Wenn ja und nein unklar werden: „halbverneinte“ Fragen

Frage

Lautet die Antwort auf die folgende Frage „Ja“ oder „Nein“?

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja. (Ja, das heißt es.)
– Nein. (Nein, er wurde nicht entlassen.)

Antwort

Guten Tag H.,

es ist besser, diese positiv eingeleitete Frage (heißt das?) mit verneintem Inhalt (er wurde nicht entlassen) nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Logisch Veranlagte können Ihnen sicher erklären, warum die eine oder die andere Antwort eindeutig ist, doch für die Normalsterblichen ist nicht immer klar, was mit der einfachen Antwort Ja oder Nein gemeint ist. Man kann ja nicht immer davon ausgehen, dass sowohl die fragende als auch die antwortende Person die Regeln der Logik so gut beherrschen. Und daran, was richtig wäre, hat man nicht viel, wenn man sicher sein will.

Hier ein paar Beispiele, wie eine Antwort verstanden werden kann:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja.
= Ja, das heißt, er wurde nicht entlassen.

Eine andere relativ eindeutige Antwort ist „doch“:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Doch.
= Doch, er wurde entlassen.

Bis hierher gibt es nicht viel Zweideutiges zu verzeichnen. Schwieriger wird es bei dieser Antwort:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Nein
= Nein, das heißt, er wurde entlassen.
= Nein, er wurde nicht entlassen.

Wird mit Nein geantwortet, kann man nicht sicher sein, ob diese Antwort den einleitenden Teil Heißt das? negiert oder den eigentlichen Inhalt der Frage er wurde nicht entlassen.

Beide Antwortvorschläge, die Sie in Ihrer Frage machen, sind also möglich:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja = Ja, das heißt es.
– Nein = Nein, er wurde nicht entlassen.

Dummerweise kann Nein aber auch bedeuten, dass er sehr wohl entlassen wurde (s. o.).

Die Antworten ja und doch sind hier ziemlich eindeutig. Man muss aber als normalbegabtes Mitglied der Sprachgemeinschaft doch kurz nachdenken, bis man das auch so interpretiert. Bei der Antwort nein ist meiner Meinung ganz einfach unklar, was ausgesagt werden soll. Es ist deshalb zu empfehlen, keine solchen „halbverneinten“ und allgemein keine verneinten Fragen zu stellen, wenn es um etwas Wichtiges geht. Und wenn jemand Ihnen doch eine Frage mit Verneinung stellt, ist es meistens besser, nicht nur mit Ja oder Nein zu antworten (siehe auch hier).

Oder finden Sie, dass ich nicht recht habe?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In den „Buddenbrooks“, in der „Verwandlung“ und im „Steppenwolf“

Frage

Meine Schüler haben mich gefragt, wie man mit Titeln umgeht, und zwar:

Das Ende des Fausts, des Faust, des „Faust“ oder von Faust?
In „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ oder in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“?
In „Die Buddenbrooks“ oder in den „Buddenbrooks“?
In „Die Verwandlung“ oder in der „Verwandlung“?
usw.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

Werktitel sind im Deutschen nicht „unantastbar“. Im Prinzip werden sie innerhalb eines durchlaufenden Textes gleich behandelt wie „normale“ Wortgruppen:

das Ende von „Faust“
in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus den „Buddenbrooks“
in der „Verwandlung“
in Kafkas „Verwandlung“
der Autor des „Steppenwolfs“
mit der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende
mit Michael Endes „Unendlicher Geschichte“

Sieh auch hier.

Häufig kommt heute aber auch die unveränderte Übernahme des Titels vor. Dann sollte man unbedingt Anführungszeichen (oder Kursivdruck) verwenden:

in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus „Die Buddenbrooks“
in „Die Verwandlung“
in Kafkas „Die Verwandlung“
der Autor von „Der Steppenwolf“
mit „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende
mit Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“

Wenn man den Titel nicht verändern möchte, ist es allerdings stilistisch häufig besser, zum Beispiel die Art des Werkes einzufügen:

im Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus Manns Werk „Die Buddenbrooks“
in der Erzählung „Die Verwandlung“
der Autor des Romans „Der Steppenwolf“
mit Michael Endes Jugendbuch „Die unendliche Geschichte“

Es gibt hier also wieder einmal mehr als eine Möglichkeit. Anders als viele meinen, darf und sollte man Werktitel u. Ä. in einem Text so abändern, dass sie in die Struktur des Satzes passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kennen, kennen lernen und die Verbzeiten

Frage

Ich bitte um Hilfe bei folgender Formulierung:

Nach ihrem Eintritt ins Kloster gratulierte Marius ihr zu ihrem kühnen Entschluss.
Er hatte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium gekannt.

Oder heißt es:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Grammatisch dürfte Plusquamperfekt richtig sein, es kommt mir hier aber sehr sperrig vor

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

mit dem Plusquamperfekt wird Vorzeitigkeit in Bezug auf etwas Vergangenes ausgedrückt. Ob es in Ihrem Satz die richtige Wahl ist, hängt also davon ab, ob wir es mit Vorzeitigkeit zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Deshalb steht hier besser die einfache Vergangenheitsform:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Zum Zeitpunkt des Gratulierens kennt er sie ja immer noch und zwar immer noch von der Zeit am Gymnasium. Es gibt also keinen Grund, Vorzeitigkeit durch das Plusquamperfekt auszudrücken.

Anders sieht es aus, wenn man kennen lernen statt kennen verwendet. Der Zeitpunkt des Kennenlernens ist vor dem Zeitpunkt des Gratulierens. Die Verwendung des Plusquamperfekts ist dann also gerechtfertigt:

Er hatte sie am Gymnasium kennen gelernt.

Der Unterschied zwischen dem zeitlich begrenzten kennen lernen und dem andauernden kennen kann also manchmal einen Einfluss auf die Wahl der Zeitform haben. Das ist nicht gerade eine sensationelle grammatische Entdeckung. Interessant finde ich aber im Zusammenhang mit kennen, kennen lernen und den Verbzeiten immer wieder den Vergleich mit Sprachen wie dem Französischen und dem Italienischen.

In den romanischen Sprachen geben die Verbzeiten der Vergangenheit anders als im Deutschen an, ob eine Handlung oder ein Zustand zeitlich begrenzt oder andauernd ist. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel im Französischen und Italienischen meist ein und dasselbe Verb für kennen und kennen lernen verwendet wird, nämlich connaître/conoscere. Was wir vor allem mit der Wortwahl ausdrücken müssen

kennen vs kennen lernen
a) Ich kannte sie nicht.
b) Ich lernte sie erst später kennen.

wird in diesen Sprachen meist rein grammatisch durch die Verbzeiten ausgedrückt:

imparfait vs passé composé
a) Je ne la connaissais pas.
b) Je l’ai connue seulement plus tard.

imperfetto vs perfetto
a) Non la conoscevo.
b) L’ho conosciuta solo più tardi.

Natürlich ist alles etwas komplexer. So gibt es im Französischen und Italienischen auch Wendungen für das zeitlich begrenzte kennen lernen (faire la connaissance de resp. fare la conoscenza di), dies unter anderem für den Fall, dass die Verbzeiten und/oder der Kontext nicht deutlich genug angeben, was genau gemeint ist. Interessant bleibt aber für mich immer wieder, wie verschiedene Sprachen ganz unterschiedliche Mittel einsetzen können, um dasselbe auszudrücken. Dank der klaren Funktion der Verbzeiten können das Französische und das Italienische hier mit einem Verb ausdrücken, wofür wir zwei verbale Ausdrücke brauchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mittel und Ursache: dadurch, dass

Frage

Was ist der Unterschied zwischen einem Nebensatz mit „indem“ und einem mit „dadurch, dass“? Meistens scheinen beide Konnektoren zu funktionieren. Manchmal aber klingt der Satz beim Austauschen komisch und es ist mir nicht klar warum.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

Austauschbarkeit ist sehr oft nicht „total“, weil sich die Bedeutung und Verwendung von zwei Wörtern, Begriffen oder Wendungen nur ganz selten genau decken. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie den Austausch von indem und dadurch, dass manchmal seltsam finden. Da Sie keine Beispiele angeben, muss ich allerdings raten, wann dies genau der Fall ist.

Es geht wahrscheinlich um den Unterschied zwischen einer bewusst und gezielt eingesetzten Handlung als Mittel und einer (externen) Ursache.

Mittel: Wenn im Nebensatz eine bewusste Handlung als Mittel ausgedrückt wird, kann sowohl dadurch, dass als auch indem stehen:

Man kann dadurch Geld sparen, dass man die Preise vergleicht.
Man kann Geld sparen, indem man die Preise vergleicht.

Preise vergleichen = Mittel

Ursache: Wenn im Nebensatz eine Ursache angegeben wird, kann ebenfalls dadurch, dass stehen. Dieses dadurch, dass kann aber nicht durch indem ersetzt werden. Dafür ist der Austauch durch weil möglich:

Sie haben dadurch Geld gespart, dass der Benzinpreis plötzlich sank.
nicht: Sie haben Geld gespart, *indem der Benzinpreis plötzlich sank.
sondern: Sie haben Geld gespart, weil der Benzinpreis plötzlich sank.

Sinken des Benzinpreises = Ursache

Man kann also dadurch, dass nicht immer durch indem ersetzen, weil dadurch, dass zwei unterschiedliche Bedeutungskomponenten hat: Mittel und Ursache. Im einen Fall lässt es sich durch indem ersetzen, im anderen durch weil. Hier noch ein paar ganz bescheidene Bespielsätze:

Dr. Bopp versucht Sprachinteressierten dadurch zu helfen, dass er Fragen zu Zweifelsfällen beantwortet.
Dr. Bopp versucht Sprachinteressierten zu helfen, indem er Fragen zu Zweifelsfällen beantwortet.

Man kann hier dadurch viel lernen, dass alles so deutlich erklärt wird.
Man kann hier viel lernen, weil alles so deutlich erklärt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Möge/möchte/solle – indirekte Bitten und Aufforderungen

Frage

Es geht um folgendes Problem: Ist es möglich, dass Wort „möchten“, wie es in „mögen sie mir bitte folgen“ gebraucht wird, in die Vergangenheit zu setzen? Oder anders ausgedrückt, ist dieser Satz richtig?

Aufgeregt stammelte er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen mochten.“

Der höfliche Aspekt des Wortes soll unbedingt erhalten bleiben.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Form möchten eignet sich hier sehr gut, um eine indirekte höfliche Bitte auszudrücken:

Aufgeregt stammelt er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen möchten.

Aufgeregt stammelte er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen möchten.

Man verwendet also auch in der Vergangenheit die umgelautete Form möchten und nicht mochten, um eine indirekte Bitte auszudrücken.

Im Allgemeinen werden indirekte Bitten mit dem Konjunktiv von mögen und indirekte Aufforderungen mit dem Konjunktiv von sollen ausgedrückt.

Sie begann mit den Worten, dass ich ihre Verspätung bitte verzeihen möge/möchte, meinte dann aber gleich, dass man ihr sofort etwas zu trinken bringen solle.

Die freundlichen Worten der Kellnerin, sie möchten sich bitte noch ein wenig gedulden, beruhigten die ungeduldig werdenden Gäste nur kurz.

Der Polizist herrscht die Neugierigen an, sie sollen/sollten mindestens fünf Meter zurücktreten.

Es gibt dabei keinen Bedeutungsunterschied zwischen dem Konjunktiv I und dem Konjunktiv II. Nur die folgenden starken Tendenzen sind zu beachten: Im Plural steht meistens möchten und in der dritten Person Einzahl meistens solle. Siehe auch hier.

Man begegnet dieser Art der indirekten Bitte oder Aufforderung übrigens nicht allzu häufig, weil sie sehr oft durch eine Infintivkonstruktion ausgedrückt wird:

Sie bat mich, ihre Verspätung zu verzeihen.
Die Kellnerin bat die ungeduldig werdenden Gäste, sich noch ein wenig zu gedulden.
Der Polizist befiehlt den Neugierigen, mindestens fünf Meter zurückzutreten.

Und wenn noch etwas unklar ist, können Sie also

  • mich bitten, ich möge/möchte alles besser erklären.
  • mich auffordern, ich solle/sollte alles besser erklären.
  • mich bitten/auffordern, alles besser zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf oder in die Ebene hinausreiten?

Frage

Ich brüte gerade über der Korrektur eines Textes und bin mir unsicher welche Variante folgenden Satzes korrekt ist:

Er bestieg sein Kamel und ritt in die Ebene hinaus.
oder
Er bestieg sein Kamel und ritt auf die Ebene hinaus.

Die Antwort eines Fachmanns auf diese Frage würde mir sehr weiterhelfen.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

bei der Wahl einer Präposition kommt es oft auf die gewählte Perspektive an. Bei einer Ebene kommen zwei Sehensweisen vor: Man kann die Sache sozusagen „vertikal“ betrachten und etwas auf einer Ebene platzieren. Es ist aber auch möglich, die Ebene als eine Fläche zu sehen, innerhalb derer etwas sich befindet.

etwas befindet sich auf einer Ebene
etwas befindet sich in einer Ebene

Entsprechend sind auch bei Ihrem Satz beide Formulierungen möglich und gebräuchlich:

Er ritt auf die Ebene hinaus.
Er ritt in die Ebene hinaus.

Nicht immer kommt das, was in dieser oder ähnlicher Weise theoretisch erklärt werden kann, auch tatsächlich in der Sprachrealität vor. So gilt das Gesagte zwar allgemein für „Ebene“, aber nicht immer und überall in gleichem Maße: So liegt zum Beispiel Padua fast immer in der Po-Ebene und kaum je auf der Po-Ebene, dafür wird häufiger auf einer Hochebene gewohnt als in einer Hochebene.

Auch sonst ist lange nicht immer alles üblich, was in dieser Weise erklärt werden könnte: So kann etwas auf dem Teller oder im Teller liegen, aber der Teller kann nur auf dem Tisch stehen. Eine Insel liegt mitten im Ozean, ein Schiff fährt mitten auf dem Ozean. Eine Kuh grast meist auf der Wiese und nur selten in der Wiese, ein Blümchen hingegen wächst häufiger in der Wiese als auf der Wiese. Ein Denkmal steht immer nur auf einem großen Platz oder nur in einem großen Park. Nicht immer sind beide Sehensweisen gebräuchlich oder gleich üblich, auch wenn sie theoretisch beide möglich sind.

Bevor ich Sie nun ganz verunsichere, sei noch einmal gesagt, dass Ihr Kamelreiter nach üblichem Sprachgebrauch sowohl in die Ebene als auch auf die Ebene hinausreiten kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird geklatscht, geholfen und gedankt, aber nicht gewachsen, geglichen und begegnet

Es gibt Sachen, die man einfach richtig macht. Schwierig werden sie erst, wenn man sie zum Beispiel Deutschlernenden erklären soll. Eine solche Frage stellt Frau K. aus Russland.

Frage

Den Satz „Dem Arzt wird von den Patienten gedankt“ gebraucht man in der normalen Sprache selten oder vielleicht nie, aber grammatisch ist es doch möglich und richtig, oder? Warum ist es dann falsch, zu sagen „Dem Arzt wird von den Patienten begegnet“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nicht alle Verben können ins Passiv gesetzt werden. Im Allgemeinen können alle transitiven Verben, also Verben mit einem Akkusativobjekt, im Passiv stehen. Bei Ihren Beispielen handelt es sich aber um Sätze mit intransitiven Verben, das heißt Verben ohne ein Akkusativobjekt. Intransitive Verben können ebenfalls im Passiv stehen, aber nur dann, wenn das zu ihnen gehörende Subjekt der eigentliche Verursacher der Verbhandlung ist. Ein paar Beispiele können diese theoretische Beschreibung vielleicht ein bisschen verdeutlichen.

Bei den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt der eigentliche Träger oder Verursacher der Handlung. Das Subjekt klatscht, hilft, sorgt oder dankt bewusst und aktiv:

A: Die Zuschauer klatschen.
P: Es wird (von den Zuschauern) geklatscht.

A: Sie hilft der Nachbarin.
P: Der Nachbarin wird (von ihr) geholfen.

A: Der Vater sorgt für die Kinder.
P: Für die Kinder wird (vom Vater) gesorgt.

Ebenso:
A: Die Patienten danken dem Arzt.
P: Dem Arzt wird (von den Patienten) gedankt.

In den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt nicht der eigentliche Verursacher der Verbhandlung. Das Wachsen, Gleichen, Enden oder Begegnen ist hier keine bewusste und aktive Handlung des Subjekts:

A: Das Gras wächst schnell.
nicht: *Es wird vom Gras schnell gewachsen.

A: Sie gleicht ihrer Schwester.
nicht: *Ihrer Schwester wird von ihr geglichen.

A: Diese Substantive enden auf -ung.
nicht: *Von diesen Substantiven wird auf -ung geendet.

Ebenso:
A: Die Patienten begegnen dem Arzt.
nicht: *Dem Arzt wird von den Patienten begegnet.

Nur Verben mit einem aktiven Subjekt können also ins Passiv gesetzt werden. Eine Übersicht und weitere Beispiele finden Sie hier.

Man kann viele Verben ins Passiv setzen, aber das gilt nicht für alle. Oder im Passiv ausgedrückt: Viele Verben können ins Passiv gesetzt werden, aber es wird nicht für alle …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Subjekt und Pronomen um den Vorrang ringen

Wenn es um Fragen der Wortstellung im deutschen Satz geht, sollten Muttersprachige dem lieben Herrgott auf Knien dafür danken, dass sie sich nicht bewusst damit herumschlagen müssen! Was wir normalerweise intuitiv richtig machen, ist für Deutschlernende – und Deutschlehrende! – oft alles andere als einfach. Hier ein ganz kleiner Einblick anhand von Herrn B.s Frage:

Frage

Welcher Regel unterliegt die Satzgliedreihenfolge des hervorgehobenen Abschnitts bei:

Das ist der Mann, von dem mir meine Nachbarin viel erzählt hat.
Das ist der Mann, von dem meine Nachbarin mir viel erzählt hat.

Wenn ich meine Nachbarin durch sie ersetze, können Subjekt und Dativobjekt nicht mehr die Plätze tauschen:

Das ist der Mann, von dem sie mir viel erzählt hat.
falsch: Das ist der Mann, von dem mir sie erzählt hat.

Was ist hier die Regel?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Regeln der deutschen Wortstellung sind bis auf wenige Ausnahmen keine festen Regeln, sondern mehr oder weniger starke Tendenzen. Komplizierend kommt hinzu, dass diese Tendenzen zum Teil widersprüchlich sind. Das ist auch hier der Fall. Im ersten Satz sind beide Wortstellungen möglich, weil hier zwei starke Tendenzen aufeinandertreffen.

Tendenz A*: Das Subjekt steht im Mittelfeld an erster Stelle.

Gestern hat mein Freund[Subj.] ein neues Smartphone[Akkusativobj.] gekauft.
Plötzlich musste ein Autofahrer[Subj.] dem Lastwagen[Dativobj.] ausweichen.
…, weil die Tochter[Subj.] den Eltern[Dativobjekt] das Kind[Akkusativobj.] verheimlicht hatte.

Tendenz B*: Pronomen steht vor Nomen.

Paula hat ihm[Pron.] die Bücher[Nomen] geschenkt.
Paula hat sie[Pron.] ihrem Freund[Nomen] geschenkt.
Die Tochter hatte es[Pron.] den Eltern[Nomen] verheimlicht.
Die Tochter hatte ihnen[Pron.] das Kind[Nomen] verheimlicht.

Wenn wir nun diese beiden Tendenzen im ersten Satz so wirken lassen, dass Tendenz A gewinnt, sieht er so aus:

Das ist der Mann, von dem meine Nachbarin[Subj.] mir[Obj.] erzählt hat.

Gewinnt hingegen die ungefähr gleich starke Tendenz B, erhalten wir diese Wortfolge:

Das ist der Mann, von dem mir[Pron.] meine Nachbarin[Nomen] erzählt hat.

Beim Ihrem zweiten Beispielsatz sind beide Satzglieder Pronomen. Die Tendenz B (Pronomen vor Nomen) hat deshalb ausgespielt und es wirkt nur noch die Tendenz A (Subjekt an erster Stelle):

Das ist der Mann, von dem sie[Subj.] mir[Dativobj.] erzählt hat.
nicht: Das ist der Mann, von dem mir sie erzählt hat.

Während im ersten Satz zwei  starke, einander widersprechende Tendenzen zu zwei möglichen Wortstellungen führen, wirkt im ersten Satz nur eine starke Tendenz und ist deshalb nur eine Wortstellung möglich. In der Theorie sieht es also relativ einfach aus. Im praktischen Sprachgebrauch ist es aber schwierig bis unmöglich, während des Formulierens bewusst solche Entscheidungen zu treffen – zumal Tendenz A und B bei Weitem nicht die einzigen sind!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Es steht hier Tendenz und nicht Regel. Andere Wortstellungen sind also nicht prinzipiell ausgeschlossen. Siehe zum Beispiel die Angaben auf den oben verlinkten Seiten.

Skepsis mit »wollen«

Frage

Wieder einmal habe ich eine Frage. Es geht um die Zeiten bei Modalverben:

Die Polizei will den Dieb festgenommen haben.

Zuerst dachte ich, das wäre einfach ein Perfekt mit Modalverb. Aber eigentlich wäre das dann ja die Struktur mit doppeltem Infinitiv (festgenommen haben wollen).

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es handelt sich hier um ein Modalverb im Präsens (will), das mit einem Infinitiv Perfekt steht (getan haben). 

Die Polizei will den Dieb festgenommen haben.

Gemeint ist: Die Polizei sagt, dass sie den Dieb festgenommen hat, aber der/die Schreibende ist skeptisch, ob das auch wirklich so ist. Mit wollen kann also eine Behauptung von Dritten zitiert und gleichzeitig mit dem Urteil „fraglich, zweifelhaft“ versehen werden. Siehe auch hier.

Kommen wir nun zu den Verbzeiten: Es geht hier um eine Behauptung in der Gegenwart (Präsens will), die sich auf etwas Vorzeitiges, das heißt etwas vorher Geschehenes, bezieht (Partizip Perfekt festgenommen haben). Weitere Beispiele:

Sie will nichts davon gewusst haben.
Der mutmaßliche Täter will den ganzen Abend zu Hause gewesen sein.

Wenn man in Ihrem Beispielsatz wollen ins Perfekt setzt, müsste der Satz so lauten:

Die Polizei hat den Dieb festgenommen haben wollen.

Das ist aber eine ungebräuchliche Formulierung. In der Vergangenheit heißt es eher:

Die Polizei wollte den Dieb festgenommen haben.
Sie wollte nichts davon gewusst haben.
Der mutmaßliche Täter wollte den ganzen Abend zu Hause gewesen sein.

Für Muttersprachige ist wollen mit der Bedeutung x sagt, aber ich finde es fraglich normalerweise kein Problem – außer vielleicht dann, wenn in einer Übung die Verbzeiten bestimmt werden sollen. Für Deutschlernende hingegen gilt, dass diese Verwendung von wollen gelernt sein will*.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Hier zeigt sich, dass wollen manchmal auch müssen ausdrücken kann!

Kunstzentrum Karlskaserne im Genitiv – mit oder ohne s?

Schon wieder der Genitiv!

Frage

Welche korrekten Möglichkeiten gibt es, wenn man mehrteilige Namen oder Firmenbezeichnungen wie etwa das Quartier 206, das Labor Wieden, das Kunstzentrum Karlskaserne etc. in den Genitiv setzt?

die Türen des Quartier 206 / des Quartiers 206 / des „Quartier 206“ …
die Errichtung des Kunstzentrum Karlskaserne / des Kunstzentrums Karlskaserne

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

mehrteilige Namen von Firmen, Instituten, Gebäuden usw. werden im Prinzip gleich gebeugt wie „normale“ Wortgruppen:

des Bahnhofs Zoo
des Theaters an der Wien
des Hotels Sacher
des Nassauer Hofs
des Nationalparks Hohe Tauern

ebenso:

des Quartiers 206
des Labors Wieden
des Kunstzentrums Karlskaserne

Dies gilt insbesondere auch für längere Namen dieser Art:

des Gustav-Müller-Instituts zur modernen Wissenschaft
des Vereins für Deutsche Schäferhunde
des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft
des Verbundes Schweizer Reinigungsungsunternehmen

Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht. Es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Manchmal werden deshalb kürzere mehrteilige Eigennamen ähnlich wie einteilige Eigennamen mit Artikel nicht gebeugt:

des Bahnhof Zoo
des Theater an der Wien
des Hotel Sacher
des Nassauer Hof
des Nationalpark Hohe Tauern
des Quartier 206
des Labor Wieden
des Kunstzentrum Karlskaserne

Diese Formulierungen sind meist weniger üblich als diejenigen mit einer Genitivendung. Sie kommen aber relativ häufig vor, so dass ich sie nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen kann. Ich würde hier allerdings immer die gebeugte Variante als die bessere empfehlen.

Manchmal ist das Vorkommen der endungslosen Form in der geschriebenen Sprache dadurch zu erklären, dass man meint oder gar behauptet, man dürfe Eigennamen nicht verändern. Das ist nicht der Fall! Mehrteilige Eigennamen können resp. sollten (auch in Anführungszeichen) gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp