Der Mai und die Entlehnung von Wörtern

Wir haben vieles, auch viele Wörter, von den Römern übernommen. In Fachsprachen gibt es unzählige lateinische Wörter und Wortelemente, aber auch in der Allgemeinsprache kommen wir nicht ohne sie aus. Latinismen sind überall in unterschiedlicher Form zu finden:

Bei den Wochentagen schöpfen wir, außer am Samstag, aus dem eigenen Wort- und Götterfundus: zum Beispiel Sonne und Mond bei Sonn- und Montag, die Gottheiten Donar und Freya bei Donnerstag und Freitag, und der Mittwoch erklärt sich zumindest auf der Wortebene von selbst. Die Namen der Wochentage waren aber stark durch lateinische Begriffe beeinflusst. So wurden zum Beispiel der dies Solis (Tag der Sonne) zum Sonntag, der dies Lunae (Tag des Mondes) zum Montag und Iovis dies (Jupiters Tag) zum Donnerstag (Donars Tag). Wir haben also einfach lateinische Bezeichnungen für die Wochentage ins Germanische übersetzt.

Bei den Monaten hingegen haben wir alles von den Lateinern übernommen: Von Januar (Ianuarius) bis Dezember (December) gehen alle Monatsnamen direkt auf die Bezeichnungen zurück, die die Römer verwendeten. Wir haben im Laufe der Jahrhunderte nur ein paar Endungen weggelassen (-ius, -is) und an verschiedenen Stellen das Schriftbild mithilfe der Buchstaben J, ä, k und z etwas „entlatinisiert“.

Wie man sieht, gab es im Bereich der Latinisimen (mindestens) zwei verschiedene Übernahmearten: die mehr oder weniger wörtliche Übersetzung wie bei den Wochentagen und die direkte Entlehnung wie bei den Monatsnamen. Wir waren also schon lange vor dem „Zeitalter der Anglizismen“ nicht allzu konsequent bei der Übernahme von Begriffen aus anderen Sprachen.

Heute, an einem Brückentag zwischen dem Sonntag und dem für viele arbeitsfreien Tag der Arbeit, kam beim mir die Frage auf, woher der Monatsname Mai genau stammt. An dieser Stelle wollte ich eigentlich etwas ausholen und eine schöne Wortgeschichte erzählen. Der Monat Mai gibt aber diesbezüglich nicht viel her: Die Römer nannten den Monat Maius und taten dies wahrscheinlich nach einer alten italischen Gottheit des Wachstums (Maius oder Maia). Viel mehr gibt es darüber nicht zu sagen, außer dass die Namen Maius und Maia mit magnus (groß) verwandt sind.

Ich wünsche allen einen schönen Ersten Mai!

Loszählen

Eine Iranerin, die Deutsch studiert hat, beschäftigt sich mit einem älteren deutschen Text und kommt beim Wort loszählen nicht mehr weiter. Hätten Sie auf Anhieb gewusst, was dieses Verb im unten zitierten Text bedeutet? Gemeint ist jedenfalls nicht anfangen zu zählen …

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen, ob in dem unten stehen Satz los zum Verb zählen gehört. Ich möchte auch gerne wissen, ob ihrer Bürgerschaft Genitiv ist und ob des Friedens Geiseln Genitiv zu ihrer Bürgschaft ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1. Akt]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Grillparzers Lustspiel Weh dem der lügt ist ein Text, der auch für „unvorbereitete“ Muttersprachige nicht immer leicht verständlich ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*

Das Nachdenken beginnt hier beim Verb loszählen, das heute nicht mehr gebräuchlich ist (auch ledig zählen, vgl. Grimm, zählen, Bedeutung 5). Seine Bedeutung ist jemanden von etwas lösen, befreien. Zum Beispiel:

Gefangene wurden, wenn sie Glück hatten, losgezählt („seines gefengnus loszzuzcelen „)

Jemand konnte mit den Worten „du bist hiermit losgezehlet, und die sache ist dir vergeben“ von einem Bann befreit werden.

Es war einer Frau nicht erlaubt, sich „anderweit“ zu verloben, „ehe sie von ihrem ersten breutgam … ordentlicher weyse loßgezehlet“.

Manchmal konnten auch Dinge losgezählt werden: „eigenhändige privattestamente sind von allen förmlichkeiten losgezählt“

(Beispiele aus dem Deutschen Rechtswörterbuch, Stichwort loszählen)

Wie die Beispiele zeigen wurde loszählen meist mit von verbunden. Man konnte aber auch einer Sache losgezählt werden. Grillparzer verwendet die Konstruktion mit dem Genitiv:

Der Kriegt zählt sie ihrer Bürgschaft los.

Es steht noch ein weiterer Genitiv in diesem Satz: des Friedens. Es handelt sich dabei um ein Genitivattribut, das dem Bezugswort Geiseln vorangestellt ist:

des Friedens Geiseln = die Geiseln des Friedens

In modernerem Deutsch und ohne das Versmaß zu beachten lassen sich Grillparzers Worte ungefähr so umschreiben:

Der Krieg befreit die Geiseln des Friedens aus ihrer Bürgschaft.

Gemeint ist – wenn ich es richtig verstehe –, dass zu Friedenszeiten gestellte Geiseln freigelassen werden müssen, wenn der Krieg ausbricht. Dies wurde so kunstvoll mit zwei Genitiven und einem inzwischen veralteten Verb in Jamben gegossen, dass man sich heute gut konzentrieren muss, wenn man den Satz verstehen will.

Diese Art zu formulieren gehörte auch zu Grillparzers Zeiten nicht dem alltagsprachlichen Repertoire an. So sprach wohl niemand. Sie zeigt aber trotzdem, dass die deutsche Sprache sich seit 1840 sehr verändert hat. Auch in einem sehr literarisch gemeinten Text würde man heute eine solche Formulierung nicht mehr antreffen. Es ist also kaum erstaunlich, dass ein Text wie dieser Ihnen Schwierigkeiten bereitet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Kontext: Bischof Gregors Neffe Atalus wurde als Geisel gestellt, um Frieden zu schließen. Nun ist doch wieder Krieg ausgebrochen und Gregor spricht mit der Küchenhilfe Leon über Atalus’ Flucht oder Befreiung:

Leon:
Hm, das begreift sich. – Doch wenn Atalus
Ersäh‘ den Vorteil, seiner Haft entspränge?
Gregor:
Er möcht‘ es ohne Sünde, denn der Krieg
Zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln
,
Und nur mit Unrecht hält man ihn zurück.
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1840, 1. Akt]

Balkon, ein europäisches Wort

Vom Frühliungputz halte ich nicht viel, aber es ist Zeit, dem Dreck, der sich im Laufe des Winters auf dem Balkon niedergelassen hat, mit dem Besen zu Leibe zu rücken. Das merkt man spätestens dann, wenn die Balkonbegrünung wieder den Einsatz des Gießkännchens erfordert. Es folgt nun weder eine Beschreibung empfehlenswerter Balkongewächse noch ein Tipp, wie man am besten seinen Balkon fegt. Die zu behandelnde Frage ist vielmehr, woher Balkon eigentlich kommt.

Das Wort wird von vielen wie balkong ausgesprochen. Das deutet auf eine französische Herkunft hin. Wir haben es tatsächlich von den Franzosen übernommen, die das Wort balcon allerdings nicht selbst erfunden haben. Vor allem während des 16. und 17. Jahrhunderts war der italienische Einfluss am französischen Hof sehr groß: angefangen bei Katharina von Medici, die als Gattin Heinrichs II. ab 1547 Königin von Frankreich und später Regentin war, über Maria von Medici, ebenfalls durch Heirat französische Königin und später Regentin, bis hin zum auch aus Italien stammenden Kardinal Mazarin (Giulio Mazzarino), der von 1642 bis 1661 als regierender Minister Frankreichs die eigentliche Macht im Staat innehatte. Dieser über ein Jahrhundert währende politische und kulturelle Einfluss manifestierte sich auch in einer großen Anzahl italienischer Lehnwörter (Italianismen).

Auch balcon stammt aus dem Italienischen. Das Wort balcone bezeichnete dort ursprünglich ein Balkengerüst. Balkengerüst lässt vermuten, in welche Richtung man weitersuchen muss: balcone geht auf das langobardische Wort balko zurück. Die Langobarden waren ein germanisches Volk, das im 6. Jahrhundert in Norditalien einwanderte und dort auch einige sprachliche Spuren hinterließ (u. a. in der Lombardei, die ihren Namen den Langobarden verdankt). Das langobardische balko ist direkt mit unserem deutschen Wort Balken verwandt.

Den Balkon habe ich noch nicht gefegt, dafür weiß ich aber jetzt, dass man anhand des Wortes Balkon einen Teil der europäischen Geschichte verfolgen kann. Das germanische Wort gelangte mit den Langobarden nach Italien. Von dort reiste es mit italienischen Prinzessinnen, Kardinälen und deren Gefolge nach Frankreich und kam später, als das Französische hier noch sehr en vogue war, wieder zu uns in den germanischen Sprachraum zurück – ein wahrhaft europäisches Wort! Nebenbei wissen Sie nun auch, dass man Wortgeschichte als Vorwand benutzen kann, wenn man keine Lust auf Hausarbeit hat. Der Balkon muss noch einen Tag warten.

Gescheiter[t]

Frage

Gibt es einen Grund, warum die Wörter „gescheit“ und „gescheitert“ so ähnlich sind? Oder ist es nur Zufall?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

im heutigen Deutsch gibt es keinen Zusammenhang zwischen gescheitert und gescheit. Ganz zufällig ist die Ähnlichkeit der beiden Wörter aber nicht:

Das Wort gescheit geht auf ein altes Adjektiv geschîde zurück, das in übertragenem Sinne (geistig) scharf und unterscheidend bedeutete. Dieses Adjektiv ist direkt mit dem Verb schîden, einer Nebenform von scheiden, verwandt.

Das Wort gescheitert gehört zum Verb scheitern. Mit der Bedeutung misslingen, fehlschlagen ist dieses Verb relativ jung (17. Jh.). Davor gab es zerscheitern (16. Jh.), wahrscheinlich also in Scheiter gehen, in Stücke gehen. Das Wort Scheit (abgespaltenes Stück Holz) hatte früher die Form schît und ist – vielleicht erraten Sie es schon – mit dem Verb scheiden verwandt.

Gescheit und gescheitert sind also beide in gewissem Sinne Nachkommen des Verbs scheiden. Ihre Bedeutungen haben sich aber sehr unterschiedlich entwickelt. Der Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern ist deshalb (wie die Verwandtschaft mit Holzscheit) nur noch rein formal am Wortkern scheit zu erkennen – auch wenn es wenig Mühe bereitet, die beiden Wörter gemeinsam in einen Satz zu zwängen: „Wärst du gescheiter, wärst du nicht gescheitert.“ „Daran sind schon Gescheitere gescheitert.“

Gegen das Ende der Wintersportsaison auch interessant: Über ein paar zusätzliche (norwegische) Ecken hat auch das Wort Ski mit gescheitert und gescheit zu tun. Das norwegische Wort für Schneeschuh, den Vorläufer des Skis, ist nämliche ein direkter Verwandter des deutschen Wortes Scheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum heißt die Gegenwart so?

Kinder stellen gute Fragen. Ich hatte mir die folgende Frage jedenfalls noch nie gestellt – und das als „Sprachler“!

Frage

Mein achtjähriger Sohn M[…] fragt, warum das Wort „Gegenwart“ so heißt? Woher kommt die Wortverbindung aus „gegen“ und „wart(en?)“ bzw. was hat diese mit der Wortbedeutung zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau R., lieber M.,

das Wort Gegenwart ist ein altes Wort. Es ist mit einem Adjektiv verbunden, das gegewertec oder gegenwürtec hieß und gegenwärtig, anwesend bedeutete. Die wörtliche Bedeutung war gegenüber seiend. Es bezeichnete also dasjenige, das sich einem gegenüber befindet, das anwesend ist.

Den Wortteil gegen kann man somit als gegenüber verstehen. Der zweite Teil, wart, hat nichts mit dem Wort warten zu tun. Er ist mit -wärtig verwandt, das gewendet, gerichtet bedeutete. Man findet dieses wärt(ig) heute noch in zum Beispiel auswärts (nach außen gewendet), abwärts (hinab gerichtet), südwärts (nach Süden gerichtet) usw.

Als Bezeichnung für die Zeitform des Verbs kam Gegenwart erst im 18. Jahrhundert auf.

Von der früheren wörtlichen Bedeutung gegen(über) gerichtet, gegenüber seiend bis zur heutigen Bedeutung Jetztzeit hat das Wort Gegenwart also einen recht langen Weg zurückgelegt, den man aber – wenn man es einmal weiß – recht gut nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In der Tinte sitzen

Frage

Ich wollte Sie freundlich anfragen, ob Sie mir aus der Patsche helfen. Woher kommt wohl der Ausdruck „in der Tinte sitzen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

aus dieser Patsche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich haben keine zuverlässige Erklärung für die Entstehung der Wendung in der Tinte sitzen (= in Bedrängnis, Schwierigkeiten sein) finden können.

Eine Erklärung sagt, dass man dann so richtig in der Tinte sitzt, wenn man durch etwas in Bedrängnis kommt, das schriftlich, das heißt mit Tinte festgelegt ist. Besser gefällt mir der Versuch, den Ursprung der Wendung in der „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“ zu suchen. In der nach heutigen Maßstäben politisch nicht sehr korrekten Erzählung wird ein vor dem Tor spazierender Mohr zum Gespött dreier böser Buben. Zur Strafe werden die uneinsichtigen Bösewichte ins große Tintenfass des großen Nikolas getunkt:

Da kam der große NIKOLAS
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr

Der Niklas wurde bös und wild,
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas

[Heinrich Hoffmann, Die Geschichte von den schwarzen Buben, in: Lustige Geschichten und drollige Bilder, 1845, Frankfurt am Main (ab 1847 mit dem Titel Der Struwwelpeter)]

So sympathisch die Erklärung auch klingen mag, die Redewendung in der Tinte sitzen kann ihren Ursprung nicht im „Struwwelpeter“ haben. Gemäß den Angaben in Grimm verwendete zum Beispiel Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510), Autor und bekannter Münsterprediger in Straßburg, diese Ausdrucksweise bereits Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts:

ir stecken mit mir in der dinten
[Doctor Keiserssbergs Postill, 1522]

soltestu den man strofen, din gesind strofen, so bistu selber in der dinten
[Peregrinus / Der bilger mit seinen eygenschaften, 1494]

Am wahrscheinlichsten ist, dass Tinte, die bei unsachgemäßer Handhabung ja ausgezeichnet und hartnäckig beschmutzen kann, eine nettere Alternative für Dreck war und ist. Auch ihre dunkle, undurchsichtige Färbung mag zu diesem negativen Bild beitragen. Mit Sicherheit kann ich dies aber leider nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Lawine kommt aus der Schweiz

Wenn es viel schneit kommt in den Bergen neben großer Wintersportfreude unweigerlich auch große Lawinengefahr auf. Das allgemein bekannte und zurzeit leider wieder sehr aktuelle Wort Lawine kommt aus der Schweiz. Dass es aus dem Alpenraum stammt, ist nicht sehr erstaunlich, denn im deutschsprachigen Raum gab es vor Massenreisefieber und Massenmedien andernorts selten Verwendung für dieses Wort – außer vielleicht im Zusammenhang mit Dachlawinen, doch man kam dabei offensichtlich ohne die spezielle Bezeichnung Lawine aus.

Nun klingt Lawine im Vergleich zu Chuchichäschtli, Chopfchüssi, Grüezi/Grüessech, Müesli und Bankghäimnis nicht sehr schweizerdeutsch. Das liegt daran, dass wir es eigentlich den Lateinern zu verdanken haben. Seine Wurzel ist lateinisch l?bī = herabgleiten, fallen, von dem das spätlateinische l?bīna = Erdrutsch, Bergsturz abgeleitet wurde. Über das Ladinische und Rätoromanische der in den Alpen wohnenden Romanen gelang das Wort schon früh zu den Alemannen an die Alpennordseite: lewina, lowin dann Láui, Láuine, Láuene. Das Wort reiste auch andernorts über die Alpen: bairisch-österreichisch u. a. L?ne, L?n, Län. In der schweizerischen Form Lauwin(e) wurde es später in die Schriftsprache übernommen und gelangte über die Reiseliteratur auch weiter nördlich zu einiger Bekanntheit. Zum eigentlichen „Durchbruch“ hat dem Wort wohl Friedrich Schiller verholfen, der in seinem „Willhelm Tell“ die Nebenform Lawine verwendete:

Bei jedem Abschied zittert mir das Herz,
Dass du mir nimmer werdest wiederkehren.
Ich sehe dich im wilden Eisgebirg,
[…] Wie eine Windlawine dich verschüttet,
[3. Aufzug 1. Szene]

– Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern,
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.
– So ists, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegen stellte.
[3. Aufzug 3. Szene]

Vater, es wird mir eng im weiten Land,
Da wohn’ ich lieber unter den Lawinen
[3. Aufzug 3. Szene]

Am Abgrund geht der Weg, und viele Kreutze
Bezeichnen ihn, errichtet zum Gedächtniß
Der Wanderer, die die Lawine begraben.
[5. Aufzug 2. Szene]

Auch damals versuchte man also, dem Publikum mit der Schilderung „exotischer“ Gefahren ein Schaudern zu entlocken. Die Hauptbetonung ist auf dem Weg in den Norden übrigens von der ersten Silbe (Láuwine) auf die zweite Silbe (Lawíne) gerutscht.

Das Wort Lawine kommt also aus der Schweiz. Genauer müsste man allerdings sagen, dass es aus dem Spätlateinischen über die Schweiz in Werken von Reiseschriftstellern und Dichterfürsten in den allgemeinen deutschen Wortschatz gelangt ist.

Wie dem auch sei: Seien Sie vorsichtig und passen Sie gut auf, wenn Sie sich auf Latten und Brettern in den Schnee wagen! Lawinen sind gefährlich – nicht nur bei Schiller und nicht nur in der Schweiz.

Eisspazieren

Wenn es die Holländer und die Italiener zugleich massenweise in die Berge zieht, ist Wintersport angesagt: Man fährt Ski, snowboardet, geht langlaufen, rodelt (oder schlittelt) und vergnügt sich beim Après-Ski. (Zwischenfrage: Verwendet tatsächlich irgendjemand außer in Kolumnen und touristischen Werbeprospekten das Wort Après-Ski?) In flacheren Gegenden kann man ebenfalls langlaufen oder man läuft eis oder Schlittschuh. Damit wären lange nicht alle, aber die wichtigsten Wintersportverben genannt.

Bei uns war gestern eine andere winterliche Tätigkeit angesagt: das Eiswandern. Damit meine ich hier nicht, dass wir auf einem gefrorenen Fluss, Kanal, Teich oder See herumspaziert sind oder gar mit Rucksack und Stöcken bewaffnet die Finnische Seenplatte durchquert hätten. Nein, wir sind um und durch das Hochmoor gegangen, über das an dieser Stelle schon einmal geschrieben wurde.

Das Erwähnenswerte daran ist weniger, dass wir um das Moor gegangen sind, sondern dass wir uns durch das Moor wagen konnten. Normalerweise ist davon nämlich abzuraten, wie dies an einigen Stellen Schilder mit der Aufschrift Nicht betreten. Lebensgefährlich! vielleicht etwas drastisch, aber nicht ganz zu Unrecht den allzu Waghalsigen begreiflich zu machen versuchen. Wir halten uns gewöhnlich brav daran.

Nach einer so langen Frostperiode sieht ein Hochmoor ganz anders aus: Wo sonst Wasserflächen glänzen und man knöchel- bis achseltieft im Schlamm versinkt, glitzern Eisflächen umgeben von solide gefrorenem Boden. Ein ganz besonderer Anblick! Wir konnten es natürlich nicht lassen, uns ein Stück weit in das Moor hineinzuwagen. Statt einsinken war ausgleiten das Risiko.

Es ist eine Variante des Eiswanderns oder „Eisspazierens“, die ich nur empfehlen kann. Sie sollten allerdings zu Ihrem Wohle sicher sein, dass alles wirklich solide geforen ist, und zum Wohle des Moores nicht hordenweise, lärmend und alles niedertrampelnd eine Schneise durch die gefrorene Natur schlagen. Kurzum, Vorsicht und Behutsamkeit sind geboten, dann ist es wirklich schön!

Der Bürgersteig

Frage

Bürgersteig! Ist diese Bezeichnung für „Gehweg“ heute noch standesgemäß? Während meines Studiums, wurde uns erklärt, diese Definition stamme aus Kaisers Zeiten! Um den Kaiser bei Besuchen, Paraden etc. besser sehen zu können, sollten die Bürger den höher gelegenen Teil der Straße (den Bürgersteig) benutzen! Warum nicht heute generell „Gehweg“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.

am Wort Bürgersteig gibt es eigentlich nicht so viel auszusetzen. Die Erklärung, die man Ihnen während des Studiums gegeben hat, scheint mir nicht wirklich zutreffend zu sein. Bürgersteige gab es schon vor des Kaisers Zeiten. Vielleicht war aber auch einfach allgemein ein Fürst gemeint oder wurden Bürgersteige erst unter kaiserlicher Herrschaft so genannt. Bürgersteige gab es allerdings auch dort, wo keine kaiserlichen oder sonstigen fürstlichen Paraden zu erwarten waren. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie außerdem häufiger Trottoir genannt. Eine andere überzeugende Erklärung muss ich Ihnen aber ehrlich gesagt auch schuldig bleiben. Ich konnte sie in keiner der mir zur Verfügung stehenden Quellen finden. So behauptet jemand, dass der Bürgersteig so heiße, weil nur die gute Bürgerschaft, nicht aber das gewöhnliche Volk ihn benutzen durfte. Bei dieser Erklärung ist die Benutzung des Bürgersteigs also nicht dem niedrigeren Stand, sondern umgekehrt den Höhergestellten vorbehalten.

Die genaue Herkunft des Wortes ist also ungeklärt oder einfach so unspektakulär, dass ich keine Informationen dazu finden konnte. Heute heißt der erhöhte Gehweg für Fußgänger jedenfalls so, ohne dass ein bestimmter sozialer Stand damit verbunden wäre. Ich finde also keinen Grund, weshalb man das Wort Bürgersteig nicht mehr verwenden sollte. (Man könnte sich höchstens Fragen, ob denn Fahrradfahrer, Motorradfahrer und Automobilisten nicht auch Bürger sind. Nicht alle Verkehrsteilnehmer auf Rädern sind schließlich ungehobelte Rüpel und auch unter den Fußgängern gibt es sich eher proletenhaft Benehmende.) Das Wort Bürgersteig ist allerdings nicht überall üblich und manche finden den Begriff etwas veraltet. Deshalb hört man oft eher Gehweg, Gehsteig (SO-Deutschland, Österreich) oder Trottoir (Schweiz).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp