Shoppen, stöbern und schenken

Die Adventszeit steht schon wieder vor der Tür. Dazu passend heute eine Frage mit den Verben shoppen, stöbern und schenken.

Frage

Wie ist es richtig?

Shoppen, stöbern und schenken machen Spaß
oder:
Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Oder geht beides, je nachdem, ob man „Shoppen stöbern und schenken“ als singularisches oder mehrteiliges Subjekt auffasst?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es gibt hier mehr als eine mögliche Formulierung und Schreibweise. Die Infinitive können nämlich als Verbformen oder als Substantive interpretiert werden.

Im ersten Fall, das heißt wenn die Infinitive als Verbformen angesehen werden, schreibt man sie klein und das Verb steht im Singular

a) Shoppen, stöbern und schenken macht Spaß.

Am besten sieht man den verbalen Charakter vielleicht, wenn man mit diesen Sätzen vergleicht:

Zu shoppen, zu stöbern und zu schenken macht Spaß.
Lange shoppen, intensiv stöbern und liebevoll schenken macht Spaß.

Wenn man die Infinitive als substantiviert ansieht, schreibt man sie groß. Die drei substantivierten Infinitive bilden dann ein mehrteiliges Subjekt. Bei einem mehrteiligen Subjekt steht das Verb normalerweise im Plural:

b) Shoppen, Stöbern und Schenken machen Spaß.

Doch wie so oft gibt es Ausnahmen: Wenn die Teile eines mehrteiligen Subjekts Infinitive sind, wird häufig von der Grundregel abgewichen (wahrscheinlich weil substantivierte Infinitive eine starke verbale Prägung haben und sie Verbformen resp. Infinitivgruppen z. T. sehr ähnlich sind). Das Verb steht dann nämlich häufig im Singular (vgl. hier):

c) Shoppen, Stöbern und Schenken macht Spaß.

Auch hier folgen zwei andere Formulierungen, die den substantivischen Charakter besser erkennen lassen sollten:

Das Shoppen, das Stöbern und das Schenken macht/machen Spaß.
Langes Shoppen, fröhliches Stöbern und liebevolles Schenken macht/machen Spaß.

Stilistisch gesehen gefallen mir die Variante a) oder die Variante c) mit dem Singular macht Spaß besser als die Formulierung b) mit machen Spaß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hände und Füße, beide oder beides?

Frage

Ist in folgendem Satz „wird beides“ oder „werden beide“ richtig?

Die Hände und die Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides / werden beide schnell wieder durchblutet und warm.

Antwort

Guten Tag H.,

ich halte hier nur wird beides für richtig (allerdings nicht für ein stilistisches Meisterwerk):

Hände und Füße können trotzdem kalt sein. Durch Reiben und Bewegung wird beides schnell wieder durchblutet und warm.

Bei der Erklärung, warum, bin ich allerdings ein wenig ins Schwimmen gekommen. Hier trotzdem ein Versuch:

Die Pluralform beide bezieht sich auf zwei Lebewesen oder Dinge. Wenn sie alleine steht, verweist sie – etwas gar mathematisch ausgedrückt – auf zwei X oder auf ein X und ein Y. Beim Lesen der Mehrzahlform erwarte ich also einen Verweis auf zwei Einheiten. Da Einheiten im Singular zu stehen pflegen, erwarte ich somit einen Verweis auf ein Substantiv im Plural (2 X) oder auf zwei Substantive, die im Singular stehen (1 X und 1 Y).

Die Väter sind beide gekommen.
Wir haben nur zwei Stühle und beide sind kaputt.

Der Vater und die Mutter, sie sind beide gekommen.
Wir haben nur einen Tisch und einen Stuhl und beide sind kaputt.

Bei Hände und Füße haben wir es aber mit zwei im Plural stehenden Substantiven zu tun. Dadurch „klemmt“ der Bezug: Welche beiden sind gemeint: zwei Hände, zwei Füße oder etwa eine Hand und ein Fuß? Dieses beide kann sich nicht auf Hände und Füße beziehen. Nicht möglich sind also Verweise wie diese:

*Die Väter und die Mütter waren beide anwesend.
*Wir haben Tische und Stühle und beide sind kaputt.
Hände und Füße sind kalt. *Durch Reiben und Bewegung werden beide wieder warm.

Diese Einschränkung ist übrigens rein Formal. Die Bezugswörter X und Y müssen nicht unbedingt eine individuelle Einheit darstellen. Es können auch Wörter wie Gruppe, Reihe, Paar usw. sein, die mehrere einzelne Elemente umfassen. Wichtig ist nur, dass sie im Singular stehen:

Gruppe A und Gruppe B stellen sich beide auf der rechten Seite auf.
Ich sah nur ein Paar Hände und ein Paar Füße, komischerweise beide auf gleicher Höhe.

Kommen wir nun zur Singularform beides. Mit ihr kann man zwei Größen, Umstände oder Sachverhalte zu einer Einheit zusammenfassen. Als Einschränkung gilt, dass sich beides nicht auf Lebewesen beziehen kann. Dafür ist es sonst freier in der Anwendung: Man kann es auch für im Plural stehende Substantive verwenden:

Der Tisch und der Stuhl, beides ist kaputt (o. beide sind kaputt).
Der Tisch und die Stühle, beides ist kaputt.

Isst du beides, den Apfel und den Keks?
Isst du beides, die Äpfel und die Kekse?

Hände und Füße sind kalt. Durch Reiben und Bewegung wird beides wieder warm.

Beide und beides; Plural und Singular; Personen, Dinge, Größen und Sachverhalte – so kompliziert kann es sein. Auch wenn man fast beides, Hände und Füße, braucht, um die Unterschiede zu erklären, sind beide und beides beim spontanen Sprechen und Schreiben in der Regel kein Problem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragende Aufforderungen und vorwurfsvolle Fragen

Frage

Folgende Frage konnte ich mit meinem Lehrbuch nicht beantworten. Daher schreibe ich Ihnen. Wieso kann ein Fragesatz auch ein Vorwurf sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau Y.,

ich vermute, dass es bei Ihrer Frage darum geht, dass man einen Satz, der wie eine Frage formuliert ist, nicht als Frage meint. Das hat damit zu tun, dass die Form eines Satzes nicht immer mit mit der Absicht übereinstimmt, mit der er geäußert wird.

Es gibt im Deutschen u. a. Aussagesätze, Fragesätze und Aufforderungssätze. Wie ihr Name sagt, werden sie in der Regel für Aussagen, für Fragen beziehungsweise für Aufforderungen verwendet:

Du schreibst alles auf.
Schreibst du alles auf?
Schreib alles auf!

So weit ist alles recht einfach. Nun ist es aber so, dass wir uns nicht immer an dieses strikte Schema halten. Wir verwenden Aussagesätze und Fragesätze für Aufforderungen, Aussagesätze für Fragen und Fragesätze für Aussagen. Nur die Aufforderungssätze bleiben in der Regel ihrer eigentlichen Aufgabe treu. Ein paar Beispiele:

Aussagesatz:

Aussage: Du gehst weg.
Frage: Du gehst schon weg?
Aufforderung: Du gehst sofort weg!

Fragesatz:

Frage: Gehst du weg?
Aufforderung: Gehst du jetzt weg!
Aufforderung: Würden Sie bitte weggehen? (der Höflichkeit zuliebe sogar mit Fragezeichen!)
Aussage: Wer hört schon auf mich? (rhetorische Frage = Niemand hört auf mich)

Und damit wären wir beim Kern Ihrer Frage: Fragesätze können auch als vorwurfsvolle Aussagesätze gemeint sein. Häufig stehen sie dann im Konjunktiv, der Indikativ kommt aber auch vor:

Hättest du nicht besser aufpassen können!
= Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert.

Hätten Sie nicht früher kommen können!
= Sie hätten früher kommen müssen.

Bist du bescheuert!
= Du bist bescheuert!

Auch wenn diese Sätze die Form einer Frage haben, muss man sie als Vorwurf verstehen. In der Schrift kann man diese Bedeutung mit einem Ausrufezeichen verdeutlichen.

Das alles klingt recht kompliziert und nicht allzu deutlich – und manchmal ist es das auch. Im Prinzip geben der Kontext und die Betonung (resp. in der Schrift Punkt, Frage- und Ausrufezeichen) an, was gemeint ist. Aber manchmal ist doch nicht ganz klar, ob zum Beispiel eine Aussage als Frage oder eine Frage als Vorwurf gemeint ist. Diese Subtilitäten bei der Formulierung – so schön sie auch sein können – gehören zu den Tücken der zwischenmenschlichen Verständigung. Das hat schon manchen Ärger verursacht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Verschwörer erbostes Geschrei und was daran stark ist

Frage

Ich habe zwei Fälle mit Genitiv, bei denen ich sehr unsicher bin, was nun korrekt wäre. Es geht eher in die freie literarische Richtung:

Es ertönt der Verschwörer erboste Geschrei.

Noch unsicherer bin ich mir hier:

ungeachtet des Monarchen hässlichen/hässlicher Visage

Ich tendiere zur ersten Variante, weil es ja auch heißt: „ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen“. Können Sie mir da vielleicht irgendwie weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

diese Art der Genitivkonstruktion ist außer bei Eigennamen veraltender oder poetischer Sprachgebrauch. Eine nähere Bestimmung im Genitiv (Genitivattribut) steht in der heutigen Sprache normalerweise nicht vor, sondern nach dem Wort, das sie bestimmt. Wenn Sie dennoch so formulieren möchten, dann wie folgt:

Es ertönt der Verschwörer erbostes Geschrei.
ungeachtet des Monarchen hässlicher Visage

Im ersten Satz ist es die starke Endung des sächlichen Nominativs Singular, im zweiten Beispiel ist er die starke Endung des weiblichen Genitivs Singular. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine starke Endung handelt. Die Adjektive stehen nämlich mit den entsprechenden schwachen Endungen e resp. en, wenn man das Ganze etwas moderner formuliert:

Es ertönt das erboste Geschrei der Verschwörer.
ungeachtet der hässlichen Visage des Monarchen

Worin liegt der Unterschied? Mit Artikel wird das Adjektiv schwach gebeugt:

das erboste Geschrei
(ungeachtet) der hässlichen Visage

Wenn Sie nun ein Genitivattribut voranstellen, ersetzt es den bestimmten Artikel das resp. der. Ohne einen zu ihm gehörenden Artikel wird das Adjektiv stark gebeugt:

der Verschwörer erbostes Geschrei
(ungeachtet) des Monarchen hässlicher Visage

Diese Wortstellung kommt heute vor allem mit Eigennamen vor:

Frau Boltes erbostes Geschrei
(wegen) Gollums hässlicher Visage

Siehe auch hier die Angaben zur starken Flexion unter „ohne Artikel“.

Ob ein Genitivattribut vor oder nach dem Substantiv steht, das es bestimmt, hat also ganz konkret auch einen Einfluss auf die Endung eines Adjektivs, das dasselbe Substantiv bestimmt. Um mit einem bescheidenen Beispiel zu schließen:

der tolle Service des Canoonet-Teams
Canoonets toller Service

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man stolz auf einen selbst sein?

Frage

Ist der Satz „Am Ende ist man stolz auf einen selbst“ grammatikalisch richtig oder muss es heißen „Am ist man stolz auf sich selbst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es sich in der dritten Person auf das Subjekt des Satzes bezieht. Das gilt auch dann, wenn das unpersönliche man Subjekt ist. In Ihrem Satz ist die Person, auf die man stolz ist, identisch mit dem Subjekt man. Das Pronomen, das nach auf folgt, bezieht sich somit auf das Subjekt. Die richtige Wahl ist hier deshalb sich (evtl. mit verstärkendem selbst), nicht einen selbst:

Am Ende ist man stolz auf sich [selbst].

Vgl.

Am Ende ist er/sie stolz auf sich [selbst].
Am Ende sind sie stolz auf sich [selbst].

Auch in den folgenden Beispielen steht nicht einen oder einem, sondern sich:

Vor dem Essen sollte man sich die Hände waschen.
(nicht: … sollte man einem selbst die Hände waschen)
Man darf sich nicht wundern, dass …
(nicht: Man darf einen selbst nicht wundern, dass …)
Wenn man mit sich und der Welt zufrieden ist …
(nicht: Wenn man mit einem selbst und der Welt zufrieden ist …)

Das unpersönliche Pronomen einen steht dann, wenn es sich nicht auf das Subjekt des Verbs bezieht:

Es darf einen nicht wundern, dass …
Man möchte ja, das jemand auf einen stolz ist.

Solche Formulierungen mit einen und einem werden heute allerdings von vielen vermieden, weil sie eine allgemein gemeinte Aussage mit einem rein männlichen Pronomen ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf/bei/über XY.de bestellen

Frage

Eine Frage zu Präpositionen in Bezug auf Websites:

Ich kaufe etwas auf otto.de
Ich kaufe etwas bei otto.de

Gibt es da einen entscheidenden Unterschied? Ist beides richtig?

Ich bestelle etwas bei otto.de
Ich bestelle etwas auf otto.de
Ich bestelle etwas über otto.de

Ist die Version mit „über“ umgangssprachlich?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

alles kommt vor und alles ist möglich. Welche Präposition man wählt, hängt vom Bild ab, das man sich von diesem Vorgang macht:

Ich kaufe/bestelle etwas auf Otto.de = auf der Website Otto.de
Ich kaufe/bestelle etwas bei Otto.de = beim Anbieter Otto.de

Die Formulierung mit über ist nicht umgangssprachlich, sie ist aber viel seltener und hat eine leicht andere Bedeutung:

Ich bestelle etwas über Otto.de = durch Vermittlung von Otto.de

Am häufigsten kommt bei diesen Webadressen die Präposition bei vor. Wir verwenden also trotz einer neuen, digitalen Einkaufsmethode am liebsten dieselbe Präposition wie beim althergebrachten „analogen“ Einkauf: Das bei von beim Bäcker, beim Supermarkt, bei Spar ist auch zu bei in bei Amazon.de, bei Neckermann.at oder bei Zalando.ch geworden.

Sprachliches finden Sie übrigens auf Canoonet oder bei Canoonet – und das kostenlos!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Liken, likte, gelikt

Diese Woche habe ich gelesen, dass am 5. Oktober eine Neuausgabe des „Van Dale Großen Wörterbuches der niederländischen Sprache“ vorgestellt wurde (Van Dale Groot woordenboek van de Nederlandse taal). Van Dale ist für die Niederländischsprechenden so etwas wie der Duden für den deutschen Sprachraum. Neben Wörtern wie zelfscankassa (Selbstscankasse), profielfoto (Profilbild) und twitteraar (Twitterer) hat es auch das für Facebook-Fans unentbehrliche Verb liken in dieses renommierte Wörterbuch geschafft. Das bringt mich dazu, wieder einmal eine Frage aufzugreifen, die immer wieder in Sprachforen u. Ä. auftaucht: Wie werden die konjugierten Verbformen von liken im Deutschen geschrieben?

Die Antwort ist ganz einfach, auch wenn sich nicht alle mit den Resultaten anfreunden können: Man nimmt die Grundform liken, schneidet die Endung en ab und hängt die regelmäßigen Verbendungen an:

liken
ich like, du likst, er likt
ich likte, du liktest, er likte
ich habe gelikt

Ganz ähnlich auch zum Beispiel:

biken, bikte, gebikt
dopen, dopte, gedopt
saven, savte, gesavt
stylen, stylte, gestylt
tunen, tunte, getunt

So funktioniert es im Deutschen, selbst wenn dabei manchmal Formen entstehen, bei denen man mindestens zwei Anläufe braucht, bis man sie richtig interpretiert hat. Weitere Beispiele stehen in einem schon ziemlich alten, aber wie man sieht immer noch recht aktuellen Blogartikel: Wie konjugiert man englische Verben im Deutschen?

Sie finden das Verb liken übrigens noch nicht in den Canoonet-Wörterbüchern. Das wird sich aber bei der nächsten Datenaktualisierung bestimmt ändern. Was den Niederländern und Flamen recht ist, soll es uns auch sein.

Wegen dem, wegen dessen, dessentwegen

Seit längerer Zeit ist der Genitiv im Blog nicht mehr zum Zuge gekommen. Das heißt aber nicht, dass es keine Fragen mehr zu diesem Thema gäbe!

Frage

„Ich war völlig verwirrt wegen dem, was ich erlebt hatte.“ Wie baut man denn hier einen korrekten Genitiv ein?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn es denn unbedingt der Genitiv sein muss:

Ich war wegen dessen völlig verwirrt, was ich erlebt hatte.
Wegen dessen, was sie gesagt hat, …

Die Wortgruppe wegen dessen klingt für mich aber ziemlich ungewöhnlich oder forciert genitivisch (vgl. auch wegen wessen). Sie wird auch nicht von allen als standarsprachlich akzeptabel angesehen.

Man kann stattdessen das schöne Wort dessentwegen verwenden:

Ich war dessentwegen völlig verwirrt, was ich erlebt hatte.
Dessentwegen, was sie gesagt hat, …

Das klingt für mich allerdings ziemlich gehoben und passt nicht in meinen alltäglichen Sprachgebrauch. Ich finde es deshalb meistens besser, eine andere Formulierung zu verwenden. Zum Beispiel:

Ich war wegen der Dinge, die ich erlebt hatte, völlig verwirrt.
Ich war dadurch völlig verwirrt, was ich erlebt hatte.
Was ich erlebt hatte, verwirrte mich völlig.

Dadurch, was sie gesagt hat, …

Und zuletzt noch dieses „Geständnis“: In der gesprochenen Spontansprache verwende ich bedenkenlos und ungeniert wegen dem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Achtfache als oder wie – oder was?

Frage

Wie heißt es richtig: das Achtfache als/wie bisher vermutet

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

standardsprachlich steht bei das X-fache weder als noch wie, sondern der Genitiv:

das Achtfache des bisher Vermuteten
das Achtfache dessen, was  bisher vermutet wurde

Einen „klassischen“ Vergleich formuliert man mit x-mal:

achtmal so viel wie bisher vermutet

Eine weitere Formulierung, der man häufiger begegnet, ist diese:

achtmal mehr als bisher vermutet

Doch damit sollten Sie vorsichtig sein, denn die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich höchsten in der Theorie, nicht jedoch in der Praxis darüber einig, was genau mit achtmal mehr gemeint ist: das Achtfache oder das Neunfache? Am besten vermeidet man deshalb Formulierungen der Art x-mal mehr als. Es gibt dann auch keine Diskussion darüber, ob die gemäß dem Zauberspiegel tausendmal schönere Königstochter namens Schneewittchen tausendmal so schön oder tausendundeinmal so schön ist wie die böse Märchenkönigin. Mehr dazu lesen Sie im schon etwas älteren Artikel „Schneewittchens tausendundeinfache Schönheit“ (und den dazugehörenden Kommentaren).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Finessen der Wortstellung: es dir empfehlen vs dir das empfehlen

Frau T.s Frage steht stellvertretend für die Schwierigkeiten, denen Lehrerinnen und Lehrer im DaF-Unterricht im Bereich der Wortstellung begegnen (DaF = Deutsch als Fremdsprache). Sie zeigt auch, wie wichtig in diesem Bereich gute, auf das Lernniveau abgestimmte Unterrichtsmittel sind, denn alles auf einmal „richtig“ und verständlich erklären kann niemand. Dafür ist die relativ freie, aber eben nicht ganz freie deutsche Wortstellung viel zu komplex.

Es folgt also keine umfassende Betrachtung eines bestimmten Phänomens, sondern nur zwei Beispiele, die aufzeigen, dass man bei der Bestimmung der deutschen Wortstellung manchmal auf ganz verschiedene Dinge achten muss. Wer es genauer wissen möchte, folgt den Links in die Grammatik.

Frage

Ich habe ein Problem, meinen DaF-Schülern den Satzbau korrekt zu erklären, denn jedes Mal wenn ich nach einem angeblich immer korrekten Schema arbeite, kann ich es gleich mit einem meiner Meinung nach richtigem Beispiel widerlegen.

Korrekt laut Lehrbuch:

Ich kann dir das empfehlen.
Subjekt + Modalverb + Dativ + bekanntes Objekt + Verb

Meiner Meinung nach ebenso korrekt, aber nicht dem Schema entsprechend ist diese Formulierung:

Ich kann es dir empfehlen.
Subjekt + Modalverb + bekanntes Objekt + Dativ + Verb

Auch laut Lehrbuch korrekt:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
Subjekt + Verb + Dativ + Objekt + Adverbialbestimmung

Aber dann:

Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.
Subjekt + Verb + Dativ+ Adverbialbestimmung + Objekt

Ich wäre dankbar zu wissen, auf welchen Regeln dies beruht, um meine Schüler nicht zu verunsichern. Deutsch zu lernen, ist schon schwer genug.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

die Wortstellung des Deutschen ist deshalb so schwierig zu vermitteln, weil es nur wenige wirklich feste Regeln gibt. Es gibt vor allem mehr oder weniger starke Tendenzen. Deshalb finden Sie zu beinahe jeder „festen“ Regel meist mühelos Gegenbeispiele. Die Regeln und Tendenzen sind auch viel komplexer, als sie in Lehrmitteln dargestellt werden können.

Eine Übersicht über die wichtigsten Tendenzen finden Sie hier.

Beim ersten Beispiel, das Sie anführen, spielt für die Wortfolge nicht nur die Art der Satzglieder eine Rolle, sonder vor allem die Tatsache, dass es sich um Pronomen handelt. Die Personalpronomen, das Reflexivpronomen sich und das Indefinitpronomen man stehen nämlich in der Regel vor Nomen und anderen Pronomen:

Ich kann dir das Buch empfehlen.
Ich kann dir das empfehlen.

Das Personalpronomen dir steht vor das. (Vgl. hier.)

Wenn wie in Ihrem „Gegenbeispiel“ zwei Personalpronomen vorhanden sind, kommt der Akkusativ vor dem Dativ:

Ich kann es dir empfehlen.

Das Personalpronomen im Akkusativ es steht vor dem Personalpronomen im Dativ dir. (Siehe hier unter „Pronomen: Akkusativobjekt vor Dativobjekt“.)

Bei Ihrem zweiten Beispiel spielt die Art der Adverbialbestimmung eine Rolle:

Ich schenke meinem Vater ein Handy zum Geburtstag.
oder
Ich schenke meinem Vater zum Geburtstag ein Handy.
aber nur
Ich schenke meinem Vater morgen ein Handy.

Die Schwierigkeit ist hier, dass zum Geburtstag als sogenannte gebundene Adverbialbestimmung angesehen werden kann, aber auch als freie Adverbialbestimmung. Als gebundene, das heißt fest zu schenken gehörende Adverbialbestimmung steht zum Geburtstag am Schluss. Als freie Adverbialbestimmung steht es wie die freie Adverbialbestimmung morgen vor dem unbestimmten Objekt ein Handy. (Siehe hier.)

Die Art des Satzgliedes, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, die Wortart (Personalpronomen oder Nomen resp. anderes Pronomen) und die Art der Bindung der Adverbialbestimmung (frei oder gebunden), all diese Aspekte spielen bei der Wortstellung in Ihren eigentlich ganz einfachen Beispielsätzen eine Rolle! Versuchen Sie also nicht, den Schülern eiserne, immer gültige Regeln zu vermitteln, denn es gibt sie kaum. Es ist vielleicht besser, ihnen „nur“ mit Hilfe des Lehrwerks die wichtigsten Tendenzen aufzuzeigen. Wie die Beispiele zeigen, ist eine umfassende Darstellung des Problems für den DaF-Unterricht meist viel zu komplex.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp