Hat irgendwo ein wo zu viel?

Irgendwie klingt irgend seltsam und urtümlich, wenn man es als isoliertes Wort betrachtet: irgend. Es ähnelt keinem anderen Wort außer nirgend(s) und sieht wie ein ganz altes Wort aus, das die Germanen schon benutzten, bevor die Römer ihnen sprachlich und vor allem auch sonst in die Quere kamen. Als mir das letzthin auffiel (das nennt man Berufsdeformation), konnte ich jedenfalls beim besten Willen nicht auf den leisesten Ansatz eines Erklärungsversuches kommen. Haben Sie eine Ahnung, woher irgend kommen könnte?

Der Ursprung ist im Althochdeutschen zu finden, wo sich io (immer) mit wār (wo) und einer Indefinitpartikel –gin zu io wergin, iergen verband. Im 13. Jahrhundert trat in der Aussprache noch ein t dazu: irgent. Die Bedeutung war bis ins 17. Jahrhundert örtlich: irgent = irgendwo. Das ist interessant oder ärgerlich für Leute, die keine „unnötigen“ Verdoppelungen mögen. Wortgeschichtlich gesehen könnte man nämlich sagen, dass unser irgendwo ein wo zu viel hat.

Die Form irgendwo ist natürlich nicht wirklich „doppelt gemoppelt“. Wörter entwickeln sich im Laufe der Zeit und können dabei andere Bedeutungen und Funktionen erhalten. Nach dem 17. Jahrhundert bekam irgend die allgemeinere Bedeutung der Unbestimmtheit, die es auch heute noch hat. Es hat seine eigenständige Bedeutung sogar so sehr verloren, dass man es nach der aktuellen Rechtschreibregelung fast immer mit einem ihm folgenden Adverb oder Pronomen zusammenschreibt: irgendein, irgendjemand, irgendetwas, irgendwie, irgendwann, irgendwo … Nur in Sätzen wie wenn irgend möglich steht es gelegentlich noch allein.

Und doch hat sich indirekt noch ein Rest der ursprünglich örtlichen Bedeutung von irgend erhalten. Die verneinte Form nirgend(s) ist auch heute noch ausschließlich örtlich gemeint: an keinem Ort. Konsequent ist das nicht, aber dafür – oder gerade deshalb – eine dieser kleinen Wortgeschichten, die mir immer gut gefallen.

Der „verdeutlichende“ Bindestrich verdeutlicht nicht immer: Mann-männlich und mannmännlich

Eine Kampagne dagegen würde ich nicht organisieren, aber ich mag ihn nicht besonders, den „verdeutlichenden“ Bindestrich. Das ist der Bindestrich, den man setzen kann, um lange, komplexe oder missverständliche Zusammensetzungen leichter lesbar zu machen (vgl. hier). Während ich ihn bei Hochgeschwindigkeits-Internetzugang oder Mehrzweck-Eckschrank ganz gerechtfertigt finde, geht mir in einem normalen Text das Verlangen nach Verdeutlichung bei Schnell-Zug und Schlafzimmer-Möbel einfach zu weit. Man kann und darf der durchschnittlichen Leserschaft problemlos viel längere Wörter zumuten, als manche dies annehmen. (Anders sieht es bei Texten aus, die für Menschen mit Leseschwächen bestimmt sind.) Manchmal kann der verdeutlichende Bindestrich sogar zu eher verwirrenden Wortbildern führen. Das Beispiel in Herrn F.s Frage zeigt, dass man den verdeutlichenden Bindestrich sparsam und wohlüberlegt verwenden sollte.

Frage

Ein Berufskollege bat mich, Korrektor/Lektor, zu folgendem Fall um Rat: Er hat auf seinem Arbeitstisch die Wörter «mannmännlich» und «mann-männlich» (schwule Beziehung, homosexueller Akt u. Ä.). Was gilt und warum? – Ich finde für keine der beiden Schreibweisen eine gute Begründung. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

hier würde ich eindeutig die Zusammenschreibung empfehlen:

mannmännlich

So schreibt man ja auch tagtäglich und wortwörtlich zusammen, zwei Wortbildungen die ganz ähnlich konstruiert sind. Es sind mit der Endung lich gebildete Ableitungen von Wortgruppen:

‚Tag für Tag‘ + lich = tagtäglich
‚Wort für Wort‘ + lich = wortwörtlich
‚Mann zu Mann‘ + lich = mannmännlich

Von der Verwendung des Bindestrichs würde ich hier nur schon deshalb abraten, weil Substantive in Zusammensetzungen mit Bindestrich großgeschrieben werden (siehe hier):

die amerikafreundliche Regierung
oder die Amerika-freundliche Regierung

eine konsumentenorientierte Lösung
oder eine Konsumenten-orientierte Lösung

also auch:

eine mannmännliche Beziehung
oder eine Mann-männliche Beziehung (??)

Ich finde, dass der verdeutlichend gemeinte Bindestrich hier verwirrend wirkt, weil er die interne Struktur des Wortes anders erscheinen lässt (Mann – männlich), als sie eigentlich gemeint ist (Mann/Mann – lich).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Fall der als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe

Die als-Gruppen haben es Ihnen in angetan. In letzter Zeit jedenfalls haben viele Ihrer Fragen mit diesem Thema zu tun. Es ist auch ein Gebiet der deutschen Grammatik, in der es viele Formulierungsmöglichkeiten und Unsicherheiten gibt. Mit der Grundregel „Die als-Gruppe steht im gleichen Fall, wie das Wort, auf das sie sich bezieht” kommt man nämlich sehr oft nicht sehr weit. Auch bei der heutigen Frage ist dies so:

Frage

Heißt es „dem als Held verehrten Mann“ oder „dem als Helden verehrten Mann, „den als Wissenschaftler arbeitenden Männern“ oder „den als Wissenschaftlern arbeitenden Männern“? Ich bin der Meinung, dass jeweils die erste Version richtig ist, aber seit mir widersprochen wurde, bin ich nicht mehr ganz sicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in beiden Fällen ist Ihre Formulierung korrekt. Die als-Gruppe steht nach der Grundregel im gleichen Fall wie das Substantiv, auf das sie sich bezieht. In diesen Beispielen kommt aber hinzu, dass die als-Gruppe von einem Partizip abhängig ist. Dann hat die als-Gruppe den gleichen Kasus wie im entsprechenden Satz:

Der Mann wird [von vielen] als Held verehrt.

der [von vielen] als Held verehrte Mann
den [von vielen] als Held verehrten Mann
dem [von vielen] als Held verehrten Mann
des [von vielen] als Held verehrten Mannes

Die Männer arbeiten als Wissenschaftler.

die als Wissenschaftler arbeitenden Männer
den als Wissenschaftler arbeitenden Männern
der als Wissenschaftler arbeitenden Männer

Die von einem Partizip abhängigen als-Gruppen als Held und als Wissenschaftler stehen also immer im Nominativ. Sie beziehen sich sozusagen auf das Subjekt der Verbhandlung, die vom Partizip ausgedrückt wird.

Hier noch ein Beispiel mit einem Adjektiv:

Der Mann arbeitet als freier Künstler.

der als freier Künstler arbeitende Mann
den als freier Künstler arbeitenden (nicht: als freien Künstler arbeitenden)
dem als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freiem Künstler arbeitenden)
des als freier Künstler arbeitenden Mann (nicht: als freien Künstlers arbeitenden)

Und mit wie funktioniert es übrigens genau gleich:

Der Filmregisseur arbeitet wie ein Besessener.

dem wie ein Besessener arbeitenden Filmregisseur

Das Tier sieht wie ein Mammut aus.

eines wie ein Mammut aussehenden Tieres

Wenn wir als Muttersprachige nicht in Regeln denken, geht es hier zum Glück meistens automatisch gut. Falls Sie aber wegen dieser als kompliziertes Phänomen geltenden als-Gruppe wieder einmal unsicher werden, können Sie auch hier nachschauen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Drinks mit und ohne Ergänzungsstrich

Frage

Wenn ich mir in einer Bar einen Long Drink bestelle und meine Frau einen Soft Drink, dann steht da nach „Long“ bzw. „Soft“ kein Bindestrich. Wenn ich mir aber einen Long und meine Frau einen Soft Drink bestellt, kommen mir erhebliche Zweifel, ob ich das „Long“ so alleine stehen lassen soll oder nicht doch durch einen Bindestrich andeuten darf, dass da noch ein Wortteil folgt. Bitte beseitigen Sie meine Zweifel!

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

gerne beseitige ich Ihre Zweifel: Ein Bindestrich oder besser gesagt ein Ergänzungsstrich wird nur dann verwendet, wenn ein Wortteil eines zusammengeschriebenen Wortes wegfällt. Wenn Sie einen Long Drink und einen Soft Drink bestellen und das erste Drink weglassen, fällt (orthographisch gesehen) kein Wortteil, sonder ein Wort weg. Entsprechend verwenden Sie keinen Ergänzungsstrich:

ein Long und ein Soft Drink

Ob das Weglassen von Drink stilistisch immer überzeugt, ist eine andere Frage.

Es folgt nun etwas, was natürlich nur theoretisch und nur in geschriebener Form, nicht aber bei einer tatsächlichen Bestellung an der Bar irgendeine Rolle spielt: Man kann Longdrink und Softdrink auch zusammenschreiben. Wenn Sie nun einen Longdrink und einen Softdrink bestellen und dann beim ersten Wort drink weglassen, fällt kein ganzes Wort, sondern ein Wortteil weg. Dann benötigen Sie einen Ergänzungsstrich:

ein Long- und ein Softdrink

Theoretisch könnte man nun auch noch die Schreibungen Long Drink und Softdrink resp. Longdrink und Soft Drink miteinander kombinieren, aber das ist wenig konsequent und man sollte es der Deutlichkeit halber besser nicht tun.

Ganz ähnlich sieht die Ergänzungsstrichlage bei folgenden Beispielen aus:

Fast Food oder Slow Food → Fast oder Slow Food
Fastfood oder Slowfood → Fast- oder Slowfood

Hard Rock und Soft Rock → Hard und Soft Rock
Hardrock und Softrock → Hard- und Softrock

Beide Möglichkeiten gibt es natürlich nur dort, wo sowohl zusammen- als auch getrennt geschrieben werden kann. Nur eine Möglichkeit gibt es also zum Beispiel hier:

Hardware und Software → Hard- und Software
Corporate Banking und Private Banking →  Corporate und Private Banking

Bei den letzten beiden Beispielen können, falls gewünscht, zum Zwecke der Anglizismenvermeidung etwas „deutschere“ Bezeichnungen wie Apparate und Programme resp. Geschäfts- und Privatkundengeschäft verwendet werden. Bei den Hard, Soft und Long Drinks oder Hard-, Soft- und Longdrinks hingegen ist dies zum Teil ein bisschen schwieriger. Doch das hat sowieso nichts mit dem Ergänzungsstrich zu tun, um den es hier ja geht.

Prost!

Dr. Bopp

Als wer oder wen gibt man sich aus?

Wenn es nicht um die Rechtschreibung geht, gehören mit als eingeleitete Wortgruppen zu den größten Fragenlieferanten! In welchem Fall steht die als-Gruppe? Hier wieder einmal ein Spezialfall: als und reflexive Verben:

Frage

Ist in folgendem Satz der Nominativ „ich“ oder der Akkusativ „mich“ richtig?

Er hat sich als ich ausgegeben.
Er hat sich als mich ausgegeben

Antwort

Guten Tag H.,

Wenn eine als-Gruppe wie hier von einem reflexiven Verb abhängig ist, steht sie gewöhnlich im Nominativ und nicht wie das Reflexivpronomen im Akkusativ:

Der Mann spielte sich gern als großer Gönner auf.
Wie stellt man sich als neuer Nachbar vor?
Du siehst dich wohl als der Retter des Universums.
Er gibt sich als ihr bester Freund aus.

Die als-Gruppe bezieht sich also auf das Subjekt und nicht auf das Reflexivpronomen.

Nur noch selten (nicht mehr bei echten reflexiven Verben) wird auch der Bezug auf das Reflexivpronomen gemacht. Dann steht der Akkusativ:

Du siehst dich wohl als den Retter des Universums.
Er gibt sich als ihren besten Freund aus.

Siehe auch hier.

Das beantwortet Ihre Frage aber noch nicht ganz. Wenn die als-Gruppe ein Personalpronomen ist, scheint die Lage etwas anders zu sein. Dann kommt bei reflexiv verwendeten Verben der Akkusativ häufiger vor:

Er gibt sich als mich aus.

Der Nominativ ist aber auch möglich:

Er gibt sich als ich aus.

Und wenn Sie einmal gar nicht mehr wissen, was nun möglich ist: Die Unsicherheit lässt sich hier elegant mit für umgehen:

Er gibt sich für mich aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf wen bin ich eifersüchtig?

Es würde zu weit führen, wenn ich behauptete, dass ich zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen gegen Eifersucht gefeit bin, doch zurzeit bin ich mir keinerlei eifersüchtiger Gefühle bewusst. Es geht hier nicht um persönliche Bekenntnisse eines eifersüchtigen Linguisten und auch nicht um eine genaue Definition des Begriffs Eifersucht. Es geht um J.s Frage, auf die ich zu meinem Erstaunen keine klare und eindeutige Antwort finden konnte: Wenn man Gefühle der Eifersucht hegt, auf wen ist man dann eifersüchtig?

Frage

Ich würde gern wissen, wie man „eifersüchtig auf jemanden“ korrekt benutzt und ob das in anderen Sprachen (z. B. im Italienischen) ebenso verwendet wird. Ein Beispiel: Ich (als Mann) habe eine Freundin und merke, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten. Bin ich dann eifersüchtig auf meine Freundin oder auf meinen Bruder? […]

Antwort

Guten Tag J.,

das Adjektiv eifersüchtig wird vor allem im Sinne von neidisch mit auf verwendet. Wenn es hingegen um die Furcht geht, jemandes Liebe mit einer anderen Person teilen zu müssen, kommt auf nicht häufig vor. Wenn ich sehe, dass mein Bruder anfängt, mit meiner Freundin zu flirten, werde ich eifersüchtig, reagiere ich eifersüchtig, bin ich eifersüchtig. Wenn hier überhaupt eine Person mit auf angeführt wird, ist das Deutsche sehr inkonsequent: Ich bin eifersüchtig auf meine Freundin oder ich bin eifersüchtig auf meinen Bruder. Beides kommt vor. Ich finde auch keine Definition, die eine der beiden Varianten ausschließen würde.

Auch beim mit neidisch verwandten eifersüchtig gibt es mehr als eine Gebrauchsvariante. Der große Bruder kann eifersüchtig auf die kleine Schwester sein, weil sie viel Aufmerksamkeit von der Mutter erhält. Man kann aber auch sagen, dass er eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit ist, die die kleine Schwester von der Mutter erhält. Noch ein Beispiel der syntaktischen Vielseitigkeit von eifersüchtig:

  • eifersüchtig sein, weil andere Leute Erfolg haben
  • eifersüchtig auf andere Leute sein, weil sie Erfolg haben
  • eifersüchtig auf den Erfolg anderer Leute sein

Wenn eifersüchtig mit auf steht, können in Liebes- und anderen Dingen nur Wortbedeutung und Kontext klären, was genau gemeint ist. (Erstaunlicherweise scheint dies meistens gut zu funktionieren, denn sonst hätte sich hier wohl eine klarere Regel ergeben.) Ich kann auf meinen Bruder eifersüchtig sein, weil er mit meiner Freundin flirtet. Ich kann auf meine Freundin eifersüchtig sein, weil ich nicht will, dass jemand anders mit ihr flirtet. Ich kann daneben auch noch eifersüchtig auf meinen Bruder sein, weil er eine tolle Freundin hat und ich keine. Ich bin dann auf seine Freundin eifersüchtig …

Ich wage es nicht anzugeben, wie dieses Adjektiv in anderen Sprachen verwendet wird. Wenn die Situation auch nur annähernd so komplex ist wie im Deutschen, ist muttersprachige Expertise gefragt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Krank am Tag der Kalten Sophie

Heute, am fünfzehnten Mai, ist der Tag der heiligen Sophie. Sie ist im Kalender die letzte der Eisheiligen, die je nach Region vom 11. oder 12. bis zum 15. Mai dauern. Nach den Eisheiligen sind gemäß den alten Bauernregeln keine Nachtfröste mehr zu erwarten. Also nichts wie raus mit dem frostempfindlichen einjährigen Sommerflor!

Schwarzäugige Susanne

Schwarzäugige Susanne (Bild: Wikimedia)

Auch ich – mittlerweile in ein Alter gekommen, in dem man sich tatsächlich mit Gartenblumen beschäftigt und sich noch nicht einmal schämt, darüber zu reden – auch ich hatte geplant, heute schnurstracks ins Gartencenter zu gehen und eine schöne Auswahl aus all den Begonien, Petunien, Fleißigen Lieschen, Schwarzäugigen Susannen usw. für Garten und Balkon zusammenzustellen. Das Stadium, Blümchen selbst aus Samen zu ziehen, habe ich nämlich (noch?) nicht erreicht. Doch wer macht mir einen Strich durch die Rechnung? Die Grippe. Ausgerechnet am Tag der Kalten Sophie hat mich die Grippe erwischt. Das passt zwar zum Adjektiv kalt, aber nicht zum lang erwarteten Sommerflor.

Wenn Sie also dieser Tage etwas länger auf eine Antwort warten müssen, ist das dadurch zu erklären, dass ich krank darniederliege. Ganz so schlimm ist es nicht, wie nur schon die Tatsache zeigt, dass ich noch zu Blogeinträgen fähig bin. Aber wenn schon krank, dann auch mit Klagen!

Die Staatsangehörigkeit und das Adjektiv: Deutsch oder deutsch?

Heute geht es wieder einmal um eine Frage, die vielen von Ihnen sicher bekannt vorkommt. Sie taucht regelmäßig in Fragerubriken, Foren usw. auf. Ich bilde mir dann auch nicht ein, dass ich sie mit diesem Blogartikel ein für allemal aus der Welt schaffe. Aber probieren kann man es ja trotzdem.

Frage

Staatsangehörigkeit: deutsch oder Deutsch? Groß oder klein?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

richtig ist hier die Kleinschreibung. Gemeint ist das Adjektiv deutsch, das das Substantiv Staatsbürgerschaft oder die betreffende Person näher bestimmt:

Staatsangehörigkeit: deutsch

Man schreibt das ungebeugte Deutsch eigentlich nur dann groß, wenn es als Sprachbezeichnung verwendet wird (z.B. auf Deutsch, Deutsch können, mehr dazu hier):

Sprachen: Deutsch (Muttersprache), Englisch (gut)

Etwas einleuchtender wird die Kleinschreibung vielleicht auch dann, wenn die Deutschen kurz über die Grenze gucken. Auch dort schreibt man das entsprechende Adjektiv klein*:

Staatsangehörigkeit: österreichisch
Nationalität: schweizerisch

Bei verheiratet, ledig, verwitwet und geschieden scheint übrigens praktisch niemand die Neigung zu haben, das Adjektiv großzuschreiben. Auch hier gilt die Kleinschreibung:

Familienstand: verheiratet

Ganz so streng muss man es nicht unbedingt nehmen. Wer bei den persönlichen Angaben nach dem Doppelpunkt Deutsch statt deutsch schreibt, wird bestimmt nicht gleich des Landes verwiesen, und auch die Stelle, für die man sich bewirbt, ist dadurch kaum gefährdet. Doch wenn die Frage lautet, was regelkonform ist, heißt die Antwort: klein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Im Reispass steht allerdings:

Staatsangehörigkeit: Österreich
Nationalität: Schweiz, Suisse, Svizzera, Svizra, Switzerland

Wortkreuzungsautomat

Fleischvogelschwinge, Trompetersielienkartoffel, Passagiermaschinenpistole, das sind drei meiner Favoriten, die ich heute Morgen mit Hilfe einer Wortkreuzungsmaschine erzeugt habe.

Micheal Mann vom Lexikographieblog hat einen Wortkreuzungsautomaten gebaut. Dieser Automat bildet aus einer Liste von deutschen Wörtern Wortkreuzungen, das heißt neue Wörter aus sich überschneidenden Wörtern. Das Wortende des ersten Wortes ist identisch mit dem Wortanfang des zweiten Wortes. Oder so. Schauen Sie sich den Wortkreuzungsautomaten doch einfach einmal an. Wenn Sie Spaß an Wortspielereien haben, können Sie sich bestimmt ein verregnetes Wochenendhalbstündchen lang damit amüsieren:

Und hier noch ein paar Beispiele, die mein Spielhalbstündchen hervorgebracht hat:

Gummiparagrafikspeicher, Metamorphosenlatz, Magermilchzahn, Beifallssturmschaden, Nächstenliebesantrag, Riesenfaultierstimmenimitatorin, Steifftierpräparator …

 

Viel zu tun und viel zu erzählen haben

Frage

Der Satz „Ich habe etwas zu erledigen“ bedeutet, dass ich etwas erledigen muss. Der Satz „Ich habe etwas zu erzählen“ bedeutet, dass ich etwas erzählen kann. […] Die Satzkonstruktion ist gleich, aber der Sinn verschieden. Wieso ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Wendung zu+Infintiv+haben hat oft die Funktion eines Modalverbs. Mit welchem Modalverb sie ausgedrückt werden kann, ist tatsächlich nicht so klar. Sie kann eine Notwendigkeit ausdrücken:

Ich habe noch viel zu tun = Ich muss noch viel tun.

Sie kann aber auch eine Möglichkeit ausdrücken:

Wer viel reist, hat viel zu erzählen = Wer viel reist, kann viel erzählen.

Mit etwas zu _en haben wird also gesagt: etwas _en müssen oder etwas _en können. Eine weitere Bedeutung hat die Wendung, wenn sie verneint ist:

Sie haben nicht viel zu tun = Sie müssen nicht viel tun.
Sie haben nichts zu erzählen = Sie können nichts erzählen.
Sie haben sich hier nicht zu äußern = Sie dürfen sich hier nicht äußern.

Siehe auch hier.

Ob mit der Formulierung Notwendigkeit oder Möglichkeit ausgedrückt wird, ergibt sich erst aus dem Kontext. Es ist ihr nicht von vornherein eine genaue Bedeutung zuzuordnen. Damit ist diese Formulierung tatsächlich nicht so einfach für Deutschlernende. Ähnliches gibt es aber nicht nur im Deutschen. Zum Beispiel:

de: Ich habe viel zu tun.
nl: Ik heb veel te doen.
en: I have a lot do to.
fr: J’ai beaucoup à faire
it: Ho molto da fare.

de: Ich habe viel zu erzählen.
nl: Ik heb veel te vertellen.
en: I have a lot to tell.
fr: J’ai beaucoup à raconter.
it: Ho molto da raccontare.

Nicht allen Deutschlernenden dürfte diese Konstruktion also gleich viele Schwierigkeiten bereiten.

Die Antwort auf die Frage, wie genau wir es schaffen, jeweils problemlos den richtigen modalen Aspekt einer so formulierten Äußerung zu erkennen, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Manchmal frage ich mich einfach, wie wir es bei so viel Mehrdeutigkeit überhaupt schaffen, einander auch nur annähernd zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp