Das überflüssige „ver“: verbringen statt bringen

Frage

In letzter Zeit hört man immer öfter, dass Personen irgendwohin „verbracht“ statt „gebracht“ werden. Das klingt für mich relativ schräg. Trügt mich mein Gefühl oder ist das die richtige Wortwahl?

Antwort

Guten Tag R.,

die Verwendung von verbringen im Sinne von jemanden/etwas irgendwo hinschaffen ist Amts- oder Papierdeutsch:

Man verbrachte die Verletzten ins Krankenhaus.
Die Verhafteten werden ins Polizeibüro verbracht.
Wer Vermögen ins Ausland verbringt und daraus nicht versteuerte Einkünfte bezieht, …

Es ist also grammatisch gesehen eine richtige Wortwahl, stilistisch lässt sie jedoch zu wünschen übrig. Ich würde dieses verbringen allgemein, aber auch in amtlichen Schreiben durch bringen ersetzen oder, wenn es „unbedingt“ gehobener klingen soll, zum Beispiel überführen wählen.

Wie immer bei stilistischen Fragen sind  bestimmt nicht alle mit dieser Einschätzung einverstanden. Unbestritten ist aber wohl die folgende Verwendung von verbringen: Ich hoffe, dass Sie ein schönes Himmelfahrtswochenende verbracht haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum das 25-jährige Jubiläum nicht so alt ist

Frage

Bei uns wird wieder eine Frage heiß diskutiert. Es wird hier gesagt: „Zum 25-jährigen Jubiläum kann man nicht gratulieren, da -jährig immer eine Dauer bezeichnet.“ Klingt logisch. Kann ich aber stattdessen zum 25-jährigen Bestehen gratulieren?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn man es ganz genau nimmt, kann man tatsächlich nicht zum 25-jährigen Jubiläum gratulieren. Damit wird eigentlich gesagt, dass das Jubiläum fünfundzwanzig Jahre alt wird oder fünfundzwanzig Jahre dauert.

Aber:

Die Ausdrucksweise x-jähriges Jubiläum ist auch standardsprachlich so allgemein üblich und eingebürgert, dass man sie nicht als falsch bezeichnen kann. Man könnte dagegenhalten, dass etwas nicht richtig wird, „nur“ weil alle es falsch machen. In der Sprache gilt aber, dass etwas richtig ist, wenn alle es so machen. Wörter wie zehnjährig, fünfundzwanzigjährig usw. haben also nicht zwei, sondern drei Bedeutungen:

  • x Jahre alt (ein zehnjähriges Kind, ein tausendjähriger Baum)
  • x Jahre dauernd (das zehnjährige Bestehen, der Dreißigjährige Krieg)

und in Verbindung mit Jubiläum:

  • anlässlich des x-ten Jahrestages (das zehnjährige Jubiläum)

Es ist  deshalb nicht falsch, zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren, auch wenn die Jubiläum nur einen Tag und nicht etwa fünfundzwanzig Jahre dauert. Es gibt aber immer Leute, die diese Sichtweise nicht als richtig akzeptieren. Wenn Sie also ganz sicher sein wollen, dass niemand Ihnen einen Fehler vorwirft, sagen Sie, dass Sie zum 25-jährigen Bestehen oder zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens gratulieren.

Etwas Vergleichbares habe ich in einem älteren Blogeintrag für das Wort Geburtstag beschrieben: Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt wird, feiert man eigentlich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Es gibt zumindest Leute, die das behaupten. Das ist aber nicht richtig, weil Geburtstag im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eine, sondern zwei Bedeutungen hat: Tag der Geburt (selten) und Jahrestag der Geburt. Wenn man fünfundzwanzig wird, feiert man also seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und meint damit immer die zweite Bedeutung des Wortes.

Im Gegensatz zu mathematischen Begriffen, haben Sprachbegriffe sehr oft mehr als eine Bedeutung. Und diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit auch noch verändern …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wir: Bescheidenheit, Majestät, Krankenschwestern, Fußball

Frage

Wenn ich in einem Bewerbungsschreiben Folgendes formuliere: „… dann freue ich mich auf unser persönliches Gespräch…“, schreibt man dann „unser“ groß oder klein?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

man schreibt wir, uns unser usw. (außer am Satzanfang) immer klein:

… dann freue ich mich auf unser persönliches Gespräch.

Die Kleinschreibung gilt auch dann, wenn wir, uns und unser in Briefen u. Ä. steht und eine Person einschließt, die man mit der großgeschriebenen Höflichkeitsform Sie anschreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Weiteres zu wir:

Es gibt übrigens verschiedene wir, uns und unser die man fast alle immer kleinschreibt:

Der Bescheidenheitsplural (Pluralis Modestiae) ist das wir, das verwendet wird, wenn man das Wort ich vermeiden möchte, um sich nicht zu prominent in den Vordergrund zu stellen. Er kommt häufig in der Form des Autorenplurals (Pluralis Auctoris) in wissenschaftlichen und anderen Abhandlungen vor. So schrieb man vor allem früher auch dann wir, wenn man gar keine Hilfe anderer in Anspruch genommen hatte:

Wie unsere Untersuchungen zeigen, …

Diese Form ist heute weniger üblich. Man kann hier auch ich verwenden, ohne gleich als unbescheiden zu gelten. Formulierungen, mit denen man die Leser mit einbezieht (wir = Sie und ich), kommen aber noch häufiger vor:

Damit kommen wir zum wichtigsten Punkt …

Ein alles andere als bescheidener Plural ist der Majestätsplural (Pluralis Majestatis), der von hohen Würdenträgern bei offiziellen Anlässen und in offiziellen Schreiben verwendet wird:

Wir, Beatrix, Königin der Niederlande von Gottes Gnaden […] geben bekannt, …
Gegeben zu St. Peter in Rom, am 28. Oktober 2008, im vierten Jahr unseres Pontifikats. BENEDICTUS PP. XVI.

Hier schreibt man wir und unser auch im Satzinnern oft groß. Wenn man schon in der Mehrzahl von sich spricht, kann man auch die Großschreibung in Anspruch nehmen:

im vierten Jahr Unseres Pontifikats

Königin und Papst verwenden diesen Plural wahrscheinlich nicht aus reinster Arroganz, um die eigene Person hervorzuheben. Es geht vor allem darum, die Wichtigkeit des Amtes, das sie bekleiden, zu unterstreichen.

Ein sehr bekannter, bei den Angesprochenen nicht sehr beliebter wir-Plural ist der sogenannte Krankenschwesternplural:

Guten Morgen, Frau Holzer, haben wir gut geschlafen?
Herr Schmidt, wir haben ja gar nicht alles aufgegessen.
Wir müssen unsere Pillen nehmen, liebes Kind, wenn wir gesund werden wollen.

Der Krankenschwesternplural scheint allerdings langsam der Vergangenheit anzugehören. Man hat verstanden, dass man Patientinnen und Patienten nicht unbedingt den Eindruck gibt, sie für seriöse Gesprächspartner zu halten, wenn man sie mit diesem wir anspricht.

Ein weiterer wir-Plural ist dagegen noch springlebendig: der „Fußballplural“ („Pluralis Pediludii“) oder allgemeiner der „Siegerplural“ („Pluralis Victoris“). Es geht um das wir, das man sehr, sehr oft in der Nähe von gewonnen antrifft.

Wir haben gewonnen!
Wir haben hervorragend gespielt.
Wir sind Weltmeister!

Dieses wir hat zwei interessante Eigenschaften: 1. Wer es verwendet, war nicht am Erringen des Sieges beteiligt, will sich aber gerne damit assoziieren. 2. Es ist äußerst instabil: In der Nähe von Wörtern wie verloren schlägt es plötzlich in sie oder die um:

Sie haben verloren.
Haben die wieder schlecht gespielt!

Ich nenne dieses wir „Fußballplural“, weil es am häufigsten im Zusammenhang mit dieser Sportart verwendet wir. Es kommt aber als „Siegerplural“ auch bei anderen Gelegenheiten vor: Nächsten Monat findet der Liederwettbewerb der Eurovision aus deutscher Sicht in Deutschland statt, weil „wir [dank Lena Meyer-Landrut] letztes Jahr in Oslo gewonnen haben“. Und als die Bildzeitung im Jahr 2005 in Riesenlettern titelte:

WIR SIND PAPST!

wurde nicht der erste Majestätsplural des frischgebackenen Pontifex Bendediktus XVI. zitiert, nein, diese fast schon legendäre Schlagzeile war vor allem ein ausgesprochen schönes Beispiel eines „Pluralis Victoris“.

Wenn breitbandig nicht breit genug ist, wie sagt man dann?

Frage

Wenn man sagt „breitbandigere Verbindung in der Telekommunikation“, weiß jeder, was gemeint ist, aber ist diese vielleicht erst gerade erfundene Steigerungsform auch richtig? Muss es heißen „breiterbandig“ – oder ist das genau so schlimm?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

wenn man denn das Wort breitbandig unbedingt steigern will oder muss, ist breitbandiger eine grammatisch richtige Möglichkeit (vgl. weiträumig –  weiträumiger, breitschultrig – breitschultriger). Diese Form ist allerdings nicht sehr geläufig. Auch breiterbandig wäre im Prinzip möglich (vgl. hochwertig – höherwertiglangfristig – längerfristig), es scheint aber noch weniger üblich zu sein.

Bei manchen Zusammensetzungen dieser Art wird der erste Teil gesteigert (längerfristig), bei vielen aber der zweite Teil, d. h. das ganze Adjektiv (zartgliedriger). Es ist übrigens nie richtig, beide Teile zu steigern (nicht: *breiterbandigere, *höherwertigere).

Stilistisch ist es wohl am besten, breitbandig nicht zu steigern, sondern – wenn Platz und andere Vorgaben es zulassen – eine Formulierung wie zum Beispiel Verbindungen mit größerer Bandbreite zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schirmherrschaft, Schirmfrauschaft, Schirmherrinnenschaft

Das Thema der geschlechtergerechten Formulierung meide ich (fast) immer mit beinahe so viel Überzeugung wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt meistens ebenso viele Meinungen, wie es Fach- und andere Leute gibt, die sich darüber äußern. Diskussionen in Foren u. Ä. werden auf beiden Seiten oft mit einer solchen Vehemenz geführt, dass Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen noch etwas davon lernen könnten. Da weder Grammatik noch Rechtschreibung diese Frage eindeutig bestimmen können und mein Fachwissen mir deshalb nicht viel hilft, halte ich mich als „Dr. Bopp“ normalerweise von dieser Diskussion fern. Nach dieser langen Einleitung mache ich heute eine Ausnahme für die Wortschöpfung Schirmfrauschaft.

Frage

Gibt es tatsächlich den gebrauch des Wortes „Schirmfrauschaft“ anstelle von „Schirmherrschaft“, wenn eine Frau die „Schirmherrin“ ist. Eigentlich achte ich für gewöhnlich auf eine genderneutrale Sprache in Texten, finde aber die Anfrage eines Auftraggebers für „Schirmfrauschaft“ sehr befremdlich.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

um gleich unangebracht kalauernd zu beginnen: Das Wort Schirmfrauschaft ist dann eine gute Wortschöpfung, wenn man auch sagt:

die Hausfrau statt die Hausherrin
die Schutzfrau statt Schutzherrin
die Schirmfrau statt die Schirmherrin
unter der Frauschaft Katharinas der Großen statt unter der Herrschaft …
unter der Schutzfrauschaft der heiligen Barbara statt unter der Schutzherrschaft …

Ich will damit eigentlich aufzeigen, dass das Wort Frau im heutigen Deutschen nur bei Eigennamen die weibliche Entsprechung zum männlichen Herr ist: Frau Müller – Herr Müller. Sonst gilt nämlich:

Frau – Mann
Herrin – Herr

Zum Beispiel:

Kauffrau – Kaufmann
PR-Frau – PR-Mann
Bauherrin – Bauherr
Schutzherrin – Schutzherr
Hausfrau – Hausmann
Hausherrin – Hausherr
und
Schirmherrin – Schirmherr

Im Allgemeinen gilt weiter, dass Herrschaft etwas ist, das sowohl von einem Herrn als auch von einer Herrin ausgeübt werden kann:

unter der Herrschaft Katharinas der Großen
unter die Schutzherrschaft der heiligen Barbara stellen

Für mich gehört deshalb die Verwendung von Schirmfrauschaft in den Bereich „Man kann alles übertreiben“. Die Schirmherrschaft obliegt einem Schirmherrn oder einer Schirmherrin. Wenn man dieses Wort unbedingt „geschlechtergerechter“ machen will, ist Schirmherrinnenschaft eine bessere Lösung. Am besten und meiner Meinung nach ebenso geschlechtergerecht ist aber einfach Schirmherrschaft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tausendundeine Hyperbel

Man könnte es als eine Art Nachwehen des Urlaubs in der arabischen Welt deuten, dass ich zurzeit in Tausendundeiner Nacht lese. Ich kannte eigentlich nur Aladin, Ali Baba und Sindbad – also die von Kinderbuch, Film und Fernsehen bearbeiteten Erzählungen – und wollte einmal wissen, welche anderen Geschichten Scheherazade König Scheherban Nacht für Nacht erzählt, um ihren Kopf zu retten. Nicht alle Geschichten sind fesselnd, aber die meisten sind schön, interessant, poetisch und teilweise auch spannend.

Etwas fällt mir als heutigem, abendländischem Leser besonders auf: die Neigung zur Übertreibung. Die Helden und Heldinnen lieben, leiden und freuen sich nicht einfach nur so, nein, sie tun dies, indem sie Verse rezitieren, ausgiebigstens Tränen vergießen und dazwischen – ja, auch die Männer – immer wieder in Ohnmacht fallen. Diese Überschwänglichkeit gehört wohl zur morgenländischen Erzähltradition, aber wenn der Held auf zwei Seiten dreimal vor Liebesschmerz die Besinnung verliert, dann kann die Geschichte noch so herzzerreißend sein, ich muss doch lächeln.

Die Übertreibung, als Stilfigur in der Rhetorik Hyperbel genannt, gehört zu diesem Genre. In Tausendundeiner Nacht findet man wunderschöne Hyperbeln. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte, die ich gestern und heute gelesen habe: „Geschichte des Hasan aus Baßrah und der Prinzessinnen von den Inseln Wak-Wak“*. Darin kommen die folgenden Passagen vor, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Zuerst die Beschreibung eines schönen Tals:

[…] und Bäche fließen dort, deren Wasser süßer als Honig und frischer als Schnee ist; es hat noch kein Aussätziger davon getrunken, ohne davon geheilt worden zu sein.

Dagegen kommt das frischeste Wasser der reinsten Alpenquelle nicht an und das teuerste Mineralwasser aus der „designtesten“ Flasche kann im Vergleich dazu nur schal schmecken.

So richtig schön wird es aber, wenn es um Verwünschungen geht. Stellen Sie sich vor, dass jemand Sie so richtig geärgert hat und Sie dieser Person dann die folgenden Worte entgegenschleudern dürfen:

Du Verruchter, du Feind Gottes […], du Hund, du Treuloser, du Übeltäter!

Nach einer solchen Schimpfkanonade muss der Ärger schon fast wieder vergessen sein! (Ich würde Ihnen trotzdem empfehlen, sich heutzutage und hierzulande gegenüber dem nächsten ärgerlichen Menschen etwas weniger „blumig“ auszudrücken.)

Den Höhepunkt in der Geschichte bildet diesbezüglich die Schilderung des Bösewichts. Falls Sie einmal eine vernichtende Beschreibung Ihres Erzfeindes benötigen, könnten Sie dieses Literaturzitat in Erwägung ziehen:

Ein Niederträchtiger, ein Widerspenstiger, Sohn eines Hundes und einer schlechten Mutter, Sohn eines bösen Abtrünnigen. Es ist an ihm kein Fleck so groß, daß eine Mücke sich draufsetzen könnte, worauf nicht irgendeine Schändlichkeit haftet!

Wie man sieht, kann man auch das Übertreiben zu einer höheren Kunst erheben! Ich möchte Ihnen deshalb – aber bestimmt nicht nur deshalb – empfehlen, auch einmal ein paar Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu lesen.

* Die Zitate stammen aus der Übersetzung von Dr. Gustav Weil aus dem Jahre 1865; in: Tausendundeine Nacht, vollständige Ausgabe, Dörfler Verlag, 2004.

Kurze Grüße

Frage

Wenn ich die Grußformel in z. B. einer E-Mail kurz halten will, schreibe ich „lieber Gruß“. Oder wäre „lieben Gruß“ die korrekte Form, wenn ich beim Singular bleiben möchte?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

anders als bei zum Beispiel Guten Tag und Mit lieben Grüßen gibt es bei diesem informellen Gruß (noch?) keine festgelegte Formulierung. Stilistisch ist es eine reine Geschmacksfrage, ob man ihn überhaupt verwenden will und, wenn ja, in welcher Form. Grammatisch sind beide Varianten etwa gleich (un)vertretbar:

Ich sende dir einen lieben Gruß => Lieben Gruß
Ein lieber Gruß geht an dich => Lieber Gruß

Wenn es wirklich so kurz sein soll, können Sie diese Klippe übrigens ganz einfach umgehen, indem Sie den Singular doch verlassen und Liebe Grüße schreiben. Das sind genau gleich viele Buchstaben.

Warum eigentlich so kurz? Ich persönlich finde es immer nett, wenn sich jemand auch in einer E-Mail die Mühe macht, eine Grußformel auszuschreiben. Zum Beispiel:

Mit einem lieben Gruß

Dr. Bopp

Diametral entgegengesetzte Ansichten

Frage

Man sagt ja immer, diese Ansicht sei der anderen diametral entgegengesetzt. Ich frage mich nun, ob das in gewisser Weise nicht „doppelt gemoppelt“ oder pleonastisch ist. Reicht es nicht, wenn man sagt: „Diese Ansichten sind diametral“?

Antwort

Guten Tag M.,

diametrale Ansichten sind ungefähr dasselbe wie entgegengesezte Ansichten. Wenn man von diametral entgegengesetzten Ansichten spricht, ist das also eigentlich pleonastisch („doppelt gemoppelt“). Das stimmt aber nicht ganz, denn diametral entgegengesetzt ist als Verstärkung gemeint, das heißt, es drückt ganz und gar entgegengesetzt, vollständig entgegengesetzt aus. Solche Verstärkungen sind im Deutschen gang und gäbe (vgl. zum Beispiel auch: nie und nimmer, brennend heißer Schmerz).

Das Einzige, was ich eventuell gegen diametral entgegengesetzt einzubringen hätte, ist rein stilistischer Natur: Man hört und liest so häufig, dass Ansichten und Meinungen einander nicht einfach widersprechen, sondern diametral entgegengesetzt sind, dass diese Verstärkung etwas klischeehaft und abgedroschen klingen kann. Doch das ist  keine Frage von richtig und falsch, sondern eine Frage der persönlichen sprachlichen Vorlieben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird wieder geflogen

Der Vulkan (dessen Namen ein Durchschnittsmensch nicht isländischer Herkunft sich einfach nicht merken kann) speit Asche. Die Aschewolke zieht über Europa und legt Flughäfen lahm. Das sind schöne Beispiele, wie man Dinge und Naturphänomene sprachlich „verpersönlichen“ kann. Man sieht schon fast vor sich, wie der Vulkan mit aufgeblähten Wangen Asche auspustet und wie die träge Aschewolke sich dann aufmacht, sich über Europa und dessen Flughäfen zu legen, um uns allen das Fliegen zu verunmöglichen.

Das Umgekehrte hörte ich heute Morgen am Radio: „Es wird wieder geflogen.“ Eine menschliche Aktivität, das Fliegen mit Flugzeugen, wird beschrieben und trotzdem werden keine Ausführenden wie Piloten, Flugpersonal, Bodenpersonal oder auch nur die Passagiere genannt. Auch keine verpersönlichten Flugzeuge, die ja auch fliegen, kommen in dieser Aussage vor. Nicht einmal das Wörtchen „man“ verwendet die Radiostimme. Es ist zwar auch unpersönlich, verlangt aber immerhin noch eine aktive Verbform: „Man fliegt wieder.“ Nein, man hört nur ein völlig unpersönliches „es“, durch das – sozusagen – wieder geflogen wird. Das ist die maximale Stufe sprachlicher Entpersönlichung.

Man könnte jetzt stilistische, rhetorische und psycholinguistische Betrachtungen über solche unpersönlichen Formulierungen anstellen, aber mir fiel einfach nur auf, wie unterschiedlich „persönlich“ man im Deutschen formulieren kann. Den gestrandeten Flugpassagieren wird es ohnehin egal sein, warum man es wie sagt; Hauptsache, es wird wieder geflogen.

Können du und Sie zu ihr werden?

Frage

Wenn ich zwei Personen ansprechen möchte, wobei ich mit der einen per du und mit der anderen per Sie bin (z. B. die Schwiegermama mit ihrer Schwester), spreche ich sie beide mit „ihr“ oder mit „Sie“ an?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

diese Frage kann ich leider nicht eindeutig beantworten. Welche Anrede Sie wählen, hängt davon ab, wie formell die Situation ist und wie formell Sie mit den beteiligten Personen umgehen. In formellen Situationen empfiehlt es sich, Sie zu verwenden oder die Personen einzeln anzusprechen:

– Darf ich Ihnen etwas anbieten?
– Darf ich Ihnen, Frau Muster, und dir, Anna, etwas anbieten?

In informelleren Situationen darf man meiner Ansicht nach ihr verwenden, auch wenn man sich danach wieder mit Sie an eine der beiden Personen richtet. Es ist sicher nicht grundsätzlich ausgeschlossen und auch nicht völlig unüblich, sich mit ihr an Personen zu richten, die man siezt.  Wenn Sie also sagen

– Darf ich euch etwas anbieten?

wird die Schwester der Schwiegermutter Ihnen das als angeheiratete Tante kaum übel nehmen und je nach Tageszeit und persönlichen Vorlieben gerne ein Tässchen Kaffee oder ein Gläschen Portwein annehmen.

Eine eindeutige Antwort gibt es also nicht. Es geht hier nicht um Grammatik, sondern um gesellschaftliche Umgangsformen. Vieles hängt von der Situation und dem Verhältnis zu den beteiligten Personen ab. Wahrscheinlich spielt daneben auch die Region eine Rolle: Was in Rostock und Kiel üblich ist, braucht noch lange nicht in Dresden, Saarbrücken, Luzern oder Wien gang und gäbe zu sein. Mit etwas Fingerspitzengefühl gelingt es einem aber meistens ganz gut, den richtigen Ton zu treffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp