Findet man den richtigen oder den Richtigen?

Die Überschrift könnte den Eindruck erwecken, es gehe bei der folgenden Frage um Ratschläge für die Partnersuche. Gemeint ist aber nur die Groß- oder Kleinschreibung allein stehender Adjektive.

Frage

„Zu jedem Menschen passt ein bestimmter Job, aber wie findet man den richtigen/Richtigen?“ Wie schreibt man in diesem Fall  richtigen, groß oder klein?

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

man schreibt das Adjektiv richtigen in Ihrem Satz klein:

Zu jedem Menschen passt ein bestimmter Job, aber wie findet man den richtigen?

Wenn ein Adjektiv sich auf ein im Vorhergehenden oder im Nachfolgenden genanntes Substantiv bezieht, schreibt man es klein, auch wenn es allein nach einem Artikel steht. In ihrem Satz bezieht sich richtigen auf das vorher genannte Substantiv Job und wird deshalb kleingeschrieben. Das gilt übrigens auch über die Satzgrenze hinaus …

Suchen Sie einen Job? Wir helfen Ihnen, den richtigen zu finden.

… und selbst dann, wenn das Adjektiv sich auf einen Menschen bezieht:

Kümmern Sie sich schon früh um eine Hebamme, damit Sie ausreichend Zeit haben, die richtige zu finden.

Die Regel und weitere Beispiele finden Sie hier.

Groß schreibt man Adjektive, die als selbstständige Substantive verwendet werden (Regel). Zum Beispiel:

Es ist nicht immer einfach, das Richtige zu tun.
Möchten Sie nicht länger alleine bleiben? Wir helfen Ihnen den Richtigen oder die Richtige zu finden.

Im Unterschied zu den vorhergehenden Beispielen, wird hier vorher und nachher kein Substantiv genannt, auf das sich Richtige bezieht.

So weit, so gut. Die korrekte Groß- und Kleinschreibung hilft einem aber leider auf der Suche nach dem richtigen Job höchstens ein bisschen (im Bewerbungsschreiben) und nützt einem beim Finden des richtigen „Opfers“ für eine Partnerschaft wohl rein gar nichts.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Groß und klein bei Must-haves

Frage

Heute hätte ich mal eine Frage zu den immer mehr um sich greifenden Anglizismen. So ein neumodisches Wort ist das „Must-have“, also etwas, was man (angeblich) unbedingt haben muss. Würden Sie das Wort auch so schreiben? Oder gibt’s da eine genaue Regel, wie man solche Wörter zu behandeln hat?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

Wenn ich das Wort Must-have benutzen müsste, würde ich es auch so schreiben. Das englische Wort must-have wird als Substantiv verwendet, deshalb schreibt man den Anfangsbuchstaben im Deutschen groß. Der Wortteil nach dem Bindestrich ist kein Substantiv (have ist ein Verb) und bleibt deshalb klein:

das Must-have

Ebenso zum Beispiel:

das Know-how
das Make-up
die Hit-and-run-Strategie
das Savoir-vivre
der Tour-de-France-Gewinner

Sehen Sie hierzu diese Angaben.

So weit die Regel. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Ausnahmen: Die amtliche Wörterliste gibt zum Beispiel an, dass man Rock-and-Roll-Musiker schreiben muss (seufz).

Diese Kleinschreibregelung gilt im Prinzip auch in „deutscheren“ Zusammensetzungen mit Bindestrich. Auch hier werden Wortbestandteile, die keine Substantive sind (und nicht an erster Stelle stehen), kleingeschrieben. Zum Beispiel:

die Ad-hoc-Entscheidung
der Trimm-dich-Pfad
die Links-rechts-Kombination
die Berg-und-Tal-Bahn

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn Sockenpuppen Trolle füttern

Ihre Fragen zu Sprache und Rechtschreibung beantworte ich über das Internet und ich schreibe an dieser Stelle regelmäßig Blogberichte. Ich bin also kein absoluter digitaler Analphabet. Dass ich aber nicht gerade an der vordersten Front der digitalen Avantgarde mitmarschiere, zeigt sich wieder einmal daran, dass ich in der vergangenen Woche freudig etwas Neues entdeckt habe, was anderen schon seit langem bekannt ist. Ich kann es deshalb nicht als sprachliche Neuentdeckung, sondern nur als Beispiel für die Entstehung neuer Wortbedeutungen präsentieren.

Im Zusammenhang mit unflätigen und aggressiven Beiträgen eines wenig diskussionsbereiten Teilnehmers in einem Internetforum, in das ich hin und wieder hineinsehe, stieß ich auf den Vorwurf, der genannte Störenfried sei ein Troll. Ich habe ziemlich gut verstanden, was damit gemeint ist, auch wenn ich Trolle bis dahin nur als bösartige, gewalttätige und Schaden verursachende Wesen aus der nordischen Mythologie und aus Tolkiens Ring-Trilogie gekannt hatte. Entscheidend für die Übertragung von der Mythologie (oder Tolkien) auf die Kommunikation im Internet sind natürlich die Eigenschaften bösartig und schädigend. Ein Troll ist – wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen – jemand der in Diskussionen oder Foren mit seinen Beiträgen provoziert und stört, und zwar um des Provozierens und Störens willen.

Das Wort Troll ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Sprache Bezeichnungen für neue Erscheinungen entstehen können. Es werden fast nie völlig neue Wörter erfunden. In diesem Fall verwendet man ein bestehendes Wort in bildlichem, übertragenem Sinne. Verbindendes Element sind typische Eigenschaften, die der ursprüngliche Begriff und der mit dem gleichen Wort neu benannte Begriff gemeinsam haben. Hier sind das, wie gesagt, u. a. die Eigenschaften bösartig und Schaden verursachend. Eine solche übertragene Verwendung eines Wortes kann einmalig sein, sie kann aber auch in den festen Wortschatz einer Sprache übergehen (vgl. zum Beispiel die Schlange vor der Kasse, die Maus am Computer oder die Schwalbe in Akrobatik und Fußball).

Ich habe weiter erfahren, dass man Trolle nicht füttern soll. Man soll also keine Antworten oder Reaktionen auf ihre Beiträge schreiben, die ihnen die Möglichkeit bieten, weiter störend aufzutreten. Auch das Wort füttern wird hier metaphorisch, das heißt in übertragenem Sinne verwendet.

Und nun zu meiner Lieblingsmetapher in diesem Bereich: Wenn ein Troll bemerkt, dass er nicht mehr gefüttert wird, aber trotzdem weiter sein Unwesen treiben möchte, kann er einen einfachen Trick anwenden: Er greift zur Sockenpuppe. Man erstellt ein neues Benutzerprofil unter einem anderen Namen. Mit Hilfe eines solchen Zweit- oder Drittprofils kann man sich dann als Troll selbst füttern, das heißt, man schreibt die Antworten, auf die man danach wieder trollenderweise reagieren kann, einfach selbst. Das Bild, das dahintersteckt, ist der Bauchredner, der sich mit seiner aus einer Socke angefertigten Handpuppe „unterhält“.

Ein Troll, der sich mit Hilfe einer Sockenpuppe selbst füttert, ist in der digitalen Kommunikation äußerst unangenehm, sprachlich aber zeigt sich dabei sehr schön, wie alte Wörter neue Bedeutungen erhalten und wie neue Begriffe zu ihrem Namen kommen können. Mögen Ihnen in Ihrer digitalen Kommunikationswelt Trolle und Sockenpuppen erspart bleiben! Ihre Bezeichnungen klingen amüsant, sie selbst sind aber nur ärgerlich.

Weibliche Motorschiffe

Eine Frage für Landratten und Binnenlandbewohner:

Frage

Ich las einen Artikel, in dem sinngemäß stand:  „… dann hat die MS Alexander …“ Mir ist die MS Alexander auch sympathisch. Es tönt angenehmer, gewohnter als das MS Alexander. Bin ich auf dem Holzweg, wenn ich MS als Motorschiff lese?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht „auf dem Holzweg“. Schiffsnamen sind im Allgemeinen weiblich: die Titanic, die Hindenburg, die Bounty usw. Das gilt sogar dann, wenn eine an und für sich sächliche Abkürzung wie MS (Motorschiff) oder SS (je nach Sprache Steam Ship o. Segelschiff) Teil des Namens ist. Es heißt deshalb das Motorschiff »Alexander«, aber die »MS Alexander« oder einfach die »Alexander«. Ebenso zum Beispiel: die MS Hamburg, die MS Rossini, die SS Rotterdam, die TSS Carnivale usw.

Warum Schiffe immer weiblich sind, ist eine andere Frage, auf die ich bis jetzt keine vernünftige Antwort finden konnte – nur witzig Gemeintes wie „weil die Takelage so teuer ist“ …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mandarin und Mandarine

Welche Frucht gehört zum Nikolaustag? Bei mir ist es eindeutig die Mandarine – so sehr sogar, dass ich eigentlich finde, dass die Mandarinensaison erst am 6. Dezember beginnen dürfte. Das Wort „eigentlich“ zeigt allerdings, dass ich mich nicht an diese selbsterfundene „Tradition“ halte. Auch dieses Jahr habe ich die erste Mandarine der Saison nicht erst heute gegessen.

Die Frage, die ich mir heute stellte, war, inwieweit eine Mandarine etwas mit einem Mandarin genannten hohen chinesischen Beamten zu tun hat. Ein solcher Zusammenhang drängt sich ja bei Worten, die einander so ähnlich sind wie die Mandarine und der Mandarin, unweigerlich auf. Ich habe deshalb ein paar Quellen „angebohrt“ und dabei wieder einmal viel mehr gefunden, als ich erwartet hätte. Hier ein kleiner Auszug, der in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Es beginnt damit, dass das Wort Mandarin, mit dem ein früherer hoher chinesischer Beamter bezeichnet wird, nicht chinesisch ist. Es müsste dann ja Mandalin heißen. (Man verzeihe mir bitte diesen für mich unwiderstehlichen Kalauer.) Das Wort Mandarin ist im 17. Jahrhundert aus dem Portugiesischen zu uns gekommen. Dort war wahrscheinlich aus dem portugiesischen Verb mandar (befehlen) und dem malaiischen Wort mantari (Ratgeber des Fürsten, Minister) das Wort mandarin entstanden. Das Wort wurde dann nach China übertragen und für dortige hohe Beamte verwendet. Auf Chinesisch heißt ein solcher Beamter übrigens guan.

Da China groß ist und es dort sehr viele verschiedene Dialekte gibt, benötigten die Mandarine eine Beamtensprache, mit der sie sich im ganzen Reich verständigen konnten. Diese Sprache, die eine ähnliche Funktion hatte wie Latein in Europa, wurde von den Europäern Mandarin genannt. Das Mandarin basiert auf dem in Peking gesprochenen Dialekt und ist heute die Standardsprache Chinas.

So viel zu der Mandarin und das Mandarin. Wie steht es nun mit der Frucht Mandarine? Hier ist vieles unklar. Je nach Quelle heißt es, die ursprüngliche Variante sei französisch (orange mandarine), spanisch (naranja mandarina) oder dank der Reisebeschreibungen eines schwedischen Schiffskaplans auch schwedisch (mandarin-apelsin). Auf jeden Fall ist im Laufe der Zeit Orange oder Apfelsine weggefallen und nur Mandarine übriggeblieben. Noch unklarer und entsprechen phantasievoller sind die möglichen Erklärungen, weshalb man zu diesem Namen kam. Hier ein paar Beispiele:

  • Die Frucht wurde nach der Farbe, die in der Kleidung der Mandarine vorkam, benannt.
  • Die Früchte waren teuer und köstlich, also eines Mandarins würdig.
  • Mandarinen sollen ein traditionelles Geschenk für Mandarine gewesen sein.
  • Der Name ist vom Namen der Insel Mandara, dem heutigen Mauritius, abgeleitet.

Nicht gerade die wahrscheinlichste, aber die vielleicht schönste Erklärung ist diese:

  • Die Frucht mit Stil Stiel und einem Blatt soll eine gewisse Änlichkeit mit dem Sommerhut eines Mandarins haben, den je nach Rang seines Trägers ein Stöckchen und eine Feder zierte.

Sie können also selber wählen, welcher Erklärung Sie Glauben schenken wollen. Im Prinzip macht es ja nicht viel aus. Hauptsache ist, dass der Nikolaus Mandarinen bringt und dass sie schön süß und saftig sind.

Männlicher oder sächliches Filter

Frage

Heißt es „der Filter“ oder „das Filter“? Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass es „der Filter“ heißt, aber mein Prof. redet immer von „das Filter“. Ich bin deshalb inzwischen ein bisschen verunsichert und wollte mal kurz Klarheit geschaffen haben. Er schreibt zum Beispiel: „Ein analoges Filter hat die Übertragungsfunktion …“

Antwort

Guten Tag S.,

bis jetzt hatte ich beim Wortgeschlecht von Filter die gleiche Überzeugung wie Sie: Man sagt „natürlich“ der Filter. Ein kurzer Blick in die Wörterbücher zeigt aber, dass wir uns – wie es einem bei solchen Überzeugungen im Sprachbereich so oft ergeht – beide getäuscht haben. Das Wort Filter kann sowohl männlich als auch sächlich sein. Sehen Sie zum Beispiele hier.

Es scheint allerdings so zu sein, dass die sächliche Variante das Filter hauptsächlich in technischen Fachsprachen verwendet wird. Das könnte stimmen, denn das Filter, von dem Ihr Professor spricht, klingt ziemlich technisch. Im Gegensatz dazu sind zum Beispiel der trotz des Aufkommens von Espressomaschinen und Kaffeevollautomaten immer noch recht alltägliche Kaffeefilter sowie der seit einigen Jahren in meinem Alltag nicht mehr vertraute, aber deswegen noch lange nicht fachsprachliche Zigarettenfilter eigentlich immer nur männlich: der Kaffeefilter, der Zigarettenfilter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Frage der Saison

Pünktlich zum Dezemberanfang sind wieder die ersten Anfragen zur Rechtschreibfrage der Saison eingetroffen: Schreibt man „frohe“ groß oder klein? Die Antwort lautet auch dieses Jahr: In Weihnachtsgrüßen und guten Wünschen zum neuen Jahr schreibt man Adjektive klein – außer ganz am Anfang. Zum Beispiel:

Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr.
Fröhliche Weihnachen und alles Gute im neuen Jahr

Sehen Sie auch den entsprechenden Beitrag vom letzten Jahr.

Was Begehrlichkeiten mit begehren zu tun haben

Frage

In letzter Zeit hört man in den Medien häufig Formulierungen wie diese: „Der Wirtschaftsboom weckt Begehrlichkeiten bei der FDP.“ Wird in diesem Fall das Wort „Begehrlichkeit“ tatsächlich richtig verwendet oder hat es durch den häufigen Gebrauch gar eine Bedeutungsverschiebung erfahren? Ich habe das Wort immer im Sinn von „Eigenschaft, begehrt zu sein“ verstanden. Das ist in meinem Beispiel ja offensichtlich nicht der Fall. Hier ist ja eher „Verlangen“ gemeint. Woher kommt diese unterschiedliche Verwendung?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

das Wort Begehrlichkeiten wird in diesem Zitat aus den Medien richtig verwendet. Ich vermute, dass Sie das Wort begehrlich anders verwenden, als dies im Allgemeinen üblich ist. Es bedeutet nämlich in der Regel nicht begehrt/begehrbar, sondern begehrend. Die Ableitung Begehrlichkeit bedeutet hier entsprechend nicht das Begehrtsein, sondern das Begehrendsein. Daraus leitet sich die Bedeutung Verlangen, Wunsch ab, die im Medienzitat gemeint ist.

Es ist nicht ganz unbegreiflich, dass es hier manchmal zu Missverständnissen kommt. Bei Adjektiven, die mit –lich von Verben abgeleitet sind, ist das Bedeutungsverhältnis zwischen Basisverb und Ableitung nicht immer gleich:

a) Das Adjektiv auf -lich bezeichnet eine Eigenschaft des Objekts der Verbhandlung.

xx-lich ist, wer oder was ge-xx-t wird (werden kann/muss).

begreiflich – was begriffen werden kann
beachtlich – wer/was beachtet werden muss
käuflich – wer/was gekauft werden kann

b) Das Adjektiv auf -lich bezeichnet eine Eigenschaft des Subjekts der Verbhandlung.

xx-lich ist, wer oder was xx-t.

bedrohlich – wer/was bedroht
erfreulich – was erfreut
vergesslich – wer vergisst

Das Adjektiv begehrlich gehört in der Standarsprache zur Gruppe b); entsprechend auch das Substantiv Begehrlichkeit.

Das ist aber noch nicht alles. Bei einigen Verben, die reflexiv und nichtreflexiv verwendet werden, ist die Situation noch komplizierter:

Sowohl das Veränderbare als das sich Verändernde sind veränderlich.
Sowohl das Ärgernde als auch der Geärgerte sind ärgerlich.

Das kann man mit den unterschiedlichen grammatischen Strukturen der nichtreflexiven (ärgern, verändern) und der reflexiven (sich ärgern, sich verändern) Verbkonstruktionen erklären, aber kompliziert bleibt es trotzdem.

In Fällen wie diesem frage ich mich immer wieder, wie es möglich ist, dass zwei Menschen einander überhaupt je mit Hilfe der Sprache verstehen. Zum Glück müssen wir nicht dauernd – wie hier – über solche komplizierten Strukturen nachdenken, wenn wir uns miteinander unterhalten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tausendundeine Hyperbel

Man könnte es als eine Art Nachwehen des Urlaubs in der arabischen Welt deuten, dass ich zurzeit in Tausendundeiner Nacht lese. Ich kannte eigentlich nur Aladin, Ali Baba und Sindbad – also die von Kinderbuch, Film und Fernsehen bearbeiteten Erzählungen – und wollte einmal wissen, welche anderen Geschichten Scheherazade König Scheherban Nacht für Nacht erzählt, um ihren Kopf zu retten. Nicht alle Geschichten sind fesselnd, aber die meisten sind schön, interessant, poetisch und teilweise auch spannend.

Etwas fällt mir als heutigem, abendländischem Leser besonders auf: die Neigung zur Übertreibung. Die Helden und Heldinnen lieben, leiden und freuen sich nicht einfach nur so, nein, sie tun dies, indem sie Verse rezitieren, ausgiebigstens Tränen vergießen und dazwischen – ja, auch die Männer – immer wieder in Ohnmacht fallen. Diese Überschwänglichkeit gehört wohl zur morgenländischen Erzähltradition, aber wenn der Held auf zwei Seiten dreimal vor Liebesschmerz die Besinnung verliert, dann kann die Geschichte noch so herzzerreißend sein, ich muss doch lächeln.

Die Übertreibung, als Stilfigur in der Rhetorik Hyperbel genannt, gehört zu diesem Genre. In Tausendundeiner Nacht findet man wunderschöne Hyperbeln. Nehmen wir als Beispiel die Geschichte, die ich gestern und heute gelesen habe: „Geschichte des Hasan aus Baßrah und der Prinzessinnen von den Inseln Wak-Wak“*. Darin kommen die folgenden Passagen vor, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Zuerst die Beschreibung eines schönen Tals:

[…] und Bäche fließen dort, deren Wasser süßer als Honig und frischer als Schnee ist; es hat noch kein Aussätziger davon getrunken, ohne davon geheilt worden zu sein.

Dagegen kommt das frischeste Wasser der reinsten Alpenquelle nicht an und das teuerste Mineralwasser aus der „designtesten“ Flasche kann im Vergleich dazu nur schal schmecken.

So richtig schön wird es aber, wenn es um Verwünschungen geht. Stellen Sie sich vor, dass jemand Sie so richtig geärgert hat und Sie dieser Person dann die folgenden Worte entgegenschleudern dürfen:

Du Verruchter, du Feind Gottes […], du Hund, du Treuloser, du Übeltäter!

Nach einer solchen Schimpfkanonade muss der Ärger schon fast wieder vergessen sein! (Ich würde Ihnen trotzdem empfehlen, sich heutzutage und hierzulande gegenüber dem nächsten ärgerlichen Menschen etwas weniger „blumig“ auszudrücken.)

Den Höhepunkt in der Geschichte bildet diesbezüglich die Schilderung des Bösewichts. Falls Sie einmal eine vernichtende Beschreibung Ihres Erzfeindes benötigen, könnten Sie dieses Literaturzitat in Erwägung ziehen:

Ein Niederträchtiger, ein Widerspenstiger, Sohn eines Hundes und einer schlechten Mutter, Sohn eines bösen Abtrünnigen. Es ist an ihm kein Fleck so groß, daß eine Mücke sich draufsetzen könnte, worauf nicht irgendeine Schändlichkeit haftet!

Wie man sieht, kann man auch das Übertreiben zu einer höheren Kunst erheben! Ich möchte Ihnen deshalb – aber bestimmt nicht nur deshalb – empfehlen, auch einmal ein paar Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu lesen.

* Die Zitate stammen aus der Übersetzung von Dr. Gustav Weil aus dem Jahre 1865; in: Tausendundeine Nacht, vollständige Ausgabe, Dörfler Verlag, 2004.

Kurze Grüße

Frage

Wenn ich die Grußformel in z. B. einer E-Mail kurz halten will, schreibe ich „lieber Gruß“. Oder wäre „lieben Gruß“ die korrekte Form, wenn ich beim Singular bleiben möchte?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

anders als bei zum Beispiel Guten Tag und Mit lieben Grüßen gibt es bei diesem informellen Gruß (noch?) keine festgelegte Formulierung. Stilistisch ist es eine reine Geschmacksfrage, ob man ihn überhaupt verwenden will und, wenn ja, in welcher Form. Grammatisch sind beide Varianten etwa gleich (un)vertretbar:

Ich sende dir einen lieben Gruß => Lieben Gruß
Ein lieber Gruß geht an dich => Lieber Gruß

Wenn es wirklich so kurz sein soll, können Sie diese Klippe übrigens ganz einfach umgehen, indem Sie den Singular doch verlassen und Liebe Grüße schreiben. Das sind genau gleich viele Buchstaben.

Warum eigentlich so kurz? Ich persönlich finde es immer nett, wenn sich jemand auch in einer E-Mail die Mühe macht, eine Grußformel auszuschreiben. Zum Beispiel:

Mit einem lieben Gruß

Dr. Bopp