Zusammenkunft mit Trinkgelage

In dieser Woche habe ich einen Kongress besucht, auf dem ich an einem Symposium teilnehmen durfte. Ich habe dort viele Lexikographen und Lexikographinnen gehört und gesprochen. Es war, kurz gesagt, interessant und lehrreich.

Ich glaube nicht, dass diese Mitteilung für Sie sehr interessant und lehrreich ist. Ich mache sie vor allem deshalb, weil ich die Wörter Kongress, Symposium und Lexikograph verwenden wollte. Mir fiel nämlich in einer ruhigeren Minute wieder einmal auf, dass am Kongress viele Fremdwörter benutzt wurden, für die es auch deutsche Wörter gäbe. Das ist unter Fachleuten gang und gäbe. (Zwei ganz unterschiedliche gäbe hintereinander; das wäre auch einmal einen Blogeintrag wert, aber hier schweift der „Sprachler“ in mir ab.) Lexikograph ist so ein Fremdwort. Es bedeutet eigentlich nichts anderes als Wörterbuchmacher oder Wörterbuchschreiber. Da das Wort aber außerhalb der Lexikographie nur selten vorkommt und deshalb in allgemeinsprachlichen Texten sowieso kurz erklärt werden sollte, kann man wohl kaum von „schädlichem Fremdworteinfluss auf die deutsche Sprache“ sprechen.

Bei Kongress sieht es ein bisschen anders aus. Kongresse gibt es in allen Berufsgattungen und Interessenbereichen. Es gibt viele Städte, die sich rühmen, Kongressstadt zu sein, oder zumindest danach streben, eine zu werden. Kongress ist ein Wort, das sich in die Allgemeinsprache „eingeschlichen“ und sich dort einen Platz erobert hat. Es wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Lateinischen entlehnt, wo congressus unter anderem Zusammentreffen, Zusammenkunft bedeutet. Was die Gebildeten des ausgehenden 17. Jahrhunderts dazu bewogen haben mag, Kongress statt des gleichbedeutenden deutschen Wortes Zusammenkunft zu verwenden, weiß ich natürlich nicht genau. Ich vermute aber, dass es etwas mit Prestige – Verzeihung – Ansehen zu tun hatte. Auch heute noch klingt Kongress nach „mehr“ als die deutschen Entsprechungen Zusammenkunft oder Tagung. Genau deshalb hat es seinen Platz im deutschen Wortschatz auch verdient.

Symposium liegt, was die Fachsprachlichkeit angeht, irgendwo zwischen Kongress und Lexikograph. Es kommt nicht so häufig vor wie Kongress, man begegnet ihm aber öfter als Lexikograph auch in allgemeineren Texten und Aussagen. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutete ursprünglich das Zusammentrinken, das Trinkgelage. Man kam bei den alten Griechen – und nicht nur bei ihnen – beim Trinken oft ins Philosophieren. Heute ist der Aspekt des Trinkens ganz in den Hintergrund getreten (bei unserem Symposium gab es Kaffee und Tee). Es geht nun um den Aspekt des Miteinanderredens: Ein Symposium ist eine „dem Austausch von Gedanken und Erkenntnissen dienende Zusammenkunft von Wissenschaftlern? (DWDS). Man könnte anstatt des Fremdwortes also auch einfach eine deutsche Entsprechung wie wissenschaftliche Gesprächszusammenkunft verwenden. Das tut man aber nicht, denn es klingt einfach viel weniger wissenschaftlich. Genau deshalb ist das Wort Symposium ein gutes Wort. Es gibt uns die Möglichkeit, mit einem Wort Zusammenkunft, Gedankenaustausch und den Anspruch der Wissenschaftlichkeit auszudrücken.

Ich stichle hier ein bisschen gegen allzu eifrige „Anglizismenjäger“, die englische Lehnwörter prinzipiell ablehnen. Ich fand es deshalb ganz amüsant, als ich beim Recherchieren das Folgende entdeckte: Im 18. und  19. Jahrhundert verwendete man im Deutschen die griechische Form Symposion. Die Form mit der lateinischen Endung –um trat erst im 20. Jahrhundert in den Vordergrund – wahrscheinlich unter dem Einfluss des Englischen … Anglizismen findet man wirklich überall!

Falls Sie noch auf eine Antwort von mir warten, liegt es daran, dass ich auf einem Kongress an einem Symposium teilgenommen habe, und nicht etwa daran, dass ich an einer Zusammenkunft mit Trinkgelage war.

Aus „touch panel“ wird Touchpanel

Der Bindestrich und die Getrennt- und Zusammenschreibung bei Zusammensetzungen aus dem Englischen sind ein häufig wiederkehrendes Problem. Vor einiger Zeit ging es um den Bindestrich bei Golfausdrücken. Heute geht es darum, wie man das englische „touch panel“ im Deutschen schreibt:

Frage

Ich habe mal eine Frage zum Wort „Bildschirm-Tastfeld“. So übersetzt dict.leo.org das „touch panel“. Natürlich möchte man dann lieber auch im Deutschen die englische Bezeichnung wählen, denn „Bildschirm-Tastfeld“ hört sich schon reichlich antiquiert an. Aber wie schreibt man das? „Touch Panel“ wie im Englischen, nur in Großschreibung? Oder ist das Leerzeichen dann ein „Deppenleerzeichen“, so dass „Touchpanel“ richtig wäre?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

wenn Sie lieber die englische Bezeichnung als die etwas gar gründlich umschreibende, ziemlich langatmige deutsche Entsprechung Bildschirm-Tastfeld verwenden, schreiben Sie sie am besten zusammen:

das Touchpanel

ebenso:

der Touchscreen

Zusammensetzungen aus dem Englischen werden im Deutschen im Prinzip zusammengeschrieben. Es wäre auch möglich, einen „verdeutlichenden“ Bindestrich zu verwenden (Touch-Panel, Touch-Screen), aber das ist hier eigentlich nicht notwendig.

Die Getrenntschreibung (Touch Panel, Touch Screen) ist nach der amtlichen Rechtschreibregelung nicht korrekt.* Ich würde allerdings nicht so weit gehen, diejenigen, die sich nicht daran halten und hier ein Leerzeichen verwenden, als Deppen zu bezeichnen. Gerade bei mehrteiligen Entlehnungen aus dem Englischen mögen sich manche etwas überlegen, bevor sie sich bewusst gegen die amtliche Regel entscheiden. Allerdings werden falsche Leerzeichen tatsächlich oft aus Unkenntnis gesetzt, aber sind alle, die die entsprechenden Rechtschreibregeln nicht kennen, einfach Deppen? Es mag deutlich geworden sein, dass mir die ziemlich populäre Bezeichnung „Deppenleerzeichen“ nicht gefällt. Ich muss aber zugeben, dass ich die Beispiele, die die gleichnamige Webseite sammelt, trotz des soeben kritisierten Ausdrucks manchmal sehr erheiternd finde. Es ist schwierig, immer konsequent zu bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die Getrenntschreibung ist nach der Rechtschreibregelung nur dann möglich, wenn die Wörter als direkte Zitate aus dem Englischen gemeint sind ­– dann allerdings kleingeschrieben und zum Beispiel durch Anführungszeichen als Zitat gekennzeichnet: „touch panel“,  „touch screen“.

Der Mai und die Entlehnung von Wörtern

Wir haben vieles, auch viele Wörter, von den Römern übernommen. In Fachsprachen gibt es unzählige lateinische Wörter und Wortelemente, aber auch in der Allgemeinsprache kommen wir nicht ohne sie aus. Latinismen sind überall in unterschiedlicher Form zu finden:

Bei den Wochentagen schöpfen wir, außer am Samstag, aus dem eigenen Wort- und Götterfundus: zum Beispiel Sonne und Mond bei Sonn- und Montag, die Gottheiten Donar und Freya bei Donnerstag und Freitag, und der Mittwoch erklärt sich zumindest auf der Wortebene von selbst. Die Namen der Wochentage waren aber stark durch lateinische Begriffe beeinflusst. So wurden zum Beispiel der dies Solis (Tag der Sonne) zum Sonntag, der dies Lunae (Tag des Mondes) zum Montag und Iovis dies (Jupiters Tag) zum Donnerstag (Donars Tag). Wir haben also einfach lateinische Bezeichnungen für die Wochentage ins Germanische übersetzt.

Bei den Monaten hingegen haben wir alles von den Lateinern übernommen: Von Januar (Ianuarius) bis Dezember (December) gehen alle Monatsnamen direkt auf die Bezeichnungen zurück, die die Römer verwendeten. Wir haben im Laufe der Jahrhunderte nur ein paar Endungen weggelassen (-ius, -is) und an verschiedenen Stellen das Schriftbild mithilfe der Buchstaben J, ä, k und z etwas „entlatinisiert“.

Wie man sieht, gab es im Bereich der Latinisimen (mindestens) zwei verschiedene Übernahmearten: die mehr oder weniger wörtliche Übersetzung wie bei den Wochentagen und die direkte Entlehnung wie bei den Monatsnamen. Wir waren also schon lange vor dem „Zeitalter der Anglizismen“ nicht allzu konsequent bei der Übernahme von Begriffen aus anderen Sprachen.

Heute, an einem Brückentag zwischen dem Sonntag und dem für viele arbeitsfreien Tag der Arbeit, kam beim mir die Frage auf, woher der Monatsname Mai genau stammt. An dieser Stelle wollte ich eigentlich etwas ausholen und eine schöne Wortgeschichte erzählen. Der Monat Mai gibt aber diesbezüglich nicht viel her: Die Römer nannten den Monat Maius und taten dies wahrscheinlich nach einer alten italischen Gottheit des Wachstums (Maius oder Maia). Viel mehr gibt es darüber nicht zu sagen, außer dass die Namen Maius und Maia mit magnus (groß) verwandt sind.

Ich wünsche allen einen schönen Ersten Mai!

Der Bindestrich beim Golfen

Frage

Ich schlage mich gerade mit Golfvokabular herum und bin etwas erstaunt, wie wenig davon in gängigen Nachschlagewerken zur deutschen Sprache zu finden ist. So gerate ich bereits bei Schreibungen von „Hole-in-one“ oder „Driving-Range“ ins Grübeln, was hier denn korrekt wäre. Ich bin hier nicht sicher, ob „driving“ als Partizip einzustufen ist oder nicht […]. Können Sie mir weiterhelfen? Auch anspruchsvolle Zeitungen sind sich hier leider nicht immer einig …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es gibt kaum einen Bereich in der Rechtschreibung, bei dem durch die Rechtschreibregelung vorgeschriebene Schreibungen und wirklich vorkommende Schreibungen so häufig nicht übereinstimmen: Mehrwortbegriffe aus dem Englischen. Es kann deshalb vorkommen, dass man gewisse Begriffe sehr viel öfter in nicht standardgemäßer als in „korrekter“ Schreibung antrifft.

Wenn die Golfbegriffe nicht als Zitatwörter aus dem Englischen gemeint sind (dies ist eigentlich schon eine Art ein „Gummiparagraph“), müssen Sie wie folgt geschrieben werden:

Hole-in-one
Driving-Range oder Drivingrange

Man kann driving nicht als adjektivisch verwendetes Partizip ansehen, weil es sich hier nicht um eine „drivende Range“, sondern um eine „Range für das Driven“ handelt (engl. nicht so etwas wie range that is driving, sondern range for [the] driving). Man sollte deshalb wie zum Beispiel bei Swimmingpool, Shoppingcenter und Chewinggum zusammen- oder mit einem verdeutlichenden Bindestrich schreiben. Das gilt auch für zum Beispiel die folgenden Golfbegriffe:

Putting-Green oder. Puttinggreen resp. Putting-Grün oder Puttinggrün
Pitching-Green oder Pitchinggreen resp. Pitching-Grün oder Pitchinggrün

Siehe die Regel für die Zusammenschreibung und die Regel für die Schreibung mit Bindestrich.

Soweit also die nach der Rechtschreibregelung korrekten Schreibweisen. Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie – wie eingangs gesagt – sehr häufig andere, sich mehr nach dem englischen Original richtende Schreibungen antreffen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gluten wie zehn oder wie sputen?

Im heutigen Beitrag spielen nicht etwa glühende Kohlen oder gar feurige Leidenschaft die Hauptrolle, sondern das Gluten, ein klebriger, zäher Eiweißstoff, der in den Körnern gewisser Getreidearten vorkommt. Gluten ist offenbar beim Backen eines schönen Brotlaibs wichtig, es kann aber auch – wie einige wahrscheinlich besser wissen, als ihnen lieb ist – zu allergischen Reaktionen führen (Glutenintoleranz). Es geht hier allerdings nicht um so praktische Inhalte wie Tipps für das Brotbacken oder glutenfreie Ernährung, sondern rein um die Form: Wie spricht man Gluten aus?

 

Frage

In Ernährungsabhandlungen wird öfters das Wort „Gluten“ benutzt,  auch in der Verbindung „glutenfrei“. Allerdings erfolgt die Aussprache in zweierlei Weise: einmal „glú-ten“ mit Betonung von „glut“, das andere Mal „glu-tén“ mit betontem langem „ten“. Welche Betonung ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Gluten wird heute meist auf dem e der zweiten Silbe betont, wobei das e lang gesprochen wird. Dies geschieht in Anlehnung an die Namen chemischer Verbindungen mit der Endung -en wie zum Beispiel Äthylen, Propen. Die Betonung auf dem u kommt ebenfalls vor. Sie orientiert sich an der Herkunft des Wortes, das heißt dem lateinischen Wort für Leim: gluten (Genitiv: glutinis). Das lateinische Wort hat einen langen Vokal (ū), der im Deutschen in dieser Position normalerweise die Hauptbetonung erhält (vgl. volūmen, volūminis – Volúmen; nōmen, nōminis – Nómen; imāgō, imāginis – Imágo)

Dieses „Herkunftsprinzip“ bei der Betonung kann man auch in anderen Sprachen beobachten:

en: gluten vs ethylene, propene
nl: gluten vs ethyleen, propeen
it: glutine vs etliene, propene

Trotzdem ist heute im Deutschen, wie gesagt, die Betonung auf dem e üblicher. Die Betonung auf dem u der ersten Silbe ist aber nicht als falsch anzusehen. Gluten reimt sich also heute meist „modern“ auf zehn, aber manchmal auch noch „klassisch“ auf sputen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von den Social Media zum Möchtegern-Latin-Lover

Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht hier nicht um besondere Aspekte des Internetdatings, sondern lediglich um den Bindestrich bei englischen Lehnwörtern.

Frage

Ich habe eine Frage zu getrennt geschriebenen Wörtern, die es in der englischen Sprache gibt (Social Media, Social Network): Laut den Regeln sollte man überall einen Bindestrich dazwischensetzen, sobald man sie ins Deutsche übernimmt. Wie schreibe ich einen Begriff, den ich aus der englischen Sprache übernehme und mit einem deutschen Wort verbinde?

Antwort

Sehr geehrter Herr Rest,

englische Lehnwörter machen uns das Schreiben manchmal schwer. Wenn wir englische Komposita übernehmen, die man in der Ursprungssprache getrennt schreibt, wird die Lage besonders heikel. Man sieht dann sehr oft, dass sie auch im Deutschen getrennt geschrieben werden. Das ist aber nach den amtlichen Rechtschreibregeln sehr oft falsch. Aus zwei Substantiven bestehende Zusammensetzungen sollten im Deutschen nämlich entweder mit Bindestrich oder zusammengeschrieben werden:

Beauty-Case oder Beautycase
Bungee-Jumping oder Bungeejumping
Internet-Dating oder Internetdating
Midlife-Crisis oder Midlifecrisis

Auch aus einem Verb und einer Partikel bestehende Zusammensetzungen schreibt man mit Bindestrich (oder, wenn die Lesbarkeit es zulässt, zusammen):

das/der Back-up oder Backup
das Coming-out oder Comingout
der/das Flash-back oder Flashback
das Make-up

Wer jetzt verständlicherweise meint, dass man bei Verbindungen aus dem Englischen immer einen Bindestrich verwenden kann, irrt sich leider. So einfach wird es uns nicht gemacht:

Die beiden Beispiele in Ihrer Frage bestehen aus einem Adjektiv und einem Substantiv. Adjektiv-Substantiv-Verbindungen wie Social Media, Social Network, Electronic Banking oder Latin Lover werden nicht mit Bindestrich geschrieben, sondern wie im Englischen getrennt (oder, wenn die Hauptbetonung auf dem Adjektiv liegt, auch zusammen: Latinlover). Andere Beispiele:

der Long Drink oder Longdrink
Slow Food oder Slowfood
das Mobile Banking
Public Relations

Wenn solche getrennt geschriebenen Wortgruppen in Zusammensetzungen vorkommen, setzt man allerdings wieder Bindestriche, und zwar zwischen alle Teile der Zusammensetzung:

das Slow-Food-Restaurant*
die Public-Relations-Managerin
die Social-Media-Plattform
eine Mobile-Banking-ähnliche Dienstleistung
der Möchtegern-Latin-Lover*

(*Bei Zusammenschreibung Slowfood und Latinlover auch möglich:
Slowfood-Restaurant oder Slowfoodrestaurant
Möchtegern-Latinlover oder Möchtegernlatinlover)

Eine Übersicht über die Verwendung von Bindestrichen bei Fremdwörtern finden Sie hier. Für Angaben zur Getrennt- und Zusammenschreibung bei Fremdwörtern, siehe hier.

Damit ist noch nicht ganz alles zur Schreibung von mehrteiligen englischen Lehnwörtern gesagt, aber ich will ich Sie hier nicht mit weiteren Detailfragen belästigen. Wer weiß, wie man Wörter wie Mobile-Banking-ähnlich und Möchtegern-Latin-Lover richtig schreibt, weiß in Sachen Rechtschreibung eigentlich mehr als genug. Den Rest schlägt man notfalls nach – oder man fragt „Dr. Bopp“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Urlaubsphotos und Filosofie*

Frage

Man darf gemäß neuer Rechtschreibung zum Beispiel Geografie, Typografie etc. schreiben. Aber zum Beispiel bei Philosophie bleibt man beim ph. Grafie (graphos) kommt doch wie philos und sophos aus dem Griechischen. Warum ist man dann nicht konsequent und schreibt überall f anstelle von ph? Gibt es eine grammatikalische Erklärung oder ist es einfach eine subjektive Entscheidung? Filosofie: okay, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie schön.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Grammatik und Rechtschreibung haben oft wenig bis nichts miteinander zu tun. Es gibt keinen grammatischen Grund, den Laut f durch ph wiederzugeben, wenn ein Wort griechische Wurzeln hat. Die Schreibung ph ist rein historisch-kulturell bestimmt. Ob sie sinnvoll, nützlich, schön oder überflüssig ist, sei hier dahingestellt.

Ganz willkürlich ist die Entscheidung der Rechtschreibkommission nicht. Die aus dem Griechischen stammenden Wortbildungselemente graph, phot und zum Beispiel auch phon kommen nicht nur in „gelehrten“, sondern auch in ganz allgemeinsprachlichen Wörtern vor: Foto, fotografieren, Telefon. Solche durch und durch deutsch gewordenen Wörter sollen wie andere deutsche Wörter mit f geschrieben werden. Das ist gut vertretbar – und das taten die meisten sowieso schon.

Man wollte (besser gesagt: durfte) aber nicht so weit gehen, alle ph abzuschaffen. Insbesondere „gelehrte“ Wörter sollten davon verschont bleiben. Dadurch entstand das Problem der Bestimmung der Grenze zwischen allgemeinen Wörtern mit f und gelehrten Wörtern mit ph. Da sich diese Grenze nicht eindeutig feststellen lässt, sind für die meisten Wörter mit graph, phon und phot beide Schreibweisen möglich gemacht worden. Das erklärt, warum man sowohl Geografie und Typografie als auch Geographie und Typographie schreiben kann. Bei Wörtern wie Philosophie und Strophe hat der Rechtschreibrat (oder jemand im Auftrag des Rechtschreibrates) beschlossen, dass sie nur gelehrte Elemente enthalten, die ausschließlich mit ph geschrieben werden sollen.

Das ist ziemlich inkonsequent. Solange man aber nicht zu telephonieren und Urlaubsphotos zurückkehrt oder andererseits dazu übergeht, Filosofie und Strofe zu schreiben, gibt es keine konsequent anwendbare Lösung. Es geht hier um die letztlich nicht eindeutig beantwortbare Frage, wann genau man die Schreibung welcher Fremdwörter in welcher Weise eindeutscht.

Es gab übrigens Bestrebungen, ph, th, rh und andere „gelehrten“ Schreibungen einzudeutschen. Solche Vorschläge lösten aber zum Teil derart heftige Reaktionen aus, dass man hätte meinen können, Schreibungen wie Filosofie, retorisch und Fysik (oder gar Füsik) seien Ausdruck unaussprechlicher Ignoranz und würden den Untergang der deutschen Sprache, wenn nicht gar der gesamten abendländischen Kultur deutscher Prägung auslösen**. Ganz so schlimm wäre das natürlich nicht, denn in einigen anderen Kultursprachen wie dem Italienischen und Spanischen schreibt man problemlos filsofia und fisica resp. filsofía und física, im Niederländischen filosofie und fysica, im Dänischen filosofi und fysik, im Polnischen filozofia und fizyka u. a. m.

Die Unterschiede bei der amtlichen Schreibung von Foto, Fotografie/Photographie und Philosophie sind also nicht grammatisch begründet, sonder das Resultat eines Kompromisses zwischen Anpassen und Bewahren. Ob es der bestmögliche Kompromiss ist – wenn es so etwas überhaupt gibt –, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass jede andere Lösung ebenfalls Anlass zur Kritik gäbe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Damit ich auch ganz bestimmt keine Zweifel säe: Nach der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Urlaubsfotos und Philosophie.

** Diese leicht übertreibenden Formulierungen sind nicht von mir. Sie gefallen mir aber so gut, dass ich das Klauen nicht lassen konnte. Nach all den Plagiatsvorwürfen, von denen man in letzter Zeit hört, gibt man so etwas am besten sofort zu.

Italien und Aserbaidschan

Wenn gestern Abend in Düsseldorf der italienische Beitrag das Finale des Eurovisonsfestivals gewonnen hätte, wäre ich in unserem Wohnzimmertippspiel trotzdem Letzter geworden. Ich hatte die Iren auf den ersten Platz gesetzt, die Gewinner auf dem vierten Platz vorhergesehen und, den Geschmack des gesamteuropäischen Publikums völlig unterschätzend, den zweitplatzierten, ausgezeichneten italienischen Beitrag unter „ferner liefen“ eingeteilt. Doch was hat dies alles mit Sprache oder Rechtschreibung zu tun? – Nichts. Ich schweife nur wieder einmal ab.

Wenn also gestern Abend in Düsseldorf der italienische Beitrag gewonnen hätte, gäbe es für die schreibenden Kommentatoren und Kommentatorinnen nächstes Jahr höchstens das Problem, dass man die italienischen Organisatoren und nicht die Italienischen Organisatoren schreibt.  Wie man Italien, italienisch, Italiener, Italienerin und zum Beispiel Rom, Mailand oder Venedig schreibt, müsste man als allgemein bekannt voraussetzen können. Sanremo ist ebenfalls einfach, denn auch San Remo ist richtig. Probleme auf der Ebene der Schreibung gäbe es wohl erst, wenn die Italiener das Festival in zum Beispiel Civitavecchia, Giugliano in Campania oder Chioggia veranstalten würden.

Anders sieht es beim gestrigen Gewinnerland aus. Wie schreibt man Aserbaidschan offiziell auf Deutsch? Genau so: Aserbaidschan, nicht (mehr?) Aserbeidschan und auch nicht wie im Englischen Azerbaijan. Das wusste ich natürlich auch nicht. Ich musste es in den offiziellen Länderlisten nachschlagen. Die Einwohner sind Aserbaidschaner und Aserbaidschanerinnen und das Adjektiv ist aserbaidschanisch (vgl. hier). Die auf i endende Form Azerbaijani oder Aserbaidschani, die irgendwie so klingt, als kenne man sich gut aus, ist englisch (resp. wahrscheinlich durch das Englische inspiriert). Dies sind, wie gesagt, die offiziellen Namen und deren Schreibung. Wie so oft bei „exotischeren“ geographischen Namen, trifft man auf der freien Sprachwildbahn auch andere Schreibweisen an (z. B. Aserbaidjan). Am meisten viel fiel mir übrigens auf, dass man die Hauptstadt Aserbaidschans genau so schreibt, wie man sie ausspricht: Baku; nicht Bhaku, Bakhu oder Bakou, nein, einfach Baku. Das ist so einfach, dass man es kaum glauben will, und in dieser Hinsicht schon fast wieder ein Problem.

Wer also nächstes Jahr etwas über das Songfestival schreiben will, weiß nun, wie man all diese Namen schreibt. Ich befürchte allerdings, dass dieses Wissen bis zum nächsten Mai nicht mehr bei allen ganz präsent sein wird. Aber wer weiß, vielleicht schreibt ja vor dem großen, fröhlichen Liederfest noch jemand etwas über zum Beispiel den wenig demokratischen Charakter des dortigen politischen Systems.

Die Hafenwelle

Was es  ist und wie man es nennt, ist seit 2004 vielen bekannt. Am vergangenen 11. März ist auch deutlicher geworden, warum wir dafür ein japanisches Wort verwenden: Tsunami. Seine ursprüngliche Bedeutung ist Hafenwelle, Welle im Hafen (tsu = Hafen, nami = Welle). Es soll von japanischen Fischern stammen, die auf See nichts von Sturm oder großen Wellen bemerkt hatten und  bei ihrer Rückkehr trotzdem einen durch eine große Flutwelle zerstörten Hafen vorfanden.

Die Bedeutung des Wortes ist leicht verständlich. Die schreckliche Bedeutung, die das Phänomen für die Betroffenen haben muss, bleibt trotz aller Fernsehbilder unbegreiflich. Möge das Volk, das unseren Wortschatz auch mit zum Beispiel Bonsai, Ginkgo, Sushi, Sashimi, Shiitake, Sake, Kimono, Futon, Judo, Karate, Ikebana, Origami, Manga, Sudoku und Karaoke bereichtert hat, von weiteren Katastrophen verschont bleiben.

Es gibt keine DIN für Wurst!

Vor einiger Zeit kam hier die Frage auf, ob man Cervelatwurst oder Zervelatwurst schreibt. Gemeint ist nicht der Schweizer Cervelat, den man im Sommer an beiden Enden einschneidet, aufspießt und über einem Lagerfeuer halb verkohlen lässt, weil man nicht aufpasst. So sieht jedenfalls mein nostalgisch verklärter Blick diese Wurst. Andere denken vielleicht eher an einen Wurst-Käse-Salat mit Cervelat und Gruyère. Doch ich schweife ab. Es geht hier um die Dauerwurst, die zwar der Salami gleicht, die aber, wie Kenner wissen, etwas ganz anderes ist (u. a. feinkörniger, ohne Knoblauch).

Nach der Wörterliste, die zur amtlichen Rechtschreibregelung gehört, kann man Zervelatwurst oder Servelatwurst schreiben. Die deutschen Kollegen und Kolleginnen aus Nord und Süd (als Schweizer ist einem diese Wurstart mehr oder weniger unbekannt) meinten aber, sie würden auch oder vor allem die Schreibung Cervelatwurst kennen.

Ich konnte nur auf die Rechtschreibregelung verweisen. Damit war man aber nicht zufrieden. Es wurde deshalb beschlossen, die entsprechende DIN-Norm herbeizuziehen. Es gibt schließlich für alles eine DIN, es muss also auch eine Wurst-DIN geben. Hendrik hat sich der Sache angenommen (wofür hier noch einmal ganz herzlichen Dank) und ist zu folgendem enttäuschendem Ergebnis gekommen:

Es gibt keine entsprechende DIN. Dafür gibt es aber das sogenannte Lebensmittelbuch vom deutschen Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), in dem unter anderem jedes Fleischerzeugnis in seiner Rezeptur definiert wird, um sich der „Verkehrsbezeichnung XYZ“ rühmen zu dürfen.

Die Verkehrsbezeichnung ist in §4 der deutschen Verordnung über die Kennzeichnung von Lebensmitteln geregelt. Dort heißt es, dass jedes Lebensmittel die richtige Verkehrsbezeichnung zu tragen hat. Diese Verkehrsbezeichnung (zum Beispiel Cervelatwurst, Gouda, Orangensaft) muss der allgemeinen Verkehrsauffassung entsprechen. Das bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass man einem Lebensmittelerzeugnis keine Phantasiebezeichnung geben darf und dass man Lebensmittel, die üblicherweise als z. B. Salamiwurst bekannt sind, nicht unter der Bezeichnung Gemüseeintopf in den Handel bringen darf.

Die allgemeine Verkehrsauffassung ist, wie der Name ja schon vermuten lässt, keine in Stein gemeißelte Definition, sondern eben eine übliche Auffassung. Als Grundlage wird in Deutschland üblicherweise das schon erwähnte Lebensmittelbuch vom BMELV verwendet. Dort findet man unter dem Punkt 2.211.07 der „Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse“ die Vorgaben über die Zusammensetzung von Cervelatwurst.

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Schreibweise scheint nicht festgelegt zu sein. Das BMELV verwendet in den als übliche Definition anerkannten Leitsätzen jedoch die Schreibweise Cervelatwurst.“

Weiter meinte Hendrik (mit einem Augenzwinkern), dass ihn dies nicht so recht zufriedenstellen könne, weil er als Deutscher lieber eine klare Regel habe. Auch ich muss sagen, dass mich diese Erkenntnis etwas erstaunt hat: Es gibt keine DIN für Wurst!

Man kann sich also an die Rechtschreibregelung halten und Zervelatwurst (oder auch Servelatwurst) schreiben. Wer nicht als Schüler oder Staatsangestellter an die amtliche Regelung gebunden ist, kann sich auch nach dem Deutschen Lebensmittelbuch richten und Cervelatwurst schreiben. Denen, die diese Wurst einfach mögen, ist die korrekte Schreibweise wahrscheinlich ohnehin – gewisse Wortspiele drängen sich so auf, dass ich sie auch mit äußerster Willensanstrengung nicht unterdrücken kann – Wurst.