Elgernder Mann

Frage

Können Sie mir bitte sagen, was das Wort „elgern“ bzw. „elgernder“ bedeuten soll? Ich finde keine Erklärungen. Das Bild „Elgernder Mann“ ist im Landesmuseum für Kunst und Kunstgeschichte Oldenburg zu sehen. Es zeigt einen in einem Boot stehenden Mann. Dieser hält eine in das Wasser gesenkte Stange. Mit dieser stößt er sich entweder ab oder er stochert damit herum. Das Wort „elgern“ ist die Lösung. Ich kenne dieses Wort aber nicht. Ich habe für Sie das Bild beigefügt.

Erich Heckel, Elgernder Mann, 1910; Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der elgernde Mann stammt aus früheren Zeiten. Elgernde Leute trifft man heute hierzulande nämlich nicht mehr an, jedenfalls nicht solange die entsprechenden Gesetze eingehalten werden. Ein elgernder Mann ist ein Mann, der mit einem Aalstecher, auch Aalgabel genannt, auf Aalfang ist. Elger ist ein altes Wort für ein Fischfanggerät in der Form einer Gabel mit langem Stil. Ein Aal, der sich im schlammigen Untergrund verborgen hatte, wurden damit aufgespießt, wenn der mehr oder weniger aufs Geratewohl herumstochernde Aalfänger Glück bzw. der Aal Pech hatte. Diese Fangmethode ist heute verboten.

Der erste Teil des Wortes Elger kommt von Aal. Der zweite Teil ist das alte germanische Wort Ger für Spieß. Ein Elger ist also wörtlich ein Aalspieß. Das Wort scheint in Vergessenheit zu geraten, denn es kommt in neuen Wörterbüchern nicht mehr vor. Neben an alten Fischfangmethoden und alten Wörtern Interessierten gibt es allerdings noch eine Gruppe von Leuten, denen Elger nicht unbekannt ist: Liebhaber und Liebhaberinnen von Kreuzworträtseln. Während Wahrig, Duden, Pons, Canoonet und Konsorten dieses schöne Wort schmählich negieren, ist es in vielen Kreuzworträtsellexika zu finden. Dank seiner überaus praktischen, weil häufig passenden Buchstabenfolge hat das Wort Elger eine Nische gefunden, in der es noch überlebt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Siehe auch:

Zusammen oder getrennt? Verbindungen mit Partizipien

Frage

Wieder einmal habe ich eine Frage zur Getrennt- bzw. Zusammenschreibung, und zwar geht es um Partizipien:

sich weiterbilden –> die sich Weiterbildenden [nur so]
nicht zutreffen –> das nicht Zutreffende / das Nichtzutreffende

Wieso ist im zweiten Fall […] die Zusammenschreibung möglich, bzw. warum beim ersten Beispiel nicht?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es geht hier um die (mehr oder weniger) bekannten Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung von Verbindungen mit Partizipien. Verhältnismäßig bekannt sind zwei Regeln. Um alles abzudecken, fehlt aber eine dritte Regel.

Die erste Regel, die ich hier nenne, legt fest, dass Verbindungen mit Partizipien zusammengeschrieben werden, wenn das erste Wort der Verbindung für eine Wortgruppe steht:

den Abend füllend – abendfüllend
durch einen Computer gesteuert – computergesteuert
vor dem Wind geschützt – windgeschützt
von selbst klebend – selbstklebend (Regel)

Die zweite Regel sagt, dass Verbindungen mit Partizipien getrennt oder zusammengeschrieben werden können, wenn ihnen eine getrennt geschriebene Verbgruppe zugrunde liegt:

Fleisch fressen – Fleisch fressende / fleischfressende Tiere
getrennt schreiben – getrennt geschriebene / getrenntgeschriebene Wörter
nicht zutreffen – nicht Zutreffendes / Nichtzutreffendes
selbst backen – selbst gebackener / selbstgebackener Kuchen

Wir haben bis jetzt gesehen, wann zusammengeschrieben werden muss und wann zusammen- oder getrennt geschrieben werden kann. Was noch fehlt, ist eine Erklärung dafür, wann man nur getrennt schreiben sollte. Warum schreibt man nicht sichweiterbildende?

Verbindungen mit Partizipien werden nur dann zusammengeschrieben, wenn die Verbindung als Zusammensetzung angesehen wird. Wir empfinden eine Verbindung u. a. dann als Zusammensetzung, wenn bei neutraler Aussprache die Hauptbetonung auf dem ersten Wort liegt. Deshalb ist bei den folgenden Wörtern neben der Getrenntschreibung auch die Zusammenschreibung möglich:

fleischfressend,  getrenntgeschrieben, nichtzutreffend, notleidend, selbstgebacken, obenerwähnt, ratsuchend, vielsagend usw.

Wenn die Hauptbetonung nicht auf dem ersten Element liegt oder, anders gesagt, wenn das an zweiter Stelle stehende Partizip bei neutraler Aussprache** nicht unbetont sein kann, wird getrennt geschrieben. Das ist bei sich weiterbildend der Fall:

die sich Weiterbildenden (nicht: Sichweiterbildenden)
farblich passende Strümpfe (nicht: farblichpassende)
laut telefonierende Mitmenschen (nicht: lauttelefonierende)
unerwartet eingestürzte Brücke (nicht: unerwarteteingestürzte)

Diese in der amtlichen Regelung nicht erwähnte Betonungsregel ist eine Hilfsregel, die Sie eigentlich gar nicht bewusst kennen müssen. Ihr Gefühl sagt Ihnen wahrscheinlich in den meisten Fällen sofort, dass bei Wortgruppen wie sich weiterbildende, farblich passende und unerwartet eingestürzte keine Zusammensetzung vorliegt und deshalb nicht zusammengeschrieben werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich habe lange gezögert, ob ich diese Betonungsregel überhaupt erwähnen soll, denn sie ist nicht unproblematisch. Es gibt nämlich auch die Möglichkeit, kontrastierend zu betonen. Dann liegt die Hauptbetonung auf dem hervorgehobenen Wort:

nicht die leise telefonierenden, sondern die laut telefonierenden Leute

Diese Art der Betonung bewirkt keine Zusammenschreibung. Deshalb steht oben die Bedingung „bei neutraler Aussprache“.

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen, und das mit und ohne „zu“

Liebhaber und Liebhaberinnen einer einzigen korrekte Formulierung ist das folgende Thema wohl eher ein Gräuel. Wer Variantenvielfalt mag, lese weiter und freue sich!

Frage

Ich bin etwas unsicher bei manchen Infinitivkonstruktionen, wenn sie ohne „zu“ stehen. Zum Beispiel:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Ist dieser Satz als mögliche Verkürzung von „Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen“ zulässig oder ist das „zu“ obligatorisch?

Antwort

Sehr geehrter Herr U.,

der Satz kann ohne zu formuliert werden:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Die erste Infinitivkonstruktion ist das Subjekt des Satzes: Wer oder was hilf die Umwelt zu schonen? Wenn eine Infinitivkonstruktion die Funktion des Subjekts hat, kann sie mit oder ohne zu stehen:

Dich zu verstehen ist nicht immer einfach.
Dich verstehen ist nicht immer einfach.

Somit auch:

Wasser zu sparen hilft …
Wasser sparen hilft …

Je länger und komplexer die Infinitivkonstruktion ist, desto üblicher ist es übrigens, zu zu verwenden. (Siehe diese Grammatikseite ganz unten. Dort finden Sie auch Angaben zum dem, was nun folgt).

Die zweite Infinitivkonstruktion ist von helfen abhängig. Wenn der Infinitiv allein steht, steht er ohne zu:

Er hilft mir abwaschen.

Eine erweiterte Infinitivgruppe steht bei helfen meistens mit zu, sie kann aber auch ohne zu verwendet werden:

Er hilft mir[,] das Geschirr abzuwaschen.
Er hilft mir das Geschirr abwaschen.

Die zweite Infinitivkonstruktion in Ihrem Beispiel steht somit eher mit zu, sie kann aber auch ohne zu stehen:

… hilft Wasser zu sparen.
… hilft Wasser sparen.

Beide Infinitivgruppen können also mit oder ohne zu stehen. Daraus ergeben sich alles in allem vier mögliche Formulierungen:

Wasser zu sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser sparen hilft die Umwelt zu schonen.
Wasser zu sparen hilft die Umwelt schonen.

und eben auch:

Wasser sparen hilft die Umwelt schonen.

Genau genommen gibt es orthografisch sogar noch mehr Möglichkeiten. Die „zu-lose“ Infinitivgruppe Wasser sparen kann nämlich auch als Substantivierung aufgefasst und zusammengeschrieben werden (das Wassersparen):

Wassersparen hilft die Umwelt [zu] schonen.

Weiter können die Infinitivgruppen mit zu fakultativ durch ein Komma abgetrennt werden (Regel). Ich erspare aber Ihnen und nicht zuletzt auch mir die Aufzählung der dadurch entstehenden möglichen Schreibvarianten. Die Variantenvielfalt ist jetzt schon groß genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Alpenstock, ein Anglizismus deutscher Herkunft?

Frage

[…] Mit „Alpenstock“ ist es auch geheimnisvoll. Ist das ein Archaismus? Warum steht das Wort in keinem Wörterbuch der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts? Längst aus dem Gebrauch gekommen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich über diese Fragen aufklären könnten.

Antwort

Das Wort Alpenstock kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf, also ungefähr zur der Zeit, als die Engländer den Tourismus in größerem Stil in die Alpen brachten. In dieser Epoche erlebte es auch seine Blütezeit. Danach wurde es schnell durch das zur gleichen Zeit aufkommende Wort Bergstock überflügelt und fast verdrängt. Aber eben nur fast (siehe ungefähre Häufigkeit von Alpenstock und Bergstock). Ich weiß deshalb nicht, ob man Alpenstock als Archaismus bezeichnen darf. Ich komme nicht oft genug in die Berge – und dann immer ohne Stock –, so dass ich auch nicht aus eigener Erfahrung sagen kann, ob man zwischen Matterhorn, Zugspitze und Großglockner neben Bergstöcken nicht auch hin und wieder Alpenstöcke bei sich hat. In den Wörterbüchern kommt jedenfalls nur Bergstock vor.

Anders sieht es im Englischen aus. Dort wird der Gebirgswanderstock nämlich alpenstock genannt (siehe z. B. hier und hier). Alpenstock gehört zu den deutschen Wörtern, die dank englischer Touristen und Touristinnen ihren Weg aus den Alpen in die englische Sprache gefunden haben. Andere Beispiele sind rucksack und (im britischen Englisch) to abseil und abseiling. Man kann also sagen, dass das englische alpenstock mit Bergstock auf Deutsch übersetzt werden sollte. Es ist allerdings gut möglich, dass Alpenstock heute dank international operierender Hersteller und Verkäufer von Sportgeräten wieder häufiger im Deutschen auftaucht. Alpenstock ist dann ein Anglizismus der ganz besonderen Art!

(Für die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 reicht es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Vorauswahl ist bereits abgeschlossen, das Wort war im Jahr 2012 weder in irgendeiner Weise aktuell noch wurde es häufig gebraucht, und es ist letztlich wohl doch viel zu deutsch für einen „echten“ Anglizismus.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

0,1 und die rätselhafte Mehrzahl

Frage

Heißt es „Wir haben 0,1 Sekunde Zeit“ oder „Wir haben 0,1 Sekunden Zeit“?

Antwort

Sehr geehrter Herr Q.,

nach 0,1 und 0,01 steht die Maßbezeichnung erstaunlicherweise im Plural:

in 0,1 Sekunden
mit 0,01 Sekunden Rückstand

Dies gilt allerdings nur für Maßbezeichnungen, die auch nach anderen Zahlenangaben wie 2, 10 oder 843 im Plural stehen. Das sind in der Regel die weiblichen Maßbezeichnungen (siehe hier):

in 0,1 Sekunden wie in 2 Sekunden
0,1 Meilen wie 10 Meilen

Bei männlichen und sächlichen Maßbezeichnungen hingegen steht die Singularform (vgl. hier):

0,1 Kilo wie 2 Kilo
0,01 Euro wie 10 Euro

Unabhängig vom Genus der Maßbezeichnung werden Angaben mit 0,1 und 0,01 im Satz als Mehrzahl behandelt:

0,1 Gramm müssen hinzugefügt werden.
0,01 Sekunden sind einfach zu kurz!

Bei 0,2 verstehe ich die Mehrzahl ja sofort. Bei 0,1 bleibt sie für mich eher rätselhaft. Falls hier eine mathematische oder andere Logik dahintersteckt, ist sie mir bis jetzt entgangen. Aber so schreiben wir es nun einmal. In der gesprochenen Sprache kommt null Komma eins ja eher selten vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Kaiserliche am Sherry

Beim Wort Sherry denke ich unwillkürlich an das Klischeebild gelangweilter Damen, die sich dem spätnachmittäglichen Alkoholgenuss hingeben, und natürlich an Miss Sophie, die in „Dinner for One“ Sherry zur Suppe servieren lässt. Ich bin kein großer Sherryliebhaber. Mir schmeckt vor allem die Fino genannte Variante, und das eigentlich nur auf einer andalusischen Terrasse zu den Tapas. Leider bin ich nicht allzu oft in Andalusien, bis jetzt genau ein Mal vor ungefähr zehn Jahren. Ich bin also alles andere als ein Sherrykenner, und wenn Sie önologische oder feinschmeckerische Betrachtungen zum Thema Sherry erwarten, muss ich Sie enttäuschen.

Wenn es nicht um den Geschmack geht, was ist dann kaiserlich am Sherry? Auf einem Kalenderblatt habe ich gelesen, wo die Bezeichnung Sherry herkommt. Der Wein verdankt seinen Namen der spanischen Stadt Jerez, die früher Xeres geschrieben wurde. Als die Engländer den Wein und den Namen im 16. Jahrhundert aus Andalusien auf ihre Insel mitnahmen, wurde das X noch als sch-Laut ausgesprochen. Der Name Xeres wiederum geht auf den arabischen Namen Sherish zurück. Andalusien stand ja jahrhundertelang unter maurischer Herrschaft. Die Weinproduktion lag übrigens auch in dieser Zeit nicht still. Die muslimischen Herrscher durften zwar keinen Alkohol trinken, aber wirtschaftlich war der Weinanbau dennoch interessant. Beim Geldverdienen wurde und wird zu allen Zeiten ein Auge zugedrückt.

Und nun kommen wir dann endlich zum Kaiserlichen: Gemäß dem Kalenderblatt und einigen etymologischen Wörterbüchern geht Sherish auf den lateinischen Namen (urb) Caesaris, Stadt des Cäsars, zurück. Wie Sie vielleicht wissen, kommt auch unser Wort Kaiser vom lateinischen Caesar. Und schon sieht man, dass der Sherry wortgeschichtlich gesehen ein wahrlich kaiserliches Getränk ist.

(Andere Quellen sagen allerdings, dass Sherish auf einen alten, evtl. phönizischen Namen Xera zurückgeht, den die Region schon in der Zeit vor den Römern trug.)

Interessant ist vielleicht noch, wo der Konsonant am Ende des Wortes geblieben ist. Die Engländer nannten den Wein aus Xeres anfänglich Sherris. Da dieses Wort als Mehrzahl angesehen wurde, verschwand das s am Wortende allmählich. Wir haben hier also wieder einmal einen kleinen Beweis dafür, dass der heutige Standard auf die Fehler unserer Vorfahren zurückgeht. Diese Erkenntnis verdiente es, mit einem Gläschen Sherry begossen zu werden, aber dafür ist es vor dem Mittagessen für mich noch etwas zu früh.

www am Satzanfang

Frage

Schreibt man die Abkürzung www am Satzanfang groß? Www.irgendwas.de sieht schon komisch aus.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

am Satzanfang sollte ein Großbuchstabe stehen. Wenn ich entsprechend am Satzanfang Www.canoonet.eu schreibe, sieht das aber tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftig aus:

Www.canoonet.eu ist die Adresse unserer Website.

Eine mögliche Lösung wäre, die Großbuchstabenregel außer Acht zu lassen und am Satzanfang ausnahmsweise einmal kleinzuschreiben. Das verdient aber auch keine Nominierung für den Nobelpreis für Rechtschreibung. Es sieht nämlich mindestens ebenso gewöhnungsbedürftig aus:

www.canoonet.eu ist die Adresse unserer Website.

Ich empfehle Ihnen deshalb die Ausweichroute: Stellen Sie nie eine Webadresse an den Satzanfang! Am besten formulieren Sie um. Das ist meistens recht einfach möglich. Zum Beispiel:

Die Adresse www.canoonet.eu gehört zu unserer Website.
Unsere Website hat die Adresse www.canoonet.eu.
Unter www.canoonet.eu erreichen Sie Canoonet.

Wenn eine Internetadresse allein auf einer Zeile steht oder nicht in einen Satz integriert ist, kann sie allerdings mit kleinem Anfangsbuchstaben stehen:

Canoonet erreichen Sie unter
www.canoonet.eu

Webadresse: www.canoonet.eu

Im Allgemeinen gilt, dass Abkürzungen, die für mehr als ein Wort stehen, nicht am Satzanfang erscheinen sollten. Man schreibt sie am Satzanfang wenn möglich aus (was allerdings bei einer Webadresse nicht sehr sinnvoll wäre) oder verschiebt sie ins Satzinnere:

nicht: Z. B. Tom und Anna sind beliebte Namen.
sondern: Zum Beispiel Tom und Anna sind beliebte Namen.
oder: Beliebte Namen sind z. B. Tom und Anna.
nicht: I. d. R. werden mehrteilige Abkürzungen am Satzanfang ausgeschrieben.
sondern: In der Regel werden mehrteilige Abkürzungen am Satzanfang ausgeschrieben.
oder: Mehrteilige Abkürzungen werden am Satzanfang i. d. R. ausgeschrieben.
nicht: M. f. G.
sondern besser:

Mit freundlichen Grüßen

Dr. [sic] Bopp

Kongruenz des Verbs bei Gleichsetzungsnominativen

Wenn eine Frage schnell zu beantworten ist, soll wenigstens der Titel eindrücklich klingen – und die Einleitung etwas länger sein:

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation auch: Eine Schülerin, ein Schüler oder eine fremdsprachige Person, die sich vorgenommen hat, die Tücken der deutschen Sprache zu meistern, stellt Ihnen die Frage: „Heißt es so oder so?“ Mit etwas Glück handelt es sich nicht um einen dieser leidigen Zweifelsfälle und ist die Frage ganz einfach mit „Es heißt so“ beantwortet. Sie lehnen sich also gemächlich zurück, zufrieden, die gute Tat für den heutigen Tag vollbracht zu haben. Und dann kommt sie, die zweite Frage: „Warum heißt es so, wie lautet die Regel?“ Man kann diese Frage niemandem wirklich übel nehmen, denn Regelkenntnis kann beim Erlernen einer Sprache hilfreich sein. Trotzdem wäre es Ihnen viel lieber gewesen, wenn die Frage nicht gestellt worden wäre. Der Grund: Sie haben keine blasse Ahnung, warum es so heißt.

In dieser Situation war Frau E. und in diese Situation hat sie mich mit der hierher weitergeleiteten Frage gebracht. Ich wende mich in solchen Fällen natürlich vertrauensvoll an die Canoonet-Grammatik. Auch diesmal bin ich fündig geworden!

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Satz:

Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Ich bin ziemlich sicher, dass das Verb hier völlig korrekt im Plural steht. Aber warum? Eigentlich müsste es doch heißen „Das Thema ist …“, aber eben, die Emissionen sind ja Plural. Können Sie mir eine Regel nennen, die ich dazu im Unterricht gegebenenfalls zitieren könnte?

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

es handelt sich hier um einen Satz mit einem sogenannten Gleichsetzungsnominativ. Bei dieser Konstruktion werden zwei Nominative über Verben wie sein, bleiben und werden miteinander verbunden

A ist/bleibt/wird B.

Wenn die beiden so verbundenen Substantive den gleichen Numerus haben, ist die Lage ganz einfach:

Das Kind ist eine Nervensäge.
Die Kinder sind Nervensägen.

Wie lautet nun die „Regel“ für den Fall, der Sie beschäftig? – Ganz einfach: Wenn die beiden Nominative nicht den gleichen Numerus haben, steht das Verb im Plural, ganz gleich in welcher Reihenfolge die Substantive stehen:

Die Kinder sind ihre größte Freude.
Ihre größte Freude sind die Kinder.
Stiefel bleiben auch diesen Winter ein Muss.
Das Thema der Grafik sind die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite (ganz unten):

Zufrieden mit dieser Antwort lehnt „Dr. Bopp“ sich zurück. Es soll nun niemand wagen, die Frage zu stellen, warum hier der Plural gewinnt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine 400 km lange Skipiste – oder doch nicht?

Frage Ist in folgenden und ähnlichen Fällen jeweils auch der Plural möglich?
Mit 400 Kilometern Piste(n) sind wir das grösste Skigebiet der Schweiz. Auf 20 Kilometern Trail(s) kommen Biker in den Genuss zahlreicher …
Antwort Sehr geehrter Herr F., der Plural ist hier auch richtig. Theoretisch kann man einen Unterschied zwischen den beiden Formulierungen sehen:
a) mit 400 km Piste = 1) mit einer 400 km lange Piste
b) mit 400 km Pisten = 2) mit Pisten in einer Gesamtlänge von 400 km
a) auf 20 km Trail = 1) auf einem 20 km langen Trail
b) auf 20 km Trails = 2) auf Trails in einer Gesamtlänge von 20 km
Ich würde aber nicht mein Taschengeld darauf verwetten, dass diese theoretische Unterscheidung in der Sprachpraxis eingehalten wird. Mit b) ist immer 2) gemeint. 400 km Pisten sind immer mehrere Pisten, die insgesamt 400 km lang sind. Mit a) hingegen wird wahrscheinlich häufiger ebenfalls 2), also nicht immer nur 1) ausgedrückt. Das ist meist unproblematisch: Ob eine Angabe wie 400 km Piste sich auf eine oder mehrere Pisten bezieht, ergibt sich oft aus dem Kontext. So findet man zum Beispiel in keinem Skigebiet der Schweiz (und auch nicht anderswo) eine vierhundert Kilometer lange Skipiste. Dafür sind die Berge nicht hoch und die Ausdauer der Skifahrer nicht groß genug. Falls Sie sich nicht nur schreibend mit Skipisten beschäftigen, sondern sich auch wirklich auf die Skis wagen wollen, wünsche ich Ihnen viel Wintersportvergnügen. Schneemangel soll ja zurzeit kein Problem sein. Mit freundlichen Grüßen Dr. Bopp

Das Fugenelement in der Bank[en]sprache

Es geht hier weniger um die Bankensprache oder Banksprache an sich als um das Fugenelement en in Zusammensetzungen mit Bank-:

Frage

Ich habe eine Frage zu Komposita mit dem Bestimmungswort Bank. Es gibt einerseits Komposita wie z. B. Bankgeheimnis, Bankkonto und Banknote, die allesamt im Duden aufgeführt sind und die ich auch so schreiben würde.

Daneben gibt es aber eine Reihe von Komposita, bei denen ich unsicher bin: Heißt es Bankensektor oder Banksektor? Bankenwesen oder Bankwesen? Banksprache oder Bankensprache? Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft? Interbankzahlungen oder Interbankenzahlungen? Interbankkredite oder Interbankenkredite?

Ich vermute, dass in diesen Fällen beide Varianten möglich sind. Sind Ihnen dazu Tendenzen bekannt?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Faustregel für Fugenelemente in Zusammensetzungen sagt, dass man bei neuen Zusammensetzungen gleich vorgehen sollte wie bei bestehenden Zusammensetzungen mit dem gleichen Bestimmungswort. Neue Zusammensetzungen mit dem Bestimmungswort Bank sollten demnach gleich gebildet werden, wie bestehende Komposita mit Bank an erster Stelle.

Diese „Regel“ führt im Fall von Bank zu einem kleineren Problem: Es gibt gefestigte Komposita ohne Fugenelement (Bankkonto, Bankgeheimnis), aber auch Komposita mit dem Fugenelement en (Bankenaufsicht, Bankenviertel). Mehr als die genannte Faustregel steht uns aber nicht zur Verfügung. Grammatisch gesehen sind also jeweils beide Bildungen korrekt. Nur der allgemeint Gebrauch kann mit der Zeit bestimmen, was in den Wörterbüchern aufgenommen wird.

Ein mit der üblichen Vorsicht zu genießender Blick ins Internet zeigt, dass bei all Ihren Beispielen beide Formen vorkommen – oft allerdings in unterschiedlicher Häufigkeit.

  • Bankensektor häufiger als Banksektor
  • Bankwesen viel häufiger als Bankenwesen
  • Banksprache häufiger als Bankensprache
  • Keine deutliche Tendenz scheint es bei Interbank- vs Interbanken- zu geben.

Wie Sie richtig vermutet haben, dürfen also immer beide Varianten als korrekt angesehen werden. Sie können sich bei Ihrer Wahl nach der Häufigkeit, aber auch nach Ihrem eigenen Sprachempfinden richten. Wichtig ist höchstens, innerhalb eines Textes oder einer Textsorte (oder einer Firmenterminologie) möglichst konsequent immer zum Beispiel Interbankengeschäft oder Interbankgeschäft zu verwenden. Wären doch alle Bank[en]probleme so einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp