Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammenkunft mit Trinkgelage

In dieser Woche habe ich einen Kongress besucht, auf dem ich an einem Symposium teilnehmen durfte. Ich habe dort viele Lexikographen und Lexikographinnen gehört und gesprochen. Es war, kurz gesagt, interessant und lehrreich.

Ich glaube nicht, dass diese Mitteilung für Sie sehr interessant und lehrreich ist. Ich mache sie vor allem deshalb, weil ich die Wörter Kongress, Symposium und Lexikograph verwenden wollte. Mir fiel nämlich in einer ruhigeren Minute wieder einmal auf, dass am Kongress viele Fremdwörter benutzt wurden, für die es auch deutsche Wörter gäbe. Das ist unter Fachleuten gang und gäbe. (Zwei ganz unterschiedliche gäbe hintereinander; das wäre auch einmal einen Blogeintrag wert, aber hier schweift der „Sprachler“ in mir ab.) Lexikograph ist so ein Fremdwort. Es bedeutet eigentlich nichts anderes als Wörterbuchmacher oder Wörterbuchschreiber. Da das Wort aber außerhalb der Lexikographie nur selten vorkommt und deshalb in allgemeinsprachlichen Texten sowieso kurz erklärt werden sollte, kann man wohl kaum von „schädlichem Fremdworteinfluss auf die deutsche Sprache“ sprechen.

Bei Kongress sieht es ein bisschen anders aus. Kongresse gibt es in allen Berufsgattungen und Interessenbereichen. Es gibt viele Städte, die sich rühmen, Kongressstadt zu sein, oder zumindest danach streben, eine zu werden. Kongress ist ein Wort, das sich in die Allgemeinsprache „eingeschlichen“ und sich dort einen Platz erobert hat. Es wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Lateinischen entlehnt, wo congressus unter anderem Zusammentreffen, Zusammenkunft bedeutet. Was die Gebildeten des ausgehenden 17. Jahrhunderts dazu bewogen haben mag, Kongress statt des gleichbedeutenden deutschen Wortes Zusammenkunft zu verwenden, weiß ich natürlich nicht genau. Ich vermute aber, dass es etwas mit Prestige – Verzeihung – Ansehen zu tun hatte. Auch heute noch klingt Kongress nach „mehr“ als die deutschen Entsprechungen Zusammenkunft oder Tagung. Genau deshalb hat es seinen Platz im deutschen Wortschatz auch verdient.

Symposium liegt, was die Fachsprachlichkeit angeht, irgendwo zwischen Kongress und Lexikograph. Es kommt nicht so häufig vor wie Kongress, man begegnet ihm aber öfter als Lexikograph auch in allgemeineren Texten und Aussagen. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich das Zusammentrinken, das Trinkgelage. Man kam bei den alten Griechen – und nicht nur bei ihnen – beim Trinken oft ins Philosophieren. Heute ist der Aspekt des Trinkens ganz in den Hintergrund getreten (bei unserem Symposium gab es Kaffee und Tee). Es geht nun um den Aspekt des Miteinanderredens: Ein Symposium ist eine „dem Austausch von Gedanken und Erkenntnissen dienende Zusammenkunft von Wissenschaftlern? (DWDS). Man könnte anstatt des Fremdwortes also auch einfach eine deutsche Entsprechung wie wissenschaftliche Gesprächszusammenkunft verwenden. Das tut man aber nicht, denn es klingt einfach viel weniger wissenschaftlich. Genau deshalb ist das Wort Symposium ein gutes Wort. Es gibt uns die Möglichkeit, mit einem Wort Zusammenkunft, Gedankenaustausch und den Anspruch der Wissenschaftlichkeit auszudrücken.

Ich stichle hier ein bisschen gegen allzu eifrige „Anglizismenjäger“, die englische Lehnwörter prinzipiell ablehnen. Ich fand es deshalb ganz amüsant, als ich beim Recherchieren das Folgende entdeckte: Im 18. und  19. Jahrhundert verwendete man im Deutschen die griechische Form Symposion. Die Form mit der lateinischen Endung –um trat erst im 20. Jahrhundert in den Vordergrund – wahrscheinlich unter dem Einfluss des Englischen … Anglizismen findet man wirklich überall!

Falls Sie noch auf eine Antwort von mir warten, liegt es daran, dass ich auf einem Kongress an einem Symposium teilgenommen habe, und nicht etwa daran, dass ich an einer Zusammenkunft mit Trinkgelage war.

Wurde der Torwart elegant umspielt oder grob umgespielt?

Frage

Canoonet gibt die Partizip-II-Form von „umspielen“ mit „umspielt“ an. Was ist aber mit der Form „umgespielt“? Zum Beispiel: Wenn ein Fußballer am Torwart vorbeispielt, dann hat er ihn „umspielt“. Was ist aber, wenn er so spielt, dass der Torwart umfällt? Hat er den Torwart dann „umgespielt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Form umgespielt lässt sich problemlos bilden. Wenn der Torwart wegen rüden Spiels zu Fall kommt und das Verb spielen bei der Beschreibung des Vorfalls eine Rolle spielen soll, kann man umspielen mit betontem um verwenden:

umspielen – spielte um – hat umgespielt

Das trennbare Verb umspielen bedeutet dann durch (grobes) Spielen zu Fall bringen:

Er spielte den Torwart um. Er hat ihn umgespielt.

Wenn der Ball hingegen elegant um den Torwart herumgespielt wird, wird der gute Mann umspielt:

Er umspielte den Torwart. Er hat ihn umspielt.

Das trennbare úmspielen ist aber eher eine Gelegenheitsbildung, die stilistisch vielleicht nicht allen gleich gut gefällt.

Die trennbaren Vorsilbe um ist im Deutschen produktiv, das heißt, mit ihr können neue Verben gebildet werden. Diese Verben drücken unter anderem aus, dass jemand oder etwas aus dem Gleichgewicht, zum Umfallen gebracht wird. Zum Beispiel:

umfächeln, fächelte um, hat umgefächelt
Die Baronin fächelte mit ihrem Spitzenfächer verärgert das Kartenhaus um.

umflattern, flatterte um, hat umgeflattert
Der große Vogel hat den kleine einfach umgeflattert.
Die Taube flatterte beinahe das Limonadenglas um.

umspülen, spülte um, hat umgespült
Die große Welle hat mich einfach umgespült.

umbeamen, beamte um, hat umgebeamt
Mit der Waffe beamst du alle Aliens sofort um!

umrütteln, rüttelte um, hat umgerüttelt
Laternenmast umgerüttelt: Jugendliche schafften es nach mehreren Versuchen, einen Laternenmast komplett zu Fall zu bringen, weil er durch das Rütteln an einer Schweißnaht durchbrach.
Auch auf der Ladefläche eines Lastwagens stehend, kann man auf schlaglochreicher Straße umgerüttelt werden.

umdrücken, drückte um, hat umgedrückt
Münze nicht zur Hand – Schranke umgedrückt!

usw.

Nicht all diese Bildungen sind jeweils in den Wörterbüchern verzeichnet, vor allem diejenigen nicht, die man den selbsterklärenden Gelegenheitsbildungen zurechnen kann. Das gilt übrigens auch für Verbableitungen mit den Präfixen ab-, auf-, aus-, durch-, unter-, über- usw. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das noch lange nicht, dass es das Wort nicht gibt! Damit würden unserer Sprache viel zu enge Zügel angelegt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Carinthischer Sommer im Kärntner Sommer

Frage

Ich war 10 Tage in Kärnten und es hat mir gut gefallen. In Kärnten spricht man über den „Carintischen Sommer“. Ich verstehe das nicht. Der carinthische Sommer oder der kärntnerische Sommer??

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wenn man ein Adjektiv zu Kärnten braucht, steht eine relativ große Auswahl zur Verfügung. Am häufigsten wird das unveränderliche, großgeschriebene Kärntner verwendet. Daneben gibt es kärntnerisch, insbesondere im Zusammenhang mit den in Kärnten gesprochenen Mundarten. Sonst gibt es keinen eindeutigen Anwendungsunterschied zwischen Kärntner und kärntnerisch (vgl. Schweizer vs schweizerisch). Weiter kommt offenbar seltener auch noch kärntisch vor.

Das Adjektiv carinthisch ist eine neuere Bildung, die von Carinthia, der neulateinischen Bezeichnung für Kärnten, abgeleitet ist. Sie kommt vor allem in gehobeneren und kulturellen Kontexten vor. Carinthischer Sommer ist dann auch der Name eines Musik- und Kulturfestivals. Wenn man vom Sommer in Kärnten spricht, heißt es in der Regel einfach Kärntner Sommer oder kärntnerischer Sommer.

Ob diese Angaben wirklich ganz genau dem Gebrauch dieser Adjektive in Kärnten entsprechen, wage ich nicht zu behaupten. Dafür kenne ich Kärnten bei Weitem nicht gut genug. Aus allgemeinsprachlicher Sicht sollten sie aber zutreffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Gerne würde ich an Ort und Stelle der Frage nachgehen, ob die obenstehenden allgemeinen Angaben auch für Kärnten selbst gelten. Der Sommer ist zwar vorbei (zumindest der meteorologische), aber einer „Studienreise“ nach Kärnten wäre ich auch im Herbst keineswegs abgeneigt. Da dies leider heuer nicht möglich ist, bin ich für eventuelle Berichtigungen auf Kärntner Leserinnen und Leser (oder andere Kärntenkundige) angewiesen.

Der erhabene August

Heute, am 1. August, muss ich eigentlich nicht arbeiten. Die Schweiz feiert ihren Nationalfeiertag, den Schweizer Bundesfeiertag. Da ich weiter gerade erst aus einer „halb arbeitsfreien Sommerflaute“ zurückgekehrt bin, halte ich es heute kurz und unspektakulär:

Ich fragte mich, ob wirklich alle wissen, dass der Monat August seinen Namen dem ersten „offiziellen“ römischen Kaiser, Augustus (63 v. Chr – 14 n. Chr.), zu verdanken hat. Augustus war der Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars und wurde nach den jahrelangen Machtkämpfen, die auf dessen Ermordung folgten, der Alleinherrscher Roms. Geboren wurde er unter dem Namen Gaius Octavius. Den Ehrennamen Augustus (der Erhabene) verlieh im der Senat im Jahre 27 v. Chr. Einige Jahre spätere nannte Augustus den Monat Quintilius zu Ehren seinen Vorgängers Julius Cäsar, der in diesem Monat geboren worden war, in Iulius um. Da Bescheidenheit wohl nicht eine seiner stärksten Charaktereigenschaften war, nannte er auch den darauffolgenden Monat Sextilius um, und zwar in Augustus.

Es wurde behauptet, dass der erhabene Kaiser dem Monat Februar einen Tag gestohlen habe, um „seinen“ Monat auf 31 Tage zu verlängern. Schließlich hatte der Julius Cäsar geweihte Monat auch so viele Tage. Diese Geschichte scheint aber erfunden zu sein. Man kann Augustus zwar als unbescheiden, aber nicht auch noch als „Tagedieb“ bezeichnen.

Der Monat August ist also nach dem erhabenen Kaisers Augustus benannt. Möge er Ihnen noch ein paar schöne Tage bringen!

Das Regenschirmsyndrom

Kennen Sie das Regenschirmsyndrom? Es ist die Überzeugung, dass es immer dann regnet, wenn man keinen Regenschirm bei sich hat, und dass es nie dann regnet, wenn man einen Schirm mitgenommen hat. Bei einem Besuch im Elsass habe ich gestern wieder daran „gelitten“.

In Murbach (schöne romanische Abteikirche!) drohten Regenwolken am Himmel. Wir haben also die fröhlich blauen Regenschirme aus dem Kofferraum geholt, sie in die Kirche mitgetragen und auch noch über den Kreuzweg zur Loretokapelle hinaufgeschleppt. Es fiel „natürlich“ kein Tropfen Regen.

Danach ging es nach Colmar. Trotz grauen Wolken ließen wir die Regenschirme im Kofferraum. Wir waren nun ja Erfahrungsexperten in Sachen Elsässer Wetter, und wer trägt schon gerne einen Schirm mit sich herum, wenn es doch nicht regnet? Selbstverständlich begann es zu tröpfeln, kurz nachdem wir den spezifischen Punkt erreicht hatten, an dem es sich einfach nicht mehr lohnt, zum Auto zurückzugehen. Wir setzten unseren Weg also fort, aßen – wie es sich für rechtschaffene Touristen gehört – einen Flammkuchen mit einem Glas Elsässer Riesling und sahen uns dann mit eingezogenem Kopf und hochgeschlagenem Kragen den Rest der Stadt im Regen an.

Kein Wunder also, dass mich das Regenschirmsyndrom beschlich. Es ist selbstverständlich kein echtes Syndrom. Es ist nicht mehr als eine irrige Annahme, die wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass einem nur dann etwas auffällt, wenn Regen und Regenschirm nicht gleichzeitig anwesend oder nicht gleichzeitig abwesend sind. Regnet es und der Schirm ist bei der Hand, fällt nichts auf. Regnet es nicht und man hat keinen Schirm dabei, fällt ebenfalls nichts auf. An die Situationen, in denen etwas auffällt, erinnert man sich, an die anderen nicht. Und schon ist der hier beschriebene falsche Eindruck entstanden.

Wenn Sie dieses Gefühl kennen, aber keinen Namen dafür haben: Ich schlage den Ausdruck Regenschirmsyndrom vor. Man kann ihn auch für „Erfahrungen“ wie die folgenden verwenden:

Die Milch geht immer erst nach Ladenschluss aus.
Diese Ampel steht immer auf Rot, wenn ich ankomme.
Ich bin immer am Wochenende krank. (= Arbeitnehmerversion)
Er/sie ist immer an Wochentagen krank. (= Arbeitgeberversion)
u. v. a. m.

Manchmal würde man sich ja wünschen, dass dieses „Syndrom“ kein Irrtum wäre, sondern der Wirklichkeit entsprechen würde. Ich wäre dann in diesem Sommer des Öfteren MIT einem Regenschirm aus dem Haus gegangen …

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Schwarzfahren und sich schwarz ärgern

Frage

Woher kommt eigentlich der Ausdruck schwarzfahren? Wahlweise auch Schwarzarbeit, schwarzsehen usw. […] Wie kam es zu dieser Ableitung? Und was war zuerst da? Das Schwarzsehen, -fahren, -arbeiten? Und passt sich schwarz ärgern in die Systematik?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

nach dem etymologischen Wörterbuch von Pfeifer1 kann das Wort schwarz in der Bedeutung illegal mit einem alten Verb schwärzen = schmuggeln in Verbindung gebracht werden. Pfeifer umschreibt die Entstehung ungefähr wie folgt:

Das Verb schwärzen bedeutete im Rotwelschen (der deutschen „Gaunersprache“) schmuggeln, dies wahrscheinlich in Anlehnung an etwas bei Nacht, im Dunkeln tun. Daran schließt die Verwendung von schwarz mit der Bedeutung ungesetzlich an. Dieses Adjektiv tauchte in den Verbindungen schwarzer Markt, Schwarzmarkt und Schwarzhandel auf, mit denen illegaler Valutahandel und dann auch unerlaubter Handel mit rationierten Lebensmitteln und Waren gemeint waren. Dies geschah während des Ersten Weltkriegs oder eventuell in der Inflationszeit um 1923. Später wurde der Anwendungsbereich auf Begriffe wie Schwarzarbeit, schwarzhören, schwarzfahren und schwarzschlachten ausgeweitet.

Das Wort Schwarzmarkt war eventuell sogar ein Exportschlager: So sollen unter anderem englisch black market, französisch marché noir, italienisch mercato nero und polnisch czarny rynek (alle mit derselben Bedeutung) auf diesen deutschen Ausdruck zurückgehen.

In der Wendung sich schwarz ärgern hat schwarz wohl einen anderen Ursprung. Ich habe aber leider nirgendwo entsprechende Angaben finden können und müsste deshalb raten. Man kann sich übrigens auch grün und gelb ärgern oder grün und blau ärgern und man kann auf etwas warten, bis man schwarz wird. Unnatürliche Farbveränderungen scheinen also auszudrücken, dass man etwas sehr intensiv oder sehr lange empfindet. Es gibt hier vielleicht einen Bezug zur früheren Lehre der Körpersäfte. Nach dieser Lehre mit dem schönen Namen Humoralpathologie sind die vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim beim gesunden Menschen im Gleichgewicht und entsprechend bei Kranken aus dem Gleichgewich geraten. Dabei wurde allerdings ein Zuviel an gelber Galle für Wut und Aufbrausen verantwortlich gemacht. Bei zu viel schwarzer Galle war man melancholisch. Ein direkter Bezug zwischen sich schwarz ärgern und diesen Körpersäften ist also eher unwahrscheinlich. Finanzverantwortliche des öffentlichen Verkehrs müssten sich demnach ja – wenn überhaupt – nicht schwarz, sondern gelb über Schwarzfahrer ärgern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer) im DWDS. Die gleiche Erklärung auch in: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Gruyter, 2002, unter dem Stichwort schwärzen.

Griechischer Salat vs schottischer Whisky

Frage

Worin besteht der Unterschied zwischen einem „griechischen Salat“ und einem „Salat griechischer Machart“? Meiner Meinung nach kann ein Salat griechischer Machart von jedem gemacht werden, ein griechischer Salat jedoch muss in Griechenland gezogen und geerntet oder von einem Griechen zubereitet sein!

Antwort

Guten Tag F.,

griechischer Salat und Salat griechischer Machart bezeichnen sehr oft dasselbe. In Griechenland geernteten Salat nennt man zwar tatsächlich nur griechischen Salat, aber ein Salat griechischer Machart wird meistens ebenfalls einfach griechischer Salat genannt. Diese Bezeichnung hat sich für ein Salatgericht, das unter anderem Tomaten, Gurken, Feta und Oliven enthält, eingebürgert.

Geografische Adjektive bezeichnen nicht immer die direkte Herkunft, sondern manchmal, wie hier, die ursprüngliche oder sogar nur die vermeintliche Herkunft. Gerade bei Gerichten kommt dies häufiger vor:

griechischer Salat
französische Salatsauce
chinesische Nudeln
russische Eier
Wiener Schnitzel
Frankfurter Würstchen

All diese Gerichte müssen nicht aus dem entsprechenden Land oder der entsprechenden Stadt kommen. Sie können sie selbst in Ihrer Küche zubereiten, in Ihrem Lebensmittelgeschäft kaufen oder in einem Restaurant in Ihrer Umgebung bestellen.

Bezeichnungen dieser Art kommen auch im „Non-Food-Bereich“ vor (insbesondere Pflanzen- und Tiernamen):

Appenzeller Sennenhund (eine Hunderasse)
Sibirische Schwertlilie (eine Lilienart)
amerikanische Buchhaltung (Art der doppelten Buchführung)
englische Krankheit (Rachitis)
russisches Roulette (lebensgefährlich!)

Gewisse Namen sind allerdings geschützte geografische Angaben, das heißt, die Produkte müssen aus der im Namen genannten Region kommen. Zum Beispiel:

Bündnerfleisch
Dresdener Stollen
Nürnberger Lebkuchen
Kölnisch Wasser

Ganz allgemein ist man bei der Verwendung von geografischen Bezeichnungen an strengere Regeln gebunden, wenn man Produkte verkaufen will. Wenn es sich nicht um eine gebräuchliche Bezeichnung für etwas handelt, darf eine Herkunftsbezeichnung nur dann verwendet werden, wenn das Produkt auch tatsächlich aus der entsprechenden Region kommt. Toskanisches Olivenöl muss aus der Toskana kommen, spanische Wurst aus Spanien, schottischer Whisky aus Schottland usw.

Über die Begriffe italienischer Fußball und deutscher Fußball schreibe ich heute, „am Tag danach“, besser nichts .

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deutsch-französische Kontamination

Wenn ich hier von einer deutsch-französischen Kontamination rede, meine ich nicht eine zwischenstaatliche Verschmutzung, Verunreinigung oder Verseuchung irgendeiner Art. Es geht mir schon gar nicht darum, gegen Gallizismen (französische Lehnwörter) zu wettern. Gemeint ist eine bestimmte Art von Kontamination im Bereich des Wortschatzes. Man Bezeichnet mit diesem Begriff die Zusammenziehung zweier Wörter zu einem. Beispiele sind:

jein aus ja und nein
Gebäulichkeiten aus Gebäude und Baulichkeiten
Eurasien aus Europa und Asien
Brunch aus breakfast und lunch
Denglisch aus Deutsch und Englisch
Bollywood aus Bombay und Hollywood

Mehr dazu hier.

Wie komme ich auf dieses Thema und was ist nun mit der eingangs erwähnten deutsch-französischen Kontamination gemeint? Ein jüngeres bekanntes Beispiel einer Kontamination habe ich noch nicht genannt:

Merkozy aus Merkel und Sarkozy

Seit sich abzeichnete, dass Sarkozy die Präsidentschaftswahlen verlieren könnte, und noch mehr, seit sich dies bewahrheitet hat, machen sich viele Gedanken darüber, wie die deutsch-französische politische Zusammenarbeit innerhalb Europas aussehen wird. Dabei können verschiedene politische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte beleuchtet werden. Mir geht es um den unwichtigsten von allen: Wie werden die beiden (nicht?) zusammenarbeitenden Staatsleute Merkel und Hollande genannt werden. Es schwirren bereits Vorschläge herum:

Horkel
Merkande

Ich bezweifle allerdings, dass sich eine dieser beiden Zusammenziehungen durchsetzen wird. Im Vergleich zu Merkozy sind sie weniger durchsichtig und vor allem weniger „zweisprachig“: Merkozy beginnt auch klanglich deutsch und endet französich. Horkel hingegen klingt von vorn bis hinten urdeutsch, nach altem Ackerbaugerät und Bauernmuseum. Bei Merkande wiederum denke ich eher an einen delikaten Speisefisch, der auf einem französischen Fischmarkt neben Hummern und Austern angeboten wird.

Die Zeit wird zeigen, ob meine Skepsis begründet war. Vielleicht schafft es ja auch eine dritte Kontamination; dann findet nächste Woche in Berlin das erste Merkollande-Treffen statt.

Können deutsche Autos gehen?

Frage

Wieso heißt es in Deutschland „Umgehungsstraße“? Bei uns in der Schweiz heißt es „Umfahrungsstraße“. Ein Auto fährt doch – oder geht es doch?

Antwort

Dass man in Deutschland Umgehungsstraße und nicht Umfahrungsstraße sagt, liegt daran, dass die Deutschen das Wort umgehen in diesem Zusammenhang ein bisschen anders, abstrakter verwenden als die Schweizer und die Österreicher. Mit umgehen kann nicht nur um etwas herumgehen, sondern auch um etwas herumfahren oder um etwas herumverlaufen gemeint sein. Auf gut „Deutschländisch“ kann man deshalb sagen:

Wir umgehen die Stadt westlich auf der A 81.
Die Schnellstraße umgeht das Dorf in einem weiten Bogen.

Für deutsche Ohren klingt Umgehungsstraße also ganz normal, auch wenn man nicht zu Fuß, sondern im Auto auf ihr unterwegs ist. In der Schweiz und in Österreich versteht man das natürlich auch, man sagt aber:

Wir umfahren die Stadt westlich auf der A3.
Die Schnellstraße führt in einem weiten Bogen um das Dorf.

Entsprechend heißt es dann nicht Umgehungsstraße, sondern Umfahrungsstraße (oder nach gut schweizerischer Orthografie Umfahrungsstrasse).

In Deutschland können Autos also auch nicht wirklich gehen, aber man kann in ihnen – sofern das Straßennetz es zulässt – einen Ort fahrend umgehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp