Kann etwas als etwas qualifizieren?

Frage

Kann ich die folgenden Sätze so stehenlassen? Das Verb „qualifizieren“ kenne ich in dieser Bedeutung/Verwendung nicht.

Sie können auf einen Anhang verzichten, sofern sie nicht als große Unternehmen qualifizieren.
Das ist eine Beschränkung auf Unternehmen, die als Beteiligung qualifizieren.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

diese Verwendung von qualifizieren ist im Deutschen nicht üblich. Es ist vermutlich eine wörtliche Übersetzung des englischen to qualify as sth. mit der Bedeutung die Voraussetzungen für etwas erfüllen, als etwas bezeichnet werden können. Gemeint ist wohl so etwas wie:

… sofern sie keine großen Unternehmen sind.
… sofern sie nicht als große Unternehmen gelten.
… welche die Bedingungen/Voraussetzungen für eine Beteiligung erfüllen.

Bevor ich nun aber kategorisch erkläre, die zitierten Sätze seien schlichtweg falsch, möchte ich noch eine kleine Nuance anbringen: Es scheint im Jargon der Finanzwelt üblich zu sein, qualifizieren in dieser Weise zu verwenden. Man könnte in einem von Fachleuten für Fachleute geschriebenen Text vielleicht erwägen, stirnrunzelnd nur ein Fragezeichen dahinter zu setzen. Jede Fachsprache hat nun einmal ihre Eigenheiten. In allen anderen Textarten würde ich aber zum Rotstift greifen. Dort qualifiziert dieses qualifizieren als sozusagen als Fehler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das »fert« in »fertig«

Die Frage ist schon etwas älteren Datums, aber sie kam mir heute beim Anblick des Wortes fertig wieder in den Sinn. Es ist ein unauffälliges und auf den ersten Blick kaum weiter erwähnenswertes Wort. Wenn man aber genauer hinsieht, ist es ein Beweis dafür, dass die Sprachentwicklung ursprünglich leicht Durchschaubares im Laufe der Zeit vollständig undurchsichtig werden lassen kann.

Frage

Vielleicht einfach aber dennoch diskutiert: „fertig“ = Wortstamm „fert“ und Endung „ig“? Oder gibt es eine andere Erklärung, da „fert“ als Wort nicht existiert und alle zusammengesetzten Wörter „fertig“ als Bestandteil haben.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beim Wort fertig ist tatsächlich die Endung ig zu erkennen, mit der häufig Adjektive gebildet werden. Zum Beispiel:

ehrgeizig, bärtig, rutschig, abhängig, faulig, sofortig

Im Gegensatz zu Ehrgeiz, Bart, rutschen, abhängen, faul und sofort gibt es das Grundwort fert aber nicht – oder besser gesagt: nicht mehr. Das Wort fertig gab es bereits im Althochdeutschen als fartîc, fertîc. Ursprünglich hatte es die Bedeutung zur Fahrt bereit. Wenn man abfahrtbereit war, war man also fährtig. Damals war alles noch deutlich durchschaubar. Dann haben sich die Wörter Fahrt und fertig aber durch die Jahrhunderte hinweg selbstständig weiterentwickelt, und zwar so, dass der Zusammenhang zwischen ihnen heute nicht mehr ersichtlich ist. Die Sprachentwicklung hat den Ursprung des Wortes fertig undurchsichtig gemacht. Nur die Endung ig zeigt noch, dass es einmal ein abgeleitetes Wort war.

Wenn man sich etwas tiefer mit der Wortbildung beschäftigt, trifft man auf allen Ebenen auf solche halbwegs bis ganz „verdüsterte“ Wortbildungen. Hier nur ein paar Beispiele:

emsig: zu veraltet Emse „Ameise“
fähig: zu mittelhochdt. vahen, einer alten Form von fangen
scheußlich: mittelhochdt. schiuzlich, zu schiuzen „Abscheu empfinden“
schleunig(st): mittelhochdt. sliunec, zu sliune „eilig“ und sliunen „beeilen“.
berüchtigt: Partizip von berüchtigen „ins Gerede bringen“, vgl. ruchbar „öffentlich bekannt“
erlaucht: mittelhochdt. (mitteldt.) erluht, Partizip von erluhten „erleuchten“

Auch bei den Substantiven gibt es solche undurchsichtigen Bildungen. So muss Unflat (widerlicher Schmutz, Dreck) verneinter *Flat sein, aber das Grundwort vlat (Schönheit, Zierlichkeit) kennen wir nicht mehr. Die Himbeere war wahrscheinlich eine Beere der Hinde, hintberi, die wir klanglich abgeschliffen haben. Und die Nachtigall war einmal eine Zusammensetzung von Nacht und einem angenommenen germanischen Verb *galan (singen), also eine Nachtsängerin.

Bei vielen solchen undurchsichtigen Wörtern machen wir uns weiter keine Gedanken. Manchmal aber wollen wir doch wieder Ordnung in die Sache bringen. Dann interpretieren wir volksetymologisch um. Die Sintflut (große Flut) machen wir zur Sündflut oder das Eichhörnchen (aikurna) zu einer Zusammensetzung aus Eiche und einem kleinen Horn (mehr dazu hier). Doch beim Schmetterling geben es die meisten dann wieder auf. Das zarte Insekt kann einfach nichts mit schmettern zu tun haben (hat es auch nicht, siehe hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

O, o – das olympische Feuer an den Olympischen Spielen

Ich muss zugeben, dass ich kein besonders sportlicher und schon gar kein sportinteressierter Mensch bin. Aber man sollte ja trotzdem „etwas“ tun, um mit zunehmendem Alter nicht ganz einzurosten und die Konfektionsgrößen nicht allzu schnell zu wechseln. Da die Fingerbewegungen auf der Tastatur und die Beinarbeit beim Kaffeeholen nicht ausreichen und sich das Radfahren im Winter auf das Notwendigste beschränkt, kann man auch mich regelmäßig als Jogger verkleidet durch die Natur keuchen sehen. Ich bin dann immer recht stolz auf meine Leistung, bis mich dann wirklich sportliche Leute offenbar ohne größere Anstrengung leichtfüßig überholen. Soweit zum aktiven Sportler. Auch als „Passivsportler“ tauge ich nicht viel. Die Fußball- und Skisaisons gehen von mir unbemerkt vorbei – soweit das bei der großen Medienpräsenz möglich ist – und andere Sportarten verfolge ich mit ebenso geringem Interesse. Das hat übrigens keine tiefere Bedeutung. Ich verstehe den Spaß am Sport und gönne ihn allen. Es ist nur nicht meine Sache.

Die gestern offiziell eröffneten Olympischen Winterspiele können mich entsprechend nur mäßig fesseln. Deshalb hier nur kurz etwas Orthographisches „zum Thema“: Es gibt eine starke Neigung, das Adjektiv olympisch großzuschreiben. Das ist aber nur dann richtig, wenn es Teil eines Eigennamens ist:

die Olympischen Spiele
die Olympischen Winterspiele
das Internationale Olympische Komitee (IOK)

Wenn es sich als „gewöhnliches“ Adjektiv auf die Olympischen Spiele bezieht, schreibt man es klein (vgl. hier):

das olympische Dorf
der olympische Eid
das olympische Feuer

Den Sportlern und Sportlerinnen in Sotschi ist es aber bestimmt egal, ob sie um orthographisch korrekte olympische Medaillen oder um nicht ganz richtig geschriebene *Olympische Medaillen wetteifern. Und allen Olympiafans wünsche ich viel olympischen Sportgenuss!

Solang, sooft, soviel, soweit – oder doch getrennt?

Achtung: trockene Kost für Rechtschreiber und Rechtschreiberinnen! 

Frage

Nachfolgend Auszüge aus dem Newsletter […] zum Thema so viel/soviel, so weit/soweit:

Wir werden Sie auch 2014 mit interessanten Themen rund um die deutsche Sprache versorgen, soweit können Sie sich sicher sein.

In Einzelfällen sind beide Lesarten möglich: Sie können die Bibliothek benutzen, sooft Sie wollen. Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Meine Fragen:

  1. Ist die Zusammenschreibung in „soweit können Sie sicher sein“ korrekt?
  2. Ist die (alternative) Getrenntschreibung der Konjunktion „sooft“ in „so oft und so lange Sie wollen“ wirklich „zulässig“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

1. Die Zusammenschreibung soweit im ersten Satz halte ich für falsch. Richtig wäre:

 … so weit können Sie sich sicher sein.

Das Wort soweit wird dann zusammengeschrieben, wenn es als Konjunktion einen Nebensatz einleitet. Hier ist es aber eine Adverbialbestimmung in einem Hauptsatz. Das zeigt unter anderem die Zweitstellung der konjugierten Verbform können. Vgl.

Nebensatzeinleitung
falls Sie sicher sein können.
soweit Sie sicher sein können.

Adverbialbestimmung
in dieser Hinsicht können Sie sicher sein.
so weit können Sie sicher sein.

Außerdem hat die Konjunktion soweit eine andere Bedeutung als die adverbiale Fügung so weit:

Konjunktion
soweit ich weiß (soweit = nach dem, was)
soweit ich dazu in der Lage bin (soweit = in dem Maße, wie; falls, vorausgesetzt dass) 

Adverbiale Fügung
Wirf den Ball, so weit du kannst! (so weit = so weit [weg,] wie …)
so weit können Sie sicher sein (so weit = bis zu diesem Punkt; in dieser Hinsicht)

2. Beim zweiten Beispiel würde ich eher zusammenschreiben. Die Getrenntschreibung ist aber ebenfalls möglich:

Sie können die Bibliothek benutzen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können die Bibliothek benutzen, so oft und so lange Sie wollen.

Das liegt wieder einmal an einer ungenauen Abgrenzung: Der Übergang von adverbialer Fügung zu eigenständiger Konjunktion ist fließend.

a) Eindeutig um adverbiale Fügungen handelt es sich bei so laut und so schnell in den folgenden Beispielen:

Schreie, so laut du kannst!
Du kannst laufen, so schnell du willst, du kommst doch zu spät.

b) Bei so weit/soweit und so viel/soviel gibt es zwischen der adverbialen Fügung und der Konjunktion einen deutlichen Bedeutungsunterschied. Dieser Bedeutungsunterschied vereinfacht die Entscheidung, ob getrennt oder zusammengeschrieben werden muss. Siehe oben unter 1) die Beispiele mit soweit/so weit und:

Du kannst essen, so viel du willst. (so viel, wie)
Es ist genug da, soviel ich weiß. (nach dem, was)

Einfach nur fahren, so weit das Benzin reicht. (so weit, wie)
Wir werden das Ziel erreichen, soweit das Benzin reicht. (falls)

c) Bei so oft/sooft und so lang(e)/solang(e) hingegen gibt es zwischen der getrennt geschriebenen adverbialen Fügung und der zusammengeschriebenen Konjunktion am Anfang eines Nebensatzes keinen großen Bedeutungsunterschied. Hier der Versuch einer Bedeutungsbeschreibung:

sooft = jedes Mal wenn; immer wenn; wie oft auch immer
so oft[, wie] = (u. a.) jedes Mal wenn

solang = während der Zeit, da; für die Dauer, da; innerhalb der Zeit, in der
so lang[, wie] = (u. a.) während der Zeit, da

Das hat zur Folge, dass man manchmal nicht entscheiden kann, ob es sich am Anfang eines Nebensatzes um eine adverbiale Wendung oder um eine Konjunktion handelt. Meine Empfehlung ist deshalb, sooft und solang(e) immer als Konjunktion zusammenzuschreiben, wenn sie am Anfang eines Nebensatzes stehen

Sie können uns besuchen, solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, sooft Sie wollen.

Dies ist auch die Empfehlung, die man implizit oder explizit in den Rechtschreibwörterbüchern findet.

Es gibt allerdings eine Einschränkung: In den folgenden Fällen würde auch ich zur Getrenntschreibung raten:

Schreie, so lange und so laut du kannst!
Wir werden dir helfen, so oft und so gut wir können.

Die adverbialen Fügungen so laut und so gut legen hier nahe, dass auch so lange und so oft als adverbiale Fügungen zu verstehen sind.

Und dann der Zweifelsfall dazwischen, um den es in Ihrer Frage ging. Hier halte ich, wie gesagt, beide Schreibungen für vertretbar:

Sie können uns besuchen, sooft und solange Sie wollen.
Sie können uns besuchen, so oft und so lange Sie wollen.

Denn – so viel wissen regelmäßige Leserinnen und Leser des Blogs bestimmt – es geht natürlich nie ohne Außer, Wenn und Aber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

Wie man jemanden orthographisch korrekt kennen(-) und schätzen lernt

Frage

Habe im Duden nachgeschaut. Die Empfehlung: „kennengelernt“ zusammen,
jedoch „schätzen gelernt“ getrennt. Also:

Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.

So? Habe ich das richtig verstanden?

Antwort

Guten Tag W.,

Sie haben es richtig verstanden. Man schreibt schätzen lernen immer getrennt und kann kennen lernen oder kennenlernen schreiben. Wenn man die beiden Verben zusammen verwendet, gibt es also zwei mögliche Schreibweisen:

1a) Ich habe ihn kennengelernt und schätzen gelernt.
1b) Ich habe ihn kennen gelernt und schätzen gelernt.

Lässt man nun in dieser Aufzählung das erste gelernt weg, ergeben sich entsprechend die folgenden beiden Schreibweisen:

2a) Ich habe ihn kennen- und schätzen gelernt.
2b) Ich habe ihn kennen und schätzen gelernt.

Sofern Sie sich an die – übrigens unverbindliche – Duden-Empfehlung (kennenlernen) halten, wählen Sie 2a). Wenn der zweite Teil eines Wortes weggelassen wird, gibt man dies mit einem Ergänzungsstrich an. Gegen die Schreibung ohne Ergänzungsstrich ist hier allerdings auch nichts einzuwenden. Sie entspricht ebenfalls den „Anforderungen“ der amtlichen Rechtschreibregelung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Adjektiv nach keinerlei

Frage

Folgenden Satzanfang habe ich gebildet:

„Obschon keinerlei stichhaltige Hinweise existieren …“

„Stichhaltige Hinweise“ steht ja im Nominativ und für sich allein stehend könnte man ja auch danach fragen: – Wer oder was? – Stichhaltige Hinweise. Doch ein ominöses Gefühl sagt mir, dass es „stichhaltigen Hinweise“ heißen müsste, insofern „keinerlei“ dieselbe Funktion hätte wie der bestimmte Artikel „die“. Wie verhält es sich denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

nach dem unveränderlichen keinerlei muss ein Adjektiv stark gebeugt werden. Adjektive werden dann stark gebeugt, wenn kein Artikelwort vor ihnen steht, das Numerus, Kasus und Genus bereits ausdrückt. Richtig ist also:

Obschon keinerlei stichhaltige Hinweise existieren …
Ich habe keinerlei stichhaltige Hinweise gefunden
infolge vielerlei stichhaltiger Hinweise

Es wird also gleich gebeugt, wie wenn das Adjektiv allein steht:

Obschon stichhaltige Hinweise existieren
Ich habe stichhaltige Hinweise gefunden
infolge stichhaltiger Hinweise

und nicht wie zum Beispiel nach dem bestimmten Artikel, der ja veränderlich ist (vgl. schwache Beugung):

Obschon die stichhaltigen Hinweise existieren…
Ich habe die stichhaltigen Hinweise gefunden
infolge der stichhaltigen Hinweise

Wie eines der Beispiele oben zeigt, wird nicht nur nach keinerlei, sondern auch nach anderen unbestimmten Zahlwörtern auf –erlei stark gebeugt:

Variation von dreierlei französischem Käse
Gebeizter Lachs mit zweierlei Roter Bete
Hier lernte ich mancherlei Neues.
Allerlei sonderbare Dinge kamen zum Vorschein.
Wir haben vielerlei kleinere und größere Fehler gemacht.
Wer sich solcherlei schmutziger Methoden bedient …

Die unbestimmten Zahlwörter auf –erlei stehen meistens direkt vor dem Substantiv, das heißt, es folgt ihnen relativ selten ein Adjektiv. Zum Teil kommen sie auch ein bisschen veraltend daher. Das sind wohl die Gründe dafür, dass Adjektive nicht immer richtig gebeugt werden, wenn sie dann doch einmal nach –erlei stehen. Außer den armen Deutschlernenden kennen nämlich die meisten von uns die Regeln der Adjektivbeugung nicht bewusst, und bei solchen selteneren Fällen lässt uns dann die unbewusste Regelkenntnis manchmal im Stich. Es ist jedenfalls gut verständlich, dass Sie ein wenig unsicher geworden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man auf ein Ungeheuer verweist

 Frage

Wie Sie auf Ihrer Website erklären, kann man sich mit einem Pronominaladverb nicht auf Lebewesen beziehen. Auch ist es nicht üblich, das Fürwort „es“ in Verbindung mit einer Präposition zu benutzen. Das bringt mich aber ganz schön in die Bredouille, wenn ich diesen Satz übersetzen will:

„[…] said the monster would be returning tonight, which means we have to wait for it.

Schreibe ich nun …

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir darauf warten müssen.“

oder

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

es handelt sich tatsächlich um eine Art „Klemme“. Die Verwendung von darauf kommt eigentlich nicht in Frage (siehe hier unter „Gebrauch und Einschränkungen“). Sie könnten eventuell das ziemlich umgangssprachlich klingende auf es verwenden:

… was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.

Stilistisch besser wäre es aber, diese Konstruktion zu vermeiden, indem Sie den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf das Monster/die Seeschlange/den Drachen/das Gespenst (oder welche Form das Ungeheuer auch haben möge) warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht wiederkommen, was bedeutet, dass wir auf seine Rückkehr warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir es hier erwarten müssen.

Zwei weitere Beispiele, in denen man sich in der gleichen Zwickmühle befindet:

Sie führte das Pferd in den Stall und legte Futter für das Tier bereit. (statt: dafür/für es)
Er merkte, dass das Kind hinter ihm her lief, und wartete auf sie/ihn. (statt: darauf, auf es)

Es gibt hier also eine Lücke im Verweissystem des Deutschen, die man am besten mit einer (kleinen) Umformulierung umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn man täglich gölfe …

So schön der Umlaut in den Verbformen des Konjunktivs auch klingen mag (z. B. sähe, flösse, schlüge), er ist nur sehr beschränkt anwendbar.

Frage

Eine Kleinigkeit: Kann man im Konjunktiv Präsens auch sagen: „gölfe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Konjunktiv Präsens des eher umgangssprachlichen Verbs golfen (Golf spielen) wird ausschließlich ohne Umlaut gebildet (vgl. hier):

Sie sagte, dass sie täglich golfe.

Auch alle anderen Verben, selbst die unregelmäßigen, bilden die Formen des Konjunktivs Präsens (Konjunktiv I), ohne umzulauten. Umgelautet wird nur bei der Bildung der Formen des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und dies nur bei gewissen unregelmäßigen Verben. Zum Beispiel:

essen – aß – äße
sprechen – sprach – spräche
fließen – floss – flösse
ziehen – zog – zöge
fahren – fuhr – führe
schlagen – schlug – schlüge

Bei einem einzigen regelmäßigen Verb sind umgelautete Formen im Konjunktiv II weit verbreitet (allerdings standardsprachlich nicht von allen akzeptiert):

brauchen – brauchte – brauchte/bräuchte
Was ich noch bräuchte, ist eine gute Idee.
(stand. besser: Was ich noch brauchte / brauchen würde …)

Die Form gölfe passt also nicht ins Konjugationssystem des Deutschen. Es gibt diese Form von golfen ebenso wenig wie zum Beispiel schäue zu schauen, löbe zu loben und flüche zu fluchen. Es heißt deshalb:

Konjunktiv I: Sie sagte, dass sie täglich golfe.
Konjunktiv II: Sein Handicap könnte tiefer sein, wenn er täglich golfte (o. golfen würde).

Wenn man täglich gölfe …; auch wenn es vielleicht lustig oder edel anmüte, es pässe einfach nicht in unser Verbsystem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Wort auf Umwegen: Mannequin

Für diejenigen unter uns, die nicht mehr wissen, was ein Mannequin ist: „weibliche Person, die Modekollektionen, Modellkleider vorführt“. So definiert das gelbe Wörterbuch den Begriff. Ein Mannequin ist also eine Frau, die wie viele Ihrer Kolleginnen diese Woche an der Berliner Fashion Week viel zu tun hatte: ein Model. Vorgängerinnen von zum Beispiel Frau Schiffer und Frau Klum nannten sich so und wurden so genannt. Auch ich kann mich erinnern, dass Fashion Weeks noch Modewochen hießen und Mannequins und Dressmen statt Models über die Laufstege, pardon, die Catwalks schritten.

Wie alles, was früher etwas mit Mode zu tun hatte, kommt auch das Wort Mannequin aus Frankreich. Weshalb aber ist es ein „Wort auf Umwegen“? Weil es nicht aus Paris, sondern aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist: aus den Niederlanden. Das mittelniederländische Wort manneken mit der Bedeutung Männchen [sic!] wurde unter anderem im Sinne von Puppe, Gliederpuppe ins Französische übernommen. Mit Mannequin ist ein niederländisches Wort über Frankreich zu uns gelangt.

MannequinAuch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

Auch das Wort Model ist übrigens „weitgereist“. Es hat allerdings eine Route genommen, die viele andere Wörter auch zurückgelegt haben. Es startete seine Karriere als Diminutiv modulus des lateinischen Wortes modus (Maß; Art, Weise). Sein italienischer Nachfahre modello gelangte dann als modelle (später modèle) nach Frankreich, von wo es als Modell direkt ins deutsche Sprachgebiet und als model nach England und später zu uns weiterwanderte.

Weder Mannequin noch Model oder Modell sind also deutschen Ursprungs. Wer lieber keine Fremwörter verwendet, muss hier also auf Vorführfrau und Vorführmann ausweichen. Wenn es nur darum geht, die Bedeutung wiederzugeben, eignen sich diese Wörter ausgezeichnet. Wenn es aber darum geht, auch das zur Mode gehörende Flair zu vermitteln, sind sie völlig ungeeignet.