Nicht immer kann „es“ am Anfang stehen: *Es machen sie sich gemütlich

Frage

Ich beschäftige mich zurzeit mit der Redewendung „es sich gemütlich machen“. Dabei geht es mir um die Klärung des Pronomens „es“. Welche syntaktische Funktion übt „es“ aus? Und warum kann „es“ nicht das Vorfeld besetzen? Beispielsatz:

Sie machen es sich gemütlich zu Hause.

Aber nicht akzeptabel:

* Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das Wörtchen es hat einige besondere Eigenschaften, die eine schnelle und einfache Einordnung nicht immer einfach machen. Hier ist es allerdings nicht so kompliziert – wenn man es einmal weiß.

In der Wendung es sich gemütlich machen ist es ein formales Akkusativobjekt, das heißt, es hat im Satz die Funktion eines formalen Akkusativobjekts. Nur formal ist es deshalb, weil es keine eigentliche Bedeutung hat. Diese Funktion hat es auch in anderen festen Wendungen wie zum Beispiel es eilig haben, es jemandem angetan haben, es gut mit jemandem meinen. (Eine Übersicht darüber, was es alles sein kann, finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.)

Dieses es kann tatsächlich nicht am Satzanfang vor dem Verb (im Vorfeld) stehen. Das gilt immer, wenn es die Funktion eines Akkusativobjekts oder Prädikativs hat:

Siehst du das Haus? – NICHT: *Es haben wir gekauft.
Ich kenne das Spiel gut. – NICHT: *Es spiele ich gern.

Anna ist Anwältin. – NICHT: *Es ist Petra auch.
Ihr seid bestimmt müde. – NICHT: *Es sind wir auch.

Um einen korrekten Satz zu erhalten, muss man entweder das statt es verwenden oder die Wortfolge ändern.

Das Pronomen es kann auch dann nicht im Vorfeld stehen, wenn es ein formales Akkusativobjekt ist:

NICHT: *Es haben wir eilig.
NICHT: *Es machen sie sich gemütlich zu Hause.

Hier kann nicht einmal durch das ersetzt werden, so dass nur die Umstellung möglich ist.

Das Pronomen es kann vor allem als Subjekt, als formales Subjekt oder als sogenanntes Platzhalter-es oder im Vorfeld stehen:

Siehst du das Haus? – Es gehört uns.
Es regnet.
Es freut uns, dass ihr kommen wollt.
Es wurden viele Exemplare verkauft.

Die Erklärung dafür, warum genau es als Akkusativobjekt oder Prädikativ nicht im Vorfeld stehen darf, kann ich so schnell leider nicht finden. Hoffentlich habe ich es abgesehen davon gut erklärt (nicht: *Es habe ich abgesehen davon hoffentlich gut erklärt). Was sonst noch alles im Vorfeld stehen kann oder eben nicht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugt oder ungebeugt: Vermeintliche Vergiftete und vermeintlich Vergiftete?

Frage

Es geht diesmal um das Adjektiv „vermeintlich“. Ich frage mich, ob es vor einem Substantiv immer gebeugt wird oder ob es auch ungebeugt geht, wenn es vor einem substantivierten Adjektiv oder Partizip steht. Konkret: Muss es zwingend heißen: „Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“, oder geht auch: „Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

was hier möglich ist, hat weniger mit dem Adjektiv vermeintlich zu tun als mit der Tatsache, dass es vor einem substantivierten Partizip steht. Dann kann das Adjektiv im Prinzip gebeugt und ungebeugt sein:

In Ihrem Beispiel kann vermeintlich nach der Substantivierung von vergiftete zu der Vergiftete hinzugefügt werden. Dann ist es ein attributives Adjektiv, das gebeugt wird:

der vergiftete Mann → der Vergiftete → der vermeintliche Vergiftete

Es kann aber auch vor der Substantivierung zu vergiftete treten. Dann ist es ein adverbial verwendetes Adjektiv, das auch nach der Substantivierung ungebeugt bleibt:

der vergiftete Mann → der vermeintlich vergiftete Mann → der vermeintlich Vergiftete

Beide Konstruktionen sind möglich und gut vertretbar:

Der vermeintliche Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.
Der vermeintlich Vergiftete entpuppte sich als kerngesund.

Ich sehe in diesem Fall übrigens keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied. Dem glücklichen Manne, um den es hier geht, ist es bestimmt gleichgültig, ob er ein vermeintlicher Vergifteter oder ein vermeintlich Vergifteter ist. Wichtig ist vor allem, dass er in beiden Fällen kerngesund ist.

Andere Beispiele (z. T. mit deutlichem Bedeutungsunterschied):

die fleißigen Studierenden
die fleißig Studierenden

die selbstständige Mitarbeitende
die selbstständig Mitarbeitende

der schöne Frisierte
der schön Frisierte

das gemeinsame Ersparte
das gemeinsam Ersparte

Man muss aber nicht jedesmal analysieren, ob das Partizip durch ein adverbiales Adjektiv näher bestimmt und dann substantiviert wird oder ob ein attributives Adjektiv zum substantivierten Partizip tritt. Meist macht man das ohne langes Nachdenken richtig.

Mir fällt hierbei übrigens auf, dass sich nicht durch eine allgemeine Regel vorhersagen lässt, ob es fast keinen, einen kleinen oder einen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungsarten gibt. Das ergibt sich jeweils aus der Bedeutung der einzelnen Wörter und dem  Kontext.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nach Friesland und ins Saarland

Heute gleich noch eine Frage zu geografischen Begriffen:

Frage

Meine Tochter flog nach Swasiland / ins Swasiland. Was ist korrekt? Nur die erste Variante? (Ich weiß, dass der offizielle Name des Staates seit einigen Jahren Eswatini ist.)

Antwort

Guten Tag Herr T.,

der Name Swasiland gehört (ganz korrekt: gehörte bis 2018) zu den Namen, die ohne Artikel verwendet werden. Das gilt auch für zum Beispiel Deutschland, England, Estland, Finnland, Friesland, Griechenland, Irland, Island, Jütland, Lettland, Neufundland, Neuseeland, Schottland, Thailand. Richtig ist also, wie Sie vermuten, nur die Formulierung ohne Artikel:

Meine Tochter flog nach Swasiland.
Sie wohnte in Swasiland.
Sie kam aus Swasiland.

Einig andere Namen, die auf -land enden, werden allerdings mit Artikel verwendet: das Baskenland, das Burgenland, das Saarland, das Sauerland, das Vogtland, das Westjordanland, das Waadtland u. a. m.:

Meine Tochter fuhr ins Baskenland.
Sie wohnte im Baskenland.
Sie kam aus dem Baskenland.

Wer Deutsch als Muttersprache hat, weiß erstaulicherweise in den meisten Fällen, ob ein Länder- oder Regionenname auf -land mit oder ohne Artikel verwendet wird. Alle anderen müssen lernen, dass man zum Beispiel nach Friesland, aber ins Saarland fährt, denn welche Namen dies sind, bestimmt nur der Gebrauch. Außer der Tendenz, dass Länder auf -land ohne Artikel und Regionen auf -land eher mit Artikel stehen, gibt es wieder einmal keine feste Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bezeichnungen für Menschen mit doppelter Nationalität

Frage

Ich habe eine Frage zur Schreibweise von Bezeichnungen für Doppelbürger:innen. Wissen Sie, ob es dazu eine Regelung gibt? Konkret geht es um den Fall eines griechisch-deutschen resp. eines ungarisch-chilenischen Mannes („eines Griechisch-Deutschen“, „eines Ungarn-Chilenen“?).

Anwort

Guten Tag Frau F.,

Sie möchten wissen, wie man Bezeichnungen für Menschen mit zwei Nationalitäten bildet. Dafür gibt es keine Regel — und es ist auch nicht üblich. Die doppelte Nationalität wird in der Regel nicht mit zusammengesetzten Substantiven, sondern mit zusammengesetzten Adjektiven ausgedrückt, die ein Substantiv bestimmen. Bei der Reihenfolge der Nationalitätsbezeichnungen gibt es übrigens keine Regelung, das heißt, beide Reihenfolgen sind möglich.

ein deutsch-griechischer Doppelbürger
der griechisch-deutsche Mann
die deutsch-griechische Frau
eine griechisch-deutsche Dichterin

ein chilenisch-ungarischer Doppelbürger
der ungarisch-chilenische Mann
die chilenisch-ungarische Frau
eine ungarisch-chilenische Dichterin

Nicht üblich (aber auch nicht grundsätzlich unmöglich) sind Substantive wie ein Griechisch-Deutscher, eine Deutsch-Griechin, ein Ungarisch-Chilene, eine Chilenisch-Ungarin o. Ä.

So sind Deutsch-Schweizer und Deutsch-Schweizerinnen auch mit Bindestrich nichts anderes als Deutschschweizer und Deutschschweizerinnen, also Schweizer und Schweizerinnen deutscher Muttersprache. Eine Französisch-Kanadierin ist ebenfalls keine Doppelbürgerin, sondern eine französischsprachige Kanadierin. Als Doppelbürger oder Doppelbürgerin sind sie deutsch-schweizerische oder schweizerisch deutsche Menschen bzw. französisch-kanadische oder kanadisch-französische Doppelbürger und Doppelbürgerinnen.

Begriffe wie Deutsch-Türke/Deutsch-Türkin oder Türkisch-Deutsche, die sehr unterschiedlich verwendet werden, zeigen, wie wichtig es ist, dass aus dem Zusammenhang hervorgeht, was genau gemeint ist. Dann sind auch „abenteuerlichere“ Wortbildungen wie eine Deutsch-Griechin oder ein Chilenisch-Ungar nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ganz ohne „dass“: Ich hoffe, die Erklärung ist nützlich

Frage

Könnten Sie mir bitte bei folgendem „Problem“ behilflich sein? In einer deutschen Zeitung hab ich gelesen: „Ich hoffe, die Stadt hat sich nicht verändert.“ Fehlt hier nicht die Konjunktion „dass“ („Ich hoffe, dass sich die Stadt nicht verändert hat“)? Oder ist das korrekt so? Gibt es dazu eine Regel? Ich möchte diesen Artikel mit meinen Schülern im Unterricht lesen und wenn einer von ihnen danach fragt, dann wäre ich überfragt …

Antwort

Guten Tag Frau K.,

uneingeleitete Nebensätze kommen häufig bei der indirekten Rede vor:

Sie sagt, sie habe Hunger.
Er behauptet, er habe schon gegessen.

Das ist aber nicht der einzige Fall. Bei gewissen Verben – grob gesagt bei Verben, die eine Annahme oder einen Wunsch ausdrücken – kann ebenfalls ein nicht eingeleiteter Nebensatz stehen. Zum Beispiel:

Wir hoffen, das Wetter bleibt gut.
Ich denke, du solltest jetzt nach Hause gehen.
Man befürchtet, die Preise steigen noch weiter.
Glaubst du, ich habe nichts besseres zu tun?
Ich nahm an, er würde mir das Geld leihen.
Es ist besser, Sie kommen später noch einmal zurück (= Ich finde es besser, wenn …)

Diese uneingeleiteten Nebensätze gehören eher, aber nicht ausschließlich der gesprochenen Sprache an. In der gesprochenen Sprache kommen sie häufig vor. Sie können in der Regel durch einen dass-Satz ersetzt werden:

Wir hoffen, dass das Wetter gut bleibt.
Ich denke, dass du jetzt nach Hause gehen solltest.
Man befürchtet, dass die Preise noch weiter steigen.
Glaubst du, dass ich nichts besseres zu tun habe?
Ich nahm an, dass er mir das Geld leihen würde.
Es ist besser, dass/wenn Sie später noch einmal zurückkommen.

Es gibt keine präzise und feste Regel, bei welchen Verben solche uneingeleiteten Nebensätze möglich sind. Da aber in der Regel auch ein dass-Satz möglich ist, müssen Schüler und Schülerinnen im Fremdsprachenunterricht solche Sätze (vorerst) nur erkennen können.

Ich hoffe, diese Erklärung ist nützlich – oder in formalerem, geschriebenem Deutsch eher: Ich hoffe, dass diese Erklärung nützlich ist.

Ein schönes Wochenende, entweder von normaler Länge oder dank Halloween, Reformationstag oder Allerheiligen in verlängerter Form wünscht Ihnen

Dr. Bopp

Das S und das s – Die Schreibung von Einzelbuchstaben

Frage

Die Sprachberatung konnte mir keine schlüssige Antwort auf meine Fragen geben, deshalb wende ich mich an Sie. Frage: Warum werden folgende Wörter so geschrieben?

  • Fugen-s und nicht Fugen-S (Groß- bzw. Kleinschreibung)
  • scharfes s und nicht scharfes S oder scharfes ß

Antwort

Guten Tag Herr S.,

als Substantive verwendete Einzelbuchstaben werden in der Regel großgeschrieben:

Bei Allergien ist Sauberkeit im Haushalt das A und O.
Wir nehmen alles noch einmal von A bis Z durch.
Sie wollen uns ein X für ein U vormachen.
das Restaurant mit dem gelben M

Wenn der Buchstabe in seiner geschriebenen Form gemeint ist, wird er groß- oder kleingeschrieben, je nachdem ob der Groß- oder der Kleinbuchstabe gemeint ist:

der Großbuchstabe S
der Kleinbuchstabe s
„Sommer“ wird mit [einem] S geschrieben.
„Messer“ wird mit zwei s geschrieben.
„Vase“ mit V und „Fass“ mit F
„viel“ mit v und „fiel“ mit f
das Pünktchen auf dem i
der i-Punkt

Das gilt auch in Fällen wie den folgenden. Der genannte Buchstabe steht jeweils im Wortinnern oder am Wortende und wird entsprechend kleingeschrieben:

das Dehnungs-h
der s-Genitiv
das Genitiv-s
das Fugen-s

Wie in allen Zusammensetzungen mit einem Einzelbuchstaben oder einer Ziffer wird ein Bindestrich gesetzt.

Dann noch ein Sonderfall: Wenn Laute mit Hilfe von Buchstaben beschrieben werden, wird häufig, aber nach meiner Einschätzung nicht zwingend kleingeschrieben:

der s-Laut (so in der amtl. Rechtschreibregelung)
das stimmhafte s / das stimmhafte S
das stimmlose s / das stimmlose S

Im Begriff das scharfe s wird häufig kleingeschrieben, weil bis vor Kurzem nur der Kleinbuchstabe ß gemeint sein konnte. Die Großschreibung das scharfe S ist aber auch  vertretbar:

das scharfe s / das scharfe S

„Offizieller“ heißt es übrigens das Eszett oder der Buchstabe ß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verinselt

Da ich seit heute beschwerdefrei bin und das Ganze schon länger als fünf Tage dauert, darf ich mich ab morgen wieder vorsichtig außer Haus wagen. Als einer der Letzten in meiner Umgebung war ich, soweit ich weiß, noch vom Virus verschont geblieben, doch vergangenes Wochenende kündigten sich Husten und Kopfschmerzen an und zeigte der Selbsttest zum ersten Mal zwei Streifen. Der zur Kontrolle durchgeführte zweite Test leider auch. Das hieß, dass ich in Isolierung oder Isolation musste – und übrigens auch wollte. Alles halb so schlimm, denn mit mehr als einer mittelschweren Grippe hatte ich es (sehr wahrscheinlich dank Impfungen und Boostern) nicht zu tun. Dies ist dann auch kein Aufruf zu Mitleidsbezeugungen, denn mit Hilfe von Paracetamol, heißem Kräutertee, Hustenbonbons und Schlaf übersteht man so etwas gut.

Während der Isolation fragte ich mich plötzlich, wo denn das n nach dem i geblieben ist. Ich bin nämlich davon ausgegangen, dass das sol in Isolation etwas mit solus = allein zu tun hat, dass man sozusagen solo sein muss. Dazu hätte die Vorsilbe in- gepasst (in solo), aber in  isolieren steht nur ein i, kein in. Die Frage war mir aber nie so wichtig, dass ich diese selbstgestrickte Wortherkunft einmal überprüft hätte.

Was viele schon wissen, wurde mir erst beim Griff zum Herkunftswörterbuch klar: Isolation gehört zu isoliert, das über das französische isolé auf das italienische isolato zurückgeht. Dieses isolato bedeutete zur Insel gemacht und übertragen auch absondern, von allem anderen abtrennen. Ich hätte es wissen können, denn ich kenne das italienische Wort isola = Insel (lat. insula), habe die Isola Bella im Lago Maggiore liegen sehen und weiß u. a. dank „L’amica geniale“ („Meine geniale Freundin“) , dass es eine Fähre Napoli – Isola d’Ischia gibt. Trotzdem bin ich nicht selbst darauf gekommen, dass isoliert ganz wörtlich einfach verinselt bedeutet.

Mir gefällt das Bild der Verinselung viel besser als das banalere Solosein, entsprechend viel besser fühlte ich mich dadurch allerdings auch nicht. Ab morgen bin ich dann wieder entinselt.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Nicht und der Bindestrich

Letzte Woche ging es um den Bindestrich bei Präfigierungen mit anti-. Heute geht es gleich weiter mit dem Bindestrich bei Zusammensetzungen mit nicht. Wegen der vielen Beispiele sieht der Artikel nach mehr Leseaufwand aus, als er erfordert.

Frage

Soweit ich weiß, wird gemäß der deutschen Rechtschreibregeln bei Adjektiven bzw. adjektivisch gebrauchten Partizipien mit vorangestelltem „nicht“ entweder getrennt oder zusammengeschrieben. Die Schreibung mit Bindestrich trifft man zwar tagtäglich an, sie gilt aber meines Wissens als nicht regelkonform, also zum Beispiel:

nicht standardisiert/nichtstandardisiert (*nicht-standardisiert)
nicht infektiös/nichtinfektiös (*nicht-infektiös)
nicht immunisiert/nichtimmunisiert (*nicht-immunisiert)
usw.

Was ist im Falle von Substantivierungen zulässig oder zu empfehlen (Getrenntschreibung, Zusammenschreibung, Bindestrichschreibung)? Zum  Beispiel:

die Nichtimmunisierten/nicht Immunisierten/Nicht-Immunisierten
das Nichtnormierte/nicht Normierte/Nicht-Normierte
das Nichtoffensichtliche/nicht Offensichtliche/Nicht-Offensichtliche
das Nichtthematisierte/nicht Thematisierte/Nicht-Thematisierte

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie haben recht: Verbindungen von nicht mit einem Adjektiv bzw. adjektivischen Partizip kann man zusammen- oder getrennt schreiben. Die Schreibung mit Bindestrich ist gemäß der Rechtschreibregelung nicht vorgesehen. Das gilt auch dann, wenn solche Verbindungen substantiviert werden. Die folgenden Schreibweisen sind regelkonform:

nicht standardisiert / das nicht Standardisierte
nichtstandardisiert / das Nichtstandardisierte

nicht infektiös / etwas nicht Infektiöses
nichtinfektiös / etwas Nichtinfektiöses

nicht immunisiert / die nicht Immunisierten
nichtimmunisiert / die Nichtimmunisierten

nicht nominiert / das nicht Normierte
nichtnominiert / das Nichtnormierte

nicht offensichtlich / das nicht Offensichtliche
nichtoffensichtlich / das Nichtoffensichtliche

nicht gewünscht / das nicht Gewünschte
nichtgewünscht / das Nichtgewünschte

Vgl.

allein erziehend / die allein Erziehenden
alleinerziehend / die Alleinerziehenden

klein gedruckt / das klein Gedruckte
kleingedruckt / das Kleingedruckte

Substantivierungen dieser Art werden in der Rechtschreibung anders behandelt als Verbindungen von nicht mit einem „normalen“ Substantiv. Zusammensetzungen von nicht mit einem Substantiv werden im Prinzip zusammengeschrieben:

die Nichtbeachtung
ein Nichtmetall
alle Nichtmütter
ein Nichteuropäer / eine Nichteuropäerin
die Nichtfachleute
der Nichttänzer / die Nichttänzerin
der Nichtmuttersprachler / die Nichtmuttersprachlerin

Anders als die substantivierten Adjektiv- und Partizipverbindungen oben können diese Substantivzusammensetzungen nicht getrennt geschrieben werden (nicht *die nicht Beachtung, nicht *die nicht Fachleute). Dafür ist hier die Schreibung mit „verdeutlichendem“ Bindestrich möglich. Sie kommt auch relativ häufig vor:

die Nicht-Beachtung
ein Nicht-Metall
alle Nicht-Mütter
ein Nicht-Europäer / eine Nicht-Europäerin
die Nicht-Fachleute
der Nicht-Tänzer / die Nicht-Tänzerin
der Nicht-Muttersprachler / die Nicht-Muttersprachlerin

Bei nicht und dem Bindestrich muss also zwischen (substantivierten) Adjektiv- und Partizipverbindungen mit nicht und Zusammensetzungen von nicht mit einem Substantiv unterschieden werden. So viel zur Setzung und Nichtsetzung / Nicht‑Setzung des Bindestrichs. Ich hoffe, dass hier nicht zu viel nicht Nachvollziehbares / Nichtnachvollziehbares steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anti- und der Bindestrich

Frage

Wie verhält es sich, wenn vor ein Adjektiv das Präfix „anti“ gesetzt wird? Die Getrenntschreibung ist vermutlich nicht zulässig (*anti propagandistisch). Muss aber immer in einem Wort zusammengeschrieben werden oder darf auch die Bindestrichvariante verwendet werden, zum Beispiel im Falle des Aufeinandertreffens zweier „i“ wie etwa in den Begriffen „anti-ideologisch“ oder „anti-iranisch“? […] Und trifft dies auch auf Substantive zu (z.B. „das Anti-Iranische/Antiiranische“, „das Anti-Ideologische/Antiideologische“, „das Anti-Demokratische/Antidemokratische“)?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

das Präfix anti- wird im Prinzip wie alle Präfixe mit dem Wort zusammengeschrieben, vor dem es steht. Die Bindestrichschreibung ist eigentlich nicht vorgesehen:

antiamerikanisch
antiautoritär
antidemokratisch
antieuropäisch
antikapitalistisch

Antifaltencreme
Antiheldin
Antimaterie
Antiklopfmittel
Antiutopie

Auch beim Zusammentreffen zweier Vokale steht im Prinzip kein Bindestrich. Nach der Rechtschreibregelung (§45.4) kann der Bindestrich beim Zusammentreffen von drei gleichen Buchstaben gesetzt werden (Kaffee-Ernte o. Kaffeeernte; Schiff-Fahrt o. Schifffahrt). Streng nach der Regel schreibt man also:

antiideologisch / das Antiideologische
antiintellektuell / das Antiintellektuelle
antiiranisch / etwas Antiiranisches

Dennoch finden sich – auch in Wörterbüchern – häufig Schreibungen mit Bindestrich. Es geht dann um den verdeutlichenden Bindestrich, der manchmal zurecht und manchmel eher überflüssig gesetzt wird. Hier folgen einige Beispiele, bei denen auch ich – ein überzeugter Bindestrichskeptiker – den verdeutlichenden Bindestrich für gut vertretbar halte:

Anti-Utopie / Antiutopie
anti-intellektuell / antiintellektuell
etwas Anti-Iranisches / Antiiranisches

Anti-Ameisen-Pulver / Antiameisenpulver (nicht: *Anti-Ameisenpulver)
Anti-Läuse-Mittel / Antiläusemittel (nicht: *Anti-Läusemittel)
Anti-Atomkraft-Bewegung / Antiatomkraftbewegung

Eine genaue Grenze, wann genau der Bindestrich zu empfehlen ist, lässt sich nicht bestimmen, aber man kann den durchschnittlichen Lesenden meist längere und komplexerer Wörter „zumuten“, als manchmal angenommen wird.

Dann noch zwei kurze Präzisierungen:

Nur mit Bindestrich wird geschrieben, wenn eine Abkürzung beteiligt ist:

Anti-AKW-Bewegung
Anti-HIV-Medikamente

Und nie, aber auch wirklich nie wird im Deutschen anti vom Wort, zu dem es gehört, getrennt geschrieben:

nicht: *anti propagandistisch
nicht: *anti demokratisch
nicht:*Anti Ameisen Pulver
nicht: *Anti-Läuse Mittel

Man sollte also bei anti- den Bindestrich nur mit Maßen verwenden. Schreibungen wie antiamerikanisch und Antiklopfmittel sind auch ohne Bindestrich gut lesbar. Doch bevor man mir eine Antibindestrichhaltung vorwirft, sei gesagt, dass auch ich Anti-Bindestrich-Haltung besser lesbar finde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Ich lebe in Amerika und du?“ – Fehlt hier ein Satzzeichen?

Frage

Ich suche jetzt schon ewig nach einer Quelle und finde nichts.

Ich lebe in Amerika, und du?
Ich lebe in Amerika und du?

Steht hier vor „und du“ ein Komma? Ich hoffe, Sie können helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wieder einmal gilt, dass es mehr als nur eine Lösung gibt. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass Sie keine Quelle finden konnten, die diesen Fall beschreibt.

Am besten verwenden Sie hier einen Punkt statt eines Kommas:

Ich lebe in Amerika. Und du?
Ich heiße Andrea. Und du?

Hier wird nämlich eine Aussage, die einen Punkt verlangt, mit einer Frage verbunden, die mit einem Fragezeichen abgeschlossen wird.

Ich lebe in Amerika. Und wo lebst du?
Ich heiße Andrea. Und wie heißt du?

Es wird manchmal gesagt, und dürfe nicht am Satzanfang stehen. Das ist höchstens eine stilistische „Regel“, die für die (formalere) geschriebene Sprache gelten kann. In der weniger formalen und vor allem in der gesprochenen Sprache hingegen fangen Sätze häufig mit und an. Sollte Ihnen der Punkt vor und dennoch widerstreben, könnten Sie ihn durch einen Bindestrich ersetzen:

Ich lebe in Amerika – und du?
Ich heiße Andrea – und du?

Die Schreibung mit Komma würde ich aus dem oben erwähnten Grund nicht wählen, aber sie ist nicht gänzlich ausgeschlossen. Das Komma lässt sich dann dadurch rechtfertigen, dass und zwei selbstständige Sätze (einen Aussagesatz und einen Fragesatz) miteinander verbindet. Bei dieser Argumentation wäre theoretisch auch die Schreibung ohne Komma möglich, doch davon würde ich gänzlich abraten, weil dann noch weniger deutlich ist, dass nur der Teil nach und zur Frage gehört.

Wie so oft gibt es mehrere Argumentations- und Schreibweisen, sie sind nur nicht alle gleich empfehlenswert. Hier haben Sie also bei der Zeichensetzung die Qual oder, positiver betrachtet, die Freiheit der Wahl. Ich würde den Punkt wählen. Und Sie?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp