Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wenn“ und „als“ und warum „als der Korb voll ist“ doch nicht falsch ist

Frage

Ist als in diesem Satz korrekt?

Sie sammeln Beeren. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Die ganze Erzählung ist in der Gegenwart gehalten.

Antwort

Guten Tag Herr G.

bei Zeitsätzen dieser Art gilt im Prinzip, dass man wenn verwendet, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart oder der Zukunft ausgedrückt wird, und als, wenn es um Gleichzeitigkeit in der Vergangenheit geht:

Du darfst gehen, wenn du fertig bist.
Wir werden euch besuchen, wenn wir Ferien haben.

Du durftest gehen, als du fertig warst.
Wir wollten euch besuchen, als wir Ferien hatten.

Wahrscheinlich führt diese „Grundregel“ zu Ihrem Zweifel. Sie sagt nämlich, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit in der Gegenwart ausgedrückt wird. Sie sagt nicht, dass wenn steht, wenn Gleichzeitigkeit im Präsens ausgedrückt wird. Präsens und Gegenwart sind in der Sprache oft nicht dasselbe. Das ist auch in Ihrem Beispiel der Fall.

Man kann eine Erzählung, die sich in der Vergangenheit abspielt, ganz oder teilweise im Präsens ausdrücken. Das ist das Erzählpräsens oder historische Präsens. Dann steht trotz des Präsens als und nicht wenn. Die Wahl der Konjunktion richtet sich also nach der Bedeutung (Vergangenheit) und nicht nach der Form (Präsens):

Wir schreiben das Jahr 1492, als Kolumbus Amerika entdeckt.
Als Sherlock Holmes den Auftrag erhält, verlängert er seinen Aufenthalt in …

Wenn Ihre Erzählung sich in der Vergangenheit abspielt, aber im Präsens geschrieben ist, heißt es somit richtig:

Sie sammeln Beeren im Wald. Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
= Sie sammelten Beeren im Wald. Als der Korb voll war, kehrten sie zurück.

Dieses als ist nur dann richtig, wenn es sich beim Präsens um ein Erzählpräsens handelt. Ist es ein „echtes“ Präsens, kann nur wenn verwendet werden:

nicht: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Als der Korb voll ist, kehren sie zurück.
sondern: Sie sammeln jetzt Beeren im Wald. *Wenn der Korb voll ist, kehren sie zurück.

Dies ist kein welterschütternd kompliziertes Phänomen, aber es zeigt schön, dass Form und Bedeutung in der Sprache nicht immer parallel verlaufen und dann um den Vorrang streiten können.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Fährt man nach Berlin, der Hauptstadt, oder nach Berlin, in die Hauptstadt?

Frage

Mich interessiert die Frage, ob in Sätzen wie

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean

wie ich sie häufig in Texten von Reiseveranstaltern antreffe, die Apposition tatsächlich im Dativ stehen sollte. Ich verstehe, dass „nach“ in temporaler Bedeutung den Dativ verlangt, aber wie verhält es sich, wenn „nach“ lokale Bedeutung hat? Ich tendiere dazu, in solchen Fällen „der“ durch „in die/das“ zu ersetzen, aber nur, weil ich mir bezüglich des richtigen Falls nicht sicher bin. […] Vielleicht könnten Sie hier etwas Licht ins Dunkel bringen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau K.,

die Präposition nach steht mit dem Dativ, auch wenn sie die lokale Bedeutung einer Zielangabe hat. Das sieht man in standardsprachlichen Äußerungen kaum, es lässt sich aber anhand regionalsprachlicher und älterer Formulierungen aufzeigen:

Das Zimmer geht nach der Straße
nach der Bahn gehen (nordd. = zur Bahn gehen)
… dass jeder, der an der Schweiz etwas auszusetzen hatte, nach jenem sagenhaften Moskau gehen sollte, dem Ort, wo … (Fritz Zorn, Mars)
Jeden Sonntag trabte der Schüler nach dem Hofe des Richters (Gustav Freytag, Die Ahnen)
Die Alte war nach der Tür gegangen (Theodor Storm, Im Schloss)
Du bist etwa gar auf der Reise nach einem dummen Streich? (Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua)

In Weiter geht es nach Berlin und Heute fahren Sie nach Sansibar stehen Berlin und Sansibar also im Dativ, der von nach gefordert wird. Es ist deshalb möglich, eine Apposition im Dativ anzuschließen:

Weiter geht es nach Berlin, der Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, dem Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, dem Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Da es nicht üblich ist, vor einer Ortsangabe mit Artikel die Präposition nach zu verwenden (sondern in, zu, an, auf wie z. B. in die Schweiz, zum Bahnhof, an den Rhein fahren) und da bei Namen ohne Artikel der Fall nicht ersichtlich ist, bringt dieser Dativ verständlicherweise manche zum Zweifeln. Es ist möglich, der Apposition eine „eigene“ Präposition mitzugeben und sie so zur nachgestellten Erläuterung zu machen:

Weiter geht es nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands
Heute fahren Sie nach Sansibar, auf das Inselparadies im Indischen Ozean
ein Blick nach Frankfurt, in das Zentrum des deutschen Finanzmarktes

Beides ist möglich und grammatisch vertretbar. Nicht alle halten aber beide Formulierungen (stilistisch) für gleich gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sind die Wochentage Eigennamen?

Frage

Sind Wochentage nicht auch Eigennamen? Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, weshalb werden sie auf dieser Seite nicht erwähnt und weshalb heißt es dann nicht „An Sonntag gehen wir in die Berge“, sondern „Am Sonntag gehen wir in die Berge“? Vor Eigennamen wird doch kein Artikel benötigt.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

die Bezeichnungen für die Wochentage sind keine eigentlichen Eigennamen, sondern Zeitbegriffe. Deshalb werden sie nicht auf der Seite, die Sie erwähnen, aufgeführt. Mit Sonntag wird nicht ausschließlich ein einzelner, einmalig vorkommender Tag bezeichnet. Jede Woche hat einen Sonntag.

Die Bezeichnungen für die Wochentage sind den Eigennamen aber sehr ähnlich. So kann man sie ohne Artikel und ohne Präposition verwenden, wenn ein ganz bestimmter Tag wie zum Beispiel der soeben vergangene oder der erstfolgende so bezeichnete Tag gemeint ist:

Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin Montag angekommen
Ihr habt bis Mittwoch Zeit
in der Nacht von Montag auf Dienstag

Ebenfalls ohne Artikel z. B.:

Heute ist Dienstag

Sonst werden sie in der Regel mit Artikel verwendet, meist auch dann, wenn der soeben vergangene oder der erstfolgende so genannte Tag gemeint ist:

Am Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin am Montag angekommen
Ihr habt bis zum Mittwoch Zeit
in der Nacht vom Montag auf den Dienstag

Dass Ihr Zweifel sehr berechtigt ist, zeigt sich auch darin, wie die Wochentage in anderen Sprachen behandelt werden: Im Englischen werden sie wie Eigennamen großgeschrieben (Today is Tuesday), im Französischen aber wie „gewöhnliche“ Substantive klein (Aujourd’hui, c’est mardi).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von „seit“ und „ab“

Frage

Wir lektorieren Texte [..] und es gibt eine Frage, die uns (und andere Lektoren, wie wir festgestellt haben) beschäftigt: der Gebrauch von „ab“ und „seit“ bei Angaben von Zeitspannen. Ich war stets der Meinung, dass „seit“ das Präsens verlangt, weil es sich immer um Umstände handelt, die noch andauern:

Seit 1992 ist er Geschäftsführer …,

Mit „ab“, und das ist bei historischen Texten ja meistens der Fall, wird eine Zeitspanne in der Vergangenheit ankündigt:

Ab 1938 war er Geschäftsführer

Auch wenn es evtl. nicht erwähnt wird, ist sehr wahrscheinlich, dass er es nicht mehr ist, daher Imperfekt.

Nicht möglich ist meiner Meinung nach:

Seit 1938 war er Geschäftsführer“

[…]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Verwendung von ab und seit ist etwas komplexer, als sie oft dargestellt wird. Fangen wir mit seit an:

Die Präposition seit dient a) der Angabe eines Zeitpunktes, an dem etwas angefangen hat, das noch andauert, oder b) der Angabe eines Zeitraumes, an dessen Beginn etwas angefangen hat, das noch andauert:

a) Seit 2009 ist er Geschäftsführer
b) Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer

Der Zeitpunkt, an dem etwas noch andauert, ist häufig der Sprechzeitpunkt, was die häufige Verwendung des Verbs im Präsens erklärt:

Seit 2009 ist er Geschäftsführer
Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer
(In beiden Fällen ist er jetzt immer noch Geschäftsführer)

Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit.
(Ich kenne sie jetzt immer noch)

Sie wohnen schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus
(Sie wohnen jetzt immer noch in diesem Haus)

Er raucht schon seit über zwanzig Jahren
(Er raucht jetzt immer noch)

Der Zeitpunkt, an dem etwas immer noch fortdauert, kann aber auch in der Vergangenheit liegen:

Er war seit 1930 Geschäftsführer, als der Krieg ausbrach
(Er war bei Kriegsausbruch immer noch Geschäftsführer)

Sie traf dort einen Mann, der seit 10 Jahren Geschäftsführer war
(Er war immer noch Geschäftsführer, als sie ihn traf)

Die Nachbarin, die ich schon seit meiner Kindheit kannte, zog plötzlich aus
(Zum Zeitpunkt des Auszugs kannte ich die Nachbarin noch)

Sie wohnten schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus, aber niemand grüßte sie
(Zum Zeitpunkt, an dem niemand sie grüßte, wohnten sie immer noch in diesem Haus)

Er rauchte schon seit über zwanzig Jahren, als er beschloss, damit aufzuhören
(Zum Zeitpunkt seines Beschlusses rauchte er noch)

Ob die Formulierung

Seit 1938 war er Geschäftsführer

möglich ist oder nicht, hängt somit vom weiteren Kontext ab. Die Wortstellung legt nahe, dass die Formulierung nicht richtig ist, aber unmöglich ist sie nicht:

Seit 1938 war er Geschäftsführer, als er 1945 endlich auch Mitinhaber wurde.
[üblicher: Er war seit 1938 Geschäftsführer, als er 1945 …]

Nicht richtig ist die Verwendung von seit, wenn die Zeitangabe nicht im Zusammenhang mit etwas noch Andauerndem gemacht wird. In den folgenden Sätzen sollte deshalb nicht seit verwendet werden:

*Seit 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. *Seit 1948 war er dann …

Sie wohnten *seit der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Hier sollte mit ab oder von … an formuliert werden:

Ab 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. Von 1948 an war er dann …

Sie wohnten ab der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Die Präposition seit verlangt also nicht unbedingt das Präsens. Sie sollte aber im Zusammenhang mit etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt noch Andauerndem verwendet werden.

Ist dies nicht der Fall und soll dennoch angegeben werden, wann etwas angefangen hat oder anfängt, dann kommen – wie die Beispiele oben zeigen – ab oder von … an ins Spiel. Das ist auch der Grund, weshalb Lehrbücher manchmal angeben, ab stehe bei Angaben in der Zukunft. Das ist tatsächlich häufig der Fall. Etwas, das noch nicht angefangen hat, kann in der Regel nicht noch andauern, so dass seit nicht in Frage kommt:

Ab nächster Woche gehen alle wieder zur Schule
Wir werden vom nächsten Monat an mehr für das Abonnement bezahlen
Wer weiß, ob es Canoonet ab Januar 2020 noch geben wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Doppelte Reflexivpronomen sind standhaft: sich sich, dich dich, euch euch

Frage

Der Satz

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der selbst vom Thron gestoßene Sohn aus der Politik zurückziehe.

ist mit Sicherheit nicht korrekt. Aber wie müsste man es richtig machen? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

der Satz ist tatsächlich nicht richtig formuliert. Es fehlt im etwas, wie auch diesen Sätzen etwas fehlt:

*Sie haben sich nicht an die Anweisungen haltend prompt verirrt.
*Dann begann das sich langweilende Publikum zu beklagen.
*Der Fluss windet sich immer erweiternd durch die grüne Landschaft.
*Ich bemühe mich nicht in Details zu verlieren.
*Schämt euch über andere lustig zu machen!

Wenn in einem Satz zwei Verbformen vorkommen, die beide ein Reflexivpronomen fordern, müssen beide Pronomen genannt werden – auch dann, wenn Ihr Korrekturprogramm vorschlägt, eines der beiden zu streichen. Es muss deshalb richtig heißen:

Sie haben sich, sich nicht an die Anweisungen haltend, prompt verirrt.
Dann begann das sich langweilende Publikum sich zu beklagen.
Der Fluss windet sich, sich immer erweiternd, durch die grüne Landschaft.
Ich bemühe mich mich nicht in Details zu verlieren.
Schämt euch euch über andere lustig zu machen!

Auch in Ihrem Satz fehlt ein sich. Außerdem sollte hier nicht das einfache Partizip gestoßene, sondern gestoßen habende stehen:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der sich selbst vom Thron gestoßen habende Sohn aus der Politik zurückzieht.

Lange Partizipgruppen dieser Art sind aber sperrig und wenig lesefreundlich. Es ist hier sicher besser, eine andere Formulierung zu wählen. Je nach zeitlichen Verhältnissen zwischen dem Zeitpunkt des Versprechens und dem Zeitpunkt des Thronverzichts zum Beispiel:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls der Sohn, der sich selbst vom Thron gestoßen hatte, sich aus der Politik zurückziehe.
Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der Sohn selbst vom Thron stoße und sich aus der Politik zurückziehe.

So bemüht man sich sich deutlich auszudrücken. Auch dieser (vor)letzte Satz zeigt, dass es stilistisch manchmal besser ist, umzuformulieren, wenn nicht weggelassen werden darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Präpositionen, die manchmal zu Adverbien werden: unter, über, bis zu

Frage

Ich habe eine Frage zum Fall nach „unter“. Es heißt „Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern“. Sagt man auch „Betriebe, die unter zehn Mitarbeitern beschäftigen“ oder ist „Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen“ richtig? […]

Antwort

Guten Tag Frau T.,

heißt es unter zehn Mitarbeitern oder unter zehn Mitarbeiter? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten.

Wenn unter vor einer Zahlenangabe steht, hat es oft keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes. Das ist dann der Fall, wenn unter durch weniger als ersetzt oder weggelassen werden kann. Man verwendet unter dann nicht als Präposition, die einen bestimmten Fall verlangt, sondern als Adverbialbestimmung.

Die Kinder sind unter sechs Jahre alt
Kinder von unter sechs Jahren

Nach unter steht dann der gleiche Fall, wie wenn unter weggelassen oder durch weniger als ersetzt wird:

Die Kinder sind [weniger als] sechs Jahre alt
Kinder von [weniger als] sechs Jahren

Das gilt auch für Ihr Beispiel. Auch hier ist unter eine Adverbialbestimmung und deshalb steht einmal der Dativ (abhängig von mit) und einmal der Akkusativ (Akkusativobjekt zu beschäftigen):

Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern
Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen

Betriebe mit [weniger] als zehn Mitarbeitern
Betriebe, die [weniger als] zehn Mitarbeiter beschäftigen

Das Gleiche gilt übrigens auch für über und bis zu vor Zahlenangaben. Wenn sie durch eine andere Adverbialbestimmung ersetzt oder weggelassen werden können, haben sie keinen Einfluss auf den Kasus.

über:

Diese Städte haben über 100 000 Einwohner
Städte mit über 100 000 Einwohnern

Diese Städte haben [mehr als] 100 000 Einwohner
Städte mit [mehr als] 100 000 Einwohnern

bis zu:

Es kann bis zu einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von bis zu einem Monat zu rechnen

Es kann [maximal] einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von [höchstens] einem Monat zu rechnen

Wir haben es hier mit Präpositionen zu tun, die zu Adverbien werden können. Mehr dazu finden Sie hier, hier und hier. Und hier steht, dass auch zwischen sich manchmal ganz ähnlich verhält. Kleine Wörtchen können für großen Erklärungsaufwand sorgen, wenn man genauer wissen möchte, wie sie sich verhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die leere Stelle in der Tabelle: der Dativ von „was?“

Heute geht es um eine Frage, die mir nicht schriftlich gestellt wurde. Wie fragt man nach einem Dativobjekt, das keine Person ist? Konkret wollte man wissen, wie man nach einer Sache fragen kann, der eine andere Sache entspricht. Zum Beispiel:

Ihre Aussage entspricht den Tatsachen.

Wie kann man nach dem Dativ den Tatsachen fragen?

Relativ einfach ist die Antwort auf die Frage, wie man nicht fragen kann: nicht mit wem, das nur für Personen verwendet werden kann, aber erstaunlicherweise auch nicht mit was:

nicht: *Wem entspricht Ihre Aussage?
nicht: *Was entspricht Ihre Aussage?

Standardsprachlich bleibt hier nur das oft etwas unbeholfen klingende welcher Sache oder eine andere Formulierung:

Welcher Sache entspricht Ihre Aussage?
Womit stimmt Ihre Aussage überein?

Ebenso zum Beispiel:

Zucker schadet den Zähnen.
nicht: Was schadet Zucker?
sondern z. B.: Wofür ist Zucker schädlich?

Ich stimme deinem Vorschlag zu.
nicht: Was stimme ich zu?
sondern z. B.: Womit bin ich einverstanden?

Sie näherten sich langsam dem Eingang der Höhle.
nicht: Was näherten sie sich langsam?
sondern z. B.: Welchem Ort näherten sie sich langsam?

Es gibt bei den Fragewörtern wer und was eine Leerstelle in der Tabelle:

Person Nichtperson
Nominativ wer was
Akkusativ wen was
Dativ wem
Genitiv wessen  wessen

Das „Loch“ beim Dativ von Nichtpersonen entspricht allerdings nicht wirklich gähnender Leere. Umgangssprachlich wird nämlich häufig doch was verwendet, vor allem wenn ein Präposition den Dativ verlangt. Standardsprachlich sollten allerdings die Fragewörter der Form wo[r]- stehen:

Mit was stimmt Ihre Aussage überein?
Von was redest du?
Um was handelt es sich?

Um entrüsteten Kommentaren vorzubeugen (welcher Sache vorzubeugen? / was zu verhindern?), möchte ich nochmals betonen, dass hier standardsprachlich mit wo[r]- formuliert werden sollte:

Womit stimmt Ihre Aussage überein?
Wovon redest du?
Worum handelt es sich?

Die leere Stelle in der Tabelle gibt es also vor allem in der Standardsprache. Die Umgangssprache stört sich weniger an solchen „Inkonsequenzen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp