Der Adverbialgenitiv

Lassen Sie sich durch den ziemlich fachsprachlichen Titel nicht abschrecken! Wieder einmal hat mich eine Frage eines Nicht-Muttersprachigen auf eine Eigenheit des Deutschen hingewiesen, durch die unsere Sprache zwar nicht einfacher, aber dafür oft ein bisschen schöner wird.

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, …“ Warum heißt es dort „eines Morgens“? Ich habe gesehen, dass es in vielen literarischen Texten eine ähnliche Struktur im Genitiv gibt. Warum ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es handelt sich bei eines Morgens um eine im Genitiv stehende feste Wendung. Sie ist eine unbestimmte Zeitangabe und hat als solche die Funktion einer Adverbialbestimmung. Der Genitiv wird nicht durch ein Verb oder durch ein anderes Wort im Satz bestimmt. Solche im Genitiv stehenden Adverbialbestimmungen werden Adverbialgenitive genannt (vgl. hier und hier). Adverbialgenitive sind häufig wie in Ihrem Beispiel unbestimmte Zeitangaben, sie können aber auch andere Bedeutungen haben. Weitere Beispiele:

Eines Tages wirst du es verstehen.

Der Kriminalkommissar erhielt eines späten Abends telefonisch einen anonymen Hinweis.

Letzen Endes zählt nicht, was war, sondern was ist.

Die Rohstoffpreise bleiben unseres Erachtens auf einem hohen Niveau.

Das Zitat stammt meines Wissens von Max Liebermann.

Er war aufgebrochen, um um Hilfe zu bitten, kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück.

Dem stimme ich leichten Herzens zu.

Welche Fische kann man ruhigen Gewissens essen?

Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verließ schnellen Schrittes das Motel.

Selbst als der Kaiser stolzen Hauptes splitternackt durch die Straßen schreitet, hört man lauter Ahs und Ohs.

Es gibt noch viel mehr Adverbialgenitive, für die wie für die obenstehenden Beispiele gilt: Gezielt eingesetzt können sie sehr schön sein, aber an der falschen Stelle und übermäßig verwendet drohen sie zu papierdeutschen Klischees zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hat der Hund mich oder mir in den Fuß gebissen?

Eine regelmäßig vorkommende Frage ist, ob man jemanden oder jemandem an den Haaren zieht, auf die Schulter klopft, in die Hand sticht, auf den Fuß tritt, in die Wade beißt usw.

Frage

Mich würde interessieren, ob man sagt: „Der Hund hat mich in den Fuß gebissen“ oder „Der Hund hat mir in den Fuß gebissen“?

Antwort

Guten Tag L.,

beide Formulierungen sind richtig:

Der Hund beißt mich in den Fuß.
Der Hund beißt mir in den Fuß.

Bei Konstruktionen mit einem Verb, das im weiteren Sinne ein Berühren ausdrückt, und einem Körperteil, der als Adverbialbestimmung den Ort der Berührung angibt, kann häufig sowohl der Dativ als auch der Akkusativ stehen. Zum Beispiel:

Er zog mir/mich an den Haaren.
Die Wespe stach ihm/ihn in die Hand.
Er klopfte seinem/seinen Freund auf die Schulter.
Hast du dir/dich in den Finger geschnitten?
Sie hat ihr/sie ins Schienbein getreten.

Wenn man den Akkusativ verwendet, ist mich das Akkusativobjekt zu beißen. Wenn man den Dativ verwendet, ist mir ein Dativ, der angibt, zu wessen „Ungunsten“ das In-den Fuß-Beißen geschieht resp. in wessen Fuß da gebissen wird. Es ist ein Dativ wie derjenige, den man verwendet, wenn ein Sohn seinem Vater einen Kratzer ins Auto macht, die Katze ihrem Frauchen das Sofa zerkratzt oder ein Mädchen dem kleinen Bruder heimlich Salz in den Sirup schüttet.

Wie so oft muss ich auch hier davor warnen, dies als strikte Regel anzusehen. So drücken zum Beispiel die Verben küssen und streicheln eine Berührung aus, deren Ziel ein Körperteil sein kann. Dennoch ist bei ihnen fast nur der Akkusativ beziehungsweise der Dativ üblich:

Sie küsste ihn auf die Wange.
Sie streichelte ihm über die Wange.

Da das Wetter es wieder einmal zulässt, werde ich mir noch ein Gläschen unter freiem Himmel genehmigen – und dabei aufpassen dass mir/mich keine Wespe in den Mund sticht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Du und er, sie und ihr sind oder seid?

Frage

Es macht mir immer wieder Kopfzerbrechen, wie die richtige Personalendung lautet, die eine Kombination aus unterschiedlichen Personen, die mit „und“ verbunden sind, bezeichnet. Zum Beispiel: „Du und deine Freunde seid …“ oder „Du und deine Freunde sind …“?

Ich bekenne, gelesen zu haben, dass hier eigentlich die 2. Person Plural eingesetzt wird, aber mein Sprachgefühl verwirrt dies jedes Mal. Deshalb rette ich mich in eine Umformulierung: „Du und deine Freunde, ihr seid …“ Das ist jedoch nur eine Umgehung und keine eindeutige Antwort.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese Frage bereitet nicht nur Ihnen Kopfzerbrechen. Deshalb ist ihr in unserer Grammatik sogar ein eigener Abschnitt gewidmet. Dort steht, dass Sie in diesem Fall so formulieren sollten:

Du und deine Freunde seid herzlich eingeladen.

Bei einem mehrteiligen Subjekt, das aus Teilen mit unterschiedlichen grammatischen Personen besteht, befolgt man im Allgemeinen die folgenden Regeln:

  • Eine erste und eine zweite Person werden zur ersten Person Plural:

Du und ich sollten wieder einmal etwas zusammen unternehmen.
Wir und ihr haben nicht viel gemeinsam.

  • Eine erste und dritte Person werden ebenfalls zu einer ersten Person Plural:

Er und ich sollten wieder einmal etwas zusammen unternehmen.
Die Nachbarn und ich haben unseren Streit beigelegt.

  • Eine zweite und eine dritte Person werden zu einer zweiten Person Plural:

Du und deine Schwester werdet euch noch wundern!
Ihr und eure Freunde seid herzlich eingeladen.

Das liegt daran, dass ich und du zusammen wir sind. Auch ich und er/sie ergeben zusammen wir. Du und er/sie hingegen umschreibt man zusammenfassend mit ihr.

Wenn Formulierungen wie die oben stehenden Beispielsätze in Ihren Ohren irgendwie „holpern“, können Sie in den meisten Fällen stilistisch einwandfrei das tun, was Sie eine Umgehung nennen:

Du und ich, wir sollten wieder einmal etwas zusammen unternehmen.
Die Nachbarn und ich, wir haben unseren Streit beigelegt.
Du und deine Freunde, ihr seid herzlich eingeladen.

Solche Umschreibungen sind sogar besser, wenn das Bindewort nicht und, sondern oder ist. Ohne Umschreibung richtet sich das Verb meistens nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht:

Du oder ich muss nachgeben.
Meine Nachbarin oder ich habe recht.
Ich oder meine Nachbarin hat recht.
Du oder deine Freunde sind eingeladen.

Keine dieser Formulierungen ist aber wirklich befriedigend. Deshalb besser:

Du oder ich, eine(r ) von uns muss nachgeben.
Nur eine(r) hat recht, meine Nachbarin oder ich.
Man lädt dich oder deine Freunde ein.

Das klingt alles ziemlich kompliziert. Verlassen Sie sich aber einfach auf Ihr Sprachgefühl, dann geht es meistens automatisch gut. Wenn Sie einmal unsicher sind oder eine Formulierung Ihnen einfach nicht gefallen will, bedenken Sie Folgendes: Umschreibungen und Umformulierungen sind keine „Kapitulationen“, sondern ein Beweis dafür, dass man die Sprache wendig beherrscht.

Zwischen 35 und 45 Jahre(n)

Fragen

In meinem Lehrbuch steht folgender Satz: „Sie sollte zwischen 35 und 45 Jahren alt sein.“ Ich kann mir das n am Wort Jahren nicht erklären.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das en bei Jahren ist die Endung des Dativ Plural. Sehen Sie zum Beispiel:

in diesen Jahren
mit den Jahren

Im Lehrbuch wird der Dativ wahrscheinlich deshalb verwendet, weil zwischen bei statischen Angaben in der Regel mit dem Dativ steht:

Der Baum steht zwischen dem Haus und dem Garten.
das Verhältnis zwischen ihm und ihr

So weit, so gut. Trotzdem ist es nicht verwunderlich, dass Sie zweifeln. Bei Alters-, Zeit-, Mengenangaben u. Ä., die mit zwischen … und … ausgedrückt werden, hat zwischen nämlich oft keinen Einfluss auf den Fall. Man wählt dann normalerweise den Fall, der steht, wenn man nur eine der beiden Angaben verwendet:

Sie ist zwischen 35 und 45 Jahre alt.
wie: Sie ist 35 Jahre alt.

Sie haben zwischen 80 und 100 Bücher verkauft.
wie: Sie haben 80 Bücher verkauft.

Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahre ins Ausland.
wie: Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter drei Jahre ins Ausland.

Der Dativ wird hier ebenfalls verwendet, er ist aber unüblich und sollte besser vermieden werden. Deshalb kommen Ihnen Formulierungen wie die folgenden eher seltsam (?) oder sogar falsch (*) vor:

? Sie ist zwischen 35 und 45 Jahren alt.
* Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahren ins Ausland.
? Sie haben zwischen 80 und 100 Büchern verkauft.

Natürlich ist das wieder einmal nicht alles: Wenn solche Angaben mit zwischen … und … im Satz nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden können, wählt man den Dativ:

Dies betrifft vor allem Frauen zwischen 35 und 45 Jahren.
Der Kochkurs ist geeignet für Kinder zwischen 9 und 12 Jahren.

Nicht möglich:
*Dies betrifft vor allem Frauen 35 Jahre(n).
*Der Kochkurs ist geeignet für Kinder 12 Jahre(n).

Immer falsch ist übrigens die Verbindung von zwischen und bis:

NICHT:
Sie sind zwischen 9 bis 12 Jahre alt.

Sondern:
Sie sind 9 bis 12 Jahre alt.
Sie sind zwischen 9 und 12 Jahre alt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Litern, Metern und Vierteln

Heute geht es wieder einmal um eine häufiger gestellte Frage, nämlich das Dativ-n bei gewissen Maß- und Mengenangaben.

Frage

Nie werde ich es mir merken: Heißt es „ein Gefäß von zwei Litern Inhalt“ oder „zwei Liter Inhalt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

vielleicht können Sie es sich nicht  merken, weil beides möglich und korrekt ist:

ein Gefäß von zwei Liter Inhalt
oder
ein Gefäß von zwei Litern Inhalt

Männliche und sächliche Maß- und Mengenbezeichnungen bleiben nach Zahlenangaben in der Regel unveränderlich:

zwei Paar Schuhe
2,5 Kilo Äpfel
zehn Fuß dicke Mauern
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll
27 Euro

Eine Ausnahme sind Bezeichnungen wie Meter, Liter und Viertel im Dativ Plural. Diese Wörter haben die Eigenschaft, dass sie nur im Dativ eine Pluralendung haben: den Metern, den Litern, den Vierteln. Die anderen Pluralformen sind mit der Form des Nominativ Singular identisch: der Meter ­– die Meter. Bei solchen Maß- und Mengenangaben wird im Dativ Plural nach der allgemeinen Regel die endungslose Form verwendet oder (seltener) als Ausnahme doch die Pluralform:

endungslos
aus sieben Meter Stoff
auf 750 Meter Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentner
mit drei Viertel der Menge

gebeugt
aus sieben Metern Stoff
auf 750 Metern Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentnern
mit drei Vierteln der Menge

Beide Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Wie Sie sehen, gibt es im Deutschen auch bei etwas so Präzisem wie Maß- und Mengenangaben nicht nur Regeln, sondern auch Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Witz mit den Broten und den Eiern

Frage:

Ich bekam folgenden Witz:

Ein Softwareingenieur (Programmierer) und seine Frau.

Sie: „Schatz, wir haben kein Brot mehr, könntest du bitte zum Supermarkt gehen und eins holen? Und wenn sie Eier haben, bring 6 Stück mit.“

Er: „Klar Schatz, mach ich!“

Nach kurzer Zeit kommt er wieder zurück und hat 6 Brote dabei.

Sie: „Warum nur hast du 6 Brote gekauft?!?“

Er: „Sie hatten Eier.“

Eins ist sicher. Er hat alles richtig gemacht …

Ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke, dass sich eine Aussage immer auf das letzte Substantiv bezieht. Also „Eier“. Was stimmt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

auch ich bin mir hier gar nicht sicher, ob der Programmierer es tatsächlich richtig gemacht hat. Ich bin kein Programmierer und auch kein Logiker, aber ich glaube, dass ein echter Programmierer hätte nachfragen müssen. Das Wort Stück ist eine Art Platzhalter, das heißt ein Wort, für das ein anderes Wort eingesetzt werden muss. Was genau eingesetzt werden muss, ist aber nirgendwo eindeutig definiert. Ein Computerprogramm könnte deshalb nicht „wissen“, was mit Stück gemeint ist. Theoretisch könnte sich Stück sogar auch auf Supermarkt beziehen. Es gibt nämlich keine logische, grammatische oder andere Regel, die sagt, dass für den Platzhalter Stück das zuerst genannte Nomen (oder das gleiche Wort wie für den ebenfalls im Text vorkommende Platzhalter eins) eingesetzt werden muss.

Welches Wort für Stück eingesetzt werden muss, das heißt, ob sechs Brote, sechs Supermärkte oder sechs Eier gemeint sind, sagt uns nicht eine Regel, sondern unser Weltwissen. Es ist nämlich auch nicht so, dass ein Platzhalter wie Stück oder eins sich automatisch auf das zuletzt genannte Wort beziehen muss:

Wir haben kein Brot mehr. Gehe bitte in ein Geschäft und hole eines!

Hier ist mit eines grammatisch korrekt ein Brot gemeint.

Wir haben kein Brot mehr. Gehe bitte in ein Geschäft, falls es hier eines gibt!

Hier ist mit eines grammatisch korrekt ein Geschäft gemeint.

Es ist allerdings sehr oft so, dass sich Wörter wie eines oder Stück auf das zuletzt genannte Wort beziehen, wenn es mehr als ein Wort gibt, das in sinnvoller Weise eingesetzt werden kann. Bei Stück ist dies in unserem Witz das Wort Eier. Ein weiteres Indiz, das für Eier spricht, ist, dass Eier sehr oft im halben Dutzend verkauft werden, während dies bei Broten eher weniger der Fall ist. Wichtig ist weiter, dass die Tatsache, ob der Supermarkt Eier hat, für den Kauf von Eiern relevant ist, nicht aber für den Kauf von Brot. Eier gewinnt also 3:0. Das Wort Supermarkt kommt nur schon deshalb nicht in Frage, weil es äußerst unwahrscheinlich ist, dass man jemanden bittet, sechs Supermärkte mitzubringen.

Wenn sich der Programmierer an die Regeln des Progammierens gehalten hätte, hätte er also nicht gewusst, was er holen soll. Wenn er sich an die Regeln der menschlichen Kommunikation gehalten hätte, hätte er sechs Eier gebracht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das nennt man übrigens einen Witz zu Tode analysieren.

Warum die Katze nicht gewöhnt ist, Trockenfutter zu fressen

Hinweis für Tierliebhaber: Das ist an dieser Stelle keine Frage der Tierhaltung, sondern der Grammatik. Die standardsprachliche Katze ist nämlich gegebenenfalls [es] gewohnt oder daran gewöhnt, Trockenfutter zu erhalten.

Frage

Sind die beiden Sätze „Ich bin es gewöhnt“ und „Ich bin es gewohnt“ ihrer Meinung nach korrekt und gleichbedeutend? […] Könnte man sagen: „Ich bin das Klima gewöhnt/gewohnt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

die beiden Wörter gewohnt und gewöhnt haben tatsächlich eine sehr ähnliche Bedeutung. Sie werden aber im Satz unterschiedlich verwendet. Standardsprachlich sind diese Formulierungen üblich:

etwas gewohnt sein
an etwas gewöhnt sein

Daraus ergeben sich für Ihr Beispiel die folgenden Möglichkeiten:

Ich bin das Klima gewohnt.
Ich bin an das Klima gewöhnt.

Ich bin es gewohnt.
Ich bin daran gewöhnt.

Die Formulierung Ich bin das Klima gewöhnt gilt standardsprachlich als nicht korrekt.

Auch in Verbindung mit einer Infinitivkonstruktion (zu+Infinitiv) formuliert man unterschiedlich, wobei gewohnt mit oder ohne es stehen kann:

Die Katze ist [es] gewohnt, Trockenfutter zu fressen.
Die Katze ist daran gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Auch hier gilt, dass man standardsprachlich nicht sagt: Die Katze ist [es] gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Mit gewöhnt drückt man aus, dass etwas das Resultat einer Gewöhnung ist. Mit gewohnt sagt man, dass etwas eine Gewohnheit ist, dass etwas als Selbstverständlichkeit empfunden wird, weil es immer so ist. Die beiden Bedeutungen liegen nicht sehr weit auseinander, so dass es öfter möglich ist, sowohl eine Sache gewohnt sein als auch an eine Sache gewöhnt sein zu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die USA und die Mehrzahl

Frage

Heißt es „Die USA versinken im Chaos“ oder „Die USA versinkt im Chaos“? Klar, die Abkürzung steht für United States of America (also Plural), und somit ist wohl der Plural richtig. Des ungeachtet finde ich die Formulierung irgendwie ungewöhnlich und holprig. Auch treffe ich häufig auf die genau gegenteilige Wendung, zum Beispiel: „Die USA ist ein beliebtes Reiseziel.“ Was nun?

Antwort

Guten Tag H.,

den US-Amerikanern wünsche ich, dass ihr Land nicht wirklich im Chaos versinken möge und dass entsprechend nur die Form und nicht auch die Bedeutung des folgenden Satzes korrekt ist:

Die USA versinken im Chaos.

Standardsprachlich verwendet man die Länderbezeichnung USA mit dem Plural. Weitere Beispiele:

Die USA sind ein beliebtes Reiseziel.
Studieren in den USA
Obama und die neuen USA

Für die Verwendung des Plurals sprechen zwei Gründe: Wie sie richtig bemerken, ist die Bezeichnung, für die die Abkürzung USA steht, im Prinzip pluralisch: United States of America.** Auch die deutsche Übersetzung wird in der Mehrzahl verwendet: die Vereinigten Staaten [von Amerika]. Weil sowohl das Grundwort in der Ursprungssprache als auch die Übersetzung ins Deutsche pluralisch sind, hat hier der Plural eindeutig die besseren Karten. Die Verwendung in der Einzahl sieht man zwar auch manchmal, sie gilt aber standardsprachlich als nicht korrekt.

Das ist aber noch nicht ganz alles: Die Abkürzung USA wird im Deutschen immer mit dem bestimmten Artikel verwendet;

Sind die USA ein guter Bündnispartner?
Wir sind quer durch die USA gereist.
Chaos in den USA
die Regierung der USA

Es heißt also im Standarddeutschen nicht Chaos in USA oder Reise quer durch USA.

Es mag in Ihren Ohren ungewöhnlich oder sogar holprig klingen, doch wenn Sie es standardsprachlich richtig machen wollen, verwenden Sie die USA immer im Plural und mit Artikel, so wie dies zum Beispiel auch für die Niederlande, die Philippinen, die Malediven oder die Vereinigten Arabischen Emirate üblich ist.

Falls sich Ihre Ohren trotz alledem nicht an die USA im Plural gewöhnen wollen, sagen und schreiben Sie doch einfach:

Die Vereinigten Staaten sind ein beliebtes Reiseziel.

Das klingt überhaupt nicht holprig und es herrschen hier, soweit ich weiß, auch keinerlei Zweifel darüber, ob man den Plural verwenden soll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Man muss hier präzisieren, dass USA und vor allem U.S. im Englischen manchmal auch als Singular behandelt werden. Die zugrundeliegende Wortgruppe, so wie wir sie als durchschnittliche Englischkönner kennen, ist aber eindeutig pluralisch.

„Hallo, ich bin Tom“ und „Hallo, ich bin’s, Tom“

Frage

Ich möchte gern wissen: Welcher Satz ist richtig?

Hallo, Miriam, ich bin Tom.
oder
Hallo, Miriam, ich bin’s, Tom.

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

beide Sätze sind richtig. Sie haben aber nicht die gleiche Bedeutung. Wenn Miriam Tom nicht kennt und Tom sich ihr vorstellt, kann er sagen:

Hallo, Miriam, ich bin Tom.

Das bedeutet dann so viel wie Ich heiße Tom oder Mein Name ist Tom.

Wenn Tom und Miriam einander kennen und Tom sich ­– zum Beispiel am Telefon – bei ihr meldet, kann er sagen:

Hallo, Miriam, ich bin’s, Tom.

Er sagt dann, dass er es ist, der anruft, und nennt dazu seinen Namen, damit sie ihn gleich erkennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Diese Frage einer Deutschlerndenden zeigt wieder einmal, dass etwas Unbedeutendes wie das Wörtchen es sogar in der verkürzten Form ’s einer Aussage eine ganz andere Bedeutung geben kann. Sie zeigt auch, wie glücklich man sich eigentlich schätzen darf, dass man sich als geübter Sprecher einer Sprache nicht immer bewusst mit solchen subtilen „Kleinigkeiten“ abgeben muss. Das wäre anstrengend!

Die Absicht haben, etwas tun zu wollen

Ein bekanntes, schon oft beschriebenes, aber trotzdem immer wieder auftauchendes Phänomen: die Absicht, etwas tun zu wollen.

Wieder einmal hörte ich am Radio, dass jemand die Absicht habe, etwas tun zu wollen. Diesmal ging es um einen jungen Mann, der erklärte, er habe die Absicht, mit dem Glücksspiel aufhören zu wollen. Natürlich ist ganz klar, was er meint: Er will seine Spielsucht überwinden. Das formuliert er aber, wenn man ganz genau hinhört, ein bisschen zu vorsichtig. Er hat nicht direkt die Absicht mit dem Wetten aufzuhören, nein, er hat zuerst einmal die Absicht, den Willen zum Aufhören zu haben. Das Aufhören an und für sich ist dann ein weiterer Schritt. Ganz unrecht hat er ja nicht, denn wenn man nicht wirklich will, gelingt es einem bestimmt nicht, sich aus den Klauen des Wettteufels zu befreien. Das muss man zuerst einmal so richtig wollen. Ich hoffe allerdings für den jungen Mann und seine Finanzen, dass es nicht beim Aufhörenwollen bleibt.

Das Verb wollen ist ein Modalverb. Ein Modalverb drückt aus, dass das im Satz Gesagte gewollt, möglich, erwünscht, notwendig usw. ist. Mit wollen drückt man unter anderem einen Wunsch oder eine Absicht aus. Zum Beispiel:

Viele Pensionierte wollen nach Spanien umziehen.
= Viele Pensionierte haben den Wunsch/die Absicht, nach Spanien umzuziehen.

Wenn man also sagt, dass man die Absicht hat, etwas tun zu wollen, ist das „doppelt gemoppelt“ – außer wenn man wirklich sagen will, dass man die Absicht hat, eine gewisse Absicht zu haben.

Viele Pensionierte haben die Absicht, nach Spanien umziehen zu wollen.

Wörtlich genommen geht es hier um ganz, ganz vorsichtige Pensionierte, die sich vornehmen, ein romantisches Verlangen nach Spanien zu entwickeln, denen aber die spanische Sonne von vornherein zu heiß und Paella und Sangria sowieso zu fremdländisch sind, um wirklich auswandern zu wollen.

Ganz ähnlich geht es oft auch bei den andern Modalverben zu und her. Das ist der Fall, wenn:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause kommen zu dürfen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen zu müssen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst lieben zu sollen;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren wackeln zu können;
in Riesenlettern die einmalige Möglichkeit angepriesen wird, 100 000 Euro gewinnen zu können.

In all diesen Fällen werden Erlaubnis, Verpflichtung, Auftrag, Fähigkeit oder Möglichkeit zweimal ausgedrückt: einmal durch das Substantiv und einmal durch das Modalverb. Das ist im Normalfall einmal zu viel. Man sagt also besser dass:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause zu kommen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zu zahlen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren zu wackeln.

… oder oft noch ein bisschen besser, dass:

Jugendliche am Samstagabend später nach Hause kommen dürfen;
Kunden die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen müssen;
der Mensch seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll;
Dr. Bopp mit den Ohren wackeln kann.

Nur der noch nicht genannte Beispielsatz ist – wahrscheinlich ungewollt – auch „doppelt gemoppelt“ korrekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man die 100 000 Euro gewinnt ist in der Regel so gering und mit so vielen Bedingungen verknüpft, dass man zu Recht sagen könnte, dass man nur möglicherweise eine Gewinnmöglichkeit hat.