Der Name der Pünktchen (2)

Heute geht es einmal um etwas, das es im Deutschen gar nicht gibt: das Trema in Anaïs und Citroën.

Frage

Das Wort „Trema“ kommt aus dem Griechischen. Ist bekannt, ob diese Bezeichnung schon antik ist? Wann tritt dieser Begriff in der Sprachgeschichte zum ersten Mal auf? In welcher Sprache kommt er zum ersten Mal vor?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Zeichen Trema stammt wie das Wort Trema aus dem Griechischen. Es bedeutet wörtlich Loch, Öffnug, dann auch Punkte, Löcher des Würfels. Es erhielt seinen Namen also durch seine Form, nicht wegen seiner Funktion. Es wurde schon im Altgriechischen verwendet, um die getrennte Aussprache zweier nebeneinanderstehender Vokale zu kennzeichnen. Das kam damals relativ häufig vor, weil man sich der scriptio continua bediente: In den antiken Texten trennte man die einzelnen Wörter nicht durch Zwischenräume voneinander, wasdaslesennichtgeradeeinfachermachte. Die Wortzwischenräume, die das Lesen stark vereinfachen, wurden im 7. Jahrhundert zuerst von irischen Mönchen verwendet und verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten in ganz Europa.

Zurück zu den Griechen. Sie verwendeten das Trema also, um die getrennte Aussprache von zwei nebeneinanderstehenden Vokalen anzugeben. Dies geschah, bedingt durch die scriptio continua, zwischen zwei Wörtern, aber auch im Wortinnern (wie immer noch im Neugriechischen). Das Trema wurde dann mit derselben Funktion in verschiedene europäische Sprachen übernommen. Heute unterscheidet es im Französischen zum Beispiel das einsilbige mais = aber vom zweisilbigen maïs = Mais. Im Niederländischen kommt es relativ häufig vor (zum Beispiel: coöperatie, geïnteresseerd). Im Spanischen gibt es unter anderem an, dass das u zwischen g und e oder i nicht stumm bleibt, sondern ausgesprochen wird (zum Beispiel: antigüedad, pingüino) und auch im Katalanischen verhindert es, dass zwei Vokale als Diphthong gelesen werden (zum Beispiel: ruïna, diürn).

Im Deutschen kommt das Trema nicht vor, außer in Eigennamen aus anderen Sprachen: Anaïs, Joël, Citroën. Auch die Inselgruppe Aleuten wird gelegentlich noch mit Trema geschrieben: Alëuten. Wenn als Diphthong lesbare Vokale aufeinanderstoßen, kommen wir also ohne Trema aus. Das ist meistens kein Problem, da auch ohne die beiden Punkte deutlich ist, wo die Silbengrenze liegen muss:

geimpft
Seineufer
beurteilen

Und auch bei

beinhalten

ist es in der Regel klar, dass zum Inhalt haben und nicht das Bein halten gemeint sein muss.

Es gibt aber mindestens einen Fall, bei dem das Trema vor allem auch für Deutschlernende nicht unpraktisch wäre: weibliche Substantive, die auf -ie enden:

Bakterie
Batterie

Das Schriftbild verrät hier nicht, dass der Wortausgang beim ersten Wort aus zwei Vokalen und beim zweiten Wort aus einem langen Vokal besteht. Hier könnte das Trema Abhilfe schaffen:

Bakterië
Batterie

Aber so weit wird es wohl nicht kommen, denn wirklich große Schwierigkeiten bereitet der Wortausgang -ie nun auch wieder nicht. (Die Deutschlernenden mögen mir diese Relativierung verzeihen!)

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass die Umlautpunkte, mit denen wir im Deutschen gar nicht sparsam umgehen, zwar gleich aussehen wie das Trema, aber eine ganz andere Entstehungsgeschichte haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Let’s Play und die deutsche Rechtschreibung

Es kommen immer wieder neue Dinge zu uns, die sehr oft auch ihren englischen Namen mit sich bringen. Es ist meist nicht allzu schwierig, diese Neuankömmlinge einigermaßen in die deutsche Rechtschreibung einzupassen. Was ist aber zu tun, wenn ein Aufforderungssatz als Substantiv daherkommt?

Frage

Es gibt im Internet, besonders auf YouTube, sogenannte Let’s Plays. Das sind Videos, bei denen jemand ein Videospiel spielt, dabei kommentiert und diese Aufnahme dann veröffentlicht. Meine orthografische Frage dazu: Allgemein gebräuchlich ist eigentlich nur die Form „das Let’s Play“, wobei ich mich frage, ob das eigentlich mit einem Bindestrich geschrieben werden müsste. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

Wenn dieser Ausdruck eine deutsche Zusammensetzung wäre, müsste er zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben werden. Der Apostroph legt hier natürlich die Schreibung mit Bindestrich nahe: das Let’s-Play. Dabei müsste allerdings play kleingeschrieben werden, das Let’s-play, weil play ja kein Substantiv, sondern ein Verb ist (vgl. hier und zum Beispiel Ad-hoc-Bildung, Make-up).

Let’s play ist aber ein englisches oder ein aus dem Englischen übernommenes Wort, das eine sehr spezielle Form hat. Es ist ein Aufforderungssatz, der als Nomen verwendet wird (Let’s play! = Lass uns spielen!). Diese Art englischer Wortschöpfung wird in der amtlichen Rechtschreibregelung nicht berücksichtigt. Dort werden „nur“ Nomen-Nomen-Verbindungen wie Desktop-Publishing/Desktoppublishing, Verb-Partikel-Verbindungen wie Back-up/Backup und Adjektiv-Nomen-Verbindungen wie High Society behandelt (vgl. hier).

Ich finde es deshalb gerechtfertigt, hier frei zu improvisieren und einfach die englische Schreibweise zu übernehmen. (Die Großschreibung scheint auch im Englischen häufig vorzukommen, siehe hier.)

das Let’s Play
die Let’s Plays

Es trifft sich gut, ist aber nicht ganz zufällig, dass dies offenbar auch die in den meisten deutschen Texten gebräuchliche Schreibung ist.

Ganz auf den Bindestrich verzichten möchte ich dann aber doch nicht. In Zusammensetzungen mit Let’s Play sollten Sie Bindestriche verwenden (vgl. hier):

ein Let’s-Play-Video
die Let’s-Play-Szene

Wie wäre es, wenn ich diese Erklärung als eine Art orthographisches Let’s Play anbieten könnte? – Ein solches Video wäre wohl nicht viel interessanter als der trockene Text, den Sie soeben gelesen haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Wort auf Umwegen: Mannequin

Für diejenigen unter uns, die nicht mehr wissen, was ein Mannequin ist: „weibliche Person, die Modekollektionen, Modellkleider vorführt“. So definiert das gelbe Wörterbuch den Begriff. Ein Mannequin ist also eine Frau, die wie viele Ihrer Kolleginnen diese Woche an der Berliner Fashion Week viel zu tun hatte: ein Model. Vorgängerinnen von zum Beispiel Frau Schiffer und Frau Klum nannten sich so und wurden so genannt. Auch ich kann mich erinnern, dass Fashion Weeks noch Modewochen hießen und Mannequins und Dressmen statt Models über die Laufstege, pardon, die Catwalks schritten.

Wie alles, was früher etwas mit Mode zu tun hatte, kommt auch das Wort Mannequin aus Frankreich. Weshalb aber ist es ein „Wort auf Umwegen“? Weil es nicht aus Paris, sondern aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist: aus den Niederlanden. Das mittelniederländische Wort manneken mit der Bedeutung Männchen [sic!] wurde unter anderem im Sinne von Puppe, Gliederpuppe ins Französische übernommen. Mit Mannequin ist ein niederländisches Wort über Frankreich zu uns gelangt.

MannequinAuch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

Auch das Wort Model ist übrigens „weitgereist“. Es hat allerdings eine Route genommen, die viele andere Wörter auch zurückgelegt haben. Es startete seine Karriere als Diminutiv modulus des lateinischen Wortes modus (Maß; Art, Weise). Sein italienischer Nachfahre modello gelangte dann als modelle (später modèle) nach Frankreich, von wo es als Modell direkt ins deutsche Sprachgebiet und als model nach England und später zu uns weiterwanderte.

Weder Mannequin noch Model oder Modell sind also deutschen Ursprungs. Wer lieber keine Fremwörter verwendet, muss hier also auf Vorführfrau und Vorführmann ausweichen. Wenn es nur darum geht, die Bedeutung wiederzugeben, eignen sich diese Wörter ausgezeichnet. Wenn es aber darum geht, auch das zur Mode gehörende Flair zu vermitteln, sind sie völlig ungeeignet.

Epiphanie und Epiphanias

Frage

Anlässlich des Dreikönigstags wollte ich herausfinden, wie sich denn seine griech.-lat. Bezeichnung „Epiphanie“ korrekt ausspricht. „Epiphany“ im Englischen klingt schon recht entzückend. Auf Deutsch zeigt die (Aus)sprachwelt aber Uneinigkeit, denn in den von mir gefundenen Tondokumenten spricht jeder/jede der Sprecher/innen das Wort anders aus (Leo, Babla, Ponds, …). Könnten Sie nicht „Erleuchtung“ in die Sache bringen und über die richtige Aussprache schreiben […]?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

die Aussprachebeispiele auf den verschiedenen Seiten, die Sie erwähnen, sind tatsächlich verwirrend. Eine sehr zuverlässige Quelle ist diesbezüglich das DWDS. Nur steht Epiphanie leider nicht im DWDS.

Epiphanie ist über das Lateinische aus dem Griechischen zu uns gelangt. Es bezeichnete die Erscheinung einer Gottheit unter den Menschen und wird bei uns vor allem für die Erscheinung Christi verwendet. Nach den Ausspracheangaben in verschiedenen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Pons u. a. m.) wird Epiphanie wie folgt ausgesprochen: E-pi-pha-nie. Der Hauptakzent liegt auf dem ie der letzen Silbe, das als langes i ausgesprochen wird. Epiphanie gehört also zu den Wörtern, in denen das ie am Wortende für ein betontes langes i steht und nicht für unbetontes, separat ausgesprochenes i-e. Es folgt somit dem gleichen Betonungsmuster wie viele andere griechisch-lateinische Wortbildungen, die wir aus dem Lateinischen übernommen haben: Analogie, Demokratie, Geografie u. v. a. m.

Epiphanie reimt sich also nicht mit Geranie und Kastanie. Das wäre übrigens insofern nicht abwegig, als Epiphanias, der direkt aus dem Griechischen stammende Name für das Dreikönigsfest, anders ausgesprochen wird. Dort liegt die Hauptbetonung nämlich doch auf der Silbe pha. Siehe resp. höre die Ausspracheangabe im DWDS (einfach auf den Pfeil neben Aussprache klicken und hoffen, dass Ihr Gerät dann anfängt zu reden).

Es ist also „offiziell“ Epiphanie und Epiphanias.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Dreikönigstag

Dr. Bopp

Lehnwörter von der Datumsgrenze: Polynesisches im Deutschen

Im westlichen Teil Polynesiens war es schon einen halben Tag früher 2014 als bei uns. Im östlichen Teil musste man einen halben Tag länger auf das neue Jahr warten als wir. Das hat – wir haben es im Geographieunterricht gelernt – mit der Kugelform der Erde und der Datumsgrenze zu tun, die auf der uns gegenüberliegenden Seite der Kugel quer durch Polynesien verläuft. Was wissen wir noch mehr von dieser Inselwelt? Die Meuterei auf der Bounty fand dort statt, Gaugin hat auf Tahiti gemalt, Barak Obama wurde auf Hawaii geboren, Inseln, Palmen, Atolle und ganz viel Ozean. Viel mehr wissen die meisten von uns nicht über diesen Teil der Erde. Auch sprachlich gibt es kaum Verbindungen zwischen Polynesien und dem deutschsprachigen Teil der Welt. Nur zwei, drei Wörter aus polynesischen Sprachen haben es in die deutsche Alltagssprache geschafft:

Das Wort kanaka bedeutet in einer polynesischen Sprache Mensch. Es wurde zuerst durch Seeleute entlehnt und in der Form Kanake zu einer Bezeichnung für Polynesier und Südseeinsulaner. Ich weiß nicht, inwieweit es früher „neutral“ verwendet werden konnte (ich habe gewisse Zweifel). Heute ist jedenfalls wegen der Verwendung von Kanake als Schimpfwort für Migranten große Vorsicht geboten, wenn man dieses Wort benutzt. Es ist vor allem mit dieser negativen Bedeutung bekannt.

Dies ist eine fast zu schöne Überleitung zum folgenden Wort: tabu, Tabu. Es stammt aus der polynesischen Sprache Tonga, wo es ungefähr geheiligt bedeutet. Es wurde zuerst in der Völkerkunde für Lebewesen oder Objekte verwendet, die so heilig sind, dass man sie nicht berühren oder nicht einmal anschauen darf. Aus der Fachsprache ist es dann in die Allgemeinsprache durchgedrungen, meist als Charakterisierung von etwas, über das man nicht reden darf (Tabuthema).

Das dritte Wort  kann in meiner Erfahrung bei vielen Eltern mit heranwachsenden Söhnen und Töchtern zu einem solchen Tabuthema werden: Tatoo oder Tätowierung. Es kommt vom tahitianischen Wort tatau für Zeichen. Tätowierungen sind in den letzten Jahren so populär geworden – und nicht nur, wie das Klischee es wollte, bei Knastbrüdern, Prostituierten und Seeleuten –, dass viele Eltern viele verschiedene Taktiken anwenden, um den Nachwuchs ganz oder wenigstens möglichst lange davon abzuhalten, ins Tattoostudio zu gehen: „Nein, auch kein kleines, geschmackvolles, das man kaum sieht!“ Versuchen Sie es einfach einmal und lassen Sie das Stichwort Tätowierung in einer Familie mit pubertierendem Nachwuchs fallen. Wenn Sie mehr für das Harmonie- als für das Konfliktmodell sind, sollten Sie es allerdings besser bleiben lassen.

Kanake, Tabu und Tätowierung sind die drei bekanntesten Wörter polynesischen Ursprungs. Wenn wir den Kreis etwas größer machen, kommen noch weitere Wörter aus der „gleichen“ Region: Bumerang, Digdgeridoo, Dingo, Känguru und Koala sind Beispiele von Wörtern, die wir – Sie haben es bestimmt erkannt – aus australischen Sprachen übernommen haben.

Umgekehrt kommen auch nur wenige (aber immerhin ein paar!) deutsche Lehnwörter in den Sprachen der Südsee vor. Mehr dazu lesen Sie in einem Artikel von Stefan Engelberg mit dem Titel „Kaisa, Kumi, Karmoból – Deutsche Lehnwörter in den Sprachen des Südpazifiks“ (in „Sprachreport“, 4/2006, Institut für deutsche Sprache IDS).

Ab nächster Woche geht es dann wieder wie gewohnt mit interessanten Fragen von Ihnen weiter.

Herbst Moto Cross

Heute ist Sonntag. Der Sonntag ist normalerweise auch für mich ein Ruhetag. Da hier aber heute von Ruhe keine Rede sein kann, greife ich doch kurz zur Tastatur.

Ganz in der Nähe des Wochenendhäuschens findet heute eine alljährliche Veranstaltung statt, bei der Männer – ja, es sind hier nur Männer – auf Motorrädern über Hügel springen und durch Mulden rasen. Das ist natürlich mit viel Lärm verbunden, der dank der in diesem Sinne ungünstigen Windrichtung ausgezeichnet zu hören ist. Das ist nicht weiter schlimm, denn hin und wieder müssen die Männer ihren Spaß haben – und wir gehen heute für den ersten Herbstspaziergang dieses Jahres einfach in die andere Richtung. So ist auch diese Situation ohne Ärger, Proteste und Petitionen gut zu meistern.

Motocross

Damit nun die deutsche Sprache und Rechtschreibung auch noch kurz zum Zuge kommen, sei noch dies erwähnt: Ich werde mich bei den Veranstaltern auch nicht darüber beschweren (es wäre ebenso kleinlich wie sinnlos), dass man nicht

Herbst Moto Cross

schreibt – auch nicht auf Ankündigungen und Ähnlichem – sondern

Herbst-Moto-Cross

oder

Herbst-Motocross

Nach der amtl. Regelung schreibt man nämlich Motocross oder Moto-Cross, und Herbst sollte nicht ganz „ungebunden“ alleine vorangestellt, sondern zumindest mit einem Bindestrich als zur Zusammensetzung gehörig gekennzeichnet werden. Dass die gänzliche Zusammenschreibung Herbstmotocross zwar möglich, aber in diesem Zusammenhang für die meisten der „Betroffenen“ wohl etwas zu viel der Guten wäre, verstehe auch ich. Und Sie haben mittlerweile sicher verstanden, dass ich kein echter Motocross-Fan bin.

Ich wünsche einen schönen ersten Herbstsonntag

Dr. Bopp

Barbecue, Grillparty, Röstfest

Der Sommer ist in unseren Breitengraden ja inzwischen endlich ausgebrochen. Neben den ersten über Hitze Klagenden, vollen Stränden und Schwimmbädern sowie einigen zu stark geröteten Körperteilen ist eine der Auswirkungen, dass die Umsätze bei Holzkohle und Grillwürsten rasant gestiegen sein müssen. Das hat mich auf die Frage gebracht, wie es denn „wortherkünftlich“ um Grill und Barbecue steht, zwei Wörter also, die zu dieser Jahreszeit Hochsaison haben.

Barbecue kommt natürlich aus dem Amerikanischen. Von dort ist es jedenfalls zu uns gelangt, denn wirklich Englisch sieht das Wort ja auf den zweiten Blick nicht aus. Es kommt dann auch vom spanischen Wort barbacoa, das über El Salvador und Mexiko in die Vereinigte Staaten gelangt war. Die eigentliche Ursprungssprache ist eine dahingemordete karibische Sprache der Großen Antillen, in der das Wort einen Rost bezeichnete, auf dem Fleisch getrocknet oder geräuchert werden konnte, der aber unter anderem auch als Bett gedient haben soll.

Echte Barbecue-Fans werden Ihnen genau erklären können, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen der Barbecue- und der Grilltechnik gibt, aber im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe fröhlich nebeneinander verwendet. Barbecue und vor allem seine Variante BBQ gehören dabei aber eher zur Sprache der Lifestyle-Magazine, der Gartencenter-Prospekte und der sommerlichen Sonderangebote in der Fleischabteilung.

Echten Anglizismenjägern ist Barbecue dann auch ein Dorn im Auge. Sie möchten es überall durch Grill oder Bratrost bzw. durch Grillen ersetzt haben. Auch in meinem aktiven Wortschatz kommt Barbecue zwar nicht vor, aber ganz so deutsch sind Grill und Grillen nun auch wieder nicht. Grill kommt nämlich ebenfalls aus dem Englischen. Für die weitere Wortgeschichte können wir dann aber diesseits des Atlantiks bleiben. Die Engländer haben das Wort von den Franzosen (gril o. grille) übernommen. Das französische Wort geht über einige Lautveränderungen auf das lateinische craticulum oder craticula (Diminutiv zu cratis = Flechtwerk) zurück, das Geflecht, kleiner Rost bedeutete. Süddeutsche und Schweizer mögen hier auch eine eventuelle Verwandtschaft mit dem Wort Kratten (eine Art Korb) erkennen.

Ob wir nun grillen oder zum Barbecue einladen, beides kommt ursprünglich aus dem Englischen. Grill und grillen haben sich aber (vorläufig noch?) besser im deutschen Wortschatz etabliert. Wer Englisches ganz vermeiden will, muss anstelle von Barbecue, Grillparty oder Grillfest auf ein Wort wie zum Beispiel Röstfest zurückgreifen. So weit gehen aber auch die eifrigsten Anglizismenwehrer nicht.

Zum Schluss noch etwas „Regionales“: Neben grillen gibt es in der Schweiz auch die Form grillieren: Ein gegrilltes Hähnchen ist ein grilliertes Poulet. Doch während Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen niemals ihr Auto parken, sondern immer nur parkieren, wundert sich auch in der Schweiz kaum jemand, wenn das Poulet einmal gegrillt und nicht grilliert ist.

Viele schöne Grillabende wünsche ich allen, die Gegrilltes mögen!

Calvados: kahle Rücken oder Armadaschiff

Im Urlaub schauen viele gerne einmal über die Grenze. So sind auch wir für ein paar Tage über Landes- und Sprachgrenze nach Frankreich gezogen. Dort stand ich vorgestern noch auf dem (oder der) Pont de Normandie, einer eleganten Brücke, die die Mündung der Seine zwischen Le Havre und Honfleur überspannt. Auf einem knapp zwei Meter breiten Trottoir, nur durch einen wenige Zentimeter hohen Betonrand vom mit 90 km/h vorbeirasenden Verkehr getrennt, kann man diese Brücke begehen. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wenn man irgendwo hinaufsteigen und hinunterschauen kann, ganz egal ob Kirchturm, Leuchtturm, Aussichtsturm, Wolkenkratzer oder eben in diesem Fall eine Brücke, dann muss ich hinauf. Dort stand ich also mehr als fünfzig Meter über der Seine, hielt meine Mütze fest (merke: auf einer hohen Brücke an der Küste ist es nicht windstill!), schaute um und unter mich und dachte: „Mann, ist das hoch!“ Wenn Sie einmal in der Gegend sind und keine Höhenangst haben: Der Pont de Normandie ist das Begehen wert.

In der Mitte der Brücke zeigten Tafeln an, dass wir auf der Grenze zwischen den Departements Calvados und Seine-Maritime standen. Und plötzlich schlug wieder einmal die Berufsdeformation zu: Woher kommt der Name Calvados? Er sieht ja eher spanisch als französisch aus.

Calvados-Schild
Foto Wikipedia . Foto P.v.B.

Der Name Calvados, den Liebhaber und Liebhaberinnen destillierter Wässer ja auch als Bezeichnung für den berühmten Apfelbranntwein aus dieser Region kennen, ist nicht typisch für die Normandie. Der Name Normandie geht auf das altfränkische nortman oder das altnordische nordmaðr zurück, die beide Nordmann bedeuten. Es kam im mittelalterlichen Latein ab dem 9. Jahrhundert vor und bezeichnete also das Gebiet der Nordmänner. Die Normandie war von einem Mischvolk besiedelt, das aus vom Norden eingedrungenen Skandinaviern und den ansässigen Franken entstanden war. Natürlich ist wie immer alles viel komplizierter, aber der Name Calvados kam bestimmt nicht mit den Wikingern in diese Region.

Es gibt zwei Erklärungen für den Ursprung des Namens: eine eher realistische und eine eher romantische. Nach der realistischeren, allgemein als wahrscheinlich anerkannten Erklärung stammt der Name von alten Seekarten. Mit dem lateinischen calva dorsa (kahle Rücken) sollen sie von See aus sichtbare kahle, also baumlose Hügel der Gegend angegeben haben. Die romantischere Erklärung sagt, dass der Name von Salvador komme. Salvador war der Name eines Schiffes, das zur „Unbesiegbaren Armada“ gehörte, der Kriegsflotte, die 1588 auf Befehl des spanischen Königs Philipp II. ausfuhr, um England zu erobern. England wurde nicht erobert und die Salvador strandete auf einem Felsen vor der Küste des heutigen Calvados. Über ein paar abenteuerliche Lautverschiebungen soll das Schiff dann Namensgeberin der Gegend geworden sein.

Vom Pont de Normandie aus habe ich beides gesehen: mehr oder weniger baumlose Hügel und einige Schiffe. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könnten also beide Erklärungen zutreffen, aber auch mir scheint die erste Erklärung (calva dorsa) die wahrscheinlichere zu sein.

Pont de Normandie

So weit der Blick über die Grenze. Die nächsten Beiträge werden sich dann wieder mit „deutscheren“ Themen befassen.