Hasauf spielen: Was tut man, wenn man Hasauf spielt?

Frage

Ich bin ein großer Bewunderer des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann und lese gerade sein Buch „Der goldene Spiegel – Erzählungen in einem Rahmen“. Ich bin auf einen Ausdruck gestoßen, den ich nicht wirklich verstehe: „Sie wollen Hasauf spielen.“ Leider kann ich die Übersetzung von „Hasauf“ nicht finden. Könnten Sie mir bitte bei dieser Übersetzung helfen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

den Ausdruck „Hasauf spielen“ kenne auch ich nicht. Ich kann ihn auch in keinem historischen oder Dialektwörterbuch finden (außer im DWB in einem Beispielsatz bei „spielen“, und dies ohne weitere Erklärung1). Wenn die Wörterbücher nichts hergeben, muss man sich die Texte genauer anschauen.

Die wenigen Stellen in älteren Texten, in denen „Hasauf“ vorkommt, lassen keine eindeutige Interpretation zu, außer dass diese Wendung nicht positiv gemeint sein kann:

Jedoch werden die Deutschen allwege von diesen Nationen gering geschätzt, und nicht anders genannt als die Vollsäufer, stolze Federhansen, hohe Pocher, Gotteslästerer, Hans Muffmaff mit dem Bettelsack, die gern Hasauf spielen.2

»Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. — »Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« — »Die wollen Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. […] »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief Hennecke und ballte die Faust.3

Das „Has(e)“ in „Hasauf“ legt die folgende Interpretation nahe:

Hasauf spielen = die Flucht ergreifen, flüchten

Das passt zum Bild des Hasen als Feigling, wie es heute noch in „das Hasenpanier ergreifen“, „Hasenfuß“ und „Angsthase“ vorkommt.

Ein weiteres, stärkeres Indiz, das in dieselbe Richtung zeigt, kommt aus dem Niederländischen. Es gibt oder besser gab dort die heute nicht mehr gebräuchliche Redewendung „haas-op spelen“ mit der Bedeutung „flüchten“ (vgl. hier und hier).

Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass „Hasauf spielen“ wirklich „flüchten, wegrennen“ bedeutete. Ich bin aber der Meinung, dass diese Deutung durch das Bild des Hasen und die wörtliche Entsprechung in einer nahe verwandten Sprache stark unterstützt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls jemand  die Wendung „Hasauf spielen“ kennt, wären Herr M. und  ich froh, mehr darüber zu erfahren.


Siehe DWB, Bedeutung II/7/d/ε
Gustav Freitag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 1859-67, Bd. 3, Der Dreißigjährige Krieg
3 Jakob Wassermann, Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen, 1911

Warum „Es muss die Lösung gefunden werden“ irgendwie seltsam klingt

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „es“ in Passivsätzen, in denen das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat.

Mir ist klar, wie ich einen unpersönlichen Passivsatz mit dem unbestimmten Artikel bilde (a. = Aktiv, b. = Passiv mit „es“):

a. Man muss eine Lösung finden.
b. Es muss eine Lösung gefunden werden.

a. Man kann Patienten empfangen.
b. Es können Patienten empfangen werden.

Aber was passiert, wenn das Akkusativobjekt einen bestimmten Artikel hat, kann man in diesem Fall das Pronomen „es“ anwenden?

a. Man muss die Lösung finden.
b. Es muss die Lösung gefunden werden.

a. Man kann die Patienten empfangen.
b. Es können die Patienten empfangen werden

Hier klingt das Passiv mit „es“ komisch. Meine konkrete Frage lautet deshalb: Ist das Passiv mit „es“ Anfang des Satzes nur mit dem unbestimmten bzw. ohne Artikel möglich?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die Sätze, die Sie für zweifelhaft halten sind nicht falsch, aber sie sind ungewöhnlich und wirken veraltet oder dichterisch. Das liegt tatsächlich am bestimmten Artikel oder eigentlich daran, was mit dem bestimmten Artikel in der Regel ausgedrückt wird.

Es gibt in der deutschen Wortstellung eine Tendenz, dass Bekanntes, bereits Erwähntes (= Bestimmtes) im Satz weiter links steht als Neues, erstmals Erwähntes (= Unbestimmtes). Zum Beispiel:

Er gibt das Buch einem Freund.
Er gibt dem Freund ein Buch.

Sie hat gestern Patienten empfangen.
Sie hat die Patienten gestern empfangen.

Diese Tendenz scheint auch zu wirken, wenn es um das sogenannten Platzhalter-es geht (= das es, das im Satz an erster Stelle vor der konjugierten Verbform steht, wenn kein anderes Satzglied diese Stelle einnimmt; siehe hier). Wie wir gesehen haben, steht ein bestimmtes Subjekt tendenziell an erster Stelle. Das hat zur Folge, dass das Platzhalter-es  dort weniger gut zum Zuge kommen kann. Bei einem unbestimmten Subjekt hingegen, das tendenziell weiter hinten im Satz steht, kann das es viel einfacher die erste Stelle im Satz einnehmen:

Es können hier Patienten empfangen werden. (problemlos)
Es können die Patienten hier empfangen werden. (ungewöhnlich)

Es muss eine Lösung gefunden werden. (problemlos)
Es muss die Lösung gefunden werden. (ungewöhnlich)

Das gilt auch bei anderen Formulierungen mit dem Platzhalter-es:

Es steht ein Schrank im Korridor. (problemlos)
Es steht der Schrank im Korridor. (ungewöhnlich)

Es wartet eine Frau auf Sie. (problemlos)
Es wartet die Frau auf Sie. (ungewöhnlich)

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Regel, die Sie am Schluss Ihrer Frage andeuten, ist richtig, außer dass es keine Regel, sondern nur eine starke Tendenz ist: Im heutigen Deutschen wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es und einem Subjekt mit einem bestimmten Artikel meistens ungewöhnlich, das heißt veraltet, dichterisch oder sehr gehoben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz so einfach ist es natürlich auch hier nicht, denn auch diese Tendenz kennt Ausnahmen. Zum Beispiel:

Es stellt sich hier die Frage, welche und wie viele Ausnahmen es gibt.

Diese Wendung klingt nicht ungewöhnlich, obwohl das Subjekt (die Frage) den bestimmten Artikel bei sich hat.

Omikron und Omega

Aus wenig erfreulichem aktuellem Anlass hört und liest man zurzeit sehr häufig das Wort Omikron. An dieser Stelle soll es nicht um den Anlass gehen und auch nicht darum, wie wenig erfreulich er ist. Es geht vielmehr um eine kleine Einsicht, die ich zu meinem Erstaunen erst jetzt gehabt habe.

Mir ist nämlich klargeworden, dass Omikron von griechisch ò mikrón kommt und kleines O bedeutet. Den Wortbestandteil mikro(n) = klein kennen wir ja von zum Beispiel dem Mikroskop, mit dem man sehr Kleines sehen kann, der Mikrofaser, einer aus kleinsten Strukturen bestehenden Faser, oder den Mikroorganismen, den Klein- und Kleinstlebewesen.

Das wussten viele von Ihnen sicher schon, aber diesen ersten Schritt meiner neuen „Erkenntnis“ finde ich noch nicht sehr erstaunlich. So oft bin ich dem Wort Omikron bis vor Kurzem auch wieder nicht begegnet. Das gilt nicht für sein Gegenstück, das Omega. Ihm begegnet man in gelehrteren oder religiösen Kontexten in der Form von Alpha bis Omega (ΑΩ), aber vor allem auf dem Fernseh- oder einem anderen Bildschirm, wenn bei Sportveranstaltungen neben der Zeitmessung die Marke des Zeitmessers steht. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) man es so oft sieht, ist mir bis jetzt nie klargeworden, dass Omega einfach großes O bedeutet. Wie mikro ist ja auch mega = groß nicht unbekannt: vom Megabyte über den Megastar bis hin zu megaerstaunlich.

Ich habe mich gleich auf die Suche gemacht, ob das griechische Alphabet noch andere Buchstaben mit einer solchen Bedeutung hat, bin aber kaum fündig geworden. Neben Epsilon (einfaches E) und Ypsilon (einfaches I) sind nur noch Alpha und Gamma nennenswert: Alpha kommt vom hebräischen Wort ạlęf = Ochse (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Ochsenkopf) und Gamma kommt von hebräisch gạmạl = Kamel (aufgrund der Ähnlichkeit des althebräischen Buchstabens mit einem Kamelhals).

Das Omikron wird klein genannt, weil es kurz ist. Das Omega ist groß, weil es lang ist. Warum genau das Epsilon und das Ypsilon einfach sind, ist mir vorläufig noch ein Rätsel. Für die Schreibung der Laute /e/ und /i/ hat das Griechische so viele Möglichkeiten, dass der Grund wohl dort zu suchen ist.

Und um doch noch kurz auf den unerfreulichen Anlass für die derzeit häufige Verwendung des Wortes Omikron einzugehen: Hoffen wir, dass Omikron wirklich klein bleibt und Omega uns in diesem Zusammenhang erspart bleibt.

Reden wir von Switches, Switchs oder Switchen?

Die Beugung von noch nicht allzu fest im Deutschen intergrierten Fremdwörtern führt immer wieder zu Fragen:

Frage

In meinem Text steht eine Liste von Eigenschaften eines Switchs (o. eines Switches?). In dem speziellen Punkt geht es um die Verbindung zwischen zwei Switches/Switchen/Switchs. Ich habe im Internet gesucht, aber keine Informationen gefunden, wie man „Switch“ am besten dekliniert. […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

die Beugung von Fremdwörtern aus dem Englischen (und anderen Sprachen) kann dann zu Unsicherheiten führen, wenn sie noch nicht wirklich in den deutschen Wortschatz integriert sind. Was ist richtig, die Form aus der Ursprungssprache oder die ans Deutsche angepasste Form? Die Antwort lautet  wie so häufig: Richtig ist, was üblich ist.

Zuerst zum Genitiv: Wie Sie den Genitiv von Switch schreiben, hängt davon ab, wie Sie ihn aussprechen. Bei auf (gesprochenes) sch endenden Wörtern ist im Genitiv Singular sowohl -s als  auch -es möglich:

Aussprache wie /switschs/ → des Switchs
(vgl. Fischs, Froschs, Eibischs, Tratschs)

Aussprache wie /switsches/ → des Switches
(vgl. Fisches, Frosches, Eibisches, Tratsches)

Da bei Fremdwörtern der s-Genitiv üblicher ist als der es-Genitiv, würde ich des Switchs sagen und schreiben. Die Schreibung des Switches kommt aber häufiger vor. Ich vermute, dass diese Schreibung in vielen Fällen durch den englischen Plural switches beeinflusst ist und weniger auf eine Aussprache mit der Endung -es zurückzuführen ist.

Auch der endungslose Genitiv des Switch ist nicht ausgeschlossen, aber nur dann, wenn auch keine Endung gesprochen wird:

Aussprache wie /switsch/ → des Switch

Diese sozusagen aus dem Englischen übernommene endungslose Variante passt dann am besten, wenn auch der Plural noch englisch ausgesprochen wird. Und hiermit sind wir schon bei den Pluralformen:

Auch für den Plural von „Switch“ gilt, dass die Schreibung davon abhängt, wie Sie die Wortform aussprechen. Bei englischer Aussprache (/switschis/) schreiben Sie zwei Switches. Bei deutscher Aussprache (/switschs/) schreiben Sie zwei Switchs. Auch der Ersatz von -s durch die deutsche Endung -e ist nicht ausgeschlossen, aber (noch?) nicht so gebräuchlich. Also:

Aussprache wie /switschs/ → die Switchs
(vgl. Clutchs, Matchs, Patchs, Scotchs)

Aussprache wie /switschis/ → die Switches
(vgl. Clutches, Stretches)

Aussprache wie /switsche/ → die Switche
(vgl. Matche, Sketche)

Die Pluralformen von Clutch, Match, Patch, Sketch, Stretch und Scotch zeigen, dass es keine einheitliche Tendenz gibt, wie Substantive dieser Form ins Deutsche integriert werden. Wenn Sie diese Wörter in verschiedenen Wörterbüchern nachschlagen, werden Sie feststellen, dass nicht alle Wörterbücher überall dieselben Formen angeben. Es herrscht hier also eine recht große Unsicherheit (man kann es optimistischer auch eine recht große Freiheit nennen).

Ich kann Ihnen also nur empfehlen, sich nach der Aussprache zu richten. Welche Aussprache in Ihrem Fachbereich bei Switch üblicher ist, weiß ich leider nicht. Solange sich keine einheitliche(re) Verwendung des Wortes Switch eingebürgert hat, ist keine der obenstehenden Formen falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Diejenigen oder jene, die …?

Frage

Leider tauchen immer wieder Fragen zur deutschen Grammatik auf, bei denen die eigene Internetrecherche und der Blick in Nachschlagewerke und Sprachratgeber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führt. […] Ich wende mich also wieder an Sie. Im Duden, Bd. 9 heißt es:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht korrekt, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“

Vor dem Hintergrund dieser Dudenregel leuchtet mir der Gebrauch von „jener“ eigentlich nur noch bei „dieser/jener“ ein. Um die Sache an Beispielen zu verhandeln:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

Diese Sätze müssten nach dem Obigen falsch sein. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich darüber aufklären könnten, 1) welcher Gebrauch vom Duden als korrekt angesehen wird, 2) welcher Gebrauch Ihnen sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass der De-facto-Sprachgebrauch in diesem Fall stark von der Dudenregel abweicht. In der österreichischen Zeit im Bild geht es beispielsweise allabendlich um „jene, die geimpft oder genesen sind“.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie verwenden wahrscheinlich eine ältere Ausgabe von Duden Bd. 9, Richtiges und gutes Deutsch. In der 8. Auflage, 2016, steht die zitierte „Regel“ nämlich in etwas abgeschwächter Form:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht sinnvoll, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen, weil mit „jener“ auf etwas Fernes verwiesen wird. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“ Nicht: „Das sind meine Absichten und jene meiner Kollegen.“ Sondern: „Das sind meine Absichten und die meiner Kollegen.“

Die Angabe nicht korrekt wurde zu nicht sinnvoll heruntergestuft. Als Begründung wird angegeben, dass mit jener auf etwas Fernes verwiesen werde. Das ist dann richtig, wenn jener nur als Gegensatz zu dieser verwendet werden kann. Ist das wirklich so? Das hängt davon ab, wo man sich befindet. Nach den Angaben der Variantengrammatik zu diesem Thema wird – etwas vereinfacht ausgedrückt – in Deutschland vor allem derjenige, der verwendet, während in der Schweiz und vor allem in Österreich jener, der vorherrscht. Besser wäre es also, zu sagen, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jener, der zu verwenden, dies aber in Österreich und der Schweiz – auch in der Standardsprache – gebräuchlich ist.

Diese Sicht wurde inzwischen auch von der Duden-Redaktion übernommen. In der 9. Auflage von Duden Bd. 9, 2021, steht nun:

3. jener / der[jenige]: Als Demonstrativpronomen wird „derjenige (dasjenige, diejenige)“ in Deutschland klar gegenüber „jener (jenes, jene)“ bevorzugt: „Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). In Österreich und der Schweiz hingegen wird häufiger „jener“ verwendet: „Er […] werde sich mit der ganzen Energie für jene einsetzen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ (Salzburger Nachrichten).

Die „teutonozentrische“ Sichtweise wurde hier also zugunsten einer Sichtweise verlassen, die regionale Unterschiede respektiert.

Zu Ihren Beispielen: Wenn ich die Angaben in Variantengrammatik und Duden richtig verstehe, heißt es in Deutschland vor allem:

Sie sprach über die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über die[jenigen] Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

In Österreich und in der Schweiz (sowie in Liechtenstein und in Südtirol) eher:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene/die Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

All denjenigen oder all jenen, die glauben, dass Regeln in Grammatik- und Stilbüchern unverrückbar feststehen, möge dies ein Beispiel für das Gegenteil sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen unter und über zwölf: zehn bis 15 Prozent?

Frage

Zahlen bis zwölf soll man ausschreiben, heißt es. Doch wie verhält man sich in folgender Situation?

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.

Schreibt man 10 aus, erhält man eine optisch unbefriedigende Lösung. Darf man hier 10 unausgeschrieben lassen oder schreibt man stattdessen „fünfzehn“? Was ist Ihre Empfehlung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

auch ich bin irgendwann einmal während meiner Schulzeit der Regel begegnet, dass man Zahlen bis zwölf ausschreiben und bei höheren Zahlen Ziffern verwenden soll. Diese „Regel“ ist nur eine Empfehlung, von der man nicht nur jederzeit abweichen darf, sondern sehr häufig auch abweichen sollte. Wichtig ist nicht so sehr die Größe der Zahl, als vielmehr die Art des Textes, in dem man sie verwendet: In technischen Texten stehen eher Ziffern, in literarischen Texten stehen auch hohe Zahlen in Worten, und in Texten dazwischen verwendet man (je nach Kontext) das, was besser passt. Das steht auch in einem nicht mehr ganz taufrischen Blogartikel (siehe hier).

Bei der Verbindung von Zahlenangaben mit bis, und, oder usw. empfiehlt es sich immer, nicht zu mischen, sondern alle Zahlen entweder mit Ziffern oder in Worten auszudrücken:

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.
Windturbinen könnten hier zehn bis fünfzehn Prozent des Strombedarfs decken.

Der Vorgang dauert zwischen 2,5 und 3 Stunden.
Der Vorgang dauert zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

Es fielen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter.
Es fielen hundert bis hundertfünfzig Liter Regen pro Quadratmeter.

auf 1000 oder 1200 Metern Höhe
auf tausend oder tausendzweihundert Metern Höhe
auf tausend oder zwölfhundert Metern Höhe

Ob Sie Ziffern oder Buchstaben wählen, hängt von der Art des Textes und/oder vom weiteren Zusammenhang ab, in dem die Zahlenangabe steht. Die Wahl bleibt aber letztlich Ihnen überlassen. Richtig ist jeweils beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist es[?] nicht würdig, erwähnt zu werden

Auch Dr. Bopp ist nicht unfehlbar (das wussten Sie natürlich schon):

Frage

Bitte erläutern Sie mir die Satzkonstruktion Ihres Satzes

Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden

in diesem Artikel.

Das „es“ ist abhängig von „würdig“ und Akkusativ […], aber „würdig“ wird normalerweise mit dem Genitiv kombiniert. Der Genitiv von „es“ ist „seiner“ (was aber merkwürdig klingen würde). Kann „es“ auch der Genitiv von „es“ sein oder wird „würdig“ auch mit einem Akkusativ kombiniert? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das „es“ in „Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden“ ist ein Korrelat, das heißt, es ist ein Wort, das im übergeordneten Satz stellvertretend für die Infinitivgruppe „erwähnt zu werden“ steht. Die Wendung „würdig sein“ verlangt, wie Sie richtig bemerken, den Genitiv („jemandes/einer Sache würdig sein“). Das Korrelat für einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe mit der Funktion eines Genitivobjekts ist eigentlich „dessen“. Es müsste also heißen:

Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.

Ein solches Korrelat im Genitiv ist aber sehr selten, denn es klingt sehr gehoben. Häufig wird deshalb statt a) einer Formulierung mit „dessen“ b) eine Konstruktion mit einem anderen Korrelat oder c) eine Konstruktion ohne ein Korrelat gewählt:

a) mit Korrelat „dessen“
b) mit anderem Korrelat
c) ohne Korrelat

a) Ich schäme mich dessen, dich nicht erkannt zu haben.
b) Ich schäme mich dafür, dich nicht erkannt zu haben.
c) Ich schäme mich, dich nicht erkannt zu haben.

a) Sie vergewisserte sich dessen, dass die Fenster geschlossen waren.
b) Sie vergewisserte sich davon, dass die Fenster geschlossen waren.
c) Sie vergewisserte sich, dass die Fenster geschlossen waren.

a) Das ist dessen nicht wert, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht wert, erwähnt zu werden.
c) Das ist nicht wert, erwähnt zu werden.

Die Alternativen b) mit einem anderen Korrelat sind dann gut möglich, wenn es für die Konstruktion mit dem Genitiv auch standardsprachlich akzeptierte Varianten gibt. Das ist bei den Beispielen oben der Fall:

sich einer Sache schämen (dessen)
sich für etwas schämen (dafür)

sich einer Sache vergewissern (dessen)
sich von etwas vergewissern (davon)

einer Sache wert sein (dessen)
etwas wert sein (es)

Wie ist es nun beim Satz, den Sie zitieren?

a) Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden. [?]
c) Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden.

Während „etwas wert sein“ standardsprachlich akzeptiert ist, gilt dies für „etwas würdig sein“ (noch?) nicht. Deshalb hätte ich in einer Sprachrubrik besser nicht die Variante b) mit „es“, sondern die Variante c) ohne Korrelat verwendet. Obwohl ein schneller Blick in die Korpora zeigt, dass „es (nicht) würdig sein + Infinitivgruppe o. dass-Satz“ heute hin und wieder auch in standardsprachlichen Kontexten vorkommt, ist diese Konstruktion nicht oder noch nicht allgemein akzeptiert. Und warum nicht die Variante a) mit „dessen“? – Weil sie mir einfach zu gehoben oder veraltend klingt.

Bevor Sie nun vermuten, ich wolle mich mit vielen Worten herausreden, hier noch eine kurze Antwort: Die Formulierung mit „es“ ist bei „würdig“ standardsprachlich (noch?) nicht akzeptiert. Ich hätte besser „Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden“ oder eine andere Formulierung verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer könnte es getan haben oder wer hätte es tun können?

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Ich habe mich dann gefragt, ob er auch wie folgt umformuliert werden könnte:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Gibt es einen Bedeutungsunterschied?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

beide Formulierungen sind möglich, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Welche Faktoren könnten das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben?
… welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Wenn Sie so formulieren, hat das Blühphänomen stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es möglicherweise ausgelöst haben.

Welche Kulturfaktoren hätten das dargestellte Blühphänomen auslösen können?
… welche Kulturfaktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Bei dieser Formulierung hat das Blühphänomen nicht stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es hätten auslösen können.

Der Unterschied lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hier noch ein Beispiel:

Wer könnte es getan haben?

Es wurde getan. Wer hatte (vermutlich) die Möglichkeit, es zu tun?

Wer hätte es tun können?

Es wurde nicht getan. Wer hätte die Möglichkeit gehabt, es zu tun?

Es ist übrigens fraglich, ob der Unterschied wirklich immer so eingehalten wird. Die Verbgruppen sind komplex und einander ähnlich.

Im ersten Fall wird der Konjunktiv II Gegenwart von können (könnte) mit dem Infinitiv Perfekt von tun (getan haben) kombiniert: könnte getan haben. Es wird eine Vermutung über etwas Vergangenes geäußert. 

Im zweiten Fall wird der Konjunktiv II Vergangenheit von können (hätte können) mit dem Infinitiv Präsens von tun (tun) kombiniert: hätte tun können. Es wird etwas Irreales in der Vergangenheit ausgedrückt.

Wenn Sie all dem nicht mehr folgen können oder wollen oder es Ihnen allzu spitzfindig vorkommt, keine Sorge: Die Bedeutungsunterscheidung wird, wie schon oben gesagt, nicht immer so eingehalten. In der Regel ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, was genau gemeint ist. Ohne jeglichen Kontext ist es sowieso oft schwierig, solche Äußerungen zu interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was ist/sind der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Wer auf eine Frage zum Prozentrechnen hofft, wird enttäuscht sein. Es geht um Grammatik:

Frage

Wie heißt es richtig:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.

oder:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die kurze Antwort lautet: Beide Formulierungen sind vertretbar. Die grammatische Begründung (oder der Versuch dazu) fällt etwas länger aus:

Man kann den Satz als einen Gleichsetzungssatz interpretieren, in dem das Fragepronomen was über das Verb sein mit einem weiteren Satzteil im Nominativ verbunden ist. Wenn dieser zweite Nominativ im Plural steht, steht das Verb auch im Plural:

Was sind Gleichsetzungssätze?
Was sind deine Pläne?

Das gilt im Prinzip auch bei einer mehrteiligen Wortgruppe, deren Teile durch und  verbunden sind, denn sie ist ja auch pluralisch:

Was sind der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was sind hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Soweit eine grammatisch gut vertretbare Erklärung.

Es gibt aber ein kleines Problem: In der Sprachrealität kommen hier bei mehrteiligen Wortgruppen sehr häufig Formulierungen vor, bei denen das Verb im Singular steht:

Was ist der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Obwohl diese Formulierungen nach der oben stehenden Erklärung nicht richtig sind, klingen sie auch in meinen Ohren gar nicht so falsch. Das liegt daran, dass man diese Konstruktion auch anders interpretieren kann: nicht als einen einzigen Satz mit einer mehrteiligen Nominativgruppe, sondern als mehrere zusammengezogene Teilsätze mit jeweils einem Nominativ im Singular. Bei dieser Interpretation steht das Verb einmal im Singular und wird in den anderen Teilsätzen „einfach“ weggelassen:

Was ist der Vorteil und [was ist] der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, [was ist hier] der Prozentwert und [was ist hier] die Prozentzahl?

Beide Formulierungen sind also vertretbar, weil man von

  1. einem einzigen Satz
  2. mehreren zusammengezogenen Teilsätzen

sprechen kann.

In Ihrem Satz kommt „komplizierend“ hinzu, dass es sich um einen einzelnen Nebensatz bzw. um drei zusammengezogene Nebensätze handelt. Das wirkt sich u. a. auf die Stellung des Verbs aus:

  1. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.
  2. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.
    (vgl.: Gib an, was hier der Grundwert [ist], [was hier] der Prozentwert [ist] und [was hier] die Prozentzahl ist.)

Es gäbe noch zwei, drei weitere Aspekte zu erwähnen, aber im Allgemeinen scheint der Singular für das Verb bei Formulierungen dieser Art häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Desertion, Desertation, Desertifikation

Heute ein Beispiel dafür, dass auch bei Fachwörtern nicht immer alles ganz so eindeutig ist:

Frage

Was ist der korrekte Begriff für Fahnenflucht – „Desertion“ oder „Desertation“? Im Duden findet man nur „Desertion“, aber eigentlich scheint mir „Desertation“ geläufiger zu sein.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

wenn Fahnenflucht gemeint ist, ist Desertion sicher richtig. Das Wort kommt über das französische désertion vom lateinischen Substantiv desertio, das zum Verb deserere (verlassen, aufgeben, desertieren) gehört. Wir haben also indirekt ein Substantiv übernommen, dass bereits im Lateinischen abgeleitet wurde:

lat. deserere → desertio
→ frz. désertion → dt. Desertion

Die Form Desertation kommt gelegentlich auch vor. Diese Form ist eine Ableitung, die im Deutschen stattgefunden hat. In Analogie mit zum Beispiel dekorieren → Dekoration, imitieren → Imitation, stabilisieren → Stabilisation wird sozusagen „regelmäßig“ (-ieren → -ation) vom Verb desertieren das Substantiv Desertation abgeleitet:

dt. desertieren → Desertation

Was ist nun richtig, die alte lateinische oder die neue heimische Ableitung? – Beides ist vertretbar. Ein kurzer Blick ins Internet und in einige Textkorpora zeigt allerdings, dass Desertation viel weniger häufig vorkommt als Desertion. Auch im schweizerischen und im österreichischen Militärstrafgesetz ist von Desertion die Rede. (Das deutsche Wehrgesetz hilft uns hier nicht viel weiter, denn es kennt nur den Tatbestand der Fahnenflucht.) Ich würde deshalb empfehlen, die gebräuchlichere Variante Desertion zu verwenden.

Dem Begriff Desertation begegnet man gelegentlich auch in der Erdkunde. Dort wird er mit der Bedeutung Wüstenbildung verwendet. Gebräuchlicher ist allerdings auch dort ein anderes Wort, nämlich Desertifikation, womit in der Regel durch menschliches Handeln verursachte Wüstenbildung gemeint ist. Daneben gibt es auch die natürliche Wüstenbildung, die – um es so richtig schön komplex zu machen – manchmal Desertation oder Desertion genannt wird.

Als Nicht-Erdkundler ist es mir leider nicht gelungen, genau herauszufinden, wer welchen Begriff für welche Art der Wüstenbildung verwendet. Das ist hier auch nicht so wichtig, denn bei Ihrer Frage ging es ja um die Fahnenflucht, also die Desertion (o. Desertation), die man wohl in keinem Zusammenhang mit der Wüstenbildung verwechseln kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp