Ihr alle, die mir gratuliert hab… – wie geht’s weiter?

Frage

Deutsch ist meine Muttersprache, doch sicher gibt es dennoch immer mal etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt. So meinte letztens jemand, er müsste mich darauf aufmerksam machen,

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

sei falsch. Er teilte mir aber nicht mit, welche Korrektur ihm vorschwebte. […] Ganz ungebräuchlich, wenn auch richtig, klingt für mich:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Alles in allem: Ist das ursprünglich Geschriebene falsch? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

in diesem Fall haben Sie die eher ungewöhnliche Formulierung gewählt. Wenn ein Relativpronomen das Subjekt des Relativsatzes ist und sich auf ein Pronomen der ersten oder zweiten Person bezieht, wird normalerweise hinter dem Relativpronomen der Nominativ des Personalpronomens eingefügt. Das Verb richtet sich dann nach diesem Personalpronomen. Das klingt kompliziert, es wird aber wie so oft mit Hilfe einiger konkreter Beispiele einfacher:

Ich, die ich immer mein Bestes getan habe
Wer will dir schon helfen, der du immer alles besser weißt.
Es ist für uns besonders schlimm, die wir uns so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihr den guten Mann schon lange gewarnt habt, macht er nun Vorwürfe.

Und entsprechend in Ihrem Beispielsatz:

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die ihr mir zum Geburtstag gratuliert habt.

Das Personalpronomen wird seltener auch wie in Ihrem ersten Satz weggelassen. Dann steht das Verb in der dritten Person (vgl. auch hier):

Ich, die immer allen zu helfen versucht
Wer will dir schon helfen, der immer alles besser weiß.
Es ist für uns besonders schlimm, die sich so lange darauf vorbereitet haben.
Euch, die ihn schon lange gewarnt haben, macht er nun Vorwürfe.

Vielen herzlichen Dank an euch alle, die mir zum Geburtstag gratuliert haben.

Diese Formulierungen gelten ebenfalls als richtig, sie sind aber eher unüblich. Sie lassen auch mich beim Lesen stutzen, weil es hier tatsächlich einen Konflikt gibt zwischen der ersten oder zweiten Person, auf die sich der Relativsatz bezieht, und der dritten Person, die das Relativpronomen normalerweise fordert. Diesen Konflikt überbrücken wir, die wir solche Unklarheiten nicht mögen, dann häufig, indem wir das entsprechende Personalpronomen in den Relativsatz „hineinschmuggeln“. Kurz: Ihre ursprüngliche Formulierung ist zwar richtig, aber weniger gebräuchlich als Ihr zweiter Vorschlag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird oder werden mehr als eine Frage gestellt?

Frage

Wird das Verb im unten angegebenen Beispiel im Plural oder Singular benutzt?

„Mehr als eine Frage werden/wird gestellt?“

Antwort

Guten Tag A.,

im Prinzip ist es ganz einfach: Die gebeugte Verbform richtet sich nach dem Subjekt des Satzes. Ihre Frage zeigt aber, dass es doch nicht immer ganz so einfach ist.

Das Subjekt ist mehr als eine Frage. Die Person ist eindeutig: Es handelt sich um eine dritte Person. Beim Numerus wird es dann aber schwieriger: Ist mehr als eine Frage Einzahl oder Mehrzahl? Rein nach der Bedeutung ist es eine Mehrzahl. Schließlich ist eine Frage eine Einzahl, also muss mehr als eine Frage eine Mehrzahl sein. Trotzdem heißt es normalerweise:

Mehr als eine Frage wird gestellt.
Mehr als ein Gast hat sich beklagt.
In diesem Bericht wurde mehr als eine Datenquelle benutzt.

Es ist nicht üblich, hier das Verb im Plural zu verwenden. Das liegt daran, dass die Gegenwart der Einzahlform eine Frage so stark ist, dass sich das Verb nach dieser singularischen Form und nicht nach dem pluralischen Sinn richtet. Wenn wir nämlich eine Frage durch zwei Fragen ersetzen, muss das Verb auch im Plural stehen:

Mehr als zwei Fragen werden gestellt.
Mehr als zehn Gäste haben sich beklagt.
Im Bericht wurden mehr als hundert Datenquellen benutzt.

Das Verb richtet sich also bei Subjekten der Form mehr als nach der Substantivgruppe, die nach als steht. Dass Wendungen mit mehr als ein(e) eine pluralische Bedeutung haben, hat dabei keinen Einfluss auf die Verbform. Sie steht in der Einzahl. Das Substantiv ist also der Kern der Subjektgruppe – und mehr als ist „nur“ eine adverbialen Wendung, die das Zahlwort genauer bestimmt.

Ähnlich sind Formulierungen mit manche(r) und manch ein(e) im Singular:

Mancher Gast hat sich beklagt.
Manch eine Frage konnte nicht beantwortet werden.
Mancher Mensch lernt es nie.

Auch hier sind eindeutig mehrere Gäste, Fragen resp. Menschen gemeint. Trotzdem formulieren wir alles in der Einzahl. Das liegt daran, dass wir mit manch im Singular das Folgende ausdrücken (ich zitiere aus dem Duden, so schön kann ich selbst nicht formulieren):

einzelne Person od. Sache, die sich mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert

Hier ist gewissermaßen der Nachdruck auf das Individuum / die individuelle Sache so stark, dass alles trotz pluralischer Gesamtbedeutung im Singular steht.

Ob es nun um mehr als ein oder manche(r) geht, in beiden Fällen richten wir uns bei der Formulierung des Satzes nach etwas anderem als der reinen Gesamtbedeutung. Und jetzt kommt, wie „Eingeweihte“ bereits vermuten, eine meiner Lieblingsschlussfolgerungen: Mit reiner Logik kommt man in der Sprache oft nicht weit. Manche Frage wurde mir aus diesem Grund gestellt und mehr als ein Blogeintrag schließt mit dieser Feststellung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unbeständige Temporaladverbien: Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Frage

Diesmal geht es um die indirekte Rede. Temporaladverbien (gestern, heute usw.) werden ja geändert:

Er sagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagt, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.

Wäre es falsch, auch in der indirekten Rede „gestern“ zu schreiben? Mich hätte das absolut nicht gestört…

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es gibt praktisch keine Regel, die uneingeschränkt gilt. So auch hier. Zeitangaben, die sich unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt beziehen, müssen in der indirekten Rede tatsächlich geändert werden – aber nur dann, wenn sie zum Sprechzeitpunkt nicht mehr aktuell sind:

Er sagte am 25. Januar: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagte am 25. Januar, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.“

Sie hat vor einigen Tagen gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat vor einigen Tagen gesagt, dass sie am Tag danach zahle.

Das liegt daran, dass es bei einem Zitat in direkter Rede zwei Sprechzeitpunkte gibt: den Zeitpunkt, an dem zitiert wird, und den Zeitpunkt, an dem das Zitierte gesagt wird. Wenn nun die direkte Rede in die indirekte Rede umgewandelt wird, verliert das Zitierte sozusagen seinen Sprechzeitpunkt. Es gibt nur noch den Sprechzeitpunkt des Zitierens.

Zeitangaben wie gestern, heute und morgen beziehen sich immer unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt. Wenn bei der Umsetzung von der direkten in die indirekte Rede ein Sprechzeitpunkt verschoben wird, geschieht es häufig, dass dieser Bezug nicht mehr stimmt. Das morgen am Tag X ist ein paar Tage später nicht mehr morgen, sondern der Tag nach X. Deshalb müssen oben das gestern und das morgen der direkten Rede in der indirekten Rede durch z. B. am Tag zuvor und am Tag darauf ersetzt werden.

Wenn nun aber gestern in der zitierten Aussage der gleiche Tag ist wie gestern zum Zeitpunkt des Zitierens, kann es auch in der indirekten Rede stehen bleiben. Der Sprechzeitpunkt der direkten Rede wird zwar durch den Sprechzeitpunkt des einleitenden Satzes ersetzt, der Tag und somit die zeitlichen Bezüge von heute, gestern und morgen bleiben aber dieselben:

Er hat heute Morgen gesagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er hat heute Morgen gesagt, er sei gestern nicht in Köln gewesen.

Sie hat heute gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat heute gesagt, dass sie morgen zahle.

Temporaladverbien wie heute, gestern, morgen beziehen sich also immer auf den Sprechzeitpunkt, das heißt auf den Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wird. Manchmal sind der Sprechzeitpunkt der Zitateinleitung und der Zeitpunkt der Zitataussage wie oben fast identisch. Dann muss auch in der indirekten Rede nichts angepasst werden. In allen anderen Fällen ist eine Anpassung der Adverbien notwendig.

So kann es umgekehrt auch vorkommen, dass gestern, heute oder morgen in der indirekten Rede erscheinen, obwohl sie in der direkten Rede gar nie vorkamen. Ich kann zum Beispiel am 25. Juni (und nur an diesem Tag) sagen:

Er hat vor ein paar Tagen gesagt: „Ich werde am 26. Juni kommen.“
Er hat vor ein paar Tagen gesagt, dass er morgen kommen werde.

Ein anderes Beispiel:

Sie sagte gestern:  „Übermorgen werde ich zahlen.“
Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Das klingt alles ziemlich kompliziert. Es lässt sich jedenfalls nicht mit einer für alle Fälle geltenden einfachen Regel beschreiben. Solche Bezüge stellen wir zum Glück aber meistens automatisch her, ohne dass wir uns den Kopf über sich verschiebende Sprechzeitpunkte zerbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Personalabteilung als Businesspartner(in)

Frage

Muss in „die Personalabteilung als Business-Partner“ das Wort „Business-Partner“ zwingend in „Business-Partnerin“ geändert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

im Allgemeinen gilt, dass bei Bezug auf eine Institution mit weiblichem Genus sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werden kann:

die Personalabteilung als Businesspartner
die Personalabteilung als Businesspartnerin

die Universität als Antragssteller
die Universität als Antragstellerin

Lieferant ist die Firma B.
Lieferantin ist die Firma B.

Siehe auch hier.

Es ist aber im Rahmen der Verwendung geschlechtergerechter Sprache zunehmend üblich, hier nur die weibliche Form zu benutzten. Theoretisch ist das zwar auch aus geschlechtergerechter Sicht nicht notwendig, da diese Bezeichnungen sich ja nicht auf Männer oder Frauen beziehen. Das Umgekehrte ist aber nicht üblich:

*der Staat als Businesspartnerin
*Lieferantin ist der Betrieb B.

Die Verwendung der männlichen Form bei Institutionen mit weiblichem Genus ist also eine Art generisches Maskulinum, und gerade das soll ja in der geschlechtergerechten Sprache vermieden werden. Wohl deshalb schreibt zum Beispiel der Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen der Schweizerischen Bundeskanzlei vor, dass hier im amtlichen Sprachgebrauch die weibliche Form zu verwenden sei (Abs. 7.48, S. 127).

Im Prinzip muss also in Ihrem Beispiel Businesspartner nicht in Businesspartnerin geändert werden. Es ist vielleicht anzuraten, aber nicht zwingend. Wenn Sie allerdings an einen Leitfaden wie zum Beispiel den gerade genannten gebunden sind, ist die Verwendung der weiblichen Form zwingend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist oder sind Social Media?

Frage

„Social Media“ ist laut Wörterbuch ein Pluralwort, dennoch wird das Verb oft im Singular verwendet. Plural klingt in meinen Ohren auch schrecklich. Beispiel:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Was denken Sie darüber? Ist es zulässig den Singular zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

auch ich würde Ihnen empfehlen, Social Media als Pluralwort zu verwenden:

Social Media sind kein Hype, sondern Realität.

Gründe dafür sind:

– Die deutsche Entsprechung ist ebenfalls ein Plural: soziale Medien.
– Im Englischen ist media eigentlich eine Pluralform von medium.

Woher kommt dann die relativ häufige Verwendung des Verbs in der Einzahl (Social Media ist …)? Der Singular kommt wahrscheinlich auch aus dem Englischen, denn dort kann der Begriff social media sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl verwendet werden. Er steht, grob gesagt, mit dem Singular (social media is), wenn er allgemein als Sammelbegriff verstanden wird. Er steht mit dem Plural (social media are), wenn eine Mehrzahl einzelner Medien gemeint ist (Facebook, Twitter, Youtube, LinkedIn, Blogs, Wikis usw.).

Das Gleiche ist im Englischen auch bei media (Medien) möglich:

The media is responsable for her death.
The media are responsable for her death.

Im Deutschen hingegen steht immer der Plural:

Die Medien sind für ihren Tod verantwortlich

ganz gleich ob die Medien als eine Gesamtheit gemeint sind oder als eine Mehrzahl einzelner Medien gesehen werden.

Auch andere Sammelbegriffe können im Englischen als Singular und als Plural behandelt werden. Zum Beispiel:

The data are correct.
The data is correct.

Her family is rich.
Her family are rich.

Im Deutschen haben wir hier viel weniger Freiheit. Wir müssen uns bei der Wahl der Verbform auch bei Sammelbegriffen nach der morphologischen Form des Substantivs richten:

Die Daten sind korrekt.
Ihre Familie ist reich.

Deshalb würde ich empfehlen, den englischen Lehnbegriff Social Media der in dieser Hinsicht viel weniger flexiblen deutschen Grammatik anzupassen und immer nur als Plural zu verwenden. Wie wäre es übrigens mit soziale Medien?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!