Ungewohnt unveränderlich: Campus, Status, Kasus

Frage

Bei einer etwas umfangreicheren Übersetzungsarbeit bin ich auf Fragen gestoßen, die ich nicht mit den üblichen Rechtschreib-Nachschlagwerken beantworten konnte. So verlangt der englische Originaltext den Plural von Campus, den es laut Duden oder auch laut Canoo nicht gibt – bzw. der mit dem Singular identisch ist:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

So sehr ich mich bemühe, klingt das Wort Campus an dieser Stelle äußerst komisch. Im Internet wird Campusse oder auch Campi als Plural vorgeschlagen. Natürlich kann man einfach auf das deutsche Wort Universitätsgelände ausweichen, das sich ohne Schwierigkeiten deklinieren lässt.

Ähnlich ist es mit dem Wort Status, für das es im Deutschen auch keinen Plural gibt.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

auch wenn sie ungewohnt aussieht, ist Ihre Formulierung richtig:

… die studentischen Übernahmen an der Columbia University und hunderten von Campus waren Teil einer breiten Bewegung …

Ich habe es noch einmal für Sie kontrolliert: Die mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher geben für Campus alle wie CanooNet die Pluralform die Campus an. (Nur Wahrig weicht davon ab, indem angegeben wird, dass Campus keinen Plural habe. Letzteres hilft Ihnen aber nicht viel weiter, wenn Sie eine Mehrzahlform von Campus benötigen.) Wenn Sie also einen standardsprachlich korrekten Text schreiben möchten, verwenden Sie, wie gesagt, einfach die Campus. Sie können tatsächlich auch auf eine andere Formulierung ausweichen und hier zum Beispiel „und auf hunderten von Universitätsgeländen“ oder einfach „und an hunderten von anderen Universitäten“ schreiben.

Campus ist nicht das einzige Wort, das im Plural unveränderlich ist. Im Prinzip gehören die meisten männlichen und sächlichen Wörter, die auf unbetontes -er oder -el enden, auch dazu: die Reiter, die Esel, die Ruder, die Übel. Diese Wörter bilden allerdings eine große Gruppe, deren Pluralformen zu häufig vorkommen, als dass uns ihre Unveränderlichkeit in irgendeiner Weise erstaunen würde. Außerdem sind sie nicht völlig unveränderlich, denn im Genitiv Singular haben sie ein s und im Dativ Plural ein n. Wörter mit einer anderen Form haben meistens Pluralformen, die durch eine Endung (oder einen Umlaut) markiert sind. Deshalb sieht die Campus so ungewohnt aus, dass man lieber eine markierte Pluralform einsetzen würde. Hier bietet sich in Anlehnung an zum Beispiel Kaktusse, Globusse und Atlasse am ehesten Campusse an. Diese Form ist aber (noch?) nicht akzeptiert, so dass Sie sich dem Risiko aussetzen, dass man Ihnen einen Fehler vorwirft. Die Form Campi würde ich außerhalb eines lateinischen Kontextes (z.B. Campi Elysii) nicht empfehlen.

Beim Wort Status kann man ebenfalls nicht sagen, dass es keinen Plural gebe. Die Pluralformen sind (in der Schrift) einfach unveränderlich: der Status/die Status. Hier erklärt sich die ungewohnte Pluralform aus der lateinischen Beugung. Andere Beispiele sind der Kasus/die Kasus und der Passus/die Passus. Auch hier gilt, dass die Pluralformen vielleicht ungewohnt aussehen, aber in dieser Weise korrekt sind:

Im Deutschen gibt es vier Kasus.
Einige Passus daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Status

Vor allem in nicht fachsprachlichen Texten wird aber auch hier im Plural oft auf andere Wörter ausgewichen:

Im Deutschen gibt es vier Fälle.
Einige Passagen daraus möchte ich zusammenfassen: …
die verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Klopapier statt Steine(n)

Frage

Kürzlich ereiferte sich eine Gruppe von Freunden ob meiner Zweifel an der Korrektheit einer Überschrift namens Klopapier statt Steine. Ich war der Überzeugung, das müsste Klopapier statt Steinen heißen.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die alten Griechen sollen ja bei der Toilettenhygiene Steine und Tonscherben statt Klopapier verwendet haben. In diesem Fall darf man sicher feststellen, dass der Fortschritt uns auf jeden Fall sehr viel Komfort gebracht hat. Wir verweichlichten Neuzeitler verwenden ja heutzutage glücklicherweise Klopapier statt Steine(n).

Es geht hier aber nicht um die Entwicklung oder die Vorzüge bestimmter Reinigungstechniken, sondern um die Wortbeugung. In diesem Fall sind beide Formen möglich. Das Wort statt kann sowohl als Präposition (wie anstatt) als auch als Konjunktion (wie und nicht) verwendet werden. Im ersten Fall heißt es:

Klopapier statt Steinen

Im zweiten Fall heißt es:

Klopapier statt Steine

In Überschriften und Schlagworten – aber nicht nur dort – wird statt oft als Konjunktion verwendet.

Präposition
Statt Worten will ich Taten sehen.
Statt großer Worte will ich Taten sehen.
Er hat statt des Datums die Uhrzeit notiert.

Konjunktion
Taten statt Worte!
Taten statt große Worte!
Ich gebe das Geld dir statt ihm.
Sie will mit einer Vertrauensperson statt mit dem Chef sprechen.

Sehen Sie hierzu und für weitere Informationen die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Spielzeuge und Saatgüter

Frage

Kürzlich korrigierte ich jemand, der meinte, dass Spielzeug nur im Singular verwendet wird. Mein Bertelsmann-Duden („Wie sagt man richtig?“) behauptet allerdings auch, dass Spielzeug nur im Singular verwendet werden sollte. Das Wörterbuch von CanooNet kennt aber auch den Plural Spielzeuge. Vielen Dank!

Bei Saatgut kennt auch CanooNet keinen Plural, obwohl Güter ja auch im Plural gebräuchlich ist. Über die Wortbildung zu Gut kommt man zu vielen Gütern, von denen manche einen Plural haben und andere nicht. Gibt es dazu eine Regel? Kann man ohne Nachschlagen entscheiden, ob Beutegut oder Diebesgut Pluralformen haben? Oder richtet sich das nur nach dem Gebrauch?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Spielzeug hat zwei unterschiedliche Bedeutungen:

Wenn es Gesamtheit der Gegenstände zum Spielen bedeutet, ist es eine Sammelbezeichnung und hat keinen Plural. Es ist dann gleichbedeutend mit Spielsachen und wird in Geschäften als Spielwaren angeboten:

Wie viel Spielzeug besitzt Ihr Kind?
Dieser Laden verkauft Spielzeug.

Wenn es Gegenstand zum Spielen bedeutet, ist es zählbar und hat entsprechend auch einen Plural:

Sie hat ein neues Spielzeug erhalten.
Sie hat drei neue Spielzeuge erhalten.

Die zweite Bedeutung, die offenbar einige für nicht richtig oder für stilistisch schlecht halten, ist auch in anderen Wörterbüchern verzeichnet (zum Beispiel Duden, Wahrig, DWDS u.a.). Es ist bestimmt richtig, dass viele modernen moderne Kinderchen so viel Spielzeug haben, dass die einzelnen Spielzeuge gar nicht mehr auffallen. Wenn es den Plural aber nicht gäbe, könnten die Kleinen nicht mit ihren Eltern darüber unterhandeln, ob sie, wenn sie „großzügig“ auf das große Spielzeug verzichten, dafür mit (mindestens!) zwei kleinen Spielzeugen kompensiert werden müssen.

Es gibt überhaupt nur wenige Wörter, die nie im Plural verwendet werden. Das liegt daran, dass die meisten Wörter nicht nur eine einzige Bedeutung haben. In vielen Fällen hat ein Wort, das in einer Bedeutung keinen Plural hat, in einer anderen Bedeutung doch Pluralformen. Zum Beispiel:

Holz Stoffbezeichnung kein Plural aus Holz
Holz Holzart Plural tropische Hölzer
Freiheit Zustand des Freiseins kein Plural die innere Freiheit
Freiheit Recht, etwas zu tun Plural besondere Freiheiten genießen

Die Frage ist deshalb meistens nicht, ob ein Wort einen Plural haben kann, sondern ob dieser Plural üblich ist und als richtig akzeptiert wird. Ein solcher Fall ist auch Saatgut. Dieses Wort wird im Standarddeutschen (wenn überhaupt) nur im Singular verwendet. Bei Saatguthändlern findet sich aber gelegentlich der Plural Saatgüter mit der Bedeutung Arten von Saatgut. Der Plural ist hier nicht unmöglich und auch nicht falsch, er ist nur nicht allgemein üblich.

Ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, richtet sich also nur nach dem Gebrauch. Entsprechend umstritten können diese Formen gelegentlich sein. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoo-Grammatik:

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Cappuccino, Cappuccinos und Cappuccini

Frage

Es geht um die Pluralbildung des Wortes Cappuccino. Ihr Wörterbuch gibt Cappuccinos vor. Ist die italienische Variante Cappuccini zu geschmäcklerisch, zu altklug, arrogant? Oder gibt es einen objektiveren Grund, warum die Pluralbildung in diesem Fall eingedeutscht wird? Warum dann aber Mafioso – Mafiosi (und nicht Mafiosos)?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Wenn Sie Cappuccini sagen wollen, können Sie das natürlich tun. Man wird Ihnen auch ohne zu zögern mehrere Kaffee mit aufgeschäumter Milch servieren – außer dort natürlich, wo man das Rezept leicht bis mittelschwer abgeändert hat. In Frankreich zum Beispiel wird einem meistens ein Kaffee mit Schlagsahne als Cappuccino serviert. Wenn Sie im deutschen Sprachraum zwei Cappuccini bestellen, ist dieses Risiko geringer. Sie riskieren aber, dass Ihre Bestellung noch „hipper“ klingt als: Zwei Espressi bitte. Wenn ich zum Beispiel am Fernsehen jemanden zwei Espressi bestellen höre, ist das eine Person, die in einer Vorabendserie oder einem ZDF-Spielfilm mit einer Designersonnebrille im Haar in einem schicken Lokal oder an einer gestylten Bar sitzt. Aus irgendeinem Grund habe ich dort bis jetzt noch nie jemanden einen oder mehrere Cappuccinos/Cappuccini bestellen hören. Ob der italienische Plural dort je verwendet wird, weiß ich also leider nicht.

Der Plural Cappuccini ist im Deutschen noch ungebräuchlicher als der Plural Espressi. Man kennt ihn eigentlich nur wenn man Italienisch kann oder wenn man oft in Italien war. Warum man fast ausschließlich Mafiosi sagt, man neben Espressos auch Espressi verwendet, aber bei Cappuccino der italienische Plural kaum vorkommt, weiß ich leider ohne weitere Nachforschungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass man hierzulande schon seit Jahrzehnten Mafiafilme kennt und der Espresso schon lange den Mokka abgelöst hat, während der Cappuccino seinen Eroberungszug nördlich der Alpen erst vor relativ kurzer Zeit angetreten hat.

Andere Wörterbücher machen für diese Wörter die gleichen oder ähnliche Angaben wie Canoonet. Vielleicht hört man die Form Cappuccini ja nach den Sommerferien häufiger, wenn alle vom Urlaub am Gardasee, in der Toskana und auf Sizilien zurückgekehrt sind. Wir werden dann prüfen, ob wir beim Eintrag Cappuccino zusätzlich die italienische Pluralform angeben sollen. Bis die italienische Form sich etwas besser etabliert hat, können Sie diese Klippe auch einfach umschiffen, indem Sie wie zum Beispiel bei Kaffee ganz korrekt den Singular verwenden: Zwei Cappuccino bitte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welch/welche/welch eine/was für eine erstaunliche Vielfalt!

Frage

Meine Frage ist, welche Version richtig oder falsch ist:
… zu wissen, welch große Achtung und Wertschätzung ihm entgegengebracht wurde
oder
… zu wissen, welche große Achtung und Wertschätzung ihm entgegengebracht wurde

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

beide Versionen sind hier möglich und richtig:

Welch große Achtung und Wertschätzung!
Welche große Achtung und Wertschätzung!

Es gibt sogar noch eine dritte und vierte Variante:

Welch eine große Achtung und Wertschätzung!
Was für eine große Achtung und Wertschätzung!

Wählen Sie also einfach die Version, die Ihnen am besten zusagt. Da soll noch einer sagen, Deutsch sei immer nur streng und starr. Welch erstaunliche/welche erstaunliche/welch eine erstaunliche/was für eine erstaunliche Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten man auf ganz kleinem Raum haben kann! Mehr zu welch/welche finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alle(r) zwei Jahre

Frage

Wir benötigen dringend Ihre Hilfe, um einen uralten Ost-West-Konflikt beizulegen. Es geht um die aus westdeutscher Sicht falsche Verwendung des Wortes alle. Der Ostdeutsche beharrt darauf, folgende beispielhafte Formulierung als korrekt zu betrachten, zahlreiche Treffer bei einer großen Suchmaschine bestätigen ihn in dieser Annahme: „Die Technik wird ALLER zwei Jahre erneuert.“ „Ha! Das heißt aber doch ALLE zwei Jahre“, quiekt der Wessi – und schon gehts wieder von vorn los. Wie verhält es sich denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

ob ich hier dazu beitragen kann, den Konflikt beizulegen, weiß ich nicht. Das hängt davon ab, wie kompromissbereit die Streitparteien sind. Bei der Verwendung des Genitivs aller zwei Jahre scheint es sich vor allem um eine sächsische, also nicht unbedingt eine „gesamtostdeutsche“ Eigenart zu handeln. Es geht hier nicht etwa um „modernen Sprachverfall“, denn schon bei Gotthold Ephraim Lessing (einem Sachsen) findet man Textstellen wie „Wenn alle Diebe gehangen würden, die Galgen müssten dichter stehn. Man sieht ja kaum aller zwei Meilen einen“ (Die Juden, 1. Auftritt).

Im heutigen Standarddeutschen gilt nur noch der Akkusativ alle zwei Jahre als korrekt. Ich würde deshalb empfehlen, in einem „offiziellen“ Text alle zwei Jahre zu verwenden. Im ungezwungenen Gespräch sei es aber den Ostdeutschen zugestanden, aller zwei Jahre zu sagen, ohne dass gleich gequiekt wird. In der ostdeutschen Umgangssprache ist das offenbar eine übliche und richtige Formulierung. Die „Wessis“ verwenden beim Reden und Schreiben ja auch des Öfteren Wendungen, die nicht unbedingt reinstes Standarddeutsch sind, ohne dass die „Ossis“ – und übrigens auch nicht die „Südis“ wie Schwaben, Bayern, Österreicher und Deutschschweizer – gleich zu quieken anfangen. Etwas Toleranz (zu der übrigens Lessing mit dem zitierten Stück „Die Juden“ in einem anderen, wichtigeren Zusammenhang aufruft) schadet auch im Bereich der regionalen Sprachvarianten nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Sack als Mengenangabe

Frage

Wann verwendet man die Mehrzahl Sack, wann Säcke? Ich kaufe 2 Sack oder 2 Säcke Mehl?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

wenn eine Mengenbezeichnung ein „gewöhnliches“ männliches oder sächliches Wort wie Sack ist, kann oft sowohl die Einzahl also auch die Mehrzahl verwendet werden. Wenn die reine Mengenangabe gemeint ist, kann die Einzahl stehen:

Ich habe zwei Sack Kaninchenfutter bestellt.

Wenn der volle Begriff gemeint ist, das heißt, wenn mehrere einzelne Einheiten bezeichnet werden sollen, wird der Plural verwendet:

Ich habe im Stall soeben noch zwei Säcke Kaninchenfutter gesehen.

Da der Übergang fließend ist, kann bei Mengenangaben dieser Art meist sowohl die Einzahl als auch die Mehrzahl stehen:

Er hat drei Glas Wein getrunken.
Er hat drei Gläser Wein getrunken.

zwanzig Kasten Bier bestellen
zwanzig Kästen Bier bestellen

Sie hat drei Sack Mehl gekauft.
Sie hat drei Säcke Mehl gekauft.

Bei weiblichen Mengenbezeichnungen verwendet man bei mehr als einer Einheit immer den Plural:

acht Tonnen Weizen
sieben Kisten Sekt
zwei Prisen Salz

Mehr dazu finden Sie auf dieser Seite in Canoonet, insbesondere hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wird ein Herr gebeugt?

Frage

Beim Korrigieren bin ich auf ein Problem gestoßen und komme nicht weiter: Wann muss man bei folgenden Sätzen ein n anfügen und wann nicht?

Ich schaute das Foto mit der weißen Stute noch einmal genau an, welches ich von Herr/Herrn Müller bekommen hatte.
Sie raste zum Bauernhof von Herr/Herrn Bucher.
Wir waren sehr glücklich, dass wir Herr/Herrn Zolfekari helfen konnten.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

das Wort Herr wird immer dekliniert, außer wenn es im Nominativ steht oder als direkte Anrede verwendet wird:

Ungebeugt:

Nominativ:
Herr Christianson hat gesagt, dass …
Gestern hat Herr Matthieu angerufen.
Anrede:
Ich sehe Sie, Herr Spahn, gerne morgen wieder.
Ich gratuliere Ihnen, Herr Blum, ganz herzlich zum Geburtstag.

Sonst immer gebeugt, zum Beispiel:

Akkusativ:
Ich sehe Herrn Spahn morgen wieder.
Ohne Herrn Trautwein entscheide ich nichts.
Dativ:
Ich gratuliere Herrn Blum zum Geburtstag.
Nicht alle sind mit Herrn Fischer einverstanden.
Genitiv
Herrn von Guttenbergs Besuch in den USA
Der Besuch des Herrn von Guttenberg in den USA
anstelle Herrn Dr. Müllers

Auch in Anschriften schreibt man Herrn, obwohl man das früher übliche an weglässt:

Herrn
Daniel Huber
Baseler Straße 25
99999 Musterhausen

Natürlich gibt es auch hierzu wieder eine Ausnahme und auch diesmal wieder aus der Schweiz: Seit einigen Jahren ist es in der Schweiz üblich, in Anschriften nicht mehr den Akkusativ Herrn, sondern die ungebeugte Form Herr zu verwenden:

Herr
Daniel Huber
Baslerstrasse 25
9999 Musterwil

Das gilt aber nur für das Herr in der Anschrift (und nur in der Schweiz). In einem fortlaufenden Text muss Herr auch in der Schweiz nach den allgemeinen Regeln gebeugt werden.

Da hat man es doch viel einfacher, wenn es um Frauen geht: Die Anrede Frau bleibt immer ungebeugt. Es soll noch einer behaupten, es sei viel komplizierter, mit Frauen umzugehen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles, was Sie schon immer über den Strauß wissen wollten

Der Titel verspricht in zweierlei Hinsicht zu viel: Erstens wollten die meisten von Ihnen nur sehr wenig bis gar nichts über das Wort Strauß wissen und zweitens geht es hier vor allem um den Blumenstrauß, ein bisschen um den Vogel Strauß, aber nicht zum Beispiel um bayerische Politiker und österreichische Komponisten dieses Namens. Ich komme nur darauf, weil am heutigen Tag, dem zweiten Sonntag im Mai, wohl überdurchschnittlich viele Blumensträuße verschenkt werden.

Das Wort Strauß mit der Bedeutung Blumenstrauß kommt von einem alten Wort, das wahrscheinlich mit strotzen verwandt ist. Es bezeichnete zuerst u.a. den Federschmuck balzender Vögel, dann aufstehende Helm- und Hutverzierungen und erhielt schließlich die Hauptbedeutung Blumenstrauß. Obwohl dieser Strauß also ursprünglich etwas mit Vogelfedern zu tun hatte, ist er nicht mit dem Vogel Strauß verwandt. Der Name des Vogels geht über das lateinische struthio auf das griechische stroútheios zurück. Dort hatte das Wort allerdings nur zusammen mit megalé (groß) die Bedeutung Strauß, denn struthio allein wurde vor allem für Spatz, Sperling verwendet. Wir haben also ausgerechnet bei diesem Riesenvogel vom großen Spatz der Griechen nur den Spatz übernommen!

Der Blumenstrauß und der Vogel Strauß sind unterschiedliche Wörter, die lautlich zusammengefallen sind. Das zeigt sich auch daran, dass man in der Mehrzahl bei den Blumen die Sträuße, aber bei den Vögeln die Strauße sagt.

Sollten Sie sich, was ich ernsthaft bezweifle, jemals gefragt haben, ob Sie nun einen Strauß gelbe Tulpen oder gelber Tulpen erhalten haben oder ob ein Strauß duftender Flieder oder duftenden Flieders Ihr Wohnzimmer ziert: Beides ist richtig.

ein Strauß gelbe Tulpen
ein Strauß gelber Tulpen

ein Strauß duftender Flieder
ein Strauß duftenden Flieders

Wenn die Blumen in der Mehrzal stehen, gibt es im Dativ sogar drei Varianten:

mit einem Strauß duftendem Flieder
mit einem Strauß duftenden Flieders

mit einem Strauß gelbe Tulpen
mit einem Strauß gelben Tulpen
mit einem Strauß gelber Tulpen

Wenn der Blumenname in der Einzahl und allein steht, kann er nicht im Genitiv stehen:

ein Strauß Flieder
mit einem Strauß Rittersporn
Nicht: *ein Strauß Flieders
Nicht: *mit einem Strauß Rittersporns

Obwohl das alles recht kompliziert aussieht, macht man es in der Regel ganz spontan richtig. Erst wenn man anfängt darüber nachzudenken, kann man so richtig schön ins Zweifeln kommen. Letzteres hat wenig Sinn, denn Blumensträuße sind dazu da, bewundert zu werden. Sie sollten nicht zu grammatischen Grübeleien Anlass geben – außer dann natürlich, wenn man als Dr. Bopp am Muttertag einen Blogeintrag schreibt …

Allen Müttern wünsch ich einen wunderschönen Tag!

Dr. Bopp

GmbHs oder GmbHen? Die Mehrzahl von Abkürzungen

Frage

Mich beschäftigt schon seit geraumer Zeit eine Frage, die Sie mir hoffentlich beantworten können: Wie wird der Plural von Abkürzungen gebildet?

Es ist sehr oft zu hören, dass an die Abkürzung ein s gehängt wird wie z.B. GmbHs. Wenn man das Wort nun komplett ausschreiben bzw. -sprechen würde, dann wird man feststellen, dass das s irgendwie fehl am Platz ist. Demnach müsste es bei diesem Wort ja eigentlich GmbHen heißen. Diese Regelung trifft dann aber auch nicht auf alle Abkürzungen zu. Wie wäre dann nämlich der Plural von z.B. Demo? Gibt es dafür überhaupt eine Regelung?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

es gibt keine allgemeingültige Regel, wie Abkürzungen gebeugt werden. Die Pluralformen von Abkürzungen werden nicht von den Wörtern bestimmt, für die sie stehen. Bei GmbH müsste die Mehrzahl dann ja ganz genau genommen nicht GmbHen, sondern GenbH heißen. Es sind ja Gesellschaften mit beschränkter Haftung und nicht etwa Gesellschaft mit beschränkten Haftungen.

Die meisten Abkürzungen haben die Neigung, den Plural und (wenn sie männlich oder sächlich sind) den Genitiv mit der Endung s zu bilden. Zum Beispiel:

die WGs (Wohngemeinschaften)
die GmbHs (Gesellschaften mit beschränkter Haftung)

Dies gilt auch für viele Kurzwörter:

die Krimis (Kriminalromane)
die Demos (Demonstrationen)

Die Tendenz zur Pluralbildung mit s ist am stärksten bei

  • Abkürzungswörtern: Unis, Krimis, Demos, Loks
  • weiblichen Abkürzungen: WGs, GmbHs, LPs, CDs

Bei weiblichen Abkürzungen ist die Tendenz, ein Plural-s zu verwenden, wahrscheinlich so stark, weil dadurch die Mehrzahl von der Einzahl unterschieden werden kann: die AG – die AGs. Bei männlichen und sächlichen Abkürzungen ist dieser Unterschied dank des Artikels im Prinzip auch ohne Endung deutlich: das KKW – die KKW.

Sächliche und männliche Abkürzungen bilden den Genitiv Singular und den Plural sowohl mit s als auch ohne s. Je gebräuchlicher eine Abkürzung ist, desto stärker ist im Allgemeinen (vor allem im Plural) die Tendenz zur Endung s:

des KKWs oder des KKW
die KKWs oder die KKW

des PCs oder des PC
die PCs oder (selten) die PC

Man kann also sagen, dass das geschriebene und gesprochene s bei zum Beispiel die GmbHs und die PCs eine im Deutschen allgemein übliche und akzeptierte Form der Pluralbildung bei Abkürzungen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Kein Apostroph!!! Siehe hier.