folgen, ist ein erfüllteres Leben.

Ich finde allerdings, dass der Satz so „klemmt“. Woran liegt das? – Wenn ein Infinitivsatz (oder dass-Satz) von Vorteil oder Nachteil abhängig ist, drückt er aus, was der Vorteil bzw. Nachteil ist:

Die Firma hat damit den Vorteil, sich ein gutes Bild von zukünftigen Auszubildenden machen zu können.
Die Apple-Geräte haben den Vorteil, dass sie miteinander kommunizieren.

In Ihrem Satz ist aber seinem Herzen zu folgen nicht der Vorteil selbst, sondern das, was einen Vorteil hat. Der eigentliche Vorteil ist ein erfüllteres Leben. Man kann deshalb besser anders formulieren:

Ein großer Vorteil dessen/davon, seinem Herzen zu folgen, ist ein erfüllteres Leben.
Ein großer Vorteil dessen/davon, dass man seinem Herzen folgt, ist ein erfüllteres Leben.
Ein großer Vorteil, wenn man seinem Herzen folgt, ist ein erfüllteres Leben.
Seinem Herzen zu folgen bringt den Vorteil, ein erfüllteres Leben zu haben.

Nochmals: Der Vorteil ist nicht, dass man seinem Herzen folgt, sondern ein erfüllteres Leben. Vielleicht ist das ein bisschen spitzfindig, aber wenn Sie mit mir einig sind, dass der Satz „klemmt“, wissen Sie nun warum.

Ein Nachteil, so zu formulieren, ist ein seltsamer Satz.
Ein Vorteil, wenn man so formuliert, ist ein besser formulierter Satz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Braucht man diese Form: Konjunktiv II Futur II Zustandspassiv („würde geöffnet gewesen sein“)?

Falls Sie komplizierte Verbformen mögen, hier noch einmal das Passiv im Futur, aber diesmal das Zustandspassiv im Konjunktiv II.

Frage

Ist es richtig, dass Konjunktiv II-Formen im Futur beim Zustandspassiv aus semantischer Sicht nicht unbedingt Sinn machen?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

wenn ich Sie richtig verstehe geht es um die die Formen des Konjunktivs II Futur I und Futur II im Zustandspassiv. Für die Beispielverben öffnen und erledigen sehen diese Formen so aus:

Futur I Konjunktiv II Zustandspassiv:

würde geöffnet sein
würde erledigt sein

Futur II Konjunktiv II Zustandspassiv:

würde geöffnet gewesen sein
würde erledigt gewesen sein

Die Frage ist nun nicht so sehr, ob die diese Konjunktivs-II-Formen Sinn machen oder nicht. Der Konjunktiv II hat in der Regel keine ganz bestimmte Bedeutung. Er ist vielmehr an bestimmte Satzarten gebunden (siehe hier). So hat der Konjunktiv II Futur meist nichts mit Zukunft zu tun. Die Frage lautet deshalb meiner Meinung nach eher, ob solche Formen verwendet werden.

In vielen Fällen sind die Formen, um die es hier geht, stilistisch zweifelhaft. Man verwendet in der Regel nicht die würde-Formen, sondern die einfachen Konjunktiv-II-Formen.

Also besser nicht:

Wenn die Tür geöffnet sein würde, …
…, wenn die Aufgabe erledigt sein würde

Wenn die Tür geöffnet gewesen sein würde, …
…, wenn die Aufgabe erledigt gewesen sein würde

Ach, wenn die Tür nur geöffnet sein würde!

Würde die Aufgabe nur schon erledigt gewesen sein!

sondern:

Wenn die Tür geöffnet wäre, …
…, wenn die Aufgabe erledigt wäre

Wenn die Tür geöffnet gewesen wäre, …
…, wenn die Aufgabe erledigt gewesen wäre

Ach, wenn die Tür nur geöffnet wäre!

Wäre die Aufabe nur schon erledigt gewesen!

Ausgeschlossen sind die Formen aber nicht, zum Beispiel als Zukunft in der Vergangenheit:

Noch war die Tür geschlossen, aber bald würde sie geöffnet sein.
Ich glaubte damals nicht, dass die Aufgabe bald erledigt sein würde.

Noch war der Eingang offen, aber bald würde die Tür [nicht mehr geöffnet sein, sondern] geöffnet gewesen sein.
Wir hatten erwartet, dass die Aufgabe bei der nachträglichen Kontrolle bereits erledigt gewesen sein würde.

Inwieweit vor allem die letzten Formen (Konjunktiv II Futur II) in der Sprachrealität wirklich häufig vorkommen, sei hier dahingestellt. Nicht alles was möglich ist, kommt auch regelmäßig vor. Das Risiko, dass man bei solchen komplexen Formen den Faden verliert, ist sehr groß. Außerden ergibt sich die konkrete Bedeutung im Deutschen oft stärker aus dem Kontext als aus den verwendeten Verbformen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Feste Zeiten, an/in/während/zu denen …“ – manchmal ist vieles möglich

Frage

Eine Frage zu einer Präposition: „Ich möchte feste Zeiten einführen, in denen ich online bin.“ Die Präposition „in“ scheint mir fragwürdig. Wäre „zu“ nicht besser?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

Die Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich unbefriedigend für diejenigen, die eindeutige und klare Verhältnisse mögen. Für alle anderen mag es schön sein, zu sehen, wie viel Freiheit uns die Sprache lässt. Für diese Formulierungen kommen nämlich (mindestens) vier Formulierungen in Frage:

feste Zeiten, in denen ich online bin
feste Zeiten, zu denen ich online bin
feste Zeiten, an denen ich online bin

Bei der vierten Variante sollte man allerdings standarsprachlich nicht (wie es oben im Titel der Einfachheit halber geschehen ist) den Dativ denen, sondern den Genitiv derer wählen:

feste Zeiten, während derer ich online bin

Gibt es dabei Unterschiede? Eigentlich nur Folgendes: Wenn es um einen Zeitpunkt oder verschieden Zeitpunkte geht, drängt sich eher an oder zu auf als in:

feste Zeiten, an denen sie aufstehen
feste Zeiten, zu denen sie aufstehen
(feste Zeiten, in denen sie aufstehen)

Wirklich ausgeschlossen ist in aber nicht. Die Präposition während hingegen ist nur bei Angaben einer Zeitdauer möglich. Sie klingt (wegen des Genitivs?) auch ein bisschen gehobener also an, in und zu.

Im Übrigen werden diese Präpositionen bei Angaben dieser Art bunt gemischt, ohne dass dabei wesentliche Anwendungs- oder Bedeutungsunterschiede zu erkennen sind. Dazu, ob es eventuell regionale Unterschiede gibt, konnte ich so schnell nichts finden. Im persönlichen Sprachgebrauch gibt es aber bestimmt Vorlieben und Abneigungen, wie Ihre Frage zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp