Was ist/sind der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Wer auf eine Frage zum Prozentrechnen hofft, wird enttäuscht sein. Es geht um Grammatik:

Frage

Wie heißt es richtig:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.

oder:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die kurze Antwort lautet: Beide Formulierungen sind vertretbar. Die grammatische Begründung (oder der Versuch dazu) fällt etwas länger aus:

Man kann den Satz als einen Gleichsetzungssatz interpretieren, in dem das Fragepronomen was über das Verb sein mit einem weiteren Satzteil im Nominativ verbunden ist. Wenn dieser zweite Nominativ im Plural steht, steht das Verb auch im Plural:

Was sind Gleichsetzungssätze?
Was sind deine Pläne?

Das gilt im Prinzip auch bei einer mehrteiligen Wortgruppe, deren Teile durch und  verbunden sind, denn sie ist ja auch pluralisch:

Was sind der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was sind hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Soweit eine grammatisch gut vertretbare Erklärung.

Es gibt aber ein kleines Problem: In der Sprachrealität kommen hier bei mehrteiligen Wortgruppen sehr häufig Formulierungen vor, bei denen das Verb im Singular steht:

Was ist der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Obwohl diese Formulierungen nach der oben stehenden Erklärung nicht richtig sind, klingen sie auch in meinen Ohren gar nicht so falsch. Das liegt daran, dass man diese Konstruktion auch anders interpretieren kann: nicht als einen einzigen Satz mit einer mehrteiligen Nominativgruppe, sondern als mehrere zusammengezogene Teilsätze mit jeweils einem Nominativ im Singular. Bei dieser Interpretation steht das Verb einmal im Singular und wird in den anderen Teilsätzen „einfach“ weggelassen:

Was ist der Vorteil und [was ist] der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, [was ist hier] der Prozentwert und [was ist hier] die Prozentzahl?

Beide Formulierungen sind also vertretbar, weil man von

  1. einem einzigen Satz
  2. mehreren zusammengezogenen Teilsätzen

sprechen kann.

In Ihrem Satz kommt „komplizierend“ hinzu, dass es sich um einen einzelnen Nebensatz bzw. um drei zusammengezogene Nebensätze handelt. Das wirkt sich u. a. auf die Stellung des Verbs aus:

  1. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.
  2. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.
    (vgl.: Gib an, was hier der Grundwert [ist], [was hier] der Prozentwert [ist] und [was hier] die Prozentzahl ist.)

Es gäbe noch zwei, drei weitere Aspekte zu erwähnen, aber im Allgemeinen scheint der Singular für das Verb bei Formulierungen dieser Art häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Fall nach „das heißt“ und „das ist“

Frage

Ich zerbreche mir seit einiger Zeit den Kopf an der Frage, welcher Kasus nach „d. i.“ („das ist“ im Sinne von „das heißt“) steht. Mir scheint, dass grundsätzlich Kongruenz gefordert ist:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. [mit] einem guten Tänzer, auf den Ball.

Man findet aber auch den Nominativ:

Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. ein Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

In diesen Fällen fungiert das mit „d. i.“ Angeschlossene als Definition oder Erläuterung. Ist hier der Nominativ legitim, und wenn ja, handelt es sich um einen Gleichsetzungsnominativ? […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

bei „d. h.“ bzw. „das heißt“ ist die Lage recht einfach: Eine unmittelbar folgende Nominalgruppe steht im gleichen Fall wie das Nomen, auf das sie sich bezieht (= Kasuskongruenz):

Ich gehe mit meinem Mann, d. h. einem guten Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. h. einen Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Bei „d. i.“ bzw. „das ist“ ist die Lage weniger eindeutig. Hier kommen sowohl die Kasuskongruenz als auch der Nominativ vor. Das liegt daran, dass „d. i.“ als feste Wendung synonym zu „d. h.“ verwendet werden kann (→ Kasuskongruenz), dass es aber häufiger auch wörtlich als „das ist“ verstanden wird (→ Gleichsetzungsnominativ):

Kasuskongruenz:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. einem guten Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. einen Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Gleichsetzungsnominativ:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. ein guter Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. ein Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Welche Variante man nach „d. i.“ wählt, hängt u. a. davon ab, wie gut die wörtliche Bedeutung „das ist“ stilistisch in den Satz passt. Bei komplexeren Sätzen, kann die Kasuskongruenz auch helfen, zu verdeutlichen, worauf sich das nach „d. i.“ Folgende bezieht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wer von den Enkelinnen?“, „Welche von den Enkelinnen?“ und „Welche der Enkelinnen?“

Frage

Ich habe folgende Frage: Eine Großmutter hat vier Enkelinnen. Sie weiß nicht …

a) wer von ihnen ihr Haus erben soll.
b) wer von den vier Enkelinnen ihr Haus erben soll.
c) wer der vier Enkelinnen ihr Haus erben soll.
d) welche von ihnen ihr Haus erben soll.
e) welche von den vier Enkelinnen das Haus erben soll.
f) welche der vier Enkelinnen das Haus erben soll.

Welche Sätze sind grammatikalisch richtig oder falsch?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

von den sechs Varianten, die Sie aufzählen, ist standardsprachlich nur eine nicht üblich. Sie sagen besser nicht:

*wer der vier Enkelinnen (c)

Nach dem Fragepronomen wer wird in der Regel mit von angeschlossen:

wer von ihnen (a)
wer von den vier Enkelinnen (b)

Nach welche hingegen kann sowohl mit von als auch mit dem Genitiv angeschlossen werden, wenn ein Artikelwort steht. Manche halten hier den Genitiv für stilistisch besser:

welche von den vier Enkelinnen (e)
welche der vier Enkelinnen (f)

Auch nach welche kann nur mit von angeschlossen werden, wenn ein Pronomen folgt:

welche von ihnen (d)

Es gibt hier also verschiedene Möglichkeiten, die alle gut vertretbar sind. Nur wer mit dem Genitiv ist nicht üblich. Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, muss ich Ihnen leider schuldig bleiben. Ergänzend sei aber gesagt, dass auch nach was, etwas, irgendwer, jemand, niemand, nichts, ein bisschen und ein wenig in der Regel mit von und nicht mit dem Genitiv angeschlossen wird:

Was von diesen Dingen brauchst du noch?
Jemand/Niemand von den Nachbarn hat die Katze gesehen.
Ich möchte nichts/etwas/ein wenig von diesem Kuchen.

Siehe auch diese Seite in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Und wieder einmal zweimal em:
»aus gehobenem bürgerlichem/bürgerlichen Elternaus«

Eine immer wiederkehrende Frage in praktisch allen deutschen Grammatikrubriken ist die Frage nach dem doppelten em bei aufeinanderfolgenden Adjektiven. Es ist also gut möglich, dass Sie das Thema bereits kennen. Auch in diesem Blog waren die Parallel- und die Wechselflexion schon 2014 (zweimal -em) und 2010 (dreimal em) ein Thema. Deshalb folgt auf die Antwort an Frau E. eine etwas ausführlichere Erklärung.

Frage

Immer wieder begegnet mir der Fall, dass zwei Adjektive vor einem Substantiv im Dativ unterschiedliche Endungen haben, zum Beispiel:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Nach meinem Empfinden müsste es heißen:

Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.

Liege ich da richtig?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

hier gelten beide Formulierungen als korrekt. Nach einem Adjektiv mit der starken Dativendung em kann ein folgendes Adjektiv a) ebenfalls stark mit em gebeugt werden oder b) die schwache Dativendung en haben:

a) Sie kam aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus.
b) Sie kam aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus.

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Erläuterung

Zwei (oder mehr) aufeinanderfolgende Adjektive werden grundsätzlich gleich gebeugt:

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot

bei gleicher durchschnittlicher Arbeitszeit
bei der gleichen durchschnittlichen Arbeitszeit

grüne, schleimige Frösche
die grünen, schleimigen Frösche

ein neues, originelles und alle überzeugendes Konzept
das neue, originelle und alle überzeugende Konzept

Das gilt auch für die starke Endung em:

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
nach langem, peinlichem Schweigen
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der Endung em kommt es aber auch häufig vor, dass das zweite Adjektiv die schwache Endung en erhält:

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Früher war das sogar „zwingend“ so: In älteren Grammatiken (zum Beispiel in der Duden-Grammatik von 1935, S. 205-206) stand eine Regel, nach der das zweite Adjektiv schwach gebeugt wird, wenn es mit dem Substantiv eine begriffliche Einheit bildet, die durch das erste Adjektiv näher bestimmt wird. Nach dieser Regel wird das zweite Adjektiv stark gebeugt, wenn die beiden Adjektive das Substantiv in gleicher Weise bestimmen. Letzteres erkennt man daran, dass ein Komma oder ein und zwischen den beiden Adjektiven stehen kann.

Heute sieht es anders aus: Schon 1984 schrieb die Dudengrammatik (S. 284) zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

In heutigen Texten kommen sowohl die parallele Beugung (em + em) als auch die Wechselflexion (em + en) häufig vor, ohne dass sich dabei ein einheitlicher Bedeutungsunterschied feststellen ließe. Nur wenn zwischen den Adjektiven ein Komma oder und steht, kommt die parallele Flexion deutlich häufiger vor.

Schlussfolgerung

Zwei oder mehr aufeinanderfolgende Adjektive können immer gleich gebeugt werden.

bei gleichem durchschnittlichem Ertrag
aus gehobenem bürgerlichem Elternhaus

Bei der männlichen und sächlichen Dativendung em kann ein zweites (und weiteres) Adjektiv auch die schwache Endung en annehmen.

bei gleichem durchschnittlichen Ertrag
aus gehobenem bürgerlichen Elternhaus

Steht zwischen den Adjektiven ein Komma oder und, ist die parallele Beugung viel üblicher.

bei schönem und warmem Wetter
aus reichem, bürgerlichem Elternhaus

Kurzum, zweimal em ist immer gut, aber einmal em und einmal en geht meistens auch.

So viel für heute zu diesem Thema. Wer weiß, ob es nicht in ein paar Jährchen wieder einmal aufgenommen werden wird …

Behängt und behangen, verhängt und verhangen

Frage

Die Erklärung in meinem Grammatikbuch zu „hängen“ ist meiner Meinung nach nicht  vollständig: Es müsse „hing, gehangen“ heißen, wenn KEINE Ergänzung im Akkusativ vorliege. Liege eine Ergänzung im Akkusativ vor, so müsse es „hängte, gehängt“ heißen.

Das Problem ist, dass es Satzkonstruktionen gibt, bei denen weder ein Dativ- noch ein Akkusativobjekt in Erscheinung tritt, so dass man dann anhand dieser Regelung keine Entscheidung treffen kann:

Der Himmel war wolkenverhangen.
Er hat eingehängt (Telefon).
Der Baum war mit Kugeln behängt.
…, so muss ein -n angehängt werden.

Wie kann man hier die Verwendung der jeweiligen Form begründen bzw. erklären? […]

Antwort

Guten Tag Herr G.,

die Erklärung aus dem Grammatikbuch ist so, wie Sie sie zitieren, vielleicht etwas zu einfach formuliert. Es geht hier nicht so sehr darum, ob im Satz ein Akkusativobjekt vorhanden ist, als darum, ob das Verb transitiv ist. Transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt fordern. Wo ist dann aber der Gegensatz, den ich soeben erwähnt habe? Auf den ersten Blick macht es keinen Unterschied, ob ein Akkusativobjekt vorhanden ist oder ob das Verb transitiv ist. Ganz so einfach ist es aber nicht immer.

Die schwachen Formen hängte, gehängt stehen beim transitiven Verb hängen (resp. anhängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen …), also beim hängen, das ein Akkusativobjekt fordert:

Wir hängten das Bild an die Wand.
Wir hängten ein n an. [Das Akkusativobjekt ist hier „ein n“]
Er hat den Hörer eingehängt.
Sie behängten den Baum mit Kugeln.
Sie haben die Fenster (mit Tüchern) verhängt.

Und nun kommen wir zum oben erwähnten Unterschied. Beim transitiven Verb einhängen kann das Akkusativobjekt den Hörer auch weggelassen werden. Das Akkusativobjekt ist dann nicht mehr vorhanden, einhängen ist aber immer noch ein transitives Verb:

Er hat eingehängt.

Auch wenn wir die Sätze ins Passiv umwandeln, gibt es kein Akkusativobjekt mehr, denn es wird im Passiv ja zum Subjekt:

Das Bild wurde an die Wand gehängt.
Ein n wurde angehängt.
Der Hörer wurde eingehängt.
Der Baum wurde mit Kugeln behängt.
Die Fenster wurden mit Tüchern verhängt.

Das gilt auch für das sein-Passiv (soweit es möglich/sinnvoll ist):

Der Hörer ist eingehängt.
Der Baum war mit Kugeln behängt.
Die Fenster waren mit Tüchern verhängt.

Die schwachen Formen gehören also zu den transitiven Verben hängen, aufhängen, einhängen, behängen, verhängen usw.

Und nun wird es noch etwas komplizierter: Das Partizip Perfekt von behängen und verhängen wird auch in Sätzen verwendet, die wie ein sein-Passiv aussehen, die aber nicht in ein Aktiv umgewandelt werden können. Dann verwendet man in der Regel die starken Formen behangen und verhangen:

Der Baum war mit Früchten behangen.
mit Schnee behangene Zweige
Der Himmel ist mit Wolken verhangen (o. wolkenverhangen)
Der Keller war mit Spinnweben verhangen.

Etwas ist behängt oder verhängt, wenn ein Subjekt es aktiv behängt oder verhängt hat. Etwas ist behangen oder verhangen, wenn kein aktives Subjekt es behängt oder verhängt hat. Niemand hat den Baum mit Früchten behängt. Der Himmel wurde von niemandem mit Wolken verhängt und die Spinnen haben die Netz nicht gewebt, um den Keller damit zu verhängen (sondern um Beutetiere zu fangen).

So weit die Theorie. Die Unterscheidung zwischen den starken und schwachen Partizipien von behängen und verhängen wird in der Sprachpraxis nicht immer so eingehalten. Es ist auch schwierig, so schnell genau zu unterscheiden zwischen zum Beispiel mit Fähnchen behängten und mit Äpfeln behangenen Bäumen oder mit Tüchern verhängten und mit Efeu verhangenen Fenstern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich auf, für oder zu etwas committen

Frage

Heißt es „sich auf etwas committen“ oder „sich zu etwas committen“? Ist beides möglich im Sinne von „sich auf etwas verständigen“ bzw. „sich zu etwas bekennen“?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

nach zum Beispiel DWDS und PONS heißt es „sich zu etwas committen“. Das stimmt mit der Präposition überein, die auch bei den deutschen Entsprechungen „sich zu etwas verpflichten“ und „sich zu etwas bekennen“ steht. Verben aus anderen Sprachen übernehmen häufig die Konstruktion eines deutschen Verbs mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung. Das „zu“ kann aber auch eine direkte Übersetzung des „to“ im englischen „to commit to something“ sein.

In der freien Sprachwildbahn kommen allerdings auch die Formulierungen „sich auf etwas committen“ und „sich für etwas committen“ vor, dies vielleicht unter dem Einfluss von deutschen Konstruktionen wie „sich auf etwas festlegen“ bzw. „sich (bedingungslos) für etwas einsetzen“.

Der Gebrauch von „sich committen“ hat sich offensichtlich im Deutschen noch nicht stabilisiert. Das gilt nicht nur für die Präposition, mit der das Verb verwendet wird, sondern auch für seine Bedeutung. Nicht alle verwenden „sich committen“ mit der gleichen Bedeutung. Das kann einen Einfluss auf die Wahl der Präposition haben. Wirklich falsch ist also keine der Präpositionen. Wenn ich dieses Verb überhaupt verwenden würde*, wählte ich „sich zu etwas committen“, weil für mich „sich committen“ am nächsten bei „sich verpflichten“ steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ich dieses Verb je verwenden werde, aber ausschließen kann ich es natürlich nicht – und außerdem ist das eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Nicht alle transitiven Verben sind gleich transitiv

Frage

Können gewisse Verben sowohl transitiv als auch intransitiv sein? So zum Beispiel das Verb geben in „Ich gebe ihr die Hand“?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt bei sich haben. Verben die kein Akkusativobjekt bei sich haben können, sind intransitiv. So weit die einfache Darstellung. Natürlich ist die ganze Sache – wie so oft, wenn es um sprachliche Kategorien geht – etwas komplizierter. Es folgt eine einfache Darstellung der wichtigsten Fälle anhand von Beispielverben:

  • Das Verb „verteidigen“ ist ein transitives Verb mit einem obligatorischen Akkusativobjekt:

jemanden/etwas verteidigen
Sie verteidigen die Burg.
nicht: *Sie verteidigen.

  • Das Verb „lesen“ ist ein transitives Verb, das auch ohne Akkusativobjekt verwendet werden kann:

etwas lesen
Ich lese ein Buch.
auch: Ich lese.

Transitive Verben können neben dem Akkusativobjekt auch andere Objekte (obligatorisch oder fakultativ) bei sich haben. Das ist unter anderem beim Verb in Ihrer Frage der Fall:

  • Das Verb „geben“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Dativobjekt hat:

jemandem etwas geben
Ich gebe dir die Hand.

  • Das Verb „beschuldigen“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Genitivobjekt haben kann:

jemanden [einer Sache] beschuldigen
Sie beschuldigen ihn der sexuellen Belästigung.

  • Das Verb „erinnern“ ist ein transitives Verb, das neben dem Akkusativobjekt auch ein Präpositionalobjekt hat:

jemanden an jemanden/etwas erinnern
Sie erinnert ihn an seine Schwester.

Bis jetzt haben wir keine Verben gesehen, die transitiv und intransitiv sind (im Satz „Ich lese“ gilt „lesen“ als intransitiv verwendetes transitives Verb). Es gibt aber einige Verben, die transitiv und intransitiv sein können. Dabei verändert sich die Bedeutung. Zum Beispiel:

  • Das Verb „rollen“ kann transitiv sein (etwas rollend fortbewegen), es kann aber auch intransitiv sein (sich rollend fortbewegen):

transitives Verb: Ich rolle den Ball.
intransitives Verb: Der Ball rollt.

  • Das Verb „kochen“ kann ein transitives Verb sein (durch Erhitzen [Speisen] zubereiten), das auch ohne Akkusativobjekt stehen kann. Es kann aber auch intransitiv sein (siedend sein):

transitives Verb: Ich koche die Kartoffeln.
intransitiv verwendetes transitives Verb: Ich koche gern.
intransitives Verb: Die Milch kocht.

Es gibt also transitive Verben, die auch intransitiv verwendet werden (z. B. „lesen“), es gibt transitive Verben, die neben dem Akkusativobjekt noch weitere Ergänzungen bei sich haben (z. B. „geben“, „beschuldigen“, „erinnern“) und es gibt transitive Verben, die eine intransitive Variante haben (z. B. „rollen“, „kochen“). Und das ist noch nicht alles, denn es gibt auch noch reflexive Verbvarianten, pseudotransitive Verben u. a. m. Diese Darstellung zeigt aber so schon, dass nicht einmal ein relativ einfaches grammatisches Konzept wie „transitiv–intransitiv“ wirklich einfach ist. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Es“ oder „so viel“: Was ist das Subjekt in „Es wurde so viel verlangt“?

Frage

Gegeben ist ein einfacher Passivsatz:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.

Die Frage ist, was das Subjekt des Hauptsatzes ist. Zunächst dachte ich, dass es das weggelassene „es“ sein muss: „Es wurde in der Firma so viel verlangt …“. Dann fiel mir ein, dass das Verb „verlangen“ ein Akkusativobjekt („viel“) hat. Dann müsste „viel“ das Subjekt im Passivsatz sein. Leider konnte ich dazu keine Erläuterung finden, mit der ich mit Sicherheit die eine oder andere Lösung als richtig oder falsch beurteilen konnte.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in Ihrem Satz ist tatsächlich die Pronomengruppe „so viel“ das Subjekt. Bei einem transitiven Verb (= einem Verb mit Akkusativobjekt) wird das Akkusativobjekt im Passiv zum Subjekt (vgl. hier):

Aktiv:
Man verlangte in der Firma so viel
(Man verlangte wen oder was?)

Passiv:
So viel wurde in der Firma verlangt …
(Wer oder was wurde verlangt?)

Dass „so viel“ das Subjekt ist, sieht man auch dann gut, wenn Sie „so viel“ durch „so viele Dinge“ ersetzen. Das Verb wird dann in den Plural gesetzt, weil es in Numerus und Person mit dem Subjekt übereinstimmen muss:

In der Firma wurde immer so viel verlangt, dass ich abends todmüde war.
In der Firma wurden immer so viele Dinge verlangt, dass ich abends todmüde war.

Das Subjekt ist hier also „so viel“. Aber wenn „so viel“ das Subjekt ist, was ist dann „Es“ am Anfang der folgenden Formulierung?

Es wurde in der Firma immer so viel verlangt …

Dieses „es“ ist das sogenannte Platzhalter-es. In einem deutschen Aussagesatz muss immer ein Satzteil vor dem gebeugten Verb stehen. Das ist eine der wenigen „ehernen Gesetzte“ der deutschen Grammatik. Es ist so stark, dass man den Satz mit einem völlig bedeutungslosen „es“ beginnt, wenn sonst nichts vor der gebeugten Verbform steht. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem

Die als-Gruppen sind zu Recht einer Ihrer „Lieblingsproblemfälle“. In welchem Fall das Substantiv in einer als-Gruppe stehen sollte, ist nämlich bei Weitem nicht immer eindeutig. Entsprechend groß ist die Unsicherheit, die daraus entstehen kann – insbesondere dann, wenn man anfängt darüber nachzudenken. Wenn ich alle Aspekte dieser Frage ausführlich in Artikeln beschreiben wollte, wäre der Blog bis Ende Jahr gefüllt – und ich übertreibe nur mäßig. Weil das recht langweilig wäre, veröffentliche ich weiterhin einfach hin und wieder Einzelfragen zu diesem Thema (eine Übersicht der Regeln und Ausnahmen finden sie auf dieser Grammatikseite). Heute eine Frage von Herrn K.:

Frage

Wir sind uns intern nicht einig, welcher Fall nach „als“ gesetzt werden soll. Der Satz lautet folgendermaßen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO [ein Firmenname] als attraktiver/attraktivem Arbeitgeber.

Setzt man nach „als“ den Nominativ oder den Dativ?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die Uneinigkeit ist begreiflich, denn das Thema ist sehr komplex – und beide Formulierungen sind möglich.

Als Grundregel gilt, dass eine als-Gruppe dieser Art im gleichen Fall steht wie das Wort, auf das sie sich bezieht. In Ihrem Satz kann die als-Gruppe sich auf „TERMO“ beziehen. Der Firmenname steht im Dativ, den „von“ verlangt. Die als-Gruppe kann also im Dativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktivem Arbeitgeber.

Ebenso zum Beispiel:

Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuem Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billigen Arbeitskräften.

Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen zu dieser Grundregel. Mit einer solchen haben wir es auch hier zu tun:

Wenn eine als-Gruppe wie hier bei einem Präpositionalattribut mit „von“ steht, kann sie auch vom übergeordneten Substantiv abhängig sein. Das übergeordnete Substantiv ist hier „Konstanz“ und das dazugehörende Präpositionalattribut mit „von“ ist „von TERMO“. Wenn dies der Fall ist, kann die als-Gruppe im Nominativ stehen:

Die Zahlen belegen die Konstanz von TERMO als attraktiver Arbeitgeber.
Ankündigung der Einstellung von Sandro Müller als neuer Abteilungsleiter
Sie verurteilten den Einsatz von Kindern als billige Arbeitskräfte.

In diesem Fall (die als-Gruppe enthält ein gebeugtes Adjektiv, aber keinen Artikel) ist die Konstruktion mit dem Nominativ gebräuchlicher, der Dativ gilt aber ebenfalls als richtig (vgl. hier).

Man sollte bei der Beschreibung von als-Gruppen als komplexem/komplexes Problem nicht übertreiben, aber einfach machen sie es uns wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Haben oder sind wir im Kreis getanzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Verb „tanzen“. Wird es in diesem Satz mit „haben“ oder „sein“ verwendet?

Wir haben/sind im Kreis getanzt.

Ich habe im Wörterbuch die folgende Erklӓrung gefunden: „sich tanzend oder mit hüpfenden Schritten fortbewegen (durch den Saal tanzen)“, aber ich weiß nicht, ob sich diese Regel auf meinen Satz bezieht. Oder hӓngt es vielleicht davon ab, was man damit meint (Tanzart oder eine Bewegung)?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

beide Hilfsverben können hier verwendet werden. Welches man wählt, hängt  – wie Sie richtig vermuten – davon ab, was genau gemeint ist.

Wie viele Bewegungsverben kann „tanzen“ mit „haben“ und mit „sein“ konjugiert werden. Mit „haben“ steht transitives „tanzen“ (= „tanzen“ mit einem Akkusativobjekt):

Wir haben einen Tango getanzt.
Er hat mit mir einen Wiener Walzer getanzt.
auch: Sie haben den ganzen Abend Walzer/Tango/Salsa getanzt.

Intransitives „tanzen“ wird mit „haben“ konjugiert, wenn die Handlung des Tanzens gemeint ist:

Sie haben die ganze Nacht getanzt.
Ich habe früher viel getanzt.
Sie hat nicht mit mir getanzt.

Das Hilfsverb „sein“ wird dann verwendet, wenn mit „tanzen“ gemeint ist, dass man sich tanzend fortbewegt (Ortsveränderung):

Sie sind durch den ganzen Saal getanzt.
Sie ist vor Freude über den Hof getanzt.
Die Schneeflocken sind vom Himmel getanzt.

Das bedeutet für Ihr Beispiel, dass erst der weitere Zusammenhang angeben kann, welches Hilfsverb man hier am besten wählt:

Wir sind vor Freude im Kreis getanzt (= vor Freude herumgetanzt)
Wir haben im Kreis getanzt (= einen Kreistanz/Rundtanz ausgeführt)

Im Prinzip ist also beides möglich. Außerdem ist die Trennung manchmal gar nicht so streng, weil nicht immer eindeutig ist, ob Tanzart oder die Bewegung (oder beides) gemeint ist. Das Hilfsverb bei Bewegungsverben hat übrigens schon manchen Deutschlernenden ein oder zwei Seufzer entlockt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp