Gescheiter[t]

Frage

Gibt es einen Grund, warum die Wörter „gescheit“ und „gescheitert“ so ähnlich sind? Oder ist es nur Zufall?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

im heutigen Deutsch gibt es keinen Zusammenhang zwischen gescheitert und gescheit. Ganz zufällig ist die Ähnlichkeit der beiden Wörter aber nicht:

Das Wort gescheit geht auf ein altes Adjektiv geschîde zurück, das in übertragenem Sinne (geistig) scharf und unterscheidend bedeutete. Dieses Adjektiv ist direkt mit dem Verb schîden, einer Nebenform von scheiden, verwandt.

Das Wort gescheitert gehört zum Verb scheitern. Mit der Bedeutung misslingen, fehlschlagen ist dieses Verb relativ jung (17. Jh.). Davor gab es zerscheitern (16. Jh.), wahrscheinlich also in Scheiter gehen, in Stücke gehen. Das Wort Scheit (abgespaltenes Stück Holz) hatte früher die Form schît und ist – vielleicht erraten Sie es schon – mit dem Verb scheiden verwandt.

Gescheit und gescheitert sind also beide in gewissem Sinne Nachkommen des Verbs scheiden. Ihre Bedeutungen haben sich aber sehr unterschiedlich entwickelt. Der Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern ist deshalb (wie die Verwandtschaft mit Holzscheit) nur noch rein formal am Wortkern scheit zu erkennen – auch wenn es wenig Mühe bereitet, die beiden Wörter gemeinsam in einen Satz zu zwängen: „Wärst du gescheiter, wärst du nicht gescheitert.“ „Daran sind schon Gescheitere gescheitert.“

Gegen das Ende der Wintersportsaison auch interessant: Über ein paar zusätzliche (norwegische) Ecken hat auch das Wort Ski mit gescheitert und gescheit zu tun. Das norwegische Wort für Schneeschuh, den Vorläufer des Skis, ist nämliche ein direkter Verwandter des deutschen Wortes Scheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen im Genitiv

Es geht hier nicht darum, wie man im Genitiv zahlt (zum Beispiel: sich der Kreditkarte bedienen). Mit „Zahlen im Genitiv“ sind  zweier und dreier, die Genitivformen von zwei und drei, gemeint.

Frage

Auf einer Nachrichtenwebseite las ich diese Formulierung: „Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen drei iranischer Überläufer.“ Ist der Genitiv „drei iranischer Überläufer“ so richtig? Ist „dreier Überläufer“ eine oft benutzte falsche Floskel oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Satz, den Sie zitieren, ist tatsächlich nicht ganz richtig formuliert. Wenn die Zahlen zwei und drei ohne ein Artikelwort bei einem Nomen im Genitiv stehen, verwendet man nämlich die Formen zweier und dreier:

der Verkauf zweier Ponys
mit Hilfe dreier Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier Überläufer.

Das gilt auch dann, wenn ein gebeugtes Adjektiv folgt:

der Verkauf zweier schwarzer Ponys
mit Hilfe dreier kleiner Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen dreier iranischer Überläufer.

Mit Artikelwort verwendet man diese Zahlwörter aber ohne Endung:

der Verkauf ihrer zwei [schwarzen] Ponys
mit Hilfe dieser drei [kleinen] Schräubchen
Die Anwälte berufen sich auf die Aussagen der drei [iranischen] Überläufer.

Bei der zitierten Formulierung die Aussagen drei iranischer Überläufer handelt es sich also um eine ungebräuchliche Mischform. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoonet-Grammatik.

Bei Zahlen ab vier sind Gentivformen mit –er übrigens ungebräuchlich. Ohne Artikelwort verwendet man eine Formulierung mit von (auch wenn man dem Genitiv sonst sehr gewogen ist):

mit Hilfe von vier Schräubchen
die Mutter von fünf Kindern
die intelligenten Fragen von sechs Canoonet-Nutzern

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vor, während und nach dem Spiel

Frage

Bekanntlich ist ja nach dem Spiel vor dem Spiel. Während man aber vor und nach dem Spiel den Dativ zu benutzen hat, ist während des Spiels der Genitiv angesagt […]. Wenn ich immer den richtigen Fall benutzen möchte, also „vor dem Spiel“, „während des Spiels“ und „nach dem Spiel“, darf ich dann sagen „vor, während und nach dem Spiel“? Oder fühlt sich der Genitiv da vernachlässigt? Gibt es dazu eine Regel? Und gilt diese Regel dann nur auf dem Platz oder auch außerhalb des Platzes? Oder sowohl auf dem als auch außerhalb des Platzes?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Die Grundregel sieht recht kompliziert aus:

Wenn

  • mehr als eine Präposition vor einem Nomen (oder Pronomen) steht,
  • die Präpositionen nicht den gleichen Fall fordern,
  • das Nomen in den unterschiedlichen Fällen unterschiedliche Formen hat,

dann richtet sich das Nomen nach dem Fall der letzten Präposition.

Nach dieser allgemeinen Regel kann man also sagen und schreiben:

vor, während und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von und über dich.

Nun kommt wohl nicht ganz überraschend das ABER: Solche Zusammenziehungen gelten stilistisch als unschön. Es empfiehlt sich deshalb, das Nomen in solchen Fällen zu wiederholen oder – das ist oft noch besser – eine andere Formulierung zu wählen:

vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel
Die Regel gilt auf dem Platz und außerhalb des Platzes.
Du redest viel von dir und viel über dich.

Wenn ein Wort in den verschiedenen Fällen die gleiche Form hat, ist die Zusammenziehung übrigens stilistisch meist unbedenklich:

vor, während und nach der Feier
Die Regel gilt auf und außerhalb der Spielfläche.
Er redet viel von und über sich.

Eine besondere Stellung haben mit und ohne und mit oder ohne. Die Zusammenziehung ist in diesem Fall standardsprachlich auch dann üblich, wenn ein Wort im Dativ und Akkusativ unterschiedliche Formen hat:

Wir werden die Sache mit oder ohne dich zu Ende führen.
Apfelkuchen mit und ohne gesüßte Schlagsahne

(Siehe auch hier. Mehr Informationen zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik)

Soweit die grammatischen und stilistischen Grundsätze. Nun noch ein kleiner persönlicher Zweifel (auch Sprachler zweifeln, wenn es um Sprache geht): Bin ich der Einzige, dem vor, während und nach dem Spiel trotz des oben Gesagten auch stilistisch nicht verunglückt vorkommt? Es mag daran liegen, dass meine Wiege im südlichen deutschen Sprachraum stand, in dem der Dativ nach während gang und gäbe ist. Es könnte aber auch sein, dass es eine allgemein akzeptierte Formulierung ist, die erst dann als „stilistisch unschön“ abgetan wird, wenn man bewusst auf den Erhalt des Genitivs nach während achtet. Kurzum: Gleitet man ins Umgangssprachliche ab, wenn man vor, während und nach dem Spiel akzeptabel findet, oder macht man sich anderseits der stilistischen Prinzipienreiterei schuldig, wenn man diese Formulierung für inakzeptabel hält? Wie so oft bei stilistischen Fragen liegt die Antwort wohl irgendwo dazwischen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Riefend gibt es!

„Riefend gibt es nicht!“, lautet der Kommentar von Lollo, der oder die vielleicht den ebenso fiktiven Familiennamen Rosso trägt und des Weiteren leider eine falschen E-Mail-Adresse angegeben hat. Diese Behauptung möchte ich nicht gänzlich unwidersprochen lassen, zumal das Wort riefend tatsächlich im Canoonet-Wörterbuch zu finden ist.

Man findet riefend natürlich nicht bei den Wortformen des Verbs rufen. Es gibt im Deutschen schließlich nur das Partizip Präsens rufend und das Partizip Perfekt gerufen. Wenn es zu rufen gehören würde, müsste riefend aber eine Art Partizip Präteritum sein:

Er rennt aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Er rannte aus vollem Halse *riefend auf uns zu.

Die Narren ziehen singend und tanzend durch die Straßen.
Die Narren zogen *sangend und *tanztend durch die Straßen.

Partizipformen dieser Art (*) gibt es nicht. Trotz seines Namens Partizip Präsens kann dieses Partizip nämlich nicht nur im Präsens verwendet werden. Es drückt keine Zeit aus. Es drückt aus, dass die Verbhandlung verlaufend ist, und wird manchmal wie oben adverbial oder meistens als Adjektiv verwendet (z. B. rufende Eulen, singende Lerchen, tanzende Schwäne). Es kann sowohl in Kombination mit der Gegenwart als auch zusammen mit der Vergangenheit stehen:

Er rennt/rannte aus vollem Halse rufend auf uns zu.
Die Narren ziehen/zogen singend und tanzend durch die Straßen.

Heute wird deshalb häufig der weniger irreführende Name Partizip I verwendet.

Die Wortform riefend kann also nicht zu rufen gehören, genauso wenig wie sangend eine Form von singen oder tanztend eine Form von tanzen ist. Weshalb steht riefend trotzdem im Wörterbuch? – Es gehört ganz regelmäßig zum Verb riefen, das wie seine Variante riefeln die Bedeutung mit Riefen (= Rillen) versehen hat.

Das Wort riefend ist alles andere als ein Anwärter auf eine Spitzenposition in der Liste der am häufigsten verwendeten Wortformen. Manchmal ist es sogar nur ein triefend oder reifend mit Flüchtigkeitsfehler. Man darf ihm aber trotzdem nicht einfach mit der Behauptung „Riefend gibt es nicht!“ die Daseinsberechtigung absprechen. Auch wenn dies wahrscheinlich außer Scrabble-Spielern, die die entsprechenden Buchstaben legen können, kaum jemanden interessiert: Riefend gibt es!

Warum heißt die Gegenwart so?

Kinder stellen gute Fragen. Ich hatte mir die folgende Frage jedenfalls noch nie gestellt – und das als „Sprachler“!

Frage

Mein achtjähriger Sohn M[…] fragt, warum das Wort „Gegenwart“ so heißt? Woher kommt die Wortverbindung aus „gegen“ und „wart(en?)“ bzw. was hat diese mit der Wortbedeutung zu tun?

Antwort

Sehr geehrte Frau R., lieber M.,

das Wort Gegenwart ist ein altes Wort. Es ist mit einem Adjektiv verbunden, das gegewertec oder gegenwürtec hieß und gegenwärtig, anwesend bedeutete. Die wörtliche Bedeutung war gegenüber seiend. Es bezeichnete also dasjenige, das sich einem gegenüber befindet, das anwesend ist.

Den Wortteil gegen kann man somit als gegenüber verstehen. Der zweite Teil, wart, hat nichts mit dem Wort warten zu tun. Er ist mit -wärtig verwandt, das gewendet, gerichtet bedeutete. Man findet dieses wärt(ig) heute noch in zum Beispiel auswärts (nach außen gewendet), abwärts (hinab gerichtet), südwärts (nach Süden gerichtet) usw.

Als Bezeichnung für die Zeitform des Verbs kam Gegenwart erst im 18. Jahrhundert auf.

Von der früheren wörtlichen Bedeutung gegen(über) gerichtet, gegenüber seiend bis zur heutigen Bedeutung Jetztzeit hat das Wort Gegenwart also einen recht langen Weg zurückgelegt, den man aber – wenn man es einmal weiß – recht gut nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In oder auf Highheels gehen?

Frage

Heißt es korrekt: „auf Highheels (o. Stöckelschuhen) gehen“ oder „in Highheels gehen“? Ich finde das nirgends und es sind beide Varianten zahlreich vertreten.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

beide Varianten kommen häufig vor, weil beide Varianten möglich sind:

in Highheels/Stöckelschuhen gehen
auf Highheels/Stöckelschuhen gehen.

Man geht in Stöckelschuhen, wie man auch in „normalen“ Schuhen, Wanderschuhen, Stiefeln usw. geht. Man geht auf Stöckelschuhen, wie man auch auf anderen erhöhten „Untersätzen“ geht und steht: auf Stelzen, Rollschuhen, Schlittschuhen.

Highheels vereinigen zwei Aspekte in sich, von denen der eine (Fußbekleidung) mit in und der andere (hohe Absätze) mit auf verwendet werden kann. Es gibt deshalb, wie so oft in der Sprache, mehr als eine korrekte Ausdrucksweise.

Vor einiger Zeit waren wir mit unserer Nachbarstocher und ihrem Freund im übrigens ausgezeichneten italienischen Restaurant ganz in der Nähe essen. Das junge Paar hatte sich zu diesem Anlass fein gemacht. Dazu gehörten bei ihr Highheels, die ihrem Namen alle Ehre machten: bestimmt 15 cm. Obwohl man zu Fuß gerade so schnell ist, wie man ein Auto aus- und wieder einparkt, hätte sie sich wohl doch lieber zum Restaurant chauffieren lassen. Sie bestritt es tapfer, aber es war offensichtlich, dass man weder in noch auf Highheels dieser Höhe wirklich gehen kann. Sie sind vielleicht zum Stehen, aber kaum zum Gehen geeignet. Wirklich neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht. Neu war für mich dank unserer Highheels-Debütantin das Folgende: Sitzen mit 15 Zentimeter Absatz am Fuß hat auch so seine Tücken. An manchen Restauranttischen geht das nämlich nur mit eher undamenhaft unter dem Tisch ausgesteckten Beinen oder mit sittlich seitlich geneigten Unterschenkeln. Frau kriegt sonst die Knie nicht unter den Tisch.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Grammatisch gesehen kann man also in oder auf Highheels gehen. Ob man darin oder darauf wirklich gehen kann, müssen die Trägerinnen (und vereinzelten Träger) allerdings selbst entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

20 Minuten Zeit, (um) 100 000 Mark zu besorgen

Frage

Auf der Rückseite der DVD „Lola rennt“ aus 1998, steht: „Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.“ Frage: Warum steht nicht in beiden Sätzen „um zu“ oder nur „um“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

ohne Ihre Frage hätte ich wohl einfach über diesen kleinen Unterschied hinweggelesen. Es handelt sich hier um zwei verschiedene Konstruktionen, die in diesem Fall ungefähr die gleiche Bedeutung haben.

20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Die Infinitivkonstruktion mit um zu entspricht hier einem Zwecksatz. Sie hat im Satz die Rolle einer adverbialen Bestimmung des Zwecks.

– Wofür/wozu hat Lola (nur 20 Minuten) Zeit?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen.

Im ersten Satz gibt die Infinitivgruppe an, welchem Zweck die 20 Minuten Zeit dienen. Nun zum zweiten Satz:

20 Minuten Zeit, Mannis leben zu retten

Die Infinitivkonstruktion ohne um hat hier die Funktion eines Attributs. Sie ist im Satz Teil der Wortgruppe mit dem Kern Zeit und bestimmt diesen näher.

– Welche (nur 20 Minuten) Zeit hat Lola?
– Lola hat nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Im zweiten Satz gibt die Infinitivgruppe an, um welche Art zwanzig Minuten Zeit es sich handelt.

In diesem Fall kann also dasselbe (Zeit für etwas) mit einem finalen Adverbialsatz (d. h. die Zeit, um etwas zu tun) oder mit einem Attribut (d. h. die Zeit, etwas zu tun) ausgedrückt werden. Der Text auf der Rückseite der DVD hätte also zum Beispiel auch wie folgt formuliert werden können:

Nur 20 Minuten Zeit, um 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, um Mannis Leben zu retten.
Nur 20 Minuten Zeit, 100 000 Mark zu besorgen. Nur 20 Minuten Zeit, Mannis Leben zu retten.

Es gibt hier, wenn überhaupt, kaum einen Bedeutungsunterschied zwischen dem Attribut mit zu und dem Zwecksatz mit um zu. Das ist aber meistens nicht so:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa die Fähigkeit hat, andere zu überzeugen, und dass sie diese Fähigkeit (zu einem nicht genannten Zweck) einsetzt. Die Infinitivkonstruktion bestimmt als Attribut die Fähigkeit, die benutzt wird, näher. Der Zweck wird nicht genannt.

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, um andere zu überzeugen.

Hier wird gesagt, dass Lisa ihre (nicht näher bestimmte) Fähigkeit einsetzt und dass sie dies tut, um andere zu überzeugen. Die Infinitivkonstruktion gibt als Adverbialbestimmung den Zweck an, für den die Fähigkeit eingesetzt wird. Die Art der Fähigkeit wird nicht näher bestimmt. Vgl.:

Lisa benutzt ihre Fähigkeit, deutlich zu formulieren, um andere zu überzeugen.
Lisa benutzt ihre Fähigkeit, andere zu überzeugen, um ihre Pläne zu realisieren.

Dass die Unterscheidung wichtig sein kann, zeigt das letzte Beispiel:

Ich bin gegen ihren Plan, dir zu schaden.
Ich bin gegen ihren Plan, um dir zu schaden.

Wäre die erste Aussage an mich gerichtet, wäre ich über die freundliche Unterstützung erfreut. Bei der zweiten würde mich die feindliche Absicht betrüben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

In der Tinte sitzen

Frage

Ich wollte Sie freundlich anfragen, ob Sie mir aus der Patsche helfen. Woher kommt wohl der Ausdruck „in der Tinte sitzen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

aus dieser Patsche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich haben keine zuverlässige Erklärung für die Entstehung der Wendung in der Tinte sitzen (= in Bedrängnis, Schwierigkeiten sein) finden können.

Eine Erklärung sagt, dass man dann so richtig in der Tinte sitzt, wenn man durch etwas in Bedrängnis kommt, das schriftlich, das heißt mit Tinte festgelegt ist. Besser gefällt mir der Versuch, den Ursprung der Wendung in der „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“ zu suchen. In der nach heutigen Maßstäben politisch nicht sehr korrekten Erzählung wird ein vor dem Tor spazierender Mohr zum Gespött dreier böser Buben. Zur Strafe werden die uneinsichtigen Bösewichte ins große Tintenfass des großen Nikolas getunkt:

Da kam der große NIKOLAS
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr

Der Niklas wurde bös und wild,
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas

[Heinrich Hoffmann, Die Geschichte von den schwarzen Buben, in: Lustige Geschichten und drollige Bilder, 1845, Frankfurt am Main (ab 1847 mit dem Titel Der Struwwelpeter)]

So sympathisch die Erklärung auch klingen mag, die Redewendung in der Tinte sitzen kann ihren Ursprung nicht im „Struwwelpeter“ haben. Gemäß den Angaben in Grimm verwendete zum Beispiel Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510), Autor und bekannter Münsterprediger in Straßburg, diese Ausdrucksweise bereits Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts:

ir stecken mit mir in der dinten
[Doctor Keiserssbergs Postill, 1522]

soltestu den man strofen, din gesind strofen, so bistu selber in der dinten
[Peregrinus / Der bilger mit seinen eygenschaften, 1494]

Am wahrscheinlichsten ist, dass Tinte, die bei unsachgemäßer Handhabung ja ausgezeichnet und hartnäckig beschmutzen kann, eine nettere Alternative für Dreck war und ist. Auch ihre dunkle, undurchsichtige Färbung mag zu diesem negativen Bild beitragen. Mit Sicherheit kann ich dies aber leider nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus 15 Meter(n) Entfernung

Frage

In Fußballreportagen höre ich immer wieder die Formulierung „ein Schuss aus 15 Metern Entfernung“. Meine Frage dazu wäre, ob es „Meter“ oder „Metern“ heißt – oder ist „Metern“ nur richtig, wenn man dahinter nicht mehr das Wort „Entfernung“ anhängt?

Antwort

Guten Tag S.,

beides ist hier möglich. Wenn Meter wie hier als Maßangabe im Plural nach einer Zahlenangabe steht, gelten sowohl die endungslose Form Meter also auch die gebeugte Form Metern als richtig. Ob das Wort Entfernung folgt oder nicht, hat darauf keinen Einfluss:

ein Schuss aus 15 Metern [Entfernung]
ein Schuss aus 15 Meter [Entfernung]

Normalerweise stehen männliche und sächliche Maß- und Mengenangaben ungebeugt im Nominativ Singular:

2,5 Kilo Äpfel
zwei Paar Schuhe
fast drei Dutzend Polizisten
12 Euro
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll/Inch

Eine besondere Stellung nehmen hier die männlichen und sächlichen Maß- und Mengenangaben ein, die auf unbetontes el oder er enden. Speziell sind sie deshalb, weil man ihrer Form oft nicht ansieht, ob sie im Singular oder im Plural stehen:

(der/das) Drittel – (die) Drittel
(der) Liter – (die) Liter
(der) Kilometer – (die) Kilometer

Im Dativ Plural allerdings unterscheiden sich die Wortformen vom Nominativ Singular. Sie haben dann die Endung n, die sie als Pluralform „verrät“:

den Dritteln
den Litern
den Kilometern

Bei Maß- und Mengenangaben dieser Art gelten im Dativ Plural sowohl die gebeugte als auch die endungslose Form als korrekt:

bei zwei Drittel der Befragten
bei zwei Dritteln der Befragten

ein Inhalt von bis zu 7,5 Liter
ein Inhalt von bis zu 7,5 Litern

ein Schuss aus 15 Meter Entfernung
ein Schuss aus 15 Metern Entfernung

eine Höhe von 10 Zentimeter
eine Höhe von 10 Zentimetern

Mehr hierzu finden Sie auf der dieser Seite in der Canoonet-Grammatik (insbesondere Abschnitt „Spezialfall: Meter, Liter, Drittel“).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Außergewöhnlich aufmerksamen Lesern und Leserinnen mag aufgefallen sein, dass dieses Thema im Jahr 2010 schon einmal im Blog behandelt wurde. Da ich davon ausgehe (so realistisch bin ich schon), dass die meisten den Blog nicht so regelmäßig und lesen, nehme ich es niemandem übel, dass die Frage nach diesem Dativ-n immer wieder auftaucht. Ich hoffe, dass mir umgekehrt niemand diese Wiederholung zum Vorwurf macht.

Die Frage, ob und wenn ja wo hier Kommas stehen müssten

Frage

Bitte helfen Sie mir bei der Kommasetzung […] Wo werden (weitere) Kommas benötigt?

Teilen Sie mir bitte mit, ob und wenn ja bis wann Sie die Texte schicken können.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

es werden keine weiteren Kommas benötigt. Wenn man will, kann man allerdings zwei weitere Kommas einfügen. Wie ich zu diesem Schluss komme, lässt sich über einige Schritte herleiten.

Es handelt sich bei dieser Formulierung um die Zusammenziehung zweier indirekter Fragen, die mit einem eingeschobenen formelhaft verkürzten Bedingungssatz garniert ist. Wenn wir auf die Zusammenziehung verzichten und den verkürzten Bedingungssatz weglassen, erhalten wir den folgenden Satz:

Teilen Sie mir bitte mit, ob Sie die Texte schicken können und wann Sie die Texte schicken können.

Vorläufig wird also weder vor dem und noch nach dem und ein Komma benötigt. Da der Satz so aber etwas seltsam ist, fügen wir nun den weggelassenen Bedingungssatz unverkürzt wieder ein:

Teilen Sie mir bitte mit, ob Sie die Texte schicken können und, wenn die Antwort ja ist, wann Sie die Texte schicken können.

Vor und nach dem eingeschobenen Nebensatz muss, wie man sieht, ein Komma stehen (vor wenn und nach ist).

Nun gehen wir in die umgekehrte Richtung und ziehen wieder zusammen. Wir lassen den zweimal vorkommenden Teil (Sie die Texte schicken können) im ersten Nebensatz weg:

Teilen Sie mir bitte mit, ob und, wenn die Antwort ja ist, wann Sie die Texte schicken können.

Als letzten Schritt verkürzen wir den eingeschobenen Nebensatz so, dass nur noch wenn ja von ihm übrig bleibt:

Teilen Sie mir bitte mit, ob und, wenn ja, wann Sie die Texte schicken können.

Der eingeschobene Nebensatz ist so sehr verkürzt, dass er als „formelhaft verkürzter Nebensatz“ gelten kann. Das hat zur Folge, dass man die abtrennenden Kommas auch weglassen darf (Regel):

Teilen Sie mir bitte mit, ob und wenn ja wann Sie die Texte schicken können.

Bei Formulierungen der Art ob und wenn ja … kann man also den Einschub wenn ja durch Kommas abtrennen, muss dies aber nicht tun. Die Anfangsfrage hätte also auch so gestellt werden können:

Meine Frage lautet, ob und wenn ja wo weitere Kommas benötigt werden?
Meine Frage lautet, ob und, wenn ja, wo weitere Kommas benötigt werden?

Ich habe mich gefragt, ob und[,] wenn ja[,] an welchem Tag ich diese Frage im Blog erwähnen soll. Warum nicht gleich heute?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp