Was ist das „schön“ in „sich schön machen“?

Trotz des heutigen Rosenmontags hier kein buntes Karnevalstreiben, kein ausgelassener Faschingstrubel und keine fröhliche Fasnachtsfeier, sondern trockene Syntax.

Frage

Ich habe einen Zweifel im Zusammenhang mit folgendem Satz:

Ich mache mich schön für das Fest.

Welche syntaktische Funktion hat das Wort „schön“ in diesem Satz, Attribut oder Adverb?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wie das „schön“ in „Ich mache mich schön“ genau genannt werden soll, darüber sind sich die verschiedenen Grammatiken nicht einig. Zuerst aber dazu, was es nicht ist:

Es ist keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf das Verb, sondern auf das Objekt des Satzes. In

Ich schminke mich schnell

ist „schnell“ eine Adverbialbestimmung (der Art und Weise). Es gibt an, wie das Schminken geschieht. In

Ich mache mich schön

ist „schön“ keine Adverbialbestimmung, denn es bezieht sich nicht auf die Verbhandlung, sondern auf das Akkusativobjekt „mich“.

In Ihrem Satz ist „schön“ auch kein Attribut, denn ein Attribut gehört, sehr grob gesagt, zu einem Nomen, Adjektiv oder Adverb und kann nur zusammen mit diesem verschoben werden. Hier bestimmt „schön“ zwar „mich“ näher, aber die beiden Elemente bilden zusammen kein Satzglied.

In „Ich mache mich schön“ ist „schön“ ein Prädikativ im weiteren Sinne, das heißt ein Prädikativ, das nicht bei einem Kopulaverb (sein, werden, bleiben; finden, halten für u. a. m.), sondern bei einem Vollverb steht. Ein Prädikativ bildet zusammen mit dem Verb das Prädikat des Satzes, das heißt die zentrale Einheit des Satzes, von der andere Satzzeile wie Subjekt, Objekte und Adverbialbestimmungen abhängig sind.

Je nach Grammatik wird ein Prädikativ wie dieses „schön“ Resultatsprädikativ, Objektsprädikativ bei kausativen Verben, freies Prädikativ, Resultativprädikativ, resultatives Objektsprädikativ oder sogar Prädikativkomplement in der Transitivierungskonstruktion genannt. Was damit gemeint ist, sieht man am besten anhand einiger Beispiele:

Du hast das Spielzeug kaputt gemacht.
Trinkt eure Gläser leer!
Das Eiweiß steif schlagen
Der Hund beißt das Kaninchen tot.
Der Prinz küsst Dornröschen wach.
Wir liefen uns die Füße wund.

Die Verbhandlung bewirkt ein Resultat, und zwar beim Akkusativobjekt. Das Spielzeug ist danach kaputt, die Gläser sind leer, die Sahne steif usw. Die zentrale Einheit des Satzes ist kaputt machen, leer trinken, steif schlagen, tot beißen, wach küssen bzw. wund laufen. Dass das Prädikativ und das Verb  eng zusammengehören sieht man indirekt auch daran, dass solche „resultative Verbverbindungen“ auch zusammengeschrieben werden können: kaputtmachen, leertrinken, steifschlagen, totbeißen, wachküssen bzw. wundlaufen.

Eine eindeutige Antwort, wie das „schön“ in Ihrem Beispiel genannt wird, kann ich Ihnen hier also nicht geben. Es sollte aber hoffentlich ein bisschen klarer sein, welche Funktion es im Satz hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bezugsfragen: Pronomen in der wörtlichen und in der indirekten Rede

Wenn Sie nicht alle Beispiele genau nachvollziehen möchten, ist das kein Problem. So kompliziert, wie es aussieht, machen wir es uns nämlich nicht.

Frage

Ich bin hinsichtlich der indirekten Rede gerade auf einen Fall gestoßen, den ich nicht recht einordnen kann.

a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
b) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“

Ich gehe davon aus, dass es bei der Umwandlung in die indirekte Rede in beiden Fällen heißen muss:

c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Falls das zutrifft, kann der Leser aber letztlich nicht mehr erkennen, ob Sachverhalt (a) oder (b) zugrunde lag. Es würde mich sehr interessieren, wie Sie dieses Problem sehen.

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es kommt häufig vor, dass in der indirekten Rede (und anderswo) nicht eindeutig ist, welchen Bezug Pronomen haben. Hier zwei andere Beispiele, bei denen verschiedene direkte Formulierungen zu derselben indirekten Rede umgeformt werden:

Direkte Rede
(1a) Er fragte mich: „Darf ich auch mitkommen?“
(1b) Er fragte mich: „Darf er auch mitkommen?“
Indirekte Rede
(1c) Er fragte mich, ob er auch mitkommen dürfe.

Direkte Rede:
(2a) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Ich bin neugierig.“
(2b) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Du bist neugierig.“
(2c) Sie sagte zu ihrer Schwester: „Sie ist neugierig.“
Indirekte Rede:
(2d) Sie sagte zu ihrer Schwester, sie sei neugierig.

Die Sätze (1c) und (2d) sind vor allem deshalb nicht eindeutig, weil sie hier ohne Kontext stehen. In Fällen wie diesen ergibt sich in der Regel nämlich aus dem weiteren Zusammenhang, wie die indirekte Rede genau zu verstehen ist. Nur wenn das nicht der Fall ist, sollte man umformulieren.

Nun zu den Sätzen in Ihrer Frage: Bei Ihren Beispielen ergibt sich interessanterweise ein weiterer unklarer Bezug (inklusives und exklusives Wir): Der Satz (3a) kann in der direkten Rede auf zwei Arten verstanden werden, je nachdem, ob die angesprochene und zitierende Person im „wir“ eingeschlossen ist (3b) oder ob die angesprochene und zitierende Person nicht im „wir“ eingeschlossen ist (3c):

Direkte Rede
(3a) Er sagte: „Wir werden uns schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
(3b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
(3c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Auch beim Satz (4a) gibt es zwei mögliche Interpretationen, je nachdem ob sich das „ihr“ nur an dritte Personen richtet (4b) oder auch an die zitierende Person (4c):

Direkte Rede
4a) Er sagte: „Ihr werdet euch schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
4b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.
4c) Er sagte, wir würden uns schon daran gewöhnen.

Das ist noch nicht alles: Die Sätze 3b) und 4b) könnten auch der direkten Rede (5a) entsprechen:

Direkte Rede
5a) Er sagte: „Sie werden sich schon daran gewöhnen.“
Indirekte Rede
5b) Er sagte, sie würden sich schon daran gewöhnen.

Keiner dieser Sätze ist also eindeutig, weder in der wörtlichen noch in der indirekten Rede:

3a) Schließt wir die angesprochene/zitierende Person ein?
4a) Schließt ihr die zitierende Person ein?
3b)/4b)/5b) Steht sie für wir, für ihr oder für sie in der direkten Rede?
3c)/4c) Steht wir für wir oder für ihr in der direkten Rede?

Wie das Jonglieren mit Beispielsätzen und Nummerierungen zeigt, ist die ganze Sache hier furchtbar komplex. Wie ist es nur möglich, dass wir trotzdem noch etwas verstehen, ohne jedes Mal große Aufstellungen dieser Art machen zu müssen?

Das liegt daran, dass uns im normalen Sprachleben viel mehr Informationen zur Verfügung stehen als in diesen isolierten Sätzen. Der weitere Satzzusammenhang ist wichtig, denn er gibt in der Regel Aufschluss darüber, worauf oder auf wen sich die Pronomen in der indirekten Rede beziehen. Es ist dennoch erstaunlich, mit wie viel Uneindeutigkeit wir umzugehen wissen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kongruenzfrage: Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter

Frage

Ich habe den Grammatikduden konsultiert und finde keine Lösung für dieses doch eigentlich häufig auftretende Kongruenzproblem. Muss das Prädikat im Satz „Was fehlt, ist/sind ein Ball und ein Schiedsrichter“ im Singular oder im Plural stehen?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

man kann bei diesem Satz tatsächlich ins Zweifeln kommen. Der Singular „was“ legt die Einzahl „ist“ nahe, das mehrteilige „ein Ball und ein Schiedsrichter“ deutet auf den Plural „sind“ hin. Welche dieser beiden Sichtweisen gewinnt hier?

Wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (prädikativer Nominativ; siehe Beispiele) in einem Satz nicht den gleichen Numerus haben, steht das finite Verb in der Regel im Plural:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Die Beduinen sind ein Nomadenvolk.
Die Guerillagruppen bleiben eine Gefahr für die Stabilität.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Eltern.

In Ihrem Satz haben wir es mit einer ähnlichen Konstruktion zu tun: Der Nebensatz „Was noch fehlt“ ist das Subjekt des Gesamtsatzes, die Wortgruppe „ein Ball und ein Schiedsrichter“ ist der Gleichsetzungsnominativ. Letzterer besteht aus zwei mit „und“ verbundenen Teilen und ist deshalb als pluralisch anzusehen (vgl. „Benötigt werden ein Ball und ein Schiedsrichter“). Hier werden also in einem Gleichsetzungssatz ein singularischer Nebensatz und eine pluralische Wortgruppe verbunden. Das Verb sollte deshalb, wie oben gesagt, im Plural stehen:

Was fehlt, sind Bälle.
Was fehlt, sind ein Ball und ein Schiedsrichter.

Die folgenden Beispiele sind ähnliche Gleichsetzungssätze, für die bei der Wahl der Verbform dasselbe gilt:

Was noch fehlt, sind ein Logo und ein griffiger Slogan.
Was mich interessiert, sind ein langes Leben und Weisheit.
Das Geburtsdatum und der Geburtsort sind, was noch benötigt wird.
Alles, was zählt, sind eine tolle Zeit, gute Gesellschaft und jede Menge Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Modus in Rezepten – Man nehme …

Und heute gleich noch einmal etwas zur Sprache in Kochrezepten:

Frage

Meine Frage dreht sich um die Stellung des Prädikats. In einem Deutschübungsbuch finden sich die folgenden Beispiele:

Bevor Sie den Teig in die Pfanne […] gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Meines Erachtens handelt es sich bei diesen Sätzen um Aufforderungssätze (Imperativ der Höflichkeitsform), weshalb das finite Verb auch an erster Stelle stehen muss und am Ende ein Rufzeichen zu setzen ist. Also:

Mischen Sie Rosinen dazu, bevor Sie den Teig in die Pfanne geben!
Erhitzen Sie nun die Pfanne!

Sehe ich das so richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie hätten recht, wenn Rezepte zwingend im Imperativ geschrieben werden müssten. Das ist aber nicht so. In Rezepten wird eine erstaunliche Vielfalt von Modi verwendet!

Früher kam in Rezepten häufig der Konjunktiv I in Verbindung mit dem unpersönlichen „man“ vor:

Man erhitze das Öl in einer Bratpfanne, röste die gehackten Zwiebeln kurz an und gebe dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Man wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gebe diese in eine große Salatschüssel.
Man mische Rosinen zum Teig und gieße ihn in die Pfanne.
Nun erhitze man die Pfanne.

Diese Art zu formulieren macht in der heutigen Sprache einen etwas altmodischen Eindruck. Stattdessen steht nun sehr häufig der Infinitiv:

Das Öl in einer Bratpfanne erhitzen, die gehackten Zwiebeln kurz anrösten und dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzugeben.
Das Gemüse gründlich waschen, Gurke und Tomaten in Würfel schneiden und diese in eine große Salatschüssel geben.
Rosinen zum Teig mischen und den Teig ihn in die Pfanne gießen.
Nun die Pfanne erhitzen.

Aber auch der Indikativ kommt hier manchmal vor, zum Beispiel im Deutschübungsbuch, aus dem Sie zitieren. Das Rezept ist dann sozusagen eine Beschreibung dessen, was getan wird:

Sie erhitzen das Öl in einer Bratpfanne, rösten die gehackten Zwiebeln kurz an und geben dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Sie waschen das Gemüse gründlich, schneiden Gurke und Tomaten in Würfel und geben diese in eine große Salatschüssel.
Bevor Sie den Teig in die Pfanne gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Der Imperativ wird ebenfalls verwendet, in der Regel aber ohne Ausrufezeichen (mit Ausrufezeichen sähe ein längeres Rezept wie eine Sammlung von Befehlen auf dem Exerzierhof einer Kaserne aus):

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne, rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an und geben Sie dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gib diese in eine große Salatschüssel.
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne.
Erhitzen Sie nun die Pfanne.

Auch eine Mischung von Imperativ und Indikativ kommt vor:

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne und rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an [Imp]. Dann geben Sie die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu [Ind].
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne [Imp]. Nun erhitzen Sie die Pfanne [Ind].

Man könnte zwar sagen, dass Rezepte Aufforderungen sind, wie etwas zubereitet werden soll, sie stehen deswegen aber lange nicht immer im Imperativ. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt: vom Konjunktiv I über den Infinitiv und den Indikativ bis hin zum ausrufezeichenlosen Imperativ. Man nehme einfach die Form, die am besten gefällt / Einfach die Form nehmen, die am besten gefällt / Sie nehmen einfach die Form, die am besten gefällt / Nehmen Sie einfach die Form, die am besten gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heilbutt in/im Tomatensud: Rezepttitel mit „in“

Frage

Ich habe eine Frage bzgl. in/im. Heißt es bei einem Rezept korrekt „Heilbutt im Tomatensud“ oder „Heilbutt in Tomatensud“; „Muscheln in/im Tomatensauce“? Oder geht beides?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

aus einem früheren Leben, in dem ich mich mit der Übersetzung von Rezepten beschäftigen durfte, ist mir die Fachsprache der Rezepte nicht ganz unbekannt. Ich bin aber kein Chefkoch, kein Restaurantbetreiber und kein Kochbuchverleger, und für eine größere empirische Untersuchung fehlt mir an dieser Stelle leider die Zeit. Was folgt, ist also nur das Resultat meiner persönlichen Erfahrung und einer kurzen Recherche in Internet und Inhaltsverzeichnissen von Kochbüchern.

Wenn es um eine Stoffbezeichnung wie Sud, Teig oder Wein geht, wird in Rezepttiteln sowohl mit in als auch mit im formuliert. Beides ist formal vertretbar:

Heilbutt im Tomatensud
Heilbutt in Tomatensud
Schinken im Brotteig
Schinken in Brotteig
Birnen im Rotwein
Birnen in Rotwein

Das gilt zu meinem Erstaunen aber nur für in/im. Bei weiblichen Stoffbezeichnungen ist nur die Formulierung mit in, nicht aber mit in der üblich, obwohl in der rein formal ebenso gut möglich sein müsste wie im bei männlichen und sächlichen Stoffbezeichnungen. Es heißt also (fast?) nur:

Muscheln/Heilbutt in Tomatensauce
Gemüse in Kokosmilch
Garnelen in Kräuterbutter

Eine Erklärung könnte sein, dass Rezepttitel nicht zu lang sein sollten. Während es kaum einen Längenunterschied zwischen in und im gibt, nimmt in der gut doppelt so viel Platz ein wie in. Vielleicht heißt es deshalb Heilbutt in Tomatensud oder Heilbutt im Tomatensud, aber nur Heilbutt in Tomatensauce.

Viel wichtiger als die genaue Formulierung des Rezepttitels ist allerdings, dass es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Liebe bisherige … – auch in Anreden wird parallel gebeugt

Frage

Heißt es korrekt: „Liebe bisherige Gemeinderäte“ oder „Liebe bisherigen Gemeinderäte“?

Antwort

Guten Tag Herr E.,

richtig ist hier die sogenannte parallele Beugung. „Parallel“ bedeutet, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden, also dieselbe Endung haben (mehr dazu hier):

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot.

ein grüner, schleimiger Frosch
der grüne, schleimige Frosch

neue, originelle, alle überzeugende Konzepte
diese neuen, originellen, alle überzeugenden Konzepte

Die parallele Beugung gilt auch bei Anreden in Briefen u. Ä.:

Liebe bisherige Gemeinderäte,
Sehr geehrte neue Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Mein lieber kleiner Bruder,

Bei substantivierten Adjektiven sollte ebenfalls parallel gebeugt werden (auch wenn man häufig anderes antrifft):

Liebe Auszubildende,*
Liebe ehemalige Studierende,*
Sehr geehrte Beamtinnen und Beamte,

Wenn Sie davon ausgehen, dass aufeinanderfolgende Adjektive (und substantivierte Adjektive) immer dieselbe Endung haben, ist es eigentlich ganz einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Diese Anreden können sich sowohl an eine Frau als auch an mehrere Personen richten. Was gemeint ist, ergibt sich aus dem allgemeinen Kontext. Es ist also nicht notwendig, deswegen entgegen den Grammatikregeln auf die Endung en auszuweichen.

Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp