Wiedersehen und wieder sprechen

Eine kleine orthografische Spitzfindigkeit:

Frage

Wie würden Sie schreiben:

Ich möchte dich wiedersehen und sprechen.

Gemeint ist „dich wiedersehen“ und „dich wieder sprechen“. Was muss da wie zusammen- bzw. getrennt geschrieben werden?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

je nach Betonung schreiben Sie:

a) Ich möchte dich wiedersehen und wieder sprechen.
b) Ich möchte dich wieder sehen und [wieder] sprechen.

Man schreibt wiedersehen zusammen, wenn die Hauptbetonung auf der ersten Silbe liegt. Man schreibt getrennt, wenn die Hauptbetonung auf dem Verb liegt:

wiedersehen (wieder treffen)
wieder sehen (noch einmal sehen; aufs Neue sehen)

Je nach Kontext ist der Bedeutungsunterschied groß (eine blinde Person, die wieder sieht) oder kaum merkbar (eine Person, die man gerne wieder sieht/wiedersieht). In Ihrem Beispiel gibt es nach meinem Empfinden keinen großen Bedeutungsunterschied.

Weil es kein zusammengeschriebenes bzw. auf der ersten Silbe betontes wiedersprechen gibt, kann nicht zusammengezogen werden, wenn das erste Verb wiedersehen ist. Das wieder muss dann wiederholt werden (a). Wenn das erste Verb wieder sehen ist, kann das zweite, ebenfalls weniger betonte wieder wegfallen [aber es muss nicht weggelassen werden] (b). Beide Varianten sind ohne wesentlichen Bedeutungsunterschied möglich.

Ihre Lösung ist übrigens nicht falsch, hat aber genau genommen eine leicht andere Bedeutung:

c) Ich möchte dich wiedersehen und sprechen.

Damit wünschen Sie, jemanden wiederzusehen und diese Person zu sprechen, nicht aber wie in a) und b) sie wieder zu sprechen. Der Unterschied ist aber in den meisten Fällen nicht wirklich weltbewegend groß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aufs Substantivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten

Frage

Immer wieder lese ich Sätze wie der folgende: „Kinder unterhalten sich beim Bücher anschauen“. Es kann doch nicht richtig sein, dass „anschauen“ kleingeschrieben wird, da es hier „beim“, also „bei dem Anschauen“, heißt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es ist tatsächlich nicht richtig, dass anschauen hier kleingeschrieben wird. Richtig ist nämlich diese Schreibung:

Kinder unterhalten sich beim Bücheranschauen.

Substantivierte Infinitive schreibt man groß:

beim Lesen
das Ärgern
das Sagen
zum Essen
freiwilliges Aufräumen

Wenn sie um eine Ergänzung erweitert sind, schreibt man alles zusammen und groß:

beim Bücherlesen
das Sichärgern
Danke fürs Bescheidsagen
zum Selbstessen
freiwilliges Zimmeraufräumen

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier.

Bei mehr als einer Ergänzung verwendet man in der Regel Bindestriche:

beim Zusammen-Bücher-Anschauen
das Gefühl des Mit-dem-Rücken-zur-Wand-Stehens
das So-richtig-ausgiebig-in-der-Nase-Bohren

Mehr dazu hier.

Die letzten Beispiele zeigen, dass es oft lesefreundlicher und stilistisch viel besser ist, wenn man solche erweiterten Infinitive vermeidet und anders formuliert. Man kann also besser auf das Substanitivierte-Infinitive-mit-vielen-Ergänzungen-Verwenden verzichten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Allerlei zu entgegen

Frage

Im Lied „Über den Wolken“ von Reinhard Mey steht der Satz:

Wie ein Schleier staubt der Regen, / bis sie abhebt und sie schwebt / der Sonne entgegen.

Ich wurde nun gefragt in welchem Fall „der Sonne entgegen“ steht. Meiner Meinung nach ist es der Dativ und „entgegen“ ist ein Adverb. Ist das richtig oder ist es der Genitiv?

Antwort

Guten Tag K.,

Sie haben recht: In sie schwebt der Sonne entgegen ist der Sonne ein Dativ. Bei entgegen steht immer der Dativ.

Als Präposition (Bedeutung: im Gegensatz zu, im Widerspruch zu) verlangt entgegen den Dativ:

Entgegen allen Erwartungen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren entgegen eurem Rat heute noch weg.

Auch nachgestellt:

Allen Erwartungen entgegen haben sie das Spiel gewonnen.
Wir fahren eurem Rat entgegen heute noch weg.

Auch wenn es adverbiell verwendet wird (Bedeutung: in Richtung auf etwas zu), steht bei entgegen der Dativ:

Dem Wind entgegen!
Neuen Abenteuern entgegen!

In Verbindung mit einem einfachen Verb gilt dieses entgegen als Verbzusatz, das heißt, es wird ggf. mit dem Verb zusammengeschrieben:

der Sonne entgegenschweben
dem Himmel entgegenfliegen
Ich will euch gerne entgegenkommen.
das wichtige Fußballspiel, dem du seit Tagen entgegenfieberst

Mehr zu entgegen finden Sie zum Beispiel hier und hier. Und zu guter Letzt sei noch dies erwähnt: Im Standarddeutschen steht entgegen nicht mit dem Genitiv. Es heißt also nicht:

*entgegen des Uhrzeigersinns
*entgegen ihres Willens

sondern:

entgegen dem Uhrzeigersinn
entgegen ihrem Willen
oder
dem Uhrzeigersinn entgegen
ihrem Willen entgegen

Ich konnte es einfach nicht lassen, hier kurz den Auffassungen gewisser übereifriger Genitivanhänger und –anhängerinnen entgegenzutreten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

10-Prozent-Anteil und 10-Euro-Schein mit % und €

Frage

Wie sind Wortbildungen mit Sonderzeichen wie „die 30°C-Marke“ oder „der 10%-Anteil“ oder „der 10€-Schein“ korrekt zu schreiben? Und lassen sich solche Bildungen auch ausschreiben? Also: „die Dreißiggradcelsiusmarke“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Bildungen zu schreiben. So können sie ganz in Worten oder mit einer Ziffer geschrieben werden:

Dreißig-Grad-Celsius-Marke
30-Grad-Celsisus-Marke
(Dreißiggradcelsiusmarke ist möglich, aber nicht sehr gut lesbar)

Zehnprozentanteil
10-Prozent-Anteil

Zehneuroschein
10-Euro-Schein

Vgl. hier und hier.

Komplizierter wird es, wenn die Maßeinheit mit einer Abkürzung wiedergegeben wird. Es wird zwar sehr(!) häufig anders geschrieben, aber man sollte auch dann Bindestriche zwischen allen Teilen der Zusammensetzung verwenden (siehe hier):

100-g-Beutel
10-km-Lauf

Und nun kommen wir endlich zu Ihrer eigentlichen Frage: Es gibt keine feste Regel mehr, wenn nicht Buchstaben und Ziffern, sondern Sonderzeichen und Symbole in einer Zusammensetzung vorkommen. Die Rechtschreibregelung macht nämlich keine Angaben dazu. Es gibt drei mögliche Schreibweisen, von denen ich keine als wirklich falsch bezeichnen würde:

(geschützter) Leerschritt Zusammenschreibung Bindestrich
30° C-Marke* 30°C-Marke 30°-C-Marke*
10 %-Anteil 10%-Anteil 10-%-Anteil
10 €-Schein 10€-Schein 10-€-Schein
1 £-Note 1£-Note 1-£-Note

Beim Prozentzeichen empfehlen die Wörterbücher die Schreibung mit einem (geschützten, schmalen) Leerzeichen zwischen Ziffer und %: 10 %-Anteil. Zu den anderen Symbolen machen sie keine Angaben.

Weiter ist noch zu bemerken, dass beim Eurozeichen die Schreibung mit einem Leerzeichen zu Missverständnissen führen kann:

10 €-Scheine = Zehneuroscheine oder zehn Euroscheine

10 €-Scheine

Es gibt also keine einfache, allgemein verbindliche und alle Fälle abdeckende Regel. Alles in allem würde ich deshalb empfehlen, wenn möglich in Zusammensetzungen keine Sonderzeichen zu verwenden:

30-Grad-Celsius-Marke
10-Prozent-Anteil
10-Euro-Schein
1-Pfund-Note

Diese Wörter lassen sich problemlos schreiben, sind gut lesbar und nicht furchtbar viel länger als die Varianten mit Symbolen und Sonderzeichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Fachsprachlich auch 30 °C-Marke, 30-°C-Marke

Höchstbezahlt und höchst interessant

Frage

Heute einmal eine Anfrage zur Zusammen- bzw. Getrenntschreibung bei dem Ausdruck „höchst“: Man schreibt „der höchstbezahlte Star“, aber „ein höchst interessanter“ Film. Ist die Lösung des Problems etwa folgende: Wenn ich statt „höchst“ „äußerst“ einsetzen kann, schreibe ich auseinander?

Wobei ich aber dann das Problem mit einem „höchstbegabten“ Schüler habe: Der ist zwar „äußerst begabt“, trotzdem heißt es nicht „höchst begabt“, sondern eben „höchstbegabt“.

Antwort

Sehr geehrter A.,

man schreibt höchst mit einem Adjektiv oder Partizip zusammen, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf „höchst“ liegt. Seine Bedeutung ist dann am höchsten. Es gibt den höchsten Grad einer Eigenschaft an (vgl. Superlativ):

der höchstbezahlte Star = der am höchsten bezahlte (bestbezahlte) Star
der höchstgelegene Ort = der am höchsten gelegene Ort
der höchstbegabte Schüler = der am höchsten begabte Schüler

Man schreibt getrennt, wenn höchst nicht die Hauptbetonung der Verbindung trägt. Die Bedeutung ist dann verstärken wie sehr, äußerst, außerordentlich. Es gibt einen sehr hohen Grad einer Eigenschaft an (vgl. Elativ):

der höchst interessante Film = der sehr interessante Film
es kommt höchst gelegen = es kommt äußerst gelegen
der höchst begabte Schüler = der außerordentlich begabte Schüler

Es gibt also einen Unterschied zwischen höchst begabt und höchstbegabt. Die höchst begabten Schülerinnen sind zwar äußerst begabt, aber im Gegensatz zu den höchstbegabten Schülerinnen nicht unbedingt die allerbegabtestesten von allen. Ihre Annahme war also richtig: Wenn höchst die Bedeutung äußerst, außerordentlich hat, schreiben Sie getrennt.

Wenn der Star, der am meisten von allen verdient, in einem sehr interessanten Film spielt, dann spielt also der höchstbezahlte Star in einem höchst interessanten Film. Und der Linguistenberuf ist zwar höchst interessant, gehört aber nicht zu den best- oder höchstbezahlten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Offen bleibt, ob die Frage offenbleibt

Suchen Sie nicht allzu lange nach einer tiefgründigen Aussage dieses Titels! Es gibt keine. Der Titel soll nur eine kleine Rechtschreibfrage illustrieren, die regelmäßig auftaucht.

Frage 

Ich weiß, dass Fragen „offenbleiben“. Aber schreibe ich auch: „Offenbleibt, ob die Frage“?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort lautet nein. Richtig ist hier die Getrenntschreibung:

Offen bleibt, ob die Frage …

Bei einigen trennbaren Verben kann der abtrennbare Teil in einem Hauptsatz an erster Stelle vor der gebeugten Verbform stehen (im „Vorfeld“; siehe hier). Man schreibt dann getrennt. Hier drei Beispiele mit den Verben feststehen, hinzukommen und zurückfahren:

Fest steht, dass …
Hinzu kommt, dass …
Zurück fahren wir über B.

Die Getrenntschreibung ergibt sich indirekt aus § 34 der amtlichen Rechtschreibregelung, weil diese Satzstellung dort nicht bei den zusammenzuschreibenden Formen genannt wird:

§ 34: Partikeln, Adjektive, Substantive oder Verben können als Verbzusatz mit Verben trennbare Zusammensetzungen bilden. Man schreibt sie nur in den Infinitiven, den Partizipien sowie im Nebensatz bei Endstellung des Verbs zusammen.

Da diese Frage immer wieder vorbeikommt, habe ich schon früher einmal etwas dazu geschrieben. Dort finden Sie auch eine Begründung dafür, weshalb die Zusammenschreibung hier nicht vorgesehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Herr Doppler und sein Effekt: Eigennamen in Zusammensetzungen

Frage

Christian Doppler war Mathematiker und Physiker. „Doppler-Effekt“ lässt sich schön mit Bindestrich schreiben. Jedoch stolpere ich über die Schreibweise von „dopplersonografisch“.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann zur Verdeutlichung ein Bindestrich verwendet werden. Er muss also nicht stehen.

Ohne Bindestrich:

der Dopplereffekt
die Dopplersonografie
dopplersonografisch
eine dopplersonografische Untersuchung

Mit Bindestrich:

der Doppler-Effekt
die Doppler-Sonografie
Doppler-sonografisch
eine Doppler-sonografische Untersuchung

Zu beachten ist, dass der Eigenname in der zusammengeschriebenen Variante einen kleinen Anfangsbuchstaben hat, in der Variante mit Bindestrich aber großgeschrieben wird. Siehe auch hier.

Zusammensetzungen dieser Art mit einem einfachen Eigennamen werden häufiger falsch geschrieben. Es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, es falsch zu machen. Man schreibt nicht:

die extrem *Obama feindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *Obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem *obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

sondern:

die extrem obamafeindliche Tea-Party-Bewegung
die extrem Obama-feindliche Tea-Party-Bewegung

Nach den Rechtschreibregeln schreibt man nicht:

*Moskau freundliche Staaten und *Russland kritische Regierungen
*Moskaufreundliche Staaten und *Russlandkritische Regierungen
*moskau-freundliche Staaten und *russland-kritische Regierungen

sondern:

moskaufreundliche Staaten und russlandkritische Regierungen
Moskau-freundliche Staaten und Russland-kritische Regierungen

Im Prinzip ist es gar nicht so kompliziert, man muss nur wissen, wie’s geht. Und wenn es im Schreibstress einmal schiefgeht, bedeutet das ja nicht gleich den Untergang unserer Schreibkultur. Es stellt sich hier nämlich die Frage, was „schlimmer“ ist: dass man weiß, wie man dopplersonografisch schreibt, aber wie ich keine Ahnung hat, was es bedeutet, oder dass man weiß, wovon man redet, und einen kleinen Verstoß gegen die Rechtschreibregeln begeht. Am besten weiß man immer beides, aber wer ist schon perfekt?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Habsburgtreu und putinfreundlich

Auch wenn der Titel etwas anderes vermuten lässt, geht es nicht um politische Gesinnungen oder die aktuelle Weltlage, sondern nur um eine Rechtschreibfrage. Auch mit Eigennamen lassen sich spontan zusammengesetzte Adjektive bilden. Herr G. hat eine Frage zur Schreibung solcher Zusammensetzungen.

Frage

Wie schreibt man eigentlich Zusammensetzungen von Namen mit einem Adjektiv, also beispielsweise „Habsburg-treu“ oder „habsburgtreu“, „Putin-freundlich“ oder „putinfreundlich“ usw.?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

im Prinzip werden auch Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle zusammengeschrieben (mit kleinem Anfangsbuchstaben!):

habsburgtreu
die putinfreundliche Presse
amerikafeindliche Proteste
eine deutschlandkritische Denkerin

Wenn der Name hervorgehoben werden soll, kann mit Bindestrich geschrieben werden (der Name erhält seinen großen Anfangsbuchstaben zurück):

Habsburg-treu
die Putin-freundliche Presse
Amerika-feindliche Proteste
eine Deutschland-kritische Denkerin

Bei Zusammensetzungen mit einem mehrteiligen Namen wird immer mit Bindestrichen geschrieben:

die Vladimir-Putin-freundliche Presse
der de-Gaulle-treue General
ihr Rolling-Stones-ähnlicher Musikstil
eine New-York-artige Skyline

Verweise auf die entsprechenden Regeln finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Eigentlich ist es ganz einfach. Deshalb lesen Sie heute einmal eine nicht sehr Dr.-Bopp-typische, relativ kurze Antwort mit wenig Wenn und ohne Aber.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer glauben will, ist glauben wollend

Frage

Schreibt man:

ein glauben wollender Mensch
ein glauben-wollender Mensch
ein glaubenwollender Mensch

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie ahnten es sicher schon, denn wohl nicht ganz zufällig ist Ihr erster Vorschlag richtig:

ein glauben wollender Mensch

Partizigruppen werden gleich geschrieben, wie die zugrundeliegende Verbgruppe, auch wenn das Partizip wie ein Adjektiv vor einem Substantiv steht. Zum Beispiel:

sich verändern
die sich verändernde Umwelt

miteinander spielen
die miteinander spielenden Kinder

in der Stadt wohnen
die in der Stadt wohnenden Leute

bei jedem Windhauch quietschen
ein bei jedem Windhauch quietschender Fensterladen

sich an nichts mehr erinnern können
eine sich an nichts mehr erinnern könnende Zeugin

Und ebenso:

glauben wollen
ein glauben wollender Mensch

Eine weitere Rechtschreibhürde kann sich ergeben, wenn solche Partizipgruppen substantiviert werden. Es kommt auch dann weder zu Bindestrichen noch zur Zusammenschreibung. Nur das Partizip, der Kern der Wortgruppe, wird dann großgeschrieben, der Rest bleibt gleich:

das sich Verändernde
die in der Stadt Wohnenden
die sich an nichts mehr erinnern Könnenden
die glauben Wollenden

Das sieht manchmal etwas gewöhnungsbedürftig aus (für mich zum Beispiel mit sich), ist aber so korrekt geschrieben. Mehr Überlegungen zu diesem nicht nur Sie Verwirrenden, das heißt zu dieser nicht nur Sie verwirrenden Frage, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man „schenken“ und „schenken lassen“ substantiviert

Frage

Neulich fiel mir auf einem Werbeplakat der Spruch auf: „Zum Schenken und Schenken lassen.“ Müsste es aber nicht eigentlich heißen: „Zum Schenken und Schenkenlassen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

nach den Rechtschreibregeln schreibt man tatsächlich:

Zum Schenken und Schenkenlassen

Wenn eine Infinitivgruppe, das heißt ein Infinitiv und was zu ihm gehört, aus zwei Teilen besteht und als Substantiv verwendet wird, dann schreibt man groß und zusammen:

schenken lassen → zum Schenkenlassen

Immer wenn ich diesem Spruch begegne, habe ich das beinahe unwiderstehliche Bedürfnis, ein sich einzufügen. Meiner Meinung nach ist nicht einfach gemeint, dass man etwas irgendjemandem schenken lassen kann, sondern dass man es sich schenken lassen kann. Unbedingt notwendig ist das sich nicht. Vielleicht ist dieses Bedürfnis nach dem verdeutlichenden Reflexivpronomen ja auch nur der Ausdruck eines geschenkgierigen Charakters.

Orthografisch hat das Anfügen von sich gewisse Konsequenzen. Da die Infinitivgruppe nun aus mehr als zwei Teilen besteht, wird alles etwas komplizierter – nicht zuletzt die Beschreibung: Wenn eine Infinitivgruppe aus mehr als zwei Teilen besteht und als Substantiv verwendet wird, setzt man zwischen allen Teilen der Gruppe einen Bindestrich. Das erste Wort und der (letzte) Infinitiv werden großgeschrieben (ebenso wie ggf. vorkommende Substantive):

sich schenken lassen → zum Sich-schenken-Lassen

Die Regel und weitere Beispiele finden Sie hier.

Doch jetzt, da sie deutlich auf dem Bildschirm steht, stelle ich fest, dass auch die mit sich erweiterte Form zum Sich-schenken-lassen falsch verstanden werden könnte. Mit sich meine ich ja den/die Beschenkten und nicht etwa den/die Verschenkten. Nur wenn man anfängt zu duzen, wird eindeutig klar, dass der Dativ zum Dir-schenken-Lassen und nicht etwas der Akkusativ zum Dich-schenken-Lassen gemeint ist.

Doch genug der Spitzfindigkeiten! Die Beispiele zum Schenken, zum Schenkenlassen und zum Sich-schenken-Lassen sollen ja nur zeigen, wie man substantivierte Infinitive schreibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp