Interessenten und Interessierte

Frage

Als Pressereferentin einer kleinen kommunalen Verwaltung richte ich Einladungen zu öffentlichen Veranstaltungen oft an eine bestimmte Zielgruppe, zum Beispiel Anwohner oder Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema/Projekt interessieren. Dabei habe ich sie oft als „Interessierte“ angesprochen, aber vor einiger Zeit feststellen müssen, dass es eigentlich „Interessenten“ heißen sollte. Auch in Ihrem Wörterbuch habe ich „Interessierte“ nicht gefunden, nur „Interessenten“. Aber meiner Ansicht nach drücken diese Worte Unterschiedliches in unterschiedlichen Kontexten aus: Ein Interessent ist jemand, der m. E. eher etwas erwerben will, ein „Interessierter“ ist jemand, den ein Thema/Projekt interessiert.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Sie können die Zielgruppen weiterhin mit Interessierte ansprechen, auch wenn das Wort nicht in den Wörterbüchern zu finden ist.

Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das noch lange nicht, dass es das Wort nicht gibt oder geben kann. Das Wort Interessent steht unter anderem deshalb im Wörterbuch, weil es nicht sofort von sich aus verständlich ist. Ein Substantiv, das auf ent endet und mit einem Verb auf ieren verwandt ist, bezeichnet ja meistens die Person, die die Verbhandlung ausführt: Ein Dirigent dirigiert, ein Dozent doziert, ein Konkurrent konkurriert, ein Konsument konsumiert, ein Produzent produziert, ein Student studiert usw. Ein Interessent hingegen interessiert nicht, sonder ist interessiert. Ein Wort mit einer „abweichenden“ Bedeutung dieser Art sollte in einem Wörterbuch aufgelistet und erklärt werden.

Bei der/die Interessierte hingegen ist keine Erklärung notwendig: Es ist ohne weitere Erklärung sofort verständlich, dass eine Person gemeint ist, die interessiert ist. Dasselbe gilt für sehr, sehr viele substantivierte Adjektive und Partizipien. Man findet deshalb bei Weitem nicht alle Substantivierungen dieser Art in den Wörterbüchern (z. B. der/die Gleichberechtigte, das Altbekannte, der/die Gelangweilte, das Ungerheuerliche, der/die Angesprochene, das Absurde, der/die/das Verhasste, das Attestierte, der/die Dispensierte, der/die Blondierte usw.).

Das ist der Hauptgrund dafür, dass Sie das Substantiv der/die Interessierte auch in unserem Wörterbuch nicht antreffen. Der Verwendung des Wortes steht aber, wie gesagt, nichts im Wege.

Sie könnten auch das Wort Interessent verwenden. Es geht mir aber wie Ihnen: Trotz weiter gefasster Definitionen in den Wörterbüchern klingt Interessent auch für mich immer ein bisschen wie potenzieller Kunde. Ein anderer, nicht zu vernachlässigender Vorteil ist, dass Sie mit der Mehrzahlform Interessierte in einfacher Weise alle interessierten Menschen ansprechen können und nicht etwa auf Formulierungen der Art Interessenten und Interessentinnen angewiesen sind. Wenn dies ein Wettbewerb wäre, stünde es jetzt also zwei zu null für Interessierte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Krieg zu Wortgefecht: Duell

Aus aktuellem Anlass: Duell. Während Frau Merkel und Herr Steinbrück einander bei einem Anlass gegenüberstehen, der als TV-Duell angekündigt wurde, habe ich mich gefragt, woher das Wort Duell kommt. Wenn das sehr politisch uninteressiert klingt, liegt das vor allem daran, dass ich ohne Pass mit Bundesadler natürlich nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen kann. So interessant das Duell auch ist – oder nicht ist –, ich muss mir keine Meinung bilden, wem ich meine Stimme geben soll. Ich erlaube mir deshalb, kurz die wortgeschichtliche Neugier vorgehen zu lassen.

Woher kommt also Duell? Ganz einfach: Wie so viele Wörter, haben wir auch dieses aus dem Französischen übernommen. Sein Ursprung ist lateinisch, frühlateinisch sogar. Duellum ist ein altes lateinisches Wort für Krieg. Es ist ein Vorläufer von bellum, dem klassischen Wort für Krieg, und blieb lange als Nebenform bestehen. Bereits in spätlateinischer Zeit wurde seine Bedeutung dann in Anlehnung an duo = zwei volksetymologisch zu Zweikampf umgedeutet. In diesem Sinne kennen wir es vor allem im Zusammenhang mit sich duellierenden Edelleuten in historischen Romanen und Kostümfilmen und natürlich von den Westernhelden und -bösewichten, die sich in entsprechendem Dekor zum Duell treffen. Daneben hat sich in heutiger Zeit auch die übertragene Bedeutung Wortgefecht herausgebildet. Heute Abend wird also im besagten Programm nicht Krieg geführt, es werden keine Degen gekreuzt und es wird nicht mit Pistolen aufeinander geschossen. Es geht „nur“ um Worte. Und das ist gut so.

Dunkle Materie und Dunkelmaterie

Frage

In Physikerkreisen gibt es die Auffassung, es sei besser von „Dunkelmaterie“ zu reden als von „Dunkler Materie“. „Dunkle Materie“ sei im Grunde eine Art ungeschickte Übersetzung von englisch „dark matter“, auf Deutsch müsse nämlich in solchen festen Konstruktionen das Adjektiv mit dem Bezugswort kombiniert werden, siehe „Dunkelwolke“ oder „Dunkelkammer“. Nun heißt es aber auch „Weißer Zwerg“, „Roter Riese“ und „helle Sauce“. Gibt es einen Bedeutungsunterschied zwischen beiden Formen, der erklären würde, wann die Regel (so sie denn existiert) zur Anwendung kommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es gibt keine Regel, nach der entschieden werden kann, ob es dunkle Materie oder Dunkelmaterie heißen muss. Das Einzige, was mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass es sich bei Zusammensetzungen von einem Adjektiv und einem Nomen meist um einen festen Begriff handelt. Ein paar Beispiele:

Altbundeskanzler
Dunkelkammer
Fertigprodukt
Gebrauchtwagen
Hochbahn
Normalbenzin

Das Umgekehrte gilt aber nicht: Aus einem Adjektiv und einem Nomen bestehende feste Begriffe müssen nicht als Komposita zusammengeschrieben werden. Einige Beispiele haben Sie selbst schon aufgezählt, andere sind:

der graue Star
das schwarze Schaf,
der goldene Schnitt
Rote Beete
die schwache Deklination
die doppelte Buchführung
die eustachische Röhre
das sekundäre Bewusstsein
das schwarze Loch

Manchmal sind ohne wesentliche Bedeutungsunterschiede beide Formulierungen üblich:

ein direkter Flug –  ein Direktflug
feste Kosten  – Festkosten
der hohe Adel – der Hochadel
die Kommunalwahlen – die kommunalen Wahlen

Der  Ausdruck dunkle Materie ist auch keine grundsätzlich falsche oder „ungeschickte“ Übersetzung aus dem Englischen. Englische Adjektiv-Nomen-Verbindungen können im Prinzip immer auf zwei Arten ins Deutsche übertragen werden. Im Englischen werden Wortgruppen und Komposita, die sich aus einem Adjektiv und einem Nomen zusammensetzen, in der Regel gleich geschrieben: Man schreibt getrennt und das Adjektiv ist zwangsläufig ungebeugt:

Wortgruppe: direkter Flug = direct flight
Kompositum: Direktflug = direct flight

Anhand der Form der englischen Bezeichnung lässt sich also nicht entscheiden, ob im Deutschen eine Wortgruppe oder ein Kompositum vorliegt.

Entscheidend ist also keine grammatische oder orthografische Regel, sondern der Gebrauch. Das englische dark matter wird im Deutschen allgemein als dunkle Materie bezeichnet (fachsprachlich oft auch Dunkle Materie geschrieben, siehe hier). Da dies, wie gesagt, gegen keine Regel verstößt, gibt es keinen zwingenden Grund, dunkle Materie durch das Kompositum Dunkelmaterie zu ersetzen.

Das Wort Dunkelmaterie ist übrigens auch nicht falsch, es ist nur weniger üblich und wird deshalb vielleicht nicht immer auf Anhieb verstanden. Ich persönlich würde deshalb den gebräuchlicheren Begriff dunkle Materie (oder evtl. Dunkle Materie) verwenden. Wenn die Physik aber lieber Dunkelmaterie zum offiziellen Fachwort kürt, ist das natürlich genauso angebracht. Jedes Fach bestimmt seine Terminologie selbst. „Relaxte“ Physikerinnen und Physiker lassen beide Ausdrücke nebeneinander bestehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Barbecue, Grillparty, Röstfest

Der Sommer ist in unseren Breitengraden ja inzwischen endlich ausgebrochen. Neben den ersten über Hitze Klagenden, vollen Stränden und Schwimmbädern sowie einigen zu stark geröteten Körperteilen ist eine der Auswirkungen, dass die Umsätze bei Holzkohle und Grillwürsten rasant gestiegen sein müssen. Das hat mich auf die Frage gebracht, wie es denn „wortherkünftlich“ um Grill und Barbecue steht, zwei Wörter also, die zu dieser Jahreszeit Hochsaison haben.

Barbecue kommt natürlich aus dem Amerikanischen. Von dort ist es jedenfalls zu uns gelangt, denn wirklich Englisch sieht das Wort ja auf den zweiten Blick nicht aus. Es kommt dann auch vom spanischen Wort barbacoa, das über El Salvador und Mexiko in die Vereinigte Staaten gelangt war. Die eigentliche Ursprungssprache ist eine dahingemordete karibische Sprache der Großen Antillen, in der das Wort einen Rost bezeichnete, auf dem Fleisch getrocknet oder geräuchert werden konnte, der aber unter anderem auch als Bett gedient haben soll.

Echte Barbecue-Fans werden Ihnen genau erklären können, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen der Barbecue- und der Grilltechnik gibt, aber im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe fröhlich nebeneinander verwendet. Barbecue und vor allem seine Variante BBQ gehören dabei aber eher zur Sprache der Lifestyle-Magazine, der Gartencenter-Prospekte und der sommerlichen Sonderangebote in der Fleischabteilung.

Echten Anglizismenjägern ist Barbecue dann auch ein Dorn im Auge. Sie möchten es überall durch Grill oder Bratrost bzw. durch Grillen ersetzt haben. Auch in meinem aktiven Wortschatz kommt Barbecue zwar nicht vor, aber ganz so deutsch sind Grill und Grillen nun auch wieder nicht. Grill kommt nämlich ebenfalls aus dem Englischen. Für die weitere Wortgeschichte können wir dann aber diesseits des Atlantiks bleiben. Die Engländer haben das Wort von den Franzosen (gril o. grille) übernommen. Das französische Wort geht über einige Lautveränderungen auf das lateinische craticulum oder craticula (Diminutiv zu cratis = Flechtwerk) zurück, das Geflecht, kleiner Rost bedeutete. Süddeutsche und Schweizer mögen hier auch eine eventuelle Verwandtschaft mit dem Wort Kratten (eine Art Korb) erkennen.

Ob wir nun grillen oder zum Barbecue einladen, beides kommt ursprünglich aus dem Englischen. Grill und grillen haben sich aber (vorläufig noch?) besser im deutschen Wortschatz etabliert. Wer Englisches ganz vermeiden will, muss anstelle von Barbecue, Grillparty oder Grillfest auf ein Wort wie zum Beispiel Röstfest zurückgreifen. So weit gehen aber auch die eifrigsten Anglizismenwehrer nicht.

Zum Schluss noch etwas „Regionales“: Neben grillen gibt es in der Schweiz auch die Form grillieren: Ein gegrilltes Hähnchen ist ein grilliertes Poulet. Doch während Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen niemals ihr Auto parken, sondern immer nur parkieren, wundert sich auch in der Schweiz kaum jemand, wenn das Poulet einmal gegrillt und nicht grilliert ist.

Viele schöne Grillabende wünsche ich allen, die Gegrilltes mögen!

Ganz kann ganz schwierig sein

„Das hast du ganz gut gemacht.“ Heißt das nun, dass ich es wirklich sehr gut gemacht habe, oder heißt es, dass ich es nur einigermaßen gut gemacht habe? Für Muttersprachige ist in der Regel sofort klar, welche dieser beiden Interpretationen im konkreten Fall gemeint ist. Für Deutschlernende kann dies aber ziemlich verwirrend sein.

Frage

Ich bin ziemlich fortgeschrittene DaF-Lernerin, habe aber manchmal Fragen zu einigen Feinheiten der deutschen Sprache. Ich wurde mal angewiesen, dass das Wort „ganz“ in der Kombination „ganz gut“ eine andere Bedeutung hat als mit anderen Wörtern (ganz schön, ganz früh etc.). Das bedeute nicht „sehr, sehr gut“ sondern werde eher ironisch gemeint und als „nicht besonders gut“ verstanden. Stimmt es oder nicht?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

es stimmt, dass das Adverb ganz nicht nur eine verstärkende Bedeutung, sondern auch eine einschränkende Bedeutung haben kann. Diese recht widersprüchlichen Bedeutungen kann ganz bei allen Adjektiven haben, nicht nur bei zum Beispiel gut. Welches die gemeinte Bedeutung ist, merken geübte Sprecher und Sprecherinnen am Kontext und an der Betonung.

Wenn ganz verstärkend gemeint ist (= sehr, besonders), ist es betont:

Das hast du gánz gut gemacht!
Ich finde das Bild gánz schön, weil die Farben so leuchten.
Wir mussten gánz früh aufstehen, um die Delphine sehen zu können.

Wenn ganz einschränkend gemeint ist (= ziemlich, relativ, eingermaßen), ist es unbetont. Es wird dann häufig von einer einschränkenden Angabe begleitet:

Das hast du ganz gút gemacht, aber du warst auch schon besser.
Dafür dass das Bild eigentlich nicht meinen Geschmack trifft, finde ich es ganz schön.
Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber es war doch ganz interessánt.

In der gesprochenen Sprache hilft die Betonung (betont = sehr, unbetont = ziemlich). In der geschriebenen Sprache ist es nicht immer so einfach. Oft hilft dann erst der weitere Satzzusammenhang beim Verständnis, welche Bedeutung von ganz gemeint ist. Und manchmal hilft auch das nichts: Die Interpretation von ganz kann manchmal ganz schwierig sein.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Dann hilft beim Schreiben nur das Ausweichen auf eine andere Formulierung, also je nachdem was gesagt werden soll:

Die Interpretation von ganz kann manchmal sehr/wirklich schwierig sein.
Die Interpretation von ganz kann manchmal recht/ziemlich schwierig sein.

Calvados: kahle Rücken oder Armadaschiff

Im Urlaub schauen viele gerne einmal über die Grenze. So sind auch wir für ein paar Tage über Landes- und Sprachgrenze nach Frankreich gezogen. Dort stand ich vorgestern noch auf dem (oder der) Pont de Normandie, einer eleganten Brücke, die die Mündung der Seine zwischen Le Havre und Honfleur überspannt. Auf einem knapp zwei Meter breiten Trottoir, nur durch einen wenige Zentimeter hohen Betonrand vom mit 90 km/h vorbeirasenden Verkehr getrennt, kann man diese Brücke begehen. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wenn man irgendwo hinaufsteigen und hinunterschauen kann, ganz egal ob Kirchturm, Leuchtturm, Aussichtsturm, Wolkenkratzer oder eben in diesem Fall eine Brücke, dann muss ich hinauf. Dort stand ich also mehr als fünfzig Meter über der Seine, hielt meine Mütze fest (merke: auf einer hohen Brücke an der Küste ist es nicht windstill!), schaute um und unter mich und dachte: „Mann, ist das hoch!“ Wenn Sie einmal in der Gegend sind und keine Höhenangst haben: Der Pont de Normandie ist das Begehen wert.

In der Mitte der Brücke zeigten Tafeln an, dass wir auf der Grenze zwischen den Departements Calvados und Seine-Maritime standen. Und plötzlich schlug wieder einmal die Berufsdeformation zu: Woher kommt der Name Calvados? Er sieht ja eher spanisch als französisch aus.

Calvados-Schild
Foto Wikipedia . Foto P.v.B.

Der Name Calvados, den Liebhaber und Liebhaberinnen destillierter Wässer ja auch als Bezeichnung für den berühmten Apfelbranntwein aus dieser Region kennen, ist nicht typisch für die Normandie. Der Name Normandie geht auf das altfränkische nortman oder das altnordische nordmaðr zurück, die beide Nordmann bedeuten. Es kam im mittelalterlichen Latein ab dem 9. Jahrhundert vor und bezeichnete also das Gebiet der Nordmänner. Die Normandie war von einem Mischvolk besiedelt, das aus vom Norden eingedrungenen Skandinaviern und den ansässigen Franken entstanden war. Natürlich ist wie immer alles viel komplizierter, aber der Name Calvados kam bestimmt nicht mit den Wikingern in diese Region.

Es gibt zwei Erklärungen für den Ursprung des Namens: eine eher realistische und eine eher romantische. Nach der realistischeren, allgemein als wahrscheinlich anerkannten Erklärung stammt der Name von alten Seekarten. Mit dem lateinischen calva dorsa (kahle Rücken) sollen sie von See aus sichtbare kahle, also baumlose Hügel der Gegend angegeben haben. Die romantischere Erklärung sagt, dass der Name von Salvador komme. Salvador war der Name eines Schiffes, das zur „Unbesiegbaren Armada“ gehörte, der Kriegsflotte, die 1588 auf Befehl des spanischen Königs Philipp II. ausfuhr, um England zu erobern. England wurde nicht erobert und die Salvador strandete auf einem Felsen vor der Küste des heutigen Calvados. Über ein paar abenteuerliche Lautverschiebungen soll das Schiff dann Namensgeberin der Gegend geworden sein.

Vom Pont de Normandie aus habe ich beides gesehen: mehr oder weniger baumlose Hügel und einige Schiffe. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könnten also beide Erklärungen zutreffen, aber auch mir scheint die erste Erklärung (calva dorsa) die wahrscheinlichere zu sein.

Pont de Normandie

So weit der Blick über die Grenze. Die nächsten Beiträge werden sich dann wieder mit „deutscheren“ Themen befassen.

 

Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schicksalhaftigkeit und andere „fehlende“ Wörter

Frage

Ich wüsste gerne, ob das Wort „Schicksalhaftigkeit“ korrekt ist. Bei den mit -igkeit endenden Wörtern auf Canoonet finde ich es leider nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Schicksalhaftigkeit ist korrekt. Wenn eine Sache schicksalhaft ist, kann man von deren Schicksalhaftigkeit sprechen.

Die Wahlbeteiligung für den Reichstag lag bei etwa 84 Prozent und trug der von allen Seiten beschworenen »Schicksalhaftigkeit« Rechnung.
Er ist überzeugt von der Schicksalhaftigkeit dieser großen Liebe und sagt: „Mit Michaela war es schon vor 19 Jahren Liebe auf den ersten Blick.“
Es scheint mir wichtig, dass man die Gestaltbarkeit des Lebens mit der Schicksalhaftigkeit des Alters kombiniert.
Beispielsätze aus: Wortschatz-Portal der Universität Leibzig

Im Prinzip kann von allen Adjektiven auf …haft ein Substantiv der Form …haftigkeit gebildet werden. Lange nicht alle diese möglichen Bildungen sind in Wörterbüchern verzeichnet. Weitere Beispiele von nicht in (allen) Wörterbüchern verzeichneten Substantiven dieser Form:

Amateurhaftigkeit
Bruchstückhaftigkeit
Engelhaftigkeit
Fieberhaftigkeit
Frühlingshaftigkeit [endlich!]
Heldenhaftigkeit
Instinkthaftigkeit
Zwanghaftigkeit
usw.

Ich möchte hier wieder einmal erwähnen, dass Wörterbücher nicht alle möglichen Wörter auflisten können. So sind auch bei Weitem nicht alle möglichen Zusammensetzungen von Substantiven oder alle Verbableitungen mit …bar und …ung in Wörterbüchern zu finden.

Das Umgekehrte muss deshalb immer wieder betont werden: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass es ein Wort nicht gibt. Die Wortbildungskraft unserer Sprache ist viel zu lebendig und zu mächtig, als dass sie sich in ein Wörterbuch – und sei es noch so groß und digital – packen ließe. Die Regel, dass ein Wort nur dann „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch steht, kann deshalb höchstens beim Scrabble-Spielen angewandt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!