Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dort vorn oder dort hinten?

Frage

„Vorn“ und „hinten“, ich frage mich schon seit langer Zeit, was nun eigentlich richtig ist. Zum Beispiel: Man wird am Sonntagmorgen von jemandem nach dem Weg gefragt, der wissen möchte, wo die Kirche in Kirchhausen steht. Glücklicherweise sieht man die Kirchturmspitze schon von weitem, deutet auf sie und sagt:

„Die Kirche sehen Sie dort vorne“ – oder vielleicht „dort hinten“?

Was stimmt? Oder kann man beides sagen ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

man kann sowohl dort vorn als auch dort hinten sagen. Man kann außerdem auch dort drüben oder einfach dort sagen. Die Verwendung von Orts- und Richtungsadverbien ist stark vom sprachlichen Kontext und von der realen Umgebung abhängig. Wenn man auf die Kirche zeigt, lautet eine mehr oder weniger neutrale begleitende Aussage:

Die Kirche sehen Sie dort.
Die Kirche sehen Sie dort drüben.

Wenn vorn oder hinten verwendet wird, können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

Die Kirche sehen Sie dort vorn.
Die Kirche sehen Sie dort hinten.

  • in Fahrt- oder Gehrichtung → dort vorn
  • entgegen der Fahrt- oder Gehrichtung → dort hinten
  • in einem Tal Richtung Talausgang → dort vorn
  • in einem Tal Richtung oberes Talende → dort hinten
  • teilweise oder ganz durch andere Gebäude oder etwas anderes verdeckt → dort hinten
  • In vielen Ortschaften wissen die Leute „einfach“, wo vorn im Dorf und wo hinten im Dorf ist, weil es schließlich immer so war. Dabei können wiederum verschiedene Aspekte die Grundlage für die Unterscheidung sein. (Manchmal sind sich aber die Leute vorn im Dorf und hinten im Dorf nicht darüber einig, welcher Teil des Dorfes vorn und welcher hinten ist.)

Diese Aspekte sind oft nicht allzu klar. Es kann deshalb vorkommen, dass zwei Personen auf der Straße zwar in die gleiche Richtung zeigen, aber nicht die gleiche Wortwahl treffen. Die eine sagt dort vorn, die andere dort drüben. Deshalb ist das Zeigen viel wichtiger als der begleitende Text.

Im Gegensatz zu oben und unten sind vorn und hinten keine festliegenden Größen. In hügeligen und bergigen Gegenden hat man es deshalb meist einfacher: Die Kirche ist entweder dort oben oder dort unten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sätze ohne Verb

Für heute ausnahmsweise einmal eine theoretische Frage:

Frage

Aus meinem privaten Umfeld wurde die Frage an mich herangetragen, ob Sätze notwendigerweise immer ein Verb enthalten müssen.  […] Wie sieht es zum Beispiel mit dem folgenden Beispiel von Frage und Antwort in wörtlicher Rede aus? Frage: „Wie geht es dir?“ – Antwort: „Gut.“  Ist diese elliptische Antwort satzwertig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Begriff Satz wird meist so definiert, dass ein Satz aus einem Verb (Prädikat) und von ihm abhängigen Satzteilen besteht, die nach den Regeln der Syntax zusammengefügt werden. Eine Äußerung ohne Verb ist nach dieser Definition also kein Satz.

Dennoch gibt es eigenständige Äußerungen ohne ein Verb. Die Dudengrammatik zum Beispiel nennt sie „satzwertige Ausdrücke“. Sie können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

1) Interjektionen (Ausrufe) und Anreden gelten als satzwertige Ausdrücke:

au! hallo, Achtung!; Holger!

2) Ellipsen sind Äußerungen, in denen Redeteile weggelassen werden. Sie können als satzwertige Ausdrücke bezeichnet werden, wenn sie allein stehen, obwohl sie kein Verb enthalten. Sie werden aber auch unvollständige Sätze genannt, weil das zugehörige Verb einfach weggelassen wird. Sie unterscheiden sich dadurch von Interjektionen und Anreden, dass ein Verb ergänzt werden kann und dass evtl. vorhandene flektierbare Wörter sich nach diesem weggelassenen Verb richten. Sie stehen in dem Fall, in dem sie auch stehen, wenn das Verb nicht weggelassen wird. Zum Beispiel:

a) Ist es ein großer Schrank? – Ja, ein ganz großer.
b) Willst du einen Kaffe? – Ja, einen ganz großen.
c) Bist du einem Elefanten begegnet? – Ja, einem ganz großen.

Die Form der Wortgruppe ein_ ganz groß_ richtet sich hier danach, ob sie a) Subjekt, b) Akkusativobjekt oder c) Dativobjekt zum weggelassenen Verb ist.

Weitere Beispiele von Ellipsen:

Ganz interessant, dieser Blogeintrag. [Er ist …]
Wer da? [… ist …]
Schönes Wochenende! [Ich wünsche dir ein …]
Ende gut, alles gut. [Ist das …, ist …]

Die Antwort gut auf die Frage Wie geht es dir? ist eine Ellipse (vgl. [Mir geht es] gut) und als solche satzwertig. Man kann sie also als Satz bezeichnen, sollte dann aber der Deutlichkeit halber ergänzen, dass es sich um einen elliptischen oder unvollständigen Satz handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Allerheiligen

Diesmal ein paar Bemerkungen zum heutigen kirchlichen Feiertag. Wie es sich für ein Sprachblog gehört, geht es dabei weder um Besinnliches noch um Religiöses, sondern nur um den Namen des Feiertages: Allerheiligen.

Allerheiligen

Es ist Ihnen bestimmt auch aufgefallen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Der Name Allerheiligen ist eigentlich ein Genitiv. Er ist eine Verkürzung von Allerheiligentag, also Tag aller Heiligen. Am 1. November wird in der katholischen Kirche aller Heiligen, der bekannten und der unbekannten, gedacht. Der auf Allerheiligen folgende Tag trägt einen in gleicher Weise geformten Namen: Allerseelen. Es ist der Tag, an dem der Seelen aller Verstorbenen gedacht wird. (Anfang November ist der Genitiv also keineswegs bedroht!)

Wenig erstaunlich für einen katholischen Feiertag ist, dass der Name lateinischen Ursprungs ist: Sollemnitas Omnium Sanctorum (wörtl. Feierlichkeit aller Heiligen). Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch, dass dieser Feiertag in allen Sprachen, für die ich es einigermaßen kontrollieren konnte, eine wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen ist. Das war zwar zu erwarten, aber ein bisschen mehr Eigensinnigkeit hätte ich mir bei der einen oder anderen Sprache doch erhofft. Bei zum Beispiel Weihnachten, Ostern und Pfingsten haben die verschiedenen Sprachen ja ein bisschen mehr Abwechslung zu bieten. Hier ein paar Beispiele:

Niederländisch: Allerheiligen (nur die Aussprache ist etwas anders als bei uns)
Dänisch: Allehelgensdag
Norwegisch: Allehelgensdag
Schwedisch: Alla helgons dag
Isländisch: Allraheilagramessa

Englisch: All Saints’ Day

Französisch: Toussaint
Italienisch: Ognissanti
Katalanisch: Tots Sants
Spanisch: Día de Todos los Santos
Portugiesisch: Dia de Todos-os-Santos

Polnisch: Wszystkich Świętych
Russisch: Всех святых
Tschechisch: Všech svatých
Kroatisch: Svi Sveti
Serbisch: Сви свети

Griechisch: Agioi Pantes ( Άγιοι Πάντες)

Mit Allerheiligen hat auch einer der schönsten Städtenamen zu tun, die ich kenne. Am 1. November 1501, also an Allerheiligen, „entdeckte“ der Florentiner Amerigo Vespucci für die Portugiesen an der Küste Südamerikas eine große Bucht, die er nach dem Tag der Entdeckung Bahia de Todos os Santos (Allerheiligenbucht) nannte. Knapp fünfzig Jahre später wurde an dieser Bucht eine Kolonie gegründet, die heutige Stadt Salvador da Bahia. Sie heißt mit vollem Namen São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Heiliger Erlöser der Allerheiligenbucht). Für Adressangaben ist dieser Name zwar unpraktisch lang, aber São Salvador da Bahia de Todos os Santos klingt für meine germanischen Ohren einfach viel melodiöser und eindrücklicher als unsere zweisilbigen Namen wie Frankfurt, Leipzig, Salzburg oder Zürich.

Salvador

Den in vorwiegend katholischen Ländern und Kantonen Wohnenden wünsche ich einen schönen Feiertag, und für die anderen gilt: Nur noch ein Tag und dann ist Wochenende!

 

Makrogesteuert, kundenorientiert, sauerstoffarm

Frage

Meine Suche nach der korrekten Rechtschreibung für „makrogesteuert“ ergab keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Ich habe die oben stehende Schreibweise als die richtige angenommen, analog zu zum Beispiel „computerbasiert“. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

das Wort makrogesteuert gehört zu einer Gruppe von Wörtern, die man sehr häufig falsch geschrieben antrifft: Verbindungen von einem Nomen und einem Adjektiv oder adjektivischen Partizip. Sie werden nämlich zusammengeschrieben, wenn das erste Element für einen Wortgruppe steht (Regel).

Ihre Annahme ist also richtig. Mit makrogesteuert ist gemeint durch Makros/ein Makro gesteuert. Hier steht makro-  somit nicht nur für sich allein, sondern für durch Makros oder durch ein Makro. Entsprechend wird zusammengeschrieben:

eine makrogesteuerte Anwendung
Die Datenausgabe ist makrogesteuert.

Nicht richtig also die relativ häufig anzutreffende Getrenntschreibung:

*eine Makro gesteuerte Anwendung
*Die Datenausgabe ist Makro gesteuert.

Weitere Beispiele:

ein abbruchreifes Haus (reif für den Abbruch)
die amerikafreundliche Politik (Amerika freundlich gesinnt)
die comuptergesteuerte Anlage (durch [einen] Computer gesteuert)
die kundenorientierte Beratung (an den Kunden orientiert)
eine sauerstoffarme Umgebung (arm an Sauerstoff)
systembedingte Schwierigkeiten (durch das System bedingt)

All diese Begriffe trifft man häufig in der getrennt geschriebenen Form an, die nach den Rechtschreibregeln nicht korrekt ist.

Dann noch ein Zusatz für den Fall, dass Sie den „verdeutlichenden“ Bindestrich mögen: Er ist hier meiner Meinung nach zwar meistens nicht notwendig, aber man kann ihn benutzen. Achten Sie dann aber darauf, dass ein Substantiv in einer Verbindung mit Bindestrich großgeschrieben werden sollte (Regel). Also zum Beispiel:

eine Makro-gesteuerte Anwendung (nicht: *eine makro-gesteuerte A.)
die Kunden-orientierte Beratung (nicht: *die kunden-orientierte B.)
eine Sauerstoff-arme Umgebung (nicht: *eine sauerstoff-arme U.)

Mir gefallen allerdings die zusammengeschriebenen Formen einfach besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn sich fakultative Kommas häufen

Achtung: Nur für diejenigen, die „Kommapuzzles“ mögen:

Frage

Ich habe eine Frage zur Kommasetzung. Wird in folgenden Sätzen ein Komma gesetzt:

In Essen angekommen fuhren wir gleich zur Uni.
Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im ersten Satz ist das Komma fakultativ:

In Essen angekommen, fuhren wir gleich zur Uni. oder
In Essen angekommen fuhren wir gleich zur Uni.

Die Partizipgruppe in Essen angekommen kann durch ein Komma abgetrennt werden, um die Struktur des Satzes zu verdeutlichen. (Regel)

Beim zweiten Satz ist die Lage etwas komplexer. Nicht weniger als drei der folgenden Varianten sind korrekt. Und welche ist falsch?

a) Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg.
b) Wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen, machte er sich auf den Weg.
c) Wild entschlossen, dem Alltag zu entfliehen machte er sich auf den Weg.
d) Wild entschlossen, dem Alltag zu entfliehen, machte er sich auf den Weg.

Wanderer

Auch hier haben wir es mit fakultativen Kommas zu tun:

Das Komma nach entfliehen schließt eine Partizipgruppe ab (wild entschlossen dem Alltag zu entfliehen). Wie wir oben schon gesehen haben, ist es also fakultativ, das heißt, es kann stehen, muss aber nicht gesetzt werden.

Das Komma nach entschlossen trennt eine Infinitivgruppe ab (dem Alltag zu entfliehen). Auch dieses Komma ist fakultativ. Diese Infinitivgruppe gehört nicht zu denjenigen, die obligatorisch durch Kommas abgetrennt werden. (Regel)

Das Komma nach entschlossen und das Komma nach entfliehen sind also fakultativ. Daraus ergeben sich theoretisch die oben stehenden vier Möglichkeiten. Trotzdem ist die Kommasetzung in einem der Sätze nicht korrekt.

Das liegt daran, dass die Infinitivgruppe dem Alltag entfliehen vorn und hinten abgetrennt werden muss, wenn sie abgetrennt wird. Wenn wir also nach entschlossen ein Komma setzen, muss auch nach entfliehen ein Komma stehen. Es ist das abschließende Komma der Infinitivgruppe. Der Satz c) ist nicht korrekt, weil ihm dieses abschließende Komma fehlt.

Das zweite Komma in Satz d) ist das Komma, das die Infinitivgruppe abschließt. Es könnte gleichzeitig auch das Komma sein, das wie in Satz b) die ganze Partizipgruppe abtrennt. Diese Entscheidung müssen wir aber nicht auch noch treffen: Wenn zwei Kommas aufeinandertreffen, schreibt man immer nur eines.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Als als

Frage

Ich bin über folgende Formulierung gestolpert:

Es könnte nicht anders als als Schulmeisterei verstanden werden.

Müssen beide „als“ in diesem Fall stehen gelassen werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die beiden hintereinanderstehenden als sind richtig. Man kann keines von ihnen weglassen. Das erste als gehört zu einem Vergleich mit anders:

Es könnte nicht anders als so verstanden werden.

Das zweite als leitet eine nähere Erläuterung ein:

– wie verstanden werden?
als Schulmeisterei verstanden werden

Wenn Sie nun im ersten Satz für so die Wortgruppe als Schulmeisterei einfügen, stehen zwei als hintereinander:

Es könnte nicht anders als als Schulmeisterei verstanden werden.

Früher war es üblich, in solchen Fällen das erste als durch denn zu ersetzen:

Es könnte nicht anders denn als Schulmeisterei verstanden werden.

Das klingt heute aber eher altmodisch oder sehr gehoben (vgl. hier).

Für die Grammatik ist als als also kein Problem. Ich möchte aber dennoch dies ergänzen: Davon abgesehen, dass zwei als hintereinander nicht unbedingt wie eine rhetorische Meisterleistung klingen, sind solche Konstruktionen manchmal auch schwierig verständlich. Das zeigt ja auch Ihre Frage.  Es empfiehlt sich deshalb oft, eine andere Formulierung zu erwägen.

Es folgen noch einige Beispiele, die ich ganz schnell und unsystematisch ergoogelt habe:

Fühlt man sich als Frau anders als als Mann?
Egal wo, als Mann muss man beim Friseur weniger zahlen als als Frau.
Sie erregen eher als Ausländer als als Frauen Aufsehen. (Thema: Unterwegs als Frau in Nepal)
Wenn sich Männer als als Männer verkleidete Frauen in die Damensitzung schmuggeln (aus einem Bericht über die Damensitzung eines Karnevalsgesellschaft)

Sehr häufig ist allerdings eines der beiden als tatsächlich eines zu viel:

*Erkranken Männer häufiger als als Frauen?
*Frauen sind dabei drei- bis viermal häufiger betroffen als als Männer.

Ein weiterer Grund, doppeltem als gegenüber eine gewisse Skepsis walten zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sechs Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher kümmerte die Adjektivbeugung wohl wenig

Frage

Wieder taucht ein kleiner Zweifelsfall auf:

Jährlich kommen über 6 Millionen fröhliche/fröhlicher Besucher aus der ganzen Welt zum Oktoberfest.

Ich denke, es handelt sich um die starke Adjektivdeklination, ohne Artikel, Kardinalzahl, also „fröhliche“ (Nominativ Plural). Aber irgendwie klingt „fröhlicher“ auch nicht falsch. Wie komme ich nur darauf?

Oktoberfest

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

möglich sind tatsächlich beide Formulierungen:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher zum Oktoberfest.
Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher zum Oktoberfest.

Das liegt daran, dass das Substantiv Million hier nicht als Zahlwort, sondern als Maßeinheit wie Pfund oder Tonne behandelt wird. Bei Mengenangaben gelten andere Regeln als bei den Kardinalzahlen.

Bei einer Mengenangabe kann das Gemessene als Apposition im gleichen Fall stehen wie die Maßeinheit:

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhliche Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlichen Besuchern

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frische Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlenen Haselnüssen

Das Gemessene kann aber auch im Genitiv stehen (partitiver Genitiv):

Jährlich kommen mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher.
ein Fest mit mehr als 6 Millionen fröhlicher Besucher

Vgl.
Täglich werden 450 Tonnen frischer Fische verkauft.
mit ungefähr drei Pfund gemahlener Haselnüsse

Natürlich ist das Ganze noch ein kleines bisschen komplexer (siehe hier), aber hiermit sollte erklärt sein, weshalb im Beispielsatz oben auch die Form fröhlicher stehen kann.

Wenn Millionen in der Mehrzahl als unbestimmte Mengenangabe verwendet wird, gibt es sogar noch eine weitere Variante: die Präpositionalgruppe mit von (siehe hier):

Jährlich kommen Millionen fröhliche Besucher.
Jährlich kommen Millionen fröhlicher Besucher.
Jährlich kommen Millionen von fröhlichen Besuchern.

Kein Wunder, dass man bei dieser Variantenvielfalt unsicher werden kann! Deshalb gilt: am besten nicht zu viel darüber nachdenken, dann kommt es meistens gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp