Dativ oder Genitiv: der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen Betriebssystem / des klassischen Betriebssystems?

Manchmal gefällt es mir einfach, sozusagen als Gegenpol zu den feurigen Verteidigern und Verteidigerinnen des Genitivs Fälle aufzuzeigen, in denen der Genitiv gerade fehl am Platz ist. So auch heute:

Frage

Ich wende ich mich wieder einmal mit einer Frage an Sie:

Der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem, …

oder

Der Nachfolger von MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems, …

Welche Version würden Sie bevorzugen?

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

richtig ist hier die Übereinstimmung im Fall. Das Bezugswort MS-DOS steht im Dativ, den von verlangt. Eine Apposition (nähere Bestimmung in der Form eines Substantivs) mit Artikel sollte deshalb auch im Dativ stehen:

der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem
am Beispiel von China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt
die Lieferung von Reis, diesem wichtigen Grundnahrungsmittel

Die Apposition steht dann im Genitiv, wenn auch das Bezugswort im Genitiv steht:

der Nachfolger des bekannten MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems
am Beispiel Chinas, des bevölkerungsreichsten Landes der Welt
die Bedeutung des Reises, dieses wichtigen Grundnahrungsmittels

Der Fall der Apposition richtet sich hier also nicht nach dem Fall, der stehen könnte oder eventuell stehen sollte, sondern ganz einfach nach dem Fall, der wirklich verwendet wird.

Mehr Informationen zur Apposition und dem Fall, in dem sie steht, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Umfahren und mit der Zeit gehen – die Betonung in der Schrift

Dass die gesprochene und die geschriebene Sprache zwei unterschiedliche Systeme sind, zeigt sich unter anderem darin, dass sich die eine nicht immer problemlos in die andere umsetzen lässt.

Frage

Wie kann man Betonung in einem normalen Text ausdrücken. Manche Sätze haben je nach Betonung eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung. Zum Beispiel „Du sollst den Polizisten umfahren“ oder „Die Merkel geht mit der Zeit“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann die Betonung im Allgemeinen nicht in der Schrift angeben. Wenn ein Satz je nach Betonung unterschiedlich verstanden werden kann, muss sich in der Schrift aus dem weiteren Zusammenhang ergeben, welche Bedeutung gemeint ist.

Mit Smartphone und Tablet ist sie vertraut. Frau Merkel geht mit der Zeit.
Niemand bleibt für immer. Wie alle vor ihr geht auch Frau Merkel mit der Zeit.

Wenn der Satz auch im weiteren Zusammenhang missverständlich ist, sollte man umformulieren. Zum Beispiel:

Frau Merkel ist auf der Höhe der Zeit.
Frau Merkel geht im Laufe der Zeit.

Ganz ohne Hilfsmittel müssen wir hier aber auch in der geschriebenen Sprache nicht auskommen. Bei der Strukturierung von Sätzen übernimmt die Zeichensetzung bis zu einem gewissen Grad die Rolle der Betonung. Auch bei der Klärung von eventuell Missverständlichem kann sie nützlich sein. Mit dem Fragezeichen und dem Ausrufezeichen kann man zum Beispiel angeben, dass eine Äußerung als Frage beziehungsweise als Ausruf oder Befehl betont werden soll:

Du kommst auch mit. Natürlich nur, wenn du willst.
Du kommst auch mit? Das wusste ich gar nicht.
Du kommst auch mit! Keine Wiederrede Widerrede!

Dort, wo in der gesprochenen Sprache eine Pause Bedeutungsunterschiede angibt, kann oder muss in der geschriebenen Sprache oft ein klärendes Komma gesetzt werden:

Das ärgerte ihn so, dass er nicht mehr mitmachen wollte.
Das ärgerte ihn, so dass (o. sodass) er nicht mehr mitmachen wollte.

Sie empfahl ihrer Freundin, nichts zu erzählen.
Sie empfahl, ihrer Freundin nichts zu erzählen.

Im letzten Beispiel sagt das Komma viel über die Nettigkeit der einen Leute aus:

mit anderen netten Leuten
mit anderen, netten Leuten

Oft hilft hier der Kontext, in gewissen Fällen auch die Zeichensetzung. Manchmal muss man aber in der Schrift ein bisschen umformulieren. Und wenn es darum geht, ob Polizisten umfahren oder umgefahren werden sollen, ist es ohnehin empfehlenswert, sich sehr unmissverständlich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie wenn, als wenn, als ob

Fragen entstehen dort, wo Unsicherheit herrscht. Unsicherheit herrscht oft dort, wo mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Deshalb steht in den Antworten hier oft, dass sowohl die eine als auch die andere Formulierung möglich und richtig ist (oder eben auch: richtig sind). Eher selten sind die Fälle, in denen es so viele Möglichkeiten gibt wie beim heutigen Thema:

Frage

Ich lese oft die Formulierung „wie wenn“ oder gar „als wie wenn“. Ich bin mir sicher gelernt zu haben, dass das falsch ist und zum Beispiel „als ob“ eingesetzt werden muss. Nun habe ich sogar auf Deutschlandradio die Formulierung „wie wenn“ gehört. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist mir nicht bekannt, dass man wie wenn nicht verwenden sollte, wenn man es durch als ob ersetzen kann. Beide Nebensatzeinleitungen sind auch standardsprachlich korrekt. Weiter kann man auch als wenn oder nur als (direkt gefolgt vom gebeugten Verb) verwenden. Ganz alles ist aber doch nicht erlaubt: Kombinierte Formen wie als wie wenn oder wie wenn als ob werden standardsprachlich höchstens bewusst scherzhaft verwendet.

Hier dann endlich ein paar Beispiele:

Sie fühlte sich, wie wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als ob sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als ob er er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als würde uns nicht kennen.

Und um es noch „schlimmer“ zu machen: In den Beispielsätzen habe ich überall den Konjunktiv II verwendet. In dieser Art von Sätzen, den sogenannten irrealen Vergleichssätzen, ist er auch die am meisten verwendete Form. Es ist aber auch möglich, hier den Konjunktiv I zu verwenden:

Sie fühlte sich, wie wenn / als wenn / als ob sie seit Tagen nicht geschlafen habe.
Sie fühlte sich, als habe sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn / als wenn / als ob er uns nicht kenne.
Er tut so, als kenne er uns nicht.

Manchmal steht vor allem in der gesprochenen Sprache sogar der Indikativ. Für mich klingt dies vor allem mit als ob vertretbar, wenn das im Nebensatz Ausgedrückte sehr wahrscheinlich zutrifft:

Es sieht so aus, als ob alles wieder funktioniert.
Es klingt, als ob du beleidigt bist.

Der Indikativ ist übrigens nicht möglich, wenn der Nebensatz nur mit als eingeleitet wird. Diese Einschränkung hat zur Folge, dass die Gesamtzahl der theoretisch möglichen Formulierungen eines irrealen Vergleichssatzes doch nicht ganz ein volles Dutzend ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Direkte Rede innerhalb der indirekten Rede

Frage

Wenn ich den Satz:

An einer Mauer liest man: ,,Geld macht böse“.

in die indirekte Rede setzen muss, würde dieser dann wie folgt lauten?

 Sie haben gesagt, an einer Mauer läse man: „Geld mache böse.“

Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es geht hier um ein Zitat innerhalb einer indirekten Rede. Der Ausgangssatz enthält ein Zitat in direkter Rede, nämlich einen Spruch an einer Mauer:

An einer Mauer liest man: ,,Geld macht böse.“

Wenn Sie diesen ganzen Satz in indirekte Rede umwandeln, haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können den Spruch in der direkten Rede lassen:

Sie haben gesagt, an einer Mauer lese man: „Geld macht böse.“

Sie können den Spruch aber ebenfalls in die indirekte Rede umwandeln. Anführungszeichen werden dann nicht gesetzt:

Sie haben gesagt, dass man an einer Mauer lese, Geld mache böse.

Weitere Beispiele:

Sie sagten, an der Mauer stehe: „Manches ist zu schön, um wahr zu sein.“
Sie sagten, an der Mauer stehe, manches sei zu schön, um wahr zu sein.

Er erzählte, er habe gelesen: „Wer nicht genießt, wird ungenießbar.“
Er erzählte, er habe gelesen, wer nicht genieße, werde ungenießbar.

Sie lachte, sie habe irgendwo gelesen: „Der Kreis ist eine geometrische Figur, bei der an allen Ecken gespart wurde.“
Sie lachte, sie habe irgendwo gelesen, der Kreis sei eine geometrische Figur, bei der an allen Ecken gespart worden sei.

Wie die Beispiele zeigen, kann von indirekter Rede abhängige Rede sowohl direkt als auch indirekt wiedergegeben werden.

Die Beispiele zeigen weiter, dass der indirekten Rede gewisse Grenzen gesetzt sind. Prägnante Sprüche sollten nämlich besser in direkter Rede belassen werden, weil sie in der indirekten Rede vieles an Deutlichkeit, Witz und Prägnanz verlieren. Dies gilt noch mehr, wenn kompliziertere Konjunktivkonstruktionen das Verständnis erschweren, wie der Spruch im Original genau lautet. Zum Beispiel:

Ich habe gelesen, manche würden sogar gegen Mauern anrennen, wo gar keine seien.
Auf der Mauer stand, alle wollten zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.

Viel deutlicher ist es, wenn man den Spruch im Original belässt:

Ich habe gelesen: „Manche rennen sogar gegen Mauern an, wo gar keine sind.“
Auf der Mauer stand: „Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.“

Dies gilt erst recht, wenn ein solcher Spruch in der ersten oder zweiten Person verfasst ist. Da man den Urheber oder die Urheberin in der Regel nicht kennt, ist es kaum oder nicht möglich, die indirekte Rede zu verwenden:

Wir sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen

Währen man beim diesem Spruch notfalls noch das sie der dritten Person Plural verwenden kann (Dort stand, sie seien zu allem fähig …), lassen sich ein ich und ein du eines Graffiti-Spruchs nicht in die indirekte Rede umwandeln.

Ohne mich kann ich nicht leben
So blöd wie du bin ich schon lange
STEFFI, ICH LIEBE DICH

Versuchen Sie gar nicht erst, diese Sprüche in indirekter Rede wiederzugeben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

250 g Rote Bete(n)

Herr T.s Frage löst das Problem, was ich heute Abend u. a. kochen soll. Es gibt etwas, das ich schon länger nicht mehr gegessen habe, obwohl es mir sehr gut schmeckt: Rote Bete (die ich von zu Hause aus allerdings Randen nenne). Herr T. wollte mir jedoch keine Kochtipps geben, sondern etwas ganz anderes wissen:

Frage

Heißt es „250 g Rote Bete“ oder „250 g Rote Beten“ – also mit „Bete“ im Plural, so wie es ja auch heißen würde „250 g Möhren“ o. Ä.?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

beide Formulierungen kommen vor:

a) 250 g Rote Beten (wie z. B. 250 g Möhren, Kartoffeln)
b) 250 g Rote Bete (wie z. B. 250 g Lauch/Porree, Brot)

a) Die Roten Beten kochen, schälen und in Würfel schneiden.
b) Die Rote Bete kochen, schälen und in Würfel schneiden.

Beide Varianten sind auch grammatisch vertretbar. Bei a) bezeichnet Rote Bete eine Wurzelknolle, d. h., es ist eine Gattungsbezeichnung. Man verwendet dann wie bei zum Beispiel Möhren und Kartoffeln den Plural. Bei b) bezeichnet Rote Bete eine Gemüsesorte, d. h., es ist eine Stoffbezeichnung. Als solche steht es wie zum Beispiel Lauch/Porree oder Brot im Singular.

Ein ganz schneller Blick ins Internet zeigt, dass zumindest in online verfügbaren Rezepten die Verwendung als Stoffbezeichnung im Singular häufiger vorzukommen scheint. Es ist also üblicher, Rote Bete sprachlich als eine Gemüsesorte wie Lauch zu behandeln und nicht wie bei den Kartoffeln die einzelnen Knollen vor sich zu sehen. Aber weit wichtiger ist: Hauptsache, es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vater und Mutters Auto, Hänsel und Gretels Eltern, Heidi und Vitos Liebe

Frage

Heißt es Vater und Mutters Auto oder Vaters und Mutters Auto, wenn das Auto den beiden gehört?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

im Allgemeinen werden bei mit und verbundenen Substantiven beide gebeugt:

die Renovation des Rathauses und des Bahnhofgebäudes
nach dem Verlust ihres Vaters und ihres Bruders
die Werke des Dichters und Pastors Johann Rist

Wie immer gibt es auch Ausnahmen: Bei geläufigen Wortpaaren mit und sowie bei mit und verbundenen Personenamen kann die Genitivendung des ersten Wortes gelegentlich wegfallen. Man behandelt dann die ganze Verbindung als eine zusammengehörende Einheit die als Ganzes gebeugt wird. Zum Beispiel:

ein Dichter des Sturm und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisch und Blutes
Hänsel und Gretels Eltern
der Sündenfall Adam und Evas

Oder etwas „aktueller“:

William und Kates Baby
Heidi und Vitos geheime Liebe

Entsprechend kann man auch sagen:

Vater und Mutters Auto

Hier ist allerdings immer auch die Beugung beider Substantive resp. Namen möglich:

ein Dichter des Sturms und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisches und Blutes
Hänsels und Gretels Eltern
der Sündenfall Adams und Evas
Williams und Kates Baby
Heidis und Vitos geheime Liebe

Vaters und Mutters Auto

Im Zweifelsfall sollten Sie beide mit und verbundenen Nomen beugen. Das ist immer richtig.

—–

Dann noch ein Exkurs für Liebhaber und Liebhaberinnen von Logik und Eindeutigkeit: Auch wenn man es vielleicht gerne hätte, ist keine der Formulierungen ohne Kontext eindeutig. Zum Beispiel:

Heidi und Vitos geheime Liebe

Das ist entweder die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander oder aber Heidis Einstellung zu Vitos geheimer Liebe.

Heidis und Vitos geheime Liebe

Das kann ebenfalls die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander sein, aber auch Heidis geheime Liebe für jemand und Vitos geheime Liebe für jemand (anders).

Wie man sieht, bringt die Beugung und Nichtbeugung des ersten Namens keine eindeutige Bedeutungsunterscheidung mit sich. Nur der weitere Zusammenhang kann klären, was genau gemeint ist. Das gilt auch für

Vater und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter oder
= Vater und das Auto von Mutter

Vaters und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter (ein Auto) oder
= das Auto von Vater und das Auto von Mutter (zwei Autos)

Beide Formulierungen könne das Auto bezeichnen, das Vater und Mutter zusammen gehört. Beide könne ohne Kontext aber auch anders interpretiert werden.

Schon wieder so eine uneindeutige Antwort! Manche wünschen sich wohl, Dr. Bopp würde sich etwas mehr des Wenn[s] und Abers enthalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was würdest du tun, wenn du alles …?

Frage

Ein bekannter Mobilfunkanbieter warb Ende des vergangenen Jahres mit der Frage „Was würdest du tun, wenn du alles kannst?“. Ist hier nicht Konjunktiv II anzuwenden („Was würdest du tun, wenn du alles könntest?“)?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in der Standardsprache steht in der Regel in beiden Sätzen eines Bedingungsgefüges der gleiche Modus. Anders gesagt: Bei Satzgefügen mit einem Bedingungssatz mit wenn und einem Hauptsatz steht in der Regel in beiden Sätzen der Indikativ oder in beiden Sätzen der Konjunktiv. Ein paar Beispiele mit dem Indikativ:

Wenn der Zug verspätet ist, warten wir im Restaurant auf euch.
Das Fest findet im Garten statt, wenn es die Wetterverhältnisse zulassen.
Was geschieht, wenn jemand alle Zahlen errät?
Wenn du alle Zahlen errätst, gewinnst du den Hauptpreis.

Der Konjunktiv steht bei einem irrealen Bedingungssatz. Ein irrealer Bedingungssatz beschreibt einen Sachverhalt, der möglich oder wahrscheinlich ist, der aber nur in Gedanken konstruiert wird. Dabei formuliert der Nebensatz eine Bedingung, die – wenn sie erfüllt wäre – eine bestimmte Folge hätte.

Es wäre gut für sie, wenn sie bald eine neue Stelle fänden.
Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, hätte ich euch besucht.
Was würde geschehen, wenn jemand alle Zahlen erraten würde?
Du würdest den Hauptpreis gewinnen, wenn du alle Zahlen erraten würdest.

Standardsprachlich heißt es entsprechend auch besser:

Was würdest du tun, wenn du alles könntest?
Was würdest du tun, wenn du alles tun könntest?

Der Satz, der in der Werbung benutzt wird, ist allerdings nicht einfach völlig falsch. Er ist umgangssprachlich. Wir sind nicht nur bei Lidl und Aldi gerne sparsam, sondern oft auch bei sprachlichen Äußerungen. Oft geben wir im Deutschen nur einmal an, was genau gemeint ist. Bei einem Bedingungsgefüge reicht es im Prinzip, wenn nur in einem der Teilsätze mit einem Konjunktiv angegeben wird, dass es sich um ein „irreales“ Gefüge handelt:

Was würdest du tun, wenn du alles kannst?
Was tust du, wenn du alles könntest?

Diese standardsprachlich besser zu vermeidenden Formulierungen gefallen mir persönlich auch stilistisch nicht. Man kann aber nicht sagen, dass die umgangssprachlichen Äußerungen unverständlich sind. Man versteht genau, was gemeint ist.

Der Mobilfunkanbieter hat sich vielleicht für die umgangssprachliche Variante entschieden, um „eine größere Nähe“ zur potenziellen Kundschaft bewirken. Vielleicht schwebte der Marktetingabteilung auch eine andere implizite Botschaft vor. Wie dem auch sei, einen Werbespruch der Art „Was wäre, wenn …“ halte ich mit und ohne standardsprachliche Verwendung des Konjunktivs für riskant. Es ist für Konkurrenz und unzufriedene Kundschaft wirklich zu einfach, ihm eine ganz andere Wendung zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Geschmeichelt oder nicht geschmeichelt?

Frage

Bei Ihnen wird „geschmeichelt“ als Adjektiv ausgewiesen, ich bin aber der Meinung, dass es sich immer um ein Verb „schmeicheln“ oder ein Partizip oder eine Passivform „geschmeichelt“ handelt. Eine adjektivische Nutzung ist mir nicht bewusst.

Antwort

Guten Tag D.,

in den folgenden Beispielen ist geschmeichelt als Adjektiv (oder adjektivisch verwendetes Partizip) anzusehen:

ein geschmeicheltes Bild (ein sehr günstiges, zu günstiges Bild)
eine geschmeichelte Darstellung der Ereignisse (eine zu positive Darstellung)

Aus heutiger Sicht könnte geschmeichelt streng genommen auch in den folgenden Formulierungen als Adjektiv bezeichnet werden:

geschmeichelt sein
sich geschmeichelt fühlen

wie

zufrieden sein
sich zufrieden fühlen

Das Verb schmeicheln ist nämlich ein intransitives Verb (jemandem schmeicheln) und intransitive Verben können kein Zustandspassiv bilden. Zum Beispiel:

jemandem danken
nicht: *gedankt sein
nicht: *sich gedankt fühlen

Aber zum Beispiel:

jemanden ehren
geehrt sein
sich geehrt fühlen

Diese für ein intransitives Verb untypischen Verwendungen des Partizips geschmeichelt sind wahrscheinlich ein Überbleibsel aus einer Zeit, als schmeicheln nicht nur mit dem Dativ, sondern auch mit dem Akkusativ verwendet wurde. Ein paar Beispiele:

Bey meiner Treu, ich sag es ohne sie zu schmeicheln, sie sind ein Kerl, der es, hohl mich der Teuffel, mit manchem Cantor annehmen könnte.
[G. E. Lessing, Weiber sind Weiber, 5. Auftritt, 1749]

Ich danke Gott mit Saitenspiel, 
dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel, 
und wär vielleicht verdorben.
[Matthias Claudius, Täglich zu singen, 1777]

Dolon, schmeichle dich nicht mit der Hoffnung, dein Leben zu retten
[Ilias, 10, 435, übers. von F. L. Graf zu Stolbert, 1781]

Im heutigen Deutschen ist schmeicheln, wie bereits gesagt, ein intransitives Verb, das heißt, es wird nicht mehr mit dem Akkusativ verwendet:

jemandem schmeicheln
Sie schmeichelte dem Grafen mit schönen Worten.
Die Hose schmeichelt Ihrer Figur.

Außer in Formulierungen der eingangs genannten Art sollte geschmeichelt deshalb genauso wenig adjektivisch verwendet werden wie gedankt oder geholfen. Es heißt also nicht:

*die gedankten Helferinnen und Helfer
*die geholfene Kundschaft
*der geschmeichelte Graf

Fazit: Man kann geschmeichelt als Adjektiv verwenden. Es gibt allerdings nur geschmeichelte (zu günstige) Darstellungen und Bilder, nicht aber *mit schönen Worten geschmeichelte Leute.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lächelnde Gastgeber, wartende Patienten, betörende Filme und bestechende Schnelligkeit – Das Präsenspartizip und sein Subjekt

Heute gibt es wieder einmal etwas Grammatisches. Wer solches nicht mag oder zu kompliziert findet, geht einfach ganz nach unten und liest den allerletzten Abschnitt.

Frage

In Canoonet steht auf der Seite zum Partizip Präsens:

Dabei bezieht sich das Subjekt des Hauptverbs immer auch auf das Partizip Präsens:

Er begrüßt die Gäste lächelnd. = Er begrüßt die Gäste und er lächelt.
Nicht: Er begrüßt und die Gäste lächeln

Was ist es aber bei:

Er findet den Film betörend. Er hält die Frau für ätzend. (Bezug auf Objekt?)
Das ist ein überragend guter Einfall. (Bezug auf ?)
Er läuft bestechend schnell? (Bezug auf ?)
Er begrüßte die wartenden Patienten / Wartenden. (Bezug auf ?)

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

die Canoonet-Seite, auf die Sie sich beziehen, ist nur eine vereinfachte Darstellung. Die Situation ist (wie so oft) um einiges komplexer. Sie vereinfachen die Darstellung allerdings noch mehr, indem Sie nur eine einzelne Stelle zitieren. Der zitierte Satz bezieht sich auf die Situation, in der das Präsenspartizip zu einem finiten Verb gehört. Dann ist das Subjekt des finiten Verbs auch das Subjekt der Verbhandlung, die durch das Präsenspartizip ausgedrückt wird:

Er begrüßt die Gäste lächelnd.
= Er begrüßt die Gäste und er lächelt dabei.

Mordend und plündernd zogen sie durch das Land.
= Sie zogen durch das Land und sie mordeten und plünderten dabei.

Für den Fall, dass das Präsenspartizip zu einem Nomen gehört, steht auf derselben Seite Folgendes:

Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist das Nomen, bei dem es steht.

Dabei müssen wir zwischen verschiedenen Verwendungsarten unterscheiden:

a) Bei attributivem Gebrauch steht das Partizip in gebeugter Form vor einem Nomen. Dieses Nomen ist das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung:

Sie begrüßt die wartenden Patienten.
= Sie begrüßt die Patienten. Die Patienten warten.

Sie sprangen auf den fahrenden Zug.
Sie sprangen auf den Zug. Der Zug fuhr.

b) Bei prädikativem Gebrauch: Problemlos ist die Zuweisung, wenn das Partizip über Verben wie sein, werden und bleiben das Subjekt des Satzes näher bestimmt, d.h. wenn es Prädikativ zum Subjekt ist:

Der Film ist betörend.
= Der Film betört.

Die Frau war ätzend.
= Die Frau „ätzte“.

Die Verben finden und halten für verbinden das Partizip nicht mit dem Subjekt, sondern mit dem Objekt des Satzes. Das Prädikativ – in diesem Fall das ungebeugte Präsenspartizip – ist Prädikativ zum Objekt, das heißt, es bezieht sich auf das Objekt.

Er findet den Film betörend.
= der Film betört

Er hält die Frau für ätzend.
= die Frau „ätzt“

In diesen Beispielsätzen wird das Präsenspartizip über finden resp. halten für mit dem Objekt des Satzes verbunden (vgl. Er findet den Film gut; Er hält die Frau für nett). Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist auch hier das Nomen, das es bestimmt, also das Akkusativobjekt Film resp. Frau.

c) Damit sind noch nicht all Ihre Beispiele besprochen. Es gibt noch einen weiteren Fall: den adverbialen Gebrauch, das heißt die Verwendung des Präsenspartizips als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv.

Das ist ein überragend guter Einfall.
Er läuft bestechend schnell?

Bei überragend gut und bestechend schnell wird das Präsenspartizip als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv verwendet (vgl. besonders gut, außerordentlich gut; sehr schnell, unerwartet schnell). Es bestimmt also weder das Verb noch ein Nomen, sondern ein Adjektiv. Das Präsenspartizip hat in dieser Funktion seinen verbalen Charakter teilweise verloren. Wenn dennoch ein Subjekt der Verbhandlung angegeben werden soll, so ist dies entweder die Eigenschaft, die das von ihm bestimmte Adjektiv ausdrückt, oder eventuell das Subjekt des Hauptverbs:

Er singt überragend gut.
= Die Güte überragt / Er überragt durch seine Güte.

Er läuft bestechend schnell
= Die Schnelligkeit besticht / Er besticht durch seine Schnelligkeit.

 —–

Alle Präsenspartizipien können als Adjektiv verwendet werden. Meist geschieht dies (wie in der Darstellung in unserer Grammatik) als attributives Adjektiv. Wie die Beispiele oben zeigen, kommt aber auch prädikativer und adverbialer Gebrauch vor. Bei attributivem (a) und prädikativem (b) Gebrauch ist das von ihm bestimmte Nomen das Subjekt der vom Partizip ausgedrückten Verbhandlung. Bei der Verwendung als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv (c) ist die Bestimmung des Subjekts undeutlicher.

Wieder einmal klingt alles recht kompliziert, wenn man anfängt es etwas genauer zu beschreiben. Das Beruhigende (suche das dazugehörende Subjekt!) und gleichzeitig auch Bewundernswerte ist, dass wir die Präsenspartizipien in der Regel problemlos verwenden und verstehen, ohne dass wir bewusst komplizierte Satzanalysen vornehmen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wir beide haben – wir haben beide

Häufig entdecke ich dank Ihren Fragen Feinheiten der Formulierung, die ich nicht bewusst kannte. Heute geht es um die Verwendung von beide, das mehrdeutiger ist, als ich gemeint hatte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „beide“. Folgender Satz hat zu unterschiedlichen Meinungen geführt:

Wir haben beide den Film gesehen.

Darf hier „beide“ vom Personalpronomen getrennt stehen? Was ändert sich, wenn ich stattdessen schreibe:

Wir beide haben den Film gesehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beide kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Je nach Bedeutung sind verschiedene Satzstellungen üblich.

Unbetontes beide steht in der Regel mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen. Es bezieht sich zusammenfassend auf zwei Personen oder Dinge gleichzeitig (vgl. zwei):

Ihre beiden Kinder sind noch jung.
Die beiden Koffer stehen im Keller.
Wir beide haben den Film gesehen. (wir zwei; du und ich)

Betontes beide steht in der Regel ohne Artikelwort. Es gibt einen Gegensatz an, nämlich dass nicht nur eine Person oder ein Ding gemeint ist, sondern auch der/die/das andere (vgl. nicht nur … sondern auch; sowohl … als auch):

Beide Kinder sind noch jung.
Beide Koffer stehen jetzt im Keller.
Beide haben den Film gesehen. (sowohl der/die eine als auch der/die andere)

Es gibt also einerseits das zusammenfassende unbetonte beide, das mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen steht, und andererseits das mehr gegenüberstellende betonte beide, das ohne Artikelwort oder Personalpronomen steht.

Und hier sind wir dann endlich wieder beim Beispielsatz in Ihrer Frage. Wenn ich ein Artikelwort oder ein Personalpronomen verwenden will, aber auch mit betontem beide angeben möchte, dass nicht nur eines von zweien gemeint ist, verschiebt sich beide vom Bezugswort weg:

Ihre Kinder sind beide noch jung.
Die Koffer stehen jetzt beide im Keller.
Wir haben beide den Film gesehen. (nicht nur du, sondern auch ich)

Es ist also nicht ganz dasselbe, ob man wir beide haben (du und ich haben) oder wir haben beide (nicht nur du hast, sondern auch ich habe) sagt. Ich hoffe, dass der Unterschied zwischen den beiden beide ein bisschen deutlicher geworden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp