Der Sinn jedes oder jeden Fragens?

Über den Sinn aller Fragen möchte ich mich hier natürlich nicht äußern. Das Thema wäre mir ein paar Größen zu groß. Es geht nur um das Pronomen „jeder/jede/jedes“. Immer wieder gibt es Fragen zu diesem Wort, vor allem wenn es im Genitiv stehen soll.

Frage

Heißt es „der Sinn jedes Fragens“ oder „der Sinn jeden Fragens“ ?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihre Frage ist verständlich, denn dieses Wort hat im männlichen und sächlichen Genitiv Singular zwei Formen: „jedes“ mit der Endung –es, wie es sich für ein Pronomen gehört, und in gewissen Fällen auch „jeden“ mit der Endung –en wie ein Adjektiv.

Im Genitiv steht vor einem männlichen oder sächlichen Nomen, das die Genitivendung –s oder –es hat, häufig „jeden“ statt „jedes“. Beide Formen kommen vor und beide gelten als korrekt:

im Leben jedes Mannes / jeden Mannes
die Unterdrückung jedes Widerspruchs / jeden Widerspruchs
der Sinn jedes Fragens / jeden Fragens

Vor einem Nomen, das nicht die Genitivendung –s oder –es hat, steht immer nur „jedes“:

im Leben jedes Menschen
im Interesse jedes Einzelnen
die Unterdrückung jedes Individualismus

Vor einem Adjektiv steht in der Regel ebenfalls „jedes“:

im Leben jedes jungen Mannes
die Unterdrückung jedes noch so kleinen Widerstands
im Interesse jedes einzelnen Menschen

Umgekehrt steht in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“:

am Ende eines jeden Monats
im Interesse eines jeden Menschen

Eine allumfassende goldene Regel kann ich Ihnen hier leider nicht angeben. Zusammengefasst lässt sich nur sagen,

  • dass immer mindesten ein Element einer solchen Wortgruppe die Genitivendung –s oder –es aufweisen muss und
  • dass in Verbindung mit „eines“ immer nur „jeden“ stehen darf.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Grammatikseite (dort sehen Sie weiter, dass für die folgenden Genitivformen Ähnliches gilt: alles/allen, irgendwelches/irgendwelchen, jedwedes/jedweden, jegliches/jeglichen, manches/manchen und welches/welchen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sei es ein(en) oder ein(en) …?

Frage

Eine Frage zur Kongruenz: „Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur“. Oder muss es ebenfalls im Akkusativ heißen: „… sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur“?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

den Nominativ halte ich hier für die bessere Wahl:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es ein Architekt oder ein Bauingenieur.

Der zweite Teilsatz kann so analysiert werden:

es = Subjekt
sei = Kopula (verbindendes Verb)
ein Architekt = Prädikativ zum Subjekt

Es [= was Sie suchen sollten] ist ein Architekt oder ein Bauingenieur.
Es sei ein Architekt oder Bauingenieur.
Sei es ein Architekt oder Bauingenieur.

Die Wortgruppe „ein Architekt oder Bauingenieur“ ist so gesehen nicht von „suchen“, sondern von „sein“ abhängig und steht deshalb im Nominativ.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation: Man kann „sei es … oder …“ auch als eine Art Konjunktion wie „entweder … oder …“ verstehen. Dann wird die Konstruktion des ersten Satzes weitergeführt, das heißt, die Wortgruppe „einen Architekten oder einen Bauingenieur“ ist immer noch von „suchen“ abhängig und steht im Akkusativ:

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, sei es einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Einen Fachmann sollten Sie aber in jedem Fall zu Rate ziehen, entweder einen Architekten oder einen Bauingenieur.

Sie können hier m. M. n. also zwei verschiedene Fälle verwenden, sei es der/den Nominativ oder der/den Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lisa, eine[r] unserer fähigsten Erkunder

Frage

Bei meiner Übersetzungstätigkeit bin ich jetzt an einen Fall geraten, von dem ich gerne wissen möchte, ob er grammatikalisch korrekt oder falsch ist.

Lisa, eine unserer fähigsten Erkunder, hat …

„Erkunder“ ist ja Plural und bezieht weiblich und männlich mit ein (generisches Maskulinum). Muss ich hier zwingend „einer“ schreiben, wenn ich bei „Erkunder“ im Plural bleiben möchte, oder kann hier sowohl „eine“ als auch „einer“ verwendet werden? Alternativ könnte ich natürlich „eine unserer fähigsten Erkunderinnen“ verwenden, doch das passt nicht zum Kontext, denn es gibt dort sowohl männliche als auch weibliche Erkunder.

Vom Gefühl her würde ich sagen, dass auch bei folgenden Tätigkeiten so verfahren würde: „eine unserer besten Polizisten/Soldaten/Professoren“.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

das generische Maskulinum, das heißt, die Annahme, eine allgemein verwendete männliche Form beziehe sich auch auf weibliche Personen, ist umstritten. Wenn Sie geschlechtergerecht formulieren möchten, sollten Sie es vermeiden. Wenn Sie es verwenden, ist es ein Maskulinum, und dies auch bei der Übereinstimmung mit Verweiswörtern wie „einer/eine/eines“:

Lisa, einer unserer fähigsten Erkunder, hat …
Frau S. ist einer unser besten Kunden
Sie ist einer unserer beliebtesten Professoren

Die Übereinstimmung im Genus gilt umgekehrt auch beim Bezug auf weibliche Personenbezeichnungen:

Max, eine unserer besten Fachkräfte, hat …
Er ist eine der ersten Personen, die …

Vgl. auch die Formulierung bei sächlichen Personenbezeichnungen:

Sie war eines der größten Genies ihrer Zeit
Ludwig Schmidt., eines der ältesten Mitglieder unseres Vereins

Grammatisch korrekt heißt es also: „Anna, einer unserer fähigsten Erkunder“. Ich finde aber, dass das im heutigen Sprachgebrauch etwas zu maskulin klingt. Besser wäre es vielleicht, eine andere Formulierung zu wählen wie zum Beispiel:

Anna, eine unserer fähigsten Erkunderinnen und Erkunder
Anna, eine unserer fähigsten Erkunderinnen (= generisches Femininum)
Anna, eine der Fähigsten unseres Erkundungsteams

Frau S. ist eine unserer besten Kundinnen
Sie gehört zu den beliebtesten Professorinnen und Professoren unserer Fakultät

Formulierungen dieser Art erfordern etwas Flexibilität und Kreativität, wenn man allen gerecht werden möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Freie Relativsätze und ihr Platzhalter: Wer nicht hören will, [der] muss …

Frage

Gerne wende ich mich wieder einmal mit einer Frage an Sie. Es geht um folgenden Satz:

Von A wie Avocado bis Z wie Zucchini: Wer den Genießerpass hat, der profitiert von zahlreichen Angeboten.

Wir sind uns intern nicht einig darüber, ob das „der“ nach dem Komma überhaupt notwendig ist. Wäre der Satz nicht flüssiger und vor allem genderneutraler, wenn nach dem Komma kein „der“ kommt?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Ihr Satz kommt gut ohne „der“ aus. Der mit „wer“ eingeleitete Nebensatz hat im Gesamtsatz die Funktion des Subjekts. Er kann im übergeordneten Satz durch „der/die“ vertreten sein:

Wer nicht hören will, der muss fühlen.
Wer Fisch mag, der wird dieses Restaurant lieben.
Wer den Genießerpass hat, der profitiert von zahlreichen Angeboten.

Es ist aber nicht notwendig, dieses „der“ im übergeordneten Satz einzufügen. Die oben stehenden Sätze können auch ohne diesen Platzhalter formuliert werden:

Wer nicht hören will, muss fühlen.
Wer Fisch mag, wird dieses Restaurant lieben.
Wer den Genießerpass hat, profitiert von zahlreichen Angeboten.

Häufig klingt es so tatsächlich etwas flüssiger.

Solche Sätze werden freie Relativsätze oder kopflose Relativsätze genannt. Es sind Relativsätze, die anders als „gewöhnliche“ Relativsätze im übergeordneten Satz kein Bezugswort haben. Das Wort, auf das sich ein freier Relativsatz bezieht, muss im übergeordneten Satz hinzugedacht werden. Zum Beispiel:

Derjenige, der nicht hören will, muss fühlen.

Freie Relativsätze werden meist mit w-Wörtern (Fragepronomen und Frageadverbien, die mit w beginnen) eingeleitet, im gehobenen Sprachgebrauch selten auch mit „der/die/das“:

Wer nicht hören will, muss fühlen. (Derjenige, der …)
Nimm dir, was du brauchst! (… das, was …)
Was mich am meisten ärgert, ist eure Gleichgültigkeit. (Das, was …)
Worüber ich mich wundere, ist diese Satzart. (Das, worüber …)
Wo man singt, lass dich ruhig nieder. (Dort, wo …)
Ihr müsst empfangen, wen ihr eingeladen habt. (denjenigen …, den …)

Das versteht nur, wer/der sie kennt. (… derjenige, der …)
Die sparen wollen, kommen zu uns. (Diejenigen, die …)

Wenn der freie Relativsatz an erster Stelle steht, kann, wie oben bereits gesagt, im übergeordneten Satz ein Stellvertreter stehen (hier in eckigen Klammern):

Wer nicht hören will, [der] muss fühlen.
Was du brauchst, [das] kannst du dir nehmen.
Was mich am meisten ärgert, [das] ist eure Gleichgültigkeit.
Worüber ich mich wundere, [das] ist diese Satzart.
Wo man singt, [dort] lass dich ruhig nieder.
Wen ihr einladet, [den] müsst ihr auch empfangen.
Wer/Der sie kennt, [der] versteht das.

Wenn es um Personen geht, ist es recht praktisch, dass dieser Platzhalter nicht obligatorisch ist. Dadurch lassen sich sowohl das maskuline „der“ als auch eher umständliche genderneutrale Formulierungen mit „der/die“ oder „der oder die“ vermeiden. Wer das weiß, formuliert einfacher, flüssiger und doch passend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Höflich verweisen: „siehe“ oder „sehen Sie“?

Frage

Bei uns kam die Frage auf, ob in einem Buch, das in der Sie-Form geschrieben ist, Seitenverweise mit „siehe“ eingeleitet werden dürfen. Eigentlich handelt es sich ja um den Imperativ in der Du-Form. Immer „sehen Sie Seite XX“ zu schreiben, kommt mir aber äußerst seltsam vor.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

„siehe“ ist eine alte Form, die heute in Anweisungen wie

siehe oben/unten/S. 23/Anhang/auch/…

oder in Ausrufen wie

siehe da!

verwendet wird. Die Form „siehe“ ist hier keine eigentliche du-Form (mehr), das heißt, sie wird auch in Texten verwendet, die in der Höflichkeitsform abgefasst sind.

Als Anweisung ist „siehe X“ im heutigen Deutschen zu einer festen Wendung in Texten geworden, denn gemeint ist ja nicht „etwas sehen“ („etwas erblicken“, „etwas mit den Augen wahrnehmen“), sondern „etwas ansehen“, „etwas betrachten“. Mit der Bedeutung „ansehen“ kommt „sehen“ im heutigen Deutschen eigentlich nur noch vor, wenn es um Filme und Sendungen geht:

Hast du den neuen „James-Bond-Film“ schon gesehen?
Ich rufe dich später zurück, wir sehen gerade „Tatort“.

Man verwendet deshalb bei Verweisen in Büchern u. Ä. in der Regel nicht die sonst übliche Imperativform des Singulars „sieh“, nicht die Pluralform „seht“ und besser auch nicht die Höflichkeitsform „sehen Sie“; also besser nicht:

sieh S. 23
seht S. 23
sehen Sie S. 23

sondern in allen Fällen

siehe S. 23

Das erklärt wahrscheinlich auch, warum „sehen Sie Seite XX“ Ihnen äußerst seltsam vorkommt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbzeiten: Das muss/musste er damals schon gewusst haben

Frage

Wir sind unsicher, wie die richtigen Zeiten in folgendem Satz lauten:

Dass er Lehrer werden wollte, musste er schon damals gewusst haben.

Nach meiner Meinung, kann „musste“ nur im Präsens stehen, denn er „muss“ es auch aus heutiger Sicht gewusst haben:

Dass er Lehrer werden wollte, muss er schon damals gewusst haben.

Mein Freund meint, dass auch der Nebensatz im Präsens stehen sollte, denn er gebe ja den Willen von damals in die Gegenwart übertragen kund:

Dass er Lehrer werden will, muss er schon damals gewusst haben.

Antwort

Guten Tag Frau P.,

anders als in einigen anderen Sprachen, gibt es im Deutschen nur wenige Regeln im Bereich der Verbzeiten, und diese Regeln werden oft nicht eingehalten. Das bedeutet, dass vieles vorkommt und vieles möglich ist. Im Prinzip gilt für Ihre Frage Folgendes:

Mit „müssen“ wird eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgedrückt.

Der Einbrecher muss durch das Fenster eingestiegen sein
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen ist

Er muss es damals schon gewusst haben
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass er es schon damals gewusst hat

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zum Sprechzeitpunkt ausgedrückt wird, steht „müssen“ im Präsens:

Die Kommissarin stellt fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein muss.

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zu einem Zeitpunkt ausgedrückt wurde, der vor dem Sprechzeitpunkt liegt, steht „musste“:

Die Kommissarin stellte fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein musste.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

So viel zur Zeitform des Modalverbs „müssen“. Wie steht es mit der Verbform im dass-Satz? Auch dort gibt es zwei Möglichkeiten:

Im dass-Satz steht „wollte“, wenn er Lehrer geworden ist oder wenn er jetzt nicht mehr Lehrer werden will:

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

Im dass-Satz kann auch das Präsens „will“ stehen, wenn er zum Sprechzeitpunkt noch nicht Lehrer ist und immer noch Lehrer werden will:

Dass er Lehrer werden will, muss er damals schon gewusst haben.

Dann gibt es noch eine Möglichkeit, die Verbzeiten in Neben- und Hauptsatz zu kombinieren:

Dass er Lehrer werden will, musste er damals schon gewusst haben.

Dieser Satz ist möglich, wenn die hohe Wahrscheinlichkeit vor dem Sprechzeitpunkt ausgedrückt wurde und er im Sprechzeitpunkt immer noch Lehrer werden will. Das klingt allerdings ziemlich komplex. Ich bezweifle deshalb, ob wirklich alle den letzten Satz so verstehen, ihn so meinen oder ihn überhaupt so formulieren würden.

Ich habe es am Anfang schon erwähnt: Die Regeln sind im Bereich der Verbzeiten nicht sehr streng und sie werden auch nicht streng eingehalten. Andere Formulierungen können auch vorkommen, ohne dass dies gleich grundsätzlich falsch ist und zu größeren Verständigungsproblemen führt. In der Regel ergibt sich aus dem Kontext, wie die zeitlichen Verhältnisse liegen. Falls Sie mich also einmal dabei ertappen, dass ich die Verbzeiten nicht streng nach dem oben stehenden „Schema“ verwende, seien Sie bitte nachsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexive Verben im Passiv: Es darf sich gewundert werden

Frage

Könnten Sie etwas über das „Reflexivpassiv“ sagen? Ich habe zum ersten Mal davon gehört und auch Beispiele gelesen:

Um ihn wird sich gekümmert werden.

Ich dachte immer, es gebe kein Passiv bei Reflexiven!

Antwort

Guten Tag Herr N.,

es wird tatsächlich häufig gesagt und gelehrt, dass reflexive und reflexiv verwendete Verben nicht im Passiv stehen können. Im Prinzip ist das auch richtig:

Sie kümmert sich um ihn
nicht: *Um ihn wird sich von ihr gekümmert

Er wäscht sich
nicht: *Er wird von sich gewaschen

Wir beeilen uns
nicht: Von uns wird uns/sich beeilt

Das Passiv ist aber nicht gänzlich ausgeschlossen, denn ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht:

Selten kommt das Passiv bei reflexiven Verben zum Ausdrucks eines Befehls oder einer Aufforderung vor (vgl. hier):

Jetzt wird sich hingelegt!
Bevor ihr zu Bett geht, wird sich gewaschen

Sonst ist das Reflexivpassiv nur beschränkt möglich. Man kann es nur dann bilden, wenn es unpersönlich ist, das heißt, wenn es im Aktiv einem Satz mit dem unpersönlichen Subjekt „man“ entspricht:

Um ihn wird sich gekümmert werden
Bis in den frühen Morgen wurde gelacht, getanzt und sich amüsiert
Es konnte sich darauf geeinigt werden, das Spiel zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen

Wenn Sie sich nun wundern, dass Formulierungen wie die letzten drei Beispiele möglich sein sollen, kommen Sie wahrscheinlich nicht aus dem Nordosten oder der Mitte Deutschlands. Nach den Angaben der Variantengrammatik ist dieses Reflexivpassiv vor allem im Nordosten, aber weniger im Westen und kaum im Süden des deutschen Sprachraumes üblich (siehe hier).

Sie stehen mit Ihrer Verwunderung auch nicht allein: Nach der Dudengrammatik (2016, Randnr. 800) kommen solche Passivformen vor, sie werden aber nicht von allen als korrekt akzeptiert. Ich persönlich verwende dieses Reflexivpassiv nicht und empfinde es zumindest als „auffällig“, wenn ich ihm begegne. Ich komme eben aus dem Süden.

Wenn es darum geht, ob es reflexive Verben im Passiv gibt, lautet die Antwort also ja – aber es darf sich gewundert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Unterschied zwischen Staub saugen und Staub wischen – grammatisch gesehen

Frage

Es geht um den Begriff „staubsaugen“ bzw. „Staub saugen“. Wenn es um die Entfernung von Staub durch Muskelkraft und Putztuch geht, ist, wenn ich nicht irre, nur die getrennt geschriebene Variante zulässig: „Staub wischen“. Gibt es für diesen Unterschied eine Erklärung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es gibt tatsächlich einen orthografischen Unterschied zwischen „Staub saugen/staubsaugen“ und „Staub wischen“. Dem orthografischen Unterschied liegt allerdings auch ein grammatischer zu Grunde.

Bei den folgenden Beispielen schreibt man beide Wendungen gleich, das heißt getrennt:

Ich muss noch Staub saugen / Staub wischen
Ich habe im ganzen Haus Staub gesaugt / Staub gewischt
Vergiss nicht, in deinem Zimmer Staub zu saugen / Staub zu wischen

Man kann hier (fast) noch von einer transitiven Verwendung der Verben „saugen“ und „wischen“ sprechen, wobei „Staub“ jeweils das vom Verb abhängige Akkusativobjekt ist. Ich schreibe „(fast) noch“, weil „Staub“ hier noch als selbstständiges Substantiv erfahren wird, aber schon einen Teil seiner Selbstständigkeit eingebüßt hat. So klingt hier die bei Akkusativobjekten übliche Frage „wen oder was?“ recht sonderbar:

Wen oder was wischst du – Staub (?)
Wen oder was saugst du – Staub (?)

Wie bei zum Beispiel „Auto fahren“, „Angst machen“ oder „Karten spielen“ kann man diese Verbindungen besser nicht als Verbindungen von Verb und Akkusativobjekt interpretieren, sondern eher als komplexe Prädikate. Verb und Substantiv bilden zusammen das Prädikat des Satzes. Die Frage ist dann weniger „Wen oder was saugst/wischst du?“ als „Was tust du?“ (eine weitergehende grammatische Analyse dieser Spezialfälle muss ich an dieser Stelle schuldig bleiben).

Hiermit ist nur erläutert, dass „Staub wischen“ und „Staub saugen“ mit „Auto fahren“ und „Karten spielen“ vergleichbar sind. Bei „Staub saugen“ gibt es aber noch mehr zu sagen. Diese Wendung kann nämlich als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen. Dann wird die ganze Wendung zu einer untrennbaren Verbverbindung, die zusammengeschrieben wird:

die Teppiche staubsaugen
Ich habe das ganze Haus gestaubsaugt
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen.

Die zusammengeschriebene Form kann auch verwendet werden, wenn das Akkusativobjekt nicht genannt wird (man achte auf die Form des Partizips resp. des Infinitivs mit „zu“):

Ich muss noch staubsaugen / Staub saugen
Ich habe im ganzen Haus gestaubsaugt / Staub gesaugt
Vergiss nicht zu staubsaugen / Staub zu saugen

Im Gegensatz dazu kann „Staub wischen“ nicht als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen (nicht: „*das ganze Haus staubwischen“). Deshalb ist die Zusammenschreibung nicht vorgesehen.

Der Unterschied zwischen den beiden Verbausdrücken liegt also nicht darin, dass die eine Tätigkeit mit einem elektrischen Haushaltsgerät und die andere mit Muskelkraft und Putztuch ausgeführt wird. Der Unterschied ist grammatischer Natur und liegt in den verschiedenen Möglichkeiten, sie im Satz mit anderen Satzgliedern (einem Akkusativobjekt) zu verbinden. Doch ganz gleich, ob gestaubsaugt, Staub gesaugt oder Staub gewischt werden muss, zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört keine dieser Tätigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp