Die Reihenfolge der Kasus in Canoonet

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, bezieht sich auf die Reihenfolge der Kasus. In den Tabellen in Canoonet stehen die Fälle nämlich in einer anderen Reihenfolge (Nom. – Akk. – Dat. – Gen.), als wir es aus der klassischen Grammatik kennen (Nom. – Gen. – Dat. – Akk.) Das ist für viele ungewohnt und führt begreiflicherweise immer wieder zu Fragen. Es ist also an der Zeit, diese Frage wieder einmal kurz im Blog zu behandeln. Das Ende des Jahres ist ja ein guter Moment, Liegengebliebenes abzuarbeiten:

Frage

Mir ist aufgefallen, dass der Akkusativ bei Ihnen der zweite Fall ist. Das finde ich nur bei Canoonet so. An allen anderen Stellen ist es der vierte Fall und so habe ich es auch in der Schule gelernt. Warum ist das so? Wenn ich Canoonet auch für die beste Seite halte zum Thema Rechtschreibung, so besuche ich doch meistens auch andere Anbieter. Das mit dem Akkusativ ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gibt es ja einen guten Grund?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich darüber wundert, dass in Canonet die Reihenfolge der Kasus wie folgt angegeben wird: Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv. Wir verwenden also nicht die aus der klassischen lateinischen Grammatiktradition stammende Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ. Eine kurze Begründung habe ich in einem älteren Blogeintrag schon einmal gegeben. Sie finden ihn hier. Da dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich hier ergänzend zwei Zitate etwas jüngeren Datums anführen:

Duden, „Die Grammatik“, 8. Auflage, 2009, Randnummer 199:

In Listen und Tabellen werden in der vorliegenden Grammatik die Kasusmerkmale in der folgenden Anordnung gezeigt:

Nominativ -> Akkusativ -> Dativ -> Genitiv

Diese Abfolge hat die folgenden Vorteile:

(i) Als formaler Grund lässt sich der Formenzusammenfall (Synkretismus) bei bestimmten Paradigmen nennen […]. Nominativ und Akkusativ fallen bei Paradigmen mit den Merkmalen Neutrum, Femininum oder Plural immer zusammen; ein Unterschied besteht nur in der 1. und 2. Person des Personalpronomens bei einem Teil der Maskulina im Singular.
(ii) Als funktionaler Grund lassen sich die Regeln für die Kasusvergabe beim Verb nennen […]:
(a) Wenn ein Verb nur 1 nominales Satzglied verlangt, steht dieses im Nominativ, zum Beispiel: Der Hund bellt.
(b) Wein ein Verb 2 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktiveren semantischen Rolle im Nominativ, das andere im Akkusativ, zum Beispiel: Der Hund sucht den Knochen.
(c) Wenn ein Verb 3 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktivsten semantischen Rolle im Nominativ, das mit der am wenigsten aktiven Rolle im Akkusativ und das dritte im Dativ, zum Beispiel: Der Hund bringt dem Herrchen den Ball.
(d) Verben mit Genitivobjekten sind Sonderfälle, zum Beispiel: Der Hund bemächtigt sich des Knochens.

Wahrig, „Richtiges Deutsch leicht gemacht“, 2009, S. 209:

Nominativ
Akkusativ
Dativ
Genitiv

Während in älteren Grammatiken meist die Kasus der traditionellen Lateingrammatik entsprechend in der Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ aufgelistet werden, werden sie heute zunehmend in der hier gewählten Reihenfolge präsentiert. Dabei spielt vor allem die abnehmende Ähnlichkeit mit dem Nominativ eine Rolle.

Die Reihenfolge Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv kommt also nicht nur in Canoonet, sondern auch in anderen neueren Grammatiken vor. Auch im Sprachunterricht, insbesondere im Fremdsprachenunterricht (Deutsch für Fremdsprachige), begegnet man ihr häufiger. Sie hat sich aber in den Flexionstabellen der online abrufbaren Wörterbücher tatsächlich (noch?) nicht durchgesetzt. Die meisten von ihnen verwenden die klassische Darstellung.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass die Reihenfolge der Kasus in Tabellen eigentlich gar nicht so wichtig ist. Ob es nun der Hund – den Hund – dem Hund – des Hundes oder der Hund – des Hundes – dem Hund – den Hund ist, eine andere Reihenfolge ist höchstens etwas gewöhnungsbedürftig. Hauptsache, die Information stimmt und wird einigermaßen konsequent angeboten. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, aber ich hoffe, dass es niemanden allzu sehr stört, wenn wir in Canoonet eine andere Reihenfolge der Kasus anbieten, als er oder sie gewohnt ist – oder war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die große/Große Koalition

Deutschland hat eine neue Regierung, eine Koalition zwischen CDU/CSU und  SPD. Eine Koalition zwischen den zahlenmäßig stärksten Parteien wird mit dem Adjektiv groß näher bestimmt. Und dann kommt es für diejenigen, die alles ganz korrekt schreiben wollen, zu einem kleinen Problem mit groß: Ist es die große Koalition oder die Große Koalition?

Eine kleine, wissenschaftlich und methodisch völlig unzureichende Stichprobe* im Internet zeigt heute Folgendes:

die große Koalition
Bild, Focus online, Frankfurter Allgemeine, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche

die Große Koalition
Basler Zeitung, Heute.at, Spiegel, TAZ, Zeit Online

Beides:
Berliner Zeitung, Der Standard, Die Welt

Man ist sich online also alles andere als einig, ob das Adjektiv große hier groß- oder kleingeschrieben werden soll. Das liegt daran, dass die Rechtschreibregelung beides zulässt. So kann man es jedenfalls z. B. im Rechtschreibduden und Canoonet nachlesen.

Falls Sie sich gewundert haben sollten: Sowohl die Anhänger von die Große Koalition als auch diejenigen, die für die große Koalition sind, haben recht – zumindest orthografisch. Einen kleinen Vorwurf kann man nur denjenigen machen,  bei denen beide Formen erscheinen. Stilistisch gesehen sollte es vermieden werden, innerhalb eines Textes, einer Publikation usw. verschiedene Schreibweisen nebeneinander zu verwenden.

So viel zur aktuellen politischen Lage. Ich wünsche allen einen schönen dritten Advent.

* Die Auswahl der Zeitungen ist willkürlich und die Angaben beziehen sich nur auf die Schreibweisen, die ich bei einem schnellen Blick auf die jeweiligen Hauptseiten gefunden habe. Die Angaben sind also nicht exakt, aber sie sollen ja nur aufzeigen, dass beide Schreibweisen regelmäßig vorkommen.

Ein Apostroph am Satzanfang; wie geht’s weiter?

Am Satzfang schreibt man groß. Das ist eine  Rechtschreibregel, die recht einfach zu handhaben ist. Aber selbst diese Regel hat so ihre kleinen Tücken:

Frage

Wie verfahre ich hinsichtlich der Groß- oder Kleinschreibung, wenn ich einen Satz mit einem Zitat mit verkürztem Wort beginne? Zum Beispiel:

„’ne üble Sache ist das.“ oder
„’Ne üble Sache ist das.“

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Antwort ist ganz einfach (auch wenn ich  zugeben muss, dass ich nachsehen musste, um sicher zu sein): Nach einem Apostroph am Satzanfang wird kleingeschrieben. Schöne Beispiele sind Anfänge von Volksliedern und Gedichten:

’s ist alles dunkel, ’s ist alles trübe,
Ja weil mein Schatz ein’n anderen liebet.
[Volkslied]

’s gibt eine Sage, dass wenn plötzlich matt
Unheimlich Schaudern einen übergleite,
Dass dann ob seiner künft’gen Grabesstatt
Der Todesengel schreite.
[Annette von Droste-Hülshoff]

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
[Nikolaus Lenau]

Und was für hehres Dichtgut gilt, gilt auch für die Wiedergabe von umgangssprachlicher Rede:

„’ne üble Sache ist das“, seufzte er.
’s ist jammerschade um ihn. ’s Herz bricht mir fast.

Siehe Paragraph 54.6 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort steht weiter, dass auch die Auslassungspunkte und Zahlen als Satzanfang gelten:

 … denn sie wissen nicht, was sie tun [Filmtitel]
36 lange Stunden mussten sie auf den nächsten Flug warten.

Nicht jeder Satz beginnt also mit einem Großbuchstaben. Nicht einmal so viel Gewissheit gibt es!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Den Umgang mit Marken- und Produktnamen mit kleinem Anfangsbuchstaben behandelt dieser Blogeintrag.

 

Parfum oder Schaumwein?

Auch oder gerade auf einer Ebene der Umgangssprache, derer man sich bei formelleren Gelegenheiten und in gehobeneren Kreisen besser nicht bedient, gibt es regionale Unterschiede. Nehmen wir einmal das Wort Nuttendiesel, das mir dieses Wochenende wieder einmal über den Weg gelaufen ist. Interessant daran ist, dass es bei Nuttendiesel für einmal nicht um unterschiedliche Bezeichnungen für dasselbe geht, sondern um dieselbe Bezeichnung für Unterschiedliches. Diese ausdrucksstarke Wortzusammensetzung hat nämlich mehr als eine „offizielle“ Bedeutung.

Allgemeindeutsch bezeichnet Nuttendiesel meistens ein billiges, aufdringlich riechendes Parfum, dessen Verwendung man offenbar vor allem den Prostituierten zuschreibt. Die Geruchsintensität von Nuttendiesel lässt sich wie folgt umschreiben: Wenn eine nuttendieselbesprühte Person ganz vorn in die Straßenbahn einsteigt, kommt man spätestens dann, wenn die Straßenbahn sich in Bewegung setzt, auch auf dem allerhintersten Sitzplatz in den vollen Riechgenuss, selbst bei leichtem bis mittelschwerem Schnupfen. Oder: Die Windstärke muss beinahe orkanartig sein, wenn man Nuttendiesel nicht auch gegen den Wind schon von Weitem deutlich riecht. Den gleichen Effekt haben allerdings auch gewisse sehr teure, moschusschwangere Eaux de Parfum (Beispiele für Kenner und Kennerinnen: das französische äquivalent von Gift im Damenbereich und der griechische Name für die Statue eines jungen Mannes bei den Herrendüften).

In der Schweiz ist Nuttendiesel in der Regel etwas anderes. Stark riechende Parfums werden oft politisch ziemlich unkorrekt mit Hilfe der Wörter stinken und morgenländisches Puff charakterisiert. Nuttendiesel hingegen ist Sekt oder Champagner. Das Bild, das aufgerufen wird, ist ziemlich derb: Sekt als Treibstoff für Prostituierte. Es widerspiegelt aber in einem Wort treffender und realistischer das Ambiente der Animierwelt, als dies die frivole Champagnerseligkeit in zum Beispiel „Da geh ich zu Maxim“ aus Franz Lehars „Lustiger Witwe“ tut. Ein fröhlicherer Ausdruck, den ich sehr mag, ist übrigens das Dialektwort Chlöpfmoscht, also Knallmost, das man für die Menschen nördlich der Weißwurstgrenze wohl am besten mit Knallsaft übersetzt.

Natürlich benutzen Leserinnen und Leser dieses Blogs nie und nimmer derbe Ausdrücke wie Nuttendiesel. Aber wenn Sie es trotzdem einmal hören sollten, wissen Sie nun, dass nicht immer und überall dasselbe gemeint ist.

In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe

Frage

Wir haben eine Streitfrage, heißt es jetzt eigentlich „Ich steige in den Bus ein“ oder „Ich steige in den Bus“? Heißt es „Ich steige aus dem Bus“ oder „Ich steige aus dem Bus aus“? Bin mir ziemlich unsicher.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

wieder einmal sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich steige in den Bus ein.
Ich steige in den Bus.

Ich steige aus dem Bus.
Ich steige aus dem Bus aus.

Im Deutschen haben wir nämlich ein starkes Bedürfnis, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist. Oft sind diese Vorsilben für das Verständnis gar nicht unbedingt notwendig. Hier weitere Beispiele, die mit und ohne solche Vorsilben richtig und verständlich sind:

vom Tisch herunterfallen
vom Tisch fallen

aus dem Fenster hinausblicken
aus dem Fenster blicken

zum Gipfel aufsteigen
zum Gipfel steigen

Mehl in Säcke einfüllen
Mehl in Säcke füllen

mit aufgeblähten Segeln
geblähten Segeln

im nachfolgenden Text
im folgenden Text

ohne Vorankündigung
ohne Ankündigung

Ein schönes und in diesem Zusammenhang häufiger zitiertes Beispiel ist pimpen – aufpimpen. Obwohl pimpen ungefähr aufmachen, aufmotzen entspricht und es also das Bedeutungselement auf bereits in sich birgt, wird es häufig in der Form aufpimpen verwendet. Das Gepimpte wird zum Aufgepimpten. Oft finden wir ein einfaches Verb einfach zu wenig aussagekräftig.

Die meisten dieser Formulierungen drücken in gewissem Sinne zweimal dasselbe aus. Das ist hier aber nicht weiter schlimm, denn unsere Sprache ist mehr als nur ein Mittel, sich mit möglichst wenig Aufwand so präzise wie möglich auszudrücken. Es ist zwar richtig, dass man Doppelungen und Wiederholungen in zum Beispiel wissenschaftlichen oder knappen, rein informativen (journalistischen) Texten besser weglässt, das heißt aber nicht, dass man sie immer und überall tunlichst zu vermeiden hat. Natürlich reicht es zu sagen, dass das Mehl in Säcke gefüllt wird. Die Präposition in gibt ausreichend an, wie das Füllen in Bezug auf die Säcke geschieht. Dennoch wird häufig nicht nur etwas in etwas gefüllt, sondern auch nachdrücklicher und bildhafter in etwas eingefüllt. Auch das auf in zum Gipfel aufsteigen ist im Prinzip „überflüssig“. Das Konzept Gipfel gibt bereits an, dass aufwärts gestiegen wird. Es lässt sich ja in der Regel schlecht auf einen Gipfel heruntersteigen (Filme mit spektakulären Stunt-Einlagen einmal außer Acht gelassen). Das auf in aufsteigen zeigt aber deutlicher als nur einfaches steigen, dass es zum Gipfel zünftig bergauf geht.

Wenn Sie also ausdrücken wollen, dass Sie irgendwo einsteigen, können Sie ruhig sagen, dass Sie in den Bus oder in den Zug einsteigen. Ohne ein- ist es aber auch richtig – und sogar schön kurz und bündig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum Verb vorprogammieren.

Das frustrierende Eichhörnchen

Frustrierend sind Eichhörnchen nicht etwa als Tiere. Ich habe soeben wieder zwei dieser nervös-quirligen Kletterer im Garten beobachtet. Der Weg von der Ecke des Waldes, in dem sie wohnen, zum Nussbaum im Nachbargarten führt über den Zaun und die Hecke am Rande unseres Gartens. Bei uns heißt diese Strecke im Herbst „die Eichhörnchenroute“ und an besonders verkehrsintensiven Tagen „die Eichhörnchenschnellstraße“. Es ist immer wieder ein schöner, erheiternder Anblick. Nein, frustrierend sind diese Tierchen wirklich nicht (auch wenn ich zu meinem großen Erstaunen kürzlich herausgefunden habe, dass sie nicht nur Nüsse fressen, sondern – wie unpassend zum niedlichen Äußeren! – im Frühling auch Jungvögel nicht zu verschmähen scheinen).

Bild: Wikimedia

Frustrierend finde ich zurzeit gerade Eichhörnchen als Wort. Ich wollte nämlich herausfinden, woher es kommt. Wie wohl die meisten von uns bin ich davon ausgegangen, dass  Eich- vom Baum namens Eiche stammt. Mich interessierte also vor allem die Herkunft des zweiten Wortteils: Was haben die Nager mit Hörnchen zu tun? Vielleicht die spitzen Öhrchen, der gekrümmte Schwanz? Weit gefehlt! Die Antwort lautet: rein gar nichts.

Nach Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache“, 24. Auflage, 2002, kommt Eichhörnchen von germanisch „aikurna“. So weit, so gut. Dann wird es furchtbar kompliziert. So kompliziert, dass ich Ihnen den entsprechende Text für einmal nicht vorenthalten will:

Der vorausliegende nordeuropäische Name ist *woiwer-, wobei in der ersten Silbe auch ē oder ā erscheint. Morphologisch handelt es sich wohl um eine Intensiv-Reduplikation oder eine Vriddhi-Bildung zu einer einfachen nominalen Reduplikation(bei der i oder e denkbar wäre). Vgl. lit. vėverìs f., vaiveris m., voverìs f., aruss. věverica, kymr. gwiwer, nir. georog und mit leicht abweichender Bedeutung l. vīverra f. »Frettchen«. Das germanische Wort unterscheidet sich von diesen in einer auch sonst bezeugbaren Veränderung von inlautendem w zu g. k und im Fehlen des Anlauts w- (was möglicherweise mit nir. (reg.) iora eine Parallele hat. Vorauszusetzen ist also (ig.) *(w)oiwr-.

Am Anfang habe ich mir noch Mühe gegeben, aber spätestens bei „eine Vriddhi-Bildung“ ist bei mir dann Schluss mit Verstehen. Ganz am Ende wird es zum Glück aber wieder einfacher:

Weitere Herkunft unklar. Die sekundäre Umgestaltung im Deutschen zu -horn, -hörnchen (schon seit spätalthochdeutscher Zeit) hat in neuerer Zeit zu der Ablösung Hörnchen für die ganze Famile dieser Tiere geführt (Flughörnchen usw.).

Das Eichhörnchen hat also ursprünglich nichts mit Eiche und nichts mit Horn oder Hörnchen zu tun. Womit es sonst zu tun hat, weiß ich immer noch nicht: „Weitere Herkunft unklar.“ Frustrierend.

Lustig finde ich allerdings, dass sich der Volksmund so viel Unklarheit nicht gefallen ließ und einfach wie folgt uminterpretierte: Eichhorn = Eiche + Horn. Das führt zum halbwegs deutbaren und entsprechend einfacher zu hantierenden Namen Eichhörnchen und letztlich sogar zur Bezeichnung Hörnchen für eine ganze Tierfamilie. Als Beispiel für ein Phänomen, das man Volksetymologie nennt, ist Eichhörnchen also gar nicht so frustrierend.

Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im oder ins Restaurant essen gehen

Die sogenannten Wechselpräpositionen (Präpositionen, die mit dem Akkusativ und mit dem Dativ stehen können) haben es hin und wieder in sich. Manchmal sogar beim Restaurantbesuch. Was für Deutschlernende schwierig sein kann, ist für Muttersprachige meist problemlos – bis in gewissen Fällen eine einigermaßen einleuchtende Erklärung gefunden werden sollte. Hier wieder einmal ein Fall, in dem es mehr als eine korrekte Formulierung gibt:

Frage

Ich bin auf Zusammensetzung mit dem Verb „gehen“ gestoßen, die mir Schwierigkeiten bereitet. Hier zwei Beispiele, die ich gefunden habe:

essen gehen: Ich würde lieber abends in einem guten Restaurant essen gehen.
baden gehen: Nach der Arbeit gehen wir im See baden.

Meine Frage: Warum „in einem guten Restaurant“ und „im See“ und nicht „in ein gutes Restaurant“ und „in den See“? Für mich verlangt das Verb „gehen“ den Akkusativ und nicht den Dativ. Denkt man vielleicht bei dieser Konstruktion nicht an das Verb „gehen“, sondern an die Verben „essen“ und „baden“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bei Konstruktionen dieser Art sind sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Welcher Fall in Ihren Beispielen steht, hängt davon ab, welche Konstruktion verwendet wird:

a) gehen, um irgendwo etwas zu tun:
Wo esse ich? – Ich esse im Restaurant.
Wo bade ich? – Ich bade im See.

b) irgendwohin gehen, um etwas zu tun
Wohin gehe ich? – Ich gehe ins Restaurant.
Wohin gehe ich? – Ich gehe in den See. (vgl. Bemerkung unten)

Sie haben den Unterschied also richtig erkannt. Im ersten Fall ist die mit in eingeleitete Wortgruppe von essen resp. baden abhängig. Im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Oft sind ohne größeren Bedeutungsunterschied beide Konstruktionen möglich:

a) Ich gehe in einem guten Restaurant essen.
b) Ich gehe in ein gutes Restaurant essen.

a) Wir gehen im See baden
b) Wir gehen in den See baden (meist eher: Wir gehen an den See baden).

Bei der Verwendung des Akkusativs (b) wird mehr betont, dass man sich irgendwohin begibt, um etwas zu tun. Bei der Verwendung des Dativs (a) wird der Ort, an dem etwas getan wird, stärker hervorgehoben. Sie können also – und hier folgt für alle, die es bereits vermisst haben, dás Standardbeispiel – sowohl im Supermarkt als auch in den Supermarkt einkaufen gehen. In beiden Fällen begehen Sie keinen Verstoß gegen die deutsche Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp