United, vereint, vereinigt

Frage

Gestern habe ich mich plötzlich gefragt, wieso wird United Nations zu Vereinte Nationen, aber United States zu Vereinigte Staaten?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

meine erste Reaktion auf Ihre Frage ist Erstaunen darüber, dass mir dieser Unterschied bis jetzt noch nie aufgefallen ist. Darauf folgt nach kurzem Überlegen die Schlussfolgerung: „Weil es halt so heißt, das ist bei Namen öfter so.“ Erst ein Blick ins Wörterbuch hat mir dann gezeigt, was der subtile Unterschied zwischen vereinen und vereinigen ist:

Wenn mehrere Entitäten sich vereinigen, schließen sie sich zu einer Gesamtheit zusammen. Die Vereinigten Staaten sind die zu einer Nation zusammengefassten US-Staaten.

Wenn mehrere Entitäten sich vereinen, schließen sie sich zu gemeinsamem Tun, Streben u. Ä. zusammen. Die Vereinten Nationen sind ein Zusammenschluss der Nationen mit dem gemeinsamen Ziel, ein friedliches Zusammenleben aller Völker zu fördern (oder so).

Das Verb vereinigen drückt offenbar stärker als vereinen aus, dass eine Gesamtheit geformt wird. Das ist, wenn man es genauer betrachtet, auch bei den USA und der UNO so: Die Vereinigten Staaten sind ein viel engerer Zusammenschluss als die Vereinten Nationen.

Ich denke allerdings, dass man keine eindeutige, strenge Grenze zwischen den beiden Verben ziehen kann. Es könnte sich deshalb beim Unterschied in der Namensgebung zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen mehr um einen Zufall als um eine bewusste Wortwahl handeln. Doch darüber, wie die Namensgebung im Deutschen verlaufen ist, weiß ich leider nichts Genaueres.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Äquinoktium

Nachdem der meteorologische Herbst schon seit Anfang des Monats im Land ist, hat heute, am 23. September, auch der astronomische Herbst angefangen. Selbst die eifrigsten Sommerfans können es nicht mehr verdrängen: Der Sommer 2015 ist endgültig vorbei (und für die Schlaumeierinnen und Schlauberger sei noch präzisiert: auf der nördlichen Halbkugel).

Das sprachlich Schöne am heutigen Tag ist, dass er einen Namen trägt, wie er beschreibender kaum sein könnte. Wir nennen den Tag, an dem Tag und Nacht gleich lang sind, die Tagundnachtgleiche. Und weil wir im Deutschen gerne Zusammensetzungen bilden, gibt es auch noch die Marathonwörter Herbst-Tagundnachtgleiche und Frühjahrs-Tagundnachtgleiche oder Frühlings-Tagundnachtgleiche.

Wer diesen Blog regelmäßig liest, hat vielleicht schon einmal gemerkt, dass ich den bei vielen immer populäreren „verdeutlichenden“ Bindestrich oft für überflüssig halte. Wie man im vorhergehenden Abschnitt sehen kann, halte aber auch ich bei diesen Wortbildungen die Bindestrichschreibung für angebracht und nützlich. Ich gehe sogar noch weiter und finde auch diese Schreibung gut vertretbar: Tag-und-Nacht-Gleiche, Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche, Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche (ein bisschen wie Berg-und-Tal-Bahn).

Da wir ein so schönes Wort wie Tagundnachtgleiche haben, ist es eigentlich schade, ein gelehrtes Fremdwort zu verwenden. Das entsprechende Fremdwort sieht allerdings auch eindrücklich aus und sei deshalb ebenfalls noch kurz erwähnt: Äquinoktium. Es kommt vom gleichbedeutenden lateinischen aequinoctium, das von aequus (gleich) und nox, noctis (Nacht) abgeleitet ist.

Ob Sie nun die zusammengeschriebene Tagundnachtgleiche, die Bindestrichvariante Tag-und-Nacht-Gleiche oder vielleicht sogar das schicke Äquinoktium vorziehen, ich wünsche Ihnen allen einen schönen Herbst.

Dr. Bopp

Radikale Radieschen

Keine Angst, es folgt keine lustig oder absurd gemeinte Geschichte, in der radikale Radieschen, rüpelhafte Rübchen und zweifelnde Zwiebeln vorkommen. Es ist mir auch kein packender Satz mit den Wörtern radikal und Radieschen in den Sinn gekommen. Ich konnte es einfach nicht lassen, diesen Titel zu verwenden, nachdem mir bei der Beantwortung einer Frage nach der Herkunft des Wortes Radieschen aufgefallen war, dass dieses Gemüse und das Adjektiv radikal wortgeschichtlich die gleiche Wurzel haben.

Radieschen

Das Adjektiv radikal geht am deutlichsten auf radix, das lateinische Wort für Wurzel, zurück. Es kommt vom spätlateinischen radicalis, einer Ableitung von radix. Bei der Bedeutung oder, besser gesagt, bei den Bedeutungen von radikal wird es schon etwas komplizierter. Es bezeichnete zuerst eingewurzelt, angestammt, angeboren. Später erhielt es unter Einfluss des französischen radical die Bedeutung grundlegend, von Grund auf, gründlich und schließlich wurde es unter Einfluss des englischen radical auch für politisch o. ideologisch extrem, unnachgiebig verwendet. Ein schönes Beispiel dafür, wie andere Sprachen mit hohem Prestige zu verschiedenen Zeiten ein deutsches Wort beeinflussen können: lateinischer Ursprung, danach französische und später englische Bedeutungselemente.

Das Wort Radieschen hat einen anderen Weg zurückgelegt. Die Verkleinerungsform hat das ursprüngliche, seit dem 17. Jahrhundert bezeugte Radi(e)s verdrängt. Dieses stammt vom gleichbedeutenden niederländischen radijs. Die Niederländer haben radijs von den Franzosen übernommen, die wiederum ihr radis aus dem Italienischen entlehnt haben. Und das italienische radice kommt – Sie haben es bestimmt schon erraten – vom lateinischen radix. Auch Radieschen ist also ein Fremdwort.

Dasselbe gilt im Prinzip für einen botanischen Verwandten, den Rettich. Das Wort Rettich geht auch auf radix zurück, aber es wurde schon viel früher ins Deutsche übernommen. Die Form ratih war schon im Althochdeutschen des 9. Jahrhunderts anzutreffen und hat seither einige lautliche Entwicklungen durchgemacht, so dass Rettich heute kaum noch als Nachfahre von radix zu erkennen ist.

Rettich, Radieschen, radikal, drei Wörter desselben Ursprungs, die zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen ins Deutsche gelangt sind.

Eine Pluralfrage: der Fundus – die ?

Frage

Das Wort „Fundus“ scheint in Bezug auf Pluralbildung ein sehr merkwürdiges zu sein.

Sie geben den Plural im Einklang mit dem Duden mit „Fundus“ (also unverändert) an. Dies erinnert an Wörter wie „Status“, die der lateinischen u-Deklination entstammen und im Plural mit langem u ausgesprochen werden. Ich finde für den Plural des lateinischen Wortes „fundus“ jedoch die Angabe „fundi“. Hierzu passt, dass auch der Duden (anders als bei „Status“) keine lange Aussprache des u angibt.

Gibt es eine Erklärung für den merkwürdigen Plural, der offenbar nicht auf die Ursprungssprache zurückzuführen ist?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen schuldig bleiben. Ich weiß nicht, wie sich der unveränderliche Plural die Fundus ergeben hat. Die Pluralbildung bei Fremdwörtern in Fachsprachen ist manchmal unergründlich – zumindest für mich.

Der Nominativ Plural des lateinischen fundus (Grund, Boden) lautet tatsächlich fundi. Wie Sie richtig bemerken, gehört Fundus also nicht zu den Wörtern wie der Status und der Kasus, die im Deutschen wie im Lateinischen den (Nominativ) Plural in der Schrift gleich und in der Aussprache mit langem u bilden: die Status, die Kasus.

Wie gehen wir im Deutschen mit anderen Wörtern um, die aus der gleichen lateinischen Deklinationsklasse stammen? Bei fundus–fundi könnte man in Analogie mit anderen Wörtern die folgenden Pluralformen erwarten:

  • die Fundi
    wie zum Beispiel: Bonus–Boni, Modus–Modi, Terminus–Termini

Der Plural Fundi kommt tatsächlich neben die Fundus in der Medizin vor, wo Fundus die Bedeutung Hintergrund, Boden eines Organs hat. In anderen Bereichen lassen die Wörterbücher aber diesen Plural nicht zu (Theater usw.: Bestand an zurzeit nicht gebrauchten Requisiten, Dekorationen, Kostümen; bildungssprachlich: Grundbestand, Grundstock).

  • *die Funden
    wie zum Beispiel: Ritus–Riten, Zyklus–Zyklen, Globus–Globen
  • *die Fundusse
    wie zum Beispiel: Bonus–Bonusse, Globus–Globusse, Zirkus–Zirkusse)

Funden kommt nicht vor und Fundusse gilt nicht als korrekt. Herausgekommen ist nach den Wörterbüchern dieser unveränderliche Plural:

  • die Fundus
    wie zum Beispiel: Akanthus–Akanthus, Lotus–Lotus, Abakus–Abakus*

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es keine eindeutige Regel gibt, wie der Plural von Fremdwörtern im Deutschen gebildet wird. Die Wortformen in der Ursprungssprache, der Grad der Eindeutschung und Analogien (auch falsche) mit ähnlichen Wörtern können hier eine Rolle spielen. Die genaue Antwort auf die Frage, wie und in welcher Fachsprache der unveränderliche Plural für Fundus sich herausgebildet hat, konnte ich im Fundus meiner Kenntnisse leider nicht aufstöbern. Vielleicht weiß jemand anders mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*umstritten neben Abakusse und Abaki

Es geht auch ohne Bindestrich: webbasiert, gamesüchtig, userfreundlich

Eine Ihrer Lieblingsfragen betrifft den Bindestrich in Zusammensetzungen mit Fremdwörtern. Deshalb zum Wochenende wieder einmal eine Frage dieser Art:

Frage

Momentan stecke ich fest, und zwar bei der Schreibweise von „web-basiert“, „webbasiert“ oder „Web-basiert“. Ich würde die letzte Variante nehmen. Der Duden empfiehlt allerdings „webbasiert“, ohne alternative Schreibweise. Entsprechend müsste man doch aber auch z. B. „onlineaffin“, „internetsüchtig“, „softwarebasiert“ usw. schreiben? Das ist verwirrend.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es ist eigentlich ganz einfach: Zusammensetzungen mit einem Fremdwort werden gleich behandelt wie Zusammensetzungen mit nur deutschen Elementen. Das heißt also, dass hier wie bei heimischen Zusammensetzungen im Prinzip zusammengeschrieben wird. Nach der Rechtschreibregelung sind somit folgende Schreibungen korrekt:

webbasiert, softwarebasiert (wie netzbasiert, nutzerbasiert)
onlineaffin (wie chromaffin, kulturaffin)
gamesüchtig (wie drogensüchtig, alkoholsüchtig)
userfreundlich (wie nutzerfreundlich, kinderfreundlich)

Sie finden diese Schreibweise vielleicht deshalb verwirrend, weil bei solchen Zusammensetzungen unnötig oft der Bindestrich verwendet wird oder häufig sogar die nicht korrekte Getrenntschreibung anzutreffen ist.

Die Schreibung mit dem „verdeutlichenden“ Bindestrich ist – wie eigenlich immer – ebenfalls möglich, aber nicht notwendig und meiner Ansicht nach auch nicht empfehlenswert*:

Web-basiert (Netz-basiert, Nutzer-basiert)
online-affin (Chrom-affin, Kultur-affin)
Game-süchtig (Drogen-süchtig, Alkohol-süchtig)
User-freundlich (Nutzer-freundlich, Kinder-freundlich)

Siehe auch diesen älteren Blogbeitrag. Was dort steht, gilt auch für Zusammensetzungen mit einem Erstelement, das aus dem Englischen stammt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Anders sieht es bei Texten aus, die für Menschen mit Leseschwächen bestimmt sind.

 

Deodorants, Deodorante – und Deodorantien?

Frage

Der Plural von „Antitranspirant“ ist gemäß dem Wörterbuch „Antitranspirants“. Ich finde aber in der Literatur immer wieder den Begriff „Antitranspirantien“ (oder auch „Deodorant – Deodorantien“). Kann man diesen so stehen lassen?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die Wörter Antitranspirant und Deodorant (Desodorant) kommen aus dem Englischen und werden im Plural wie dort mit s gebildet. Daneben kommt auch die deutsche Pluralendung e vor:

das Antitranspirant – die Antitranspirants, auch die Antitranspirante
das Deodorant – die Deodorants,  auch die Deodorante

Der übergroße Teil der Substantive auf –ant ist männlich und wird schwach gebeugt (zum Beispiel Informant – Informanten, Lieferant – Lieferanten, Konsonant – Konsonanten). Sie sollen uns hier nicht weiter interessieren, denn Antitranspirant und Deodorant sind sächlich. Es gibt nur wenige sächliche Substantive dieser Form, und wenn sie nicht wie diese beiden aus dem Englischen stammen, kommen sie häufig aus dem Französischen (zum Beispiel Restaurant – Restaurants, Pendant – Pendants, Fondant – Fondants).

Woher kommen nun die Pluralformen Deodorantien und Antitranspirantien, die Sie ebenfalls entdeckt haben. Aus dem Englischen oder Französischen stammen sie ja nicht. Sie klingen sehr fachsprachlich, ich weiß aber nicht, ob sie nicht einfach pseudofachsprachlich sind. Sie gehören eigentlich zu einer latinisierenden Singularform Deodorans und Antitranspirans, werden aber (fälschlich?) nicht nur bei dieser Singularform verwendet.

das Antitranspirans – die Antitranspirantien (o. Antitranspiranzien)
das Deodorans – die Deodorantien (o. Deodoranzien)

Weitere sächliche Substantive dieser Form mit einem Plural auf –antien, -anzien oder –antia:

Adjuvans (unterstützender Bestandteil)
Antioxidans (Autoxidation verhindernder Zusatz)
Koagulans (Blutgerinnung förderndes Mittel)
Laxans (Abführmittel)
Relaxans (Muskeln entspannendes Arzneimittel)
Roborans (Stärkungsmittel)
Stimulans (stimulierendes Mittel)

Meine Empfehlung für Deodorant und Antitranspirant: Verwenden Sie insbesondere in allgemeinen Texten nur die Singularformen auf -ant und die Pluralformen auf -ants oder -ante. Wer dennoch nicht auf den Plural Antitranspirantien und Deodorantien verzichten will, sollte erwägen, auch im Singular die latinisierten Formen Antitranspirans und Deodorans zu gebrauchen. Wenn es schon wissenschaftlich klingen soll, dann auch auf der ganzen Linie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das User-centered Design

Es geht mir nicht darum, auf einem bestimmten Fremdwort herumzubashen. Das Wort, um das es hier geht, ist nur ein Beispiel für viele englische Ausdrücke, die ihren Weg ins Deutsche nur halb zurückgelegt haben.

Frage

Ich beschäftige mich gerade mit der Schreibung von englischen Fremdwörtern. Die Regeln diesbezüglich sind eigentlich ziemlich klar, wie ich inzwischen herausgefunden habe. Mit einem Ausdruck tue ich mich jedoch schwer: „User Centered Design“. So wird das z. B. in der deutschen Wikipedia geschrieben. Allerdings ergibt das wenig Sinn. […] Wenn man den Ausdruck eindeutscht und als Adjektiv+Substantiv-Gruppe betrachtet, müssen das erste Wort und das Substantiv großgeschrieben werden. Dann haben wir „User-centered Design“. Anhand der Regeln scheint mir das die korrekte Schreibweise zu sein. Bloß verwendet die niemand… Können Sie mir weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

bei der Schreibung von Fremdwörtern, insbesondere bei mehrteiligen Ausdrücken in Fachsprachen, stimmen die regelkonforme Schreibung und die tatsächlich verwendete Schreibung sehr, sehr oft nicht überein.

Nach der amtlichen Regelung richtig sind:

a) das „user-centered design“
b) das User-centered Design

Bei a) verwendet man den Ausdruck als englisches Zitatwort und hält sich an die Schreibung, die in der Ursprungssprache gilt. Bei b) folgt man der Rechtschreibregel, nach der auch Sie sich in Ihrer Frage gerichtet haben.

Viel üblicher ist aber die Schreibung, die Sie offenbar auch in Wikipedia angetroffen haben:

c) das User Centered Design

Ich vermute, dass dies in Übereinstimmung mit den Großbuchstaben der Abkürzung UCD geschieht. Da außer Ämtern und Schulen niemand verpflichtet ist, sich an die amtliche Reglung zu halten, können sich insbesondere in Fachsprachen auch nicht regelkonforme Schreibungen durchsetzen. Wenn Sie diesen Begriff verwenden, müssen Sie sich also entscheiden, ob Sie die regelkonforme Schreibung b) oder die üblichere Schreibung c) verwenden. Wenn Sie durch Hausregeln, die Auflagen von Auftraggebenden oder Ihre eigene Einstellung an die amtliche Rechtschreibregelung gebunden sind, wählen Sie b): das User-centered Design.

Sie können das Problem natürlich auch umgehen – das ist in solchen Fällen meine Lieblingstaktik –, indem Sie zum Beispiel nutzerorientiertes Design oder „sogar“ nutzerorientierte Gestaltung verwenden:

d) das nutzerorientierte Design (UCD, user-centered design)

Als kleine Hilfestellung zur Schreibung von Fremdwörtern möchte ich Sie zum Schluss noch auf diese Seiten verweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Korrupt, bankrott und weitere Verwandte

Aus aktuellem Anlass liest man wieder einmal häufiger die Wörter korrupt und bankrott in einem Satz. Ich maße mir kein Urteil darüber an, ob diese Charakterisierungen zutreffend sind (jedenfalls nicht an dieser Stelle). Es geht mir hier um etwas ganz anderes: Wussten Sie, dass es sich bei diesen beiden Wörtern um entfernte Verwandte handelt? Die Familiengeschichte ist unterschiedlich, aber sie haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Der Vorfahre ist wie so oft im Lateinischen zu finden: das Verb rumpere mit der Bedeutung brechen, zerbrechen, zerreißen. Die Ableitung corrumpere bedeutet u. a. verderben, vernichten und in einem nachvollziehbaren übertragenen Sinne auch bestechen. Und schon sind wir ohne Umwege bei unserem Verb korrumpieren. Das Adjektiv korrupt geht auf das zu corrumpere gehörende Partizip Perfekt corruptus zurück, das wir ebenfalls mehr oder weniger direkt aus dem Lateinischen übernommen haben.

Für bankrott müssen wir einen „Zwischenhalt“ beim Italienischen einschalten. Wir haben das Substantiv Bankrott um 1500 aus italienisch banca rotta (o. banco rotto) übernommen, womit eine zahlungsunfähige Bank bezeichnet wurde. Wörtlich war ein zerbrochener Wechseltisch gemeint. Der Wortteil rotto bedeutet also zerbrochen. Er ist – Sie wissen oder ahnen es schon – die italienische Fortsetzung des lateinischen Partizips ruptus von rumpere.

Bankrott und korrupt sind nicht die einzigen Wörter, die auf den gemeinsamen Vorfahren rumpere/ruptus – brechen/gebrochen zurückgehen. Ein paar Beispiele:

abrupt  – plötzlich, jäh; abgerissen
Eruption – Ausbruch
Interruption – Unterbrechung
Coitus interruptus – unterbrochener Geschlechtsverkehr
Ruptur – in der Medizin: die Zerreißung, der Durchbruch

Wenn man es einmal weiß, sind diese lateinischen Lehnwörter gar nicht mehr so schwierig! Weniger durchsichtig sind zwei weitere Nachfahren von rumpere: Route und Rotte.

Die Route ist natürlich nichts anderes als ein französisches Wort für Straße, das im 17. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde. Seinen Ursprung findet es über ein paar Schritte bei lateinisch (via) rupta = durch den Wald geschlagener (gebrochener) Pfad.

Die Rotte ist eine Bezeichnung für verschiedenartige Gruppen, von zügellosen Menschenscharen über Gruppen von Wölfen und Wildschweinen bis hin zu zusammen operierenden Militärflugzeugen. Es ist eine viel ältere Entlehnung (ca. 11. Jh.?) aus dem Altfranzösischen. Dort hatte rote die Bedeutung Trupp, Schar, Abteilung und – so ein schönes Wort! – Räuberhaufen. Auch dieses Wort geht letztlich auf das Partizip rupta von rumpere zurück, wahrscheinlich im Sinne von abgesprengte Gruppe, Schar.

Dass Interruption, Eruption und korrupt miteinander zu tun haben, wusste ich (die Bemühungen meines Lateinlehrers waren also doch nicht ganz vergeblich), bei bankrott ahnte ich es, doch dass auch Route zur Familie gehört, hätte ich nie gedacht!

Anglizismus des Jahres 2014

Über Wörterwahlen zu berichten überlasse ich normalerweise anderen. Wer sich dafür interessiert, findet zum Beispiel in der guten alten Wikipedia Übersichten der jeweiligen Wörter und Unwörter des Jahres in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

Anglizismus2104
(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Wie jedes Jahr sei hier aber trotzdem auf den Anglizismus des Jahres hingewiesen, der traditionell den Wörterwahlreigen abschließt. Gewonnen hat den Titel „Anglizismus des Jahres 2014“:

Blackfacing

Mehr dazu lesen Sie auf der Website Anglizismus des Jahres und im Sprachlog.

Schnürchen, Rübchen und kleine Geschnittene

Pastagerichte gehören zumindest nördlich der Alpen nicht unbedingt zu den Klassikern des Weihnachtsmenüs. Dies ist also (noch?) nicht mein zur Adventszeit passender Blogartikel. Anlass zu diesem Thema war ein sehr gemütliches und sehr gutes Essen mit Freunden in einem ausgezeichneten italienischen Restaurant. Es gab unter anderem Ravioli mit Krebsfüllung an Zitronensauce (lecker!!). Dabei wurde mir spontan eine Frage zu diesem Gericht gestellt. Da ich nun einmal Sprachler bin, wurde ich nicht gefragt, wie ich diese Köstlichkeit zubereiten würde, vielmehr wollte man wissen, woher das Wort Ravioli kommt. Wir wussten alle, dass es das italienische Wort für gefüllte Teigtaschen ist – sie lagen ja vor uns auf dem Teller –, aber woher diese Bezeichnung im Italienischen kommt, wusste ich natürlich nicht. Ich habe es inzwischen herausgesucht und möchte Ihnen heute die Namen von ein paar bekannten und weniger bekannten italienischen Nudelsorten aufzeigen (Auwahlkriterium: Was mir schon einmal auf einer Speisekarte oder auf dem Teller begegnet ist und woran ich mich auch noch gut bis vage erinnern kann). Man soll ja hin und wieder auch einen Blick über die Sprachgrenze werfen.

  • Bucatini = kleine Gelochte (zu bucato – gelocht, durchlöchert)
  • Cannelloni = große Röhrchen (zu cannello – Rörchen, canna – Rohr)
  • Cappelletti = Hütchen (zu capello – Hut)
  • Conchiglie = Muscheln
  • Farfalle = Schmetterlinge (bei uns zu Hause hießen sie Kravättchen)
  • Fettuccine = Bändchen (kleine Bänder, zu fettuccia – Band)
  • Fusilli = Spindelchen (zu fuso – Spindel; hierzulande auch Spiralnudeln genannt)
  • Lasagne = breite Bandnudeln (das Wort geht irgendwie auf lateinisch lasanum – Kochgeschirr zurück)
  • Linguine = Züngelchen (zu lingua – Zunge)
  • Maccheroni = aus dem Süditalienischen, und dort entweder unbekannte Herkunft oder von griechisch makaría – ein mit Gerste zubereitetes Gericht; bei uns Makkaroni oder Hörnchen(nudeln) gennant.
  • Orecchiette = Öhrchen (zu orecchio/orecchia – Ohr)
  • Ravioli = Rübchen? (wahrscheinlich süditalienischer Diminutiv zu rapa – Rübe)
  • Rigatoni = Gestreifte (zu rigato – gestreift)
  • Spaghetti = Schnürchen (zu spago – Schnur)
  • Tagliatelle = kleine Geschnittene (zu tagliato – geschnitten)
  • Tortellini/Tortelloni = kleine/große Törtchen (über tortello zu torta – Torte)

Wie man sieht, lassen sich auch die Italiener bei der Bennennung ihrer Nudeln vor allem durch die Form inspirieren. Mit u. a. -elle, -ette, -etti, -ine, -ini, -oni, -ioli haben sie aber ein viel größeres Arsenal an Diminutivendungen als wir mit unseren -chen und -lein!

Ach ja: Bei den Nudeln im Titel handelt es sich also um Spaghetti, Ravioli und Tagliatelle.

Buon appetito!

Dottor Bopp