Helmut und seine Liebe(n) im Genitiv

Frage

Mit einem Freund bin ich unterschiedlicher Meinung über die richtige Verwendung von „seiner“ und „seinen“ im folgenden Satz, welchen ich in ein Gedicht eingebaut hatte:

Herr Müller wird dann aufgeschrieben
Zum Wohl Helmuts und seinen Lieben

H.  widersprach und setzte sich für „seiner“ Lieben ein.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

Ihr Freund hat recht. Richtig ist:

zum Wohl Helmuts und seiner Lieben

Hier ist nämlich der Genitiv gefragt:

zu wessen Wohl?
zum Wohl Helmuts und
zum Wohl seiner Lieben

Im Genitiv ist also ohne Satzzusammenhang nicht ersichtlich, ob es sich um eine einzelne weibliche Person (seine Liebe) oder um mehrere Personen (seine Lieben) handelt, also ob seine liebe Frau oder Freundin resp. seine lieben Angehörigen gemeint sind. Diese Undeutlichkeit kann man aber nicht klären, indem man seinen statt seiner verwendet. Meistens ergibt sich aus dem Kontext, was gemeint ist, und sonst muss umformuliert werden. In diesem Fall fände ich die „Undeutlichkeit“ gar nicht so undeutlich, selbst wenn der (weitere) Kontext keine genauen Schlüsse zulässt. Wenn Helmut eine besondere Liebe hat, gehört sie auch zu seinen Lieben, die sich sicher gerne ein bisschen mitgemeint fühlen. Und wenn er keine hat, ist ohnehin die Mehrzahl gemeint. In der Sprache ist selten mathematische Präzision gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Für die Kleinschreibung des Adjektivs

Stellvertretend für immer wiederkehrende Fragen zur Groß- und Kleinschreibung von Adjektiven in fest(er)en Wendungen greife ich die Beispiele von Frau P., Herrn W. und von L. auf. Es ging den drei Fragenden um die folgenden Wendungen:

die ordentliche Hauptversammlung / die Ordentliche Hauptversammlung
die allgemeinen Geschäftsbedingungen / die Allgemeinen Geschäftsbedingungen
die freie Marktwirtschaft / die Freie Marktwirtschaft
die unterlassene Hilfeleistung / die Unterlassene Hilfeleistung
der öffentliche Dienst / der Öffentliche Dienst

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Nach den Angaben der Rechtschreibregelung ist hier überall die Kleinschreibung des Adjektivs zu empfehlen. Bis auf gewisse zum Teil ziemlich schwammig definierte Ausnahmen ist die Großschreibung des Adjektivs in festen Wendungen in der Rechtschreibregelung nicht vorgesehen (§63).

Großgeschrieben wird in den folgenden Fällen (§60§64)

Eigennamen

die Neue Zürcher Zeitung
das Zweite Deutsche Fernsehen
das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK

Titel, Ehren- und Amtsbezeichnungen

der Heilige Vater
die Erste Vorsitzende

besondere Kalendertage

der Heilige Abend (24. Dez.)
der Weiße Sonntag (erster Sonntag nach Ostern)

Arten, Unterarten und Rassen in Botanik und Zoologie

der Japanische Ahorn
die Schwarze Mamba

Großgeschrieben werden können (und hier wird es schon etwas schwammiger):

Verbindungen, die eine neue Gesamtbedeutung haben (§63E). Die Standardbeispiele sind:

das schwarze / Schwarze Brett (das Anschlagbrett, das nicht schwarz sein muss oder auch digital sein kann)
der weiße Tod / Weiße Tod (der Lawinentod)
der letzte Wille / Letzte Wille (das Testament)

Was oft vergessen wird, ist der folgende Zusatz:

Kleinschreibung des Adjektivs ist in diesen Fällen der Regelfall.

Die schwammigste und deshalb vielleicht am häufigsten ge- und missbrauchte Ausnahmeregel ist die folgende :

Fachsprachliche Wendungen (§64E)

Die Großschreibung von Adjektiven, die mit dem Substantiv zusammen für eine begriffliche Einheit stehen, ist auch in Fachsprachen außerhalb der Biologie und bei Verbindungen mit terminologischem Charakter belegt.

die Gelbe Karte
der Goldene Schnitt
die Erste Hilfe

Man muss hier das Wörterverzeichnis bemühen, das die Regeln ergänzt, um zu sehen, dass in diesen Fällen auch die Kleinschreibung möglich ist:

die gelbe Karte
der goldene Schnitt
die erste Hilfe

Gerade in Fachsprachen kommt die Großschreibung des Adjektivs sehr häufig vor. Warum dies so ist, weiß ich nicht. Ich vermute, dass das Fachwort in dieser Form irgendwie „fachwortlicher“ aussieht. Wie meine eher negative Charakterisierung zeigt, wundere ich mich ein wenig über diese Vorliebe für die Großschreibung. Ich will den Fachleuten aber nicht dreinreden, wie sie ihre Fachwörter in Fachtexten zu schreiben haben.

Zurück zu den Beispielen oben. Die Wendungen sind keine Eigennamen oder andere Begriffe, die großgeschrieben werden müssen. Sie haben keine sonderliche Eigenbedeutung, die sich nicht aus der Bedeutung des Adjektivs und des Nomens erschließen ließe. Bis auf unterlassen Hilfeleistung sind es auch keine wirklichen Fachbegriffe. Meine Schlussfolgerung: Es gibt keinen Grund, das Adjektiv in diesen Verbindungen großzuschreiben. Also

die ordentliche Hauptversammlung
die allgemeinen Geschäftsbedingungen
die freie Marktwirtschaft
die unterlassene Hilfeleistung
der öffentliche Dienst

Es folgen noch ein paar Beispiele mit großgeschriebenen Adjektiven, die ich im Internet gefunden habe, bei denen ich eindeutig für die Kleinschreibung plädieren würde:

die Angewandte Chemie, die Archimedische Schraube, der Argentinische Tango, das Autogene Training, das Bürgerliche Recht, eine Dantische Hölle, die Erneuerbaren Energien, die Funktionale Grammatik, die Gewaltfreie Kommunikation, die Innere Medizin, das Kleine Latinum, das Kopernikanische Weltbild, das Kreative Schreiben, die Organische Chemie, die Sozialen Medien, die Technische Dokumentation, die Theoretische Physik usw. usw. usw.

NB: In all diesen Fällen ist die Rechtschreibregelung für die Kleinschreibung des Adjektivs. Und Dr. Bopp auch.

Salsasauce und Diebstahl

Wenn Sie sich über Ausdrücke wie La-Ola-Welle und Salsasauce wundern oder gar ärgern, können Sie wahrscheinlich spanisch. Wenn Sie sich fragen, was an diesen Wörtern nicht stimmen könnte: Es sind Tautologien oder Pleonasmen, das heißt Ausdrücke, die zweimal dasselbe ausdrücken (ola = sp. für Welle, salsa = sp. für Sauce). Solches „doppelt Gemoppelte“ gibt es immer wieder, manchmal aus Unkenntnis eines (Fremd)-Wortes, manchmal bewusst zur Erzeugung eines bestimmten Effektes und manchmal auch einfach, weil es praktischer und verständlicher ist.

Solche tautologischen oder pleonastischen Ausdrücke werden oft sehr kritisch beurteilt. Was ist aber so falsch an La-Ola-Welle, wenn kein Mensch weiß, was la ola bedeutet? Und Salsa mag dann im Spanischen einfach Sauce bedeuten, in der deutschsprachigen Küche und Gastronomie wird damit in der Regel eine bestimmte mexikanische Zubereitungsart mit Chili, Tomaten, Zwiebeln und anderen Zutaten bezeichnet. So hat man dann am Grillfest die Wahl zwischen Barbecue-, Knoblauch- und Salsasauce. Es gibt schließlich auch den lateinamerikanischen Tanz mit dem Namen Salsa, und den meinen wir ja nicht, wenn wir Sauce neben das Gegrillte auf den Teller schöpfen.

Ich will nun nicht alle Tautologien, Pleonasmen und Redundanzen verteidigen. Auch ich finde, dass man nicht bereits schon sagen, sondern sich für eines der beiden Wörter entscheiden sollte. Ich meine nur, dass Doppelungen häufig nicht einfach falsch oder überflüssig sind. Manchmal geht es um die Erzeugung eines komischen Effekts (Nur über meine tote Leiche!), manchmal um Verdeutlichung (Im Land der Zwerge ist ein kleiner Zwerg kleiner als ein großer) und manchmal sind sie praktischer und verständlicher als die einfache Formulierung (HIV-Viren statt „korrekt“ HI-Viren oder HIVs). Im Umgang mit solchen Ausdrücken und Wendungen braucht man keine Liste mit „richtig“ und „falsch“, sondern ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Tautologien sind übrigens nichts Neues. Ein schönes Beispiel ist das Wort Diebstahl. Es war mir nie aufgefallen, bis ein Kalenderblatt mich kürzlich darauf hingewiesen hat. Es hieß schon im Mittelhochdeutschen diupstāle, diepstāl. Der erste Teil ist mit dem heutigen Dieb verwandt und bedeutete Diebstahl, Gestohlenes. Der zweite Teil ist natürlich mit stehlen verwandt und bedeutete auch Stehlen. Diebstahl ist also eigentlich gestohlenes Diebesgut – doppelt Gemoppeltes vom Feinsten!

Vielleicht geschieht mit Salsasauce einmal dasselbe wie mit Diebstahl: Das Wort wird als eigenes Wort lexikalisiert und fällt niemandem mehr als Tautologie auf. Vielleicht gerät die Sauce aber auch einfach wieder in Vergessenheit. Saucen unterliegen Trends und Moden, Diebstähle wird es wohl immer geben.

Im vierzehntägigen Rhythmus?

Ich habe mich zuerst gefragt, was an vierzehntägiger Rhythmus falsch sein soll. Warum es falsch sein könnte und ich es letztlich dennoch nicht für falsch halte, lesen Sie hier:

Frage

Auf einer Webseite, die ein Kollege von mir überarbeitet, ist von mehreren Gruppenangeboten die Rede. Bezüglich jener Gruppen, die nicht jede, sondern nur jede zweite Woche stattfinden, steht da: „Bei Gruppen mit 14-tägigem Rhythmus bitte die Termine telefonisch […] erfragen.“ Nun wurde ich gefragt, ob es nicht „mit 14-täglichem Rhythmus“ heißen muss, denn laut Duden bedeutet 14-tägig zwei Wochen dauernd, 14-täglich hingegen sich alle zwei Wochen wiederholend. Dennoch klingt „mit 14-täglichem Rhythmus“ irgendwie komisch. Um ganz sicher zu gehen, frage ich Sie.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

wenn man es genau nimmt und die genannte Unterscheidung zwischen –tägig und –täglich streng anwendet, passt hier weder vierzehntägig noch vierzehntäglich:

vierzehntägig = vierzehn Tage dauernd
vierzehntäglich = im Abstand von 14 Tagen wiederkehrend

Nicht der Rhythmus, sondern der Abstand zwischen zwei Treffen ist vierzehn Tage dauernd. Nicht der Rhythmus, sondern die Treffen sind im Abstand von vierzehn Tagen wiederkehrend. Wenn Sie es also ganz genau nehmen, weichen Sie aus auf zum Beispiel:

bei Gruppen mit einem 14-Tage-Rhythmus
bei Gruppen mit einem Rhythmus von 14 Tagen
bei Gruppen, die sich in vierzehntägigem Abstand treffen

Ganz so streng müssen Sie aber in diesem Fall nicht sein. Oft ist es recht wichtig, welche Form man wählt (vgl. hier). So freuen sich die Großeltern vielleicht über den vierzehntäglichen Besuch der fünf dynamischen Enkelkinder, aber ein vierzehntägiger Besuch wäre ihnen doch etwas zu anstrengend. Ich finde dreimonatliche Arbeitstreffen eindeutig weniger belastend als dreimonatige Arbeitstreffen. In Verbindung mit Rhythmus ist diese Verwechslungsgefahr aber nicht gegeben. Sie können es deshalb auch ein bisschen weniger genau nehmen und die häufig vorkommende und gut verständliche Formulierung mit vierzehntägig verwenden:

bei Gruppen mit vierzehntägigem Rhythmus

Das Adjektiv vierzehntägig drückt hier nur aus, dass der Rhythmus etwas mit vierzehn Tagen zu tun hat, womit eigentlich alles klar wäre. Ein kleines Wort der Warnung ist allerdings angebracht: Wenn Sie sich für die Formulierung mit vierzehntägigem Rhythmus entscheiden, sind Kopfschütteln oder Kommentare von Menschen, die es ganz genau nehmen, nicht auszuschließen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fuchsiafarben oder fuchsienfarben?

Frage

Heißt es fuchsiafarben oder fuchsienfarben?

Antwort

Sehr geehrte Frau U.,

meine spontane Antwort lautet:

fuchsiafarben

Das sächliche Wort Fuchsia ist eine Farbbezeichnung und hat keinen Plural. Pumps in Fuchsia sind also fuchsiafarben.
Fuchsia
Der Plural Fuchsien gehört zum Pflanzennamen die Fuchsie.

Fuchsie

Und nun kommen die ersten Zweifel daran, ob die obige spontane Begründung die einzig mögliche ist. Der Farbname Fuchsia ist natürlich vom lateinischen (oder vom englischen?) Namen der Fuchsie abgeleitet. Etwas in Fuchsia hat also ganz einfach die Farbe einer Fuchsie. Man kann die Farbbezeichnung deshalb auch einfach links liegen lassen und wie bei rosenfarben und lilienweiß direkt „durch die Blume“ sprechen:

fuchsienfarben

Die Pumps können also auch als fuchsienfarben umschrieben werden.

Die gleiche Auswahlmöglichkeit zwischen der (unveränderlichen) Farbbezeichung und der Pflanze, die der Farbbezeichnung ihren Namen gegeben hat, gibt es auch bei zum Beispiel:

auberginefarben – auberginenfarben
olivfarbig – olivenfarbig
orangefarben – orangenfarben

Und zu guter Letzt noch ein Beispiel, bei dem ich nie genau weiß, welche Farbe eigentlich gemeint ist:

mauvefarbig – malvenfarbig

Lassen Sie sich nicht dadurch verunsichern, dass nicht all diese Farbadjektive in allen Wörterbüchern vorkommen. Sie sind trotzdem alle korrekt gebildet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenpuzzle für den Urlaub (und für die Daheimgebliebenen)

Ein kleine Aufgabe, bei der mit Verbformen jongliert werden muss – nur für Leute, die solches auch wirklich mögen. Den anderen Urlauberinnen und Urlaubern empfehle ich ein Kreuzworträtsel oder ein gutes Buch. Auch ich ziehe in meiner Freizeit beides dem Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv vor.

Frage

Ein Nicht-Muttersprachler bat in einem Onlineforum um die Korrektur einer Grammatikübung:

Something must be done. = Es muss etwas getan werden.
Something had to be done. = Es musste etwas getan werden.

und so weiter ohne Probleme bis:

Something will have had to be done. = ?

Sein Vorschlag „Es wird etwas getan werden gemusst haben“ klingt in meinen Ohren falsch, wohl wegen des „gemusst“. Aber ich bin selbst nicht sicher, was richtig wäre: „… werden haben müssen“, „… werden müssen haben“?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

es geht hier um eine Form, der man in der „freien Wildbahn“ nie begegnet und die entsprechend auch nur theoretisch ist.

Der Vorschlag im Forum ist tatsächlich nicht richtig, und zwar, wie Sie zu Recht bemerken, weil er das Partizip gewollt enthält. Was ist dann aber richtig? Wenn wir die Form langsam aufbauen, wird es vielleicht deutlicher. Es geht um das Futur II eines Modalverbs mit einem Infinitiv Passiv (wenn ich dieses Verbformenmonstrum tatsächlich richtig analysiere):

Präsens: Es muss etwas getan werden.
Futur I: Es wird etwas getan werden müssen.
Futur II: Es wird etwas getan werden müssen haben.

In den zusammengesetzten Zeiten steht bei Modalverben wie müssen und können nicht das Partizip Perfekt, sondern der sogenannte Ersatzinfinitiv:

Er hat etwas tun müssen (nicht: tun gemusst)
Es hat etwas getan werden müssen (nicht: *getan werden gemusst).
Es wird etwas getan werden müssen haben. (nicht: *getan werden gemusst haben).

Das ist aber noch nicht alles. Ihre Unsicherheit rührt wahrscheinlich daher, dass ein solcher Ersatzinfinitiv in der Regel am Schluss der Verbgruppe steht. Zum Beispiel:

etwas, was sie hat tun wollen (nicht: *tun wollen hat)
etwas, was sie hätten wissen müssen (nicht: *wissen müssen hätten)

Das Hilfsverb haben hat deshalb auch hier die Neigung, dem Ersatzinfinitiv müssen die letzte Position zu überlassen und weiter vorn zu stehen (obwohl haben hier im Gegensatz zum „Normalfall“nicht finit ist). Es gibt möglicherweise also mehr als eine Lösung, wobei die Fragezeichen meine wachsenden Zweifel an der Akzeptabilität der Formulierungen angeben sollen:

Es wird etwas getan werden müssen haben.
Es wird etwas haben getan werden müssen. (?)
Es wird etwas getan haben werden müssen. (??)

Die erste Form ist nach den allgemeinen Regeln gebildet. Die anderen nach einer Ausnahmeregel. Welche Regel hier im Standarddeutschen wirklich greift, kann m. E. nicht eindeutig gesagt werden, weil solche Formen in der Sprachrealität gar nicht vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Urlaub und mehr

Diese Woche bin ich (halb) im Urlaub. Blogeinträge sind deshalb nicht zu erwarten und auch auf eine Reaktion auf Ihre Fragen und Kommentare müssen Sie leider etwas länger warten. Ich bitte Sie um Verständnis dafür.

Und wenn ich schon dabei bin, um Verständnis zu bitten: Wegen technischer Probleme war dieser Blog und die Frage/Kommentar-Seite leider ein paar Tage nur sehr schlecht erreichbar. Ab heute sollte alles wieder gewohnt schnell sein. Alles außer – wie bereits gesagt – meinen Antworten.

So groß wie ein Fünfcentstück

Eine Frage aus dem Bereich der Wortungetümkandidaten. Unter Wortungetümen verstehe ich nicht nur ganz lange Wörter, sondern auch Zusammensetzungen mit einer komplizierten Struktur. Heute geht es um zwei Wörter, die vielleicht nicht ganz das Prädikat „Wortungetüm“ verdienen, bei denen man sich aber doch überlegen sollte, ob eine Umschreibung nicht leserfreundlicher wäre.

Frage

Wie schreibt man eigentlich „Zweieurostück-groß“, „5-Cent-Stück-groß“ und Ähnliches? Also es geht um Dinge, die so groß sind wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück. Was wird hier groß- oder kleingeschrieben? Kommen Bindestriche hin und, wenn ja, wo?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

wenn Sie mit einem Wort beschreiben möchten, dass ein Ding so groß ist wie ein Zweieurostück oder ein Fünfcentstück, gibt es auf der Ebene der Rechtschreibung verschiedene Lösungen:

zweieurostückgroß; ein zweieurostückgroßes Ding
fünfcentstückgroß; eine füncentstückgroße Sache

Zweieurostück-groß; ein Zweieurostück-großes Brandloch
Fünfcentstück-groß; eine Fünfcentstück-große Wunde

2-Euro-Stück-groß; ein 2-Euro-Stück-großer Rostfleck
5-Cent-Stück-groß; die 5-Cent-Stück-großen Farbkleckse

*In Verbindungen mit Bindestrich werden die Substantive großgeschrieben, auch wenn der Gesamtbegriff wie hier ein Adjektiv ist. Siehe hier.

Da ich immer für Zurückhaltung bei der Verwendung des Bindestrichs bin, würde ich mich unter Bedrohung mit einer geladenen Pistole für die erste Variante entscheiden. Meine unverbindliche Empfehlung für bessere Lesbarkeit ist aber eine ganz andere:

ein Ding, das so groß ist wie ein Zweieurostück
eine Sache von/mit der Größe eines Fünfcentstücks

Das ist nicht ganz so kurz und „schnittig“ formuliert, aber es liest sich einfacher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein paar Kilo(s) zu viel?

Frage

Ich sitze an Korrekturen und bin über den Plural von „Kilo“ gestolpert. In unterschiedlichen Quellen trat manchmal ein Plural gekennzeichnet auf, manchmal nicht. Können Sie mir bitte erklären, ob und wie die Pluralvarianten verwendet werden?

Sicher bin ich mir in der Verwendung mit der genauen Anzahl: „Sie wog 75 Kilo.“ Jedoch schwanke ich bei dem Satz: „Ich veränderte die Einstellung des Gerätes, falls er doch ein paar Kilo(s) zu viel haben sollte.“

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nach einer Zahlenangabe ist Kilo wie viele andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben unveränderlich:

75 Kilo
zweieinhalb Kilo
100 Kilo

Wenn die Angabe Kilo nicht nach einer Zahlenangabe steht, kann sie auch als mehrere einzelne Einheiten aufgefasst werden und im Plural stehen:

ein paar Kilos zu viel / ein paar Kilo zu viel
einige wenige Kilos / einige wenige Kilo
Dutzende Kilos Abfall / Dutzende Kilo Abfall
Jetzt geht es den Kilos an den Kragen!

Siehe auch hier (insbesondere unter „Singular oder Plural“)

Das gilt übrigens nicht nur für das Wort Kilo, sondern auch für andere männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben. Hier noch ein paar Beispiele:

einige Grade wärmer / einige Grad wärmer
ein paar Gramme mehr / ein paar Gramm mehr
Petro-Dollars für die Energiewende

Und auch der Euro ist trotz allem, was häufig behauptet wird, nicht immer unveränderlich:

ihre sauer verdienten Euros

Einfacher sind in dieser Hinsicht die weiblichen Maß- und Mengenangaben. Sie werden im Plural immer gebeugt:

20 Tonnen
100 Meilen
3 Ellen Seide
7 Kisten Sekt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Satz mit weiß ich wie vielen Kommas

Frage

Kann man die folgenden beiden Sätze sowohl mit Kommas als auch ohne schreiben?

Er fährt für(,) was weiß ich wie lange(,) nach London.
Er hat sich mit(,) was weiß ich wem(,) getroffen.

Antwort

Guten Tag H.,

wenn man es ganz genau beschrieben haben will, lassen uns die Rechtschreibregeln hier im Stich. Es handelt sich um einen Sonderfall, der nicht detailliert behandelt wird. Ich würde wie folgt vorgehen:

Im Prinzip werden eingeschobene Sätze (Schaltsätze) durch Kommas abgetrennt (Regel):

Er fährt, ich bin sicher, für einige Tage nach London.
Er hat sich, so heißt es, mit Freunden getroffen.

Es gibt aber formelhafte Sätze, die nicht mehr als Satz, sondern als adverbiale Wendung empfunden werden und entsprechend nicht mehr immer durch Kommas abgetrennt werden. Sie können also mit oder ohne Kommas stehen:

Er fährt, wer weiß wie oft, nach London.
Er fährt wer weiß wie oft nach London.

Sie haben, weiß ich wie lange, nach einer Antwort gesucht.
Sie haben weiß ich wie lange nach einer Antwort gesucht.

Sie gibt sich, weiß Gott, viel Mühe.
Sie gibt sich weiß Gott viel Mühe.

Die Wendungen in Ihren Beispielsätzen gehören zu diesen formelhaften Wendungen. Hinzu kommt, dass sie so sehr in den Satz integriert sind, dass sie gar nicht mehr durch Kommas abgetrennt werden. Wenn die formelhafte Wendung weggelassen würde, bliebe ein unvollständiger Satz oder ein Satz mit einer anderen Bedeutung übrig:

Er fährt für was weiß ich wie lange nach London.
nicht: *Er fährt für London.

(Hier ist allerdings die Abtrennung der ganzen Präpositionalgruppe möglich:
Er fährt, für was weiß ich wie lange, nach London.)

Er hat sich mit was weiß ich wem getroffen.
nicht: *Er hat sich mit getroffen.

Ebenso besser nur ohne Kommas:

Sie wohnt wer weiß wo.
Sie würden Gott weiß was dafür gegeben.
Er hat einen Satz mit weiß ich wie vielen Kommas geschrieben!

Bevor Sie nun hieraus eine exakten Regel herzuleiten versuchen: Die Grenzen zwischen verpflichteten, fakultativen und „unmöglichen“ Kommas sind hier fließend. Als Faustregel kann bei solchen Wendungen gelten: Wenn in der gesprochenen Sprache vor und nach dem Einschub eine Pause gemacht wird, setzt man Kommas. Ich weiß nicht, ob Sie nun besser verstehen, wann man bei Formulierungen der Form weiß ich wie, wer weiß wo, weiß Gott was Kommas setzt. Vielleicht denken Sie auch nur: „Das soll weiß der Kuckuck wer begreifen!“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp