Das Geschlecht des/der Velosolex

Frage

Welches grammatikalische Geschlecht hat / soll haben: Velosolex (der oder das)? Ist noch nicht bei Ihnen erfasst.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das Wort Velosolex ist ein Markenname, der wie viele andere Markennamen nicht in unserem Wörterbuch steht. Es hat kein gefestigtes Geschlecht. In der Schweiz ist vor allem das Velosolex (= das Velo der Firma Solex) üblich. In Deutschland ist Velosolex wie die meisten motorisierten Zweiräder oft weiblich: die Velosolex. Meine spontane Antwort als Zürichdeutschsprecher wäre aber der Velosolex gewesen. Meine Großmutter hatte nämlich ein solches Gefährt und das war immer de Velosolex, nie s Velosolex. (Eigentlich nahm sie ja immer die Kurzform de Solex.)

Zusammengefasst kann ich Ihnen Folgendes empfehlen: Im schweizerischen Hochdeutsch verwenden Sie am besten das Velosolex. In Deutschland ist daneben auch die Velosolex üblich. Zur „Velosolexlage“ in Österreich ist mir leider nichts bekannt. Und im Dialekt behalten wir natürlich einfach das dort übliche Geschlecht bei.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt […] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwere und schwierige Aufgaben

Frage

Die deutsche Grammatik ist in gedruckter Form sicherlich recht SCHWER. Für manch einen ist sie auch SCHWIERIG. Wenn mir die Grammatik mal wieder Rätsel aufgibt, stehe ich dann vor einem SCHWEREN oder vor einem SCHWIERIGEN Problem? Das vor mir liegende Sudoku wird übrigens mit dem Schwierigkeitsgrad „schwer“ eingestuft. Ich find’s irgendwie schwierig.

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

sie stehen vor einem schweren oder vor einem schwierigen Problem. Beides ist möglich. Das Wort schwer hat unter anderem die Bedeutung mit Schwierigkeiten verbunden, nicht leicht zu bewältigen. Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen schwierig und schwer:

  • eine schwierige Aufgabe = eine komplexe, ein hohes Maß an Fähigkeit(en) verlangende Aufgabe
  • eine schwere Aufgabe = eine große Mühe bereitende Aufgabe

Diese Bedeutungen werden aber nicht streng voneinander getrennt  – nur schon deshalb, weil nur Genies und in Einzelbereichen auch gute Fachleute eine komplexe Aufgabe, die ein hohes Maß an Fähigkeiten verlangt, ohne allzu große Mühe bewältigen – und auch denen gelingt es nicht immer. Es ist deshalb oft nur eine Frage des persönlichen Stils, ob Deutsch schwer oder schwierig ist, ob man eine schwere oder eine schwierige Aufgabe vor sich hat und ob dies ein schweres oder ein schwieriges Problem ist. Nun ja, beim Problem finde ich es stilistisch eigentlich besser, von einem großen Problem zu reden.

Ganz ähnlich sieht es übrigens auch bei leicht und einfach aus. Eine Aufgabe, die keine Mühe kostet, kann sowohl leicht als auch einfach genannt werden. Deshalb können Sudokus als leicht-mittel-schwer oder einfach–mittel­–schwierig, aber auch als leicht–mittel–schwierig oder einfach–mittel–schwer eingestuft werden.

Dies alles gilt nur dann, wenn es um die Bedeutung viel/wenig Fähigkeiten erfordernd, mit viel/wenig Schwierigkeiten verbunden geht. Wenn es z. B. um das physische Gewicht geht, passen nur schwer und leicht, nicht aber schwierig und einfach. Das Folgende gilt allerdings „trotzdem“: Wer sich des Körpergewichts wegen auf Diät gesetzt hat, weiß, dass es einfach ist, schwerer zu werden, aber um einiges schwieriger, wieder leichter zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von frottieren zu frottagieren

Frage

Ich habe einen Text über Frottagen geschrieben und dabei erklärt, wie eine Frottage hergestellt wird. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Tätigkeit „Frottieren“ und hatte dieses Wort auch in meinen Text eingearbeitet. Bei weiteren Recherchen für eine Fortsetzung musste ich heute jedoch feststellen, dass im kreativen Bereich überwiegend vom „Frottagieren“ gesprochen wird. Laut Cannonet und laut Duden gibt es dieses Wort aber nicht. […] Ich schreibe Ihnen, weil das Wort „frottagieren“ so häufig im Internet zu finden ist und ich nicht weiß, ob es sich um ein Modewort handelt und ob ich dieses so einfach übernehmen darf. Was geschieht eigentlich mit neuen Wörtern, die sich im Laufe der Zeit durchsetzen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Verb frottagieren scheint ein Fachwort zu sein, das es (noch) nicht bis in die Wörterbücher geschafft hat. Es ist im Prinzip eine etwas seltsame Bildung, denn sein Basiswort, das Substantiv Frottage, ist eine (französische) Ableitung des Verbs frottieren. Es ist eher ungewöhnlich, ein neues Verb abzuleiten (frottagieren), anstatt auf das ursprüngliche Verb zurückzugreifen (frottieren). Es ist ein bisschen, wie wenn wir vom Substantiv Reibung ein neues Verb reibungeln oder reibungern ableiten würden, statt auf das Verb reiben zurückzugreifen. Im Bereich der Fremdwörter kommt dies aber hin und wieder vor, dann nämlich, wenn ein Bedeutungsunterschied zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Verb angegeben werden soll:

frottieren (reiben, abreiben)
→ Frottage
→ frottagieren (mit Frottagetechnik erzeugen/arbeiten)

Hier noch ein paar Beispiele:

dozieren → Doktor → doktorieren
fundieren → Fundament → fundamentieren
fungieren → Funktion → funktionieren
konzipieren → Konzeption → konzeptionieren

Gestützt wird die Wortbildung frottagieren vielleicht auch durch das Verb collagieren, das von Collage kommt. Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um ein Modewort oder um eine in der Fachsprache gebräuchliche Bildung handelt. Ich finde „auf die Schnelle“ sowohl frottieren als auch frottagieren im Zusammenhang mit Frottage.

Wenn neue Wörter sich im Laufe der Zeit durchsetzen, werden sie in die Wörterbücher aufgenommen. Bei Fachwörtern wie diesem dauert es wahrscheinlich etwas länger als bei allgemeiner gebräuchlichen Wörtern – falls frottagieren sich tatsächlich einmal durchsetzt, wie dies zum Beispiel E-Mail, scannen, Tsunami, All-inclusive-Urlaub, Mobiltelefon u.v.a.m. schon gelungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alpenstock, ein Anglizismus deutscher Herkunft?

Frage

[…] Mit „Alpenstock“ ist es auch geheimnisvoll. Ist das ein Archaismus? Warum steht das Wort in keinem Wörterbuch der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts? Längst aus dem Gebrauch gekommen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich über diese Fragen aufklären könnten.

Antwort

Das Wort Alpenstock kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, also ungefähr zur der Zeit, als die Engländer den Tourismus in größerem Stil in die Alpen brachten. In dieser Epoche erlebte es auch seine Blütezeit. Danach wurde es schnell durch das zur gleichen Zeit aufkommende Wort Bergstock überflügelt und fast verdrängt. Aber eben nur fast (siehe ungefähre Häufigkeit von Alpenstock und Bergstock). Ich weiß deshalb nicht, ob man Alpenstock als Archaismus bezeichnen darf. Ich komme nicht oft genug in die Berge – und dann immer ohne Stock –, so dass ich auch nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, ob man zwischen Matterhorn, Zugspitze und Großglockner neben Bergstöcken nicht auch hin und wieder Alpenstöcke bei sich hat. In den Wörterbüchern kommt jedenfalls nur Bergstock vor.

Anders sieht es im Englischen aus. Dort wird der Gebirgswanderstock nämlich alpenstock genannt (siehe z. B. hier und hier). Alpenstock gehört zu den deutschen Wörtern, die dank englischer Touristen und Touristinnen ihren Weg aus den Alpen in die englische Sprache gefunden haben. Andere Beispiele sind rucksack und (im britischen Englisch) to abseil und abseiling. Man kann also sagen, dass das englische alpenstock mit Bergstock auf Deutsch übersetzt werden sollte. Es ist allerdings gut möglich, dass Alpenstock heute dank international operierender Hersteller und Verkäufer von Sportgeräten wieder häufiger im Deutschen auftaucht. Alpenstock ist dann ein Anglizismus der ganz besonderen Art!

(Für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 reicht es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Vorauswahl ist bereits abgeschlossen, das Wort war im Jahr 2012 weder in irgendeiner Weise aktuell noch wurde es häufig gebraucht, und es ist letztlich wohl doch viel zu deutsch für einen „echten“ Anglizismus.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Kaiserliche am Sherry

Beim Wort Sherry denke ich unwillkürlich an das Klischeebild gelangweilter Damen, die sich dem spätnachmittäglichen Alkoholgenuss hingeben, und natürlich an Miss Sophie, die in „Dinner for One“ Sherry zur Suppe servieren lässt. Ich bin kein großer Sherryliebhaber. Mir schmeckt vor allem die Fino genannte Variante, und das eigentlich nur auf einer andalusischen Terrasse zu den Tapas. Leider bin ich nicht allzu oft in Andalusien, bis jetzt genau ein Mal vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin also alles andere als ein Sherrykenner, und wenn Sie önologische oder feinschmeckerische Betrachtungen zum Thema Sherry erwarten, muss ich Sie enttäuschen.

Wenn es nicht um den Geschmack geht, was ist dann kaiserlich am Sherry? Auf einem Kalenderblatt habe ich gelesen, wo die Bezeichnung Sherry herkommt. Der Wein verdankt seinen Namen der spanischen Stadt Jerez, die früher Xeres geschrieben wurde. Als die Engländer den Wein und den Namen im 16. Jahrhundert aus Andalusien auf ihre Insel mitnahmen, wurde das X noch als sch-Laut ausgesprochen. Der Name Xeres wiederum geht auf den arabischen Namen Sherish zurück. Andalusien stand ja jahrhundertelang unter maurischer Herrschaft. Die Weinproduktion lag übrigens auch in dieser Zeit nicht still. Die muslimischen Herrscher durften zwar keinen Alkohol trinken, aber wirtschaftlich war der Weinanbau dennoch interessant. Beim Geldverdienen wurde und wird zu allen Zeiten ein Auge zugedrückt.

Und nun kommen wir dann endlich zum Kaiserlichen: Gemäß dem Kalenderblatt und einigen etymologischen Wörterbüchern geht Sherish auf den lateinischen Namen (urb) Caesaris, Stadt des Cäsars, zurück. Wie Sie vielleicht wissen, kommt auch unser Wort Kaiser vom lateinischen Caesar. Und schon sieht man, dass der Sherry wortgeschichtlich gesehen ein wahrlich kaiserliches Getränk ist.

(Andere Quellen sagen allerdings, dass Sherish auf einen alten, evtl. phönizischen Namen Xera zurückgeht, den die Region schon in der Zeit vor den Römern trug.)

Interessant ist vielleicht noch, wo der Konsonant am Ende des Wortes geblieben ist. Die Engländer nannten den Wein aus Xeres anfänglich Sherris. Da dieses Wort als Mehrzahl angesehen wurde, verschwand das s am Wortende allmählich. Wir haben hier also wieder einmal einen kleinen Beweis dafür, dass der heutige Standard auf die Fehler unserer Vorfahren zurückgeht. Diese Erkenntnis verdiente es, mit einem Gläschen Sherry begossen zu werden, aber dafür ist es vor dem Mittagessen für mich noch etwas zu früh.

Die Wörter des Jahres 2012

Fast alle haben darüber berichtet. Ich kann es deshalb auch nicht unerwähnt lassen, obwohl mir die Wahl des Wortes des Jahres eigentlich wenig sagt. Nun denn:

Gestern hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das deutsche Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Rettungsroutine

Auf große Begeisterung stößt die Wahl dieses Wortes allerdings nicht. Es scheint in der deutschen Sprachrealiät kaum verwendet zu werden. Die GfdS schreibt auf ihren Seiten dann auch vorsichtig: „Es geht nicht um Worthäufigkeiten.“ Mehr dazu finden Sie zum Beispiel im Spiegel, in der FAZ, im Sprachlog oder im Lexikographieblog.

Das Jugendwort des Jahres ist für Deutschland schon etwas länger bekannt:

YOLO (You only live once; Nutze die Gelegenheit!).

Mehr dazu hier und hier. Das Unwort des Jahres muss in Deutschland noch gewählt werden.

Einen etwas größeren Unterhaltungswert haben die österreichischen Wörter des Jahres 2012, die bereits am Nikolaustag bekannt geworden sind:

1. Rettungsgasse
2. Schulschwänzbeauftragter
3. präfrustriert

Die Unwörter des Jahres sind:

1. Unschuldsvermuteter
2. Pleitegriechen
3. Anfütterungsverbot

Zum Jugendwort wurde gekürt:

leider geil

Am besten gefällt mir der österreichische Ausspruch des Jahres 2012, nämlich die Aussage der Grünen-Abgeordneten Gabriela Moser, die anlässlich ihres Rücktritts, wenn man es denn so nennen darf, sagte:

Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.

Diese gesichtsverlustbeschränkenden Worte verdienen von mir aus tatsächlich einen Schönheitspreis. Mehr zur österreichischen Wahl finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Ebenfalls bereits am 6. Dezember wurde das schweizerische Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Shitstorm

Das Wort  war übrigens bereits der Anglizismus des Jahres 2011 in Deutschland. In der Schweiz dauert es eben manchmal etwas länger als anderswo.

Vor allem Supermarktketten bemühen sich krampfhaft darum, ein möglichst „grünes“ und „nachhaltiges“ Image aufzubauen und gehen entsprechend den Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Unwort des Jahres auf die Nerven:

Bio

Wäre das nicht auch ein Unwort-Kandidat für Deutschland?

Der Satz des Jahres ist weder deutsch noch englisch, sondern italienisch:

Vada a bordo, cazzo! (Gehen Sie an Bord, verdammt nochmal!)

Es sind die an den Kapitän der auf Grund gelaufenen Costa Concordia gerichteten Worte, als er sich weigerte auf sein Schiff zurückzukehren. (In diesem Zusammenhang kommt mir noch ein Kandidat für das [Un-]Wort des Jahres in den Sinn: Unglückskapitän.)

Interessant ist das Jugendwort des Jahres:

Shaz

Es ist weder aus dem Persischen übernommen noch ein Anglizismus, sondern nichts anders als eine SMS-geeignete Schreibweise des klassischen Kosewortes Schatz. Wir haben es hier mit einer ganz besonderen Art der „Fremdwortentlehnung“ zu tun: ein urdeutsches Wort, das nach fremdländischer Orthographie geschrieben wird.

Zum liechtensteinischen Wort des Jahres 2012 konnte ich noch keine Informationen finden.

Der Eichelhäher und die Hauswurzen

Der Eichelhäher hat den Hauswurzen den Garaus gemacht. Das klingt wie eine Mordtat aus einem Märchen, einer Gotthelf-Erzählung, einer Heimatgeschichte oder einem Fantasyroman. Dem ist aber nicht so. Es ist die Beschreibung dessen, was sich letzthin auf unserem Balkon abgespielt hat. Ein Eichelhäher – das ist ein Vogel, ein sehr schöner sogar – hat wohl auf der Suche nach einem wurm- oder larvenförmigen Leckerbissen mit seinem Schnabel die beiden mit Hauswurzen bepflanzten Blumentöpfe umgegraben. Die Hauswurzen, eigentlich sehr zähe Pflanzen, haben es trotz ihres lateinischen Namens Sempervivum (semper = immer, vivum = lebend) nicht überlebt. Die eine Hälfte liegt wurzellos auf dem Balkonboden, die andere Hälfte ist auf der Außenseite des Geländers sozusagen zu Tode gestürzt.

Eichelhäher Hauswurz

Eichelhäher und Hauswurz: Die beiden Wörter rufen bei mir ein Bild von Urtümlichkeit oder zumindest tiefster Ländlichkeit auf. Gewisse Wörter haben das an sich und eignen sich entsprechen gut dazu, einem Text eine bestimmte Atmosphäre zu verleihen. In diesem Fall ist die Wirklichkeit aber viel profaner. Trotz des altertümlich-ländlichen Namens kommt der Eichelhäher heute auch in städtischen Umgebungen vor, und Hauswurzen gibt es in jedem Gartencenter.

Ist die Beamtin eine Vergewaltigung der deutschen Sprache?

Frage

Eine Frage quält mich schon lange: Einmal las ich, warum die „Beamtin“ nicht Deutsch ist, sondern eine Vergewaltigung unserer Sprache darstellt. Richtig müsse die weibliche Form des Beamten „die Beamte“ lauten. Nun wird von Amts wegen aber „die Beamtin“ verwendet. Ich brauche nicht auszuführen, daß dies in meinen Ohren grausam klingt. Über den Artikel „Mord an Polizeibeamten“ in Ihrem Blog wundere ich mich aber:

Im öffentlichen Dienst tätige Frauen machen uns das Leben hier übrigens wieder einmal viel einfacher: Die Beugung des Wortes Beamtin/Beamtinnen bietet keine größeren Schwierigkeiten.
https://blog.leo.org/2012/01/06/mord-an-polizeibeamten/

Im Deutschen Wörterbuch http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=beamte gibt es eine saubere Herleitung von (der) Beamte. Salopp gesagt ist es die verkürzte Form von „der Beamtete“, also jemand der mit einem Amt versehen ist. Logischerweise müßte dann das weibliche Wesen eben „die Beamte“ heißen. Die beamtete Frau. Die Beamte.

Die Beamte, der Beamten, der Beamten, die Beamte.

Analog müßte man sonst auch von einer Gelehrtin, Versiertin,  Gereiftin oder Verrücktin sprechen. Oder wie sehen Sie das? Nur weil man heute von einer Friseurin, Beamtin etc. spricht. Davon kann die Normierung ja wohl nicht ausgehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin. Das gilt nicht nur „von Amts wegen“, sondern entspricht dem allgemein akzeptierten Sprachgebrauch. Letzteres könnte eigentlich schon als Begründung genügen, aber es ist natürlich besser, noch ein paar erläuternde Worte hinzuzufügen:

Es ist richtig, dass Beamter wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es ist auch richtig, dass weibliche Entsprechungen zu adjektivisch gebeugten männlichen Personenbezeichnungen ebenfalls adjektivisch gebeugt werden:

der Angestellte – die Angestellte
der Gelehrte – die Gelehrte
der Versierte – die Versierte
ein Verrückter – eine Verrückte

Wie so oft gibt es aber auch bei dieser „Regel“ eine Ausnahme:

der Beamte – die Beamtin

Die Entstehung der Ausnahmebildung die Beamtin lässt sich wohl dadurch erklären, dass der Beamte trotz adjektivischer Beugung nicht mehr als substantiviertes Adjektiv ersichtlich ist, weil es das entsprechende Adjektiv *beamt gar nicht (mehr) gibt. Als nicht mehr nur Männer Beamte werden durften, wurde die weibliche Form deshalb durch Anhängen der Endung -in gebildet, wie es bei „normalen“ Substantiven üblich ist.

Wenn es keine Ausnahmen geben dürfte, könnte auch das Wort der Beamte nicht verwenden werden: Es ist eine Verkürzung, die es im Deutschen sonst nicht gibt (der Beamtete wird der Beamte, aber nur der Bedienstete, der Erleuchtete, der Verhaftete und nicht *der Bedienste, *der Erleuchte, *der Verhafte). Wenn man, wie Sie es für die weibliche Form von der Beamte fordern, nur nach gewissen allgemeinen Regeln gebildete Wörter verwenden dürfte, wäre der Beamte also nicht Deutsch, sondern „eine Vergewaltigung unserer Sprache“. Es müsste dann konsequenterweise heißen:

der Beamtete – die Beamtete

Allgemein gebräuchlich und akzeptiert* sind aber die Formen:

der Beamte – die Beamtin

Unsere Sprache hält sich nicht immer an die Regeln, die wir in ihr erkennen oder zu erkennen glauben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die weibliche, adjektivisch gebeugte Form die Beamte kommt gelegentlich auch vor. Während Duden sie als falsch bezeichnet, wird sie in zum Beispiel DWDS neben der männlichen Form aufgeführt. Beamtin steht allerdings ebenfalls im DWDS. Viele Wörterbücher geben wie Canoonet nur Beamtin als weibliche Personenbezeichnung an.

Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]
DWDS: BeamteDWDS: Beamtin

Veilchen, Bratschen und Violen

Nachdem sich der Herbst in den letzten Tagen definitiv nicht nur als Tagedieb, sondern auch als Regenwetterlieferant eingenistet hat, habe ich dieses Wochenende die Balkonbegrünung der Jahreszeit angepasst: Blauweiße Stiefmütterchen zieren die Blumentöpfe.

Nach den Angaben des Gartencenters handelt es sich bei diesen Blumen um Vertreterinnen der Familie Viola cornuta. Sie gehören also zur Gattung Viola, das heißt zu den Veilchen. Immer wenn mir der wissenschaftlichen Name der Veilchen begegnet, wundere ich mich, was diese Pflanzen mit Saiteninstrumenten wie der Geige (Violine) und der Bratsche* (Viola) zu tun haben.

Für mich war der Zusammenhang bis jetzt relativ klar: die Form. Schließlich haben die Blumen und die Musikinstrumente, mit etwas Phantasie betrachtet, eine ähnliche Form:

Bevor ich diese äußerst interessante Erkenntnis mit Ihnen teilen konnte, wollte ich nur kurz prüfen, ob sie auch wirklich zutrifft. Ich musste feststellen, dass ich mir hier meine eigene „volksetymologische“ Erklärung zusammengebastelt hatte. Die blumigen Violen haben nämlich nichts mit den musikalischen Violen zu tun.

Der Blumenname Viola kommt direkt aus dem Lateinischen, wo er für Blumen verschiedener Art verwendet wurde. Die Gelehrten nehmen an, dass er aus einer alten, unbekannten Mittelmeersprache stammt. Auch das Wort Veilchen geht auf dieses Viola zurück. Über Formen wie fiol, viol(e) und viel(e) kam es zu veil und veile. Seit dem 17. Jahrhundert wird praktisch nur noch die Verkleinerungsform Veilchen verwendet (vgl. hier).

Das Wort Viola für das Musikinstrument kommt aus dem Italienischen. Das Italienische hat es wahrscheinlich aus dem Altprovenzalischen übernommen. Die Liebeslyrik der provenzalischen Minnesänger soll zur Verbreitung dieses Namens in den romanischen Sprachen gesorgt haben. Danach – oder besser davor – ist die Geschichte unklar. Es gibt unterschiedliche nicht bestätigte Theorien (vgl. z. B. hier). Es könnte sogar sein, dass Viola über ein paar Ecken mit Fiedel verwandt ist.

Außer der klanglichen Übereinstimmung ihres fremdwörtlichen Namens und einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit haben die Veilchen und die Bratschen, anders als ich meinte, nichts miteinander zu tun. Es lohnt sich also immer, in etymologischen Wörterbüchern nachzuschlagen, bevor man seine selbstgestrickten wortgeschichtlichen Befindungen publik macht. Auch ein Linguist ist nicht gegen Trugschlüsse dieser Art gefeit.

*Bratsche kommt vom italienischen viola da braccio = Armgeige (braccio = Arm).