Unter anderem geht immer, unter anderen nicht

Frage

Eine Anregung und Bitte hätte ich zudem noch: Wäre es möglich, einen kleinen Artikel zum Gebrauch der Wortgruppe „unter anderem“ zu erstellen? Das ist […] auch so ein Thema, an dem sich immer wieder die Geister scheiden.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es gibt tatsächlich immer wieder Diskussionen darüber, ob es nun unter anderem oder unter anderen heißen muss. Diese Diskussionen sind manchmal überflüssig, weil häufig beides möglich ist. Aber natürlich nicht immer.

Die Verwendung von unter anderem ist eigentlich ganz einfach. Es ist eine feste adverbiale Wendung wie zum Beispiel von neuem, ohne weiteres, trotz allem und außerdem. Sie kann überall dort stehen, wo man auch das in der Bedeutung sehr ähnliche zum Beispiel verwenden kann.

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. Die Unterscheidung von Konkreta und Abstrakta spielt unter anderem in der Syntax eine Rolle.
  3. Auf diese Weise soll unter anderem die Abwanderung deutscher Studierender an ausländische Hochschulen verhindert werden.
  4. Er hat mich unter anderem beschimpft und einen Lügner genannt.
  5. Das Thema wird unter anderem von Frau Dr. Mayer behandelt.
  6. An der Veranstaltung sprach unter anderem Frau Dr. Mayer.
  7. Zu den Besuchern gehörte unter anderem auch sein Bruder.

In all diesen Fällen kann unter anderem problemlos durch zum Beispiel ersetzt werden. In all diesen Fällen ist die unpersönliche adverbiale Wendung unter anderem als korrekt anzusehen. (Siehe aber unten die stilistische Anmerkung.)

Bei der Verwendung von unter anderen gibt es mehr Einschränkungen, denn anderen in unter anderen ist nicht unpersönlich, sondern es steht stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv. Anders gesagt: Die Formulierung unter anderen ist nur dann möglich, wenn man nach anderen ein Substantiv ergänzen kann und dieses Substantiv eine Gruppe von gleichartigen Dingen oder Leuten bezeichnet, zu denen das Genannte/ die genannte Person auch gehört.

Bei den oben stehenden Sätzen ist das in den folgenden Fällen möglich:

  1. Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
    Vgl.: Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderen [Artikeln] Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  2. An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
    Vgl.: An der Veranstaltung sprach unter anderen [Sprecherinnen] Frau Dr. Mayer.
  3. Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.
    Vgl.: Zu den Besuchern gehörte unter anderen [Besuchern] auch sein Bruder.

Bei den anderen Beispielsätzen, insbesondere 2. bis 4., kann kein solches Substantiv ergänzt werden und ist unter anderen deshalb ausgeschlossen.

Ein Zweifelsfall ist auf den ersten Blick der fünfte Satz:

  1. Das Thema wird unter anderem/anderen von Frau Dr. Mayer behandelt.

Wenn gesagt werden soll, dass neben anderen Personen auch Frau Dr. Mayer das Thema behandelt, ist hier nur unter anderem möglich. Man kann nämlich nicht in dieser Weise ergänzen:

  • *Das Thema wird unter anderen [Sprecherinnen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Möglich ist diese Formulierung:

  • Das Thema wird von, unter anderen [Sprecherinnen], Frau Dr. Mayer behandelt.

Oder eventuell auch diese, aber mit anderer Bedeutung:

  • Dieses Thema wird unter anderen [Themen] von Frau Dr. Mayer behandelt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter anderem immer dann geht, wenn auch zum Beispiel stehen kann. Im Gegensatz dazu kann unter anderen nur dann verwendet werden, wenn es stellvertretend für ein bestimmtes Substantiv im Plural steht.

Dann noch eine letzte Bemerkung: Wenn grammatisch beides geht, genießt stilistisch gesehen bei Dingen oft unter anderem und bei Personen meist unter anderen den Vorzug:

  • Es stellte sich heraus, dass die Artikel – unter anderem Brillen und Drogerieartikel – in verschiedenen Geschäften gestohlen worden waren.
  • An der Veranstaltung sprach unter anderen Frau Dr. Mayer.
  • Zu den Besuchern gehörte unter anderen auch sein Bruder.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Deine Opa und Oma – ganz ohne Wiederholung geht es nicht.

Frage

Wie heißt es: „dein XY und dein AZ“ oder „deine XY und AZ“? Beide sind männlich.

Antwort

Sehr geehrter Herr E.,

Sie sollten hier „dein“ wiederholen:

dein Sebastian und dein Tom

Wenn man bei zwei Nomen ein gemeinsames Artikelwort weglässt, fasst man die beiden Nomen zu einer Einheit zusammen. Bei Personen läuft das in der Regel darauf hinaus, dass man beim Weglassen eines gemeinsamen Artikelwortes mit beiden Nomen ein und dieselbe Person bezeichnet. Ein Beispiel:

dein Freund und dein Nachbar (oft zwei Personen)
dein Freund und Nachbar (eine Person)

der italienische Unternehmer und der italienische Politiker (oft zwei Personen)
der italienische Unternehmer und Politiker (eine Person)

Die folgenden Formulierungen sind deshalb nicht möglich, wenn es sich um zwei Personen handelt (und bei einer Person äußerst befremdlich)

*dein Sebastian und Tom
*lieber Sebastian und Tom

Man kann auch nicht zwei in der Einzahl stehende Nomen mit einem Artikelwort in der Mehrzahl verwenden, das sich auf beide Nomen beziehen soll:

nicht: *Deine Freund und Lehrer haben dir gratuliert.
sondern: Dein Freund und dein Lehrer haben dir gratuliert.

Entsprechend heißt es besser nicht:

*deine Sebastian und Tom
*liebe Sebastian und Tom

sondern eben:

dein Sebastian und dein Tom
lieber Sebastian, lieber Tom

Zusammenfassen ließen sich die beiden Namen zum Beispiel so:

deine Freunde/Kollegen/Nachbarn Sebastian und Tom

Wenn XY und AZ weiblich sind, funktioniert es genau gleich:

deine Freundin und Nachbarin (eine Person)
deine Freundin und deine Nachbarin (oft zwei Personen)

nicht: *Deine Freundin und Lehrerin haben dir gratuliert.
sondern: deine Freundin und deine Lehrerin haben dir gratuliert.

nicht: *deine Sandra und Jasmin /  *liebe Sandra und Jasmin
sondern: deine Sandra und deine Jasmin / liebe Sandra, liebe Jasmin

Und auch bei gemischtgeschlechtlichen Grüßen sollte man nicht zusammenfassen:

nicht: *deine Oma und Opa
sondern: deine Oma und dein Opa

Manchmal geht es eben nicht ohne Wiederholung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Sprachler und Artikelschreiber Dr. Bopp

Von oder vom Schwager Albert

Frage

Heißt es „von“ oder doch „vom“?

Von/Vom Schwager Albert borgten wir ein hochwertiges Fernglas aus Armeebeständen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich. Wenn Sie von Schwager Albert schreiben, ist die Verwandtschaftsbezeichnung Schwager Teil des Namens. Wenn Sie vom Schwager Albert sagen, ist Schwager nicht Teil des Namens, sondern der Name ist eine genauere Angabe, um welchen Schwager es sich handelt.

Etwas „grammatischer“ gesagt: In der Formulierung ohne Artikel ist der Personenname der Kern der Wortgruppe und die Verwandtschaftsbezeichnung eine Apposition. Eine Apposition ist ein nähere Bestimmung (ein Attribut) in der Form eines Substantivs oder einer Substantivgruppe. In der Formulierung mit Artikel (vom = von dem) ist umgekehrt die Verwandtschaftsbezeichnung der Kern der Wortgruppe und der Personenname ist eine Apposition. Weglassbar ist (standardsprachlich) jeweils die Apposition:

Anwesend war auch [Schwager] Albert.
Anwesend war auch mein Schwager [Albert].
Es geht auch ohne [Schwager] Albert.
Es geht auch ohne den Schwager [Albert].
Wir haben das Fernglas von [Schwager] Albert geborgt.
Wir haben das Fernglas vom Schwager [Albert] geborgt.

Am deutlichsten wird der Unterschied im Genitiv:

[Schwager] Alberts Fernglas
das Fernglas des Schwagers [Albert]

Das Ganze funktioniert übrigens auch mit Titeln, Berufsbezeichnungen usw.

Anwesend war auch [Trainer] Uli Forte.
Anwesend war auch der Trainer [Uli Forte].
Sie spielen ohne [Stürmerin] Maya Groß.
Sie spielen ohne die Stürmerin [Maya Groß].
Sie sprachen mit [Anwalt] K.
Sie sprachen mit dem Anwalt [K.].
nach Aussage der Bundeskanzlerin [Merkel]
nach [Bundeskanzlerin] Merkels Aussage

Vgl. auch hier und hier.

So einfach können manchmal der Kern der Wortgruppe und die nähere Bestimmung die Stellung wechseln. Je nach Kontext wählen Sie die eine oder die andere Formulierung. Möglich sind wie in Ihrem Beispiel oft beide. Sie können Ihre Fragen also gerne an Linguist Stephan Bopp oder an den Linguisten Stephan Bopp richten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Werde haben geliebt werden wollen

Manche Fragen können nur von besonders eifrigen Deutschlernenden oder eventuell von sehr an Regeln und Tabellen interessierten Muttersprachigen gestellt werden. Mir wäre sie jedenfalls spontan nicht in den Sinn gekommen.

Frage

Ein ausländischer Bekannter fragt: „Warum ist die Wortstellung im Futur II Aktiv Modalverben + haben (ich werde geliebt werden wollen haben), aber im Aktiv genau umgekehrt, haben + Modalverben (ich werde haben lieben wollen)?“ Und ich ergänze: Hat er überhaupt Recht?

Antwort                                                        

Sehr geehrter Herr W.,

wenn diese Formen verwendet würden, sähen sie so aus:

Ich werde haben lieben wollen.
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Gemäß der üblichen Wortstellung für den Ersatzinfinitiv bei Modalverben sollte das Hilfsverb haben, von dem das Modalverb abhängig ist, m. E. in beiden Fällen nicht am Schluss, sondern am Anfang der abschließenden infiniten Verbgruppe stehen.

nicht: (werde) geliebt werden wollen haben
sondern: (werde) haben geliebt werden wollen

Aber – und hier kommt das große Aber – insbesondere der zweite Beispielsatz ist eine rein akademische Übung. Niemand verwendet das Futur II Passiv mit Modalverb, weil die Form auch für Muttersprachige nicht mehr zu handhaben ist. Eine finite und vier infinite Wortformen kann kaum jemand ohne längere Überlegung in (irgend)eine vernünftige Reihenfolge bringen.

Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass andere bei dieser theoretischen Übung zu einem anderen als dem oben gezeigten Resultat kommen. Die Regel lässt sich nämlich nicht anhand der Sprachrealität überprüfen, das heißt, es ist nicht möglich, festzustellen, ob die vorgeschlagene Form auch wirklich regelmäßig so vorkommt.

Besser ist hier immer der Ersatz durch eine andere Formulierung. Zum Beispiel:

Ich werde gewollt haben, dass ich geliebt werde.
Ich habe wahrscheinlich geliebt werden wollen.
statt
Ich werde haben geliebt werden wollen.

Es wird nötig sein gewesen, die Waschmaschine zu reparieren.
Die Waschmaschine hat wahrscheinlich repariert werden müssen.
statt
Die Waschmaschine wird haben repariert werden müssen.

Es wird nicht möglich sein gewesen, diese Form zu bilden.
Diese Form hat wahrscheinlich nicht gebildet werden können.
statt
Diese Form wird nicht haben gebildet werden können.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ich eins nicht bin, dann …

In letzter Zeit scheinen viele Fragesteller und Fragestellerinnen mit der Verneinung zu hadern, vor allem der doppelten. Deshalb heute noch einmal das Thema Verneinung

Frage

Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm. Doppelte Verneinung oder nicht?

Antwort

Guten Tag R.,

beim Thema Verneinung muss man manchmal aufpassen, dass man eher sprachlich als mathematisch vorgeht. Während minus mal minus in der Mathematik immer plus ist (so weit ich das gelernt und verstanden habe), heben sich zwei nebeneinander erscheinende Verneinungen nicht immer auf. Und nun zu Ihrer Frage:

Nur einmal nicht steht normalerweise in diesen Fällen:

Wenn ich eins nicht bin, dann dumm.
Wenn ich eins nicht bin, dann ist es dumm.

Nach dann folgt in diesen Aussagen die Angabe, was mit eins gemeint ist, und eins steht hier für dumm, nicht für nicht dumm. Deshalb sollte man vor allem beim zweiten Satz besser nicht sagen:

Wenn ich eins nicht bin, dann ist es nicht dumm.

Man könnte dann nämlich nicht ganz zu Unrecht verstehen, dass ich nicht nicht dumm, also dumm bin. (Allerdings erschließt sich in der Regel aus dem Kontext klar, was gemeint ist.)

In Ihrem Beispielsatz folgt aber nach dann nicht einfach die Angabe, was mit eins gemeint ist. Nach dann wird der ganze Satz wiederholt. In der Wiederholung wird eins durch die Angabe ersetzt, was damit gemeint ist: dumm. Und weil die ganze Satzkonstruktion wiederholt wird, muss auch die Verneinung nicht wiederholt werden:

 Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm.

Sie können es auch mit diesen Konstruktionen vergleichen:

Was bin ich nicht? – Dumm.
Was bin ich nicht? – Ich bin nicht dumm.

Es handelt sich in Ihrem Beispielsatz also nicht um eine doppelte Verneinung, sondern um eine wiederholte einfache Verneinung.

Und weil es hier heute eins nicht ist, nämlich kühl, höre ich nun lieber auf, bevor mir die doppelten und wiederholten nicht durcheinandergeraten und die Finger von der Tastatur rutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll zu Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer

Keine Angst, ich werde keine gesellschaftskritische Kolumne beginnen! Es geht auch hier um Grammatik: Ein nicht mehr ganz taufrisches Zitat wirft Kongruenzfragen auf.

Frage

„Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?“ Muss es nicht „sind“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

die Einzahl ist ist hier richtig. Wenn mit und verbundene Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann das Verb entgegen der Grundregel auch in der Einzahl stehen (vgl. hier). Häufig stehen die Substantive dann wie hier ohne Artikel.

Das Subjekt ist hier „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“. Es wird mit  „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ in Verbindung gebracht und wie dieses als ein Motto oder eine Lebenseinstellung aufgefasst:

„Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ war das Motto. Heute ist das Motto „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“.

Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?

Die Mehrzahl sind ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, ich fände sie hier aber stilistisch weniger gut. Ähnliche Formulierungen:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war die Losung der Französischen Revolution.
Brot und Spiele funktioniert auch heute noch.
Jung und Alt kann hiervon profitieren.

Und wenn Sie sich immer noch nicht ganz mit der Einzahl anfreunden können, helfen in Ihrem Beispiel vielleicht Anführungszeichen dabei, das ist etwas leichter verdaulich zu machen:

Wann genau ist aus „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ eigentlich „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“ geworden?

Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen übrigens schuldig bleiben. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll war nie mein Lebensmotto und andererseits esse ich Fleisch, vertrage ich zum Glück Milch und bin ich, wenn ich wählen kann, doch eher für Rock ’n’ Roll als Helene Fischers Schlager.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Wenn der Traum erfüllt würde – oder erfüllt werden würde?

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, welcher von diesen zwei Sätzen richtig ist (es handelt sich um einen Passivsatz im Konjunktiv II):

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Man kann es natürlich umformulieren („Es wäre so schön, wenn dieser Traum in Erfüllung gehen könnte / ginge“), aber ich würde gern wissen, ob dieses „werden würde“ richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

der Unterschied zwischen erfüllt würde und erfüllt werden würde besteht darin, dass die erste Form ein Präsens und die zweite Form ein Futur ist. Da im Deutschen etwas Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird (Ich fahre morgen weg = Ich werde morgen wegfahren; vgl. hier), sind beide Sätze richtig. Beginnen wir der Einfachheit halber im Indikativ. Die folgenden Sätze haben ungefähr dieselbe Bedeutung:

Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt wird.
Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt werden wird.

Wenn wir diesen Gedanken nun als sogenannten irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv II formulieren, ergeben sich entsprechend zwei Formulierungsmöglichkeiten, die ebenfalls mehr oder weniger dasselbe ausdrücken:

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Im Passiv wird häufig das Präsens gewählt, wenn etwas Zukünftiges gemeint ist. Damit kann man das etwas schwerfällige doppelte Auftreten des Hilfsverbs werden – einmal für das Passiv und einmal für das Futur – vermeiden. Formen wie werden wird und werden würde sind aber keineswegs falsch oder grundsätzlich „schlechter“ als die einfachen Formen!

Manchmal gibt es kaum einen Unterschied:

Das Haus wird morgen abgebrochen werden.
Das Haus wird morgen abgebrochen.

Manchmal sind die „langen“ Formen wirklich etwas zu schwerfällig:

Mülltonnen, die am Donnerstag geleert werden würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt werden.
Mülltonnen, die am Donnerstag geleert würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt.

Umgekehrt drücken die „kurzen“ Formen manchmal den Aspekt des Zukünftigen nicht deutlich genug aus. Die erste der beiden folgenden Formulierungen gibt deutlicher an, dass das Problem nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft nicht gelöst werden wird:

ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst werden wird
ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst wird

Ob man in einem Satz zweimal das Hilfsverb werden verwendet oder es einmal fallen lässt, ob Sie also erfüllt würde oder erfüllt werden würde wählen, ist somit vielmehr eine stilistische als eine grammatische Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hallo alle!

Frage

Ist die Begrüßung „hallo alle“ richtiges und gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ob hallo alle richtiges und gutes Deutsch ist, hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. Als Begrüßung ist es standardsprachlich nicht üblich und in einer formelleren Umgebung auch nicht zu empfehlen. In einer informellen Situation unter Freunden und guten Bekannten gibt es meiner Meinung nach nichts dagegen einzuwenden.

Rein grammatisch folgt nach hallo die Angabe der oder des Begrüßten, und zwar im Nominativ. Zum Beispiel:

Hallo, liebe Nachbarinnen und Nachbarn!
Hallo, mein lieber Schatz!
Hallo, du kleiner Stinker!

Wenn man bei der Begrüßung alle meint, ist also hallo alle grammatisch gesehen korrekt:

Hallo[,] alle!

Oder auch zum Beispiel:

Hallo, alle zusammen!
Hallo allerseits!

Ob diese Begrüßung üblich und passend ist, hängt wie oben bereits gesagt von der Situation und den beteiligten Personen ab. Was an einem Ort problemlos möglich ist, kann an anderer Stelle äußerst unpassend sein. Ob etwas richtiges und gutes Deutsch ist, hat oft nicht nur mit Grammatik, sondern auch mit Fingerspitzengefühl und Gewandtheit im gesellschaftlichen Umgang zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal verneint ist nicht doppelt verneint

Frage

Heute möchte ich mich mit einem für mich nicht ganz eindeutigen Fall der Verneinung an Sie wenden. Der Satz lautet:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, sowohl hier als auch in anderen Ländern.

Da im Deutschen im Gegensatz zu einigen anderen Sprachen ja die doppelte Verneinung eigentlich eine Bejahung bedeutet, sollte eigentlich die zweite Variante für die Aussage zutreffen, dass weder im In- noch im Ausland jemand daran glaubte. Mir scheint aber auch die erste Variante nicht abwegig.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es stimmt, dass im Deutschen – zumindest in seiner Standardvariante – die doppelte Verneinung zu einer bejahten Aussage führt:

Ich habe nie nichts gesagt.
= Ich habe immer etwas gesagt.

Sie haben niemandem nichts geglaubt.
= Sie haben allen etwas geglaubt.

Weder im In- noch im Ausland glaubte keiner daran.
= Sowohl im In- als auch im Ausland glaubte jemand daran.

Man formuliert deshalb korrekt ohne doppelte Verneinung:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als weder hier noch in anderen Ländern noch jemand daran glaubte.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als sowohl hier als auch in anderen Ländern keiner mehr daran glaubte.

Und trotzdem bin ich bei Ihrem Beispiel für die erste Variante:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

Das liegt nicht daran, dass ich mich plötzlich zur doppelten Verneinung bekehrt hätte. Nein, ich bin einfach der Meinung, dass hier keine doppelte Verneinung vorliegt, weil die Wortgruppe weder… noch… als Nachtrag sozusagen aus dem Satz ausgelagert wird. Die Verneinung im Satz hat deshalb keinen Einfluss mehr auf den Nachtrag. Der Nachtrag gehört nicht zu ihrem Wirkungsbereich, so dass die Verneinung im Satz und die Verneinung im Nachtrag einander nicht aufheben.

Ich weiß, dass dies keine wissenschaftlich fundierte Argumentation ist, aber so scheint es im Deutschen zu funktionieren: Nachträge zu etwas Verneintem gehören nicht mehr zum Wirkungsbereich der Verneinung und müssen deshalb ggf. ebenfalls verneint werden. Weitere Beispielpaare a) ohne Nachtrag und b) mit einem Nachtrag:

a) Sie hatte weder im Haus noch im Garten jemanden gesehen.
b) Sie hatte niemanden gesehen, weder im Haus noch im Garten.

a) Ich habe auch zu Hause nie geraucht.
b) Ich habe nie geraucht, auch nicht zu Hause.

a) Sie können nirgendwo jemanden für diese Aufgabe finden.
b) Sie können niemanden für diese Aufgabe finden, wirklich nirgendwo.

Ich hoffe, dass dies dazu beitragen kann, Ihre Zweifel an der Variante zu beseitigen, die Sie zu Recht für nicht abwegig halten. Es ist die richtige, weil ein Nachtrag separat verneint sein will. Zweimal verneint ist nicht immer doppelt verneint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp