Kommt Kunst von Können?

Frage

„Kunst kommt von Können“ ist eine verbreitete Plattitüde. Ich habe einmal in einem Wörterbuch gelesen „es kommt zwar von Können, jedoch meinte dieses früher ‚Kennen’ also im Sinne von ‚Wissen’ …“. Was sagen Sie?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Kunst kommt tatsächlich vom Verb können. Dieses Verb bedeutete nicht nur können, sondern auch kennen, vermögen und ursprünglich kennen, wissen.** Entsprechend hatte Kunst ursprünglich die Bedeutung Wissen(schaft), Fertigkeit (vgl. die sieben freien Künste). Danach erhielt es die Bedeutung durch Übung erworbene Fertigkeit, die man auch heute noch verwendet, wenn zum Beispiel jemandes Kochkunst gelobt wird oder jemandes Fahrkünste Anlass zur Sorge geben. Noch später (seit dem 18. Jahrhundert) wurde Kunst für die künstlerische, schöpferische Betätigung des Menschen und für das Produkt dieser Betätigung verwendet. Dies ist die heute am häufigsten verwendete Bedeutung von Kunst.

Bevor man nun aber ganze philosophische Betrachtungen oder gar Streitdiskussionen über das Wesen der Kunst an der Herkunft des Wortes „aufhängt“, sollte man nicht außer Acht lassen, dass die Bedeutung eines Wortes vor allem damit zu tun hat, wie wir es heute verwenden, und oft nur sehr wenig damit, was es früher einmal bedeutet hat. So kann man zwar zu Recht behaupten, dass Weib früher einfach Frau bedeutete, aber man kann das Wort Weib heute trotzdem nicht mehr losgelöst von seiner negativen Bedeutung verwenden. Wörter haben heute die Bedeutung, mit der sie heute verwendet werden. Die Antwort auf die Frage, ob das Wort Kunst von können oder von wissen kommt, sagt deshalb nicht viel darüber aus, was heute „zu Recht“ als Kunst bezeichnet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Die Verben können und wissen sind in anderen Sprachen auch heute noch eng miteinander verbunden. So verwendet man zum Beispiel in romanischen Sprachen wie Französisch und Italienisch dasselbe Verb (savoir resp. sapere) für sowohl wissen als auch für können im Sinne von die Fertigkeit haben:

Je sais ce que tu as fait. = Ich weiß, was du getan hast.
Je sais nager. = Ich kann schwimmen.

Sapete quando parte il treno? = Wisst ihr, wann der Zug fährt?
Sapete giocare a tennis? = Könnt ihr Tennis spielen?

Falles und Stückes oder Falls und Stücks

Frage

Viele Autoren, vor allem solche, die zur Schachtelsatzbildung neigen, verwenden liebend gern bei der Flexion die es-Variante  (Beispiel: Falles, Stückes). In bestimmten Fällen ist es zwingend notwendig, in manchen gebräuchlich. Mich erinnert der penetrante Gebrauch an das Martin-Luther-Deutsch seiner Bibelübersetzungen. Was ist nun gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die Endung es ist tatsächlich in gewissen Fällen zwingend und in anderen unüblich. In vielen Fällen aber ist sowohl der Genitiv mit s als auch der Genitiv mit es möglich und korrekt (siehe hier).

Ob man Falles, Stückes und Arbeitstages oder Falls, Stücks und Arbeitstags verwendet, ist keine Frage der Grammatik, sondern eine Frage des Stils. Man könnte versuchen hier lange Listen von Kriterien aufzustellen, wann eher der es-Genitiv gewählt wird und wann eher nur das s zum Zuge kommt. Das hilft einem im Alltag aber nicht sehr viel weiter. Oft spielt einfach der Rhythmus des Satzes bei der Wahl der einen oder der anderen Variante ein Rolle. Sehr oft sind eben einfach beide Formen üblich.

Wenn man ausschließlich den es-Genitiv verwendet, kann ein Text recht altmodisch und gestelzt aussehen. Es ist aber auch nicht notwendig, in einem „modernen“ Text so viel wie möglich den s-Genitiv zu verwenden. Wie immer, wenn es um Geschmack und Stil geht, liegt die Kunst darin, die richtige Mischung zu finden. Dabei muss man kein Regelbuch und kein Goldwäglein zur Hand nehmen. Vieles ist grammatisch und stilistisch möglich – und allen recht machen kann man es auch bei dieser Frage nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wo bleibt der Artikel in Haus und Garten?

Frage

Schreibt man genießen im Haus und Garten oder genießen in Haus und Garten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

was gibt es denn, das man bei den derzeit im deutschen Sprachraum herrschenden Temperaturen und sonstigen Wetterverhältnissen sowohl im Haus als auch im Garten genießen könnte? Wenn es drinnen für etwas nicht zu warm ist, dann ist es bestimmt draußen zu kalt dafür. Doch mit einer Antwort statt einer nicht allzu seriösen Gegenfrage ist Ihnen wahrscheinlich mehr gedient:

Die folgenden beiden Formulierungen sind möglich. Ob Sie

genießen in Haus und Garten

oder

genießen im Haus und im Garten

sagen, ist vor allem eine Frage des Geschmacks oder des Stils. Beides ist richtig. Wenn Sie die Wendung ohne Artikel formulieren (mit in), sehen Sie Haus und Garten eher als abstrakte Einheit. Mit Artikel (im = in dem) sehen Sie das Haus und den Garten eher als konkrete Einheiten. Der Unterschied ist aber subtil – so subtil, dass die beiden Formulierungen meist ohne Bedeutungsunterschied gegeneinander ausgetauscht werden können. Andere Beispiele von solchen, mit und verbundenen Nomenpaaren, die mit oder ohne Artikel stehen können, sind:

die Anreise mit Zug und Bus
die Anreise mit dem Zug und dem Bus

das Interesse an Computer und Internet
das Interesse am Computer und am Internet

Küche und Bad renovieren
die Küche und das Bad renovieren

Sehen Sie hierzu auch diesen Abschnitt in der CanooNet-Grammatik. Es ist übrigens nicht möglich, das heißt standardsprachlich nicht üblich, bei Formulierung mit Artikel das zweite im wegzulassen:

nicht: genießen im Haus und Garten
sondern: genießen im Haus und im Garten

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist der tausendste Besucher der 1000. oder der 1000ste?

Frage

Schreibt man Ordinalzahlen über 1000, wenn Sie in Ziffern dargestellt werden, mit einem Punkt (1000.) oder mit einem Buchstabenzusatz (1000ste)? Gibt es dafür eine Regel?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

grundsätzlich werden in Ziffern geschriebene Ordnungszahlen durch einen Punkt gekennzeichnet. Es gibt keine Sonderregel für große Zahlen. Also:

der 1000. Besucher
die 15 000. Anfrage
das 100 000. Auto

Die Schreibung mit -ste ist nach der amtlichen Rechtschreibregelung nicht vorgesehen. Sie ist aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen und kommt relativ häufig vor. Wenn man sie verwendet, sollte die Endung -ste direkt, also ohne Bindestrich, mit der Zahl verbunden werden:

der 1000ste Besucher
die 15 000ste Anfrage
das 100 000ste Auto

Am besten gefällt mir allerdings immer wieder die ausgeschriebene Variante. Gerade bei runden Zahlen ist das Wörterlesen mindestens so einfach wie das Nullenzählen:

der tausendste Besucher
die fünfzehntausendste Anmeldung
das hunderttausendste Auto

Wenn Sie eine Schreibung mit Ziffern verwenden wollen oder müssen, empfehle ich Ihnen, der amtlichen Regelung zu folgen und einen Punkt zu verwenden:

1000.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bonne journée aus dem Hochgeschwindigkeitszug

Wieder einmal darf ich auf Reisen sein. Zurzeit bin ich irgendwo in Frankreich in einem Hochgeschwindigkeitszug unterwegs. Es wäre natürlich interessant, etwas über die Unterschiede bei der Wortbildung in verschiedenen Sprachen zu schreiben. So kann oder muss man den vier Wörter zählenden französischen Ausdruck train à grande vitesse mit dem für Französischsprechende unaussprechlichen Wortungetüm Hochgeschwindigkeitszug ins Deutsche übersetzen. Zwei so unterschiedliche Strategien, Konzepte auf der Wortebene zu einem neuen Konzept zusammenzufügen, verdienten einen Kommentar. Ich könnte auch etwas darüber schreiben, dass das Wort Zug tatsächlich von ziehen abgeleitet ist. Bei dem Zug, in dem ich mich gerade befinde, handelt es sich um eine direkte Übersetzung des gleichbedeutenden englischen Wortes train. Ursprünglich war ein Zug ein Gefolge, dann eine Reihe von Packtieren und Wagen, die hintereinander durch die Lande zogen.

Doch das ist es nicht, was mich zurzeit am meisten beschäftigt. Ich bin nämlich auf kommunikationstechnischem Gebiet ziemlich altmodisch. Im Gegensatz zu Leuten, die selbst während eines Fallschirmabsprungs noch kurz über iPod oder Blackberry ihre Mail abrufen, finde ich Folgendes schon beinahe an ein Wunder grenzend erstaunlich: Ich brause mit 300 Stundenkilometern durch die französische Landschaft, schreibe einen Blogeintrag und kann ihn vom Zug aus direkt im Blog veröffentlichen! Ich komme eben tatsächlich noch aus der Zeit, in der es noch nichtelektrische Schreibmaschinen gab … In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen Tag und bonne journée!

Immer dieser Genitiv: Welcher Fall steht bei innerhalb?

Frage

Heißt es innerhalb x Monate oder innerhalb x Monaten? […] Dass die Formulierung innerhalb von das Problem löst, ist bloß das eine, das andere ist: Was ist korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

in vielen Wörterbüchern steht bei innerhalb einfach „mit Genitiv“. Im Prinzip ist das auch richtig:

innerhalb eines Monats
innerhalb zweier Monate
innerhalb der Stadtgrenzen
innerhalb großer Gebäude

Doch wie so oft ist die Sache nicht ganz so einfach. Wenn nämlich der Genitiv nicht ersichtlich ist, steht im Plural der Dativ:

innerhalb zwei Monaten
innerhalb drei Monaten
innerhalb Tagen
innerhalb Gebäuden

Eine andere Möglichkeit ist dann auch die bereits von Ihnen erwähnte Wendung innerhalb von (mit Dativ):

innerhalb von zwei Monaten
innerhalb von vier Monaten
innerhalb von Tagen
innerhalb von Gebäuden

Man kann innerhalb von auch dann verwenden, wenn ein Adjektiv, aber kein Artikel steht:

innerhalb von großen Gebäuden
oder: innerhalb großer Gebäude
innerhalb von vorgegebenen Grenzen
oder: innerhalb vorgegebener Grenzen

Die gleiche Wahl hat man, wenn ein Substantiv im Singular allein steht, was eigentlich nur bei geografischen Namen vorkommt:

innerhalb von Tirol
oder innerhalb Tirols
innerhalb von Luxemburg
oder innerhalb Luxemburgs

Sie sehen also, dass man mit einem einfachen „mit Genitiv“ auch hier die Sache wieder einmal nur sehr unvollkommen beschreibt. Um nun auf Ihre Frage zurückzukommen: Richtig ist (zumindest grammatisch):

Ein Kind kommt innerhalb neun Monaten zur Welt.
Die Schuld sollte innerhalb sechs Monaten getilgt sein.
oder
Ein Kind kommt innerhalb von neun Monaten zur Welt.
Die Schuld sollte innerhalb von sechs Monaten getilgt sein.

Und wenn Sie wieder einmal etwas unsicher sind, was nun genau hinter innerhalb steht, finden Sie die (etwas kürzere) Antwort wie so oft in CanooNet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Frühstück auf amerikanisch

Frage

Heißt es Frühstück auf Amerikanisch (wie Rede auf Deutsch) oder Frühstück auf amerikanisch?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

gehen wir einmal davon aus, dass Sie ein Frühstück nach amerikanischer Art und nicht das amerikanische Wort für Frühstück meinen. Dann scheint die Frage nach der Groß- oder Kleinschreibung nicht eindeutig geklärt zu sein. Ich finde jedenfalls nirgendwo eindeutige Angaben dazu. Meine Empfehlung lautet:

Frühstück auf amerikanisch
Liebe auf italienisch
einparken auf französisch
Scheidung auf katholisch

Wenn mit der Verbindung von auf und einem unflektiertem Adjektiv die Art und Weise gemeint ist, sollte man kleinschreiben. Dies gilt auch zum Beispiel für die umgangssprachliche Wendung auf cool machen. Ich stütze mich dabei auf diese Rechtschreibregel.

Wenn eine Sprache gemeint ist, schreibt man aber nach auf tatsächlich groß (Regel):

ein Rede auf Deutsch halten
Wie heißt Frühstück auf Amerikanisch?
Wie sagt man Liebe auf Italienisch?
einparken auf Französisch 

Man schreibt also einparken auf Französisch, wenn es darum geht, wie das Wort im Französischen lautet (se garer). Mit einparken auf französisch ist die Art und Weise gemeint, wie man in Frankreich einparkt (hinten ein bisschen schubsen, vorne etwas schieben  – voilà! – schon ist der Wagen perfekt geparkt).

Diese an Haarspalterei grenzende Unterscheidung lässt sich m. E. damit begründen, dass es das Substantiv das Französisch als Sprachbezeichnung gibt, nicht aber als Bezeichnung der Art und Weise.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

– Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.

– Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.

– Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.

– Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.

– Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.

– In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.

– Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

– schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
– müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
– sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
– bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
– behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

Herzlich willkommen und das kleine w

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner im Bereich der Groß- und Kleinschreibung:

Frage

Schreibt man: herzlich willkommen oder herzlich Willkommen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

auch wenn man es sehr oft und vielerorts anders liest, sollte man immer und überall schreiben:

Herzlich willkommen!

Diese Formulierung steht nämlich für: „Seien Sie herzlich willkommen!“ Das Wort willkommen ist hier ein Adjektiv, das man entsprechend kleinschreibt. Vergleichen Sie die folgenden Sätze.

Sie sind ein willkommener Gast.
Seien Sie herzlich willkommen!
Herzlich willkommen!

Die Großschreibung ist aber nicht völlig ausgeschlossen. Wenn willkommen als Substantiv verwendet wird, schreibt man es groß:

Ein herzliches Willkommen!

Mehr zum Wort willkommen finden Sie auf dieser Rechtschreibseite und in einem älteren Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Was frägst du?“, frug er

Frage

Gibt es die Wortform frägt von fragen in der dritten Person Einzahl?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

in der heutigen Standardsprache sind beim Verb fragen nur die regelmäßigen Formen du fragst und er fragt gebräuchlich. Dasselbe gilt für die Vergangenheitsform fragte. Die Formen frägst und frägt sowie in der Vergangenheit frug und früge gelten als veraltet oder regionalsprachlich.

Die unregelmäßigen Formen traten anfänglich im Niederdeutschen auf, wahrscheinlich unter dem Einfluss der starken Formen von tragen (trägt, trug usw.). Luther schrieb noch ausschließlich fragt und fragte. Bei Goethe und Schiller kamen dann neben fragt und fragte schon einige frägt und frug vor. Die Hochzeit der unregelmäßigen Formen war das 19. Jahrhundert: Georg Büchner, Friedrich Engels, Theodor Fontane, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Karl May, C.F. Meyer, Eduard Mörike: sie alle verwendeten (auch) die starken Formen.

Später wurden aber frägt und frug im Standarddeutschen wieder weniger verwendet. Heute gelten sie standardsprachlich als veraltet. Die deutsche Sprache hatte also schon früher ihre Modeerscheinungen – in diesem Fall sogar eine „hausgemachte“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp