Einer Sache abgewandt oder von einer Sache abgewandt?

Frage

Man kann zwar zum Beispiel einem Plan oder dem Alkohol zugeneigt oder abgeneigt sein, aber doch nur der Zukunft zugewandt und nicht entsprechend der Zukunft abgewandt, wie ich es in einer Zeitung las („Konservativ und der Zukunft abgewandt. Wie die Alten die Wahl entscheiden“). Müsste es nicht heißen „von der Zukunft abgewandt“, also „Konservativ und von der Zukunft abgewandt“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

standardsprachlich üblich ist gemäß den Wörterbüchern:

sich jemandem/einer Sache zuwenden
sich von jemandem/einer Sache abwenden

Entsprechend heißt es auch:

der Zukunft zugewandt sein
von der Zukunft abgewandt sein

dem Leben zugewandt
vom Leben abgewandt

die dem Wind zugewandte Seite
die vom Wind abgewandte Seite

Aber: Formulierungen ohne „von“ kommen auch bei „abgewandt“ recht häufig vor, wahrscheinlich in Analogie zur Formulierung mit „zugewandt“. Es gibt Buchtitel wie „Und der Zukunft abgewandt“ und Lexikoneinträge, in denen „Lee“ als „die dem Wind abgewandte Seite“ definiert wird.

Auch wenn ich nur „von einer Sache abgewandt“ für empfehlenswert halte, würde ich  Formulierungen ohne „von“ deshalb dennoch nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen. Man muss dann davon ausgehen, dass sich „abgewandt“ so weit verselbstständigt hat, dass es mit einer anderen Konstruktion verwendet werden kann, als das ihm zugrunde liegende Verb. Doch wie gesagt, ich halte „von der Zukunft abgewandt“ für besser – allerdings nur die Formulierung mit „von“, nicht die Geisteshaltung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hamburg ist allein sächlich

Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es, meist ganz ohne nachzudenken, richtig. Wer Deutsch lernen muss oder sich zu sehr von anderen Sprachen beeinflussen lässt, liegt manchmal daneben: Ortsnamen sind sächlich, nicht weiblich.

Frage

können Sie mir bitte mitteilen, wie die folgenden Sätze korrekt lauten?

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ortsnamen, die man in der Regel ohne Artikel verwendet, sind sächlich (vgl. hier).  Es heißt zum Beispiel:

das neue Berlin
ihr schönes Granada
das Italien seiner Kindheit
Norwegen und seine Fjorde
Hamburg und seine Häfen
Hamburg ist groß. Es ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Richtig ist also auch:

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es ist auch eine alte Stadt.

Anders sieht es aus, wenn die Ortsbezeichnung nicht allein steht, sondern Apposition (nähere Bestimmung zu einem anderen Substantiv) ist. Dann stimmen Artikel und Verweiswörter mit dem Kern der Wortgruppe überein:

die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Häfen
Die Stadt Hamburg ist groß. Sie ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Kurzum: Wie alle anderen im Prinzip artikellosen Ortsnamen ist Hamburg allein stehend sächlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Ortsnamen, die immer mit Artikel stehen, das Geschlecht haben, das der Artikel angibt:

die Schweiz und ihre Nachbarn
Die Türkei, sie ist …
der Jemen und seine Bevölkerung
Der Irak, er ist …

Faradaykäfig, Pfizervakzin, Matthäuspassion und Gangesdelta – oder doch mit Bindestrich?

Bei der Schreibung von Zusammensetzungen, die einen Eigennamen enthalten, tun sich manche manchmal schwer. Sie ist immer wieder Thema Ihrer Fragen. Dabei ist es gar nicht so kompliziert: Eigennamen werden in Zusammensetzungen gleich behandelt wie „gewöhnliche“ Substantive – außer dass man großzügiger mit Bindestrichen umgehen kann.

Frage

Beim Korrekturlesen […] habe ich bei einigen zusammengesetzten Begriffen Zweifel. Es ist doch zulässig, „Faraday-Käfig“ und „Boltzmann-Konstante“ zu schreiben? Wenn der Bindestrich auch zulässig ist, frage ich Sie, ob es davon Ausnahmen gibt, also ob der Bindestrich irgendwann wegfällt. Schreibt man „Stirlingmotor“ oder „Stirling-Motor“, „Hallsonde“ oder „Hall-Sonde“, „Lorentzkraft“ oder „Lorentz-Kraft“?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

bei Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann immer zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben werden:

Faradaykäfig / Faraday-Käfig
Boltzmannkonstante / Boltzmann-Konstante
Stirlingmotor / Stirling-Motor
Hallsonde / Hall-Sonde
Lorentzkraft / Lorentz-Kraft
Pfizervakzin / Pfizer-Vakzin
Matthäuspassion / Matthäus-Passion
Pyrenäenhalbinsel / Pyrenäen-Halbinsel
Gangesdelta / Ganges-Delta

Was üblich oder üblicher ist, hängt zum Teil von der jeweiligen Fachsprache ab. Richtig ist immer beides. Siehe auch § 51 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort wird gesagt, dass in Fällen wie diesen ein Bindestrich gesetzt werden kann.

Das Gesagte gilt auch, wenn die Zusammensetzung ein Adjektiv ist. Zu beachten ist nur, dass der Eigenname bei Zusammenschreibung einen kleinen Anfangsbuchstaben erhält:

chinakritische / China-kritische Kommentare
italienbegeisterte / Italien-begeisterte Touristen
trumpfeindliche / Trump-feindliche Kongressabgeordnete
castrotreue / Castro-treue Milizen

Die Zusammenschreibung ist dann nicht mehr möglich, wenn der erste Teil der Zusammensetzung ein mehrteiliger Name ist oder aus mehr als einem Namen besteht. Dann kommt wie bei „gewöhnlichen“ Zusammensetzungen mit Wortgruppen oder Aneinanderreihungen nur noch die Schreibung mit Bindestrich in Frage:

die Stefan-Boltzmann-Konstante
der Hale-Bopp-Komet
das Pfizer-Biontech-Vakzin
das Ganges-Brahmaputra-Delta
die Fidel-Castro-treuen Milizen

Es ist, wie gesagt, gar nicht so kompliziert. Man muss nur wissen, wie’s geht. Vielleicht werden viele etwas unsicher, weil Begriffe dieser Art häufig in Fachsprachen vorkommen und dort immer wieder die englische Schreibweise „dazwischenfunkt“. Ich habe diese Frage deshalb vor gut fünf Jahren schon einmal behandelt und werde sie vielleicht in gut fünf Jahren noch einmal erwähnen. Hiermit sind Dr.-Bopp-treue Leser und Leserinnen, soweit es sie gibt, vorgewarnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was für ein Akkusativ steht in „einen Meter fünfzig groß“?

Frage

Nicht umsonst heißt es: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. […] Ich bin durch Zufall auf Ihre Seite aufmerksam geworden und hoffe, dass Sie Licht ins Dunkel bringen können. Es geht um folgenden Satz:

Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß.

Ist dieses „einen Meter fünfzig groß“ ein Akkusativobjekt, ein Akkusativadverb oder beides?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

in „Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß“ ist die Angabe „einen Meter fünfzig“ eine Adverbialbestimmung im Akkusativ, auch Adverbialakkusativ oder adverbialer Akkusativ genannt. Es ist kein Akkusativobjekt. Das kann man zum Beispiel dann sehen, wenn man den Satz in seine Satzteile zerlegt:

Mein Bruder = Subjekt
ist = Kopulaverb
einen Meter fünfzig groß = Prädikativ

Das Prädikativ ist hier eine Adjektivgruppe. Sie besteht aus dem Kern „groß“ und dem Attribut „einen Meter fünfzig“. Das Attribut, das „groß“ näher bestimmt („wie groß?“), ist ein Adverbialakkusativ.

Diese Art von Adjektivgruppen kommt bei Maßangaben u. Ä. vor:

einen Kilometer lang
einen Zentner schwer
einen Monat alt

Siehe auch hier und hier.

In der Beschreibung des einen Meter fünfzig großen Bruders steht also ein adverbialer Akkusativ. Das gilt auch für die Angaben „11 Jahre alt“ oder „42 Kilo schwer“. Nur sieht man ihnen wie den meisten Maßangaben dieser Art den Akkusativ gar nicht an, weil er sich nicht vom Nominativ unterscheidet. Vielleicht sind die Adverbialakkusative deshalb nicht so bekannt, obwohl sie relativ häufig vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anrufen und telefonieren

Frage

Ich habe folgende Fragen: Ist „telefonieren“ ein transitives oder ein intransitives Verb? Wenn es intransitiv ist, gibt es eine Erklärung dafür, weshalb das Verb „anrufen“ transitiv, aber das Verb „telefonieren“ intransitiv ist?

Antwort

Standardsprachlich ist „anrufen“ transitiv und „telefonieren“ intransitiv. Die beiden Verben haben nicht ganz dieselbe Bedeutung und drücken dies mit unterschiedlichen Konstruktionen aus:

jemanden anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe ihn schon dreimal angerufen.

mit jemandem telefonieren
[= sich telefonisch mit jemandem unterhalten)
Ich habe eine halbe Stunde mit ihm telefoniert.

Man kann den Unterschied in Bedeutung und Konstruktion zwischen „jemanden anrufen“ und „mit jemandem telefonieren“ mit dem Unterschied zwischen transitivem „jemanden ansprechen“ und intransitivem „mit jemandem sprechen“ vergleichen.

In der schweizerischen Umgangssprache (und z. T. auch anderswo) wird die Sache etwas komplizierter, denn dort gibt es daneben auch noch diese Konstruktionen:

jemandem anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe gestern meinem Cousin angerufen.

jemandem telefonieren
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Er hielt an und telefonierte der Polizei.

Während man der Konstruktion „jemandem telefonieren“ auch in der schweizerischen Standardsprache begegnen kann, ist „jemandem anrufen“ wirklich nur umgangssprachlich. Auch in der schweizerischen Variante des Standarddeutschen ist im Allgemeinen nur „jemanden anrufen“ üblich (vgl. hier).

Sonst gilt die Verwendung von „anrufen“ und „telefonieren“ mit einem Dativobjekt standardsprachlich als nicht korrekt. Ganz unvereinbar sind „anrufen“ und der Dativ allerdings nicht. Man kann nämlich „bei jemandem anrufen“. Dieser Dativ wird aber nicht von „anrufen“, sondern von „bei“ gefordert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Graduierend oder verstärkend: hoch ansteckend oder hochansteckend?

Frage

Ich streite gerade mit einem Kollegen, und deshalb brauchen wir eine dritte Meinung. Es geht um das Wort „hochansteckend“ (ist ja gerade sehr aktuell, um nicht zu sagen hochaktuell). Er würde es „auf jeden Fall“ zusammenschreiben, weil es dasselbe bedeute wie „hochinfektiös“ […] Ich würde aber „hoch ansteckend“ eher mit solchen Wörtern wie „hoch verzinst“, „hoch kompliziert“ vergleichen und getrennt schreiben. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diesen Streit kann ich nicht eindeutig schlichten. Verbindungen von „hoch“ mit Adjektiven und Partizipien sind nämlich ein schwieriges Kapitel, wenn es um die Getrennt- und Zusammenschreibung geht. Für mich liegt die Hauptschwierigkeit in der Unterscheidung zwischen:

a) einer  „graduierenden Bestimmung“, bei der getrennt oder zusammengeschrieben werden kann [amtl. Rechtschreibregelung § 36(2.2); allgemein gültig/allgemeingültig, eng verwandt/engverwandt, schwer verständlich/schwerverständlich, schwer krank/schwerkrank]

b) einem „bedeutungsverstärkenden Bestandteil“, bei dem zusammengeschrieben wird [amtl. Rechtschreibregelung § 36(1.5); bitter- (bitterböse, bitterernst, bitterkalt), brand-, dunkel-, erz-, extra-, früh-, gemein-, grund-, hyper-, lau-, minder-, stock-, super-, tod-, ultra-, ur-, voll-].

Dann gibt es auch noch:

c) die Regel für Verbindungen mit Partizipien, nach der getrennt oder zusammengeschrieben werden kann [§ 36(2.1); die Rat suchenden/ratsuchenden Bürger, eine allein erziehende/alleinerziehende Mutter; ein klein geschnittenes/kleingeschnittenes Radieschen, selbst gebackene/selbstgebackene Kekse]

Für das Wort „hoch“ gibt die Wörterliste, die zur Rechtschreibregelung gehört, die folgenden Beispiele an:

a) hochbegabt, hoch begabt; hochkompliziert, hoch kompliziert …
b) hochaktuell, hochberühmt, hochbrisant, hochempfindlich, hochgiftig …
c) hoch dotiert, hochdotiert; hoch industrialisiert, hochindustrialisiert; hoch verschuldet, hochverschuldet … 

Ich werde daraus, ehrlich gesagt, nicht wirklich klug. Wo genau liegt zum Beispiel die Grenze zwischen „graduierend“ und „bedeutungsverstärkend“? Mir hilft häufig die Betonung: Wenn man „hoch“ und das Adjektiv resp. Partizip ungefähr gleich stark betonen kann, kann getrennt geschrieben werden. Wenn die Hauptbetonung auf „hoch“ liegt, wird zusammengeschrieben. In Zweifelsfällen gilt: am besten zusammenschreiben.

Für Ihren Fall heißt das, dass sowieso zusammengeschrieben werden kann, denn das ist in allen drei Fällen möglich. Ich halte aber auch die Getrenntschreibung für vertretbar, einerseits wegen c), andererseits aber auch, weil die fragliche Verbindung unter a) fallen kann:

hochansteckend = äußerst ansteckend; in hohem Grad ansteckend
hoch ansteckend = in hohem Grad ansteckend

Das gilt meiner Meinung nach auch in Verbindung mit „infektiös“, auch wenn ich vermute, dass hier nicht alle einverstanden sind:

hochinfektiös = äußerst infektiös; in hohem Grad infektiös
hoch infektiös = in hohem Grad infektiös

Ganz egal ob hoch ansteckend oder hochansteckend: Mögen Impfungen, angemessene Vorsicht, warmes Sommerwetter und daneben, wo nötig, eine zünftige Portion kollektives Glück dazu beitragen, dass die Ansteckungsgefahr weicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieferung von 10 Stück Rollgitter[n]?

Frage

Bei uns ist ein Streit entbrannt, den wir nicht zu lösen vermögen. Wir haben die „Lieferung von zwei Stück Rollgittern“ ausgeschrieben. Die ausschreibende Stelle behauptet aber Stein und Bein, dass hier […] „Lieferung von 2 Stück Rollgitter“ stehen müsse.

Davon abgesehen, dass „Stück“ hier unnötigerweise verwendet wird, empfinden wir die Lösung mit dem Dativ intuitiv als die korrekte. Stimmt das, und wie könnte man das begründen?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

nach der Mengeneinheit „Stück“ wird das Gezählte in der Regel als Apposition mit Kasusangleichung verwendet. Das heißt im Klartext, dass das Gezählte im gleichen Fall steht wie „Stück“. In Ihrem Beispiel ist dies der Dativ, den „von“ fordert:

Lieferung von zwei Stück Rollgittern
Lieferung von zwei Stück verzinkten Rollgittern

ABER: Die Formulierung ohne Kasusangleichung kommt hier auch recht häufig vor. Das Gezählte steht dann im Nominativ:

Lieferung von zwei Stück Rollgitter
Lieferung von zwei Stück verzinkte Rollgitter

Ich halte den Dativ hier für besser, aber der Nominativ kann nicht als falsch bezeichnet werden. So gesehen haben bei Ihnen also alle recht.

Noch besser ist es aber tatsächlich, hier „Stück“ gar nicht zu verwenden:

Lieferung von zwei Rollgittern
Lieferung von zwei verzinkten Rollgittern

Als Mengeneinheit ist „Stück“ vor allem in direkter Verbindung mit Nichtzählbarem (Stoffbezeichnungen) sinnvoll:

zwei Stück Seife
ein Stück Zucker
drei Stück Kuchen

Bei Zählbarem (Einzelstücken) ist „Stück“ überflüssig, außer wenn man in Tabellen auf Biegen und Brechen eine Maßeinheit angeben muss.

Rollgitter: 2 Stück
Elektrofahrzeuge: 10 Stück
Schutzmasken: 50 Stück

Die Kombination von „Stück“ mit zählbaren Einheiten findet sich vor allem dort häufig, wo mit Bestell- und Lieferlisten gearbeitet wird. Aber auch dort geht es meist eleganter und ebenso deutlich ohne die Angabe „Stück“:

2 Stück Rollgitter = 2 Rollgitter
10 Stück Elektrofahrzeuge = 10 Elektrofahrzeuge
50 Stück Schutzmasken = 50 Schutzmasken

Den Unterschied zwischen Nichtzählbarem und Zählbarem sieht man übrigens bei zum Beispiel „zwei Stück Kuchen“ gut: Gemeint sind nicht zwei ganze Kuchen (Einzelstücke), sondern zwei Stücke der Gebäckart Kuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragen aller Art[en]?

Frage

So einfach wie die Frage daherkommt, so wenig weiß ich die Antwort: Wir sagen im Deutschen „Er nutzt Medien aller Art“, „Er liest Geschichten aller Art“, aber nie bzw. sehr selten „Medien aller Arten“, „Geschichten aller Arten“. Können Sie den Unterschied erklären?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Antwort ist nicht so einfach, weil sich hier keine eindeutige Regel zitieren lässt. Richtig ist hier vor allem, was gebräuchlich ist.

Im Allgemeinen gilt:

  • Wenn „all…“ jedes Individuum oder jedes Element einer bestimmten Gruppe/Anzahl/usw. bezeichnet, steht der Plural:

alle Passagiere
alle Buntstifte
alle Erwartungen
alle Arten von Geschichten

  • Wenn „all…“ etwas in seiner Gesamtheit bezeichnet, steht der Singular:

alles Geld
alles Gute
mit aller Kraft
alles Reden hilft nichts

Das würde dafür sprechen, dass es „Medien aller Arten“ oder „Geschichten aller Arten“ heißen müsste. Es geht ja nicht um eine Art in ihrer Gesamtheit, sondern um jede mögliche Art. Dennoch ist hier der Singular üblich. Warum?

Es gibt Ausnahmen zur genannten Unterscheidung zwischen

  • jedes Element → „all“ mit Plural
  • Gesamtheit → „all“ mit Singular

Dabei handelt es sich um feste Wendungen, die zum Teil auf einen älteren Sprachgebrauch zurückgehen. Dann wird „aller/alle/alles“ wie „jeder/jede/jedes“ im Singular verwendet:

Geschichten aller Art
auf alle Weise
Aller Anfang ist schwer

Theoretisch kann auch auf die sonst übliche Weise formuliert werden:

Geschichten aller Arten
auf alle Weisen
Alle Anfänge sind schwer

Das ist aber nicht gebräuchlich, weil man hier die bekannten festen Wendungen vorzieht. Ich versuche alle Arten von Sprachfragen zu beantworten – oder mit der festen Wendung ausgedrückt: Sprachfragen aller Art.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die möglichst geringsten Nebenwirkungen?

Frage

Jemand hat folgende Frage gestellt: „Mit welchem Impfstoff kann ich mich impfen lassen, um die möglichst geringsten Nebenwirkungen zu bekommen?“

Diese Frage hat mir sehr zu schaffen gemacht, aber nicht etwa, weil Impfstoffe gerade jetzt ein heikles Thema darstellen, sondern weil sich die Formulierung „möglichst geringst“ verdächtig so anhört, als wäre es ein doppelter Superlativ. Stimmt das? Wie hätte der Fragesteller die Frage besser — oder wenigstens anders — ausdrücken können?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Formulierung „die möglichst geringsten“ ist tatsächlich ein doppelter Superlativ, der vermieden werden sollte (vgl. hier). Besser sind Formulierungen wie diese mit nur einer Form im Superlativ:

um möglichst geringe Nebenwirkungen zu riskieren
um die geringstmöglichen Nebenwirkungen zu riskieren

Ich bin übrigens heute Morgen zum zweiten Mal geimpft worden. Die Nebenwirkungen beschränken sich bei mir zurzeit auf einen leicht schmerzhaften Punkt an der Impfstelle am Oberarm – vor allem wenn ich darauf drücke. So wie es aussieht, muss ich nur die geringstmöglichen Nebenwirkungen „ertragen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Urlaub in Urlaub fahren

Frage

Immer wieder sehe ich die beiden Varianten „Wohin fährst Du in den Urlaub?“ und „Wohin fährst Du im Urlaub?“. Die Antwort ist klar mit Akkusativ: „ans Meer“, „in die Berge“ usw. Könnten Sie mit den Unterschied erklären oder ist eine Version falsch?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

auch wenn einige meinen, „im Urlaub“ sei hier falsch, sind beide Versionen als richtig anzusehen. Es gibt aber einen leichten Bedeutungsunterschied:

Die Formulierungen „in (den) Urlaub fahren“ ist eine feste Wendung. Sie drückt aus, dass jemand sich für den Urlaub irgendwohin begibt:

Wohin fährst du in den Urlaub? (= Was ist dein Urlaubsziel?)
Ich fahre in die Eifel in den Urlaub.
irgendwohin in (den) Urlaub fahren

Die Formulierung „im Urlaub“ ist eine Zeitangabe (wann?). Man gibt an, dass etwas während des Urlaubs geschieht.

Wohin fährst du im Urlaub? (= Wohin fährst du während des Urlaubs?)
Ich fahre im Urlaub in die Eifel.
im Urlaub irgendwohin fahren

Vgl.

Was machst du im Urlaub?
Ich bleibe im Urlaub zu Hause.

Bei der Angabe des Urlaubsziels ist „irgendwohin in (den) Urlaub fahren/gehen/reisen“ üblich. Wenn man angibt, was man während seines Urlaubs (unter anderem) tut, ist aber auch „im Urlaub irgendwohin fahren“ möglich. Dasselbe gilt für „irgendwohin in die Ferien fahren“ und „in den Ferien irgendwohin fahren“, wenn Sie aus einer  Sprachregion kommen, in denen man in solchen Fällen eher „Ferien“ als „Urlaub“ sagt.

Mögen wir bald wieder im Urlaub überallhin in Urlaub fahren können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp