Das ziemlich altertümliche »derselben«

Ein etwas verstaubt klingendes und wohl gerade deshalb gehoben anmutendes Wort ist derselben, wenn damit nicht der Gleichen gemeint ist. Wie wird es verwendet?

Frage

Darf man „derselben“ synonym für „deren“ verwenden? Zum Beispiel

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält
eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Ob es eigentümlich klingt, spielt keine Rolle, lediglich, inwiefern es grammatikalisch noch zu akzeptieren wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Demonstrativpronomen der-/die-/dasselbe wird nicht als Relativpronomen verwendet. Es heißt also nicht:

*eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Hier sollte die Genitivform deren stehen:

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Der-/die-/dasselbe wird also nicht als Relativpronomen verwendet. Es kann sich aber als Demonstrativpronomen auf etwas vorher Genanntes beziehen:

Er brachte einen großen Krug und setzte denselben auf den Tisch.
[denselben = ihn/diesen]
Dann öffnete er eine Schublade und entnahm derselben einen Brief.
[derselben = ihr/dieser]
Füllen Sie das Formular aus und senden Sie dasselbe an unten stehende Adresse.
[dasselbe = es/dieses]

Als Genitivattribut wird derselben resp. desselben in der Regel dem Wort nachgestellt, das es bestimmt:

Es geht um die Wohnung im dritten Stock. Der Eigentümer derselben hält sich in Frankreich auf.
[der Eigentümer derselben = ihr/deren Eigentümer] 
Er brachte einen großen Krug und goss den Inhalt desselben in die Becher.
 [den Inhalt desselben = seinen/dessen Inhalt]
Der geneigte Leser dieser Seiten mag mir nach der Lektüre derselben eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen.
[nach der Lektüre derselben = nach ihrer/deren Lektüre]

Je nach Geschmack klingen solche Formulierungen etwas verstaubt, gehoben oder beides. Die Verwendung von der-/die-/dasselbe als verweisendes Wort gilt dann auch als veraltend – auch im Genitiv! Mehr zu diesem Pronomen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zweimal em: die parallele Beugung

Ein „alter Hut“, der aber immer wieder auftaucht, ist die Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven mit der Endung em. Da diese Frage doch noch vielen zu schaffen macht, soll das Thema gleich zu Anfang des Jahres wieder einmal kurz aufgegriffen werden (und dann bis mindestens 2015 nicht mehr im Blog erscheinen):

Frage

Darf ich fragen, was richtig ist:

Mit nochmaligem bestem Dank     oder
Mit nochmaligem besten Dank

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beides kommt vor und beides gilt als richtig. In der heutigen Standardsprache wird die parallele Beugung (Parallelflexion), also zweimal em, bevorzugt. Früher war das allerdings anders: Die Wechselflexion (also em – en) galt als Regel oder zumindest als stilistisch besser. Doch schon vor dreißig Jahren (1984) schrieb die Dudengrammatik zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

Siehe auch die Angaben zur Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven in der LEO-Grammatik. Und falls Sie dann noch Zeit und Lust haben: Es gibt es auch noch einen älteren Blogeintrag zu diesem Thema.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Epiphanie und Epiphanias

Frage

Anlässlich des Dreikönigstags wollte ich herausfinden, wie sich denn seine griech.-lat. Bezeichnung „Epiphanie“ korrekt ausspricht. „Epiphany“ im Englischen klingt schon recht entzückend. Auf Deutsch zeigt die (Aus)sprachwelt aber Uneinigkeit, denn in den von mir gefundenen Tondokumenten spricht jeder/jede der Sprecher/innen das Wort anders aus (Leo, Babla, Ponds, …). Könnten Sie nicht „Erleuchtung“ in die Sache bringen und über die richtige Aussprache schreiben […]?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

die Aussprachebeispiele auf den verschiedenen Seiten, die Sie erwähnen, sind tatsächlich verwirrend. Eine sehr zuverlässige Quelle ist diesbezüglich das DWDS. Nur steht Epiphanie leider nicht im DWDS.

Epiphanie ist über das Lateinische aus dem Griechischen zu uns gelangt. Es bezeichnete die Erscheinung einer Gottheit unter den Menschen und wird bei uns vor allem für die Erscheinung Christi verwendet. Nach den Ausspracheangaben in verschiedenen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Pons u. a. m.) wird Epiphanie wie folgt ausgesprochen: E-pi-pha-nie. Der Hauptakzent liegt auf dem ie der letzen Silbe, das als langes i ausgesprochen wird. Epiphanie gehört also zu den Wörtern, in denen das ie am Wortende für ein betontes langes i steht und nicht für unbetontes, separat ausgesprochenes i-e. Es folgt somit dem gleichen Betonungsmuster wie viele andere griechisch-lateinische Wortbildungen, die wir aus dem Lateinischen übernommen haben: Analogie, Demokratie, Geografie u. v. a. m.

Epiphanie reimt sich also nicht mit Geranie und Kastanie. Das wäre übrigens insofern nicht abwegig, als Epiphanias, der direkt aus dem Griechischen stammende Name für das Dreikönigsfest, anders ausgesprochen wird. Dort liegt die Hauptbetonung nämlich doch auf der Silbe pha. Siehe resp. höre die Ausspracheangabe im DWDS (einfach auf den Pfeil neben Aussprache klicken und hoffen, dass Ihr Gerät dann anfängt zu reden).

Es ist also „offiziell“ Epiphanie und Epiphanias.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Dreikönigstag

Dr. Bopp

Lehnwörter von der Datumsgrenze: Polynesisches im Deutschen

Im westlichen Teil Polynesiens war es schon einen halben Tag früher 2014 als bei uns. Im östlichen Teil musste man einen halben Tag länger auf das neue Jahr warten als wir. Das hat – wir haben es im Geographieunterricht gelernt – mit der Kugelform der Erde und der Datumsgrenze zu tun, die auf der uns gegenüberliegenden Seite der Kugel quer durch Polynesien verläuft. Was wissen wir noch mehr von dieser Inselwelt? Die Meuterei auf der Bounty fand dort statt, Gaugin hat auf Tahiti gemalt, Barak Obama wurde auf Hawaii geboren, Inseln, Palmen, Atolle und ganz viel Ozean. Viel mehr wissen die meisten von uns nicht über diesen Teil der Erde. Auch sprachlich gibt es kaum Verbindungen zwischen Polynesien und dem deutschsprachigen Teil der Welt. Nur zwei, drei Wörter aus polynesischen Sprachen haben es in die deutsche Alltagssprache geschafft:

Das Wort kanaka bedeutet in einer polynesischen Sprache Mensch. Es wurde zuerst durch Seeleute entlehnt und in der Form Kanake zu einer Bezeichnung für Polynesier und Südseeinsulaner. Ich weiß nicht, inwieweit es früher „neutral“ verwendet werden konnte (ich habe gewisse Zweifel). Heute ist jedenfalls wegen der Verwendung von Kanake als Schimpfwort für Migranten große Vorsicht geboten, wenn man dieses Wort benutzt. Es ist vor allem mit dieser negativen Bedeutung bekannt.

Dies ist eine fast zu schöne Überleitung zum folgenden Wort: tabu, Tabu. Es stammt aus der polynesischen Sprache Tonga, wo es ungefähr geheiligt bedeutet. Es wurde zuerst in der Völkerkunde für Lebewesen oder Objekte verwendet, die so heilig sind, dass man sie nicht berühren oder nicht einmal anschauen darf. Aus der Fachsprache ist es dann in die Allgemeinsprache durchgedrungen, meist als Charakterisierung von etwas, über das man nicht reden darf (Tabuthema).

Das dritte Wort  kann in meiner Erfahrung bei vielen Eltern mit heranwachsenden Söhnen und Töchtern zu einem solchen Tabuthema werden: Tatoo oder Tätowierung. Es kommt vom tahitianischen Wort tatau für Zeichen. Tätowierungen sind in den letzten Jahren so populär geworden – und nicht nur, wie das Klischee es wollte, bei Knastbrüdern, Prostituierten und Seeleuten –, dass viele Eltern viele verschiedene Taktiken anwenden, um den Nachwuchs ganz oder wenigstens möglichst lange davon abzuhalten, ins Tattoostudio zu gehen: „Nein, auch kein kleines, geschmackvolles, das man kaum sieht!“ Versuchen Sie es einfach einmal und lassen Sie das Stichwort Tätowierung in einer Familie mit pubertierendem Nachwuchs fallen. Wenn Sie mehr für das Harmonie- als für das Konfliktmodell sind, sollten Sie es allerdings besser bleiben lassen.

Kanake, Tabu und Tätowierung sind die drei bekanntesten Wörter polynesischen Ursprungs. Wenn wir den Kreis etwas größer machen, kommen noch weitere Wörter aus der „gleichen“ Region: Bumerang, Digdgeridoo, Dingo, Känguru und Koala sind Beispiele von Wörtern, die wir – Sie haben es bestimmt erkannt – aus australischen Sprachen übernommen haben.

Umgekehrt kommen auch nur wenige (aber immerhin ein paar!) deutsche Lehnwörter in den Sprachen der Südsee vor. Mehr dazu lesen Sie in einem Artikel von Stefan Engelberg mit dem Titel „Kaisa, Kumi, Karmoból – Deutsche Lehnwörter in den Sprachen des Südpazifiks“ (in „Sprachreport“, 4/2006, Institut für deutsche Sprache IDS).

Ab nächster Woche geht es dann wieder wie gewohnt mit interessanten Fragen von Ihnen weiter.

Warum einwecken eigentlich einrempeln heißen müsste

Der Winter hat vielerorts zwar noch immer nicht  richtig angefangen, aber die Zeit, im Sommer und Herbst Eingewecktes aufzumachen und zu genießen, kommt bestimmt. Mir fiel jedenfalls gerade gestern ein Weckglas in die Hände, so ein schönes mit Gummiring in Rotorange und dem Namen »Weck« in Relief auf dem Deckel.

Weckglas Weckglas

Das Glas stammt aus einer Zeit, in der man sich noch nicht darauf verlassen konnte, das ganze Jahr hindurch im Supermarkt frische Nahrungsmittel vorzufinden. Wenn etwas in den fruchtbaren Monaten üppig vorhanden war, wurde ein Teil davon durch Einkochen für die weniger üppigen Monate haltbar gemacht. Wie das genau vor sich ging und immer noch vor sich geht, soll hier nicht Thema sein. Ich wunderte mich nämlich gestern vielmehr, wieso ein Weckglas so heißt, wie es heißt. Die Nahrungsmittel werden ja nicht (auf)geweckt, sondern eher schlafen gelegt.

Das Weckglas heißt so, weil es von der Firma Weck kommt (und wenn es nicht von der Firma Weck kommt, darf es nicht so heißen). Wo man für das Einkochen Weckgläser benutzte, entstand für diesen Vorgang das Verb einwecken. Johann Carl Weck, der Gründer und Namensgeber der Firma Weck, war zwar indirekt auch der Namensgeber für das Weckglas, er war aber nicht dessen Erfinder. Er erwarb das Patent 1895 vom Unternehmer Albert Hüssener, der es von 1893 an genutzt hatte. Der eigentliche Erfinder war der Chemiker Rudolf Rempel. Er ließ Glas und Methode 1892 patentieren, starb aber schon im darauffolgenden Jahr nur vierunddreißig Jahre jung. Wenn das Weckglas nach seinem Erfinder hieße, wäre es also ein Rempelglas und Lebensmittel würden nicht eingeweckt, sondern eingerempelt.

Die Geschichte lief aber so, wie sie lief, und man spricht heute weder von einrempeln noch von einhüssenen. Vor allem in Österreich gibt es noch eine andere Bezeichnung, die ebenfalls von einem Namen abgeleitet ist: einrexen, nach den beim Einwecken verwendeten Rex-Gummiringen der Firma Rex-Gummitechniken. In der Schweiz bleibt es diesbezüglich ziemlich langweilig. Dort ist vor allem die Bezeichnung einmachen üblich.

Ob Sie nun Eingewecktes, Eingerextes, Eingemachtes oder gar nichts Eingekochtes in der Vorratskammer stehen haben: Ich wünsche ein gutes neues Jahr!

Ein schönes Weihnachtsfest

Eigentlich wollte ich heute oder morgen noch etwas Weihnachtlich-Grammatisches oder Festtäglich-Orthografisches mit leicht besinnlichem Einschlag schreiben; wie es sich für diese Zeit des Jahres gehört. Einkauf, Baumschmuck und unerwartet schönes Wetter – man musste hier heute einfach spazieren gehen ­– fordern aber viel Zeit. Außerdem lassen mich Inspiration und Kreativität sowieso schmählich im Stich. Bevor ich nun trotzdem noch irgendetwas eingermaßen Passendes aus der Tastatur zwinge, beschränke ich mich darauf, Ihnen ein ganz schönes Weihnachtsfest zu wünschen. Auch im Namen von allen an Canoonet Beteiligten. Also:

Wir wünschen Ihnen ein ganz schönes Weihnachtsfest!

Eines der besten Schnitzel, das oder die …?

Frage

Ich habe eine grammatische Frage: Heißt es „Das ist eines der besten Schnitzel, das ich je gegessen habe“ oder „Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig sind die folgenden Formulierungen:

Das ist das beste Schnitzel, das ich je gegessen habe.
Das ist eines der besten Schnitzel, die ich je gegessen habe.

Ob man das Relativpronomen das oder die wählt, hängt davon ab, auf welches vorhergehende Wort sich das Pronomen bezieht.

Beim ersten Satz bezieht sich das Relativpronomen auf die Wortgruppe das beste Schnitzel, also auf ein sächliches Wort in der Einzahl. Man wählt deshalb das entsprechende sächliche Relativpronomen der Einzahl: das.

Bei Konstruktionen der Art eine/einer/eines der … bezieht sich das Relativpronomen in der Regel auf das vorhergehende Substantiv im Plural, nicht auf eines. Nicht das mit eines bezeichnete Beispiel, sondern die Gruppe, zu der es gehört (hier: der besten Schnitzel), wird näher bestimmt. Man wählt deshalb die Pluralform des Relativpronomens: die.

Weitere Beispiele:

einer der letzten Menschen, die noch hier wohnen
eine der berühmtesten Künstlerinnen, die hier aufgetreten sind
einer der schönsten Städtenamen, die ich kenne
eines der Museen, die ich in Berlin besuchen werde
Sie ist eine der wenigen, denen er noch vertraut.

Ich hoffe für Sie, dass das Beispiel in Ihrer Frage nicht nur ein erdachtes Beispiel war. Ein gutes Schnitzel ist nie zu verachten (außer wenn man Schnitzel nicht mag). Eines der besten Schnitzel, die man je gegessen hat, ist natürlich noch viel besser. Ich würde es auch genießen, wenn es mir mit dem Relativpronomen das statt die angeboten würde! Grammatik ist gut, Kulinarik ist besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Reihenfolge der Kasus in Canoonet

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, bezieht sich auf die Reihenfolge der Kasus. In den Tabellen in Canoonet stehen die Fälle nämlich in einer anderen Reihenfolge (Nom. – Akk. – Dat. – Gen.), als wir es aus der klassischen Grammatik kennen (Nom. – Gen. – Dat. – Akk.) Das ist für viele ungewohnt und führt begreiflicherweise immer wieder zu Fragen. Es ist also an der Zeit, diese Frage wieder einmal kurz im Blog zu behandeln. Das Ende des Jahres ist ja ein guter Moment, Liegengebliebenes abzuarbeiten:

Frage

Mir ist aufgefallen, dass der Akkusativ bei Ihnen der zweite Fall ist. Das finde ich nur bei Canoonet so. An allen anderen Stellen ist es der vierte Fall und so habe ich es auch in der Schule gelernt. Warum ist das so? Wenn ich Canoonet auch für die beste Seite halte zum Thema Rechtschreibung, so besuche ich doch meistens auch andere Anbieter. Das mit dem Akkusativ ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gibt es ja einen guten Grund?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich darüber wundert, dass in Canonet die Reihenfolge der Kasus wie folgt angegeben wird: Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv. Wir verwenden also nicht die aus der klassischen lateinischen Grammatiktradition stammende Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ. Eine kurze Begründung habe ich in einem älteren Blogeintrag schon einmal gegeben. Sie finden ihn hier. Da dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich hier ergänzend zwei Zitate etwas jüngeren Datums anführen:

Duden, „Die Grammatik“, 8. Auflage, 2009, Randnummer 199:

In Listen und Tabellen werden in der vorliegenden Grammatik die Kasusmerkmale in der folgenden Anordnung gezeigt:

Nominativ -> Akkusativ -> Dativ -> Genitiv

Diese Abfolge hat die folgenden Vorteile:

(i) Als formaler Grund lässt sich der Formenzusammenfall (Synkretismus) bei bestimmten Paradigmen nennen […]. Nominativ und Akkusativ fallen bei Paradigmen mit den Merkmalen Neutrum, Femininum oder Plural immer zusammen; ein Unterschied besteht nur in der 1. und 2. Person des Personalpronomens bei einem Teil der Maskulina im Singular.
(ii) Als funktionaler Grund lassen sich die Regeln für die Kasusvergabe beim Verb nennen […]:
(a) Wenn ein Verb nur 1 nominales Satzglied verlangt, steht dieses im Nominativ, zum Beispiel: Der Hund bellt.
(b) Wein ein Verb 2 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktiveren semantischen Rolle im Nominativ, das andere im Akkusativ, zum Beispiel: Der Hund sucht den Knochen.
(c) Wenn ein Verb 3 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktivsten semantischen Rolle im Nominativ, das mit der am wenigsten aktiven Rolle im Akkusativ und das dritte im Dativ, zum Beispiel: Der Hund bringt dem Herrchen den Ball.
(d) Verben mit Genitivobjekten sind Sonderfälle, zum Beispiel: Der Hund bemächtigt sich des Knochens.

Wahrig, „Richtiges Deutsch leicht gemacht“, 2009, S. 209:

Nominativ
Akkusativ
Dativ
Genitiv

Während in älteren Grammatiken meist die Kasus der traditionellen Lateingrammatik entsprechend in der Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ aufgelistet werden, werden sie heute zunehmend in der hier gewählten Reihenfolge präsentiert. Dabei spielt vor allem die abnehmende Ähnlichkeit mit dem Nominativ eine Rolle.

Die Reihenfolge Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv kommt also nicht nur in Canoonet, sondern auch in anderen neueren Grammatiken vor. Auch im Sprachunterricht, insbesondere im Fremdsprachenunterricht (Deutsch für Fremdsprachige), begegnet man ihr häufiger. Sie hat sich aber in den Flexionstabellen der online abrufbaren Wörterbücher tatsächlich (noch?) nicht durchgesetzt. Die meisten von ihnen verwenden die klassische Darstellung.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass die Reihenfolge der Kasus in Tabellen eigentlich gar nicht so wichtig ist. Ob es nun der Hund – den Hund – dem Hund – des Hundes oder der Hund – des Hundes – dem Hund – den Hund ist, eine andere Reihenfolge ist höchstens etwas gewöhnungsbedürftig. Hauptsache, die Information stimmt und wird einigermaßen konsequent angeboten. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, aber ich hoffe, dass es niemanden allzu sehr stört, wenn wir in Canoonet eine andere Reihenfolge der Kasus anbieten, als er oder sie gewohnt ist – oder war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die große/Große Koalition

Deutschland hat eine neue Regierung, eine Koalition zwischen CDU/CSU und  SPD. Eine Koalition zwischen den zahlenmäßig stärksten Parteien wird mit dem Adjektiv groß näher bestimmt. Und dann kommt es für diejenigen, die alles ganz korrekt schreiben wollen, zu einem kleinen Problem mit groß: Ist es die große Koalition oder die Große Koalition?

Eine kleine, wissenschaftlich und methodisch völlig unzureichende Stichprobe* im Internet zeigt heute Folgendes:

die große Koalition
Bild, Focus online, Frankfurter Allgemeine, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche

die Große Koalition
Basler Zeitung, Heute.at, Spiegel, TAZ, Zeit Online

Beides:
Berliner Zeitung, Der Standard, Die Welt

Man ist sich online also alles andere als einig, ob das Adjektiv große hier groß- oder kleingeschrieben werden soll. Das liegt daran, dass die Rechtschreibregelung beides zulässt. So kann man es jedenfalls z. B. im Rechtschreibduden und Canoonet nachlesen.

Falls Sie sich gewundert haben sollten: Sowohl die Anhänger von die Große Koalition als auch diejenigen, die für die große Koalition sind, haben recht – zumindest orthografisch. Einen kleinen Vorwurf kann man nur denjenigen machen,  bei denen beide Formen erscheinen. Stilistisch gesehen sollte es vermieden werden, innerhalb eines Textes, einer Publikation usw. verschiedene Schreibweisen nebeneinander zu verwenden.

So viel zur aktuellen politischen Lage. Ich wünsche allen einen schönen dritten Advent.

* Die Auswahl der Zeitungen ist willkürlich und die Angaben beziehen sich nur auf die Schreibweisen, die ich bei einem schnellen Blick auf die jeweiligen Hauptseiten gefunden habe. Die Angaben sind also nicht exakt, aber sie sollen ja nur aufzeigen, dass beide Schreibweisen regelmäßig vorkommen.

Ein Apostroph am Satzanfang; wie geht’s weiter?

Am Satzfang schreibt man groß. Das ist eine  Rechtschreibregel, die recht einfach zu handhaben ist. Aber selbst diese Regel hat so ihre kleinen Tücken:

Frage

Wie verfahre ich hinsichtlich der Groß- oder Kleinschreibung, wenn ich einen Satz mit einem Zitat mit verkürztem Wort beginne? Zum Beispiel:

„’ne üble Sache ist das.“ oder
„’Ne üble Sache ist das.“

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Antwort ist ganz einfach (auch wenn ich  zugeben muss, dass ich nachsehen musste, um sicher zu sein): Nach einem Apostroph am Satzanfang wird kleingeschrieben. Schöne Beispiele sind Anfänge von Volksliedern und Gedichten:

’s ist alles dunkel, ’s ist alles trübe,
Ja weil mein Schatz ein’n anderen liebet.
[Volkslied]

’s gibt eine Sage, dass wenn plötzlich matt
Unheimlich Schaudern einen übergleite,
Dass dann ob seiner künft’gen Grabesstatt
Der Todesengel schreite.
[Annette von Droste-Hülshoff]

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
[Nikolaus Lenau]

Und was für hehres Dichtgut gilt, gilt auch für die Wiedergabe von umgangssprachlicher Rede:

„’ne üble Sache ist das“, seufzte er.
’s ist jammerschade um ihn. ’s Herz bricht mir fast.

Siehe Paragraph 54.6 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort steht weiter, dass auch die Auslassungspunkte und Zahlen als Satzanfang gelten:

 … denn sie wissen nicht, was sie tun [Filmtitel]
36 lange Stunden mussten sie auf den nächsten Flug warten.

Nicht jeder Satz beginnt also mit einem Großbuchstaben. Nicht einmal so viel Gewissheit gibt es!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Den Umgang mit Marken- und Produktnamen mit kleinem Anfangsbuchstaben behandelt dieser Blogeintrag.